FÜNF

Dienstag, 2. April, Gegenwart

Felix erwachte mit dröhnenden Kopfschmerzen. Ich muss dringend aufhören zu trinken, dachte er. Wieder einmal. Dieser Kater nach einer alkoholgetränkten Nacht wurde auch beim x-ten Mal nicht angenehmer. Felix öffnete die Augen. Das grellweiße Licht ließ ihn vor Schmerzen aufstöhnen. »Licht aus, verdammt!«, krächzte er und wollte sich schützend die Hand vors Gesicht halten, doch etwas hielt sie zurück. Felix blinzelte und kniff die Augen zusammen, um etwas um sich herum zu erkennen.

Das darf doch nicht wahr sein … Er war nackt, schon wieder, und lag auf einer Art Metalltisch. Schon wieder. Statt eines Plastiksacks hielten ihn diesmal jedoch gefesselte Hand- und Fußgelenke an Ort und Stelle fest. »He! Was soll das? Kann mich mal bitte jemand losbinden?« Vergeblich wartete Felix auf eine Reaktion. Er versuchte, sich selbst zu befreien, doch die Gurte, die ihn auf dem Tisch fixierten, saßen zu fest und gaben keinen Zentimeter nach.

»Sehr gut, Sie sind wach.«

Felix drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Im hellen Gegenlicht konnte er lediglich eine männliche Silhouette erkennen. »Helfen Sie mir, bitte.«

»Entspannen Sie sich, Herr Riebig.« Der Mann legte Felix seine Hand auf die Schulter und drückte ihn leicht auf die Liege. »Sie sind bei uns gut aufgehoben. Ruhen Sie sich etwas aus, wir haben noch viel vor.«

»Wie bitte?« Felix wurde unruhig. »Was mache ich hier? Was wollen Sie von mir? Hallo? Hallo?« Er war bereits wieder allein im hell erleuchteten Raum. In seinem Kopf herrschte Chaos. Nur schwach konnte er sich daran erinnern, was geschehen war. Er hatte eine Paketlieferung bekommen. Nein, Moment. Diese Stimme … Das Gedankenwirrwarr fügte sich langsam zu einem beängstigenden Bild zusammen. Jemand hatte ihn entführt. Was wollten diese Leute nur von ihm? Er hatte kein Vermögen und auch keine Verwandten oder Freunde, die ein hohes Lösegeld hätten zahlen können.

Felix erinnerte sich an die Anrufe nach seinem Unfall. Mehr als ein Mal war er um medizinische Untersuchungen gebeten worden. Was, wenn sich ein forschungswütiger Wissenschaftler durch Felix’ Absage nicht hatte abschrecken lassen?

Es dauerte nur wenige Minuten, bis der Mann zurückkehrte, diesmal jedoch in Begleitung. Felix konnte nicht sehen, was hinter ihm geschah, doch er hörte ein metallisches Klappern, das wie ein Rollwagen klang, und die energische Stimme des Unbekannten, der Anweisungen in einer fremden Sprache gab. Dann spürte er etwas Kaltes auf seiner Haut. Jemand sprühte eine Flüssigkeit auf einzelne Stellen seines Körpers und klebte mit Kabeln verbundene Pflaster darauf. Im grellen Licht konnte Felix noch immer nicht erkennen, wer sich an ihm zu schaffen machte, nur eine schmale dunkle Silhouette ließ ihn vermuten, dass es sich um eine Frau handelte.

»Was tun Sie da?«

Felix bekam keine Antwort.

»He, verdammt! Sind Sie taub oder was? Machen Sie mich los!«

Die Frau setzte schweigend ihre Arbeit fort. Sie befestigte eine Klemme an Felix’ Ringfinger und verschwand anschließend aus seinem Blickfeld. Eine Folge von Piepgeräuschen ertönte, wurde nach ein paar Sekunden regelmäßig, synchron mit seinem beschleunigten Herzschlag. Was zum Teufel geht hier vor? Felix nahm alle Kraft zusammen und versuchte, Hände und Beine freizubekommen, doch die Fesseln waren stabil. Er drehte und wand sich, bis er den Druck einer Hand auf seinem Arm spürte.

»Seien Sie ruhig, Herr Riebig.« Zum ersten Mal sagte die Frau etwas. Ihre Stimme mit dem leichten Akzent hatte etwas Strenges. »Sie machen es sich unnötig schwer.« Mit routinierten Griffen untersuchte sie Felix’ Arm.

Erst jetzt bemerkte dieser die Nadel in ihrer Hand. »Sind Sie bescheuert? Nehmen Sie das Teil weg! Wagen Sie es ja nicht …« Felix spürte den Stich in der Ellenbeuge und fluchte lautstark.

»Ich habe es Ihnen doch gesagt«, tadelte die Frau. »Je mehr Sie sich wehren, desto unangenehmer ist es.«

Felix stieß eine Reihe von Flüchen und Beschimpfungen aus, die in jeder amerikanischen Talkshow zu einem andauernden Piepkonzert geführt hätten. Davon unbeeindruckt schloss die Frau einen Schlauch am Zugang in seinem Arm an und ließ eine klare Flüssigkeit in die Vene strömen.

Das helle Licht erlosch und gab den Blick auf eine Reihe eingeschalteter Bildschirme frei. Fotos erschienen darauf in so rasend schneller Abfolge, dass Felix keines von ihnen richtig wahrnehmen konnte. Das stetige Flackern verursachte ihm Kopfschmerzen und ließ ein beklemmendes Gefühl in ihm aufsteigen. Felix schloss die Augen. Das Gefühl blieb, wandelte sich zu einer deutlichen Beunruhigung, die schon bald in Angst, dann in Panik umschlug. Felix riss die Augen auf, suchte mit wirrem Blick nach Hilfe, fand nur die flackernden Bilder der Monitore. Er wand sich auf der Metallfläche, bäumte sich auf, strampelte und schlug um sich, soweit es die Fesseln erlaubten. Dann wurde er ruhig. Er spürte den sanften und doch festen Griff der Frau an seinem Arm, hörte ihre Stimme, die beruhigend auf ihn einsprach, ohne dass er die Worte verstand.

Kurz darauf war die Welt für Felix wieder in Ordnung. Nein, es war besser als das. Er fühlte sich wundervoll schwerelos. Wie ein kleines Kind sah er verträumt und fasziniert das im hellen Licht glänzende Skalpell an, mit dem der dunkle Schattenmann zum Schnitt ansetzte.

* * *

Mittwoch, 3. April

Melanie hatte eine unruhige Nacht in Polizeigewahrsam verbracht. Am Abend hatte sie mehrfach vergeblich versucht, ihre Eltern zu erreichen, die gerade auf Fuerteventura Urlaub machten, doch wenigstens gab es nun einen Hoffnungsschimmer. Bei der nächsten Befragung durch die Beamten würde ein Anwalt anwesend sein, der am frühen Vormittag informiert worden war. Jetzt konnten ihr diese Typen auf jeden Fall nicht mehr so einfach etwas anhängen, das sie nicht getan hatte.

Zehn Minuten später wurde Melanie abgeholt und zum Vernehmungsraum gebracht. Sergio Esperanza, entgegen möglicher Vermutungen ein in Frankfurt geborener Anwalt, wartete dort bereits auf seine Mandantin. Vor der Vernehmung war ihnen noch etwas Zeit für ein Gespräch zugestanden worden. Melanie berichtete von allem, was ihr vorgeworfen wurde, und von den Ereignissen vor ihrer Verhaftung. Aufmerksam hörte Herr Esperanza zu, obwohl er die meisten Informationen bereits aus den Akten kennen musste, stellte einige Rückfragen und machte sich Notizen. Melanie war es nicht möglich, an seinen Reaktionen abzulesen, ob er ihr auch wirklich glaubte. Ihr blieb keine andere Möglichkeit, als darauf zu vertrauen.

Noch bevor sie das Gespräch mit ihrem Anwalt beendet hatte, betraten die Beamten den Raum. Melanie glaubte, Zufriedenheit von ihren Gesichtern ablesen zu können. Wie schon am Tag zuvor setzten sie sich ihr gegenüber an den Tisch und legten einige Unterlagen bereit.

»Ich sehe, Ihr Anwalt ist anwesend«, bemerkte Kommissar Wolff. Er nahm die drei Fotos, die er Melanie bereits am Vortag gezeigt hatte, und schob sie über den Tisch. Dann legte er ein viertes dazu.

Felix! Melanie erschrak und spürte sofort einen Kloß im Hals. Ist er etwa …

»Das erste Opfer, Fiona Krumm. Sie war die Lebensgefährtin von Herrn Felix Riebig.« Der Kommissar legte den Finger auf das zweite Foto. »Heinz-Friedrich Liebhäuser, das zweite Opfer. Leiter der Personalabteilung in der Firma, in der Herr Riebig gearbeitet hat. Laut den Firmenunterlagen hat er kurz vor seinem Tod die Entlassung unterzeichnet. Das dritte Opfer muss ich Ihnen wohl nicht vorstellen, nicht wahr?«

Melanie schüttelte zaghaft den Kopf.

»Sie erkennen sicher die Verbindung«, fuhr Kommissar Wolff fort. »Und wissen Sie, was ich denke? Sie und Herr Riebig haben diese Morde gemeinsam geplant und durchgeführt, um sich gegenseitig Alibis geben zu können. Ihr Partner hat diese Schuld nicht länger ausgehalten und sich umgebracht. Dann haben Sie seine Leiche verschwinden lassen.«

Melanie sah den Mann verständnislos an. »Wovon sprechen Sie? Felix ist nicht …« Sie stockte mitten im Satz, als Frau Schüller, die der Befragung bis jetzt schweigend beigewohnt hatte, den Laptop umdrehte und das Video startete.

»Wo… woher …« Hilfe suchend sah Melanie ihren Anwalt an, doch der starrte mit großen Augen auf den Monitor, auf dem Felix soeben hintenüber gekippt war und nun leblos auf dem Bett lag.

Es dauerte einige Sekunden, bis Esperanza seine Fassung wiedergefunden hatte. »Meine Mandantin wird sich nicht weiter äußern. Die Befragung ist beendet«, stellte er fest und wandte sich anschließend an Melanie: »Sie beantworten ab jetzt keine Fragen mehr.«

Schulterzuckend klappte Frau Schüller den Laptop zu und verließ mit ihrem Kollegen den Raum.

Der Anwalt wartete, bis die Tür hinter den Beamten zugefallen war. »Davon hätten Sie mir erzählen müssen, verdammt!«, schimpfte er mit gedämpfter Stimme. »Ich hoffe, Ihnen ist klar, wie das aussieht.«

»Aber ich habe doch gar nichts getan!«, verteidigte sich Melanie verzweifelt. »Das Video ist nur auf meinem Computer gewesen, weil … weil … Mensch, fragen Sie doch einfach Felix. Er wird das alles bestimmt auflösen.« Hoffentlich …, fügte sie in Gedanken hinzu.

»Frau Farber … Herr Riebig wurde schon seit einigen Tagen nicht mehr gesehen – und nachdem ich diese Aufnahmen gesehen habe, ist mir auch klar, wieso.«

»Nein, nein! Felix ist nicht tot! Wirklich! Es ist nicht so, wie es aussieht.« Melanie beugte sich zu ihrem Anwalt hinüber und flüsterte: »Hören Sie, auch wenn es unglaublich klingt: Felix kann nicht sterben. Er hat mir das Video selbst gezeigt.«

»So ein Unsinn!« Herr Esperanza zeigte sich verärgert. »Wenn ich Sie verteidigen soll, dann hören Sie auf, mir Lügen aufzutischen, in Ordnung? Für mich ist das keine Grundlage, auf der ich mit Ihnen arbeiten kann.« Er stand auf und wollte gehen.

Melanie griff nach seinem Arm und hielt ihn fest. »Bitte!«, flehte sie. »Glauben Sie mir. Fragen Sie im Krankenhaus nach Professor Hiepenau. Er wird es Ihnen sicher bestätigen.«

Der Anwalt presste die Lippen zusammen und schüttelte kurz mit dem Kopf. Dann löste er sich aus Melanies Griff und ließ sie allein im Vernehmungsraum zurück.

* * *

In der Zwischenzeit

In einem hell erleuchteten Raum lag ein Mann splitterfasernackt auf einem Metalltisch. Seine Hand- und Fußgelenke waren mit Lederriemen festgezurrt, Kabel führten von seinem Körper zu verschiedenen Geräten und einem Überwachungsmonitor, der regelmäßig piepende Geräusche von sich gab. Außer dem auf der Bahre fixierten Mann waren zwei weitere Personen anwesend. Eine Frau in weißem Kittel kontrollierte regelmäßig die Anzeige des Monitors und reichte ihrem Kollegen Instrumente. Dieser führte an ausgesuchten Stellen des nackten Körpers chirurgisch präzise Schnitte aus.

Von einer der steril weißen Wände löste sich ein Schatten und bewegte sich langsam auf den Mann zu. Der Weißkittel war so in seine Arbeit vertieft, dass er ihn nicht bemerkte.

Ein brennender Schmerz drängte sich in Felix’ Bewusstsein. Er stöhnte auf, hatte jedoch keine Kontrolle über seinen Körper. Benommen schwebte er irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit. Dumpf drangen Worte an sein Ohr: »Verdammt, Sie sollten doch aufpassen! Er wacht auf! Erhöhen Sie die Dosis. Sofort!« Kurz darauf ließen die Schmerzen nach und Felix tauchte erneut in einen tiefen Schlaf.

Als er wieder erwachte, war es dunkel. Nur langsam kehrten seine Sinne zurück aus dem schwarzen Nichts der Narkose und mit ihnen das unangenehm brennende Gefühl am ganzen Körper. Felix konnte nicht viel erkennen, nur ein paar helle Stellen an seinen Armen deuteten auf Verbände hin. Was war nur mit ihm passiert? Er schloss die Augen und versuchte, sich an den Traum zu erinnern, doch bis auf vereinzelt aufblitzende Bilder – verstörende Bilder, die sein Unterbewusstsein freigab – blieb ihm der Zugriff verwehrt.

Die Schmerzen wurden wieder stärker. Felix wollte nach Hilfe rufen. Sein Mund war so trocken, dass die Zunge am Gaumen klebte und nur ein heiseres Krächzen seine Kehle verließ. Trotzdem musste ihn jemand gehört haben, denn er spürte, wie etwas zwischen seine Lippen geschoben wurde.

»Trinken Sie. Aber vorsichtig.«

Felix erkannte die Stimme der Frau wieder, die ihn verkabelt hatte. Gierig sog er an dem Strohhalm und nahm einen großen Schluck des kühlen Wassers, dann noch einen. Der dritte verirrte sich in die falsche Röhre und raubte Felix den Atem. Er rang nach Luft, hustete und spuckte der Frau die Flüssigkeit auf ihren weißen Kittel.

»Vorsichtig, hatte ich gesagt«, tadelte sie ihn und wischte die Tropfen von seinem Gesicht und Oberkörper, dabei beugte sie sich so weit über ihn, dass Felix ihr Gesicht sehen konnte. Sofort drehte sie den Kopf weg.

»Warum …« Felix räusperte sich. »Warum tun Sie das? Machen Sie mich bitte los«, flüsterte er. »Was habe ich Ihnen getan?«

Sie antwortete nicht. Stattdessen fingerte sie kurz an dem Schlauch herum, der vom Tropf neben dem Metalltisch zu Felix’ Unterarm führte, anschließend ging sie ohne ein weiteres Wort.

»Bitte …«, hauchte Felix. Sein Flehen blieb ungehört, doch wenigstens entfaltete das Schmerzmittel nach kurzer Zeit seine Wirkung und ließ das unerträgliche Brennen abebben. Kurz bevor Felix der Schlaf übermannte, erinnerte er sich, woher ihm die Stimme der Frau bekannt vorkam. Sie war eine derjenigen, die ihn nach dem Unfall mehrfach auf dem Handy angerufen hatten.

* * *

Etwas später

Ein Mann in einem abgewetzten grauen Overall wurde von zwei Bewaffneten in den Raum gebracht. Sie schleiften den ausgemergelten Gefangenen, der mit auf dem Rücken gefesselten Händen zu keiner Gegenwehr fähig war, zu einer Metallbahre, auf der ein nackter Körper lag. Der Mann konnte sich kaum auf den Beinen halten, drohte mehrfach auf den Boden zu sinken. Mit geweiteten Augen sah er den leblosen Menschen auf dem Metalltisch an. Eine rote Lache, die von stetigem Tropfen genährt wurde, verteilte sich auf dem Fußboden unterhalb des Tisches. Angewidert wendete der Gefangene seinen Blick vom Leib des toten Mannes ab, der mit geschlossenen Augen dalag. Mehrere Kabel führten vom Körper zu einem Monitor, dessen beleuchtete Anzeige nur eine durchgezogene Linie auf dunklem Grund zeigte. Aus einem tiefen Schnitt am linken Handgelenk des Mannes sickerte das Blut in einem langsamer werdenden Strom auf das Metall unter ihm.

Aus einer Ecke des Raumes löste sich ein Schatten und kroch über den Boden. Zögernd näherte er sich den Männern. Eine der beiden Wachen nickte ihrem Kollegen zu und sie entfernten sich von dem Gefangenen. Dieser sah sich irritiert um, wich unsicheren Schrittes von dem Toten zurück, blieb jedoch nach wenigen Metern wie angewurzelt stehen, Augen und Mund weit aufgerissen. Er spürte die Eiseskälte, die sich innerhalb von Sekunden von den Beinen aus in seinem ganzen Körper ausbreitete. Einen Moment später sackte er zusammen und blieb regungslos am Boden liegen.

Felix sog scharf die Luft durch die Nase ein. Nicht schon wieder! Diese verfluchten Träume wurde er wohl nicht mehr los. Unter seinem Körper spürte er etwas Feuchtes, Klebriges. Er sah an sich hinunter, dabei fiel sein Blick auf den linken Arm, der in einer roten Lache ruhte. Felix erschauerte. Nach und nach wurden die Bilder des Traumes in seinem Kopf wieder klarer. Nein, nein, nein! Das ist vollkommen unmöglich. Er drehte den Kopf nach rechts und sah, wie sich ein weiß gekleideter Mann über einen menschlichen Körper in grauer Kleidung beugte, der etwas entfernt auf dem Boden lag. Das kann einfach nicht sein! Nach einem kurzen Handzeichen des Weißkittels schleiften die bewaffneten Männer den Leblosen aus dem Raum.

Felix’ Gehirn arbeitete auf Hochtouren, um eine logische Erklärung für etwas zu finden, das nicht möglich war. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er keine Schmerzen mehr verspürte. Eigentlich fühlte er sich geradezu großartig, wie neu geboren, rein körperlich gesehen.

Felix hing noch seinen Gedanken nach, als ein jüngerer Mann in grauem, sportlich geschnittenem Anzug den Raum betrat und schnurstracks auf ihn zusteuerte. Ihn hatte Felix im Traum nicht gesehen, soweit er sich erinnerte. Der Mann trat an den Tisch und begutachtete Felix’ Körper, löste seelenruhig einen Verband nach dem anderen.

»Was tun Sie denn da? Wir haben keine Zeit für so was, machen Sie mich los!«

»Es ist immer wieder erstaunlich, wirklich erstaunlich.« Der Mann im Anzug lächelte zufrieden. Es bedurfte nur eines Blickes in seine kalten Augen und Felix wusste, dass von ihm keine Hilfe zu erwarten war.

* * *

Donnerstag, 9. Dezember, drei Jahre zuvor

In gerade einmal zwei Wochen war Weihnachten. Noch vor einem halben Jahr hatten ihn die Ärzte darauf vorbereitet, in Kürze zum Witwer zu werden. Nun war er unendlich dankbar, dass sie sich geirrt hatten. Dass seine Frau eine Kämpferin war, die sich nicht aufgegeben und schließlich das Unmögliche erreicht hatte.

Felix saß mit Leonie auf dem Teppich vor dem Kamin, eingekuschelt in eine weiche Decke. Sie hatte den Kopf auf seinen Schoß gelegt und genoss mit geschlossenen Augen den Moment. Liebevoll strich Felix seiner Frau durch die Haare. »Danke«, flüsterte er.

Leonie drehte den Kopf und sah ihn mit ihren tiefgrünen Augen fragend an. »Wofür?«

»Dass du nicht aufgegeben hast.«

Sie lächelte, zog ihn zu sich herunter und küsste ihn leidenschaftlich.

* * *

Am frühen Sonntagabend schlenderte Felix mit Leonie über den Weihnachtsmarkt in der Innenstadt. Überall drängten sich die Menschen zwischen den festlich beleuchteten Verkaufsständen, Musik und weihnachtliche Düfte erfüllten die Luft. Und doch war Felix’ besinnliche Stimmung getrübt. Er hatte das Gefühl, dass seine Frau mit den Gedanken ganz woanders war.

»Schatz?«, fragte er. »Geht es dir nicht gut?«

»Doch, doch. Alles in Ordnung.« Sie setzte ein strahlendes Lächeln auf, aber Felix sah ihr an, dass sie ihm etwas verschwieg.

»Irgendwas ist doch«, hakte er nach. »Du bist schon die ganze letzte Woche so komisch. So … abwesend.« Er blieb stehen, legte Leonie beide Hände auf die Schultern und sah ihr eindringlich in die Augen.

Sofort wich sie seinem Blick aus, sagte schließlich leise: »Ich bin schwanger.«

»Wie bitte?«

»Ich bin schwanger«, wiederholte sie, nun etwas lauter. »In der fünften Woche.«

Felix ließ sie los. Es dauerte einen Moment, bis er den Sinn ihrer Worte verstanden hatte. Ungläubig sah er sie an. »Schwanger?«

Leonie nickte und sah dabei überhaupt nicht glücklich aus, vielmehr wirkte sie bedrückt.

»Freust du dich denn nicht? Das sind doch tolle Neuigkeiten!« Felix schloss seine Liebste in die Arme und drückte sie an sich.

Zögerlich erwiderte Leonie die Umarmung. »Ich dachte, wir wollten keine Kinder«, flüsterte sie heiser. »Das haben wir doch immer gesagt.«

»Ich weiß. Aber … ich freue mich so!«

* * *

Mittwoch, 3. April, Gegenwart

Melanie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Anwalt noch am selben Tag zurückkehren würde. Nervös saß sie am Tisch und wartete auf den angekündigten Besuch. Inbrünstig hoffte sie, dass Sergio Esperanza sie schon bald aus dieser misslichen Lage befreien würde.

Als der Anwalt den Raum betrat, verflog Melanies Hoffnung schon nach wenigen Augenblicken. Sein Blick verriet nichts Gutes, verärgert setzte er sich Melanie gegenüber.

»Frau Farber, ich weiß nicht, was für ein Spiel Sie hier spielen, aber ich lasse mich für so etwas nicht einspannen, hören Sie?«

»Spiel?«, fragte Melanie irritiert. »Ich spiele doch kein …«

»Frau Farber!« Herr Esperanza fiel ihr so harsch ins Wort, dass sie zusammenzuckte. »Ich frage mich, wie ich Ihnen dieses Märchen auch nur im Ansatz glauben konnte.«

»Herr Esperanza …«, wollte sich Melanie rechtfertigen, doch der Anwalt ließ sie nicht zu Wort kommen.

»Ich bin vor zwei Stunden im Krankenhaus gewesen und hatte dort einen Termin mit Professor Hiepenau. Was denken Sie, wie unglaublich dämlich ich mir bei seinem Blick vorgekommen bin, als ich ihn nach Herrn Riebig gefragt habe? Er wusste nicht im Geringsten, wovon ich sprach.«

Skeptisch sah ihn Melanie an, doch sie traute sich nicht, ihn noch einmal zu unterbrechen.

»Ich muss Ihnen ehrlich sagen«, fuhr er etwas ruhiger fort, »dass ich kurz davor war, das Mandat niederzulegen.«

Melanie starrte ihn mit großen Augen an, doch er hob beruhigend die Hand.

»Aber ich werde es nicht tun. Noch nicht.« Kopfschüttelnd sah er sie an und seufzte tief. »Entweder Sie glauben wirklich, was Sie mir und der Polizei erzählen, oder …« Er zuckte mit den Schultern. »Wie auch immer. Es sieht jedenfalls so aus, als hätten wir einen Entlastungszeugen für Sie gefunden. Eine Mitarbeiterin der Zeitung will Sie beim Betreten und Verlassen des Gebäudes gesehen haben. Das würde Sie zumindest für den Mord an Ihrem Chef als Täterin ausschließen.«

»Aber das ist doch gut, oder nicht?«, fragte Melanie vorsichtig.

Herr Esperanza wiegte den Kopf hin und her. »Das heißt aber noch lange nicht, dass Sie aus dem Schneider sind, Frau Farber. Sie müssen endlich anfangen, mir die Wahrheit zu sagen, damit ich Ihnen helfen kann.«

»Aber, das …«, begann Melanie, doch der Anwalt unterbrach sie sofort.

»Tun Sie das nicht. Nicht schon wieder.« Er massierte sich die Stirn, als hätte er plötzlich Kopfschmerzen bekommen. »Hören Sie: Herr Riebig hat sich erschossen und Sie haben ein Video davon. Seine Leiche ist verschwunden. Ich denke, Sie verstehen, worauf ich hinaus möchte?«

Melanie nickte langsam. Es hatte keinen Sinn, erneut darauf zu bestehen, dass Felix am Leben war. Ihr Anwalt würde ihr sowieso nicht glauben. Aber wo war Felix? Es sah ihm nicht ähnlich, längere Zeit aus seiner Wohnung zu verschwinden. Irgendetwas musste passiert sein.

* * *

Etwa zur gleichen Zeit

Günther Zargel hatte seit einigen Tagen kaum geschlafen. Die rätselhaften Tode ließen ihn einfach nicht mehr los. Obwohl der Rechtsmediziner das Gefühl von echtem Papier zwischen seinen Fingern liebte, hatte er stundenlang im Internet recherchiert und nach ähnlichen Fällen gesucht, die in der gängigen Fachlektüre nicht erwähnt wurden. Tatsächlich gab es nur wenige Seiten, auf denen Interessantes zu finden gewesen war, und diese ordnete Zargel eher in die Kategorie ›verrückte Spinner‹ ein. Er war Wissenschaftler und konnte, nein, wollte solchen Fantastereien keinen Glauben schenken, ohne mit den Autoren gesprochen und sich selbst ein Bild gemacht zu haben. Also hatte er einige Mails mit der Bitte um ein persönliches Gespräch an Adressen aus der ganzen Welt gesendet und hoffte auf eine Reaktion.

Die ersten Antworten ließen nicht lange auf sich warten, zeigten sich jedoch als genau das, was Zargel erwartet hatte: abenteuerliche Theorien über Zombies, Vampire und illegale Menschenversuche der unterschiedlichsten Art. Hier wollten Individuen Aufmerksamkeit um jeden Preis und nahmen es mit der Wahrheit nicht allzu genau.

Eine E-Mail mit dem Betreff ›Ein gut gemeinter Rat‹ ließ Zargel stutzen; der Absender der Nachricht bestand nur aus einer willkürlichen Zeichenfolge.

›Sehr geehrter Herr Zargel, in Ihrem eigenen Interesse möchte ich Sie ersuchen, von weiteren Recherchen zu diesem Thema abzusehen. Es übersteigt Ihre Kompetenzen bei Weitem und könnte Ihrer Gesundheit abträglich sein. Hochachtungsvolle Grüße – eine Freundin‹

Zargel wunderte sich über die gestochene Ausdrucksweise und sendete unverzüglich eine Antwort. Er wollte in Erfahrung bringen, wer hinter dieser Botschaft steckte, seine E-Mail kam jedoch schon nach wenigen Sekunden als unzustellbar zurück. Das Postfach existierte nicht. Mit einem mulmigen Gefühl schob Zargel die Warnung in den Papierkorb. War es nur ein weiterer Spinner oder wollte diese Person wirklich nicht, dass er sich weiter mit dem Thema beschäftigte?

Schließlich, der Radiowecker neben dem Hotelbett zeigte bereits zwanzig nach zehn, meldete sich doch noch jemand, dem Zargel ein vernünftiges Maß an Kompetenz zutraute. Peter Morris, ein ehemaliger Coroner aus Canterbury, der inzwischen seit einigen Jahren den Ruhestand genoss, bot ihm trotz später Stunde ein Telefongespräch an. Zargel zögerte keinen Augenblick, Morris anzurufen. Er hatte bereits mehrfach Fortbildungen im Ausland besucht, ein Mal sogar selbst eine Gruppe Medizinstudenten in Tschechien unterrichtet, daher stellte die englische Sprache für ihn kein Hindernis dar. Wenn ihn der Anruf weiterbringen konnte, nahm er dafür gern eine höhere Handyrechnung in Kauf.

Morris war, der sonoren Stimme und der Art zu sprechen nach zu urteilen, ein gemütlicher Mensch, dazu auch im stattlichen Alter von sechsundachtzig noch in bester geistiger Verfassung. Während des einstündigen Telefonats erzählte er von einem ähnlich seltsamen Todesfall. Vor zweiundsechzig Jahren war ein Mitglied des britischen Parlaments bei einer privaten Geburtstagsfeier plötzlich zusammengebrochen. Jede Hilfe kam damals zu spät. Morris erinnerte sich noch an den Fall, da er zu dieser Zeit für den Coroner arbeitete, der für die Untersuchung zuständig war. Die Todesursache konnte nie abschließend geklärt werden, im Abschlussbericht wurde ein multiples Organversagen mit natürlicher Ursache angegeben. Zu diesem Zeitpunkt hatte Morris noch nicht gewusst, dass in einem zweiten Bericht, der nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, einige zusätzliche Details erwähnt wurden. Bis jetzt hatte er diesen Dingen nie große Bedeutung beigemessen. Er hatte es für eine gängige Praxis gehalten, um Nebensächlichkeiten unter den Tisch zu kehren, die ohnehin nicht zu erklären waren und nur für unbequeme Fragen gesorgt hätten. Durch Zargels E-Mail waren die als unwichtig in eine Ecke des Gehirns verschobenen Erinnerungen wieder hervorgelockt worden.

Die beiden Männer tauschten sich noch ausführlich über die Gemeinsamkeiten der aktuellen Fälle und dem des Parlamentariers von damals aus. Schließlich versprach der ehemalige Coroner, sich darum zu bemühen, eine inoffizielle Kopie des Berichts zu besorgen und seine Informationen mit Zargel zu teilen, wenn dieser ihn im Gegenzug ebenfalls auf dem Laufenden hielt. Offenbar hatte das Gespräch auch Morris’ Neugierde geweckt.

* * *

Donnerstag, 4. April

Felix tigerte in seinem ›Gästezimmer‹, wie sie es nannten, auf und ab. Der circa drei mal vier Meter große Raum war komfortabel eingerichtet, nur die vergitterten Fenster knapp unter der Decke und die schwere Eisentür, die von innen nicht zu öffnen war, zeigten deutlich, dass Felix hier kein Gast war.

Der Teller mit dem inzwischen erkalteten Abendessen stand unangetastet auf einem Holztisch vor dem Fenster. Felix war im Moment nicht nach Essen zumute, er war mit den Gedanken bei dem, was in den letzten Stunden vorgefallen war. Sein Verstand wollte die einzig logische Erklärung nicht wahrhaben, suchte fieberhaft nach einer Alternative. Erfolglos. Felix hatte nicht geträumt, er hatte – wie auch immer – gesehen, was geschehen war, während er tot auf der Bahre lag. Ausgeblutet. Wenn er genauer darüber nachdachte, war er genau in dem Moment wieder aufgewacht, als der arme Mann im Overall zu Boden sank. Dieser Gedanke brachte Felix vollkommen aus der Balance. Aber das würde bedeuten … Soll das bedeuten … Heißt das etwa … dass für meine Rückkehr ins Leben jemand anderes sterben muss? In dem Zusammenhang bekamen auch die Tode von seinem und Melanies Chef eine ganz neue Tragweite. Felix sank in die Knie und starrte ins Leere. Er war dafür verantwortlich.

* * *

Felix hatte die Männer nicht hereinkommen hören. Unsanft packten sie ihn an den Armen und zogen ihn auf die Beine, schleiften ihn mit sich aus dem ›Gästezimmer‹ in den Raum mit dem Metalltisch. Der Anblick des frisch geputzten Tisches und der Frau im weißen Kittel, die bereits eine Infusion vorbereitete, riss Felix aus seiner Lethargie.

»Bitte lassen Sie mich gehen! Sie wissen nicht, was Sie da tun!«

Unbeeindruckt zwangen ihn die Männer auf die Liege und schnallten ihn mit den Lederriemen fest. Nachdem sie den Sitz der Fesseln kontrolliert hatten, gab einer von ihnen ein Zeichen in Richtung des Eingangs. Gleichzeitig setzte die Ärztin die Nadel an seinem linken Arm an. Sie verfehlte die Vene, sodass Felix aufschrie.

»Halten Sie still«, forderte sie ihn auf. Beim zweiten Versuch saß der Zugang.

Eine dunkelhaarige Frau in Jeans und eng sitzendem Shirt betrat den Raum, kurz hinter ihr folgte der Mann mit den kalten Augen.

Felix versuchte, sich in ihre Richtung zu drehen, soweit es ihm möglich war. »Sie müssen mir zuhören! Was auch immer Sie bei Ihren Versuchen an mir herausfinden wollen, Sie machen einen großen Fehler!«

Die tiefbraunen Augen der Frau hefteten sich für einen Moment an seine, dann sah sie zu Boden und machte ihrem Begleiter Platz. Dieser lächelte Felix an, ohne dass sein Lächeln etwas Freundliches ausstrahlte.

»Herr Riebig, Sie sollten sich nicht derart aufregen, die Behandlung ist anstrengend genug für Sie.«

Behandlung? ›Folter‹ wäre die passendere Bezeichnung für das gewesen, was diese Menschen ihm antaten. »Sie verstehen das nicht!«, setzte Felix noch einmal an, doch der Mann im grauen Anzug unterbrach ihn.

»Ich verstehe sehr wohl, da dürfen Sie gewiss sein.« Er sprach mit einem leichten italienischen Akzent, der Felix beim letzten Mal überhaupt nicht aufgefallen war.

»Nein, das tun Sie nicht!« Der Ton in Felix’ Stimme wurde verzweifelter. »Für das, was Sie tun, müssen Menschen sterben!«

»Was Sie nicht sagen …« Der Mann lachte lauthals.

Felix warf der Frau, die mit verschränkten Armen danebenstand, einen flehentlichen Blick zu, doch sie zeigte keinerlei Regung. Felix spürte, wie die kalte Infusion in seinen Arm strömte. Die innere Unruhe stieg, sein Puls beschleunigte sich. »Warum tun Sie das?«

Der Mann im grauen Anzug hob eine Fernbedienung und drückte verschiedene Tasten. Sofort erlosch das Licht im Raum und an seiner Stelle schalteten sich die zahllosen Monitore ein, über die in rasender Abfolge Bilder flackerten.

Felix wusste, was die Bilder bedeuteten, er wusste, dass er die Augen schließen sollte – aber es gelang ihm nicht. Es war, als stände er neben sich und müsste machtlos miterleben, wie sich sein Körper auf der Liege gegen die Fesseln bäumte und mit aufgerissenen Augen die Monitore anstarrte.

* * *

In der Zwischenzeit

Melanie lag rücklings auf der unbequemen Matratze in ihrer Zelle und las in einem Thriller – mangels weiterer Lektüre bereits zum zweiten Mal. Beim metallischen Geräusch der Türverriegelung ließ sie das Buch sinken und setzte sich auf.

»Frau Farber, Sie dürfen gehen.«

Melanie sah den Beamten irritiert an. »Wie bitte?«

»Sie dürfen gehen«, wiederholte er noch einmal. »Bitte folgen Sie mir.«

»Aber …« Melanie biss sich auf die Zunge. Besser keine Fragen stellen, bis ich hier auch wirklich raus bin. Sie folgte dem Vollzugsbeamten in der Erwartung, dass sich ihre Freilassung jeden Moment als Irrtum herausstellen würde. Doch auch wenn ihr Hauptkommissar Wolff, dem sie beim Verlassen der Vollzugsanstalt begegnete, deutlich zu verstehen gab, weiterhin nicht an ihre Unschuld zu glauben, war sie tatsächlich frei. Vorerst.

Noch auf dem Heimweg rief Melanie Herrn Esperanza vom Handy aus an.

»Frau Farber, ich wollte mich gerade auf den Weg zu Ihnen machen.«

»Sie sind mein Held, Herr Esperanza! Wie haben Sie das so schnell geschafft?«

Der Anwalt zögerte. »Leider war das nicht mein Verdienst, Frau Farber. Ich wurde selbst erst vor einigen Minuten informiert, dass sich Zeugen zu Ihrer Entlastung gemeldet haben. Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber ich muss gestehen, dass ich einigermaßen irritiert bin.«

»Aber wieso? Das ist doch fantastisch! Das heißt, ich bin aus dem Schneider.«

»Sie finden es nicht merkwürdig, dass sich aus heiterem Himmel zwei Zeugen melden, die Sie zu den Tatzeitpunkten gesehen haben wollen und die zugleich so glaubwürdig sind, dass Ihre U-Haft direkt ausgesetzt wurde?«

»Na ja …« Eigentlich war Melanie einfach nur froh darüber, frei zu sein, doch aus seinem Mund klang es wirklich etwas seltsam. »Heißt das, es ist noch nicht vorbei? Können die mich etwa wieder einsperren?«

»Davon müssen Sie meiner Meinung nach ausgehen.«

»Mhm … Aber Sie kümmern sich darum, ja?«

»Natürlich, Frau Farber. Ich melde mich wieder bei Ihnen.«

Nachdenklich verabschiedete sich Melanie von ihrem Anwalt. Es hatte nicht danach geklungen, als wäre er besonders erfreut über ihre Freilassung. Offenbar hatte er immer noch Zweifel daran, dass sie nichts mit der ganzen Sache zu tun hatte. Vielleicht musste sie sich doch nach einem anderen Anwalt umsehen, der ihre Interessen vertrat – und der ihr glaubte.

Melanie fröstelte. Sie hatte nicht die Gelegenheit gehabt, bei ihrer Verhaftung etwas Wärmeres mitzunehmen, und jetzt, da die Sonne bereits untergegangen war, wurde es empfindlich kalt. Mit schnellen Schritten ging Melanie die Straße entlang zur Bushaltestelle und setzte sich auf die Bank, die etwas windgeschützt im Wartehäuschen stand.

Felix! Melanie musste wissen, was mit ihm los war, wie er einfach spurlos verschwinden konnte. Während sie abwechselnd versuchte, ihn zu Hause und auf seinem Handy zu erreichen, tigerte sie neben dem Wartehäuschen auf und ab. »Geh ran, verdammt!«, fluchte sie. Nach einigen Sekunden meldete sich wieder nur die Mailbox. »Mensch, Felix. Ich mache mir Sorgen um dich. Wo bist du, zum Teufel? Ich versuche schon seit …«

Plötzlich spürte Melanie einen kräftigen Stoß, jemand war aus dem Nichts aufgetaucht, umklammerte mit eisernem Griff ihren Oberkörper, riss sie unsanft zu Boden und begrub sie unter sich. Ein heftiger Schmerz durchzuckte Melanies linke Seite und sie kreischte auf; im selben Moment splitterte das Glas der Werbetafel hinter ihr.

»Hoch mit Ihnen!«, brüllte ihr eine tiefe Männerstimme ins Ohr, der Fremde packte Melanie am Oberarm, riss sie ruppig vom Bürgersteig hoch und zerrte sie mit sich um die nächste Hausecke. Neben ihnen schlug etwas in der Wand ein, kleine Betonstücke spritzten Melanie ins Gesicht.

»Kopf runter!« Der Fremde schlug einen abrupten Haken, zog Melanie dabei mit sich, ohne auf ihren immer noch schmerzenden Arm Rücksicht zu nehmen. Wie ein Schraubstock umklammerte seine Hand ihren Unterarm und ließ ihr keine Möglichkeit, sich dem Griff zu entziehen. Der Mann bog mit ihr in eine Seitengasse ein, wandte sich wenige Schritte später nach links und stürmte durch eine schmale Tür. Schließlich ließ er Melanie los.

Schwer atmend lehnte sie sich gegen eine der hell gestrichenen Wände, versuchte dabei, so viel Raum zwischen sich und den Mann zu bringen wie möglich. »Was …«, begann sie mit bebender Stimme. »Wer zum Teufel sind Sie? Was haben Sie mit mir vor?«

Der Fremde antwortete nicht, sie sah seine Silhouette an der Wand entlang streifen. Melanie schätzte ihre Chancen ab, die Tür zu erreichen, doch er wäre mit zwei Schritten bei ihr. Einen Moment später vernahm sie ein dumpfes Klicken, dann flackerte eine Neonröhre an der Decke auf und erhellte leise surrend den Raum. Schützend hielt sich Melanie die Hand vor die Augen.

»Ist alles okay bei Ihnen? Sind Sie verletzt?« Seine Stimme klang ehrlich besorgt.

»Sie haben mir bestimmt den Arm gebrochen, verflucht!«, grummelte Melanie und wich zurück, als er sich ihr näherte. Langsam gewöhnte sie sich an die neuen Lichtverhältnisse, sodass sie den Fremden zum ersten Mal betrachten konnte. Seine smaragdgrünen Augen musterten Melanie aufmerksam, sein Blick wirkte durch die dunklen Haare noch intensiver. Die Kleidung hatte beim Sturz auf das harte Pflaster deutliche Spuren davongetragen. Die linke Seite der dunkelblauen Jeans zeigte staubig graue Flecken und die Lederjacke, die er über einem schwarzen T-Shirt trug, war am Ärmel aufgescheuert.

»Lassen Sie mich mal sehen«, forderte der Fremde Melanie auf und kam auf sie zu.

Sie hob drohend die Hand, konnte ein Zittern in ihrer Stimme aber nicht verbergen. »Bleiben Sie weg von mir oder ich rufe die Polizei. Sie sind doch irre!« Melanie griff in ihre Hosentasche, um das Handy herauszuholen. Verdammt! Sie musste es an der Bushaltestelle verloren haben, als dieser Kerl sie umgerannt hatte.

Der Unbekannte schüttelte den Kopf und lachte leise. »Ich habe Ihnen das Leben gerettet, Frau Farber.«

»Sie haben mir …« Was zum … »Wo-woher kennen Sie meinen Namen?«

»Ich glaube, diese Frage ist im Moment wirklich Ihr geringstes Problem.« Er seufzte. »Haben Sie überhaupt mitgekriegt, dass Ihnen eben beinahe eine Kugel in Ihren – zugegeben recht hübschen – Kopf gejagt worden wäre?«

Melanie wurde schwindelig. Jetzt, da sich das Adrenalin in ihrem Körper langsam verflüchtigte, realisierte sie die Tragweite seiner Worte – und dass er recht hatte. Jemand hatte auf sie geschossen und dieser Kerl war der Grund, dass sie nicht in diesem Moment tot oder sterbend unter der Werbetafel lag. Kraftlos sank Melanie zu Boden, in ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Warum sollte mich jemand tot sehen wollen? Nein, das kann nur ein Versehen gewesen sein, ich wurde mit jemandem verwechselt. Die Kugeln waren nicht für mich gedacht.

»Ich kann verstehen, dass es im Moment etwas viel für Sie ist.«

Melanie zuckte unwillkürlich zusammen, als der Fremde ihr vorsichtig die Hand auf die Schulter legte. Sie hatte nicht bemerkt, wie er zu ihr gekommen und neben ihr in die Hocke gegangen war.

»Und ich werde Ihnen Ihre Fragen gern beantworten, soweit ich kann – wenn wir in Sicherheit sind«, fügte er in mahnendem Tonfall hinzu.

Melanie sah ihn prüfend an. »In Sicherheit?« Ihr Gehirn versuchte, die schrecklichen Gedanken zu verdrängen, und verführte sie dazu, sich mit der Begutachtung des Fremden abzulenken. Sie nahm die Fältchen um seine Augen wahr, die unscheinbare Narbe, die sich von der linken Braue zur Schläfe zog, und die zu einem leichten Lächeln nach oben gezogenen Mundwinkel, die nicht über seine innere Anspannung hinwegtäuschen konnten.

Reiß dich zusammen, Melli! Sie griff nach der Hand, die er ihr entgegenhielt, ließ sich aufhelfen und versuchte, ein Lächeln auf ihr Gesicht zu zwingen. »Danke.«

Der Fremde nickte nur kurz, ging dann zur Tür und spähte vorsichtig hinaus. »In Ordnung. Folgen Sie mir.« Er winkte Melanie zu sich und fügte mit einem Zwinkern hinzu: »Und bitte machen Sie es mir nicht wieder so schwer. Ich würde mich nur sehr ungern erschießen lassen.«

Melanie wusste nicht, was sie von diesem Mann halten sollte, der sich ihr noch nicht einmal vorgestellt hatte, doch ihr blieb keine Wahl. In seiner Gegenwart war die Gefahr zu sterben wenigstens etwas geringer; also würde sie ihm vertrauen. Für den Moment.

* * *

Einige Kilometer entfernt

Zargel hatte sich schließlich entschlossen, seinen Aufenthalt im Hotel zu verkürzen. Bis es den nächsten Toten unter denselben mysteriösen Umständen gab, konnten noch Tage oder Wochen vergehen. Zudem war es unwahrscheinlich, dass es ausgerechnet wieder im näheren Umkreis geschah. Also konnte er sich genauso gut zu Hause den weiteren Recherchen widmen, dort, wo er sich wohlfühlte und sich nicht jeden Morgen mit steifem Nacken und Rückenschmerzen aus dem Bett quälte.

Seit einer knappen Stunde fuhr Zargel über die Landstraße; inzwischen war es dunkel geworden und er verbrachte die meiste Zeit der Strecke damit, zwischen Fern- und Abblendlicht hin und her zu schalten.

In einiger Entfernung kündigten die reflektierenden Hinweisschilder eine scharfe Kurve an. Zargel wollte die Geschwindigkeit drosseln, doch sein Fuß reagierte nicht, hielt das Gaspedal unverändert in gleicher Stellung. Mit wachsender Panik bemerkte der Rechtsmediziner die Kälte, die sich von seinen Beinen aus im Körper ausbreitete, sah die rasant näher kommende Straßenbegrenzung und schloss die Augen. Bitte nicht!

* * *

In regelmäßigen Abständen huschten die Bäume am Straßenrand durch den Lichtkegel der Scheinwerfer, Fern- und Abblendlicht des Wagens wechselten sich im Rhythmus der entgegenkommenden Fahrzeuge ab.

Der Mann hatte beide Hände fest um das Lenkrad geschlossen und sah konzentriert auf die Fahrbahn, während im Radio ›The End of the World‹ von Skeeter Davis gespielt wurde. Mit einem Tastendruck startete der Mann die Sprachsteuerung der Freisprechanlage, ließ das Handy mit ein paar gesprochenen Befehlen wählen und sprach schließlich eine längere Nachricht in das Mikrofon.

Von der Rückbank löste sich ein Schatten und kroch ungesehen unter den Fahrersitz. Das Fernlicht des Wagens erfasste mehrere rot-weiße Schilder in Fahrtrichtung, die eine enge Kurve auf der Landstraße flankierten, doch der Fahrer war nicht in der Lage, die Geschwindigkeit zu reduzieren. Die Kälte kroch innerhalb weniger Augenblicke von seinen unteren Extremitäten durch den Körper und lähmte jeden Muskel, beraubte den Mann jeder Chance zu reagieren.

Ungebremst durchbrach der dunkelgraue Hyundai die Hinweisschilder und prallte frontal gegen eine der kräftigen Linden. Der Stamm verformte die Karosserie des Kleinwagens zu einem zerknautschten Etwas und zerquetschte die Beine des leblosen Körpers zwischen Kunststoff und Metall.

Felix öffnete langsam die Augen. Inzwischen wusste er nur zu gut, was dieser Traum zu bedeuten hatte – und dass es kein Traum gewesen war. Bei jedem Mal wurden die Bilder realer, blieb die Erinnerung daran deutlicher zurück, doch etwas änderte sich nicht: Die Minuten vor seinem Ableben waren aus Felix’ Gedächtnis verschwunden, das Letzte, an das er sich erinnerte, war, wie die Männer ihn aus seinem Quartier gezerrt hatten. Sie wissen nicht, was sie da tun. Felix hoffte, dass es wirklich so war, denn andernfalls … Eine Träne stahl sich aus dem Augenwinkel und rann über seine Wange. Warum ich?

Als die Männer ihn von der Liege zogen, reagierte Felix nicht. Er wusste, dass es keinen Sinn hatte, zu betteln oder es mit Überzeugungskraft zu versuchen. Diese Muskelpakete waren hirnlose Marionetten, die einfach taten, was ihnen befohlen wurde.

Zurück in seinem ›Gästezimmer‹ ließen ihn seine Bewacher unsanft auf den Boden fallen und verließen wortlos den Raum. Felix blieb einfach liegen, er fühlte sich müde und ausgelaugt, wollte sich am liebsten zusammenrollen und an Lolli kuscheln. Lolli … Er seufzte. Ob sie sich Sorgen machte? Oder dachte sie vielleicht – wer sollte es ihr verübeln –, er hätte sich einfach nur für ein paar Tage abgesetzt, ohne Bescheid zu sagen? »Ich hoffe, du suchst nach mir …«, flüsterte er in die Stille.

* * *

Ein Knarzen ließ Felix aufhorchen. Er hatte sich inzwischen auf sein Bett geschleppt, lag seitdem zusammengerollt mit dem Gesicht zur Wand, starrte ins Dunkel und wartete im ständigen Halbschlaf darauf, dass die Nacht endlich vorüberging. Und der folgende Tag. Und der danach.

Plötzlich hielt ihm jemand die Hand auf den Mund und raunte ihm ins Ohr: »Seien Sie ruhig. Ich tue Ihnen nichts.«

Felix nickte und drehte sich langsam um. Obwohl sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte er nur die Umrisse einer Person erkennen.

»Hören Sie einfach nur zu«, vernahm er eine leise weibliche Stimme. »Ich habe nicht viel Zeit, also werde ich es nur einmal sagen: Ich kann Ihnen helfen, hier zu verschwinden.« Sie sprach gutes Deutsch mit ausgeprägtem italienischem Akzent. »Sie müssen genau das tun, was ich Ihnen sage, und Sie haben nur einen einzigen Versuch. Wenn Sie sich erwischen lassen, kann ich nichts mehr für Sie tun.«

Felix nickte stumm, obwohl er nicht sicher war, dass sie es sehen konnte.

»Wenn man Sie das nächste Mal in den Schattenraum bringt, werde ich für eine Ablenkung sorgen, sobald die Wachen Sie auf dem Tisch festgeschnallt und den Raum verlassen haben. Sie müssen bereit sein, um Ihr Leben zu laufen.«

Felix lachte innerlich auf. Um sein Leben musste er wohl kaum fürchten. Doch auch wenn er bis jetzt nicht verstand, weshalb sie ihm helfen wollte, hörte er ihr aufmerksam zu, als sie ihm den Fluchtweg aus dem Gebäudekomplex beschrieb.

»Ich hoffe, Sie haben alles verstanden«, sagte sie abschließend und wandte sich zum Gehen.

»Warten Sie!« Felix bemühte sich um einen energischen Ton, ohne zu laut zu sprechen.

Die Frau hielt inne.

»Warum tun Sie das?«

Sie zögerte einen Moment. »Es ist nicht richtig«, erwiderte sie schließlich, ohne sich umzudrehen, und ließ Felix allein in der Dunkelheit zurück.

* * *

Samstag, 30. Juli, zwei Jahre zuvor

Der errechnete Geburtstermin rückte unaufhaltsam näher und mit jedem Tag, der verstrich, wurde Felix ungeduldiger. Leonies Eltern hatten bereits eine vollständige Kinderzimmerausstattung gekauft, inklusive Wickelkommode, Mobile und einem Jahresvorrat Windeln. Bei jedem Besuch – sie standen mindestens ein Mal pro Woche unangekündigt vor der Tür – brachten sie weiteren Schnickschnack mit, der nicht selten schon kurze Zeit später den Weg zu eBay fand.

Felix brachte Leonie mit seiner Überfürsorglichkeit immer häufiger an den Rand der Verzweiflung. Hatte sie sich in den ersten Monaten noch darüber gefreut, dass er ihr jeden Wunsch von den Augen ablas, konnte sie inzwischen kaum noch etwas machen, ohne dass er bereitstand, um ihr zu helfen. Ob sie wollte oder nicht.

Felix wusste, dass er übertrieb, doch er konnte nichts dagegen tun. Vor einem Jahr hätte er noch jedem einen Vogel gezeigt, der ihm Nachwuchs prophezeit hätte, und nun trug er das Schwarz-Weiß-Bild seiner ungeborenen Tochter ständig im Portemonnaie mit sich.

Leonie lag auf der Couch, die Beine gemütlich auf ein großes Kissen gebettet, und blätterte in einer Zeitschrift. »Ich bin ganz schön dick geworden«, sagte sie wie beiläufig. »Ich kann nicht mal mehr meine Füße sehen.« Sie strich über ihren Bauch. »Du machst der Mami ganz schön zu schaffen, weißt du das?«

»Ich hab Lust auf ’ne Pizza. Möchtest du auch was?« Felix erhob sich vom Sessel.

»Nein danke, Schatz. Mir ist schon seit einigen Tagen so übel. Irgendwie ganz komisch.«

»Das ist kein Wunder, bei dem, was du in den letzten Wochen verdrückt hast«, feixte Felix. »Da muss dein Körper ja irgendwann mal ›stopp‹ rufen.«

Sie knuffte ihn gegen den Oberschenkel. »Idiot!«

Er lachte. »Immer wieder gern.« Mit einer übertriebenen Verbeugung verschwand er in die Küche. Kaum hatte er den Ofen eingeschaltet und die Tiefkühlpizza aus dem Gefrierschrank genommen, hörte er seine Frau laut aus dem Wohnzimmer rufen.

»Schatz!«

Das war ja klar … Gemächlich ging er zurück. »Möchtest du also doch was essen?«

»Schatz, irgendwas ist nicht in Ordnung.« Leonie hielt sich den Bauch und in ihrer Stimme war die Besorgnis deutlich zu hören. »Es tut verdammt weh.«

Sofort spürte Felix das Adrenalin durch seinen Körper strömen, doch er versuchte, beherrscht zu bleiben, um seine Frau nicht zusätzlich zu beunruhigen. »Hast du vielleicht Vorwehen? Das könnte doch zeitlich passen.«

Leonie schüttelte hektisch den Kopf. »Das sind keine Wehen. Da stimmt was nicht!«, presste sie hervor und krümmte sich.

Felix zögerte keine Sekunde, hastete zum Telefon und wählte den Notruf. Es fiel ihm schwer, die Situation so besonnen zu schildern, dass die Frau am Telefon ihm folgen konnte. Obwohl schon drei Minuten später die Sirenen zu hören waren, kam es Felix wie eine Ewigkeit vor, bis die Sanitäter des Rettungswagens endlich an der Tür klingelten und kurz darauf auch der Notarzt eintraf.

Routiniert untersuchte der Mediziner zuerst Leonie, die jedoch beteuerte, dass ihr selbst nichts fehlte, und sich die Männer doch endlich um ihre Tochter kümmern sollten. Schnell stand fest, dass Leonies Befürchtung begründet war; die Herztöne des Babys waren schwach und unregelmäßig.

Als die Sanitäter seine Frau auf eine Trage hoben, stand Felix hilflos daneben. Wie in Trance spulte er die Antworten auf die Fragen der Männer ab. Hatte Leonie Allergien? Hatte sie Medikamente genommen? Etwas gegessen oder getrunken? Beim Krankenwagen angekommen wusste Felix schon nicht mehr, was sie noch alles hatten wissen wollen. Inzwischen war auch der Notarzt eingetroffen und versorgte Leonie, die ununterbrochen weinte und die Arme um den Bauch geschlungen hielt, mit einer Infusion. Felix wollte seine Frau nicht allein lassen, doch er musste einsehen, dass er den Sanitätern nur im Weg gewesen wäre und sie in ihrer Arbeit behindert hätte.

Der Rettungswagen setzte sich mit Martinshorn und Blaulicht in Bewegung und Felix spurtete zu seinem Wagen, fingerte fahrig den Schlüssel aus der Hosentasche und stieg ein. Er benötigte mehrere Anläufe, um ihn ins Zündschloss zu stecken und den Motor anzulassen. Mit durchdrehenden Vorderreifen setzte er aus der Parklücke, streifte dabei mit der Beifahrertür einen Begrenzungspfahl, doch es war ihm egal.

* * *

Die Fahrt zum Krankenhaus, inklusive einiger Übertretungen der Verkehrsregeln und einem kurzen Anruf bei Leonies Eltern, dauerte nur wenige Minuten. Felix parkte an der Zufahrt zur Notaufnahme im Halteverbot. Sollten sie den Wagen doch abschleppen, Hauptsache er kam rechtzeitig zu seiner Frau.

Leonie wurde soeben mit der Trage aus dem Fahrzeug gezogen, als er den Eingang erreichte. Im Eilschritt schoben die Sanitäter sie durch die automatische Schiebetür, sodass Felix Mühe hatte, Schritt zu halten. Er rief nach ihr, wollte ihr zeigen, dass er bei ihr war, doch sie wirkte apathisch, schien ihn gar nicht richtig wahrzunehmen.

Von der Seite trat ein Arzt in Begleitung zweier Schwestern hinzu, warf einen Blick auf die Patientin und ließ sich von seinem Kollegen über den Zustand in Kenntnis setzen. Selbst während der Unterhaltung verlangsamte die Gruppe ihre Schritte nicht. Felix konnte hören, was die Männer sprachen, verstand aber nur wenige der Fachbegriffe. Und doch genügte es, um zu verstehen, dass die Situation ernst war. Schließlich verschwanden die Sanitäter mit Leonie durch eine zweiflüglige Automatiktür in einen Teil des Krankenhauses, den Felix nicht betreten durfte.

Paralysiert blieb er vor der Tür zurück und starrte durch die kleinen Fenster der Trage nach, die sich schnell entfernte.

* * *

Freitag, 5. April

Melanie streckte sich und gähnte. Sie war offenbar auf dem eigentlich viel zu engen Zweisitzer eingeschlafen, nachdem sie sich ordentlich am Alkohol aus der Minibar gütlich getan hatte, um die Ereignisse vom Vorabend zu vergessen. Zumindest nahm sie an, dass sie einfach eingeschlafen war, denn sie konnte sich zwar leider immer noch an den Anschlag auf ihr Leben erinnern, nicht aber an die Zeit, nachdem sie ihrem Retter in das Hotel am Bahnhof gefolgt war. Ihr Kopf dröhnte, als sie versuchte, sich aufzusetzen.

»Auch nen Kaffee?« Der Fremde saß auf einem Stuhl gegenüber der Couch und lächelte ihr verschmitzt zu. Er hatte sich ein frisches T-Shirt angezogen, unter dem sich die Konturen seines wohlgeformten Oberkörpers erahnen ließen.

Instinktiv zog Melanie die Wolldecke bis zum Hals und prüfte, ob sie bekleidet war. Erleichtert stellte sie fest, dass sie noch dasselbe anhatte wie gestern. Für einen Moment hatte sie befürchtet, etwas ausgesprochen Dummes getan zu haben. Auch wenn dieser Mann in seinem Aussehen genau ihrem Geschmack entsprach – und ihr das Leben gerettet hatte –, wusste sie bis jetzt noch nicht einmal, wie er hieß. In der Nacht hatte er sie mit auf sein Hotelzimmer genommen und sie war ihm bereitwillig gefolgt. Zu tief saß der Schreck über den Mordanschlag, als dass sie sich Gedanken darüber gemacht hätte, ob sie das Richtige tat – ob sie ihm wirklich vertrauen konnte. Sie seufzte. »Ein Kaffee wär jetzt verdammt gut, danke«, antwortete sie mit belegter Stimme.

Während der Unbekannte zur kleinen Küchenzeile ging und den Wasserkocher befüllte, schlurfte Melanie ins Badezimmer. Ach du Schande! Den Blick in den Spiegel bereute sie sofort. Sie sah aus, als hätte sie sich die ganze Nacht mit ihm in den Laken gewälzt, und wieder huschte der Gedanke durch ihren Kopf, dass sie dies gar nicht so abwegig fand, wie es hätte sein sollen.

»Ich habe Ihnen ein paar Sachen aus der Drogerie besorgt«, rief er ihr aus dem Nebenzimmer zu. »Sie wollen sich bestimmt etwas frisch machen. Das Zeug steht in der Dusche.«

Melanie stellte sich vor, wie er bei diesem Satz schelmisch grinste. Die Artikel, die er gekauft hatte, entsprachen nicht ganz ihrem Geschmack, mussten für den Moment aber genügen. Sie verschloss die Tür, obwohl sie sicher war, dass ihn das im Ernstfall nicht fernhalten würde, zog ihre schmutzige Kleidung aus und stieg unter die Dusche.

Eine halbe Stunde später ging es Melanie schon deutlich besser, die Kopfschmerzen waren etwas abgeklungen, und obwohl sie ihre Sachen vom Vortag mangels Ersatz wieder hatte anziehen müssen, fühlte sie sich jetzt viel frischer.

Als sie ins Nebenzimmer kam, wartete der Fremde bereits mit einer Tasse dampfendem Instantkaffee auf sie. »Sieht gut aus«, kommentierte er ihr Eintreten. »Also, nicht dass Sie vorhin nicht gut ausgesehen hätten«, fügte er mit einem Zwinkern hinzu.

»Danke«, murmelte Melanie und meinte damit mehr den Kaffee als das seltsame Kompliment. »Ich habe mich auch noch gar nicht bei Ihnen für die Rettung bedankt. Sie hätten dabei ja auch draufgehen können.«

Er winkte ab. »Ach, keine Ursache.«

Was für ein Macho … Melanie gab sich einen Ruck. Offenbar würde er von selbst nicht mit seinem Namen herausrücken. »Sagen Sie … Ich weiß nicht einmal, wie Sie heißen.«

»Nenn mich einfach Tomàš.« Er wechselte wie selbstverständlich zum ›Du‹ und hielt ihr die Hand hin. »Wir sind uns doch nun schon so nah gekommen, dass wir auf das Förmliche verzichten können, oder was meinst du, Melanie?« Der kurze Anflug von Irritation in ihrem Gesichtsausdruck freute ihn offenbar.

Melanie hatte sich schnell wieder gefangen. Eigentlich hätte sie sich denken müssen, dass er auch ihren Vornamen bereits kannte. »Klar«, erwiderte sie in betont lockerem Ton. »Da hast du absolut recht.« Es war bestimmt kein Zufall gewesen, dass er genau im richtigen Moment an der Bushaltestelle aufgetaucht war, um ihr das Leben zu retten, und das bereitete ihr ein unbehagliches Gefühl. Es war wohl besser, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.

Als hätte Tomáš ihre Gedanken gelesen, machte er einen kaum merklichen Schritt in Richtung Tür. Seine Miene wurde ernst. »Wir müssen uns überlegen, wie es jetzt weitergehen soll«, sagte er, als bestände kein Zweifel, dass sie gemeinsam planen mussten.

»Ich gehe jetzt erst mal nach Hause und ziehe mir was Frisches an. Und dann gehe ich zur Polizei.«

Melanie wandte sich zur Tür, doch Tomáš stellte sich ihr in den Weg.

»Das kann ich nicht zulassen«, sagte er ruhig, aber bestimmt. »Du wärst tot, noch bevor du zu Hause ankommst.«

»Schwachsinn!« Sie funkelte ihn an. »Es ist helllichter Tag und ich wohne schließlich nicht in irgendeinem Getto …«

»Du – wirst – nicht – gehen, okay? Du hast keine Ahnung, in was du da reingeraten bist.«

Zu dem unbehaglichen Gefühl, das Melanie schon die ganze Zeit plagte, gesellte sich ein beängstigendes. Würde er sie wirklich nicht gehen lassen? Falls er sie mit Gewalt daran hindern wollte, hätte sie keine Chance. Konnte sie eine Konfrontation riskieren? Vielleicht war es besser, das Überraschungsmoment für sich zu nutzen.

»In Ordnung, ich bleibe.« Melanie schüttelte den Kopf, als würde sie resignieren. »Ich glaube, ich brauche jetzt was Stärkeres als Kaffee.«

Tomáš lachte leise auf. »Das kann ich mir gut vorstellen.« Er ging zur Minibar, um einen Hochprozentigen zu holen.

Auf diesen Moment hatte Melanie gewartet. Sie schlüpfte aus dem Zimmer, zog die Tür ins Schloss und rannte, so schnell sie konnte, die Treppe hinunter ins Erdgeschoss. Sie hetzte durch das Foyer und wurde beinahe von einem Auto erfasst, als sie die Straße überquerte, ohne nach rechts oder links zu schauen. Der Fahrer hupte und schrie ihr ein ›Willst du dich umbringen?‹ und diverse Beschimpfungen hinterher, doch Melanie lief unbeirrt weiter.

Nach ein paar Hundert Metern blieb sie keuchend stehen, stützte die Hände auf die Oberschenkel und versuchte durchzuatmen. Sie hielt das Rennen nicht länger durch. Ich muss wirklich wieder anfangen zu joggen. Nach ein paar Sekunden Pause setzte sie sich wieder in Bewegung und verfiel in leichten Trab. Sie musste weiter.

Plötzlich packte jemand Melanie am Arm und zwang sie zum Stehenbleiben. Scheiße!

»Bist du denn völlig bescheuert?«, fuhr Tomáš sie wütend an. »Das ist kein Spaß, verdammt!« Er hielt ihren Arm so fest, dass es schmerzte.

»Lass mich los!« Melanie schrie und zerrte, gab ihm schließlich eine schallende Ohrfeige, die ihn so überraschte, dass er den Griff lockerte. Sie wich zwei Schritte zurück, er folgte ihrer Bewegung.

Im selben Augenblick hallte ein Knall über die Straße und Tomáš’ Gesichtszüge versteiften sich maskenhaft.

Melanie blieb der spitze Schrei im Hals stecken, wie versteinert starrte sie auf das Einschussloch in Tomáš’ Stirn. Nach wenigen Millisekunden, die ihr wie Minuten vorkamen, riss sie der Fluchtinstinkt aus ihrer Erstarrung. Das Adrenalin, das die Panik freisetzte, ließ sie so schnell davonrennen, wie sie noch nie gerannt war.

* * *

Melanie kauerte zitternd in einer Kabine der McDonalds-Damentoilette, wie lange schon, wusste sie nicht. Sie konnte einfach nicht begreifen, was geschehen war. Jemand wollte sie umbringen, das stand nun wohl außer Frage, doch noch schlimmer war: Wahrscheinlich war sie schuld daran, dass Tomáš hatte sterben müssen. Sie hatte nicht auf ihn gehört, nicht geglaubt, dass die Gefahr so real war – sie war so dumm, so naiv gewesen.

Melanie war einfach nur nach Weinen zumute, doch es kamen keine Tränen. In ihrem Kopf schwirrten die Gedanken durcheinander. Was sollte sie nun tun? Wohin konnte sie gehen, ohne im nächsten Moment ihrem Mörder vor die Flinte zu laufen? Nach Hause konnte sie nicht, denn offensichtlich kannte er, wer auch immer dahintersteckte, ihre Adresse. Tomáš hatte es nur unweit von ihrer Wohnung erwischt.

Denk nach, Melli, denk nach! Im Moment kam ihr nur ein Ort in den Sinn, der eventuell Sicherheit bieten konnte: das Hotelzimmer. Tomáš hätte sie wohl nicht dorthin gebracht und derart entspannt seinen Morgenkaffee genossen, wenn er sich dort nicht sicher gefühlt hätte. Melanie machte sich Vorwürfe, dass sie ihm nicht vertraut hatte. Sie hatte ihm nicht einmal die Möglichkeit gegeben, alles zu erklären, sondern war einfach davongerannt.

Es fiel ihr schwer, Angst und Schuldgefühle beiseitezuschieben und ihre nächsten Schritte zu planen. Hatte der Killer sie beobachtet und wartete nur darauf, dass sie das Restaurant wieder verließ? Oder würde er ihr zum Hotel folgen und sie dort umbringen? Andererseits hatte Tomáš vielleicht Unterlagen im Zimmer versteckt, die Informationen über diejenigen enthielten, die hinter den Anschlägen steckten. Allein aus diesem Grund musste sie zurück. Solange sie nicht wusste, mit wem sie es zu tun hatte, war sie hilflos.

Melanie zog kräftig die Nase hoch, atmete ein paar Mal tief durch und drückte die Toilettenspülung, rein aus Gewohnheit. Vorsichtig lugte sie aus der Kabine und wartete, bis niemand außer ihr im Raum war. Dann verließ sie das Schnellrestaurant und ging mit zügigen Schritten in Richtung Hotel, versuchte dabei, nicht daran zu denken, was ihr auf dem Weg zustoßen konnte.

Erleichtert – und unbeschadet – erreichte sie eine Viertelstunde später die Lobby und ging zielstrebig zur Rezeption.

»Guten Tag, was kann ich für Sie tun?«, begrüßte sie der Mitarbeiter am Empfang.

»Hallo«, erwiderte Melanie die Begrüßung. »Den Schlüssel für Zimmer 407, bitte.«

Der Rezeptionist sah sie zuerst prüfend an, dann tippte er etwas in den Computer. »Netter Versuch«, sagte er schließlich lächelnd.

Mist! »Nein, Sie verstehen mich falsch«, versuchte es Melanie noch einmal und setzte nun ihrerseits ein zuckersüßes Lächeln auf. »Tomáš möchte, dass ich im Zimmer auf ihn warte.« Sie zwinkerte dem Mann vielsagend zu.

Dieser hob eine Augenbraue, schüttelte dann den Kopf. »Selbst wenn ich wollte, könnte ich Ihnen den Schlüssel nicht aushändigen. Sie müssen leider in der Lobby warten, junge Frau.«

Verdammt. »Na gut, danke sehr.« Für nichts, fügte sie in Gedanken hinzu. Doch dann hatte sie eine Idee. »Dürfte ich vielleicht die Toilette benutzen?«

»Natürlich. Dort hinten, die zweite Tür links.« Der Mann zeigte in Richtung des Fahrstuhls.«

Diesmal lächelte ihn Melanie ehrlich an. »Danke«, sagte sie im Umdrehen und ging zur Tür ins Treppenhaus, die sich direkt neben den Toiletten befand. Ein kurzer Blick zurück zur Rezeption, ob er ihr auch nicht hinterhersah, dann spurtete sie in den vierten Stock.

* * *

Seit über einer Stunde wartete Melanie nun bereits im Halbdunkel darauf, dass die Zimmermädchen diese Etage erreichten. Sie stand am Ende des Flurs an die hellgelb gestrichene Wand gelehnt, lugte regelmäßig um die Ecke, um den Fahrstuhl im Blick zu behalten, und vertrieb sich die Zeit damit, die wenigen vorbeigehenden Gäste zu beobachten und in eine Schublade zu stecken.

Gerade als sie schon daran zweifelte, dass die Zimmer noch an diesem Tag gesäubert wurden, öffnete sich die Fahrstuhltür und ein Wagen mit frischen Handtüchern, zwei Müllsäcken und Putzutensilien wurde herausgeschoben. Sie wartete, bis die Reinigungskraft an die erste Tür geklopft und mit leicht gelangweiltem Unterton »Zimmerservice« gerufen hatte. Kurz darauf ertönte das leise Piepen des elektronischen Türschlosses und die Frau betrat das Zimmer.

Melanie schlich den Flur entlang zum Servicewagen, griff nach einem der sauberen Duschtücher und lief auf Zehenspitzen zurück zu der Stelle, wo der Flur einen Knick machte und sie vor den Blicken des Zimmermädchens geschützt war. Schnell zog sie sich bis auf die Unterhose aus, wickelte das Handtuch um ihren Körper, sodass es sie von der Brust bis zu den Oberschenkeln bedeckte, dann knüllte sie die Kleidung zusammen und versteckte sie zusammen mit ihren Schuhen hinter einer großen Topfpflanze. Sobald sie Zugang zum Zimmer hatte, würde sie die Sachen holen kommen.

Vorsichtig spähte Melanie um die Ecke, holte einmal tief Luft und schlich über den dunklen Teppich – der sich unter ihren Füßen anfühlte, als wäre er schon länger nicht gesaugt worden – zur Tür mit der Nummer 407. Sie kniff sich mehrfach in die Wangen, um etwas Schamesröte zu simulieren, und wartete mit klopfendem Puls, bis die Putzfrau zu ihrem Wagen ging, um etwas zu holen.

»Entschuldigung?« Melanie trat in die Mitte des Flurs und winkte in ihre Richtung, hielt mit der anderen Hand das Duschtuch an Ort und Stelle.

Die Frau sah überrascht herüber.

»Es ist mir etwas peinlich …« Melanie ging ein paar Schritte auf sie zu. »… aber ich habe mich ausgesperrt. Wären Sie vielleicht so freundlich, mir die Tür zu öffnen?«

Das Zimmermädchen legte wortlos den Stapel Handtücher zurück auf den Wagen, den sie gerade hatte ins Zimmer bringen wollen, und kam bedächtigen Schrittes näher. Dabei schüttelte sie kaum merklich den Kopf, gerade so, als hätte sie es täglich mit vertrottelten Hotelgästen zu tun, die sich beinahe unbekleidet aus ihrem Zimmer aussperrten. Melanie schätzte die Frau auf Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig. »Da haben sie aber Glück gehabt, dass ich gerade hier bin«, sagte sie ohne Begrüßung, dann lächelte sie. »Wenigstens haben Sie ein Handtuch um, Sie glauben ja gar nicht, was man hier so erlebt.« Während sie weitersprach, steckte sie ihre Schlüsselkarte ins Türschloss, das dies mit einem leisen Piepen quittierte. »Vorletzte Woche stand ein Mann vor mir, split-ter-nackt. Das war vielleicht ein Anblick! Sie müssen wissen, dass der Herr bestimmt schon über siebzig war. Falten hatte der … Ich hätte fast geschrien vor Schreck.« Nun lachte sie herzlich und zwinkerte Melanie zu. »Bei Ihnen wäre der Anblick sicher angenehmer gewesen. Bitte sehr.« Sie drückte die Klinke herunter und öffnete die Tür einen Spalt.

»Danke. Ich werde ab jetzt auch besser aufpassen«, versprach Melanie mit rotem Kopf. Die Situation war ihr überaus peinlich, fast so, als wäre ihr das ausgedachte Missgeschick wirklich passiert.

»Keine Ursache.« Das Zimmermädchen drehte sich im Gehen noch einmal um. »Nächstes Mal dürfen Sie das Handtuch auch gerne weglassen.« Leise vor sich hin lachend verschwand sie in Zimmer 401.

Melanie atmete auf. Diesen Teil hatte sie überstanden, der Rest war ein Kinderspiel. Jetzt musste sie nur noch die Tür mit irgendeinem Gegenstand verkeilen, um gefahrlos ihre Kleidung holen zu können, dann konnte sie sich ganz in Ruhe nach etwas umsehen, das Tomáš hinterlassen hatte. Sie betrat das Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich.

»Na, so eine Überraschung!«

Melanie fuhr herum. Dort vor dem Badezimmer stand, mit nacktem Oberkörper und ebenfalls nur einem weißen Handtuch um die Hüften, Tomáš und frottierte sich die Haare. Mit einem spitzen Schrei stolperte Melanie rückwärts, kam ins Straucheln, fiel und stieß sich dabei den Kopf am Türrahmen. »Aber … ich … ich … du … wie …?«, stammelte sie.

Tomáš war sofort bei ihr und wollte ihr aufhelfen, doch sie stieß die Hand, die er ihr anbot, weg und versuchte, aus eigener Kraft aufzustehen. Dabei stützte sie sich allerdings so unglücklich auf dem Handtuch ab, dass es sich löste und zu Boden glitt.

»Mensch, du hast es aber eilig«, frotzelte Tomáš, drehte sich jedoch schnell zur Seite, um die Situation für sie nicht noch unangenehmer zu machen.

Hastig raffte Melanie ihr Handtuch zusammen und wickelte es wieder fest um ihren Körper. In diesem Moment wäre sie am liebsten auf der Stelle tot umgefallen. Tot … In ihren Gedanken formte sich eine Erkenntnis, die jegliches Schamgefühl augenblicklich zur Seite wischte. »Du bist auch so ein …« Sie stockte und suchte nach der passenden Bezeichnung.

»Freak?«, vollendete Tomáš ihren Satz.

»Nein, nein! Das wollte ich nicht sagen.« Melanie hob abwehrend die Hand, hielt mit der anderen die Nahtstelle des Handtuchs vor ihrer Brust umkrampft. Sie überlegte kurz. »Unikum.«

»Unikum?« Tomáš runzelte die Stirn. »Mir gefällt Freak deutlich besser.« Er grinste. »Aber im Moment finde ich ehrlich gesagt viel interessanter, was du hier machst – nackt in meinem Hotelzimmer.«

»Ich bin nicht nackt«, grummelte Melanie.

»In Ordnung, was du hier machst – halb nackt in meinem Hotelzimmer«, korrigierte er und sein Grinsen wurde breiter.

»Ist das nicht offensichtlich?«, gab sie kleinlaut zu.

Nachdenklich wiegte er den Kopf hin und her. »Wahrscheinlich wolltest du mich zum Geburtstag mit einem ganz besonderen Geschenk überraschen?«

»Du hast Geb… Was? Spinnst du?«

Tomáš’ Mundwinkel zuckte. »Ich bin nicht in ein fremdes Hotelzimmer eingebrochen. Nackt, pardon, halb nackt.«

Melanie wusste, dass er mit ihr spielte, und das machte sie rasend. Ihre Nasenlöcher blähten sich auf. Energisch ging sie auf ihn zu und stellte sich auf die Zehenspitzen, sodass sie ihm direkt in die Augen sehen konnte. »Ist es das für dich?«, zischte sie. »Ein Spiel? Du bist genau wie Felix. Nur, weil du nicht sterben kannst, glaubst du, dass es harmlos ist. Du hast nicht die geringste Ahnung, durch welche Hölle ich in den letzten Tagen gegangen bin.« Ihre Stimme wurde immer lauter, bis sie schließlich beinahe schrie. »Ich habe gesehen, wie du erschossen wurdest! Ich habe zusehen müssen, wie sich Felix den Kopf weggepustet hat. Ich kann nicht schlafen, ohne dass ich Albträume kriege, verdammt, ich kann nicht einmal mehr die Augen schließen, ohne sofort diese Bilder zu sehen.«

»Es tut mir leid.« Seine Miene wurde ernst.

Melanie schnaufte verächtlich. »Es tut dir leid … und damit ist es dann getan oder wie?«

Tomáš schüttelte langsam den Kopf. »Nein, ist es nicht.« Er nahm sanft ihr Kinn in seine Hand, beugte sich vor und küsste sie.

Melanie wollte sich ihm entziehen, doch ihr Körper war anderer Meinung. Ihr Mund erwiderte seinen Kuss, zuerst zaghaft, dann zunehmend leidenschaftlicher. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals, schenkte dabei dem zu Boden gleitenden Handtuch keine Beachtung mehr.

Mühelos hob Tomáš Melanie hoch und trug sie ins angrenzende Schlafzimmer.

* * *

Samstag, 30. Juli, zwei Jahre zuvor

Es kam Felix vor, als wäre er erst vor wenigen Tagen hier im Krankenhaus über den Flur getigert, während seine Frau zwischen Leben und Tod schwebte. Wieder lief er auf und ab, ohne zu wissen, wie es um sie – und seine Tochter – stand.

Sybille und Werner Beike waren vor wenigen Minuten ebenfalls im Krankenhaus eingetroffen und hatten sich von Felix schildern lassen, was geschehen war. Während sich Leonies Vater äußerlich ruhig und gefasst zeigte, fingerte ihre Mutter nervös an einer Schachtel Zigaretten herum. Sie hatte nach dem Unfall im vergangenen Jahr wieder mit dem Rauchen angefangen und war seitdem nicht mehr davon losgekommen.

Nach zermürbenden Minuten trat endlich eine junge Ärztin, begleitet von einem Mann in Alltagskleidung, durch die Tür und ihr Gesichtsausdruck ließ Felix’ Herz einen Schlag aussetzen. Schon bevor sie etwas sagte, wusste er, dass es nichts Gutes sein würde.

»Herr Riebig, Familie Beike«, begann sie und rang sichtlich um passende Worte.

»Ist mit meiner Tochter alles in Ordnung? Geht es ihr gut?«, platzte es aus Felix heraus. Er konnte das Rumgedruckse nicht ertragen.

Die Ärztin schluckte schwer. »Ich habe Ihnen jemanden zur Unterstützung mitgebracht. Herr Steigers wird sich um Sie kümmern.« Sie machte eine Pause. »Es tut mir leid, aber … wir konnten nichts tun. Ihre Tochter war bereits tot, als wir … Es tut mir wirklich so unendlich leid … Ihre Frau … Ich weiß nicht, wie es passieren konnte …« Ihre Stimme brach und die Worte waren kaum hörbar, als sie sie aussprach: »Sie hat die Operation nicht überstanden.«

»Nein!« Sybille entfuhr ein entsetztes Stöhnen. Zitternd stand sie in den Armen ihres Mannes, der nun seinerseits mit den Tränen kämpfte.

Felix wurde übel. Er lehnte sich an die Wand und sah die Ärztin verständnislos an. Was redet die da? Das ist doch Blödsinn! Leonie und dem Baby geht es gut. Ganz sicher. Es kann gar nicht anders sein, es darf nicht anders sein.

Nun mischte sich auch der Mann, dessen Name Felix bereits wieder entfallen und im Grunde auch völlig egal war, in die Unterhaltung ein. »Ich verstehe, dass es im Moment sehr schwer für Sie zu begreifen ist. Ich versichere Ihnen …«

Um Felix herum begann sich die Welt zu drehen, die Worte erreichten ihn nicht mehr. Er musste würgen, erbrach sich auf den Krankenhausflur, dann wurde ihm schwarz vor Augen und er sank zu Boden.

* * *

Einige Tage später

Melanie saß mit Felix am Küchentisch in seiner Wohnung. Er hatte eine Flasche Bier in der Hand – seine vierte an diesem Morgen – und starrte auf das Blatt Papier vor ihm.

»Ich kann das nicht«, sagte er leise.

Melanie strich ihm sanft über den Arm. »Ich bin für dich da, das weißt du doch, oder? Wir schaffen das, wir stehen das gemeinsam durch. Das war immer so.«

Felix sah mit vom Weinen geröteten Augen zu ihr, doch sein Blick ging durch sie hindurch. »Das hier ist anders. Das ist kein gebrochenes Bein oder irgendein idiotischer Liebeskummer, Melli. Leonie und Sofia sind … tot. Sie sind endgültig weg und kommen nicht wieder.« Er hatte seiner Tochter noch nach ihrem Tod den Namen gegeben, den Leonie sich gewünscht hatte, denn er wollte sein Kind nicht namenlos in Erinnerung behalten.

»Ich weiß.« Sie nahm Felix in den Arm und legte seinen Kopf an ihre Schulter. »Aber du weißt auch, dass sie immer eine Feuerbestattung wollte, wenn sie einmal stirbt.«

Felix schüttelte langsam den Kopf. »Das war doch nur … Wir dachten doch nicht …« Seine Stimme klang kraftlos und heiser. »Ich kann einfach nicht dabei zusehen, wie sie zu einem Häufchen Asche verbrennen, ich kann sie nicht in einer Urne beerdigen. Ich kann mir nicht mal vorstellen, sie überhaupt zu beerdigen.«

Melanie nickte schweigend. Sie wusste, dass sie nichts sagen oder tun konnte, um ihm die Situation zu erleichtern, außer einfach für ihn da zu sein. Leonies Eltern hatten Felix gebeten, sie ins Krematorium zu begleiten. Sie bestanden darauf, bei ihrer Tochter zu sein, wenn der Sarg den Flammen übergeben würde, und Melanie konnte es verstehen. Doch genauso fragte sie sich, ob Felix der Belastung gewachsen war. Nach Leonies Unfall einige Monate zuvor hatte er sich zunehmend abgekapselt, je größer seine Sorge um seine Frau geworden war. Auch wenn er sich zwischenzeitlich erholt zu haben schien, war er seitdem nicht mehr ganz der Alte. Wahrscheinlich wäre es kaum jemandem aufgefallen, doch Melanie kannte Felix schon seit ihrer Kindheit, sie sah, dass etwas in ihm zerbrochen war – vielleicht endgültig.

»Wir müssen los, Felix.«

Er reagierte nicht, starrte weiterhin ins Leere.

»Komm schon. Sie hätte sich gewünscht, dass du bei ihr bist. Vielleicht schaut sie jetzt von da oben zu …«

»Du weißt genau, dass ich nicht an diesen Scheiß glaube, Melli.« Er klang ein wenig vorwurfsvoll. »Tot ist tot.« Schließlich seufzte er und stützte sich auf der Tischplatte ab, um aufzustehen. »Danke, dass du mir beistehst.«

Eineinhalb Stunden später standen sie neben dem aufgebahrten Sarg im Verbrennungsraum des Krematoriums. Außer ihnen und Leonies Eltern waren noch zwei Freundinnen der Verstorbenen anwesend, die Melanie lediglich vom Sehen kannte. Felix hielt den Blick gesenkt, nur mit Mühe hatte ihm Melanie ausreden können, eine Sonnenbrille zu tragen, um die geröteten Augen zu verbergen.

Zärtlich griff sie nach seiner Hand, spürte, wie kalt sie war und wie ein Zittern durch seinen Körper lief, als der Sarg in die Flammen geschoben wurde. Sanft strich Melanie mit dem Daumen über Felix’ Handrücken, sandte ihm so ein stummes ›Ich bin hier!‹ und langsam ebbte das Zittern ab.