Blut und Steine
Regen trommelte dumpf auf das Glas. Erstes Licht floss durch das Deckenfenster, die schwarzen Wände hinunter. Gold vermischt mit Himbeere. A drehte den Kopf, Isabelle schlief eingeigelt, der Körper nur ein grauer Buckel unter der Decke, den Atem gegen die Wand gepresst. Sie schnaufte mehr, träumte wohl von Schiffen.
A blickte zu dem rundem Fenster auf, stellte sich vor, wie sie es erneut zerschmetterte, die Scherben auf sie niederprasselten und sie diese dann auffing, jede einzelne von ihnen. Ihre Gedanken ebenso schnell wie das Auge. Das Klirren dieses Wunders landete einfach mitten auf ihren ausgestreckten Händen. Neugierig betrachtete sie das Glas, funkelnd, zerbrochen und rieb es lachend über ihre Arme. Sie spürte die Stiche, sah das Rot ihres Blutes, das aus der Haut quoll, freigelassen. Endlich frei. Sie lachte lauter, nahm eine besonders große Scherbe, hielt sie ins Licht der aufgehenden Sonne, hob ihr graues Hemd an und stach sie in den Nabel. Der Schmerz war wie verwahrlost, ging überall hin, kannte keine Grenzen, lief brüllend umher, fand eine alte, versiegelte Tür, sammelte sich zu einem Schlüssel und öffnete sie. Die Tür knarrte. Sie ging auf. Dunkles, dickes Schwarz schwappte ihr entgegen, umspülte ihre nackten Zehen, gefüllt mit dem Glühen von tausenden von Splittern, die darin schwammen wie …
A riss den Kopf hoch, die Decke rutschte zurück auf ihre Schlüsselbeine, und japste zitternd nach Luft. Ein Traum, nur ein Traum - bitte.
Isabelle starrte sie an, die blassen Augen wie versteckte Vögel unter einer Schicht aus dreckigem Schnee kauernd. Pickend. Dann lächelte sie scheu.
Noch immer war A so müde, als wäre sie in diesen Träumen gerannt oder hätte etwas gesucht, doch sie setzte sich auf den Rand des Glasbettes und krallte ihre Hände in die Beine. Das Licht zog weiter. Es wurde heller, fast grell, dann wurden auf der anderen Seite des Raumes die Schatten endlich länger. A sah ihnen dabei zu. Sie aß nicht, sie trank nicht. In ihrem Kopf war eine hohle Blase. Selbst als es dunkel wurde, und das letzte Schimmern der Welt mit den schwarzen Wänden verschmolz, blieb sie dort sitzen. Isabelle versuchte, ihr den Krug zu reichen, hielt A die Schale mit Hafergrütze unter die Nase, doch sie nahm nur die linkischen Bewegungen wahr, Isabelles aufmunternde Worte glitten durch sie hindurch. Sie rochen nach Schweiß auf fahler Haut. Nach sprödem Haar und knarrenden Kellerstufen.
Etwas in Anevay ging seinen ganz eigenen Weg und sie saß staunend davor. Wartend. Die Nacht brach herein. Sie war nicht länger müde, war nicht länger Anevay und doch wusste sie, was sie dort tat. Manchmal lächelte sie sogar, weil sie begriff, wie unsinnig all das war, doch konnte sie nicht damit aufhören. Es war wie ein Rausch. Was ihr Angst hätte machen sollen, beruhigte sie immer mehr. Die Stimmen in ihr wurden leiser und leiser, gingen schlafen, während sie wach blieb. Eine Welle der Überlegenheit strömte durch sie, kam jedoch nirgendwo an. Dennoch blieb sie dort sitzen.
Am dritten Tag holten sie A ab.
»Sitzt da wie ne Statue!« Fingermann. Unsicher.
»Halt die Schnauze und fass mit an!« Jagor. Selbstbewusst, hinter einer Mauer, in der ein Stein fehlt.
Sie hoben A hoch, zogen ihr eine Jacke aus weißem Stoff an, arretierten ihre schlaffen Arme hinter dem Rücken, fesselten die Finger zu einem nutzlosen Bündel.
Anevay ging bewacht und eskortiert durch die endlosen Tunnel. Barfuß. Es war ihr egal. Fingermann schlug von hinten zu, ließ den Stock immer wieder auf ihre Schultern fallen, als wäre es gar nichts. Jagor ging voran. Er wollte hier raus. Er legte die Arme an sich wie ein zu großer Vogel ohne Flügel. Rechts war nicht seine Seite.
Zum zweiten Mal ging Anevay über die Steinplatte mit den tausend Löchern, die mechanische Tür entriegelte sich und sie traten hinaus auf den Vorplatz. A musste für einen Moment die Augen zukneifen, aber nicht lange, denn der Drang nach Licht und Farbe war unwiderstehlich. Sie tränten, als sie den Himmel sah. Die Wolken schnellten dahin, schwer und bauchig. Ihr war nicht im Geringsten bewusst, wie lange sie ihr Leben zwischen den gläsernen Wänden verbracht hatte, aber nun roch sie den herben Duft von gefallenem Laub und einen Wind, in dem bereits der Winter ein paar Strähnen seines kalten Haares verteilt hatte. Es mussten also viele Monate vergangen sein. Als man sie aufgegriffen hatte, war es Sommeranfang gewesen. A schauderte im kalten Wind, spürte erneut den Kies unter ihren Füßen. Doch dieses Mal war die Ruhe ihr Begleiter, nicht die Angst.
Der Wagen stand da, jener, der sie damals auch hierher gebracht hatte. Es war ein Ungetüm aus Stahlblech, mit Reifen, die durchaus für das Gelände geeignet waren, schwarz und mit dem weißen Emblem des dramatischen Flügels darauf. Die Fahrerkabine wirkte wie die Schnauze eines Wachhundes, das Heck hing klobig auf den hinteren Achsen, eine fahrbare Zelle.
Fingermann stieß Anevay mit dem Schlagstock auf die Ladefläche zu. Sie ging, sagte ihm aber nicht, dass in seinem Atem der Geruch von Rost lag. Einer seiner Zähne müsste bald gezogen werden. Er öffnete fahrig die Verschlagtür, nur eine Seite, und nickte nach innen. A lächelte, kletterte hinein, setzte sich auf die schmale Bank an der Außenseite. Sie hätte fragen müssen: ›Wohin bringt ihr mich? Was hat das alles zu bedeuten?‹ Doch da waren keine Fragen in ihr. Nur Fingermann, der sie anstarrte, als ob sie ein Messer unter der Zunge versteckt hielt, jeden Moment alle Fesseln abstreifen würde, nur um ihn zu töten. Es war keine blanke Furcht in seinen Gesten, doch eine Vorsicht, die bis vor ihre nackten Füße gekrochen kam.
Kies knirschte erneut, ein zweiter Wagen hielt hinter dem Transporter, A sah nur die verzierten Scheinwerfer, die summend ihre Linsen einklappten. Ein mit Pulver betriebenes Auto! Wieder fragte sie sich, was an ihr war, dass ein solcher Aufwand betrieben wurde. Die grau berockten Waden von Mrs Redbliss schnellten an dem Spalt vorüber, eine Tür schlug zu. Die Linsen erwachten wieder zum Leben, der Wagen begann zu brummen.
»Macht sie dir solche Angst?« Jagors Lachen. Fingermann drehte sich empört um. »Schwing deinen Arsch endlich da rein oder ich mach dir Beine, Finger!« A lächelte wieder, aber sie verbarg es, als Fingermann unruhig in den Verschlag blickte, das Trittbrett erklomm und sich ihr gegenüber hinsetzte, mit dem Stock auf sie zeigend. Die Tür wurde zugedonnert, das Schloss rastete ein, Motoren begannen zu vibrieren. Ein Rumpeln ließ sie beide wanken. Die Fahrt begann.
»Endlich einmal etwas Abwechslung.«, sinnierte Anevay gerade heraus.
Fingermann starrte sie an. Er wollte lieber eintausend Meilen weiter fort sein, das sah man ihm an. Er trug die gefährliche Mischung von Angst und Trotz zur Schau. Selbst wenn sie gefesselt war, er würde ihr den Schädel einschlagen und behaupten, sie habe ihn angegriffen, sollte sie auch nur verkehrt blinzeln. Wieder tat er aus Nervosität etwas, das er nicht hätte tun sollen: Er tippte mit dem Schlagstock auf ihr Knie. A wusste, was er ihr damit sagen wollte: ›Nur noch ein Wort und ich mache dir dein Leben zur Hölle.‹ Dann war er an der Reihe zu grinsen.
»Sie werden es finden!« Er geiferte fast danach. »Sie werden dein Blut nehmen und den Zauber darin finden! Dann wird niemand mehr über mich lachen, niemand mehr.«
»Und was, wenn nicht?« A fragte es ganz sachlich. Fingermann wirkte erschrocken, geradezu paralysiert, schüttelte heftig den Kopf.
»Nein, sie werden es finden! Ich spüre es! Und sie werden es verdammt noch Mal auch … !«
»Was?» A knurrte. »Wegschneiden?«
»Wenn es sein muss, ja!« Er fing sich wieder. »Da haben sie Geräte für. Nur für dich.« Er strahlte.
»Ich werde nicht in ihre Geräte passen, ich werde mehr sein!«
Der Stock tippte weiter auf ihr Knie, nur schwächer als zuvor. Unsicherer.
»Wir werden es ja sehen. Von ganz nah.« Dann schwieg er, während er besorgt seine Wange befühlte.
Der Wagen fuhr, durchmaß die Straßen, hinein in ein unbekanntes Gebiet. Noch roch es nach Wäldern und obwohl A mit jedem Kilometer nachdenklicher wurde, so wurde ihr Herz immer fester, gefasster. Angst war ein Zustand des Körpers. Er konnte nicht ewig darin verharren, ohne dabei sein Gesicht zu verlieren. Irgendwann war Feuer einfach nur noch Feuer, waren die Flammen nur noch Flammen, dann legte man seine Hand dort hinein und genoss die Wärme, weil es das Einzige war, das dich noch berühren konnte.
Das Haus von Mr LaRue war ein gut verborgenes Beispiel von eleganter Architektur und gewiefter Schönheit. Es hatte viele weite Fenster, die Offenheit zeigen sollten, dabei aber eckige Kanten und Giebel, die genau das Gegenteil symbolisierten. Überall hockten Kupferwächter, die wie zufällig den Garten im Auge behielten. Anevay mochte das Haus nicht. Es war eine spontane Entscheidung, als man sie aus dem Verschlag ließ. Jeder Ort hatte eine Aura und diese gefiel ihr ganz und gar nicht. Sie war wie der erste Schnee. Eben noch ist er harmlos, aber warte nur ab. Das Haus sagte: ›Ich blicke auf dich hinab, weil ich bin, was ich bin: Größer als du!‹
Man führte sie auf einem Kiesweg entlang, der nur aus weißen, runden Steinen bestand, um das Haus herum. Und erst, als sie um die westliche Hausecke bogen, erkannte sie das ganze Ausmaß des Gebäudes, welches sich nach hinten in einen schier unendlichen Garten zog, fast wie eine Fabrikhalle, nur dass alles aus Glas war. Die Bauten, die wie verlängerte Arme an das Herrenhaus grenzten, waren niedrige, vollendet geformte Bogenkonstruktionen aus Glas und Kupferstreben. Sie schritten weiter an kunstvoll gestutzten Heckenwesen vorbei, die ihre Körper entweder an den Boden drückten oder in den Himmel zu greifen schienen. Blättrige Schemen, die weder tot noch lebendig waren. Und dort sah Anevay zum ersten Mal die goldenen Augen.
Zwischen den vielen Zweigen und Schatten starrte sie etwas an! Anevays Blick zuckte immer wieder zwischen ihren Bewachern und dem, was sie glaubte nicht sehen zu dürfen, hin und her. Doch mit jedem Schritt weiter in den Garten folgten ihr diese Augen. Lautlos, kein Duft, kein Laut. Es war, als könnten sie sich seitwärts durch das Gestrüpp bewegen, ohne es zu berühren. Als habe der Körper, dem dieser Blick gehörte, keinen Leib aus Fleisch und Blut. Und dann hörte sie ihn, ein Knurren, das aus der Erde unter ihren Füßen zu steigen schien, sich mit jedem Meter in ihre Fersen wühlte. A spürte Macht, soviel davon, dass sie stolperte und in Fingermann hineinlief. Er drehte sich um, hob drohend seinen Stock, grinste, und senkte ihn wieder.
»Hast ja ganz ängstliche Augen!« Er stank aus dem Mund. Er würde sich niemals an jemanden anschleichen können, wenn der Wind falsch stand. Bevor A bissig antworten konnte, bekam sie einen derben Schubser in den Rücken.
»Halt verdammt noch mal die Schnauze, Finger.« Jagors Stimme zischte nervös und A fragte sich, warum das so war. Sie gingen weiter durch den Garten, an den Glasgebäuden entlang. A sah Schatten dahinter, glaubte einmal sogar die Umrisse von Palmen zu sehen. Doch mit jedem Atemzug zog es ihren Blick in den Wald und die wilden Büsche, die das Grundstück umschlossen. Doch so sehr sie auch suchte, die goldenen Augen waren fort.
Sie stoppten und Mrs Redbliss blieb vor einer Treppe stehen, die nur wenige Stufen in die Tiefe ragte. Eine hüfthohe, kupferne Säule stand dort, die den kleinen Kopf eines Hundes hatte und sie sprach langsam und ohne merkliche Regung eben diesen an.
»Wir sind da.« Mehr sagte sie nicht. Die metallischen Augen des Hundes öffneten sich, für einen Moment glaubte A gar ein Schnüffeln zu hören, dann schlossen sich die Lider wieder und das mittlerweile vertraute Klacken und Summen einer mit Magie versehenen Tür gab ihre Riegel frei. Mrs Redbliss stieg die Stufen hinab - es waren acht - A wurde kurz geboxt, damit sie folgte und passierte eine Tür, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Sie war rund und schien aus vielen, verschiedenen Segmenten gefertigt worden zu sein, die sich symmetrisch ineinander schoben, sobald sie geöffnet oder geschlossen wurde. Als A die Schwelle, die mehr wie ein Schott in einem Schiff wirkte, übertrat, schlug ihr feuchte, schwere Luft entgegen, gesättigt von prallem Pflanzenduft, Erde und Holz. Ein weicher, tiefroter Teppich umschlang ihre Füße. Helles Licht schaltete sich ein, fiel jedoch nicht auf die eingetretenen Personen, sondern auf wohl dutzende von Glaskästen, in denen zarte, hellgrüne Pflänzchen ihre zaghaften Blätter aus dunkler Erde erhoben. Ein kurzer, schneller Blick genügte, um festzustellen, dass es unzählbar viele waren. Jeder Glaskasten stand auf einem schmalen Tisch, der nur aus Eisenholz gemacht sein konnte, so dunkel und edel sah es aus, und über jedem Tisch hing eine Lampe, die wie eine untergehende Sonne orange glühte. Es konnten nur von speziellem Pulver betriebene Lampen sein, denn sie spiegelten den Lichtverlauf eines Tages wider. Und es waren eine Menge Lampen, folglich eine Menge an Pulver. Pulver aber war teuer, sehr teuer und somit war dies eine gigantische Zurschaustellung von Geld. Geld war Macht. Und Macht war nichtig und klein, wenn niemand sie anbetete. Anevay senkte den Blick auf den Teppich. Ihre Haare wurden schwerer, die Muskeln in den Schultern spannten sich. Die Luft wurde kühler, so fühlte es sich an, als die Worte zu ihr trieben, sie kleiner werden und Schnee auf ihre Haut fallen ließen. Sie sah ihn nicht, aber sie hörte ihn.
»Das ist das gleiche Mädchen? Diese verschüchterte, unbekannte Variable in einer sonst so perfekten Gleichung.« Der Schnee seiner Worte wehte direkt in Anevays Mund. Der hagere Mr LaRue kam herbei geschlendert, als würde er einer unerforschten Pflanze ihren zukünftigen Käfig zeigen. Er trug einen schwarzen Morgenmantel aus Brokat, der mit goldenen Stickereien besetzt war. Dort schauten exakt ausgerichtete Manschetten aus den weiten Ärmeln. Seine Füße steckten in ledernen Slippern. Die wenigen blonden Haare, die er stolz für eine Frisur hielt, hatte er sich über den dünnen Schädel gekämmt, was ihn eitel machte und gleichzeitig hässlich. Sein linkes Bein war kürzer als das andere, er stand leicht schief, die eine Seite suchte ständig nach Halt.
MrsRedbliss knickste leicht, dann straffte sie sich, als hätte sie eine Hürde übersprungen. Ihre graue Kleidung kroch vor dem Schwarz des Gastgebers - verlor absichtlich - blieb zurück. Sie nahm eine demütige Haltung ein, beugte das Haupt vor einer Schlange, die lauter zu zischen vermochte als sie.
A nahm seinen Geruch wahr, der nicht zu diesem Ort passte, er war zu schwer, blumig und von etwas durchdrungen, das ihr nicht gefiel. Da schwebte ein übler Duft im Hintergrund, der gefährlich roch. Metallisch, nach Säure. Es stach in der Nase, ganz hinten, dort wo der Körper auf der Hut ist.
»Sie sieht ... ziemlich ... blass aus!« Er wandte sich gespielt entrüstet an Mrs Redbliss. »Hat sie denn noch nicht den Blutmond gesehen?» Die Frage klang gelangweilt, war sie aber nicht. In Anevay stieg stille Wut empor. Kein Zyklus. Keine Frau. Niemand. LaRue wendete sich ihr wieder zu. Er zog eine dünnrandige Brille aus dem Innenfutter seines Hausmantels, setzte sie fast beiläufig auf. Er maß sie aus, fuhr an ihr hinauf und wieder hinab, verglich sie mit Skalen und Tabellen, die noch ganz andere Dinge bestimmten als nur die Größe eines Menschen. Sie war kein Mensch mehr, sondern ein Ding. Er suchte nach etwas Anderem, etwas, das verschlossen war wie eine Tür. Und A war jemand, der ein potentieller Schlüssel dazu war.
Er trat dicht vor sie hin, der stechende Geruch von Säure wurde stärker, nur wenig überdeckt von der kalten Aura seiner Anwesenheit.
»Ich persönlich denke, du bist ein Nichts! Aber wirst du mir das auch beweisen können?« Seine klamme Hand langte nach ihr, als wolle sie unter das Kinn greifen. Da sprang Anevay vor und bekam den Zipfel seines weißgestärkten Hemdes zwischen die Zähne. Knurrte dabei wie eine Furie.
Plötzlich waren alle auf den Beinen. A bekam einen laschen Hieb in den Rücken, jemand stolperte und fiel gegen eine der Glasvitrinen. Es schepperte im ganzen Raum. Luft zischte irgendwo heraus. Es war der abrupte metallische Geruch, wenn Kupferwesen ihre Bestimmung fanden, der A in die Nase stieg. Klauen packten ihr linkes Bein, sie fauchte, stieß zurück. Poltern. Glas zerbrach, Pflanzen wirbelten umher. Anevay stieß ein neuerliches Knurren aus, so heftig sie es vermochte. Der Riss kam unvermutet, aber sie hatte plötzlich das halbe Hemd in ihrem Mund und zerrte daran wie ein irrer Wolf. Sie nahm Rufe wahr, wilde Schreie.
»Bändigt endlich diese Missgeburt, verdammt!« LaRue wimmerte, wankte, er versuchte, aus der Gefahrenzone zu stolpern, aber A hielt ihn fest. Für einen Moment dankte sie aufrichtig ihren guten Zähnen. Sie bekam einen Schlag gegen den Kopf, er dröhnte in ihr nach, lockerte aber nicht ihren Kiefer. Anevay biss weiter zu, es war ihr egal, worein. Metall in ihrem Mund, sie spuckte einen Knopf in hohem Bogen aus. Dann packte sie so heftig etwas von hinten um den Brustkorb, drückte so sehr zu, dass ihr alle Luft aus der Kehle wich. Sie strampelte, doch der Druck wurde immer stärker. A fühlte, wie sich ihre Rippen bogen, sich gegen den Widerstand drängten. Sie würden brechen, gleich. Sie öffnete den Mund, keuchte. LaRue starrte sie an, als hätte er gerade ganz heldenhaft einen Kampf gewonnen und strich sich übertrieben langsam den zerknitterten Kragen zurecht. Ein kurzer Blick zur Seite zeigte ihr einen taumelnden Fingermann, der sich benommen aus einem Haufen von Scherben, Pflanzen und Erde erhob, eine Beule an der Stirn, die sich verfärbte. Jagor stand da, als hätte er sich nicht bewegt, doch seine Knie zitterten. Mrs Redbliss war noch an der Stelle, wo sie sie zuletzt aus den Augen verloren hatte. Sie sah A an. Ihre grauen Augen fixierten sie und für einen Moment glaubte Anevay, so etwas wie Genugtuung darin zu sehen. Dann traf ein Schlag Anevays Wange. Schlaff und ohne Kraft. A drehte den Kopf zu LaRue.
»Mach´ nur weiter und mein Wächter macht aus deinen Knochen Splitterholz! Glaubst du, du kannst mich damit beeindrucken?« Seine Stimme schwankte. Sie hörte Erschütterung darin.
Ja!
Er nahm weiter Abstand. »Du bist ein Nichts!« Er schrie fast. Als wolle er A diese Worte auf die Haut stanzen. Er zitterte leicht. Das war das Singen des Blutes danach. Wenn alles vorbei war. Alles wieder gut sein sollte, doch gar nichts war gut. Er wich einen weiteren Schritt zurück.
Sie hatte noch immer die festen Arme des Kupferwesens um sich. Ein Wort von LaRue würde genügen und sie wäre nur noch ein Haufen zerbröselter Krümel in einem Sack aus Haut. Anevay wusste von einer Sekunde zur anderen, dass sie einen großen Fehler begangen hatte. Aber etwas in ihr hatte kämpfen müssen, wollte sich um keinen Preis der Welt einsperren lassen. Hatte panisch nach Flucht gesucht. Sie ging auf die Knie, war plötzlich, in nur einem Augenblick, so leer wie ein Himmel ohne Wolken. A weinte. Sie konnte es nicht zurückhalten, senkte ihre Schmach in den weichen, roten Teppich, der Griff um ihre Hüften ließ nach, verschwand. Gierig sog sie die Luft wieder in ihren Bauch. Und da sah sie es zum zweiten Mal. Die goldenen Augen schimmerten durch das Rot der langen Teppichfransen wie durch erstarrtes, farbiges Gras. Sie sahen A an, nein, sie drangen in ihr Sein, schlichen um sie herum, umkreisten sie. Die Pupillen darin waren tiefschwarz, fordernd, und sie konnte sie in sich fühlen. Anevay sank fort, dem geschlitzten Gold entgegen. Ihr Blick flatterte, wurde unscharf. Sie hörte das Pochen eines fremden Herzens. Stark und stetig. Endlos. Sie brauchte nur noch Ihren Kopf zwischen diese roten, wogenden Fäden zu senken und wäre endlich daheim.
Sie atmete die Augen in sich hinein, als jemand sie trat und alles auseinander sprang.
»Wage es nicht, mir zu trotzen, verfluchte Territorie!« A schluckte den Schmerz hinunter, sah die schwarzen Slipper, wie sie in ihr Blickfeld traten. Das Gold war weg. Keine Augen mehr, nur noch Realität.
»Wir werden es finden, so oder so! Und dein Blut wird mir alles sagen, was ich wissen will.«
Man geleitete sie einen langen Flur entlang. Die Geweihe von hunderten von Tieren hingen an der gewölbten Decke und den weißen Wänden. Es war eine grausige Zurschaustellung von Trophäen, die auf das Herz des Besitzers schließen ließ. Eine bizarre Verneinung des Lebens war darin zu erkennen.
Durch eine verzierte Doppeltür gelangten sie in einen rechteckigen hohen Raum, der vom Boden bis zur Decke mit Bücherregalen zugestellt war. Nur eine Front mit länglichen Fenstern war davon ausgenommen. Ein Schreibtisch stand davor, riesig und aus schwarzem Marmor gefertigt. Noch nie hatte Anevay so viele Bücher gesehen. Die stuckgeschmückte Decke war bemalt mit Engeln, die Flammenschwerter gegen die Ausgeburten der Hölle führten. Eine irreale Szene neben der anderen.
Jagor drückte sie in einen Stuhl neben dem Schreibtisch. Eine Metallschale stand an der Kante, darin eine Spritze mit Glaskolben und ein Gummischlauch. LaRue ging schnurstracks zum linken Regal neben dem Fenster, hantierte herum und plötzlich schwang ein Teil der Bücher beiseite. Ein Tresor kam zum Vorschein, schwer und düster, mit silbernen Einlegearbeiten und Schnörkeln in den Ecken. Der dünne Mann drehte ein paar Mal an einem Rad die entsprechende Kombination und öffnete die dicke Tür. Er summte ein Lied, während er einige Dinge daraus hervorkramte. Mrs Redbliss sah besorgt aus, Fingermann starrte den Tresor an und reckte den Hals.
Als LaRue sich wieder umdrehte, hielt er ein quadratisches Kupfergebilde in der einen und einen mit einer roten Kordel verschnürten, schwarzen Samtsack in der anderen Hand. Beides legte er auf dem Tisch ab, bevor er sorgsam den Tresor wieder verschloss.
»Wirst du stillhalten oder muss der gute Jagor dir die Schultern auskugeln?« Er klang ganz normal, so als würde es ihn wirklich interessieren, wie ein Doktor, der einen Patienten befragt, wo es denn weh tue. A wusste, dass man ihr Blut abnehmen wollte. Es war besser, sich nicht länger gegen den Mann zu sträuben, sonst würde sie am Ende des Tages schwere körperliche Schäden haben. Also krempelte sie gehorsam den linken Ärmel hoch und hielt ihm den Arm hin.
»So ist´s fein, Mädchen.« Er band ihr mit dem Gummischlauch kurz über dem Ellenbogen die Adern ab, klopfte dann in die Beuge, nahm die Spritze und stach zu. Rotes Blut füllte den Kolben, seltsam dunkel. Anevays Herz hämmerte. LaRue legte die Spritze zurück in die Schale. Er zog die Kupferplatte zu sich heran. So eine Apparatur hatte A noch nie gesehen. Oben war eine runde Vertiefung, von der insgesamt sieben Rinnen leicht schräg nach unten verliefen zu sieben kleinen Löchern. Darunter, dieses Mal waagerecht, war eine zweite Vertiefung, von der aus drei Rinnen zu jeweils einem Loch führten, dahinter aber eine Art Skala hatten. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen.
LaRue knotete die Kordel des Samtbeutels auf und goss eine Fülle von glitzernden Steinen in eine Holzschale. Nachdenklich wählte er sieben Steine aus und steckte sie jeweils in ein Loch unter den Rinnen. Die Steine waren geschliffen worden und passten perfekt. Nur ein kleines bisschen lugten sie aus den Löchern hervor. Es waren völlig unterschiedliche Steine. Anevay erkannte Bernstein, einen Obsidian, einen Rubin, Topas und einen Feueropal.
»Zauberer finden ihre Steine nicht, sagt man, die Steine finden sie«, dozierte LaRue. »Der Zauberer und sein Stein bleiben ein Leben lang miteinander verbunden. Sie fühlen sich zueinander hingezogen, so könnte man es auch nennen.« Er tropfte eine recht große Menge ihres Blutes in die oberste Mulde. »Nun werden wir sehen, zu wem du dich hingezogen fühlst. Vielleicht finden wir sogar heraus, wo du geboren wurdest, Kind.«
Anevay starrte gebannt auf die Kupferplatte, die am Rand von silbernen Nieten und einigen schwarzen Rauten geschmückt war. Sie nahm an, ihr Blut müsse jetzt, falls sie eine Wild One war, einer dieser Rinnen folgen und den Stein anzeigen, der aller Wahrscheinlichkeit nach zu ihrem Wesen gehörte. Doch es geschah gar nichts. LaRue stutzte, wartete noch ab. Dann tauschte er mit einem verärgerten Schnaufen die sieben Steine gegen andere aus. Wieder passierte nichts. Anevays Blut blieb in der Vertiefung so leblos, als habe es nach dem Verlassen ihres Körpers aufgehört zu existieren. Nochmals wechselte LaRue die Steine, mit dem gleichen Ergebnis. Wütend hieb er die Faust auf den Tisch. Alle zuckten zusammen, nur A nicht. Sie war erleichtert.
Der dünne Mann probierte es mit der zweiten Anordnung auf der Kupferplatte. Er schüttete gemahlene Farbe in die drei Löcher. Gelb für die Luft, blau für das Wasser, rot für das Feuer, so erklärte er es. Es sei nicht anders als die Aurafotografie, nur besser und genauer. Erneut tropfte Anevays Blut und dieses Mal bewegte es sich. Träge floss es zu allen drei Farben. LaRue knabberte vor Aufregung an seinen Nägeln. Doch dann blieb es stehen, die Skala zeigte, und auch nur mit gutem Willen, eben noch eine 1 an, den niedrigsten Wert. LaRues Lippen bewegten sich, als kaue er auf einem verdorbenen Stück Fleisch herum.
»Raus hier, alle!« Der Ton, mit dem er das flüsterte, war scharf wie ein Skalpell. Mrs Redbliss verabschiedete sich nicht, es war wohl zu gefährlich. Niemand sagte mehr etwas. Anevay wurde wieder in den Wagen verfrachtet, selbst Fingermann schien durcheinander zu sein. Dann fuhren sie zurück nach Fallen Angels. Anevay hatte das Gefühl, dass dort ein Sturm auf sie wartete. Er würde kommen, bald.