Der falsche Weg

 

Sie fuhren. Anevay spürte es mehr, als dass sie es wusste. Manchmal, wenn die Droge in ihren Adern Luft holen musste, sah sie die Kronen von Bäumen über sich hinwegziehen. Eine verschlissene Mondsichel raste ihr nach, hoch oben, als müsse, nein, als wolle sie A im Auge behalten. ›Papa?‹ Dann war sie wieder fort aus dem schmalen Streifen zerkratzten Glases, das in das Dach eingelassen war. Silben ätherischer Musik glitten ebenfalls darüber, sobald sie nur noch die Wolken erblickte ... und dann nichts mehr.

Sie wusste nicht mehr, wie viele Stunden es waren, nur dass es irgendwann zu dämmern begann. Sonst hatte A jeden Tag mit ihrem Vater die Sonne im Osten begrüßt, mit einem kleinen Gebet und einem leisen Lied. Heute jedoch würde niemand von ihnen beiden für die Sonne singen. ›Es tut mir leid‹, flüsterte sie mit stummen Lippen.

Grober Kies knirschte unter den Reifen. Der Wagen hielt. Türen wurden geöffnet, zugeschlagen. Dann kamen Schritte. Ihr Herz begann mit einem schnelleren Rhythmus. Ihre Muskeln spannten sich an. Der Verschlag wurde aufgerissen, ein Kerl mit einem weißen Overall starrte sie an, zuerst gelangweilt, dann unsicher. Hinter ihm färbte sich der Himmel in vergoldetes Rot.

»Die ist ja wach, Sir!«, rief er über die Schulter hinweg. Westküstenakzent. Gedehnt. Langsam. A bewegte ihre Zehen, ließ ihre Hände auf- und zuschnappen.

»Sie ist voll mit LaRues Spezialmischung. Piss dir nicht ins Hemd, Fingermann«, dröhnte es gehässig zurück. Als sich Fingermann ihr wieder zuwandte, lag sie still. Er beäugte sie misstrauisch. Seine unruhigen Augen, erwachsene Jungenaugen, blieben für einen Augenblick auf ihren bloßen Beinen liegen. Er leckte sich nervös über die Lippen, als müsse er etwas im Zaum halten. Sie waren Feinde, bevor er es ahnte.

Mit einer fahrigen Bewegung zog er hinter seiner Hüfte einen Schlagstock hervor. Linkshänder.

»Wenn du Schwierigkeiten machst, mein Liebchen«, sein Adamsapfel ruckte hektisch, »schlag ich dir die Zähne aus.« Er grinste blöd. Offenbar hatte er schon einmal mit Zähnen schlechte Erfahrungen gesammelt. Auf seinem strichdünnen Oberlippenbart stand eine Schweißperle. A nickte ergeben. Das hellte seine Laune auf.

»Gut, gut. Rutsch langsam nach vorne und keine Tricks.« Er wedelte aufmunternd mit seinem Stock. Sie gehorchte, schob sich wie gewünscht auf die Kante des Verschlags zu, den Blick gesenkt. Der Himmel sah jetzt aus, als hätte man eine Blutlache in Brand gesteckt. Orange Fetzen in tiefem Rot schwammen in einer länglichen Pfütze neben seinen Stiefeln. Es waren nagelneue Militärstiefel. Einen letzen Augenblick saß sie am Rand der Ladefläche, die Hände fest auf das kühle Metall gepresst. Es war die letzte Verbindung zu etwas, das ihr nicht richtig in den Sinn kommen wollte. Sie stieß sich ab, ganz sanft, die Verbindung riss, ihre Füße stellten sich auf den Boden, kantige Steine drückten sich in die Haut. A drehte langsam den Kopf und blickte eine von hohen Hecken gesäumte Auffahrt hinunter. Der Regen hatte lose Blätter darauf verteilt. Zwei mächtige Pylone bildeten so etwas wie eine Pforte. Zwischen ihnen spannte sich in einem Bogen ein Geflecht aus Eisenstäben. In der Mitte ein kreisrundes Emblem. Ein einzelner, dramatischer Flügel. Und drumherum geschwungene Buchstaben, die sie spiegelverkehrt lesen musste: Fallen Angels. Ein hohes, schmiedeeisernes Gitter schloss sich gerade, schepperte ineinander, Krähen stoben aufgeschreckt in den Gluthimmel. A wusste, dass sie auf einem falschen Weg war. Sie erkannte es daran, dass es sich fern anfühlte. Leer. Dies war der Weg eines anderen. Doch als sie sich umdrehte und das Gebäude erblickte, verließ sie aller Mut. Blanke Angst stieß wie ein Messer zu, von solcher Düsternis war sie. Wenn ein Gemäuer einen Ton von sich hätte geben können, dieser wäre ein Moll-Akkord gewesen. Wieder und wieder, gespielt von einem Kind, das für immer aufgegeben hatte.

Grauer, schwarz verwitterter Stein hob sich in den Himmel und presste den Sehenden zu Boden. Zwei bullige Türme mit kegelförmigen Schieferspitzen flankierten den Eingang wie ewig stumme Zeugen. Zu beiden Seiten nur glatte Wände. Die ersten drei Stockwerke waren gänzlich Mauerwerk. Erst darüber gab es Fenster. Jedes davon so schmal, dass nur ausgestreckte Arme durch sie hindurch passen konnten. Und dennoch waren sie alle vergittert. Unter jedem stak ein Träger heraus, auf dem ein zweiköpfiges Kupferwesen hockte - grün angelaufen - das mit schrecklicher Fratze in den Hof und in das Fenster zugleich starrte. Wächter. Insgesamt waren es acht Stockwerke. Eine gefährliche Zahl. Die Zahl der Ewigkeit.

A bekam keine Luft mehr, in ihren Beinen hörten die Muskeln auf sich zu bewegen, stattdessen wurden sie müde. Die dunklen Mauern drangen in ihren Kopf und legten rasselnde Ketten um ihr Herz. Sie konnte es fühlen, so deutlich wie den Wind, der ihr plötzlich in die Haare griff. Hinter diesen Mauern gab es keine gefallenen Engel, nein, hier nahm man eine rostige Klinge in die Hand und schnitt ihnen die schönen Flügel ab, auf dass sie für immer am Boden blieben.

Von hinten packten sie kräftige Arme, drängten, schoben A vorwärts. Erst da erwachte sie wieder und ein wilder Schrei löste sich aus ihrer Kehle. A stemmte die Füße in den Boden und drückte mit dem Rücken so fest sie nur konnte gegen den Widerstand. Raues Lachen sprang in ihr Ohr. Der Schotter spritzte umher, als sie um sich trat, riss ihre Haut auf, doch sie spürte es nicht. Jede Faser ihres Körpers wollte fort von diesem Ort. A stürzte, ein Stock knallte in eine ihrer Nieren, sodass ihr schwarz vor Augen wurde, eine Faust packte ihr Haar und schleuderte sie daran herum. Jetzt lachte jemand wie ein jaulender Hund. Wieder ein Schlag. Ihr Handgelenk brach. Sie hörte es in ihrem Körper. Sie brüllte wie von Sinnen. Dann platzte ihre Lippe auf, ein Knacken im Mund und der Zahn kullerte durch ihre Speiseröhre wie fallengelassenes Spielzeug auf einer Treppe. A trat, schlug zurück, hörte überraschtes Keuchen, dann Fluchen. Fingermann schrie wie ein tanzendes Teufelchen. Sie würgte und der Zahn flog im hohen Bogen davon.

»Ich hab ihr die Zähne ausgeschlagen, ich hab ihr die Zähne …« Stille. Einen langen Moment dachte sie, es wäre ein Traum, alles nur ein furchtbarer Traum. Ein letzter Schlag. Blut lief in ihr linkes Auge, brachte den Sonnenaufgang direkt zu ihr. ›Sei gegrüßt, du heller, schöner Stern. Wie hab ich dich vermisst. Sah deine Kinder in der Nacht ihr Rennen laufen. So wie´s immer schon gedacht ...‹ Ein Stiefel presste sich auf ihr Gesicht, drückte es tief in den Schotter. A schnaufte gegen die genagelte Sohle. Sie stank. Eine Träne gesellte sich zu dem Sonnenaufgang, machte ihn rosa.

»Wenn du dich noch einmal rührst, lass ich dich hier mitten auf dem Hof verrecken, klar?«

Da ließ sie los, sie konnte nicht mehr, nickte nur noch weinend. Der Stiefel gab A frei. Sie versuchte aufzustehen, man griff ihr grob unter die Arme, zog sie hoch. Sie wurde mehr getragen, dennoch machte A die Schritte irgendwie mit, auch wenn es nur noch ein Schlurfen war.

Eine breite Treppe führte zwischen den beiden Türmen hinauf. Der Boden bestand aus rissigen Platten, auf denen vom Regen abgerissene Blätter und Zweige lagen. Ein kurzer, überdachter Gang, dann kam eine mechanische Tür, wie A sie noch nie gesehen hatte. Es war ein dunkles, quadratisches Gebilde aus dicken Holzbohlen, zusammengepresst durch unzählige Eisenbänder, die mit buckligen Nieten verstärkt waren. In der Mitte prangte wieder das Emblem mit dem dramatischen Flügel, der jetzt aus der Nähe aus lauter spitzen Zacken geschmiedet schien. Fingermann zog an einer Kette, die aus der Turmwand hing und wischte sich die Nase am Ärmel. Plötzlich erwachte über ihnen ein Wächterauge im Mauerwerk, zog seine metallischen Lider zurück und musterte sie durch seine glänzende Linse. Offenbar zufrieden mit dem Anblick schloss es sich wieder und dann begann das Emblem sich zu drehen. Seine Zacken griffen ineinander, als würde der Flügel seine Federn anlegen. A hörte aus dem Innern der Tür, wie Zahnräder ihre Arbeit aufnahmen, wie Verschlüsse klackend zurückschnappten. Dies war ein mit Magie gefüttertes Tor. Wen hatte man hier einst eingesperrt, dass man solch einen Aufwand betrieb? Und wenn auch das Gebäude selbst schon signalisierte: ›Hier kommst du nicht mehr raus‹, so ließ dieses Tor darüber keinen Zweifel mehr aufkommen. ›Wenn du hier hindurch kommst‹, so flüsterte es ihr zu, ›bist du nicht länger Teil dieser Welt. Denn du gehörst jetzt mir.‹

Einen Herzschlag lang wollte A erneut fliehen, doch es war keine Kraft mehr in ihr. Sie war in dem Moment leck geschlagen, als sie in die regennasse Gasse gesprungen war. Jetzt war nichts mehr da, nur noch Müdigkeit und eine stille, stetige Angst, die zwar noch von den Schmerzen zugedeckt war, aber sie konnte sie bereits darunter wahrnehmen. A war ihr Leben lang unter freiem Himmel aufgewachsen, mit Horizonten, die so weit gewesen waren, dass man glaubte, das letzte lebende Wesen auf Erden zu sein. Und nun schleppte man sie in diesen Schlund aus Wänden. Die Tür schwang nach innen auf und ein langer Gang tat sich vor ihr auf, bräunlich beleuchtet von in den Wänden eingelassenen Salzsteinen. Das erste, was A auffiel, war der ungewöhnliche Boden. Er bestand aus einer einzigen durchgehenden Steinplatte, in die hunderte, wenn nicht gar tausende kleiner Löcher gebohrt waren. So etwas hatte sie bisher nur einmal gesehen, als sie mit ihrem Vater das kleine Königreich Moche weit im Süden besucht hatte. Dort hatte man einen Weg aus dem archaisch aussehenden Umriss eines Kolibris mit einem nur aus einem Stück bestehenden Stein nachgebildet. Er war so alt, dass niemand eine Erklärung dafür hatte, nur dass er aus Magie geformt sein musste. Dieser Steinweg hatte ebenfalls Löcher gehabt, so viele wie die Sterne, so kam es ihr damals vor. Doch seinen Zweck hatte niemand je ergründen können. Staunend war A den Weg entlanggegangen, bis sie an seinem Ende im Auge des Kolibris gestanden hatte. Zurückgeblieben war nur ein verlorenes Gefühl, etwas verstanden zu haben, von dem man nicht wusste, dass es überhaupt verstanden werden musste. Jetzt schritt sie wieder über einen solchen Weg und verstand gar nichts mehr.

 

Das Lied von Anevay & Robert
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