Nachtrose
Liesel Furtwanger saß nur zwei parallel verlaufende Straßen weiter im Hafenviertel auf dem Dach einer Taverne und fror sich langsam aber sicher den Hintern ab. Auch wenn sie neben dem Schornstein hockte, gab dieses blöde Ding kaum genug Wärme ab, damit man hier oben nicht das Bibbern anfing. Der Grund dafür war der scharfe Wind, der immer häufiger in Böen vom Hafen kam und derart durch ihren dicken Mantel blies, als hätte sie sich lediglich ein olles Fischernetz um die Schultern gelegt. Das Problem dabei war, dass sie ein ganz bestimmtes Fenster durch ihr Entfernungsokular im Auge behalten musste, doch durch das heftige Zittern hatte sie meist den wolkenverhangenen Nachthimmel oder aber das Haus direkt vor ihr in der Linse. Nicht aber die Windgasse mit dem Haus Nr. 12 und vor allem die Fenster, hinter denen sie den Lord vermutete. Liesel spuckte auf das Teerdach neben sich und rieb die klammen Finger aneinander, den verfluchten Bleistift konnte sie kaum noch halten.
Erst seit gut einem Jahr war Liesel Mitglied der Nachtrose, einer Art Untergrundbewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Regierung im Auge zu behalten. Seit der Kaiser in Wien weilte, und das tat er eigentlich nur noch, hatte sich hier in Hammaburg vieles verändert. Kaum war Ferdinand um die Ecke der Stadtmauer verschwunden, hatte Kronprinz Ludwig schon die ersten Dekrete erlassen. Unter dem Deckmäntelchen der öffentlichen Sicherheit schlichen jetzt nach Einbruch der Dunkelheit die gefürchteten Rabenmänner durch die Stadt. Unter Rabenmasken versteckt, machten sie angeblich Jagd auf Spione, die dem nordischen Feuerbund feindlich gegenüber standen. Doch meist traf es die Bürger Hammaburgs selbst, Leute, die sich schon allein dadurch verdächtig machten, wenn sie in den frühen Morgenstunden betrunken durch die Gassen torkelten und Lieder sangen. Das Schlimme daran war, dass unter den Masken ausschließlich Adelssöhne steckten, die sonst zu nichts taugten und ihre minderbemittelten Fähigkeiten in der Magie durch Schlagstöcke kompensierten
Liesel rückte das Gestell auf ihrem Kopf zurecht. Wer immer dieses Ding beschafft hatte, es musste eine Menge Geld gekostet haben. Oder es war irgendwie von einem Lastwagen gefallen. Diese Okulare von Zeiss benutzten sonst nur Späher auf Schiffen und Zeppelinen.
Sie klappte wieder den sogenannten Linsenzylinder herunter, so dass dieser über ihrem linken Auge saß. Mehrere unterschiedliche Linsen ließen sich ein- und wieder ausklinken, insgesamt waren es acht. Nah- und Fernsicht, verschiede Farbfilter sowie Nachtsicht. Genau dieses schob sie in den kurzen Zylinder, der aussah, als hätte man ein normales Fernrohr nach einer Handbreit abgesägt. Über eine kurze Führungsstange ließ es sich sowohl vor das eine als auch vor das andere Auge schieben, denn jeder Mensch hatte meistens ein gutes oder weniger gutes davon. Das jeweils unbenutzte Auge wurde durch eine filigrane Halterung, in der normales, leicht getöntes Glas steckte, geschützt. Bei starkem Wind äußerst hilfreich. Tränen in den Augen waren für jeden Späher so gar nicht zu gebrauchen.
Doch Liesel war enttäuscht von der Technik. Man sah alles nur noch in Grautönen, heller zwar und in einem matten grünlichen Schein, aber der Knüller war das jetzt nicht gerade.
Ganz am Anfang, als der Lord angekommen war, da hatte sie geglaubt, bläuliches Pulverlicht aufflammen zu sehen, das durch die schmalen Ritzen der Sturmklappen drang, doch dann wurde es wieder zappenduster. Sie wartete noch, bis Thors Hammer am Tempel die nächste Stunde ankündigte, dann versuchte sie mit steifen Gliedern aus der Hocke zu kommen, musste sich dabei am Schornstein abstützen, ging zur Dachluke zurück und kletterte die Holzleiter hinunter.
Sie fühlte ihre Finger nicht mehr. Der Nase ging es auch nicht besser. Hier in der Dachkammer war es kaum wärmer als draußen im Wind. Eine schmale Tür ging hinaus ins Treppenhaus, doch sie nahm die verborgene Tür, die unsichtbar in der Vertäfelung versteckt war. Ein kurzer Druck an der richtigen Stelle und sie schwang gut geölt auf. Liesel zündete die Kerze an, die auf einem Bord hinter der Tür bereitstand. Dieses »zweite» Treppenhaus lief einmal um das ganze Gebäude an der Außenwand entlang. Es war gemauert, damit keine Bretter verdächtiges Knarzen von sich geben konnten. Um auch Schritte zu dämpfen, hatte man die Stufen mit alten Lumpen ausgelegt. So tappte sie die kaum schulterbreite Stiege bis in den Keller hinab, wo eine weitere verborgene Tür in den Lagerraum der Taverne führte.
Sven saß noch immer neben einem umgedrehten Fass, das als provisorischer Tisch diente. Noch immer einen Humpen in der Hand. Nach der Färbung seiner Nase und den glasigen Augen hatte er wohl die ganze Zeit, die Liesel dort oben gefroren hatte, hier unten weitergetrunken. Eigentlich war er zu kaum was nütze, außer Stunk zu machen. Das hatte sie schnell herausgefunden. Sie fragte sich, warum sie mit dieser so einfachen Erkenntnis allein blieb.
»Was machst du denn hier? Sollst doch bei Lord Krüppel durchs Fenster spannen!« Er grinste über die Doppeldeutigkeit seiner Worte. Liesel legte das Entfernungsokular auf eine Bank. Hier unten war es unheimlich. All die Schatten, die zwischen Fässern und Kisten wie schweigende Butzenmänner lauerten. Es stank nach gärendem Kohl, verschüttetem Bier, Wein und anderen eingelegten Lebensmitteln, die eingeweckt in Gläsern auf Regalen standen. Dazu der Geruch von kaltem Tabak und Schweiß, der sich bei hunderten Versammlungen hier unten regelrecht in die Backsteinmauern gefressen hatte.
»Wenn ich noch länger dort oben hocke, friert mir noch was ab«, schnauzte Liesel zurück. »Geh du doch hoch! Bei der Menge, die du intus hast, kann dir die Kälte bestimmt nichts anhaben.« Sven stand schwankend auf, seine Arbeiterhose war fleckig, genauso wie seine grobe Jacke. Er hatte ein verschlagenes Gesicht, sie mochte ihn nicht. Er trat auf sie zu, nun erstaunlich nüchterner und Liesel unterdrückte den heftigen Impuls, vor ihm zurückzuweichen. Sein Atem stank nach Bier und Kohlsuppe. Seine grauen Augen fixierten sie, wie etwas Niederes, dann lachte er plötzlich und grabschte ihr an die Brust. Sie schlug seine Hand beiseite. Das Blut schoss ihr bis zu den Ohren, die zu kribbeln begannen.
»Na, wir wollen doch nicht, dass der schönen Liesel was abfriert, das man noch gebrauchen kann, oder?« Er griff an ihr vorbei, schnappte sich das Entfernungsokular und verschwand kichernd durch die Geheimtür. Liesel brauchte ein paar schnelle Atemzüge, bevor sie sich setzen konnte. Verdammt! Weshalb erkannte niemand, dass dieser Kerl ein gemeingefährlicher Irrer war? Alles, womit er sich hervortat, war sein beinahe schon beängstigender Hass auf Kronprinz Ludwig. Ansonsten klopfte er aber nur Sprüche, qualmte selbstgedrehte Zigaretten und war mehr betrunken als zu irgendetwas nütze. Und zu waschen schien sich der Kerl auch nie, man roch ihn drei Kilometer gegen den Wind. Er machte ihr Angst, wenn sie ehrlich war.
Auf der Treppe zum Schankraum polterten schwere Stiefel, ein Klopfzeichen wurde gemacht und dann erschien Alfred, der Wirt vom Schimmelreiter, in der Tür, die er fast gänzlich ausfüllte. Alfred war ein gutmütiger Berg aus Muskeln und Bart. Er trug eine Segeltuchhose, schwere Seemannsstiefel und ein blauweiß gestreiftes Fischerhemd, das bis zur üppigen Brustbehaarung offen stand, in der eine Kette von Thors Hammer baumelte. Alfred hatte nur noch einen Kranz aus schwarzen Locken um den Schädel, doch machte er das mit einem gewaltigen Schnurrbart wieder wett. Seine Hände waren groß wie Schaufeln, mit seinen Armen trug er ein Sechzigliterfass Bier unter einem Arm, als würde nur die Sonntagszeitung darunter klemmen. Er schloss die Tür wieder hinter sich, verriegelte sie und stellte ein Tablett mit dampfender Suppe, Brot und einem Becher Tee ab.
»Dachte, du könntest was Warmes vertragen, nachdem du dort oben sicher halb erfroren bist.« Seine Stimme klang ruhig und tief. Dann wischte er sich die Hände an der Schürze ab. Liesel stürzte sich auf das Essen.
»Oh Mann, das ist echt lieb von dir, Alfred. Mir hängt der Magen schon unter den Schuhsohlen.« Sie pustete über den Löffel und genoss die Wärme, die sich in ihrem Bauch breit machte. Alfred war berühmt für seine Eintöpfe, die selbst das härteste Wetter aus den Gliedern vertrieben. Er zog sich einen Hocker heran und sah ihr amüsiert zu.
»Bist ´ne feine Deern, Liesel. Wie geht es deiner Mutter, schon besser?« Liesel schüttelte betrübt den Kopf.
»Nein, der Husten will sich einfach nicht lösen, im Gegenteil, er wird schlimmer. Klingt, als ob ein Hund bellen würde, sag ich dir.«
Der Wirt nickte verständnisvoll, wobei er nachdenklich seinen Schnurrbart zwirbelte. »Ich geb` dir etwas Eintopf mit, aber erst in der Früh, wenn die Rabenmänner fertig sind mit Schikanieren.« Es gab fürchterliche Gerüchte, dass gerade junge Frauen des Nachts von den Rabenmännern belästigt wurden. Manche murmelten gar von Vergewaltigungen und Entführungen. Liesel war erleichtert, dass sie bis zum Morgengrauen hier bleiben konnte, auch wenn die Sorge um die Mutter sie heimwärts zog. Sie bedankte sich. Der Wirt winkte ab, das sei doch eine Selbstverständlichkeit.
Von oben war raues Lachen zu hören und ein Lied wurde angestimmt.
»Sag mal, Alfred, woher kommt dieser Sven eigentlich? Ich schwör dir, der Kerl ist mir unheimlich.«
»Gute Frage. Fenno hat ihn angeschleppt, hat ihm geholfen ein paar Rabenmänner abzuschütteln, als der nen Sack Kartoffeln aus nem Lager am Hafen klauen wollte. Er schwört auf Sven. Außerdem soll er dafür mitverantwortlich sein, dieses Ferndingsda besorgt zu haben.«
»Wie das denn?« Das konnte Liesel sich nun so gar nicht vorstellen.
»Hat angeblich gute Kontakte zum Hafenmeister, ist aber alles sehr vage, wenn du weißt, was ich meine. Sprich ihn also lieber nicht drauf an.« Alfred erhob sich. »So, muss zurück in den Schankraum, Liesel. Da oben hockt ´n Schotte und schmeißt Runden wie ´n Piratenkapitän. Aber wenn der kein Pikte ist, dann fress ich unsere Fußmatte. Laufen allerhand Fremde dieser Tage durch unsere Stadt.« Er lachte und nahm das leere Tablett von Liesel entgegen. »Bleib´ noch ´n büschn hier unten, Mädchen, dann kannst du dich bis zur Früh in der kleinen Kammer neben der Küche etwas auf´s Ohr hauen, in Ordnung?« Er zwinkerte ihr zu.
»Hab´ lieben Dank, Alfred.« Er brummte etwas, nickte aber.
»Und grüße deine Mutter von mir, hörst du. Ich hoffe, die im Norden spinnen und es wird kein verflixter Maschinen-winter.«
»Mach ich bestimmt, Alfred. Versprochen!«
Er kratze sich sinnierend am Nacken. »Gut, so ist es gut, mien Deern.« Damit schloss er den Keller wieder auf, schnap-pte sich noch ein Fass und kletterte laut auf den Nachschub aufmerksam machend die Treppe zum Schankraum hoch. Wildes Johlen war die Antwort der durstigen Gäste.
Liesel blieb in dem düsteren Raum zurück, die Hände um die nur noch lauwarme Tasse Tee geschlungen. Maschinenwinter. So bezeichneten vor allem die Seeleute einen Winter, der so hart wie Stahl war. Dann ging fast nichts mehr. Motoren liefen dann nur noch mit Pulver. Allein Maschinen mit dieser magischen Hitze konnten der unbarmherzigen Kälte widerstehen. Dann würden Eisbrecher mit rot glühenden Rammen die Flüsse und Häfen freihalten müssen. So jedenfalls hatte es ihr Vater ihr einmal erzählt. Und dann würde Hel kommen und die steifen Toten auflesen, um sie in ihr Reich mitzunehmen. Was solch ein schlimmer Winter für ihre Mutter bedeuten mochte, daran wollte Liesel lieber nicht denken.
Irgendwann war sie eingeschlummert, bis Alfred sie weckte und sie mehr in die Kammer trug, als dass sie selbst ging. Er brachte eine zusätzliche Decke und kaum lag Liesel auf dem schmalen Bett, da kam der Schlaf wie ein dunkles Meer.
Als sie aufwachte, war Liesel seltsam zumute. Sie brauchte ein wenig, um zu erkennen, dass sie nicht daheim war. Sie machte sich etwas frisch und ging in den Schankraum. Bertha, eine voluminöse Köchin des Hauses mit dem Gemüt einer alten Eiche, lächelte sie herzlich an. Alle Fenster standen offen, damit die letzte Nacht herausziehen konnte.
»Alfred ist schon auf dem Markt, Liesel. Der Korb da ist für dich. Ich hab noch etwas Brot von gestern dazu getan, wenn´s recht ist.«
»Richte Alfred bitte nochmals meinen Dank aus, Bertha. Und auch für das Brot danke ich, Mutter wird sich freuen.« Doch die Köchin war schon wieder dabei, die Tische abzuwischen. Das heiße Wasser aus dem Eimer dampfte.
Als Liesel auf die Straße trat, drückte graues Licht auf die Dächer Hammaburgs. Irgendwie schaffte es die Luft, nach Regen und Schnee zu riechen. Sie wickelte sich ihren alten Schal um die Schultern und ging die Holztorgasse Richtung Stadtbahn entlang. Es war bereits einiges los. Seit dem das Pulver rationiert worden war, klapperten wieder die alten Karren der Torfstecher in den Straßen, die heiser ihre zuverlässige Ware zwischen den Häuserwänden verkauften. Boten eilten über das Kopfsteinpflaster, mit wichtigen Botschaften in ihren Lederröhren, die sie wie Köcher auf dem Rücken trugen. Polizisten schlenderten seit Monaten nur noch zu zweit, wirkten dabei aber gelangweilt wie eh und je. Studenten bildeten keine Pulks mehr, sondern waren höchstens noch in Vierergruppen unterwegs, die Ranzen ordentlich geschultert, statt sie ständig in die Luft zu werfen und unter Gebrüll wieder aufzufangen. An jeder dritten Straßenecke stand ein prächtig herausgeputzter Rekrutierungsoffizier, ließ die Augen wachsam über die Menge gleiten, mit einem Klemmbrett in der Hand und einem Lächeln im Gesicht. Die Studenten wechselten dann meist auf die andere Seite.
Lange war Liesel nicht mehr im Hafenviertel gewesen und die Veränderungen machten ihr mehr Angst, als sie gedacht hätte. Ja, der Hafen war der Brennpunkt von Hammaburg, aber war sie etwa zuvor blind durch ihre eigene Stadt gelaufen? Zugegeben, sie fuhr eigentlich nur die Strecke von Fulesbotel bis in die Innenstadt zum Hotel Atlantik, aber wann, bei Freyja, waren all diese Veränderungen nur geschehen?
Martialisch qualmende Läufer standen vor allen kaiserlich gesiegelten Gebäuden, zu denen neuerdings sogar ein schlichtes Postamt zu gehören schien. An jeder größeren Kreuzung prangte ein Bild vom wohlwollend grinsenden Ludwig und in den öffentlichen Aushängen hagelte es poetische Lobpreisungen auf den Prinzen.
Liesel war zutiefst verwirrt. Was ging in dieser Stadt vor? Zum ersten Mal merkte sie, welch kleines Rädchen sie darin war. Ein Staubkorn, nicht mehr als ein angehängter Name am Ende einer bedauerlichen Nachricht.
Den Korb fest in den Händen, sah sie einen schwarzen Zeppelin über der Station schweben, als sie auf die Gasse zur Stadtbahn einbog. Ein langes Seil hing von der schwarzen Schwalbe herunter, bis es sich hinter den gemauerten Türmen des Bahnhofs verlor. Jetzt war sie wirklich verunsichert. Die Frau im Schalterhäuschen blätterte in einer Zeitung, als Liesel nach einer Fahrkarte fragte. Sie bezahlte die drei Kupferpfennige aus der Jackentasche. Diese Summe hatte man immer griffbereit.
»Was hat denn die Schwalbe dort über den Gleisen zu suchen?«, fragte sie unwissend. Die alte Dame schaute nicht einmal auf, während sie den Schnodder hochzog.
»Is´ wegen dem Pulver. Mehr weiß ich auch nich´.« Gespräch beendet.
Liesel nahm die Fahrkarte und stieg die Treppen hoch zum Bahnsteig. Oben angekommen schauten viele der Fahrgäste in den Himmel, anstatt auf die Gleise, auf denen eigentlich die nächste Bahn kommen sollte. Stattdessen stand dort bereits ein Zug, doch waren seine Türen verschlossen. Dirigierendes Geschrei erhob sich von der Kanzel. Ein Mann mit Schaffnermütze hangelte bis zum Torso aus der Luke der Lokomotive und brüllte Anweisungen. Das Vibrieren der Gondelmotoren war wie ein dumpfes Kribbeln im Magen. Der Zeppelin senkte sich tiefer. Es dauerte, bis man das Zugseil von oben in eine Vorrichtung dort unten verankert hatte. Dann schienen aber alle Beteiligten zufrieden. Ho-Rufe hallten über den Bahnsteig. Vereinzelter Applaus der Fahrgäste.
Liesel sah sich um. Auch hier war das Gesicht des Kronprinzen allgegenwärtig. Es überdeckte die Plakate für Tanz, Theater oder Konzerte - eine Premiere im legendären Eisenauge - und erstickte sie mit seinem dämlichen Grinsen, so empfand sie es.
Für einen Moment war sie sehr stolz, eine Nachtrose zu sein. Der Duft des zugedeckten Brotes im Korb aber stieg ihr in die Nase. Was war all das wert, wenn ein Mensch nicht länger sein durfte? Ihn ein einfacher Husten seines Lebensfunkens beraubte? Die Götter einfach nur nahmen, ohne jemals zu erklären? Einfach bestimmten. Was, wenn sie wirklich einen Maschinenwinter schickten? Hatten die Götter überhaupt schlagende Herzen? Oder sahen sie nur zu?
Die Hammaburger Stadtbahn würde also fortan von einem Zeppelin gezogen werden, um damit wohl zweierlei Dinge zu erfüllen: Die Verkehrswege weiterhin offen und ganz nebenbei die Stadt und ihren Luftraum im Auge zu behalten. Die Türen wurden geöffnet.
Liesel kauerte sich in den nächstbesten Sitz. Das Abteil roch nach nasser Kleidung und billigem Fusel. Sie stellte den Korb neben sich auf den Boden, als wäre nur etwas Brennholz darin und nicht etwa Brot und Suppe, die für Tage reichen konnten. Sie hoffte, niemand würde den Geruch des Brotes erkennen. Ein Horn erklang, dann ruckte der Zug vorwärts, jemand stieß sie dabei an. Sie atmete erleichtert aus, als derjenige schnell weiterging.
Was aber war mit ihr los? Sie fühlte sich wie ein Verbrecher, der noch immer das Tatwerkzeug in der Hand hielt. Auf einer Bühne, mit Scheinwerferlicht mitten im erschrockenen Gesicht. Erkannt, verurteilt und nur einen Augenblick später, auf einem Rad fixiert, der jubelnden Menge vorgeführt. Eine Schande ertragend, die Mutter und Vater mit ansehen müssen. ›Wir haben es gewusst! Wir haben es immer gewusst …‹
Die Lokomotive hielt wesentlich langsamer als sonst, da ein Zeppelin nicht punktgenau stoppen konnte, wie es ein Zug an einer Haltestelle der Stadtbahn gewöhnlich tat. Liesel stand auf und stellte sich an die Ausgangstüren, den Korb lässig im Arm. Als sie endlich zum Stillstand kamen, musste sie erst durch wilde Sträucher neben der Strecke laufen, bis sie die Treppe hinunter eilen konnte, mehr eine Flucht als ein Heimkommen. Sie begann zu rennen.
Das Schloss klemmte, zugefroren? Oder war etwa der Schlüssel verkehrt? Sie drückte alle Klingeltasten. Ihr Herz schlug zu schnell, zu langsam? Sie stieß die verwitterte Tür auf, Glas splitterte. Sie durchquerte den gefliesten Flur. Die knarrenden Stufen hinauf. Ihr Herz dröhnte, rauf in Nummer 401. Zimmerstimmen platzten in ihr Herz, scherzten, versuchten sie abzulenken. Es war Abendbrotzeit, da waren die Götter besonders wirksam. Zufriedenheit ganz nah.
Liesel aber wurde kalt.
›Es war verloren, nicht wahr? All die Geborgenheit, all die Zuversicht, mit einem Winterwind ausgelöscht.‹ Sie stolperte in die Wohnung wie ein verwundeter Soldat.
»Mutter!«
Ein Husten erklang. »Hier, Liesel.«
Sie lebte, sie lebte noch! Woher war dieses kalte, grabestiefe Gefühl nur gekommen? Sie setzte schnell ein Lächeln auf.
Ihre Mutter hatte trotz aller Mahnungen das Bett verlassen und Tee gekocht. Ihre Lungen klangen immer furchtbarer. Eine Zeit lang saßen sie schweigend am abgewetzten Küchentisch. Etel Furtwanger war eine schöne Frau gewesen, jetzt hatte die Krankheit sie in ein ausgemergeltes Wesen verwandelt, das kaum noch wiederzukennen war. Der Schatten von Hel lag wartend in den tiefen Furchen, die sich um ihren Mund gebildet hatten. Liesel entdeckte einen Stoß neuen Brennholzes unter der Spüle.
»Woher ist das, Mama? Du warst doch nicht etwa draußen, oder?«
Ihre Mutter schüttelte den Kopf, was sie sichtlich einige Kraft kostete.
»Jakob Rothmann war hier, Liesel. Er war so lieb und hat einen Klafter für uns mitgebracht. Er wollte dich sprechen, aber ich sagte ihm, dass du im Hafen Spätschicht hättest.« Ihre knöchrigen Hände klammerten sich um die Teetasse. »Er sucht seinen Sohn, den Peter, fragte, ob wir ihn vielleicht gesehen haben.» Sie hustete wieder.
»Den Peter?« Liesel dachte nach, wann sie das letzte Mal dem jungen Rothmann begegnet war. Sie erinnerte sich nicht, es war zu lange her. Wohl im Sommer. Außerdem hatte sie keine Zeit, sie musste sich umziehen und auf den Weg zum Atlantik-Hotel machen. Sie hatte die Mittelschicht heute. Sie stellte den Korb mit dem Eintopf neben den Herd, wies ihre Mutter an, unbedingt davon zu essen, sonst werde sie sehr ärgerlich. Ein gehustetes Versprechen war die Antwort. Etel zog sich in ihre Kammer zurück.
Liesel wechselte die Kleidung und kaum eine halbe Stunde nach ihrer Ankunft machte sie sich todmüde auf den Weg. Sie musste Geld verdienen. Und dann war da ja noch dieser Lord, auf den sie ein Auge haben sollte.