KAPITEL 17
Eine Flasche Wein später spazierten sie an der Elbe. Lina sog die warme Frühlingsluft ein. Diese Stadt schien die Freiheit zu atmen. Sie war froh, hier zu sein.
»Lynn, ich hab gleich noch einen Arzttermin. Ich werde wohl erst gegen halb acht Uhr zu Hause sein. Soll ich dich im Shopping Center absetzen, damit du dir inzwischen ein paar Sachen kaufen kannst?«
»Gute Idee. Machen wir so.«
Sandy setzte sie im Depot Elbe Einkaufszentrum ab.
»Abendessen um acht Uhr genehm, meine Dame?«
»Gerne. Aber ich kann uns auch was kochen, Sandy!«
»Nö, ich nehm uns was Saftiges vom Argentinier mit. Du magst doch immer noch Fleisch? Komm nicht vor acht Uhr heim, sonst stehst du dir die Füße in den Bauch. Ich geh frühestens um 19.30 Uhr beim Arzt raus. Ein Wunder, dass ich überhaupt einen Termin bekommen habe.«
Dann brauste sie davon. Lina schlenderte durch die Ebenen und überlegte, was sie sich kaufen sollte.
›Aristokratisches Zeugs jedenfalls nicht mehr‹, dachte sie an Sandys Statement zu ihrem Begräbnis-Outfit.
Lina wollte ihr neues Leben mit einer Stilveränderung beginnen. Ihre weiblichen Reize sollten voll zur Geltung kommen. Sie wollte Männerköpfe zum Drehen bringen. Sie probierte viele Sachen an, und entschied sich schließlich für eine hautenge Hose mit dazu passendem Schnürtop, beide aus schwarzem Leder, sowie dunkle High Heels mit roter Sohle. Sie hatte eine zierliche Figur, und ihre Brüste waren eher klein, vor allem, wenn man sie mit Sandys Bazookas verglich. Doch ihre mussten sich auch nicht verstecken, denn sie waren straff und von perfekter Form. Die Schwerkraft würde ihnen so schnell nichts anhaben können, und das korsageartige Top mit den roten Einsätzen war perfekt, um ihre Vorzüge zu unterstreichen. Für alle Tage kaufte sie sich Jeans und Tops, ein paar Kleidchen und eine kurze Jacke. Unterwäsche? Fehlanzeige.
›Mal sehen, wie lange ich ohne auskomme!‹, dachte Lina.
Es fühlte sich verrucht an, so zu denken, und das gefiel ihr. Schließlich blieb sie vor dem Schaufenster des Friseurs stehen. Es war erst sechs Uhr, damit blieb genug Zeit für einen Haarschnitt. Seit der Kindheit reichten ihr die Haare bis zu den Brüsten. Sie zu pflegen und zu föhnen, dauerte eine Ewigkeit. Damit sollte Schluss sein. Sie instruierte die Friseuse und verließ den Laden eine Stunde später mit asymmetrischem Schnitt. Die längsten Haare endeten knapp über ihren Schultern.
Lina genoss es, wie die Haarspitzen ihren Hals kitzelten. Wieder ein Sinneseindruck, den sie sich vorenthalten hatte. Es war die Woche der Premieren in Linas Leben.
Ein Taxi brachte sie zurück zu Sandras Wohnung. Lina freute sich, dass ihre Freundin schon vom Arzt zurück war, denn sie öffnete gleich nach dem Klingeln die Haustüre. Voll bepackt mit ihren Einkaufstüten stieg sie die Treppen hoch und klopfte.
Sandra öffnete die Tür und sagte: »Willkommen. Es ist angerichtet!«