Die Pfeiler der Könige

 

Lord Robert T. Humberstone blickte aus dem Fenster und grübelte, bis sich seine tiefbraunen Augen wohl zum hundertsten Mal auf die alte Schiffsuhr in seinem Zimmer hefteten, ein glorreiches, meisterhaftes Vermächtnis eines seiner Vorfahren. Seit über einer Stunde war er bereits reisefertig, das lange, schwarze Haar ordentlich in vier bronzene Adelszeichen gebunden, der Kragen seiner Uniform makellos, die goldenen Epauletten ein Salut an Vorschriftsmäßigkeit, der Säbel eingehakt, der Sieben-Kammer-Revolver poliert und versteckt. Das blutrote Emblem der Eliteeinheit ihrer Majestät, ein dreiköpfiger Drache, prangte am Revers der dunkelblauen Jacke der königlichen Marine. Das Abzeichen der Zauberkundigen dagegen war verborgen auf der Innenseite. Ein einfaches, silbernes Labyrinth, das von vielen vertikalen Kerben durchzogen war. Auch der verkrüppelte Arm war an seinem Platz. Die Metallumhüllung, die den kümmerlichen Rest von Muskeln und Knochen umschloss, hing in einer speziellen Metallöse leicht an der Seite, leicht vor der Hüfte und platzierte seinen Arm genau dort, wo er am natürlichsten aussah. ›Wo er nicht ganz so nutzlos wirkt‹, korrigierte sich Robert, denn zu übersehen war dieses Ungetüm aus Mechanik für niemanden.

Es klopfte leise. Die Tür wurde geöffnet und Agnes, die stille, betagte Hausdame, trat ein.

»Der Wagen ist vorgefahren, Sir.« Ihre Worte waren sanft und wohltuend.

»Sehr schön. Danke, Agnes.« Die Tür schloss sich beinahe lautlos.

Es war Zeit.

Robert nahm seinen Marinehut von dem Tisch neben sich, setzte ihn auf, griff nach seiner Aktenmappe und verließ das Zimmer. Er schritt den langen Flur entlang. Dunkle Vertäfelung, gelegentlich Ziertischchen, auf denen Blumen welkten, oder Kerzenständer ohne Kerzen standen. Nun klopfte auch er zögernd an eine Tür. Ein kraftloses »Ja?!« ließ ihn noch zaghafter eintreten. Er mochte diese Begegnungen mit seiner Mutter nicht. Sie war seit der Nachricht über den Tod seines Vaters vor drei Jahren nie wieder aus diesem Zimmer herausgetreten. Es war für sie ein Zeichen der Götter gewesen, dass sie genau in dem Moment von ihm geträumt hatte, als er auf den Grund des Nordmeeres gesunken war, eingehüllt in 40.000 Tonnen Eisen der königlichen Kriegsmarine. Seither vermutete sie seinen verschollenen Geist in jedem Knarren oder jedem Luftzug, den das Haus heimsuchte. Wie sie einen Mann so abgöttisch hatte lieben können, der sie nie wirklich beachtet hatte, entzog sich Roberts Kenntnis. Allerdings waren daraus drei Kinder entstanden, einschließlich ihm.

Sie saß am Fenster. Ihr Haar war unordentlich, der lavendelfarbene Morgenrock ließ einen Blick auf ihren rechten, vom Ritzen blutigen Oberschenkel frei. Einer ihrer Füße steckte in einem Seemannsstiefel. Robert sah zum Bett, das zerwühlt und verschwitzt aussah. Die Luft war stickig, roch nach Verzweiflung und gemurmelten Worten. Er selbst träumte selten. Er war froh darüber. Träume waren etwas für Menschen ohne jedes Ziel.

»Ich reise ab, Mutter.« Er sagte es so belanglos wie möglich.

Sie winkte seine Worte beiseite, wie immer, wenn sie glaubte, die Geister der Unterwelt würden zu ihr sprechen. Dann hob sie ihre hohle Hand zum Ohr, ganz vertieft in die Klänge, die niemand außer ihr zu hören vermochte. Robert drehte sich um. Er wollte gerade die Klinke fassen, als ihre Stimme ihn nochmals traf.

»Sohn? Er mag ihre Farben nicht!«

Robert verharrte. Er sah zurück in den weiten Raum voller nutzloser Möbel und Teppiche. Sie hatte nun die Hand vor dem Mund, ihre Lippen bebten, Wind drang durch das offene Fenster und zerzauste ihr grau gewordenes Haar.

»Mutter?«

Langsam wandte sie sich zu ihm um, blickte ihn über die blassen, gekrümmten Finger hinweg an, wie eine der Nornen, die in einem Schicksalsfaden liest. Ihre Stimme klang plötzlich tief und bedrohlich.

»Er mag ihre Farben nicht!« schrie sie so plötzlich, dass er zurückwich. »Ihre Farben sind alt  … dunkel!« Und dann, als wäre kein Wort gefallen, sah sie wieder aus dem Fenster und summte ein Lied, das auffallend wie eines der Marine klang.

Robert schloss die Tür und atmete einmal tief durch, schluckte schwer. War der Flur enger, die Blumen welker? Robert legte seine gesunde Hand auf das kühle Metall der anderen. Nur selten fand er Halt darin, aber jetzt …

Er schüttelte benommen den Kopf, straffte seine Haltung.

Er stieg die geschwungene Treppe hinunter, seine Schritte entfernten sich endlich von diesem Ort. Er packte seinen Mantel, stieg das Portal zum Wagen hinab, als Wesley ihn rief. Der Kammerdiener eilte hinter ihm her, huschte über den Kies, aber er tat es leise.

»Zwei Briefe für Sie, Sir!« Er verbeugte sich. »Sie kamen eben erst durch das Familienlabyrinth!«

Robert Humberstone blieb stehen, mitten im Regen, und nahm die beiden Umschläge entgegen. Er blickte an dem Butler vorbei auf das Schloss. Ein düsterer Klotz aus Türmen, Erkern und spitzen Mauern. Er hasste dieses Haus.

»Sehr schön. Danke, Wesley.«

»Ich wünsche Ihnen eine gute Reise, Sir.« Robert nickte kurz und stieg in die schwarze Limousine, an deren beiden Frontflügeln die Standarte des Empires prangte. Er wusste, dieser Wagen war mit Zaubern versehen, nicht einmal ein Schuss aus nächster Distanz konnte ihm einen Kratzer anhaben.

Er legte Hut und Aktenmappe neben sich auf den Rücksitz, winkte dem Fahrer kurz zu, dass sie abfahren konnten. Der Rolls Royce Silver Ghost summte tief auf, und sie rollten die Allee hinunter zum Eingangsportal von Humberstone. Robert ließ die Trennscheibe hochfahren.

 

Der erste Brief war von seiner Schwester, Caroline.

 

Liebster Robert,

wenn Du diese Zeilen liest, bin ich bereits seit einigen Tagen auf Island. Wir haben einige Höhlen im Norden der Insel entdeckt, die einer intensiveren Untersuchung wert sind, da sie sehr tief hinabreichen. Wir hoffen, dort neue geologische Funde zu machen, die uns eventuell helfen, das Wesen der Magie besser zu verstehen. Wie sehr ich doch darauf hoffe, zu enträtseln, wie die Magie entstanden ist und warum sie sich einst in Steinen manifestiert hat. So viele Fragen harren einer Antwort …

 

Mit einem kleinen Lächeln las Robert den Rest der Zeilen, in denen seine Schwester beschrieb, wie sehr sie das Studium in Cambridge genoss. Er konnte es ihr nachfühlen. Humberstone Castle war ein Ort der Dunkelheit gewesen, selbst als ihr Vater noch lebte, doch nach seinem Tod war etwas in dieser Familie zerbrochen. Robert hätte es nicht benennen können, doch es war, als wären die Mauern und all ihr Atem darin grau geworden. Und kalt. Caroline hatte sich, so schnell es nur ging, an der besten Universität für Geologie und Archäologie eingeschrieben, die es in ihren Augen gab. Und kein Dekan des gesamten Empires konnte sich dem Namen Humberstone verweigern. Er gönnte es ihr von Herzen, glücklich zu sein.

 

Der zweite Brief war von seinem Bruder, William.

Seine Schrift war ein Gegensatz zu allem, was Robert kannte. Abgehackt, ruhelos, wie auf einem schwankenden Schiff geschrieben, was vermutlich sogar der Fall gewesen war, denn William war der Tradition ihres Vaters gefolgt, hatte sich schon mit elf auf die Planken eines Schiffs geworfen, als wäre dies der Nabel der Welt. Es waren kurze, ungeschliffene Sätze.

 

Hi Rob,

wie ich munkeln hörte, gehst Du nach Hammaburg. Wenn Du mal richtig Spaß da haben willst, besuch das »EISENAUGE».

Ich hoffe, Mom geht es gut?

 

Tut mir leid.

W.

 

Das stand unter jeder Nachricht von William: Tut mir leid. Seit acht Jahren.

Robert kurbelte das Fenster einen Spalt auf, zerknüllte den Brief seines Bruders und warf ihn hinaus in den Regen.

 

London funkelte wie ein verborgenes Juwel in der hellen Spätnachmittagssonne, als sie am Queens Shelter hielten, dem größten Bahnhof der westlichen Hemisphäre. Hier trafen die Adern des gesamten Reiches zusammen und dehnten sich wieder aus. Ein ständiger Strom aus Mensch und Ware ballte sich hier zusammen, um sich nach seiner Verladung bis in die entlegensten Winkel der Welt aufzumachen.

Gigantische, mit poliertem Kupfer ummantelte Eisenträger bildeten ein Geflecht über all dem Gewimmel. Zwei ineinander verschränkte Hände waren das Dach dieser unglaublichen Konstruktion. Sie war von dem deutschen Hofarchitekten Krimmer entworfen worden, der das bevorzugte Thema der Königin damit aufnahm: Wir alle leben unter den schützenden Händen der Krone.

Robert Humberstone stieg aus, rückte seine Uniform zurecht und versuchte sich gegen all den Lärm, den so viele geschäftige Menschen verursachten, zu wappnen. Der Fahrer lud derweil die Reisekoffer aus. Ein Junge in zu kurzen Hosen und schmutzigen Schuhen bot mit gesenktem Blick eine Zeitung feil. Robert gab ihm eine Münze für das aktuelle Abendblatt. Als dem Jungen klar wurde, was er da in den Händen hielt, drehte er sich um, zog die Mütze vom Kopf und salutierte, als wäre er ein Soldat. Robert nickte. Dann fiel der Blick des Jungen auf seinen linken Arm. Er salutierte nochmals. Ehrfürchtig nun. Robert wandte sich ab.

Eine graurote, schlecht sitzende Uniform schob sich durch die Menge und kam auffallend zielstrebig auf ihn zu. Ein blasser, braunhaariger Kerl, der im ganzen Gesicht Sommersprossen hatte. Keuchend kam er vor dem Lord zum Stehen.

»Verzeihung, Sir.« Er wischte sich Schweiß von der Stirn. »Ich habe Sie am falschen Gate erwartet.« Er winkte hektisch hinter sich, worauf sich ein paar Gepäckträger aus der Menge schälten, als hätten sie sich dort zu verstecken versucht. Der kleine Mann deutete auf die Koffer und binnen Sekunden waren sie auf einen Karren verladen.

»Ich bin Fähnrich Colin Coldlake, Ihr Sekretär auf dieser Reise, sozusagen.« Seine Hand schnellte vor, als wollte er die des Lords schütteln, dann besann er sich der Unterschiede von Rang und Namen und zog sie so schnell wieder zurück, als habe er sie in eine Flamme gehalten. Sein Blick blieb ein wenig zu lang an der Prothese haften. Was war da in seinen Augen? Bewunderung? Angst? Neugier?

Jedenfalls keine Abscheu.

»Sehr schön, Fähnrich Coldlake. Gehen Sie voran, wenn Sie so weit sind.« Man gab ihm also, ohne auch nur eine Spur zu verwischen, einen Agenten des Geheimdienstes an den Rockzipfel? Das war lächerlich.

Colin Coldlake redete gern. Er redete über das schöne Wetter, den schönen Bahnhof, die neuesten Nachrichten aus den verfluchten Vereinigten Staaten, über seine kleine Schwester, die vor kurzem einen Unfall mit ihrem ersten Fahrrad gehabt hatte. Ein Problem mit den Stützrädern. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Das war seine Devise.

Robert hörte nicht zu, er konzentrierte sich darauf, die  vielen Geräusche auszublenden, die um ihn wogten. Rufe, Weinen, Abschied, Wiedersehen, Lachen, während der kleine Coldlake die Menge immer wieder mit den Worten: »Im Auftrag der Königin!« vor sich teilte und mit den Armen dabei fuchtelte, als verscheuche er Fliegen von einem Früchtekuchen.

Die Flaggen des Königreiches hingen von den Fingern der Dachkonstruktion, markige Gemälde zeigten kämpfende Soldaten in siegreichen Gefechten - neben Aufrufen, sich der stolzen, königlichen Armee anzuschließen. Daneben standen Männer in schicken Uniformen, mit Klemmbrettern und wachsamen Blicken. Jeder ein Held mit einem Stift in der Hand.

Endlich gelangten sie in den Bereich des Bahnhofs, der dem Militär vorbehalten war.

Als sie aus dem Tunnel ins Freie traten, wirkte der Zug, der sich vor Robert aufbaute, wie eine zum Leben erweckte alte Sage. Die gigantische Lok glitzerte im ersten Abendlicht wie von Metall übergossene Muskeln. Das Lieblingstier der Königin, der Löwe, war auf unheimliche Weise mit der modernsten Technik des Empires verschmolzen worden. Robert hatte schon als Kind diese Formen geliebt und sie in Modellen nachgebaut. Sein Vater hatte diese Leidenschaft gehasst. Für ihn waren Schiffe die einzig wahre Welt eines Mannes. Doch Robert hatte dies nie verinnerlichen können. Für ihn gab es zwei Koordinaten und einen Weg dorthin. Und was gab es Vollkommeneres, als einen Weg, der schon vorher geschaffen worden war, um ihm dann zu folgen. Die See war ein Ort der blanken Ungewissheit, Schienen hingegen hatten ein Ziel! Das hatte sein Vater nie verstanden, deshalb lag er nun auch dort unten und salutierte den Fischen.

Robert bewunderte die mit Zaubern versehenen, bronzenen Ansaugrohre, die sich aus der Mähne des Löwen wie metallische Stränge wanden und sich dann anmutig zur Unterseite der Antriebswellen hinab bogen. Es sah aus, als wäre ein mächtiges Tier gezähmt worden, das nichts weiter wollte, als zu rennen. Es war wunderschön.

Coldlake kletterte bereits in eine der offenen Luken und trieb die Gepäckträger an, sich gefälligst zu beeilen. Im Auftrag der Königin, verdammt noch eins.

Nur fünf weitere Wagons waren angekettet, sie alle sahen düster aus, als würden sie mit verzierten Rüstungen in den Krieg ziehen. Robert erinnerte sich an seinen Auftrag, bannte die Erinnerungen aus seinen Gedanken. Er betrat weiche Teppiche, als er ebenfalls durch die Luke stieg.

Das stetige Summen des Zuges hatte eine beruhigende Wirkung, denn es entfernte ihn mit jedem Pulverstoß weiter fort von Humberstone Castle. Robert hatte ein altes Buch auf den Knien liegen, ein Lesezeichen von Caroline ragte zwischen den Seiten hervor. Vier ineinander geschlungene, längst vertrocknete Grashalme. Sie hatte es ihm zu seinem zwölften Geburtstag geschenkt, mit den Worten: ›Wann immer du eine Geschichte hören willst!‹ Er hatte es gewollt. Und so war er nachts zu ihr geschlichen, und Caroline hatte ihm vorgelesen. Von Rittern und Herzen, die wie Ritter waren. Von Augen, die weit blickten oder irrten, roten Körben, Wölfen, aus deren Maul der Wind zu kommen schien und der Wege verschwinden ließ. Meist lag er auf der rechten Seite. Die Augen geschlossen, lauschte er ihrer wundervoll melodischen Stimme. Einmal hatte sie ganz sachte die Hand auf seinen verstümmelten Arm gelegt, als wollte sie ihn wieder aufwecken. Er war zurückgezuckt, plötzlich wütend. Ob über ihre Berührung oder die darin verborgene Liebe, das wusste er nicht.

»Was soll ich damit denn schon tun?«, hatte er sie gefragt und den Arm wie einen Feind geboxt.

»Wenn du immer nur daran denkst, Robbie, wirst du auch immer nur dieser Arm sein!«, hatte sie geantwortet, und war kitzelnd über ihn hergefallen, bis sein Bauch wehgetan hatte vor Lachen.

Danach hatte er die Magie gefunden, sie ergriffen und besser beherrscht als all seine Lehrer.

Er hörte noch die herablassende Stimme: »Wie, Lord Humberstone, verhindern Sie, dass Holz brennt?« 

Es gab ungezählte Antworten darauf. Sie alle zielten darauf ab, das benannte Objekt irgendwie zu schützen. Wasser als Gegengewicht zu beschwören, die Oberfläche zu versteinern, zu verdichten, mit Eis zu überziehen, das Unvermeidliche zu verzögern …

Als er die Antwort gab, herrschte plötzlich Stille.

 

»Sir, möchten Sie vielleicht einen Imbiss?«

Robert schreckte auf, aber ließ es sich nicht anmerken. Er öffnete gelangweilt die Augen. Die Fenster waren verschleiert worden. Seine Suite war komfortabel, ja, geradezu luxuriös. So war das wohl, wenn man im Zug der Königin fuhr. Jeder Wagon hatte die Länge von mehr als sechzig Schritt. Robert hätte nicht besser reisen können. Der Boden war mit plüschigen Teppichen ausgelegt, die Möbel waren allesamt kunstvoll verziert, der Löwe das dominierende Objekt darin. Es gab alles, das eine Reise dazu machte, keine mehr zu sein. Von einer Bar bis hin zu einer Badewanne, die aus dem Boden aufstieg. Die Wände allerdings waren aus blankem, goldgefärbten Metall, stark vernietet und wahrscheinlich mit so vielen Zaubern gesichert, dass sogar Thors Hammer Schwierigkeiten gehabt hätte, eine Delle in dieses Wunderwerk zu schlagen.

»Wo sind wir jetzt?«

»Auf den Pfeilern der Könige, Sir. Ich wusste nicht, ob ich Sie darauf aufmerksam machen sollte.« Wie erstaunlich freudlos doch die Stimme eines Agenten der Löwenpranke klingen konnte, wenn er scheinbar nichts anderes zu tun hatte, als einen verwöhnten Lord im Auge zu behalten - in einem Zug. Denn dass Coldlake ein Agent war, stand für Robert außer Frage. Doch es scherte ihn nicht, nein, er fühlte sich sogar bestätigt. Die Königin hatte große Pläne, - Pläne, die so vieles verändern würden, dass eine gesunde Paranoia durchaus angebracht war.

Robert erhob sich, das vergessene Buch rutschte ihm von den Knien und fiel zu Boden. Eine Seite schlug auf, das Lesezeichen seiner Schwester rutschte heraus. Instinktiv wollte er mit der Linken danach greifen, als Schmerz in die Konstruktion schoss wie ein kleiner Blitz. Mehr aus Ärger, denn den Schmerz war er gewohnt, stöhnte Robert auf. Coldlake, der in der Schiebetür verharrt hatte, setzte sich ruckartig in Bewegung. Ein seltsamer Ausdruck in seinem Gesicht zeigte Robert, dass diese Tat ehrlich gemeint war. Ein Impuls. Er wollte wirklich helfen, hatte den Agenten in sich für Sekunden vergessen. Robert ließ ihn gewähren. Coldlake hob das Buch auf, ein wenig zu langsam - der Agent war wieder da!-, steckte das Lesezeichen zurück in die aufgeschlagene Seite, drehte das Buch und gab es dem Lord wieder in die wartende Hand. Jetzt kannte er sicherlich den Titel und die Seitenzahl. Er würde es schon bald in einer Bibliothek in Hammaburg nachschlagen, da war Robert sich sicher.

»Sehr schön. Danke, Coldlake.« Für einen kurzen Moment glaubte Robert, Erstaunen in den Augen des kleinen Schotten zu sehen. Weil er seinen Namen behalten hatte? Weil er »Danke« gesagt hatte?

»Immer zu Diensten, Sir.« Coldlake deutete gar eine kleine Verbeugung an. Keine militärische, Robert wurde unsicher. Wer war dieser Mann?

»Sie sagten etwas von einem Imbiss und von den Pfeilern der Könige. Wie wäre es mit beidem?« Robert legte das Buch auf die Sofakante, sah unauffällig auf seinen linken Arm. Genau 48 Grad südsüdöstlich des ersten Buchstabens, dem A, ein weiterer Blick fiel auf das alte Lesezeichen.

 

Der Speisewagon war leer. Dezente, pulverbetriebene Lampen sandten geisterhaftes Licht durch gefärbte Schirme auf leere, aber dennoch mit den in königlichem Rot und Gold gehaltenen Deckchen geschmückte Tische. Das Dach war lichtdurchlässig gemacht worden, ein wolkendurchwirkter Sternenhimmel glänzte darin wie der verlorene Ausschnitt eines imposanten Gemäldes.

Robert setzte sich an einen beliebigen Tisch am Fenster. Er wollte das Meer sehen, welches unermüdlich, aber Dank seiner Magie so nutzlos, an den Pfeilern dieser monumentalen Brücke zerschellte wie ein zahnloser Fluch.

Es war Intuition gewesen und diese hatte sein ganzes Leben verändert.

›Was tun Sie, um das Holz zu schützen, junger Lord?‹

›Ich mache die Flamme kalt. ‹

Die Stille, die danach folgte, wog schwerer als jene Tage, an denen seine Mutter mit piepsender Freude in der Stimme rufend: »Euer Vater kommt heim!« durch die endlosen Flure von Humberstone gewandelt war. Niemand freute sich auf Vater. Niemand wollte, dass er heimkam! Er brachte nur die Stürme mit, die sich sonst auf dem weiten Ozean austobten.

Der Kellner kam und servierte. Ein einfacher Salat mit geviertelten Orangenscheiben. Robert sah aus dem Fenster. Der zweite Gang war gedünstetes Gemüse mit in Olivenöl geschwenkten Kartoffeln. Robert stocherte darin herum. Der dritte Teller trug einen toten Fisch, dessen glasige Augen noch immer in eine längst verlorene Richtung starrten.

»Nehmen Sie das wieder mit, sofort!«

Der Kellner wirkte verunsichert und seine abrupte Verbeugung wirkte linkisch. Seine makellosen Hände griffen nach dem Teller. »Wenn Sie meinen, Sir?«

 »Ja! Ich meine, und zwar zutiefst!« ›Lass niemanden in dein Herz sehen, sie werden dich nur bewerten! Denn sie werden nichts davon verstehen!‹  So hatte es ihm Opa Lawrence eingeschärft.

Der Mann schien ehrlich verstört, duckte sich beinahe unter den Worten. Namen konnten lange, bedeutungsvolle Schatten werfen, oder sehr kurze. Wie Ketten.

Robert sah ärgerlich dem Kellner nach, nahm das Glas Weißwein und blickte wieder aus dem Fenster hinaus auf die wilde, dunkle Nordsee.

Er hatte damals nie auch nur einen Gedanken an das Holz verschwendet. ›Ich mache die Flamme kalt!‹ Es war so einfach gewesen. Nur dieser eine Gedanke, versteckt hinter einem Stück Holz. ›Und sieh nur, was aus deinem Gedanken entstanden ist. Die längste, gewaltigste Brücke, die je von Menschenhand erschaffen wurde.‹ Ja, auch dieses den stetigen Wogen trotzende Bauwerk warf bereits einen Schatten auf sein Leben. Wie sehr, das hatte er noch nicht herausgefunden. Doch allein die Tatsache, dass er in einem Panzer-Zug der Königin saß, mit einem Agenten der Königin, auf dem Weg in die meist gefürchteten Kriegswerften des gesamten nordischen Feuerbundes, sollte ihn Vorsicht walten lassen. Doch seltsamerweise kümmerte ihn das nur wenig. Er würde für lange Zeit fort von der bedrückenden Enge auf Humberstone Castle sein, weit weg von den nassen Schatten, die sein Vater dorthin selbst aus seinem Grab noch sandte. Wenn Robert es recht bedachte, dann bestand sein Leben aus ziemlich vielen Schatten. Vielleicht war es an der Zeit, ein wenig Licht hereinzulassen.

Den Rest des Dinners verbrachte er in brütendem Schweigen. Coldlake mümmelte jeden Teller leer, als gäbe es kein Morgen. Fast hätte Robert damit gerechnet, dass der Schotte nach jedem Bissen: »Im Auftrag der Königin, verdammt noch eins!« rief, doch der grinste nur schmatzend. Wenigstens konnte Lord Humberstone das Dessert genießen. Er war versessen auf Süßes, so sehr, dass es fast schon einer Obsession gleichkam. Er bemühte sich, dabei nicht allzu schwelgerisch zu wirken.

Robert verabschiedete sich höflich und mit einem knappen Nicken, wobei Coldlake noch eine gute Nacht wünschte, während er ein weiteres Ale bestellte. Zurück in der Suite lag das Buch einen Grad weniger Südsüdost, das Lesezeichen steckte ebenfalls ein Stück zu tief in den Seiten. Robert blickte sich aufmerksam um, konnte aber nicht feststellen, ob wirklich jemand in seinem Raum gewesen war. Hatte er sich vielleicht geirrt? Coldlake war die ganze Zeit über mit ihm im Speiseabteil gewesen. Dann gab es womöglich noch jemanden, der ein Auge auf ihn haben sollte?

Coldlake würde das Buch in keiner Bibliothek finden, und sollte es jemand abfotografiert haben, viel Spaß dabei, dachte Robert. Es war in der Geheimschrift seines Großvaters geschrieben worden. Nur zwei Menschen konnten dieses Wirrwarr aus Zeichen und Buchstaben überhaupt entziffern.

Robert hängte den Arm aus der Halterung, streifte müde die Uniformjacke ab und sackte sofort ein wenig in sich zusammen. Es war ein anstrengender Tag gewesen. Sein linker Arm schmerzte unter der Metallkonstruktion. Er war sich nicht sicher, woran das liegen mochte, denn bislang hatte es keine Schwierigkeiten gegeben, seit er sie angebracht hatte. Dennoch spürte er in letzter Zeit manchmal ein seltsames Kribbeln, ganz so, als würde noch ein Funken Leben in diesem verdrehten und nutzlosen Fleisch stecken, das seine Aufmerksamkeit einforderte.

Er setzte sich auf das Bett, kickte mühsam jeweils mit einem Fuß die Schaftstiefel fort, seufzte erleichtert und ließ sich rücklings auf die weiche Decke sinken, die Augen fest geschlossen.

Wer war er in dieser Welt? Der Verstand meldete sich, doch Robert wollte keine Antworten seines Verstandes, er wollte die seines Herzens, seiner Seele? Er wusste nicht genau, was er eigentlich wollte, doch manchmal wollte er nur fliehen, so weit fort gehen, dass ihn niemand mehr fand. Einen Ort, an dem so vollkommene Stille herrschte, dass er endlich den Robert fand, der irgendwo unter all diesen Schatten begraben lag. Er packte die Decke und warf sie halbherzig über sich. Zwei Atemzüge später schlief er bereits.

Jemand leckte an seinem Ohrläppchen. Es kitzelte, war warm und vertraut. Robert schlug die Augen auf.

»Da ist etwas auf dem Dach, Robbie. Ich dachte, melde es mal lieber. Die andern schlafen ja alle noch.«

Robert drehte den Kopf zur Seite. Da saß ein kleines Fellknäuel, kaum auszumachen in der Dunkelheit. Grau, schwarz, weiß-grau gezackte Flanken, heller Bauch. Doch alle Farben zusammen verschwammen zu einer perfekten Tarnung.

»Danke, Poe«, murmelte Robert, öffnete die Hand, woraufhin der kleine Kerl darauf zuflitzte und es sich bequem machte. Er hob die Hand, roch warmes, weiches Fell und spürte zitternde Schnurrhaare an seiner Wange.

»Du solltest dich lieber wieder verstecken, hörst du? Es ist zu gefährlich, sich hier zu zeigen!« Es sollte tadelnd klingen, doch Robert hörte selbst, wie lahm es rüberkam. Der dsungarische Hamster strich die Vorderpfoten über die Ohren, weil er ihm das Fell durcheinander gebracht hatte und stellte sich auf.

»Hab´s abgeschnuppert, in diesem Raum ist keine Magie, außer deiner.«

»Und das Dach?« Robert stand auf, ging zwei Schritte, nahm seinen Revolver aus dem Holster. Er hatte ihn selbst gebaut. Ein gefährliches Ding und gut gehütetes Geheimnis.

»Leise Schritte. Sie kamen von achtern und blieben genau über unserem Wagon stehen, seitdem nix mehr. Entweder stehen sie da noch immer, oder die können fliegen.«

Wenn Robert eines in den letzten Jahren gelernt hatte, dann dass er seinen Clangeistern bedingungslos vertrauen konnte. Niemand, nicht einmal Caroline, wusste von ihnen. Noch etwas, das die Königin besser nicht erfahren sollte.

»Bitte geh wieder in dein Nest, Poe.« Robert lud die Waffe, ein leises, kaum wahrnehmbares Summen pumpte das Pulver in die erste Kammer, wo es eine Kugel aus komprimierter Luft formte. Poe hüpfte von der Hand herunter und verschwand so schnell in einer der Taschen der Uniform, als hätte es ihn niemals gegeben.

Robert schloss erneut die Augen, hielt den Atem dabei an, hob den Kopf. Dann atmete er tief ein und nahm ein kleines Labyrinth in die Hand. In seiner Mitte war bereits ein Stein, der seine eigene Position symbolisierte. Der Stein rührte sich nicht und dann erkannte er sie, die Druckpunkte von Stiefeln, als seien sie Matsch auf einem hellen Teppich. Sie standen tatsächlich genau über ihm. Doch wer konnte sich auf einem Panzer-Zug der Königin so gelassen halten, als würde er an einer Straßenecke stehen? Die Außenhaut war mehrfach versiegelt, geschützt, der Wind wurde nur eine Handbreit darüber ins Nichts geleitet, doch nur einen Zentimeter höher und er fegte mit über einhundert Stundenkilometern dahin.

Robert hob den Revolver, zielte durch die Decke auf den linken Fuß. Plötzlich ging die Schiebetür am Ende der Suite auf und Coldlake trat geduckt ein, einen Zeigefinger auf den Lippen: Leise!

Robert ließ die Waffe nicht sinken, im Gegenteil, er überlegte, ob er sie nicht besser auf den Schotten richten sollte. Jetzt war es aus mit den Geheimnissen. Coldlake schlich im Zickzack näher, jedes Möbelstück nutzend.

»Eine beeindruckende Waffe, Lord Humberstone.« Der kleine Schotte grinste frech.

Etwas fiel auf das Dach des Wagons und beide rissen die Köpfe nach oben. Ein Ring aus glühendem Rot erschien, der Geruch schmelzenden Metalls drang in die Suite und kaum einen Lidschlag später sauste ein kreisrunder Teil der Decke hinunter, zerschmetterte dabei einen königlichen Tisch und fegte Qualm in den Raum. Robert wich zurück, den Revolver noch immer im Anschlag. Coldlake konnte er nicht mehr sehen. Plötzlich drang heller Nebel durch die Öffnung in der Decke, drehte sich in einer Spirale, wurde schneller und schneller. Die ersten Gegenstände wirbelten durch die Luft und zerschellten scheppernd an den Wänden. Robert konnte kaum noch den Arm ausgestreckt halten, der Wind wurde immer stärker. Es schien, als zwänge sich ein Tornado in den Wagon. Etwas traf ihn an der Schulter und riss ihn zur Seite. Der Revolver flog ihm aus der Hand, donnerte in einen Spiegel neben dem Bett, dessen Laken sich aufbäumten wie Geister. Die Scherben prasselten nicht zu Boden, sondern schwebten durch den Raum auf den Wirbel zu, der immer mehr Luft aus seiner Umgebung zog. Fassungslos sah Robert ihnen nach, sein Haar flatterte ihm in die Augen. Dann erschien eine Gestalt in dem sich drehenden Nebel. Dunkel schwebte sie in dem Auge des Sturms herab. Ein großer Mann, in dicke Lederkleidung gewandet, die so willkürlich zusammengenäht war, dass man kein Muster darin erkennen konnte. Ein schwarzer Umhang, der das Gesicht vollständig verbarg, ein langer nachtblauer Kilt und schwere Eisenstiefel. Und auf jeden möglichen Zentimeter Stoff waren weiße, kreisförmige Labyrinthe gezeichnet, so wild, dass sie wie die Zeichnungen eines wütenden Kindes aussahen. Ein weißer Punkt in der Mitte bildete das Zentrum. Eine rote, wie Blut aussehende Linie führte aus dem Labyrinth hinaus. Robert rang nach Luft, doch er bekam keine mehr. Sein Blick wurde unscharf, er sah noch, wie der Fremde die Hand hob, dann explodierte ein so grelles Licht, dass Robert den Arm vor die Augen riss, in seinen Ohren knackte es. Er warf sich zu Boden, denn er glaubte, als Nächstes würde Hitze kommen, doch dann erstarb aller Lärm so vollkommen, dass er glaubte, er sei taub geworden. Die Luft kehrte zurück und Robert schnappte danach. Viele Atemzüge lang blieb er liegen. Dann stand er endlich auf. Sein Blick wurde wieder scharf.

Die Suite war nur noch ein einziges Trümmerfeld. Nichts war mehr dort, wo es einmal gewesen war. Hölzerne Splitter hatten sich in die metallischen Wände gebohrt, Scherben von kostbaren Vasen steckten in Löwenmöbeln, die ihrerseits zerrissen worden waren. Dass er überhaupt noch am Leben war, schien Robert wie ein Wunder. Planlos klopfte er sich ab. Tat irgendetwas unnatürlich weh? War irgendwo Blut? Nein, er hatte diesen Sturm unbeschadet überstanden. Nur sein linker Arm schmerzte mehr als sonst, aber das war nichts. Ein Gedanke schoss ihm durch den Sinn - Poe? Er suchte nach seiner Uniformjacke. Wenn dem kleinen Clangeist etwas zugestoßen sein sollte, würde er …

»Poe?«, rief Robert. Im hinteren Teil der Suite regte sich plötzlich die kupferne Badewanne, die offensichtlich einige heftige Dellen abbekommen hatte. Ein Braunschopf tauchte darunter auf. Coldlake kam taumelnd auf die Beine, hielt sich eine Hand an die Schläfe. Blut floss zwischen den blassen Fingern hervor. Er blickte in das zerstörte Zimmer, offensichtlich geschockt. Dann sah er Robert an – erleichtert, wie es schien.

»Sind Sie in Ordnung, Sir?« Die Stimme des Schotten klang etwas lallend.

Robert nickte nur. Hatte Coldlake den Ruf nach Poe gehört? Seit er diesen verdammten Zug bestiegen hatte, lief alles schief. Erst das Buch, dann der Revolver und nun auch noch die völlig sinnlose Benutzung eines Namens, den keiner außer ihm kennen durfte.

Der Agent nahm die Hand von seinem blutenden Kopf und betrachtete angestrengt die roten Schlieren darauf, als würde er einen Bericht darüber schreiben müssen. Er wankte noch leicht, aber trat festeren Schrittes in die Mitte des Wagons vor das runde Stück Metall, das einmal zur Decke gehört hatte. Der Schutt knirschte unter seinen Schuhen. Dann blickte er hinauf zu der Öffnung, an der nun der Nachthimmel vorbeizog, als wäre rein gar nichts geschehen, zog die Stirn in Falten und verzog sogleich das Gesicht vor Schmerzen.

Robert fasste sich, band demonstrativ sein Haar nach hinten und fixierte es in einem lässigen Knoten, als würde ihm das öfter passieren, das ein Zugdach über ihm einstürzte. Sein Herz schlug wild dabei.

»Was ist hier gerade passiert, Mr Coldlake?« Robert war erstaunt, wie schnell seine Stimme wieder den Klang eines Lords annehmen konnte.

Der Agent starrte noch immer hinauf zu den geschmolzenen Rändern des Dachs.

»Was wir hier gerade erlebt haben, Lord, war etwas so Seltenes, dass ich eigentlich den Zug stoppen, und sofort die Königin persönlich darüber informieren müsste. Die Frage ist, warum ist es gerade hier und jetzt passierte?«

Robert sah ebenfalls hinauf und zuckte unschuldig mit den Schultern, wobei der linke Arm völlig schlaff blieb. Hatte der Kerl gerade zugegeben, dass er ein Agent war, die Königin kannte und dass diese wiederum den Weg von Robert Humberstone überwachte?

Der Schotte zog ein Taschentuch von der Größe einer halben Tischdecke aus seiner Hosentasche. Er wollte Zeit gewinnen, schnäuzte sich laut und lang. Dann ging er zielstrebig auf die Außenwand zu, betätigte einen verborgenen Schalter und murmelte: »Halten Sie an, wir haben ein Leck im Dach.» Er durchmaß mit seinen Agentenaugen noch einmal die Suite, doch da war nichts mehr zu erkennen außer Chaos.

»Wer oder was ist ein Poe?«, fragte der Agent wie beiläufig, als er fast schon die Schiebetür erreicht hatte.

Robert hatte damit gerechnet.

»Es ist ein Buch. Ein wertvolles zwar, aber nur ein Buch.«

»Meinen Sie etwa Edgar Allan Poe? Den Schriftsteller?«

»Genau den.« Robert schluckte tief. »Eine seltene Ausgabe, signiert.«

Der Agent zog die Schiebetür hinter sich zu. Der Zug wurde langsamer, hielt an. Ein leichter Ruck ließ Robert kurz wanken. Er zählte bis zwanzig.

»Poe?«, dieses Mal fragte er flüsternd.

Rauch kräuselte sich auf seiner Schulter zusammen, verfestigte sich, weder Fell noch Farbe, nur Existenz.

»Himmel, Robbie, was hast du denn nur angestellt, damit einer dieser fürchterlichen Druiden hier persönlich antanzt?«, raunte der kleine Hamster.

Das Königreich Irland war seit Jahrhunderten ein Speergebiet, abgeschottet vom Rest der Zivilisation. Ihre Druiden waren die Wächter des Weltenrunds, auch wenn sie niemand dazu ernannt hatte. Kaum jemand wusste, was dort auf der Insel wirklich vor sich ging. Über ihr Reich und seine Zauberer wurde nur geflüstert, denn die Angst vor dem Unbekannten war finster wie eine Nacht ohne Sterne.

 

Eine Stunde später stand Robert mit Coldlake im Licht einiger Pulverlampen auf dem Dach des Zuges und beaufsichtigte die Reparaturarbeiten, nachdem sie beide vergeblich versucht hatten, Spuren zu sichern. Der Agent machte sich immer wieder Notizen, die er in ein kleines rotes Büchlein schrieb. Robert fragte sich, was der Schotte da kritzelte, denn es gab keinerlei Hinweise, außer einem kreisrunden Loch im Zug der Königin. Welche Magie da auch immer gewirkt haben mochte, sie hatte sich durch die zauberverstärkten Panzerplatten gebrannt, als wären sie aus Pappe.

Roberts Haare flatterten in einer Böe. Er blickte über die Wagons hinweg auf die Brücke, die im vollen Mond wie das schwarz glänzende Rückgrat eines kilometerlangen Tausendfüßlers dastand. Die Brücke war in zwei Ebenen gebaut worden. Auf der höheren Ebene fuhren die Züge. Eine Etage tiefer war eine normale Fahrbahn, die für schwere Bodenfahrzeuge und Truppen geeignet war.

Das Meer war ruhig. Robert bemerkte eine helle Spur auf dem dunklen Wasser. Augenblicke später erkannte er ein Schiff, das fast siebzig Schritt tiefer zwischen den Pfeilern kreuzte. Kurz darauf wurden Lichtsignale von einem der Gefechtstürme gesendet. Es war die Stonehenge, ein Kanonenschiff der Loki-Klasse. Sie war kein Geleitschiff, dafür war sie viel zu langsam für den Zug. Offensichtlich war sie dazu abkommandiert worden, die Pfeiler zu überprüfen, die tief im Meeresboden verankert waren. Dies wurde regelmäßig getan, die Zauber, die in den Trägern eingelegt waren, durften nicht nachlassen, denn die Nordsee war ein raues, sturmgebeuteltes Gewässer.

Im Osten begann bereits die Dämmerung, als Robert im dritten Geschützturm, der achtern ein Stück vor den Windfängern stand, einen kurzen, hellen Blitz wahrnahm. Es war kein Signal gewesen, denn diese wurden in komplizierten Farb- und Längenfolgen übermittelt. Es hätte das Mündungsfeuer einer Waffe sein können oder das Blitzlicht eines Fotoapparates. Robert erbat den Feldstecher eines der Späher, die ständig die Umgebung nach Unannehmlichkeiten absuchten und richtete die Linsen auf den dritten Geschützturm. Für einen Augenblick glaubte er, dass dort jemand hinter dem schmalen Sehschlitz stand und zu ihm hinauf starrte. Ein Schauer lief Robert über den Rücken, dann verschwand der Schatten. Die Tür zum Turm öffnete sich, eine Gestalt im Umhang trat hinaus, drehte sich noch einmal um, bevor sie unter Deck verschwand. Er gab das Gerät zurück, wobei er einen verwunderten Blick erntete, denn er hatte damit nicht den Horizont abgesucht, sondern ein Schiff der Königin.

Während über ihm die neue Deckenplatte vernietet wurde, ging Robert durch die Suite. Viel war nicht übrig geblieben. Zum Glück war sein Gepäck in einem hinteren Wagon. Er würde sich in Hammaburg eine Ersatzuniform besorgen müssen. Mit der Stiefelspitze stocherte der Lord in den Trümmern. An einer Wand waren die Überreste seines Revolvers verstreut. Es würde Wochen brauchen, um einen neuen zu bauen. Und dann fiel es ihm siedendheiß ein: das Buch! Das Buch seines Großvaters! Er durchkämmte das Durcheinander, wurde immer hektischer, warf immer wieder einen Blick zur Tür, krabbelte unter das halbzerstörte Bett. Nichts. Nicht einmal ein paar Seiten, oder Fetzen. Er schickte Poe aus, der den Raum wesentlich schneller absuchen konnte, doch der kleine Kerl hob danach nur die leeren Pfoten und seufzte theatralisch, bevor er wieder zu Rauch wurde.

Diese Reise entwickelte sich langsam zu einem Desaster.

 

 

Das Lied von Anevay & Robert
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