Träume und schwarzes Glas
Hast du denn gar keinen Hunger mehr, A? Hör mal, du musst etwas essen, wir haben morgen einen langen Weg vor uns.«
»Warum nennst du mich immer nur A, Vater?«
»Weil ich so viele hübsche Dinge dahintersetzen kann. Einen blauen Himmel oder eine Wolke, eine Blume …«
»Was ist mit Anevay?«
»Das ist nicht dein richtiger Name, den hast du von mir bekommen. Dein wirklicher Name ist noch unterwegs, sozusagen.«
»Das verstehe ich nicht, Vater.«
Um sie herum war der durchdringende Geruch von Sandstein. Ein kleines Feuer aus trockenem Holz brannte zwischen Vater und Tochter. Sie waren seit vier Tagen in der alten Anasazi Festung, die unter einem gigantischen Felsüberhang mitten in eine tiefe Schlucht gebaut worden war. Sie war nur noch eine Ruine, aber noch immer konnte man die Vergangenheit dieses Bauwerks bei jedem Atemzug fühlen. Ein herrlicher Ort zum Spielen, wenn man zehn Jahre alt war und den überwältigenden Drang verspürte, auf alles hinauf zu klettern, das höher als ein Teppich war. Und so war Anevay wie eine junge, neugierige Katze durch und über die verlassenen Häuser, Gebetsräume, Vorratskammern und alten Versammlungsorte gekraxelt, gekrochen und gehangelt. Sie hatte Tonscherben untersucht, alte Feuerstellen gefunden, hatte an fast versteinerten Holzbohlen gerochen, die einst auf den Dächern gelegen hatten und nun wie lose Zeltstangen in die Räume darunter ragten. Oft war sie auch nur am Rand der Schlucht entlang gewandert, genoss das himmlische Gefühl der Tiefe, das ihr in Waden und Rückgrat kitzelte und suchte nach einem Weg hinunter, ohne sich dabei den Hals zu brechen.
Ihr Vater las viel, saß im Schatten, trank Tee und lächelte, wenn Anevay an ihm vorüber stürmte, oder zu ihm kam, weil sie glaubte, etwas Wertvolles oder Wichtiges gefunden zu haben.
Nachts lagen sie dann nebeneinander auf ihren weichen Decken und betrachteten den weiten Himmel.
Oft führte er Anevay durch Gänge, die sie noch gar nicht entdeckt hatte, zeigte ihr im Licht einer kleinen Öllampe die Felszeichnungen, die vor Jahrhunderten dort eingeritzt worden waren. Geheimnisvolle Labyrinthe aus Farben. Sie wusste schon damals, dass die Erinnerung daran schön und stark sein würde, doch drängte es sie zurück zu den Namen.
»Erklärst du es mir?«, als er aber nicht reagierte, hob Anevay die Stimme. »Das mit den Namen, Vater!« Fast schien er hochzuschrecken, dann lächelte er, schüttelte amüsiert den Kopf, als wolle er sagen: Ach, was solls.
»Bei den Stämmen ist das mit den Namen anders, Anevay, als bei den Siedlern. Sie nehmen oft die Namen an, die schon seit Generationen in ihrer Familie benutzt wurden. Bei uns ist das komplizierter, denn ein Name ist ein wichtiger Bestandteil deiner Persönlichkeit. Manche suchen danach in Visionen, andere vollbringen besonders mutige oder meist recht dumme Taten, um ihn zu finden. Bei uns vergibt die Schamanin den ersten Namen, bis jemand kommt und dir deinen wirklichen Namen bringt.«
»Aber wer sollte ihn mir denn bringen? Und was, wenn derjenige gar nicht kommt oder vergisst ihn mir vorbeizubringen?«
Ihr Vater lachte, so wie nur er es tun konnte. Ein warmes, herrliches Lachen. Zwischen echter Freude und Unbekümmertheit.
»Warum ist dir das so wichtig?«
»Du sagtest einmal, ich solle niemandem trauen.«
»Ja?« Jetzt war er ganz still geworden.
»Ich habe ihn einer grauen Dame verraten, obwohl ich es nicht wollte.«
Ihr Vater schwieg lange Zeit, das Gesicht dem flackernden Feuer zugewandt. »Das war ein Fehler, Anevay. Du kannst vielleicht nichts dafür, aber das war ein großer Fehler.«
Mit einem zittrigen Keuchen riss Anevay die Augen auf. Sie wusste, dass es nur ein Traum gewesen war, dass die letzten Worte ihres Gesprächs so nie stattgefunden hatten. So flehte sie leise, dass es nur die schlimmen Erlebnisse und die Angst waren, die sie seine Mahnung hatten träumen lassen.
Es dauerte einige wilde Herzschläge, bis A bewusst wurde, dass ihre Augen zwar offen starrten, aber dennoch das völlige Fehlen von Licht in ihren Gedanken hockte. Zwischen alldem waberte noch immer der Schmerz, stach, pickte, fauchte oder war schon zu einem lästigen Jucken geworden. Dieses verwirrende Durcheinander übertönte ihren Geist, ganz so, als frage man jemanden, der soeben fast ertrunken wäre, ob er denn Durst habe.
Anevay wollte die Panik, die sich schon auf dem Weg zu ihrem Herzen befand, nicht schon jetzt mit offenen Armen empfangen. So versuchte sie ruhig zu atmen, sich soweit zu beruhigen, dass sie Informationen über ihre Umgebung sammeln konnte. Im Grunde diente es nur der Ablenkung, damit sie nicht schon jetzt in Wahnsinn verfiel.
Anevay machte mit ihrer Zunge ein schnalzenden Geräusch. Es brauchte etwas Zeit dafür, da sie wie ein pelziger Lappen ganz träge im Mund lag. Die Drogen! Der Ton schwärmte aus, machte eine kleine Reise und kam dann zu ihr zurück. Ein Raum, nicht sehr groß. Sie horchte ganz still, ohne zu atmen, bis das Rauschen ihres eigenen Blutes sie fast taub machte. A konnte nichts, aber auch gar nichts hören. Kein anderes Atmen, kein Ticken - vielleicht das einer Uhr - oder sonst ein Zeichen, das ihr sagte, sie sei nicht völlig allein.
Der Widerhall hörte sich zudem ungewöhnlich an. Das war kein Stein gewesen, der das Echo zurückgeworfen hatte. Es klang... nein, sie konnte kein Wort dafür finden.
In ihrem Ellenbogen hing ein scharfer Schmerz, der bis hinauf in die Schulter reichte. Die Knie pochten nur noch, an einem begann schorfiger Juckreiz. Ein kurzes Betasten der Zahnlücke ergab ausgefranstes Zahnfleisch, das nach Blut schmeckte. Ihr rechtes Handgelenk fühlte sich schwerer an und der Geruch von Kalk schwebte darüber. Man hatte ihr das gebrochene Gelenk gerichtet und eingegipst. Sehr gut. Das kribbelige Gefühl von Heilung hatte bereits eingesetzt. Die Finger konnte sie mühelos bewegen. A setzte sich auf und noch bevor der Schwindel sie traf, hörte sie das vertraute Klicken eines Wächterauges über sich.
Ein Bündel orangener Helligkeit zerschnitt plötzlich die Schwärze und zielte genau auf ihr Gesicht. Anevay blinzelte erschrocken, hielt inne, wie ertappt. Das Wächterlicht wurde eine Spur schwächer, als sie sich aber erneut bewegte wieder heller. Es reagierte auf Bewegung! Ein Kranz aus vielen einzelnen Strahlen war um die konvexe Linse angeordnet, das kupferne Lid wachsam, keine zwei Schritte von ihr entfernt. Die Linse mit der durchsichtigen Pupille änderte ständig ihren Krümmungsradius. Nahaufnahme, Weitwinkel. Erneut fragte A sich, wer einst in diesen Gemäuern mit so viel Aufwand überwacht worden war.
Da sie durch Bewegung endlich Licht erhielt, dachte A gar nicht daran, brav still zu halten. Sie setzte sich mühsam auf, schwang die Beine von dem Podest, auf dem sie gelegen hatte, stellte die wackeligen Füße auf den Boden. Er war glatt wie Marmor, nur wärmer. Das Wächterlicht folgte ihr, schien ihr nun in den Rücken. Da sah A, dass sie keinen Schatten warf. Ihr Vater hatte ihr einmal erzählt, dass nichts wirklich existiere, wenn es keinen Schatten habe. ›Existierte sie noch?‹ Ihr Herz sagte ›ja‹!
Verblüfft tappte sie ein paar kleine Schritte und kniete sich hin. Mit der ungegipsten Hand fuhr sie über den seltsamen Boden. Er war sogar noch glatter als Marmor, reflektierte nicht einmal das Licht des Wächters hinter ihr, der mit knackenden Gelenken nun um sie herumschwenkte. Anevay hatte es selbst noch nie gesehen, aber in einem Buch gelesen: Während des Krieges, als der erstarkte Widerstand der Stämme immer mehr Opfer unter den Siedlern forderte, hatte man gefangen genommene Krieger in Zellen aus schwarzem Glas gesperrt. Das Glas war so hart, dass man nicht einmal mit einem Meißel Magie hinein hätte ritzen können. Nichts in dem Raum war dafür geeignet, dass man damit ein Labyrinth hätte legen können. Je mehr A sich umsah, desto eindeutiger stellte sie fest, dass alles in dem Raum aus schwarzem Glas gemacht war. Das Bett war nur ein geformter Block. Sie hatte das Fehlen von Decken gar nicht bemerkt, sooft hatte sie in ihrem Leben schon auf harten Böden genächtigt. Die Wände waren ohne jede Fuge, die Zimmerdecke nicht einmal zu erahnen, kein Mobiliar. Nur in einer Ecke war eine separate, niedrige Schutzwand, mit einem kleinen Loch dahinter für die Bedürfnisse.
Das also war der Ruheraum. Sie hatten Angst vor ihr. Angst, sie könne eine Wild One sein und diesen finsteren Laden hier mit einer Portion Magie ordentlich aufmischen. Die Frage war, sollte sie diese Angst nutzen? Mrs Redbliss würde davon unbeeindruckt sein, dieser Jagor ebenfalls ... aber Fingermann nicht.
Mit sechzehn, die graue Dame hatte ziemlich danebengelegen, sollte man noch keine Feindesliste haben. Aber A hatte schon vor Stunden unbewusst den ersten Namen darauf eingetragen. Fingermann.
Und irgendetwas in ihrem Inneren sagte ihr, dass der gesamte Himmel seine Sterne verlieren müsste, um je von dieser Liste wieder herunter zu kommen. Hätte A allerdings geahnt, wie lang diese Liste noch werden würde, sie hätte erst gar nicht damit angefangen.
Warum geriet sie nicht in rasende Panik? In einem schwarzen Raum, an einem unglücklichen Ort? Weil es sie stolz machte, dass man sie hier eingesperrt hatte, in diese Finsternis, die vor ihr schon andere aus ihrem Volk hatten durchleben müssen. Wilde Krieger. Ja, Anevay fühlte sich wie eine von ihnen, eine Kriegerin. Sie wünschte, sie könnte dieses Gefühl in sich einschließen, damit es nicht mehr fortging. Ein kleines, aber stetes Licht, an dem sie sich festhalten konnte wie an einem Boot in stürmischer See. Denn eine ungute Vorahnung sagte ihr, dass sie jede einzelne Planke dieses Bootes brauchen würde.
Anevay ging zurück zu dem Schlafblock. Die Teleskopgelenke des Wächterauges quietschten, als sie sich von ihr zurückzogen. Waren wohl länger nicht geölt worden. Wieder ein Punkt für ihren Stolz. Sie legte sich hin, bewegte sich nicht mehr, bis der Wächter irgendwann an seinen Platz zurückkehrte, seine Lider klickend schloss und dabei sein orangenes Licht mit sich nahm. A lag noch einige Zeit in der Dunkelheit, dachte daran, wo ihr Vater jetzt wohl sei, ob es ihm wohl gut gehe und ob er nach ihr suche, dann kam der Schlaf über sie wie eine alte, geflüsterte Geschichte.
Eine Berührung, klebrig, huschte über ihr Schienbein, über das Knie. Anevay war in der Wildnis aufgewachsen, kein Grund zur Besorgnis, keine hektischen Bewegungen. Ein Luftzug drang unter das Nachthemd, sie riss gleichzeitig die Augen auf, beugte sich vor wie eine Bogensehne und schlug zu. Der Wächter war zu langsam für die Bewegung, aber er öffnete sein Auge und seine Strahler erfassten sie. A konnte eben noch sehen, wie eine schmutzige Hand aus dem Lichtkegel entwich. Ein paar schnelle Schritte. Rückwärts, unbeholfen. Dann war plötzlich der ganze Raum in Licht getaucht, es kam aus dem Glas. Und da stand er, auf einem seiner dreckigen Nägel kauend, erwischt mit hektischen Flecken im verschwitzten Gesicht - Fingermann.
Anevay sah ihn nur an, strich das Nachthemd herunter, stand auf, machte sich groß. Er wich zurück. Neben ihm lag ein Bündel sauber gefalteter, grauer Kleidung. Er kickte es mit einem Tritt zu ihr hinüber.
»Das sollst du anziehen.« Halb Bitte, halb Befehl. Feinde! Aber A erwiderte nichts. Kein Fauchen, keine Drohung, sie hielt nur seinem Blick stand. Das war wichtig. Er ging rückwärts bis zur Wand, als hätte sie hier irgendetwas, das sie ihm in den Rücken stechen könnte - schön wäre das gewesen, aber… .
Dann glitt ein Teil des schwarzen Glases einfach zur Seite, er schlüpfe mit einem letzten frechen Grinsen hindurch, dann wurde die Wand wieder geschlossen.
A nahm die Kleidung auf, nicht ohne daran denken zu müssen, dass dieser schmierige Typ sie in den Händen gehalten hatte. Es war ein eng geschnittenes graues Hemd und eine weite graue Hose, weder Zugband noch Gürtel. Dazwischen lag ein Paar graue Schuhe, ohne Schnürsenkel, ohne Nähte, die man nur überstülpen konnte. Was dachten die, würde sie damit machen? Eine Wurfschlinge bauen? Eine Stichwaffe flechten? Anevay musste lächeln. Noch mehr Stolz.
Das Hemd saß wie von einem Blinden abgemessen, es zwickte unter den Achseln, spannte an den Schultern, war zu kurz, ihr Bauchnabel lugte darunter hervor. Die Hose wiederum musste sie mit einer Hand festhalten, sollte sie nicht bis zu den Knien rutschen.
Sie stand da wie ein Coyote in einem Regenschauer. Als sie wieder aufschaute, stand Mrs Redbliss in der Tür. Sie musterte Anevay, nickte kurz und knapp.
»Würdest du bitte mit mir kommen!« Das war ein Befehl! Ihr Blick war neutral. Der Stolz bröckelte bereits. ›Mach´ dich jetzt bloß nicht aus dem Staub‹, knurrte sie ihn innerlich an. A schlurfte hinter der grauen Dame her, denn mehr war mit diesen Schuhen nicht drin.
Draußen empfing sie ein hell erleuchteter Gang aus Glas. Instinktiv hielt sie die Hand vor die Augen, die Hose ging talwärts, an den Oberschenkeln erwischte A sie gerade noch. Ein Kichern hinter ihr. Sie warf einen Blick über die Schulter. Jagor stand da, grinste. A folgte weiter Mrs Redbliss, sie wollte dem Kerl nicht die Genugtuung geben, dass sie auf ihn reagierte. Irgendwann blieb die graue Dame stehen, eine weitere Tür öffnete sich lautlos, Jagor schubste sie durch den Eingang und A blieb der Mund offen stehen. Ihr Stolz ging flüchten und ließ nur noch blanke Angst zurück. Der Raum war aus weißem Glas und er stand voll mit Maschinen. Kupferne Röhren, wie dutzende schlängelnde Schlangen, Glaskolben, in denen Flüssigkeiten unheilvoll schimmerten, hölzerne Stühle, die mit großen bronzenen Hauben überdacht waren. Anevay hatte sie nur als Zeichnungen in einigen Büchern gesehen. Ihr Vater hatte sie davor gewarnt, ihnen jemals zu nahe zu kommen. Es waren die Maschinen der heiligen römischen Inquisition.