Heldenhände

 

Als Robert am nächsten Morgen seine Uniform anzog - er hoffte zum letzten Mal, denn in dem Ding nahm ihn sowieso niemand wirklich ernst - brach ihm der flehende Blick aus Poes schwarzen Knopfaugen fast das Herz. Der kleine Hamster war der erste gewesen, der sich ihm offenbart hatte. Seitdem waren die beiden unzertrennlich. Poe wohnte so selbstverständlich in Roberts Taschen, dass es ihm unnatürlich vorkam, jetzt ohne ihn gehen zu müssen. Doch solange er die Odinstochter nicht von seiner Seite bekam, solange musste sein Clangeist leider im Hotel bleiben. Auch wenn Famke jetzt von ihm wusste, so traute Robert diesem Bannkreis auf ihrem Brustpanzer nicht. Das nächste Mal war er vielleicht nicht in der Nähe.

Robert hatte Poe eine seiner Arbeitshosen, die er so liebte, vor den Kamin im Schlafzimmer gelegt, doch das Fellknäuel hatte sie zugunsten eines anklagenden Blickes ignoriert und sich dann unter eine Kommode verzogen. Na toll, jetzt schmollen schon zwei, dachte Robert ärgerlich.

Vor seiner Suite wartete Famke, die sich sofort hinter ihm hielt und ihm folgte. Lange würde er diesen Quatsch nicht mehr mitmachen. Als er in den Fahrstuhl stieg, räumte eine ältere Dame, mit Panik hinter der Brille, hastig die Kabine. Sie habe etwas im Zimmer vergessen, murmelte sie entschuldigend.

»Du machst den Leuten Angst, Famke.« Robert schaute auf die Uhr und korrigierte ein wenig seinen mechanischen Arm. Sie nahm den Helm ab und lächelte spitzbübisch.

»Das ist so gewollt, Lord. Doch Ihr, Ihr hattet keine Angst, warum?« Robert sah sie an. Er wurde nicht schlau aus diesem Mädchen.

»Ich habe Angst vor diesem Ding da«, er zeigte mit einer kurzen Bewegung auf den Verschlinger. »Aber den Menschen unter dem Helm, den fürchte ich nicht.« Sie erwiderte seinen Blick mehr forschend als belustigt, setzte den Helm wieder auf, denn die Lobby nahte.

»Danke«, erklang es blechern unter dem schwarzen Metall, dann schwang die Kabinentür auf.

 

Coldlake saß schon an seinem Tisch und stopfte sich Rührei in die frisch rasierten Backen. Robert setzte sich dazu, bestellte Tee, Toast mit Margarine und viel Himbeergelee. Heute Morgen, im fahlen Dunst, sah der Garten draußen noch verwunschener aus als in der Nacht. Coldlake ging schon die Termine des heutigen Tages durch. Robert unterbrach ihn mit einer Geste. Der Sekretär schaute fragend von seinem Notizblock auf.

»Wie lange soll diese Leibwächterin eigentlich an meinem Rockzipfel hängen, Coldlake? Nicht, dass ich nicht die Vorteile zu schätzen wüsste. Draußen auf der Straße macht man mir wahrscheinlich eine Gasse frei, wenn die Passanten eine Tochter des Odin sehen. Schon heute Morgen floh eine Dame aus dem Fahrstuhl, deren Parfum zu ertragen schwer gewesen wäre.« Robert hatte es wie beiläufig klingen lassen, er strich sich ordentlich Marmelade auf den Toast, so sollte der Schotte die Dringlichkeit hinter den Worten und in seinen Augen nicht sehen.

Coldlake schien ein wenig nervös zu werden, er fuhr sich durch das zerstubbelte Haar, fummelte an seinem Stift herum.

»Ich will sehen, was ich tun kann, Lord Humberstone. Aber einstweilen liegt die Entscheidung darüber nicht bei mir, Sir.«

Robert nickte mitfühlend. Lügner. Er biss in seinen Toast, kaute nachdenklich, nahm einen Schluck Tee. Der Sekretär wurde immer kleiner.

»Dann bitte ich Sie, demjenigen, der die Entscheidung darüber getroffen hat, wer immer das auch sein mag, mitzuteilen, dass der beste Weg, dem Volk zu zeigen, wo sich die Königin gerade befindet, dergestalt ist, über ihrem Kopf eine Flagge zu hissen, damit jedermann diese auch sehen kann. Ist Ihnen mein Anliegen verständlich geworden, Coldlake?« Roberts Gegenüber schluckte hörbar.

»Jawohl, Sir.«

»Gut, dann lassen Sie uns den Tee austrinken und uns diesen Terminen widmen.«

 

Von nun an, so wurde Robert bald klar, war er ein Zahnrad im verborgenen Getriebe des Militärs. Ein vergoldetes zwar, aber eben ein Rädchen unter vielen. Vor dem Hotel wartete bereits eine schwarze Limousine mit getönten Fensterscheiben. Ein erster Herbsthauch lag in der Luft. Der Wagen hätte kein Nummernschild, sondern eine Hausnummer verdient. Das Innere bestand aus zwei gegenüberliegenden, edlen, gepolsterten Sitzbänken, zwischen denen gar ein Tischchen stand, ohne dass man die Beine ans Kinn ziehen musste. Humberstone und Coldlake nahmen vor der Heckscheibe Platz, die Odinstochter auf der anderen Seite, wo ein kaiserlicher Offizier gelassen alle begrüßte, dabei aber missbilligend die Leibwächterin musterte und einen scheelen Blick auf ihre tätowierten Beine warf. Robert vermutete einen neuerlichen Verbindungsmann, denn diese ließen oftmals die Förmlichkeit links liegen, um mit ihrer lockeren Ungezwungenheit eine Atmosphäre des Willkommens zu schaffen. Der junge Mann hatte ein angenehmes Gesicht, eine angenehme Frisur, eine angenehme Stimme, er roch sogar angenehm. Alles an ihm schien zu sagen: Ich bin nicht im Mindesten zu irgendeiner Schandtat fähig. Ja, klar!

Auf dem Weg zum Hafen wurde geplaudert. Die Straßen waren erneut auffallend leer, jedenfalls jene, die sie entlangfuhren. Robert kam nicht dazu, sich die Stadt anzusehen, stattdessen hörte er höflich zu, gab höfliche Antworten. Wie sei die Reise gewesen? Sehr angenehm, danke der Nachfrage. Seien die Pfeiler der Könige wirklich so beeindruckend? Oh ja, in der Tat, das seien sie. Man müsse es wenigstens einmal erleben, es sei … erhebend. Tatsächlich? Tatsächlich. Ob es Schwierigkeiten gegeben hätte? Robert zögerte nicht eine Sekunde. Mit einem Zug der Königin? Er lächelte nonchalant, niemals. Es wurde zurückgelächelt. Die Gräben waren gezogen.

Als Robert sich endlich der Stadt zuwenden wollte, wurde es dunkler im Wagen, ein Zeppelin zog in niedriger Höhe über sie hinweg und passte sich der Geschwindigkeit des Wagens an. Er drehte den Kopf zur Heckscheibe, sah hoch. Der Rumpf des ansonsten teerschwarzen Gleiters war mit dunkelroten Flammen bemalt. Eine Schlachtschwalbe. Offenbar wurde der Hafen besser bewacht, als er geahnt hatte.

Sie hielten an den dicken Mauern der Landungsbrücken, die, von trotzigen Türmen gekrönt, den Hafen vor der Stadt schützten, oder war es umgekehrt? Grün angelaufenes Kupfer auf den gewölbten Kuppeln. Mächtige, eiserne Poller, deren Spitzen in alle Richtungen zeigten, sollten verhindern, dass je etwas auf vier Rädern auch nur bis auf den Vorplatz kam.

Sie stiegen aus, gingen einen langen Tunnel, in dem es nach Stein und Pulver roch, hinunter zum Kai. Robert sah versteckte, aber helle Ränder von Düsen, die zweifellos jeden in eine lebendige Fackel verwandeln würden, der hier nicht her gehörte. Dann öffnete sich der Hafen von Hammaburg vor ihnen und Robert blieb unwillkürlich stehen, weil er glaubte, er sähe das Bild eines schwermütigen Malers.

Graue Wolken schwebten über einem Fluss, der hier die Breite eines großes Sees angenommen hatte. Das aufgewühlte, dunkle Wasser wimmelte nur so von Bojen, die regelrechte Straßen bildeten. Auf den meisten hockten Kupferwächter, die ihre grotesken Köpfe in alle Himmelsrichtungen zu drehen schienen. An den schwimmenden Tonnen darunter waren Signallampen. Die einen blinkten gelb, andere wieder rot oder fast schwarz. Jede Farbe in einem anderen Rhythmus. Blickte man weiter den Fluss hinauf, Richtung Meer, so waren hunderte Masten zu sehen, die dünnen Zahnstochern im Nebel glichen. Die Handelsflotte der Hanse. Doch sah man an das andere Ufer, wurde einem erst bewusst, was das Wort Feuerbund wirklich bedeutete.

Mitten im Wasser standen gigantische Pylonen, auf deren Spitzen  sich ein Geflecht aus Netzen ausbreitete, wie die Schwingen von erstarrten Vögeln und die einen Teil des Hafens in eine ewige Dämmerung tauchten, die fast unheimlich war.

Das blaue Fauchen von pulverbetriebenen Motoren war zu sehen, als sei ein unsichtbares Gewitter dort am Werke. Überall qualmte es, wummerte es, hämmerte es, tönten schrille Geräusche in der Luft. Und alles verschmolz mit den Wolken darüber.

Robert wankte leicht, als er die Barkasse betrat, die ihn hinüber bringen sollte. Coldlake machte sich wie immer Notizen. Famke blieb wie immer zwei Schritte hinter ihm. Er dachte an Poe, der wahrscheinlich noch immer unter der Kommode hockte, an Taris und Skee, die jetzt irgendwo in der Stadt umherstreiften. Er sah in den Himmel, und da waren doch wirklich zwei Flügel, die bewegungslos in der Luft schwebten. Robert grinste, er war also nicht gänzlich allein.

Die Barkasse wühlte schäumend das Hafenwasser auf, schipperte gemächlich durch die Fahrrinnen wie ein gezähmtes Tier über einer Duftspur. Dichter, heller Dampf quoll aus den zwei seitlich aus dem Bug ragenden Auspuffrohren, denn nicht alles wurde mit Pulver betrieben. Eine Leselampe am Bett des Kronprinzen, ja, die Förderschiffe des Feuerbundes für den Kriegshafen? Unwichtig.

Sie mussten drei gut bewaffnete Schleusen passieren. Jeder Versuch, diesen Teil des Hafens unerlaubt in einem Boot zu erreichen, würde tödlich scheitern, so dachte Robert beeindruckt. Er zählte allein zwischen den befestigten Schleusentoren sechs mit leichten Kanonen bestückte sogenannte Gassenläufer. Ihre gut drei Meter hohen, mechanischen Beine hinterließen mit jedem Schritt ein lautes, schrammendes Dröhnen. Sie waren schmaler gebaut als Landläufer oder gar Schneeläufer, dafür aber benötigten sie auch nur einen Piloten in der eckigen Kanzel. Allerdings würde jeder, der Augen im Kopf hatte und ehrlich zu sich selbst war, den Gang so ziemlich aller Läufer bestenfalls als schwankend bezeichnen. Doch wer wollte schon so ehrlich sein? Die Gassenläufer hatte man für den Straßenkampf entwickelt, sie waren zwar weniger gepanzert als ihre größeren Verwandten, dafür aber schneller und etwas wendiger. Als Robert die ersten Entwürfe dazu gesehen hatte, war ihm etwas in den Sinn gekommen. Die sind nicht nur für eine fremde Stadt geeignet, sondern für jede Stadt! Er hatte diesen Gedanken nie laut ausgesprochen.

Sie gelangten an den letzten Kai, auf dem so viele grimmige Kupferwächter standen, dass sie wie eine bewegungslose, stumme Ehrengarde aussahen. Die Barkasse legte schnaufend an. Robert war froh, dass er endlich das Wasser wieder verlassen konnte, denn es kostete ihn jedes Mal viel Überwindung und Kraft, dabei nicht wie ein Landei zu kotzen. Dinge dabei zu zählen war eine erprobte Ablenkung. Genau deshalb war die Uniform, die er trug, eine Scharade, ein Scherz, über den, würde man diesen bei einem Bankett erzählen , sicherlich alle herzhaft lachen würden.

Der kaiserliche Marineminister persönlich wartete auf sie. Robert schlenderte mit vorgerecktem Kinn über das Fallreep, strauchelte plötzlich, umklammerte instinktiv das Geländer mit der Rechten, schwankte, fing sich gerade soeben wieder, sein Stiefel rutschte weg. Er fluchte ebenso schnell, wie er den Mund wieder schließen wollte. Er bemerkte ganz deutlich, wie der Minister maliziös zur Seite schaute, um ein süffisantes Kichern hinter seiner behandschuhten Faust zu verbergen, um es als Räuspern zu tarnen. Bei Hel, er wäre fast ins Hafenbecken gestürzt. Opa Lawrence hätte sich kaputtgelacht. Bei dem Gedanken musste Robert schmunzeln. So betrat er den Kai wie ein grinsender Lord, der zwar straucheln kann, aber niemals fällt. Geliebte Erde, da bist du ja wieder!

Zwei Dinge fielen Robert sofort auf. Der Marineminister stank nach billigem Fusel und er schien einer jener Zauberer zu sein, die schon beim Entfachen einer bloßen Kerzenflamme begannen, sich Götternamen zu ersinnen.

»Marineminister Trommel, zu Ihren Diensten.« Der Minister salutierte eher nachlässig, lallte gar ein wenig dabei. Robert war gut zwei Köpfe größer als der dunstige Schwall des Ministers, der bei der Anrede mehr die Jackenknöpfe begrüßte, als in die Augen des Lords zu blicken, wie es sich unter Adligen gehörte.

Robert wollte nicht einmal antworten, er hatte keine Lust mehr hier zu sein. Es erschien ihm wie ein Weg, der durchweg unsinnig war, der kein Ziel hatte. Im selben Augenblick wunderte er sich über diesen Gedanken, weil er scheinbar neben ihm zu existieren schien, nicht in ihm. Er schaute vorsichtshalber zur Seite. Nichts, nur endlose Lagerhäuser aus rotem Backstein.

Robert schwieg, weil ihm nichts Besseres einfiel.

Der Minister aber schaute endlich auf, wurde sofort blass, räusperte sich heftig, vollführte die gleiche Geste wie zuvor, doch jetzt war sie geduckt, mit überraschter Panik erfüllt. Trommels Kehlkopf ruckte hektisch. Er starrte noch immer Roberts Haarschopf an. Vier Bronzeklammern, die jede für sich nichts Ungewöhnliches darstellten, doch alle zusammen sehr wohl. Vier bedeuten zwar keine direkte Linie zur Königin, aber dennoch nah genug dran, um so einiges in ihrem Umfeld in Asche zu verwandeln. Trommels schleierhafte Augen zählten blinzelnd eins und eins zusammen. Dann sank er förmlich in sich zusammen.

»Mein Lord«, begann er. Offensichtlich schien der Mann nicht einmal zu wissen, wer da vor ihm stand. »Ich lasse augenblicklich einen Wagen kommen, der Sie«, er stockte, wandte sich hilfesuchend an den Kommandanten neben ihm, der ebenfalls wirkte, als halte man ihm gerade ein Bajonett an die Kehle. Kurze Zwiesprache. Robert erkannte ein Oh-Heiliger-Odin-Gesicht. Doch dann trat ein Mann aus dem dunklen Oval des Bunkers, der die Schleuse bewachte. Die Gestalt war lässig, die Uniform wie aus einem Guss. Schwarz. Er hatte eine Zigarette in der behandschuhten Hand, schnippte den Stummel in eine Pfütze. Es zischte kurz. An dem schmal gefalteten Hut auf seinem Haupt baumelte der Orden des Tyr! Dies ließ erkennen, dass der Träger an einer Schlacht beteiligt gewesen war. An welcher, war unwichtig, der Tand zählte. Robert hatte keinerlei solcher Abzeichen. Plötzlich fühlte er sich unterlegen. Er presste die Kiefer aufeinander.

»Sie sind also das langersehnte Genie. Das sind Sie doch, oder?« Der Mann sah unverschämt aristokratisch aus. Ein Gesicht wie das einer Statue. Blondes, langes Haar, welches ebenfalls vier Klammern offenbarte. Ein schmaler Oberlippenbart, der die Freundlichkeit wie eine Trennlinie durchzog. Unten lachten die weißen Zähne - einer war aus Gold - oben sezierten die blauen Augen ihr Gegenüber. Er streckte jovial die Hand aus.

»Herzog Leopold von Graubergen, der Name.« Der Griff war fest, unangenehm fest.

Robert verbeugte sich leicht. ›Wenn du ihnen nicht beikommen kannst, ersticke sie mit Höflichkeit‹, hatte Opa Lawrence immer gepredigt. ›Aber wenn sie aussehen, als ob sie ihre Großmutter für einen Stein verkaufen würden, dann bleib wie unser guter alter englischer Nebel. Nichts Genaues sieht man nicht!‹

Robert verzog ganz leicht den Mund, als er sich wieder aufrichtete, uups, ein Rückenleiden - ganz unvermutet. Er rieb sich den metallischen Arm dabei, zog bewusst die Aufmerksamkeit auf seinen Makel. Doch der Herzog wirkte eher gelangweilt, musterte verdrossen die Gefolgschaft des Lords.

»Die sind ab jetzt überflüssig«, stellte er fest. Damit war Coldlake gemeint, der sofort sein Notizbuch in der Jackentasche verschwinden ließ.

»Ich bin ab sofort der Verbindungsmann zum Kronprinzen und die da«, er deutete auf Famke, wobei sich seine Mundwinkel angewidert verschoben, »kann hier meinetwegen stehenbleiben, bis Odin selbst sie ablöst.» Er sagte das, während er sich eine neue Zigarette aus einem silbernen Etui zog. Ohne aufzublicken. Es war längst beschlossen. Der Herzog ließ eine Flamme aus einem schmalen Stein aufsteigen, stieß gelangweilt den Rauch von seinen schönen Lippen. Sein Wort war das Wort des Kronprinzen. Man fügte sich oder der eigene Name stand plötzlich auf einer Liste, auf der niemand stehen wollte.

Ein dunkler Wagen setzte rückwärts an die Gruppe heran. Trommel  sah aus, als wollte er demnächst über einen heroischen Tod nachsinnen, sein Kommandant blickte stoisch auf die gemauerten Schanzanlagen. Coldlake wirkte sichtlich verstört, die Odinstochter  aber stand einfach nur da, bewegte sich nicht.

Robert stieg ein. Plötzlich hatte er ein ganz ungutes Gefühl. Ein richtig dunkles, ungutes Gefühl.

Der Herzog nahm ihm gegenüber Platz. Sein Grinsen war jetzt mehr eine Klinge.

»Man erwartet große Fortschritte von Ihnen, Lord Humberstone. Neue, bahnbrechende Impulse. Der Kronprinz ist bereits in freudiger Erwartung, ach, was sage ich, der gesamte Feuerbund ist es.« Er vollführte dabei fast salbungsvolle Handbewegungen, die so unecht wirkten, wie sie auch waren. »Der Mann, dem wir die Pfeiler der Könige zu verdanken haben. Es ist mir eine solche Ehre, mit Ihnen zusammen arbeiten zu dürfen, Sir.»

Wie schaffte es dieser Mann nur, jedes seiner Worte wie eine Drohung klingen zu lassen? Er hätte Schauspieler werden sollen. Vielleicht war er das sogar. Nicht wenige Adlige hielten sich für ein Geschenk der Götter, waren rein zufällig aus Asgard gepurzelt und auf Erden gelandet, so dass einige von ihnen sich unbedingt der Kunst zuwenden mussten. Robert hatte schon vor so manchem Bild und manch fürchterlicher Statue gestanden, Begeisterung heuchelnd. Kleine Männer, die sich größer machen wollten, als sie eigentlich waren. Sie waren gefährlich, sehr sogar. Meist waren diese Adligen auch jämmerliche Zauberer, uninspiriert, ja, geradezu dämlich, dass sie dies mit grellen Farben oder enormen Büsten zu verschleiern versuchten. Doch eines war ihnen allen gemein: Sie alle waren entsetzlich langweilig.

»Zufall«, erwiderte Robert endlich.

»Sir? Was bitte, sagten Sie?«

»Die Pfeiler der Könige, es war Zufall, dass ich darauf gekommen bin.«

Herzog Leopold sah ihn für einen kurzen, echten Moment entgeistert an. Dann lachte er, deutete mit dem behandschuhten Finger auf Robert.

»Das ist der berühmte britische Humor, nicht wahr?« Er lachte erneut, doch seine Augen blieben eisig dabei. »Ein Zufall, wie erfrischend.« Er wischte sich eine nicht vorhandene Träne aus dem Auge. »Ihre Königin würde diese Glanztat sicherlich nicht so bezeichnen. Noch heute versuchen kluge Köpfe zu ergründen, was Sie da eigentlich vollbracht haben.« Jetzt war der Blick ein Dolch.

Robert nahm die Spitze mit einem unbestimmten Lächeln. Er blickte aus dem Fenster. Ein riesiges Lagerhaus nach dem anderen zog vorbei. Das Licht hier unter den Tarnnetzen machte müde. Außerdem benahm er sich wie ein verdammter Dummkopf. Er ließ sich auf ein Duell mit diesem Kerl ein. Die Waffe des Herzogs war aufgeblasene, sorglos verschmierte Arroganz. Roberts unelegante Gegenwehr aber bestand aus jugendlicher Ehrlichkeit. Dieses Gefecht würde er verlieren, wenn er nicht endlich auf der Hut war.

Er vermisste Poe. Den Geruch seines Fells, wenn dieser lange geschlafen hatte. Ohne seine Clangeister fühlte er sich seltsam leer, irgendwie verbraucht. Er schreckte auf als er angesprochen wurde.

»Woran denken Sie, Lord?« Der Herzog schien mit Roberts stillen Momenten nicht besonders gut zurecht zu kommen. Zudem war es eine erneute Fangfrage.

Robert tat, als würde er wirklich aus einem Tagtraum erwachen.

»Oh, was sagten Sie, Herzog?«

»Woran Sie gerade gedacht haben.« Sein Gegenüber grinste wie eine Schnappfalle. Robert zögerte nicht.

»An Zufälle. Ich habe gerade an Zufälle gedacht, nichts weiter.«

Enttäuscht lehnte sich Herzog Leopold von Graubergen zurück, sein Grinsen verschwand so schnell, wie es aufgeblitzt war. Mehr noch, es machte sich versteckte Enttäuschung darin breit.

Für heute waren sie fertig, senkten die Degen.

Unentschieden. Dabei hatten sie nicht einmal die Klingen gekreuzt, sie hatten einander nur gezeigt, dass sie beide bewaffnet waren.

 

Das Lied von Anevay & Robert
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