Isabelle

 

»Dein Haar ist so dunkel wie das Glas der Tunnel.«

»Es ist nur eine Farbe, Isabelle, nicht mehr«, antwortete A. Sie lag auf ihrer Pritsche, die graue Wolldecke bis an die untere Lippe gezogen, einen Arm über den Augen, so wie sie es mochte.

Es schien unmöglich, aber der Raum war sogar noch kleiner als jener, in den man sie zuvor gesteckt hatte. Nur noch zehn Schritte lang, vier breit. Auch hier nur schwarzes Glas. Alles!

Ein Warteraum für das vermisste Blut.

Zumindest hatte man hier ein Fenster, das weit oben über ihren Betten einen kreisrunden Ausblick ins Nirgendwo bildete, denn es war so dick, dass das Licht nur noch wie ein keuchender Husten ins Zimmer drang.

»Du hast schöne Beine, Männer mögen schöne Beine.« Isabelle schwieg einen Moment, weil sie ihre eigenen Beine betrachtete, die sie über die Wolldecke hob und missbilligend beäugte.

»Es sind nur Beine, Isabelle, nur Beine.«

Anevay hatte sich gewünscht, mit ihr zu fliehen, jetzt wünschte sie sich, dem dürren Mädchen würde der Mund zuwachsen. Erschrocken von diesem Gedanken drehte sie sich herum und sah Isabelle an. Sie war unglaublich blass, als sie ihre knochigen Beine so im Raum hoch baumeln ließ. Es waren nur noch blanke Knochen, über die man weißes, fleckiges Pergament gespannt hatte. Sie war so zerbrechlich wie eine verloren gegangene Erinnerung.

»Seit wann bist du hier?« Anevay wollte es wirklich wissen.

Das Mädchen schaute sie an, noch immer die Beine in der Luft. Sie überlegte, A konnte es sehen, aber nicht aufhalten.

»Sie denken, ich sei eine Zauberin, so wie du! Sie zerren an mir, leuchten in mich hinein, sie verstehen ihre eigenen Maschinen oftmals nicht.« Sie ließ die Beine zurück auf die Decke fallen.

»Fingermann ist gut zu mir gewesen, weißt du. Er ist einsam, denke ich, ganz allein hier.«

Anevays Hand traf sie an der Stirn. Sie hatte nicht einmal gemerkt, dass sie blitzschnell aufgestanden war.

»Aua!«

A beugte sich zu ihr hinunter. Die Hand jetzt eine Faust, ihr knurrender Atem auf Isabelles Wangen.

»Sag das nie wieder, hörst du! Sag das nie wieder!« All das Blasse an ihr erschreckte sie plötzlich. Eine bittere Wut griff zwischen ihre Zähne und Zunge. Dieser Zorn richtete sich nicht gegen Isabell, und dennoch wallte er vor ihr her, wie die Welle eines Ozeans. Nur mit Mühe zog A die Faust zurück, sah Isabelle, wie sie sich zusammengesunken verkroch, ein Haufen aus knochenbleichem Ergeben, Bitten und Flehen. Noch ein Niemand.

»Das werde ich nicht zulassen, dass du so denkst, Isabelle. Ob du es willst oder nicht.«

Das Mädchen glotzte wie tot. 

A legte sich zurück auf ihre Hälfte des Raumes, zog wieder die Decke bis an die Lippe, beugte erneut einen Arm über die Augen. Sie malte sich aus, wie sie aussehen würde nach einer Ewigkeit ohne Sonnenlicht, nach Monaten mit Haferschleim, Apfelmus, Wasser und endlosen Tests. ›Wird meine Haut ausbleichen? Ihre Bräune verlieren? Werden meine Beine bald so aussehen wie Isabelles, würde ich Fingermann …‹ Sie brach den Gedanken ab. Erstach ihn. Tötete ihn.

In ihrem Kopf war A frei, so schwor sie es sich. Malte es mit Farben aus, die sie nicht sehen konnte. Das Grün wogenden Grases, das Blau des Himmels, das gelbe Auge eines Wolfes, das Rot der Wolken am Morgen … das Weiß eines Zahns, der durch graue Luft wirbelte und auf das Grau von Steinen kullerte - Stopp!, schrie sie in ihren eigenen Gedanken.

»Zwei Jahre«, flüsterte Isabelle.

A schluckte schwer. Himmel, das war eine lange Zeit. Plötzlich tat es ihr leid, dass sie das Mädchen geschlagen hatte. Es tat ihr leid, dass sie hier nicht stark genug für all das um sie herum war. Dass sie nicht blutete. Dass man sie nicht sein ließ, was sie war.

Doch wer war A? Sie versuchte, die A ihres Vaters zu finden, ebenso die Anevay, die sie kannte, doch da war nichts, da waren nur leere Seiten. Keine Bilder und auch keine Beschreibungen darunter, die alles erklärten. ›Was bin ich? Wer bin ich?‹ Diese Worte ließen sie nicht los.

Damals hatte sie noch nicht gewusst, dass sie nie mehr freigelassen werden sollte. Doch Fallen Angels wurde zu einem schleichenden Gift, das sich langsam, ganz langsam in ihren Adern ausbreitete und nur seinem eigenen Weg folgte.

»So lange werde ich nicht hier bleiben!« Es war nur ein Raunen unter einer stinkenden, alten Decke. Aber es fühlte sich an wie ein Versprechen.

 

Die Tage gingen und kamen. Isabelle erzählte und A hörte zu. Das Essen wurde gebracht, sie aß es. Den Glaskrug mit Wasser teilten  die beiden auf, jeder immer nur ein flaches Schälchen. A bemerkte, wie die Schatten kürzer wurden, merkte sich die schwachen Markierungen, die sie auf die Wolldecken warfen.

Manchmal, die Zeiten waren nicht vorhersehbar, wurden entweder Isabelle oder sie abgeholt. Dann begannen die gleichen Tests wie immer. Aurafotografie, Der-Stuhl-der-Fragen. Sie wurden danach zurückgebracht, die Türen schlossen sich lautlos. Kein Wort. Keine Magie. Warten.

 

»Ich wuchs in der Bronx auf, nah am Fluss, aber dort gefiel es mir nicht, weißt du. Dort war immer nur der Krach der Werften. Ich mag keine Schiffe, egal ob sie sich an Land oder im Wasser befinden. Die sind unheimlich, finde ich.« Isabelle sprach weiter, immer weiter. Sie faselte, sie sang, sie murmelte, sie erzählte. Von den verdammten Docks, den unzähligen Schlägen, die wie Uhrwerke auf sie niedergefahren waren. Und A dachte nur: ›Was ist ein Name überhaupt wert, wenn er nirgendwohin gehen kann.‹

»Es sind nur Schiffe, Isabelle,« sagte sie dann. »Nur Schiffe.« Anevay schaute auf zu dem Fenster, das so nah und gleichzeitig so fern war. Mit ihren Augen wollte sie es zum Zerspringen bringen, sich an dem glatten Glas emporhangeln.

»Aber all die Schiffe gehen fort, Anevay, weißt du. Sie gehen fort und kommen an fernen Stränden wieder an. Dort, wo ich nicht sein kann.« Isabelle seufzte dabei wie eine zu Tode erschöpfte Schauspielerin.

A aber dachte nur noch über die Art von Wegen nach. Wie sie ein so stilles Geflecht bilden konnten, obwohl sie dabei jeden Reisenden von seinen staubigen Füßen rissen. Welchen Weg ging man also wirklich und welchen nicht? Konnten Menschen Wege sein? Oder Ereignisse - gar beides? War ihr Vater ein Weg gewesen? Hatte sie ihn als solchen nicht erkannt? Die vielen Worte, die Bücher? Das Laufen, das Kämpfen. Doch plötzlich erinnerte sie sich nur noch an sein liebevolles Gesicht, das ihr einen Kuss auf die Stirn drückte, während er sie hochhob, als wäre sie bloß eine Feder und dabei in der Luft herumwirbelte, bis sie vor Freude kreischte. An all die Zärtlichkeiten, die wie warme Decken waren. Die geflüsterten Geschichten, die von alten, verschollenen Tieren erzählten. Dann hatte sie sich in seine Jacke gekuschelt, verloren und geborgen zugleich, das Summen der schnellen Autoreifen in ihren Ohren, während ihr ein Ort weggenommen wurde und ein anderer bereits auf sie wartete. Der Geruch von selbst gedrehten Zigaretten in dem Steppstoff, lächelnder Rauch. Dann stiegen die Märchen mythischer Wesen von seiner Zunge herab und liefen durch sie hindurch. Frei. Wild. So wie es sein sollte. Und manchmal, mitten in der Nacht, weckte er sie auf. Dann fuhr er an den Rand der Straße, sie legten sich auf die warme Motorhaube des Gigant und blickten in die Sterne, unter ihnen das Klicken der abkühlenden Maschine. Schwiegen wie Wissende. Rochen den Sand der Wüste, schauten in die ferne Unendlichkeit und sahen dem Zigarettenqualm nach, wie er in den Nachtwind wirbelte. Anevay hatte diese Augenblicke mehr geliebt, als ihr bewusst war. Jetzt schnitten sie ihr ganz tief ins Herz. Und sie hauchte ganz leise, die eine Lippe bedeckt, die andere in der Dunkelheit: ›Wer bin ich?‹

 

 

Das Lied von Anevay & Robert
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