ELF

Dafür, dass Felix völlig durchgeschwitzt war und sicher keine angenehme Duftnote verbreitete, fassten die Männer recht beherzt zu und ließen sich nicht anmerken, was sie von ihrer Aufgabe hielten. Schweigend und mit ausdruckslosen Gesichtern schoben sie ihn weiter und blieben wenige Minuten später vor einer schweren Holztür in einem der Seitengänge des Anwesens stehen.

Zu seiner Linken hörte Felix drei dumpfe Pieptöne. Einer der Kleiderschränke zog ein Klapphandy aus der Innentasche seines dunklen Sakkos, nahm den Anruf entgegen, nickte und sprach ein knappes ›Si‹ in den Hörer, bevor er das Telefon wieder in der Tasche verschwinden ließ. »Avanti!«, forderte er grimmig und stieß Felix vorwärts.

Der große, mit antikem Mobiliar versehene Raum wirkte beeindruckend und einschüchternd zugleich. Felix’ Aufmerksamkeit galt jedoch vor allem Leonie und dem älteren Herrn mit weißem Haar und hochrotem Kopf, dem sie gegenüberstand.

Leonie starrte entgeistert zu Felix herüber. Sie war bei seinem Anblick sichtbar blasser geworden und benötigte einige Sekunden, um den ersten Schreck zu überwinden. »Felix!« Sie lief zu ihm, wurde aber von einem der Männer aufgehalten. »Franco, was soll das?« Sie wendete sich wieder dem Alten zu. »Das kannst du nicht machen!«

Mit ruhigen Schritten ging der Weißhaarige auf Leonie zu. Nur seine rote Gesichtsfarbe, die noch eine Spur intensiver wurde, und die dicke Ader, die wie ein pulsierender Wurm auf seiner Stirn hervortrat, offenbarten seinen Ärger. Ohne Vorwarnung holte er aus, gab Leonie eine kräftige Ohrfeige und brüllte sie auf Italienisch an.

Felix verstand kein Wort, aber ihre Reaktion sprach Bände. Wie ein Kind, das weitere Schläge erwartet, hielt sie die Arme vor ihr Gesicht und duckte sich. Es war ganz sicher nicht das erste Mal, dass der Kerl ihr gegenüber handgreiflich geworden war. Franco Baresi war kein Stück besser als sein Sohn. Felix versuchte, sich loszureißen, hatte gegen den schraubstockartigen Griff seines Bewachers jedoch keine Chance. Hasserfüllt sah er den alten Mann an, der sich nun zu ihm umdrehte.

»Sie müssen ein Narr sein, hierher zurückzukommen«, tönte Franco mit leicht italienischem Einschlag und verzog seinen Mund voller Verachtung. »Haben Sie gedacht, wir erlauben Ihnen, uns etwas so Wertvolles wegzunehmen?« Er kam drohend näher und flüsterte: »Sofia gehört uns!«

Woher … Felix sah fragend zu Leonie, doch die schüttelte sofort den Kopf.

»Auch wenn es Ihnen nun nichts mehr helfen wird«, begann der Alte, dem der Blick nicht entgangen war. »Sie war Ihnen gegenüber loyal. Allerdings wissen wir immer, was unsere Mitarbeiter tun, Herr Riebig. Das hätten Sie bedenken sollen, als Sie Leonie überredet haben, sich meinen Zorn zuzuziehen.« Franco gab seinen Lakaien ein Handzeichen, Felix den Knebel abzunehmen.

»Lassen Sie sie in Ruhe!«, keuchte Felix und spuckte ein paar Fusseln aus. »Leonie wollte nicht, dass ich herkomme. Sie hat nichts damit zu tun.«

»Sie haben dafür gesorgt, dass sie etwas damit zu tun hat!«, fuhr ihn der Alte an. »Und es wird auch für Leonie Konsequenzen haben. Aber darüber müssen Sie sich keine Gedanken machen.«

Felix wollte sich nicht einschüchtern lassen. Egal, was diese Psychos nun mit ihm vorhatten, er würde sich wehren. »Ich werde keine Menschen mehr für Sie umbringen«, sagte er trotzig. »Sie können mich nicht länger mit Ihren tollen Diashows beeinflussen.«

Franco Baresi lachte trocken auf. »Sie sind auf dem Holzweg, Herr Riebig. Wir haben nicht vor, Sie zu töten – nicht sofort.« Felix’ überraschter Gesichtsausdruck entlockte dem Alten ein Lächeln. »Ganz im Gegenteil: Sie werden schon sehr bald jemanden wiedersehen, der Ihnen wichtig ist. Ich bin sicher, Sie erkennen dann, dass es eine kluge Entscheidung ist, für uns zu arbeiten.«

Felix rümpfte die Nase. Kannst du vergessen, du Spinner! Er war schon einmal von hier entkommen, er würde wieder verschwinden. Dass ihm die Flucht nur mit Alessias Hilfe gelungen war, schob er gedanklich beiseite.

Mit ein paar knappen Befehlen wies Franco Baresi seine Lakaien an, Leonie und Felix in ihre Quartiere zu bringen.

Schon auf dem Weg ins Kellergewölbe wusste Felix, wohin er gebracht wurde. Er erkannte den langen Flur wieder, die schwere Eisentür und den ungemütlichen Raum, in dem sein Bett noch genau so aussah, wie er es am letzten Abend zurückgelassen hatte. Mit einem dumpfen Knall fiel die Tür ins Schloss. Felix war allein.

* * *

Melanie hatte keine Ahnung, was nun weiter mit ihr geschehen sollte. Direkt nach der Ankunft auf dem Anwesen waren Tomáš und sie durch eine Seitentür in diese imposante Villa gebracht und sofort darauf getrennt worden. Nun ging sie, begleitet von zwei missmutig dreinblickenden Typen, einen dunklen Gang entlang. Ihre Hände waren nicht länger gefesselt, aber sie machte sich keine Illusionen, dass ihr das irgendeinen Vorteil bringen könnte. Hier war sie in der Gewalt des ›Umbra Dei‹, ohne eine Chance, dass in Kürze jemand nach ihr suchte, schon gar nicht in Italien.

Vielleicht würden sich ihre Eltern nach der Rückkehr von Fuerteventura wundern, dass Melanie nicht erreichbar war. Wahrscheinlich würden sie ein paar Tage darauf sogar eine Vermisstenanzeige aufgeben und sich unerträgliche Sorgen machen, aber dann war es längst zu spät. Solange die Typen hier dich brauchen, werden sie dich am Leben lassen!, machte sich Melanie Mut.

Ihre Begleiter blieben stehen und einer von ihnen schob den schweren Riegel der Eisentür zur Seite, öffnete sie und stieß Melanie unsanft in den Raum. Hinter ihrem Rücken fiel die Tür zurück ins Schloss.

»Felix!« Melanie konnte nicht glauben, dass er ihr wirklich gegenüberstand, und sein überraschter Gesichtsausdruck zeigte, dass er genauso wenig damit gerechnet hatte, sie zu sehen.

»Melli!« Er schloss sie in die Arme und drückte sie fest an sich. »Ich hatte solche Angst, dass sie …«, flüsterte er. »Dass sie dich vielleicht …«

Melanie schloss die Augen und genoss für einen Moment seine vertraute Nähe, die ihr in letzter Zeit so gefehlt hatte. »Sie haben es versucht«, sagte sie leise. »Tomáš hat mich gerettet.« Dass er sie später wissentlich in Gefahr gebracht hatte, verschwieg Melanie.

»Tomáš?« Felix sah sie fragend an. »Ist das der Mann, mit dem du unterwegs warst? Erinner mich dran, dass ich mich bei ihm bedanke.« Er lächelte müde und setzte sich auf das schmale Bett, das an einer Wand des Raumes stand.

Melanie ließ sich neben ihm auf der Matratze nieder, legte ihren Kopf auf seinen Schoß und weinte. Mit erdrückender Macht stürzten alle Gefühle auf sie ein, die sich während der vergangenen Tage angestaut hatten.

Felix strich mit der Hand über ihren Kopf. »Es wird alles gut, Melli.«

Sie wusste, dass er log, aber es tat gut, diese Worte zu hören. Sie wollte daran glauben, dass der Albtraum doch noch zu einem glücklichen Ende führen konnte.

Irgendwann, als keine Tränen mehr flossen, schlief sie ein.

* * *

Felix spürte, wie das Zittern in Melanies Körper abebbte. Er fühlte sich in die Situation vor einigen Tagen zurückversetzt, als sie weinend bei ihm zu Hause auf dem Sofa gelegen hatte. So dramatisch das Geschehene damals auch schien, wünschte er nun, ein zudringlicher Chef wäre ihr größtes Problem.

Vorsichtig hob er Melanies Kopf an, rutschte ein Stück zur Seite und schob sanft das Kissen darunter. »Schlaf ein bisschen«, murmelte er und stand auf. Es musste einen Ausweg aus diesem Höllenloch geben. Rastlos tigerte er im Raum umher und überlegte.

»Was machst du da?«

Felix hielt inne und sah Melanie an. »Ich dachte, du schläfst.«

»Funktioniert nicht besonders gut«, entgegnete sie und gähnte herzhaft.

»Zu hell?«

Melanie nickte und sah nach oben zum Fenster. Ohne Vorhänge oder Rollos gab es keine Möglichkeit, den Raum am Tag zu verdunkeln.

»Kenn ich.« Felix hatte sich mehrfach vergeblich gewünscht, die Tage einfach verschlafen zu können. Es hatte allerdings auch etwas Gutes, dass Melanie wach war: Sie konnte ihm berichten, was alles passiert war, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Ein Detail interessierte Felix besonders. »Sag mal, wer ist eigentlich dieser Kerl, mit dem du unterwegs warst?«

Melanie schlug die Augen nieder. Auf ihren Wangen zeigte sich ein rötlicher Schimmer. Doch da war noch etwas anderes, das Felix deutlich von ihren Gesichtszügen ablesen konnte: Wut.

»Er ist …«, setzte sie an, presste dann die Lippen aufeinander und atmete scharf durch die Nase aus. »Er ist ein verdammter Mistkerl!«

Sie begann zu erzählen und Felix hörte aufmerksam zu. Während die Worte aus ihr heraussprudelten, schüttelte er immer wieder ungläubig den Kopf, doch obwohl er das Gefühl hatte, dass Melanie ein paar Details verschwieg, unterbrach er sie nicht.

Erst als sie geendet hatte und das Schweigen seit einiger Zeit den Raum erfüllte, seufzte er. »Du magst ihn, oder?«

»Er ist ein Idiot«, entgegnete Melanie.

Felix nickte. Die zarte Röte auf ihren Wangen war Antwort genug.

Das Geräusch der Türverriegelung hinderte Felix an weiteren Fragen. Schützend stellte er sich vor Melanie, als Armando in Begleitung von drei seiner Gorillas den Raum betrat. »Lasst sie in Ruhe!« Er starrte den Männern finster entgegen.

Armando verzog keine Miene. Ein breites Pflaster zierte seine Nase, die Haare saßen weniger ordentlich als sonst und das Gesicht zeigte einige weitere Blessuren. Dennoch hatte sein stechender Blick nichts von der einschüchternden Wirkung verloren. Mit einem knappen Kopfnicken gab er seinen Handlangern ein Zeichen. Zwei der Männer hielten Felix fest und machten ihn bewegungsunfähig, der dritte zerrte Melanie rüde vom Bett.

»Tut ihr nichts!«, flehte Felix. »Bitte!«

Für einige Sekunden sah ihm Armando direkt in die Augen. In diesem Blick war keine Freundlichkeit, kein Mitgefühl, keine Gnade. Nur Kälte.

Schon nach wenigen Metern war Felix klar, wohin er und Melanie gebracht wurden. »Nein!«, schrie er und wehrte sich zunehmend. »Das wagt ihr nicht! Ich bringe euch um!«

Mit einer abrupten Handbewegung wies Armando die Männer an, stehen zu bleiben. »Herr Riebig!« In seiner Stimme schwang unterdrückter Zorn mit. »Sparen Sie sich diese Drohungen. Sie werden genau das tun, was wir von Ihnen verlangen.« Er ging einen Schritt auf Melanie zu und strich mit zwei Fingern ihren Hals entlang. »Es wäre doch sehr schade, wenn wir uns dazu gezwungen sähen, Ihnen deutlich zu machen, wie ernst wir es meinen, denken Sie nicht auch, Herr Riebig?«

»Lass Melanie da raus, du …«

Armando schnitt ihm das Wort ab. »Na, na, na! Hüten Sie Ihre Zunge!« Er nickte den Gorillas zu und setzte sich wieder in Bewegung.

* * *

Melanie hatte panische Angst, bemühte sich aber, Felix nichts davon zu zeigen, um die ohnehin angespannte Situation nicht weiter zu verschärfen.

Sie näherten sich nun einem großen Durchgang, der in einen abgedunkelten Raum führte. An einer Wand und der Decke hingen unzählige Monitore, die schnelle Abfolgen von Fotos eines asiatisch aussehenden Mannes zeigten. Melanies Herzschlag beschleunigte sich. Sie kannte diese Art von Bildern und dank Tomáš wusste sie, wofür sie verwendet wurden.

Erst jetzt fiel ihr Blick auf die Mitte des Raumes. »Tomáš«, keuchte sie. Er lag mit freiem Oberkörper auf einem Metalltisch, der durch eine einzelne große Lampe beleuchtet wurde. Einige Kabel führten von Elektroden, die auf Tomáš’ Haut geklebt waren, zu Überwachungsgeräten. Lederriemen fixierten seine Hand- und Fußgelenke auf der Liege. Offenbar hatten sie die Wunde an seiner Schulter nur oberflächlich versorgt, denn der Verband war bereits zum guten Teil rot gefärbt.

Armando nickte Melanies Bewacher zu, der daraufhin seinen Griff lockerte. Sie lief zu Tomáš und nahm seine Hand.

»Mel …« Seine Stimme klang angestrengt. »Es tut mir leid.«

»Sch!« Sie schüttelte leicht den Kopf. »Es ist okay.« Eine Träne lief über ihre Wange. »Es ist okay, hörst du?«

Tomáš lächelte matt. »Du bist das Beste, das mir je passiert ist, weißt du das?« Er drehte den Kopf leicht in Felix’ Richtung. »Ich habe dich nicht verdient.«

»Sag das nicht.« Melanie konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie beugte sich zu ihm herunter und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. »Wir kommen hier wieder raus«, flüsterte sie.

»Das reicht jetzt!« Armando klatschte kräftig in die Hände.

Sofort war einer der Gorillas bei Melanie und zog sie von der Liege weg. Eine Frau in weißem Kittel rollte einen zweiten Metalltisch herein und stellte ihn neben den ersten. Felix musste sein Shirt ausziehen, wurde auf der Liege fixiert und ebenfalls an verschiedene Geräte angeschlossen. Das regelmäßige Piepen, das den Raum erfüllte, zerrte zusätzlich an Melanies Nerven.

»Meine Herren!« Armando stellte sich so, dass Tomáš und Felix ihn sehen konnten. »Ich denke, ihr benötigt einen Anreiz, das Richtige zu tun. Hier auf den Monitoren seht ihr unsere Zielperson.« Er machte eine ausladende Armbewegung.« Da wir wissen, dass ihr beide eine gewisse rebellische Ader habt, möchte ich euch zeigen, welche Folgen Ungehorsam haben wird.« Er winkte Melanie zu sich heran.

Sie hatte keine andere Wahl, als der Aufforderung nachzukommen, dafür sorgte ihr Bewacher mit Nachdruck.

Armando schnippte mit den Fingern. Einer der Lakaien zog seine Pistole und einen zylindrischen Gegenstand aus der Tasche und reichte beides seinem Chef. Mit geübten Bewegungen schraubte Armando den Schalldämpfer auf die Mündung, entsicherte die Waffe und presste Melanie den Lauf gegen die Stirn.

Vor Schreck gelähmt starrte sie den Mann an, der ihr Leben mit dem einfachen Beugen eines Fingers beenden konnte. Sie fühlte sich hilflos diesem Irren ausgeliefert, dem es sichtlich Genugtuung bereitete, ihre Angst und Felix’ verzweifelte Befreiungsversuche zu beobachten.

Dann drückte er den Abzug.

Mit einem Klicken schlug der Bolzen auf die leere Kammer. Melanie schrie auf.

Mit einem diabolischen Grinsen senkte Armando die Waffe und wendete sich wieder Felix und Tomáš zu. »Lasst euch das eine Warnung sein. Beim nächsten Mal ist das Magazin geladen. In eurem Interesse hoffe ich, dass ihr eure Aufgabe erfüllt und sich der Schatten von mir und meinen Männern fernhält. Andernfalls …«

Armando musste den Satz nicht beenden, Melanie wusste auch so, was es für sie bedeutete. Nun beugte er sich über Tomáš, der die Augenlider halb geschlossen hielt. »Wir beginnen mit dir, mein alter Freund«, raunte er gerade so laut, dass Melanie ihn hören konnte. »Bald werden wir wissen, was dir wichtiger ist: sie oder ich.« Er nickte der Ärztin zu.

Armando musste ziemlich sicher sein, dass Tomáš Melanie nicht für seine Rache opferte. Sie konnte nur hoffen, dass er mit dieser Einschätzung richtig lag.

Die Frau im weißen Kittel fixierte inzwischen auch Tomáš’ Hals mit einem breiten Lederriemen, griff anschließend in eine Schublade des Rollwagens und zog ein Skalpell hervor. Zielsicher setzte sie die scharfe Klinge an Tomáš’ linkem Handgelenk an. Er stöhnte auf.

Melanies Magen rebellierte. Sie wollte wegsehen, konnte die Augen jedoch nicht von dem unwirklichen Anblick abwenden. Das silberne Metall glitt in einer langsamen Bewegung einige Zentimeter durch die Haut und hinterließ eine tiefe Wunde, aus der sich in Sekunden ein blutroter Vorhang seinen Weg über den Arm auf die metallene Unterlage bahnte.

In diesem Moment wechselte Melanies Körper in den Notbetrieb. Alles, was sie hörte, war das Rauschen ihres eigenen Blutes, dann wurde es dunkel.

* * *

Felix kämpfte einen aussichtslosen Kampf gegen die Fesseln. Er musste hilflos mit ansehen, wie Melanie kreidebleich wurde und einen Wimpernschlag später ohnmächtig in den Armen ihres Bewachers hing. Er drehte seinen Kopf nach links. Tomáš wirkte unnatürlich blass. Seine Augen waren geschlossen und er bewegte die Lippen, als wollte er etwas sagen, konnte jedoch keinen Ton herausbringen. Sein Brustkorb hob und senkte sich schwach, die Frequenz der Töne aus dem Monitor nahm stetig ab, bis schließlich ein durchgehendes Piepen den verstummten Herzschlag anzeigte.

Eine tiefe Beklemmung ergriff von Felix Besitz. Er wusste, dass ihm in Kürze das gleiche Schicksal drohte wie Tomáš, und er hoffte inständig, dass Melanie dies nicht mit ansehen musste. Es würde ihr das Herz brechen.

Im Raum herrschte eine angespannte Stille. Armando und seine Lakaien beobachteten aufmerksam Wände und Boden. Sie würden keine Sekunde zögern, Melanie beim geringsten Anzeichen einer verdächtigen Aktivität zu töten. Felix war fest entschlossen, alles zu tun, um sie zu schützen, auch wenn das bedeutete, dass er Armando gehorchen musste.

Melanie schien langsam zu sich zu kommen. Sie wirkte im ersten Moment etwas orientierungslos, kam nur mithilfe des Gorillas wieder auf die Beine.

»Willkommen zurück, Frau Farber«, begrüßte Armando sie. »Ich hatte schon Sorge, Sie verpassen den beeindruckendsten Teil der Vorführung.«

* * *

Was ist passiert? Es dauerte einige Zeit, bis Melanie ihre Gedanken sortiert hatte. Sie fühlte sich schwach und wackelig auf den Beinen. Beim Blick auf den blassen Körper, der halbseitig in einer Lache aus Blut lag, stieg erneut Übelkeit in ihr auf. Tomáš!

Armando lächelte kalt. »Keine Sorge, Frau Farber. Es geht ihm gut. Nun ja, in Kürze wird es ihm wieder gut gehen. Sie sollten doch inzwischen mit den besonderen Fähigkeiten Ihrer Freunde vertraut sein.«

Natürlich. Ihr Kopf sagte Melanie, dass Tomáš nicht endgültig tot war, doch es zu wissen, machte den Anblick nicht weniger furchtbar.

Die Ärztin begann gerade damit, den Arm und die klaffende Wunde zu säubern, und Melanie musste den Blick abwenden, um sich nicht zu übergeben.

»Schauen Sie hin, Frau Farber«, forderte Armando und seine Augen hatten einen freudigen Glanz. »Sie verpassen noch das Wunder der Schattenträger.«

Melanie zögerte, doch schließlich siegte die Neugier. Mit offenem Mund sah sie dem Schauspiel zu. Wie in einem Zeitraffervideo zog sich die Wunde an Tomáš’ Unterarm zusammen, schloss sich von innen heraus. Nach wenigen Sekunden war vom tiefen Schnitt nichts mehr zu sehen, nicht einmal eine Narbe blieb zurück. Auch Tomáš’ Hautfarbe veränderte sich. Die Blässe wich einer lebendigen Röte, die sich über den ganzen Körper ausbreitete. Auf dem Herzmonitor zuckte die durchgehende Linie ein paar Mal unregelmäßig auf, formte sich innerhalb weniger Sekunden zu den typischen Zickzacklinien. Mit einem tiefen Atemzug kehrte Tomáš ins Leben zurück.

»Unfassbar!«, entfuhr es Melanie. Sie hatte unwillkürlich die Luft angehalten, sich für einen Augenblick der Faszination hingegeben und den Menschen hinter dem Phänomen vergessen.

»Sie sagen es«, pflichtete ihr Armando mit breitem Lächeln bei. »Betrachten Sie es als Privileg, dabei gewesen zu sein.« Er ging zu Tomáš, der schwer atmend auf dem Metalltisch lag, und klopfte ihm auf die Schulter. »Gut gemacht, mein Freund. Du hast die richtige Entscheidung getroffen. Ich freue mich auf unsere weitere Zusammenarbeit.«

Tomáš presste die Lippen aufeinander und schwieg.

* * *

Felix’ Unruhe stieg. Tomáš war zurück und die Bildabfolgen, die über die Monitore flimmerten, hatte sich geändert. Das konnte nur bedeuten, dass er nun an der Reihe war.

Mit einem süffisanten Grinsen wandte sich Armando an Felix. »Sie haben nun gesehen, dass Kooperation die bessere Wahl ist, Herr Riebig. Ich denke, dass auch Sie die richtige Entscheidung treffen werden.« Er sah zu Melanie hinüber, die offenbar noch damit beschäftigt war, die Eindrücke der vergangenen Minuten zu verarbeiten.

Ach, Melli. Felix dachte daran, dass sie immer für ihn da gewesen war, auch wenn er sich manchmal wie ein Arsch verhalten hatte. Nun hatte er sie in diese Situation gebracht und konnte ihr nicht helfen. Was blieb ihm anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass Armando sie in Ruhe ließ, solange er das Gefühl hatte, Felix gehorche ihm. Ich hätte sie da nie mit reinziehen dürfen. Warum habe ich dieses verdammte Video nicht einfach gelöscht?

Felix fühlte, wie der Lederriemen um seinen Hals festgezurrt wurde und ihm kurz den Atem raubte. Er röchelte. Am Fußende der Liege stand Armando und hielt Melanie wie zur Ermahnung die schallgedämpfte Waffe an den Kopf. Felix sah zu den Monitoren, ließ die Bilder des Mannes auf sich wirken, den er töten musste, damit Melanie leben durfte. Er spürte die warme Hand der Ärztin an seinem Unterarm, den kalten Stahl des Skalpells, das sie vorsichtig ansetzte, und den brennenden Schmerz, als die Klinge in die Haut schnitt. Diese Mistkerle hatten tatsächlich die Schmerzmittel weggelassen. Felix biss die Zähne zusammen.

»Stopp! Sofort aufhören!«

Die Ärztin ließ von ihm ab und trat einen Schritt vom Tisch zurück. Alle im Raum sahen zur Eingangstür, wo Leonie mit einem Messer in der Hand stand und abwechselnd Armando, die Ärztin und Felix ansah.

»Wie kannst du es wagen?« Armando richtete augenblicklich die Pistole auf Leonie. »Verschwinde, bevor du es bereust!«

Zwei der Bewacher näherten sich ihr langsam, beide hatten ihre Waffen gezogen.

»Bleibt zurück!«, schrie Leonie mit zitternder Stimme. Sie hob das Messer und hielt die breite Klinge seitlich an ihren Hals. »Oder Armando stirbt!«

Armandos Gesicht war für Felix nicht zu sehen, aber die Körpersprache offenbarte ein leichtes Zögern. »Dafür hast du nicht den Mumm!«, keifte er.

»Dann probier es doch aus!«, konterte Leonie, und obwohl ihre Stimme bebte und die Hand mit dem Messer zitterte, zeigten ihre Augen eine wilde Entschlossenheit. Sie rief der Ärztin etwas auf Italienisch zu, die daraufhin fragend Armando ansah. »Avanti!«, setzte Leonie nach.

Zögernd löste die Frau Felix’ Fesseln, widmete sich dann Tomáš.

»Du musst das nicht tun, Leonie.« Felix sah besorgt zu ihr. »Du bist nicht schuld an dem hier.«

Armando senkte die Waffe und ging langsam auf sie zu. »Hör auf deinen Mann«, sagte er ruhig.

»Bleib stehen, Armando!« Sie reckte den Hals und drückte die Klinge etwas fester dagegen. Felix glaubte, einen leichten Schnitt zu erkennen, aus dem etwas Blut sickerte. »Einen Schritt weiter und du fühlst, was eure Opfer erleiden mussten. Ihr habt mich belogen! Du hast mir versprochen, dass ihm nichts geschieht!« Leonie kämpfte mit den aufkommenden Tränen. »Du hast mir versprochen, dass ich bei euch in Sicherheit bin, dass es mir und Sofia nie an etwas fehlen wird und dass Felix nie von seiner Tochter erfährt! Du hast mir versichert, dass ihr für wichtige Ziele einsteht, dass es alle verdient hatten, die durch euch gestorben sind. Ich habe euch vertraut!« Die letzten Worte gingen beinahe in Schluchzen unter.

Leonie zog die Nase hoch und wischte sich mit der freien Hand über die Augen. »Lass mich mit Sofia und den dreien gehen«, forderte sie mit leiser Stimme.

Armando schüttelte entschieden den Kopf. »Das werde ich nicht tun. Und ich glaube nicht, dass du das Zeug dazu hast, mich zu töten. Also leg das Messer w…« Mit aufgerissenen Augen taumelte er zur Seite und griff sich an den Hals.

»Sie vielleicht nicht, aber ich.« Während alle Augen auf Leonie gerichtet waren, hatte sich Tomáš unbemerkt genähert. Vom Skalpell in seiner Hand tropfte das Blut auf den Boden. »Lauft!«, schrie er den anderen zu und stach wie von Sinnen auf Armando ein.

* * *

Wie erstarrt stand Melanie mitten im Raum. Sie sah, wie sich Tomáš brüllend auf den taumelnden Mann stürzte, wie er das Skalpell niederrauschen ließ, wie ihn die ersten Kugeln trafen, und sie hörte, wie die Schüsse durch das Kellergewölbe hallten – doch sie nahm nichts von alldem wirklich wahr. Ihr Kopf war leer, ihre Sinne wie abgekoppelt vom Gehirn, sie spürte nicht, wie eine Kugel sie streifte und wie jemand sie mit sich zerrte, weg vom Geschehen, hinaus aus dem Kellerraum, in dem wenig später zwei blutüberströmte Männer reglos auf dem Boden lagen.

»Tür zu!«

Felix’ Stimme drang wie aus weiter Ferne an Melanies Ohren. Erst das metallische Dröhnen der zuschlagenden Tür und der quietschende Riegel rissen sie zurück ins Hier und Jetzt. Ohne nachzudenken, folgte sie ihm durch die Kellergänge, die Treppe hinauf ins Erdgeschoss und dort in einen der Räume des Seitenflügels.

Tomáš … Er war noch im Keller, zusammen mit den schießwütigen Gorillas und einem Dutzend Kugeln im Körper. Sie musste zurück.

Felix schien ihre Absichten zu ahnen und hielt sie am Arm fest. »Du kannst nichts für ihn tun, Melli. Sie würden dich töten.«

»Ich kann ihn doch nicht einfach allein lassen!« Sie versuchte, sich loszureißen.

»Sei vernünftig. Es hilft ihm nicht, wenn du dich erschießen lässt. Er wollte, dass du entkommst.«

»Das ist nicht fair!«, schluchzte Melanie unter Tränen.

»Es war seine Entscheidung, nicht deine!«

»Kommt jetzt, wir müssen von hier weg«, rief Leonie vom anderen Ende des Raumes. Sie hatte eine Reisetasche um die Schulter gehängt und trug ein blondes Mädchen auf dem Arm, das Melanie mit großen Augen ansah.

Melanie starrte zurück. Sie konnte nicht begreifen, dass dieses Kind und seine Mutter real waren. Wie war das möglich? So lange hatte Felix um die beiden getrauert, so lange hatte sie versucht, ihm in dieser Zeit beizustehen …

Felix zog Melanie mit sich zur Seitentür und stürmte hinaus. »Welcher ist es?«

»Der dunkelgrüne SUV da hinten!« Leonie drückte ihm die Autoschlüssel mit dem blau-weißen Emblem in die Hand. »Fahr du.«

* * *

Melanie wirkte apathisch. Felix hatte Mühe, sie zügig zum Einsteigen zu bewegen. Sein eigener Körper hingegen war von Adrenalin durchflutet. Er spürte nicht einmal den Schnitt an seinem Handgelenk, den er notdürftig mit einem Tuch umwickelt hatte. Sein Herz pumpte in hoher Frequenz Blut durch die Adern. Er hatte sich nicht einmal die Zeit nehmen können, seine Tochter länger als einen Augenblick anzusehen.

»Fahr ums Haus nach hinten«, gab Leonie von der Rückbank aus Anweisung. »Am Feldweg ist kein Tor.« Sie hatte sich offensichtlich auf diese Situation vorbereitet, bevor sie zu ihnen in den Keller gekommen war.

Felix nickte und gab Gas. Mehrere Kilometer jagte er über die unebene Straße, die der Geländefederung des Wagens alles abverlangte, sah dabei abwechselnd auf die Fahrbahn und in den Rückspiegel. Es waren keine Verfolger zu sehen.

Zielsicher leitete Leonie Felix zwischen Feldern und durch kurze Waldstücke hindurch. »Da hinten links, dann auf die Hauptstraße!« Sie zeigte auf eine Abzweigung. »Die Polizeistation ist in der nächsten Stadt.«

Felix trat auf die Bremse. Schlingernd kam der Wagen zum Stehen. »Polizei? Bist du wahnsinnig? Was sollen wir denen erzählen? Die werden uns niemals glauben.«

»Das müssen sie einfach«, widersprach Leonie. »Was haben wir für eine Wahl? Das muss aufhören.«

Felix drehte sich zu ihr um und sah sie mahnend an. »Sie dürfen nie erfahren, was wir sind! Ich will genau wie du nichts mehr, als dass diese Wahnsinnigen aus dem Verkehr gezogen werden, aber bist du sicher, dass wir die Polizei überzeugen können, ohne ihnen die ganze Wahrheit zu erzählen?«

Sie nickte langsam.

Felix sah zu Melanie, die abwesend aus dem Fenster blickte und von der Unterhaltung nichts mitzubekommen schien. »In Ordnung.« Er atmete geräuschvoll aus. »Hoffen wir, dass du recht hast.«

Zehn Minuten später erreichten sie die Polizeiwache. Mit gemischten Gefühlen stieg Felix aus dem Auto und betrat mit seinen Begleiterinnen das Gebäude.