Das Licht in der Dunkelheit
Die Wochen - oder waren es Monate, Jahre? - vergingen wie eine Schnur, die in die Tiefe führt. Faden für Faden wurde das Leben dunkler, schwerer - lautloser. Es wurde eine Abfolge von Dingen, die sich immer und immer wiederholten, bis diese vollkommen ihre Bedeutung verloren. Erwachen wurde zu einem Kraftakt, sich aufzusetzen zu einem Kampf gegen den eigenen Körper. Die Augen nahmen die Tageszeiten zwar noch wahr, aber sie weigerten sich, ihnen noch länger Aufmerksamkeit zu schenken, so blieben sie immerzu müde.
Isabelle verfiel in eine Art von apathischer Selbstaufgabe, die sie mit Geschichten füllte, die A angestrengt ignorieren musste, um nicht verrückt zu werden. Dabei flocht das hagere Mädchen ihre Haare jedes Mal zu einem dicken, farblosen Tau. War das letzte, fürchterliche Wort gesagt, sank sie zurück in ihr Kissen und ribbelte den Zopf wieder auf, um von vorn zu beginnen. Oft raubte sie Anevay damit nicht nur den Schlaf sondern vielmehr alle Hoffnung, die sie sich so verzweifelt zu bewahren versuchte.
So gab es das Schlurfen, wie A es innerlich nannte. Es war die kurze Spanne von der versiegelten Zelle bis in den Speisesaal. Umgeben vom schwarzen Glas wirkten die Tunnel wie die Schächte eines verlassenen Bergwerks. Es folgten Menschen mit stumpfen, abweisenden Mienen, eine Kelle Reis auf den Teller, geh weiter Kind. Löffel rein, Löffel hoch, zum Mund. Du musst essen! Ein Seitenblick in die verrotteten Gesichter und die gewölbte Decke stürzte über einem ein. Manchmal zitterten Anevays Lippen danach, so sehr, als wollten alle Tränen, die sie in sich trug, gleichzeitig aus ihr hinaus. Dann verharrte der Löffel vor ihr, wollte nicht in ihren Mund, sondern geschliffen werden, zustoßen. Frei sein!
Doch waren all diese Gedanken aus Glas.
Manchmal, wenn sie glaubte, nur ihre Ohren würden es hören, weinte sie so heftig, dass sie erschrocken die Hand vor den Mund presste. Dann war jeder Atemzug nur noch eben dieser eine Faden zu dem man sank, nicht mehr jener, an dem man sich ebenso emporziehen konnte.
Heimweh überfiel sie, so klar, dass sie glaubte, rennen zu können. Doch endeten ihre wilden Schritte an ein und dem selben Ort. Kalt, dunkel und unüberwindbar.
Nicht einmal die Waschung munterte sie noch auf, die alle im Abstand von einigen Tagen absolvieren mussten. Früher hatte sie dabei in Gedanken schwimmen können, jetzt nicht mehr.
Anevay verwahrloste, sie verlor bedenklich an Gewicht, als würde die Nahrung, die sie sich zwang zu essen, nur aus grauem Staub bestehen. Nachts fror sie, klammerte sich an sich selbst und horchte Isabelles Wimmern.
Irgendwann stand dieses blasse Etwas nachts vor ihrem Bett, schlotterte von den Haaren bis zu den nackten Zehen. Anevay ließ sie unter ihre Decke und so klammerten sie sich zu zweit aneinander, bis ihre Körper so entkräftet waren, dass selbst das Zittern müde wurde und der Schlaf sie für ein paar Stunden erlöste. Dort träumte A von Dunkelheit. Dichter, verwobener Dunkelheit, die ihr in die Haare kroch und begann ihre Knochen auszuhöhlen, um darin zu wohnen.
In unregelmäßigen Abständen brachte man sie zu Mrs Redbliss, die immer freundlich war. Anevay saß da wie ein Häufchen Elend auf dem Stuhl vor dem großen Schreibtisch, hatte aber auf die vielen Fragen keine neuen Antworten. Im Gegenteil, es schien fast, als würde sie sich kaum noch an das Mädchen erinnern, das ihr Vater immer so liebevoll A genannt hatte. ›Papa?‹ Häufig blinzelte sie verwirrt, zog die Stirn kraus, kniff die Augen zusammen, aber es glitten immer mehr Bilder hinweg. Ein Schiff, das langsam unterging. Sie entschuldigte sich, doch Mrs Redbliss schien Verständnis dafür zu haben, ja, sie wirkte sogar erleichtert, lobte, dass sie Fortschritte mache. Es sei der Weg in ein neues, unbelastetes Leben. Anevay verstand das nicht, aber sie nickte dankbar.
Danach durfte sie mit einigen anderen im Speisesaal Watte in die Bäuche von leeren Puppen stopfen. Still war es während der Arbeit. Fingermann saß auf einem Hocker, musterte sie mit schläfrigen Augen, doch wenn er Anevay ansah, dann blinkte etwas Wartendes in seinen Pupillen auf, das ihr Angst machte. Sie verbarg sich hinter ihrem Haar, in dem die Dunkelheit träge aber stetig in sie kroch. A war froh, dass man ihr das Haar gelassen hatte, denn verstieß man drei Mal gegen die Regeln des Hauses, so wurde es einem weggeschoren. Dann war man gar nichts mehr, dann war man eine tote Puppe mit Watte im Bauch. Sie wollte keine Puppe sein, niemals. Als sie ihre Hände dabei beobachtete, wie diese scheinbar ohne eigenen Willen taten, was ihnen aufgetragen worden war zu tun, da begriff sie, dass sie eines nicht vergessen durfte, um keinen Schmerz auf der Welt: Sie durfte ihren Namen nicht vergessen! Nicht Anevay, das war der Name, den ihr Vater ihr gegeben hatte. Nein, sie musste den Anfangsbuchstaben dieses Namens an sich drücken so fest sie nur konnte. A! Sie konnte sich an die Zeremonie nicht erinnern, oder an alles andere, aber sie wusste, dass sie keinen Wegnamen bekommen hatte. Sie war frei! Sie war wild. Ihre Hand hielt inne, ihr Herz wummerte. Begriff sie es denn nicht? Sie war weglos, kein vorgeschriebener Pfad, dem sie folgen musste, nur weites, unberührtes Land. FREI!
Isabelle, Redbliss, sogar Fingermann. Namen, das waren Gitter, Zäune, Gefängnisse, in Tinte getauchte Watte in einem leeren Bauch.
Sie lächelte und zum ersten Mal seit Monaten war es ein wirkliches Lächeln.
Danach war sie nicht mehr allein. Sie hatte einen Verbündeten - sich selbst. Jede Nacht hob sie die zerschlissene Wolldecke, um Isabelle Obdach zu geben, jede Nacht träumte sie von schwarzen Knochen und hieß die Finsternis willkommen. Sie sagte ihren unvollständigen Namen in Gedanken, A, umrankte diesen einsamen Buchstaben mit wunderschönen Blumen, legte ihn behutsam nieder auf Moos, so weich wie Wolken. Schrieb ihn mit federleichten Schwüngen in den Wüstensand. Alles war gut.
Bis zu jenem Tag, an dem ein Licht in die Dunkelheit brach, so hell, dass die Vergangenheit darin verbrannte. Ein einfaches Glas Wasser war nicht das, was es sein sollte. Sie hatte Durst, das Essen war versalzen gewesen, doch seltsamerweise war Anevays Becher leer. Sie bemerkte den nassen Fleck auf der Wolldecke nicht. Isabelle gab ihr ihren. Und Anevay trank davon.
Es dauerte, bis sie die Wirkung spürte, doch dann erkannte sie es daran, dass ihr Kissen Mund und Zähne bekam und anfing ein schmutziges Lied zu singen. Ihre Gedanken wurden zähflüssig. Der Raum bekam Schlagseite und an den schwarzen Glaswänden öffneten sich tausende Augen, die zwinkerten und mit den Pupillen rollten, als wären sie toll geworden. A probierte auf die Beine zu kommen, doch als sie die Füße mühsam über die Bettkante hievte, fiel der Boden wie ein Fahrstuhl nach unten und schrie dabei. A versuchte Isabelle zu fixieren, aber ihr Körper waberte herum, als schwebe er unter Wasser, die Konturen lösten sich auf, nur um an einer anderen Stelle wieder ineinander zu fließen.
»Was … hast … du … getan?«, lallte Anevay, die Zunge so schwer wie ein Fels.
Sie hörte die Glastür nicht, erfasste nicht den Schattenriss darin. Sie wurde einfach aus dem Bett gerissen.
Isabelle schrie erschrocken, doch ein harter Schlag stieß ihr Gesicht zurück in das Kissen. A fühlte die Angst dahinter wie einen uralten Raum. Dann wurde sie selbst geschlagen, auf die Schulter, gegen die Hüfte.
»Hoch mit dir, Miststück!« Die Worte wie Splitter in ihren Ohren. Ein Gewitterblitz erhellte den Raum, ließ vage Konturen zu: Fingermann, der mit einem Stock über ihr fuchtelte. Er wollte jede Sekunde. Er wälzte sich darin. Sogar als er zuschlug. Eine hohle Stimme jaulte:»Ich hab es ihr doch längst ins Wasser getan! Sie wird nicht kämpfen, so lasst sie doch.«
Den nächsten Schlag wehrte A gerade noch ab. Sie kreuzte die Arme über ihrem Gesicht. Plötzlich war sie furchtbar leer. Das lackierte Holz streifte ihre Lippen, schrammte über ihre Schneidezähne, drängte sich in ihren Mund. Sie fauchte, doch nur ganz leise.
»Ich will sie in einem Stück, Fingermann! Was ist das nur zwischen euch beiden, hm? Woher dieser Hass?« Der Winter betrat den Raum. Seine Flocken schwebten zu ihr. Neben ihm tanzte plötzlich Isabelle einen einsamen Tanz. Ihr Haar tobte, doch ihre Augen blieben starr. Dann stand sie schräg im Raum, oder war der Boden wieder schief? Ein Schlag aus dem Handgelenk, siebenundzwanzig Knochen in Wut gehüllt.
Anevays Gedanken wurden schwer. Sie kippten in einen See aus altem Gras. Die Worte kamen nun ganz langsam zu ihr, so als müssten sie ihre eigenen Silben überwinden.
»Nimm die andere auch mit, der Kunde hat ausdrücklich blonde Haare verlangt.«
War da ein Schrei neben ihr? Ein kraftloses Nein!? A bäumte sich auf, doch ihr Körper schwirrte davon. Ihre Hand schrammte etwas, das rau war und nach dicken Haaren roch. Erhitzte Worte trafen sie, wollten mehr von ihr. ›Ich mag es, wenn du dich wehrst.‹ Sie lachte. Was für ein verrückter Traum. Warum aber schmeckte das Blut in ihrem Mund so nah? Als würde es zu ihr gehören. ›Hey, geh da weg, du dunkle Schneeflocke. Ich mag dich nicht! Hast du gewusst, dass sie mir keinen Wegnamen gegeben haben? Kein Name! Nicht für mich.‹
Keinen Namen zu haben hatte einen bizarren Vorteil. Man bezog die Taten, die man tun musste, nicht auf sich, sondern auf eine Bezeichnung, auf etwas Unfertiges. Etwas, das man jederzeit ändern konnte, sollte man dazu gezwungen sein.
So glitt jede Schandtat davon ab, weil sie niemanden betraf, den man näher kannte. All das war nur eine Notwendigkeit. Und manchmal half es, etwas zu überleben, das nicht zum Überleben gedacht war.
Zuallererst nahmen sie ihr die Haare. A brüllte und schlug um sich, aber das hämische Gelächter über ihrem Kopf war so amüsiert davon, dass sie schließlich stillhielt. Strähne um Strähne fiel von ihr ab. Kälte setzte sich auf ihre Haut. Sie weinte.
Jetzt griff sie um ihren ersten Buchstaben wie ein verwundetes Tier, das nur noch existieren wollte.
Sie trugen sie. Steine öffneten steinerne Münder, konnten flüstern, drehten sich um sich selbst. Treppen? Ein Turm? Oder ein endloser Lauf um das eigene Ich?!
»Wie lang ist die olle Redbliss denn fort, Mr LaRue?» Ein Schlüsselbund klapperte, eine Tür quietschte.
»Lange genug, Männer«, freuten sich die Winterworte. A wollte ihnen wehtun, aber sie versackte im Schlamm, zähem, saugendem Schlamm.
Sie wurde auf etwas geworfen, das hart gegen ihren Rücken prallte. Es war kalt, das konnte sie noch wahrnehmen, dann war Schluss mit der Gegenwehr.
»So, Männer, kleine Pause, dann fangen wir an.«
Die Augen in völliger Finsternis zu öffnen, war beängstigend, sich dabei nicht mehr bewegen zu können, war ein Albtraum. Anevay hörte ein Tropfen gleich hinter ihrem Kopf, das stetige hohle Flupp, wenn ein Wasserhahn nicht richtig zugedreht war. Sie war allein, das wenigstens konnte sie riechen.
Ihr keuchender Atem klang nah, eingesperrt, also war der Raum nicht besonders groß. Er überschnitt sich sogar, also war der Raum rund! Ein Turmzimmer? In einem von den beiden Türmen, die sie gesehen hatte, als man sie hergebracht hatte?
Sie lag auf einem Tisch, den man schräg nach hinten gekippt hatte. Der Kälte und Härte nach zu urteilen, die durch ihre Anstaltskleidung drang, war er aus Metall. Sie versuchte die Hände zu bewegen, doch die waren ebenso festgebunden, wie ihre Füße. Außerdem waren da - sie zählte - sechs weitere Riemen über ihrem Körper. Schienbein, Oberschenkel, Hüfte, Bauch, Brustkorb und Hals. Alle mindestens so breit wie ihre Hand. LaRue wollte wohl kein Risiko mehr eingehen, wie es schien.
Wind heulte draußen vor den Mauern, sie hörte das gedämpfte Krachen von Donner. Blitze drangen durch zugenagelte Fensterritzen und tauchten den runden Raum für Bruchteile von Sekunden in ein Kabinett des Grauens. Aus den Augenwinkeln sah Anevay tadellose Maschinen dort im längst vergessenen Dreck stehen. Verblichene Zeitungen huschten über den Boden, da waren Kisten, Stapel von alter, mottenzerfressener, grauer Anstaltskleidung. Schimmel an den Wänden. Das Herz ihrer Vergangenheit begann gegen diese Vorahnung anzurennen, wollte davonlaufen.
Plötzlich fingen all die Maschinen an zu summen, getrübtes Licht ging an und ein Schatten erhob sich zwischen zwei anderen Schatten. Die Schritte waren leicht versetzt. LaRue!
»Vor vielen Jahren, als der Krieg noch tobte, da hat man noch nach Antworten gesucht, weißt du. Damals waren beide Seiten nicht gerade zimperlich, wenn es darum ging, die Wahrheit zu finden. Siedler, Territories. Sie alle wollten nur eines: Die Entschlüsselung der Magie des anderen!» Seine Stimme war leise, erklärend. Noch.
»Unsere Zauberer verschwanden einfach in euren Wäldern, aber wir, wir wollten mehr. Wir brachten jeden Gefangenen hierher, damit ihr endlich euren Mund aufmacht.« Anevay schluckte, das Leder drückte auf ihre Kehle.
»Schwarzes Glas, wie genial, oder? Vielleicht glaubt ihr, der Krieg sei vorüber, alle machen einen Schritt zurück, setzen sich den Heiligenschein eines Kompromisses auf das Haupt. Wir befolgen, was ein paar wirre Trottel, die just die Fahne halten, da eben unterschrieben haben?« Er holte Luft.
»NEIN!« Jetzt war der Winter so nah wie nie zuvor. Anevay schloss die Augen.
»Du hast mich in meinem eigenen Haus angegriffen! Du warst schneller als mein verdammter Kupferwächter, hast wertvolle Gegenstände zerstört. Jetzt muss ich ihn deinetwegen wieder einschmelzen lassen, weißt du eigentlich, wie teuer das ist?«
Ein halbherziger Schlag traf ihr Bein. Anevay presste die Lippen aufeinander. Sie wollte fort von hier, sie musste es, doch wohin?
»Oh, schweigender Stolz also, wie einzigartig! Den hatten wir hier ja schon lange nicht mehr.« Halb Lachen, halb Gewissheit erklangen in LaRues Worten.
»Ihr alle seid gottlose Tiere!« Empört musste er nach Luft schnappen. »Doch genauso werde ich dich jetzt behandeln. Denn ich glaube daran, dass Magie dazu imstande ist, sich zu verstecken. Aber eigentlich will sie nichts anderes, als gefunden werden.«
A riss den Kopf hoch, schnappte nach seinem Hals, zeigte die Zähne, doch sie wurde sofort zurückgezogen - LaRue kicherte.
»Was soll denn das sein? Ein Puma? Ein Dachs? Soll das etwa die baumharte Magie sein, vor der wir kuschen sollen, oder …?« Er ließ den Satz unvollendet, zuckte zusammen. Sein Atem pfiff aus der Nase.
Wilder Donner brach los, das Licht wurde plötzlich heller, sie sah LaRue einen Schalter umlegen.
Anevay versuchte sich loszumachen, aber es gelang ihr nicht. Die Bänder wurden stattdessen immer fester.
»Weißt du, was Elektrizität ist, Anevay?« Sie wollte nicht, dass er diesen Namen gebrauchte, er gehörte ihm nicht, stand ihm nicht zu. LaRue tat nichts anderes damit, als ihn mit seiner Zunge zu ersticken.
»Komischerweise ist der Begriff sogar mit der Magie verbunden. Das alte griechische Wort élektron bedeutet nichts anderes als Bernstein. Genau einer jener Steine, aus denen wir das Pulver herstellen, und den manche Zauberer dazu benutzen, ihre Labyrinthe zu entfachen. Ist das nicht ein heiterer Zufall?« LaRue drückte weiter an Knöpfen und begann dabei ein Lied zu singen, das aus seiner Heimat zu stammen schien. As Vater hatte das auch oft getan, wenn er sich auf etwas konzentrieren musste und gleichzeitig Spaß dabei haben wollte. Von einer Sekunde auf die andere begann A das Singen zu hassen.
»Kleine Menschen machen große Feuer«, flüsterte sie. Den Satz hatte Anevay einmal in einem Lichtspielhaus gehört, als ein Mann empört den Saal verlassen hatte. Zuvor hatte er wütend Richtung Leinwand gespuckt, weil sie es gewagt hatten, einen Bericht über die freien Territorien zu zeigen. Sie hatte den Kerl damals schlagen wollen für soviel Kleingeistigkeit. Die alte Frau, die neben ihr gesessen hatte, hatte den Ausspruch gemurmelt und dabei A angelächelt. Das musste vor hundert Jahren gewesen sein.
LaRue hielt inne, trat zu ihr.
»Was hast du da eben gesagt?« Er hatte einen schwarzen Anzug an, darüber einen ebensolchen Gehrock, sogar die Manschettenknöpfe waren schwarz. Er wollte finster wirken, doch Anevay fand ihn nur noch lächerlich. Die Angst fiel von ihr ab wie Dreck bei einem Regen. Sie sollte hier und heute sterben? Gut. Dann starb sie eben. Immer noch besser, als diesem Wicht weiter zuhören zu müssen.
»Kleine Menschen machen große Feuer.« Ihre Stimme füllte den ganzen Raum. LaRue bebte am ganzen Körper, Zorn in den wässrigen Augen. Er ballte die Fäuste, dann öffnete er sie wieder, drehte sich um und ging. Anevay hörte kurz darauf eine Tür, die aufgeschlossen wurde. Sie quietsche fürchterlich, offenbar war das Zimmer lange Zeit nicht benutzt worden.
»Meine Herren, es ist soweit, wenn sie also dabei sein wollen, dann kommen sie jetzt.« Bei diesen Worten kippte der Tisch in die Waagerechte, so dass A nur noch die Decke sah, der Rest des Raumes drehte sich aus ihrem Blickfeld. Schwere Schritte erklangen, A versuchte sie zu zählen, aber der Donner und der immer heftiger heulende Wind machten das unmöglich. Aber es waren mehrere, da war sie sich sicher. Die Beleuchtung schaltete um auf Rotlicht. Es gab also Zuschauer?!
»Wird das dürre Stinktier auch ordentlich dabei leiden?« Das Lachen. Nicht aus dem Herzen, sondern aus der Kehle. Eine raue Trinkerkehle. Der Name dieser Stimme war eingeritzt in Anevays Muskeln. Sweeny. Die Gasse, das knarrende Leder seines Schlagstocks.
Die Angst war ein wildes, unberechenbares Wesen und manchmal, wenn der Regen sie eben noch fort zu waschen schien, duckte sie sich plötzlich darunter hindurch, biss mit neuer Macht zu und kehrte heftiger zurück als je zuvor. Denn als Anevay die Stimme vernahm, die da sprach, drückte sich, in nur einem Augenblick, jede seitdem vergangene Sekunde - nach dem Sprung aus dem Auto - in ihren Körper wie ein Splitter. Über ihr erschien das Gesicht des Mannes, der sie damals gefunden hatte. Seine Pupillen waren klein, betrunken, sein Bart noch immer ein Gestrüpp aus roher Lust.
»Na, du kleine Gassenhure, erkennst du mich wieder?« A verschmorte seine Seele, seine Haare, sein Ich. Doch nichts geschah.
»Oh, wenn Blicke doch nur töten könnten, was?» Seine derbe Hand glitt über ihre Brust. Sie erschoss, ertränkte, erstach ihn. Sweeny rülpste.
»Wenn der Doktor mit dir fertig ist, dann wirst du sanft wie ein Lamm sein, das verspreche ich dir.«
»Ist das glückliche Wiedersehen endlich beendet, Sweeny? Ich würde sonst gerne beginnen.«
LaRue trat wieder zu ihr, eine Hand voller dünner Schläuche, die mit Kupferdraht umwickelt waren. An den Enden waren kleine, gummiartige Saugnäpfe.
»Es wird zwar etwas wehtun, aber bedenke, es dient auch der Wissenschaft.« Mit dieser Erklärung klebte er mit etwas Spucke, die er an die Ränder des Gummis schmierte, die ersten beiden Saugnäpfe an Anevays Schläfen.
»Warum tun Sie mir das an?« Sie musste einfach fragen. A wollte wissen, warum sie leiden sollte, seltsamerweise war es ihr wichtig. Sie wusste nicht warum oder weshalb, es war einfach eine Frage, auf die sie eine Antwort wollte. LaRue hielt inne, sah ihr in die Augen. Für einen Moment schien er nachdenklich, sogar zögernd. Doch dann schüttelte er den Kopf, als habe ein imaginäres Männchen auf seiner Schulter totalen Blödsinn in sein Ohr gewispert. Er reckte das Kinn, als doziere er vor einem Stück Treibholz.
»Weißt du, was Tradition ist, Anevay?« LaRue schien fast erheitert.
»Eine Methode, um Unsicherheit in eine Mauer aus Dummheit zu verwandeln!?«
»Ahh, ist die Philosophie nicht etwas Wunderbares?« Er klebte zwei weitere Näpfe auf ihre Schlüsselbeine.
»Wer hat dir das denn beigebracht?« Die Frage schien beinahe ehrlich, und so antworte A.
»Mein Vater.«
»Nun, dein Vater, er war wohl ein ebensolcher Wilder wie du! Er hat die Tradition nicht wirklich verstanden, denn sie ist nichts von alldem. Sie ist ein Weg, eine Flagge. Man folgt ihr oder man ist ihr verschworener Feind. Sie ist ein Leuchtturm in der stürmischen See. Und man muss tun, was man tun muss, damit dieses Licht weiter brennt. Sie ist eine Notwendigkeit, ein Anker der Sicherheit, verstehst du?«
Wieder erhob sich ein wolkenumtosender Donner und nur Sekunden später ein zersplitterter Blitz inmitten LaRues Monolog. Seine Worte verloren kurz die Fassung.
Anevay verstand nicht, weil sie versuchte zu begreifen. LaRue heftete die letzten Worte auf sie.
»So, und nun der letzte Kontakt. Viel Spaß.«
A schloss die Augen! Erinnerungen waren da, der alte Gigant fuhr viel zu schnell, das Schloss summte, die Tür entriegelte sich, der Regen war anwesend, alles war wieder wirklich, doch war es ein Weg in die Finsternis!
»Bitte, Sie müssen das nicht tun.« Anevays Einwand erntete nur eine wegwerfende Geste.
»Dafür ist es längst zu spät, Kind. Heute Nacht werde ich beweisen, dass Magie nicht ganz so simpel funktioniert, wie viele denken. Und du wirst mir dabei helfen, ist das nicht wunderbar?!«
›Wenn du in Flammen aufgehen würdest, das wäre wunderbar!‹Anevay behielt diesen Fluch in ihrem Innern. Es hatte keinen Zweck, dieser Mann war nicht aufzuhalten, gar nichts konnte man noch aufhalten.
»Nach dieser Prozedur, ja, da muss ich dir leider die Erinnerung daran nehmen. Mrs Redbliss mag meine Forschungen nämlich nicht, sie verabscheut sie sogar. Sie glaubt daran, Gott würde euch Gefallene schon irgendwann zu besseren Menschen machen. Lachhaft.« Er zeigte Anevay eine etwa zwanzig Zentimeter lange Stahlnadel mit einer scharfen Klinge an der Spitze. Grauen überkam sie.
»Bei einer Lobotomie hebt man das Lid des Patienten an und schiebt das Instrument seitlich am Augapfel vorbei, immer tiefer in deinen hübschen Schädel hinein. Wenn man dann an die Wölbung stößt, die Augenhöhle und Gehirn voneinander trennt, nimmt man das hier.« LaRue zeigte ihr einen kleinen stählernen Hammer, kaum länger als Anevays Hand. »Ein kurzer Schlag genügt«, es machte pling, als er auf das breitere Ende der Nadel schlug, »um die Nadel durch die Knochenschicht zu treiben.« A bekam keine Luft mehr, in ihren Ohren rauschte es wild. »Dann wird die Klinge direkt in dein Stirnhirn gedrückt, ein bisschen hin und her ruckeln, so durchschneiden wir dann die Nervenfasern deines Stirnlappens. Und voilà, die kleine Kämpferin hat nur noch Apfelmus in ihrem Kopf.« Jetzt lachten alle: Sweeny röhrte wie ein Hirsch, Fingermann gackerte wie ein Huhn und Jagor brummte mehr. Es klang aufgesetzt.
»Dann lieber tot!« A spuckte nach ihm. LaRue verneinte mit einem sanften Schütteln des Zeigefingers.
»Oh, nicht doch. Das würde viel zu viele Fragen nach sich ziehen. Nein, wir sagen einfach, du hast wieder einmal getobt, wir wollten dich beruhigen, du bist gestürzt, mit dem Köpfchen aufgeschlagen und seitdem etwas, wie soll ich sagen, ruhiger geworden?!« Er legte den Finger sinnierend an seine dünnen Lippen. »Du kannst dann brav bis in alle Ewigkeit Watte in Puppen stopfen und wenn Mrs Redbliss auf Reisen ist, dann kommt Sweeny dich besuchen.«
Die schiere, rohe Kaltblütigkeit schwemmte Anevays Ängste endgültig beiseite und ließ Wut an ihre Stelle treten. Bevor sie noch etwas sagen konnte, stopfte man ihr einen Gummiknebel zwischen die Zähne, damit sie sich die Zunge nicht abbiss. Der Raum schien noch dunkler zu werden, etwas begann tief zu summen, lud sich auf. A spannte ihre Muskeln, machte sich bereit für den Schmerz. Donner grollte, Wind toste. Kleine, blaue Blitze ballten sich über einer Spirale aus Kupfer zusammen, züngelten wild. LaRue drückte einen Knopf. Dann kam der Strom.
Es war, als zwänge sich ein Igel mit brennenden Stacheln durch ihre Adern. Hitze und glühende Nägel explodierten in Anevays Kopf. Drückten ihn zusammen, falteten ihn auseinander, schlugen darauf ein. Sie bäumte sich auf, das Leder der Fesseln knirschte. Ihre Fäuste wurden zu geschmolzenen Klumpen. Ihr Innerstes wollte jäh den Körper verlassen, fliehen, doch es gab keinen Weg hinaus. Ihre Knochen schienen zu bersten wie Holzscheite, die dem Feuer nachgaben. Ein solcher Schmerz wirbelte durch jede Pore, dass A für einen Moment glaubte, ihr Geist trete aus ihrem Leib, damit er das nicht länger mitmachen müsse. Sie sah, wie LaRue vor dem Pult stand, Zeiger und Skalen schlugen aus, Lämpchen wechselten ihre Farben. Die drei anderen wirkten mehr schockiert denn amüsiert. Fingermann kotzte gerade neben ein Regal. Die Luft stank nach Ozon und verschmorten Haaren. Anevays Körper schimmerte, der Rücken durchgebogen, berührte kaum mehr den Tisch. Nur noch Füße und Schultern lagen auf. Ihr Gesicht eine Fratze aus Wahnsinn und Pein. Qualm stieg aus ihren aufgerissenen Augen.
»Ihr grillt das Mädchen ja, LaRue.« Sweeny machte einen wankenden Schritt auf das Pult zu. Der Mann hatte Panik im Blick, offenbar lief etwas schief. Er hämmerte auf den Knopf ein, mit dem er alles in Gang gesetzt hatte, doch es geschah nichts. Die blauen Blitze über der Spirale wurde immer heller, ihr Kern aber immer dunkler.
»Ich kann es nicht abschalten! Ich kann es nicht abschalten!« Er schrie gegen den Donner an. Und dann geschah es. Es krachte dermaßen laut, dass der ganze Turm vibrierte. Gleichzeitig wurde der Raum plötzlich taghell und fiel nur einen Augenblick später zurück in völlige Finsternis. Lampen explodierten, Funken schlugen aus den Geräten, das Summen wurde zu einem schrillen Klang, der die Nerven zerfetzte. Alle hielten sich die Ohren zu. Fingermann lag auf dem Boden und kreischte. Jagor stürzte entsetzt aus dem Raum, als aus As Bauchnabel jähe Helligkeit brach, wie eine Säule aufstieg, sich auffächerte, bis die einzelnen Lichtlanzen sich plötzlich nach unten senkten und alle Maschinen im Raum zum Explodieren brachten.
Doch in Anevay passierte noch etwas ganz anderes. Der Schmerz wurde abgezogen, als würde ein See in einen Spalt stürzen. Nach und nach leerte ein Licht ihre Qualen. Es leuchtete wie ein Stern am Nachthimmel, pulsierte, wirbelte mit hunderten Lichtarmen, saugte alle Energie in sich auf. Dann wurde es dunkel, als habe man den Deckel einer funkelnden Schatulle geschlossen. Anevays Herz schlug langsamer und langsamer, zu Tode erschöpft, bis es ein letztes Mal pochte und dann verstummte. Ein Vorhang glitt durch sie hindurch, verdeckte alle Wahrnehmung. Behutsam und in warme Dunkelheit gehüllt, ließ Anevay ihr Leben los.
»Verdammte Scheiße, LaRue. Ihr habt die Kleine ins Höllenfeuer verfrachtet.« Sweeny hustete. A konnte den Qualm riechen, es war entsetzlich viel Menschliches darin.
»Die ist hin. Seht, selbst ihre Haut dampft noch.« Fingermann hatte noch immer eine zittrige Stimme.
»Wir müssen sie fortbringen.« Jagor betrat den Raum.
»Das weiß ich selbst!« LaRue gewann die Fassung zurück. »Was zum Teufel ist hier nur passiert, oh, meine ganzen Geräte sind kaputt.«
»Scheiß auf deine Geräte, du hättest den halben Turm in Stücke reißen können und uns mit ihm.« Sweeny klopfte sich Asche von der Uniform.
»Jaul´ nicht so herum. Holt ein paar Säcke, da wickeln wir sie mit ein, dann bringen wir sie zur Küste, ein paar schwere Steine und alles ist wieder in Ordnung.«
»Redbliss.« Mehr sagte Jagor nicht.
»Wir werden eine Flucht vortäuschen, was weiß ich. Mir wird schon etwas einfallen. Noch haben wir genügend Zeit, Männer. Ein bedauerlicher Unfall, das ja, aber nicht mehr zu ändern. Schadensbegrenzung ist jetzt das Gebot der Stunde. Die Geräte, oder besser das, was von ihnen übrig ist, müssen wir ebenfalls beiseite schaffen. Los, hopphopp, an die Arbeit, Männer. Schließlich werdet ihr gut dafür bezahlt.«
Anevays Herz begann wieder zu schlagen. Ein einzelnes Bumm hallte durch ihre leere Brust. BummBumm. Ihr Geist kehrte aus der Tiefe zurück, schwamm dem Pochen entgegen. Bumm, dieses Mal kräftiger. BummBumm, das Schlagen klang nicht länger hohl, sondern füllte die Brust mit neuem Leben.
»Mach die Fesseln ab, Fingermann.«
Anevay tauchte weiter empor, hinaus aus der Dunkelheit.
Der Tisch wurde in eine leicht schräge Position gestellt, damit sie nicht nach vorne fallen würde. A sackte nach unten, ihre Füße berührten den Boden. Die Riemen wurden gelöst. Der Kopf fiel ihr auf die Brust.
›Es ist Zeit zu gehen, Anevay.‹
Welch wunderschöne Stimme sie da vernahm, gleich hier vor ihrem Gesicht. Die Worte hauchten über ihre Wangen, ihre Lippen, die Augen. Der Geruch von klarer, kalter Luft schwebte darin. Anevay brach endlich aus der Tiefe, durchstieß die Oberfläche. Sie zog diesen herrlichen Duft in ihre Lungen.
»Mach voran, Fingermann.«
Anevay ballte die Fäuste. Hob den Kopf.
»Habs ja, habs ja gleich, verdammt.« Fingermann löste den letzten Riemen, der um ihre Schienbeine lag. Er kam wieder aus der Hocke hoch, starrte sie an, sie fühlte es. Denn hatte ihr Kopf nicht eben noch auf der Brust gelegen?
Und A öffnete ihre Augen.
Fingermann erstarrte zu blankem Entsetzen. Ein hoher, spitzer Schrei flog aus seinem Mund davon. Es musste wohl ziemlich schrecklich sein, in das lebendige Antlitz einer Toten zu blicken. Gut so!
»Hoka Hey, Dreckbacke!« Damit rammte Anevay ihr Knie in seine Kronjuwelen. Fingermann klappte zusammen und kippte stöhnend zur Seite. A wartete nicht lange ab, dies war die Nacht, in der sie Fallen Angels für immer hinter sich lassen würde. Es gab nur diese eine Chance. Sie fasste Fingermanns Stiefel ins Auge, die Größe könnte passen. Barfuß war eine Flucht unmöglich. Mit zwei, drei schnellen Bewegungen hatte sie den linken Schuh runter, als sich ihr alter Peiniger halbherzig protestierend aufzurichten versuchte.
»Bleib besser liegen, oder du wirst nie wieder aufstehen.« Ihre Stimme war nur ein Raunen, aber Fingermann wehrte sich nicht länger, als sie den zweiten Schuh abzog. A verknotete die Schnürsenkel und warf sie sich über die Schulter. In dem Raum brannten nur noch die schwachen Salzlampen. Ihr trübes Licht beschien ein Trümmerfeld aus Zerstörung. Hinter einer zerfetzten Maschine, aus der Zahnräder, Kolben und Kabel wie Eingeweide hingen, tauchte LaRue auf. Er brauchte einen Moment, bis sich das Bild, das er sah, zur Realität verfestigte.
»Heilige Mutter Gottes!«, entfuhr es ihm. Sein schöner schwarzer Anzug war verschmort, voller grober Risse, die jeden Schneider hätten weinen lassen. Er schritt auf sie zu, sich der Gefahr überhaupt nicht bewusst, denn er war allein, ohne Kupferwächter, Drogen oder seine beiden Aufpasser. Eine Mischung aus Zorn und Unglauben verzerrte seine Züge. Die Haare waren ihm abgebrannt, erkannte A. Da gab es nach heute Nacht wohl nix mehr zum Drüberkämmen. Er bückte sich, klaubte ein noch qualmendes Brett aus dem Schutt und ging damit auf sie los. Er schien um Jahre gealtert.
Er war schwächlich, bekam nicht richtig Luft. A lenkte den matten Angriff mit einer seichten Handbewegung ins Leere, packte seinen Kragen. LaRue ließ das Brett fallen. Er ächzte, hustete.
Sie schnupperte an seinem verängstigten Gesicht, als würde sie Witterung aufnehmen.
»Ich werde Sie finden, LaRue. Irgendwann.« A stieß ihn zwischen zwei verkohlte Regale, wo er wimmernd zu Boden ging. Sie wandte sich der Tür zu, machte sie auf. Frische Luft zog aus dem dämmrigen Treppenrund herauf. Sie atmete zwei Mal tief ein und wieder aus. Hinter ihr rief LaRue mit Fistelstimme nach Jagor und Sweeny.
Plötzlich stachen die Lichtkegel zweier Taschenlampen über die gemauerten Wände. Hektische Schritte auf den Stufen. Vielleicht hatte der Irre noch ein anderes Signal senden können? Es war egal. Sie musste hier raus. Nach unten ging es jetzt nicht mehr, also, sie drehte sich um und starrte die finstere Treppe hinauf, dann eben nach oben. In dem Moment krallte sich eine Hand in ihren Ärmel, versuchte sie wieder in den Raum zu ziehen. A wirbelte herum, Fingermann! Sie wollte sich losreißen, doch er packte auch mit der anderen noch zu. Sweeny polterte um die letzte Biegung und brüllte etwas, das wie: Tötet den Dämon! klang. Anevay ließ die Arme sinken, tauchte mit ihrer freien Hand unter Fingermanns Achsel hindurch und schlug mit der Handkante gegen seinen Adamsapfel. Sofort erschlaffte sein Griff, er taumelte röchelnd durch die Tür zurück. A fuhr herum und rannte die Stufen des Turms hinauf, Sweenys Atem im Nacken.
Immer drei auf einmal nahm sie, doch schon nach der zweiten Biegung keuchte Anevay, die Muskeln wurden steif, als würden sie zu Stein. Zum Glück ging es Sweeny nicht anders, der kurz vor dem Kollaps stand, so pfeifend hörte es sich an, wenn er Luft holte. Nach der vierten Biegung war Schluss. Eine vergitterte Tür versperrte den weiteren Weg, ein mächtiges Vorhängeschloss daran. Verdammt, sie hätte LaRue nach einem Schlüssel durchsuchen sollen. Jetzt war es zu spät. Nur noch wenige Meter, dann war ihre Flucht vorbei.
»Zur Seite, alter Mann!« Jagor holte auf, mit dröhnenden Schritten.
A stand vor der Gittertür, umfasste die Stäbe, blickte weiter nach oben. Nein, das durfte nicht sein! Doch dann fiel ihr etwas auf.
»Es ist vorbei, Mädchen.« A drehte sich zu Jagor um, der mit schweißnassem Gesicht sieben Stufen unter ihr stand, in seiner Pranke LaRues Pistolenspritze gefüllt mit der Droge. »Gib auf!»
»Weißt du, Jagor, was der Unterschied zwischen euch und mir ist?« Hinter ihrem Rücken riss Anevay ein Stück Stoff aus ihrem verschmorten Hemd und stopfte es in den Zylinder des Vorhängeschlosses. Der Bulle kam eine Stufe höher. Neben ihm tauchte jetzt auch Sweeny auf, der gar nicht gut aussah. Rückwärts stellte A ein Bein zwischen die Gitterstäbe. Dann nahm sie die zusammengebundenen Schuhe von ihrer Schulter, ließ sie einen Moment lang in der Hand baumeln. Jagor musterte sie, als wäre es eine potentielle Waffe.
»Was? Was ist der Unterschied?« Er kam noch eine Stufe höher, senkte leicht den Kopf, als wolle er A jeden Moment in Grund und Boden rammen. Sweeny kratze sich am Bart.
Es waren zwei Bewegungen gleichzeitig. Wie eine Tänzerin drehte Anevay sich ins Profil, schwang die Schuhe durch die Gitterstäbe, zog die Luft ein, machte einen Schritt nach hinten, die Schultern gerade wie ein Pfeil ... und stand nur einen Moment später auf der anderen Seite des Gitters. Jagor schien verblüfft, Sweeny fiel die Kinnlade herunter.
»Der Unterschied ist, dass ihr fett seid und ich nicht!«
Jagor sprang nach vorn, stieß einen Arm durch die Gitterstäbe, doch A wich zurück, nahm die Boots wieder auf und lächelte ihn an. Sweeny brüllte, zog ein Schlüsselbund hervor, fingerte unbeholfen damit herum, bis er den richtigen hatte und wollte ihn ins Schloss stecken, doch es ging nicht. Er fluchte wie ein Irrer. A ließ sie zurück.
Die letzte Tür stand sogar offen. Der Raum lag unmittelbar unter dem kegelförmigen Dach des Turms. Anevay hörte den Regen auf die Schindeln prasseln, der durch viele Risse drang und auf den dreckigen Boden platschte. Sie kletterte die hölzernen Verstrebungen dort hinauf, wo am meisten Wasser heruntertropfte, hielt sich mit einer Hand fest und schlug mit der anderen die Dachpfanne nach außen. Ein Knacken nur und Schmerz schoss durch ihre Knöchel, ein zweiter Schlag und das Ding flog in die Nacht hinaus. Die andere daneben zerbrach schon beim ersten Mal. A machte die Schultern klein und hievte sich bis zur Hüfte aus der entstandenen Luke. Freiheit!
Der Himmel sah dramatisch aus. Wetterleuchten erhellte von innen gigantische, schwarzen Wolken, aus denen der Regen wie eine Flut stürzte. Grummelnder Donner brach sich darin, als wäre es die Brandung einer nahen Küste. Einzig der stürmische Wind hatte nachgelassen, sodass dieses Unwetter nun beinahe lotrecht zur Erde fiel.
Anevay lehnte sich zur Seite und betastete vorsichtig die Schieferschindeln mit der freien Hand, mit der anderen hielt sie sich weiter fest. War das Dach ohnehin schon steil wie eine Wand, so machte der Regen aus dem schwarzen Schiefer zusätzlich eine Rutschbahn, glatter noch als Eis. Und dies war nicht einer der Türme, die den Eingang bewachten, nein, er stand, wenn sie das richtig einschätzte, auf der gegenüberliegenden Seite des Gefängnisses. Dass der Komplex dermaßen groß war, hätte sie nicht gedacht. Wie viele Menschen mochten in seinem gläsernen Innern den Verstand verloren haben?
Die Schräge des Daches maß vielleicht drei Meter. Es wurde unten von einem Ziersteg umrandet, vergleichbar mit einem kaum fingerhohen, verschnörkelten Zaun. Wahrscheinlich nicht einmal stabil genug, dass sich eine Katze daran klammern konnte, doch gab es keinen anderen Weg. Sie musste von hier oben hinunter, näher an das viel flachere Dach, das dort drüben im Regen nur verschwommen zu erkennen war. Schon jetzt war sie bis auf die Knochen nass, ihre Finger wurden bereits unbeweglicher von der Kälte. Wenn sie noch länger die Lage überdachte, konnte sie auch gleich wieder ins Innere klettern und sich einen Eispickel durchs Auge hämmern lassen. Nein, niemals! Oder sie sprang, dann würde es wenigsten ihre Entscheidung sein.
Zuerst schwang Anevay die Beine hinaus. Die Boots legte sie sich um den Nacken, dann drehte sie sich langsam auf den Bauch, griff in die Kante der ausgeschlagenen Schindel und ließ sich vorsichtig, soweit es ging, hinunter. Die Kälte presste sich an ihre Haut, aber noch vor Minuten war Feuer durch sie geflossen, also war das nur ein gerechter Ausgleich. Sie schaute unter sich, versuchte die Distanz zwischen ihren Füßen und dem Ziersteg abzuschätzen, doch ein Meter mehr oder weniger, es war einerlei, also ließ sie los.
Das Hemd rutschte ihr hoch bis zum Kinn, sie versuchte sofort zu bremsen, doch sie schoss den kurzen Weg geradezu hinab. Ihre Zehen stießen an den kleinen Zaun, der sich verbog, sie kippte nach hinten, ruderte mit den Armen. Eine endlose Sekunde schwankte sie wie eine Seiltänzerin auf der schmalen Kante, dann verlagerte sich der Schwerpunkt wieder zum Dach hin und sie klatschte mit der Wange glücklich dagegen. Ein paar Herzschläge verschnaufte sie, dann breitete sie die Arme aus und tippelte auf dem Steg weiter zur anderen Seite des Turms. Entweder war sie mittlerweile leichter als eine Katze oder wer immer diesen Steg gebaut hatte, war gut gelaunt gewesen an jenem Tag, denn er hielt.
Als A die andere Seite erreichte und mit blinzelnden Augen hinunter auf das nächste Dach schielte, da wurde ihr bewusst, dass es fast unmöglich sein würde. Das Dach war gut fünf Schritte tiefer gelegen und mindesten ebenso weit von ihr entfernt. Dazwischen klaffte ein Spalt, der erst wieder auf dem Boden der zerschmetterten Tatsachen halt machte. Dieser verdammte Turm stand ab seiner Mitte frei. Doch sie hatte keine Zeit. ›Tue es oder bleib am Boden liegen.‹ Das waren die beiden Optionen. Und Anevay würde niemals am Boden liegen bleiben. Nie wieder!
Sie ließ sich in die Hocke sinken, immer auf Balance achtend. Griff mit den klammen Händen um den Zierzaun, ein Knie drüber, das andere auch, stützte sich ab, verteilte ihr Gewicht, holte Luft, und dann rutschte sie ein kurzes Stück. Sie schwang hin und her, wobei Fingermanns Stiefel sie am Kinn trafen. Ihre Sehnen in den Unterarmen knirschten. Sofort suchte sie nach einem weiteren Halt für ihre Füße. Da! Nur einen Schritt, etwas versetzt unter ihr in der Turmwand, war der längliche Spalt einer alten Schießscharte, vergittert zwar, aber mit einem Absatz. Wenn sie es schaffte, dort zu landen und sich sofort an das Gitter zu klammern, dann wäre der halbe Weg geschafft. Über ihr verbog sich nun doch der Ziersteg. Also schwang sie ein letztes Mal, öffnete die Hände, sackte ab wie ein Stein, der Spalt rauschte heran. Der linke Fuß glitt ab, doch der rechte fand Halt, ihre Hände griffen zu, als wollte sie mit den Gitterstäben eins werden. A schrie kurz auf, dann lachte sie.
In einem Theater hätte sie sicher für Gelächter gesorgt, so wie sie da hockte, mit dem Hintern in der Luft. Und vielleicht war das genau der Punkt, sich vorzustellen, dies alles sei nur ein Stück, nichts könne ihr passieren, dort unten waren haufenweise Kissen aufgeschichtet. Gleich würde der Vorhang fallen und alle gingen glücklich nach Hause.
A schaute hinüber zur anderen Seite. Sie würde abspringen, eine halbe Drehung in der Luft machen und dann die Dachkante erwischen müssen, ohne sich die Knochen dabei zu brechen. Wie die Trapezkünstler in ihren Vorführungen, ganz einfach. Sie konnte aus der Hocke springen, das war gut, weil viel Schwung dabei entstand. Ihr rechtes Handgelenk fühlte sich stärker an, also würde sie damit nach der Regenrinne greifen. ›Jetzt nicht den Mut verlieren, jede Sekunde, die du wartest, schwemmt der Regen Kraft aus deinen Muskeln.‹Anevay holte tief Luft und sprang.
Sie segelte durch die Luft. Plötzlich wurde alles langsamer. Jeder einzelne Regentropfen passierte sie wie der Faden eines Gewebes, das in all seiner Pracht ausgebreitet dalag. Ihre rechte Hand bewegte sich durch die Nacht, auf ihren Fingern zersplitterten hunderte feiner Tröpfchen, weil der Sprung ihre Bahn kreuzte. Das Dach kam näher, aber mehr wie ein Traum. Anevay wunderte sich über die bizarre Schönheit darin, dann prallte sie mit einer Wucht gegen die Kante, dass ihr kurz schwarz vor Augen wurde. Instinktiv versuchte sie sich festzuhalten, doch da war die Mauer schon wieder fort. Plötzlich fand ihr Fuß unerwartet Stand. Ohne zu überlegen, nahm sie diesen, streckte sich und griff nach der Regenrinne. Sie schmeckte Blut in ihrem Mund. Es dauerte einen endlosen Moment, bis sie begriff, dass sie nicht tot war. Mit letzter Kraft zog sie sich hoch, stemmte die Unterarme auf das Dach, erst einen, dann den anderen, hievte sich weiter, bis sie endlich in Sicherheit war. Sie blieb auf den Knien liegen, keuchte, glaubte sich übergeben zu müssen, doch nur der Regen strömte von ihren Lippen. Ihr Verstand wusste, dass sie lediglich eine kleine Etappe geschafft hatte, dennoch fühlte sie sich, als wäre sie seit einem Jahr auf der Flucht. Wankend kam sie auf die Beine. Mit fahrigen Bewegungen zog sie die Stiefel über. Das Leder schmatzte. Sie waren ein wenig zu klein, aber besser, als barfuß weiter zu laufen.
Das Gefängnis war ein achtstöckiger, flacher Bau, übersät mit niedrigen Mauern, Schornsteinen, aus denen zäher Qualm stieg und einigen Dachfenstern, die durch schwere Gitter gesichert waren. A musste einen Weg wählen. Sie entschied sich für den kürzesten. Der Turm stand am Rand der Nordseite des Komplexes, fast in dessen Mitte. Also waren Osten oder Westen an der Seite entlang besser, als das Gebäude noch einmal in seinem ganzen Ausmaß zu überqueren. Osten! Dort schien ein Wald zu sein. Sie kam keine zwei Schritte weit, als sie den fürchterlichen Kupferwächter entdeckte.
Anevay hatte schon Wächter vor dem Fenster von Redbliss gesehen und auch in LaRues Gartenparadies, aber hier? Wer floh schon über das verdammte Dach? Wer schaffte es überhaupt hier herauf? Doch da war er und fletschte seine kupfernen Hauer.
Sie standen da und musterten sich gegenseitig. Für den Wächter musste Anevay so bedrohlich aussehen wie ein Welpe ohne Leine, dafür wirkte der Wächter auf sie, als könne er Eisenholz mit seinem Kiefer zerbeißen. Der schon arg grün angelaufene Körper war dem eines Mastiffs nachempfunden. Diese Art der Kampfhunde war schon im alten Rom eingesetzt worden, kannte keine Gnade, keine Angst. Noch weniger, wenn man sie in Metall goss, ein paar dutzend Muskeln hinzufügte und ihnen die Zähne auf die doppelte Länge formte. Die meisten Wächter taten das, was ihr Name besagte: Sie bewachten. Entweder ihre Erbauer oder deren Auftraggeber. Man wollte Gefangene machen, um sie dann befragen zu können. Doch dieser hier war zum Töten erschaffen worden. Der würde nicht mehr als einen Klumpen blutigen Fleisches von ihr übrig lassen, mit ein bisschen Anstaltskleidung drumherum. Das Ding stand in etwa vierzig Schritte entfernt, halb verdeckt von einem der Schornsteine. Der Rauch kroch über seine mächtigen, verknoteten Schultermuskeln.
Wieder blieb nur der kürzere Weg. Hätte der Wächter in der Mitte gestanden, so wie der Turm, so hätte A keine Chance gehabt, aber er stand viel weiter zum Westrand des Gefängnisses, also hatte sie einen Vorsprung, wenn sie bei Osten blieb und ihr Glück dort versuchte. Doch was dann? Es kam ihr nur eines in den Sinn: Springen. Ob elf oder acht Stockwerke, das Ergebnis würde gleich tödlich sein. Doch sie hoffte, dass der Waldrand nicht zu weit entfernt war oder sie in einen alleinstehenden Baum würde springen können, eine Sickergrube, einen Heuhaufen, was auch immer.
Der Regen prasselte auf ihre Schultern. A lockerte sie, ein Halswirbel knackte, der Wächter knurrte. Sie schob ganz langsam den linken Schuh über das Dach, er rutschte nicht, gut. Im Laufen machte ihr keiner etwas vor. Alles hatten ihre Füße schon berührt, von Wüstensand bis Stadtasphalt. Anevay war schnell. Sie hoffte nur, ihr würden nach sechzehn Schritten die Beine nicht versagen, weil dann eigentlich eine Zellenwand kommen müsste. Sie pumpte ihre Lungen mit Sauerstoff voll, Adrenalin strömte in den Körper.
»Hoka Hey, Drecksack«, flüsterte sie. A spurtete los. Ihr Lauf wirbelte Wasser aus den Pfützen hoch, aus den Augenwinkeln nahm sie den Wächter wahr, hörte seine metallischen Krallen, die sich in das Dach gruben. Er lief parallel zu ihr und er holte auf, viel zu schnell, viel zu schnell. Immer wieder verschwand sein hetzender Kupferkörper hinter den Schornsteinen, nur um dann noch näher zu sein. Sie würde es nicht schaffen. Wenn er auf gleicher Höhe war, würde er ihr den Weg abschneiden, kurz vor dem Ziel. Es waren noch etwa fünfzig Meter bis zum Rand des Daches, viel zu weit. Anevays Blut rauschte lauter in ihren Ohren als der Wind. Sie fühlte ihre Beine kaum noch. Plötzlich sprang eine Dachluke vor ihr auf, die Abdeckung schwang nach oben und das Gesicht von Sweeny neben einer Blendlaterne erschien, einen Revolver in der Hand. Er zielte grinsend auf A. Sie lief weiter, wartete auf den Schuss. Doch dann wurde die Luke mit solcher Kraft nach unten gedrückt, dass sie wie ein Fallbeil zufiel, Sweenys Hand samt Revolver blieben abgetrennt davor liegen, ein infernalischer Schrei drang durch die geschlossene Luke. Gleichzeitig wechselte der Kupferwächter die Richtung, nahm Kurs auf sie.
Nur noch zwanzig Meter.
Der Körper des Wächters verschwand hinter dem letzten Schornstein. Auf einmal gab es einen monströsen Knall, als würde Metall schlagartig verbogen, und dann schlitterten die zusammengepressten Überreste des Tieres vor Anevays Füße. Sie stoppte, fassungslos von dem Anblick. Der Wächter war zu Metallmus zerdrückt, der ganze Kopf nur noch eine verbogene Masse. Die Hauer wie bloße Blumenstiele umgeknickt. Der Körper des Monsters zuckte noch einmal, dann war der Zauber gebrochen. Der Regen hinterließ hohle Plings auf dem toten Wesen. Anevay konnte es nicht glauben, doch sie wollte ihr Glück auch nicht überstrapazieren. Sie lief weiter bis zum Ende des Daches. Dort, gar nicht so weit entfernt, stand eine hohe Tanne zwischen Gebäude und Waldrand. Sie lief ein kleines Stück zurück, nahm erneut Anlauf, dann sprang sie und verschwand in der Nacht wie ein dunkler Vogel.
Sie griff in die langen Äste der Tanne, die durch ihre Hände rutschten, einer, noch einer, bis sie keinen Ast mehr fand. Doch der Aufprall kam viel langsamer als sie es für möglich gehalten hätte. Mit einem ›Uff‹ prallte sie ins nasse Gras, verwundert und glücklich zugleich, noch am Leben zu sein. Einige keuchende Atemzüge blieb sie liegen, dann stand Anevay auf und ging.
Es dauerte nicht lange, bis sie eine Hecke und dann noch eine Mauer überwunden hatte. Dann, endlich, hatte sie Fallen Angels hinter sich gelassen.
Anevay hörte einige »echte» Hunde bellen, Rufe wurden laut, ein Schuss wurde abgegeben und Sekunden später erleuchtete eine Signalrakete einen Teil des Waldes und tauchte den Boden in die bizarren Schatten tausender Äste. Aber die Zeit der Angst war vorbei. A lief und lief, auch wenn ihr Zweige das Gesicht zerschnitten, sie stürzte und sie sich Knie und Hände aufschürfte. Sie hatte keinen Dolch im Auge, der sie in eine Wattepuppe verwandeln würde. Was kümmerte es sie also?
Sie wusste nicht, wie lang sie durch die endlosen Stämme irrte, bedacht darauf, wenigstens halbwegs die Richtung einzuhalten. Es zwitscherten bereits einige Vögel, also konnte das erste Tageslicht nicht allzu fern sein. Sie trank aus einem kleinen Bach, aß im Gehen Tannenzapfen und hielt nicht an. Irgendwann stieß sie auf eine Straße, die wie eine Schneise durch den Wald zu verlaufen schien. Die rechte Fahrbahn war sauberer, was bedeutete, dass heute schon mehrere Fahrzeuge diese Richtung genommen hatten und dabei Zweige und Laub des Gewitters in den Straßengraben befördert hatten. Dort ging es zur Stadt zurück, denn wer fuhr schon zu solch einer Tageszeit aufs Land?
Nach einigen Stunden, es wurde immer heller, kletterte Anevay, sich vom Waldrand anschleichend, zwischen die Baumstämme eines Lastwagens, der diese sicherlich in die Sägewerke bringen wollte. Der Fahrer machte eine Pinkelpause, ideal, um sich als blinder Passagier einzunisten. So kauerte sie da, fror und hatte stechenden Harzduft in der Nase, aber dafür ein Lächeln auf dem Gesicht. Sie würde nach New York zurückkehren. Sie würde ihren Vater suchen und dann würde alles in Ordnung kommen. Zum ersten Mal seit vielen Monaten fühlte sie sich wieder wie ein Mensch. Ein Mensch, der Träume und Hoffnungen haben durfte.