ZEHN
Zur gleichen Zeit
Es war ein unangenehmer Ort für ein Treffen. Weit und breit nichts als ebenes Land und kaum Möglichkeiten, sich vor den Augen der Organisation zu verstecken. Tomáš hatte den Wagen neben einer kleinen Hütte geparkt und starrte aus dem Fenster. Sein rechtes Bein wippte nervös auf und ab.
»Ich habe wirklich kein gutes Gefühl dabei, Tomáš«, sagte Melanie und ihre Stimme zitterte. »Lass uns bitte einfach wieder verschwinden. Wir finden einen anderen Weg, Felix zu helfen.«
Tomáš antwortete nicht, sah weiterhin aus dem Fenster. »Sie sind da«, sagte er plötzlich und deutete auf eine dunkle Limousine, die etwa hundert Meter entfernt hielt. Er atmete einmal tief ein, nickte energisch und öffnete die Tür.
»Tomáš«, begann Melanie mit flehender Stimme. »Es ist zu gefährlich. Lass uns wieder fahren.«
Ohne sich umzudrehen, presste er ein »Nein« hervor und schlug die Tür hinter sich zu.
Instinktiv drückte Melanie den Knopf der Zentralverriegelung und beobachtete mit hämmerndem Puls, wie sich Tomáš dem dunklen Gefährt näherte. Ihr gegenüber hatte er seinen Plan nur grob umrissen, sie hatte gerade so viel verstanden, dass er beabsichtigte, der Organisation einen Handel vorzuschlagen. Er wollte ihnen Informationen anbieten, die Melanie angeblich gesammelt hatte und die dem ›Umbra Dei‹ schaden konnten. Durch die Vernichtung der Unterlagen wollte er sie beide und Felix freikaufen. Melanie glaubte nicht daran, dass sich derart mächtige Menschen durch vage Drohungen erpressen ließen, doch Tomáš schien so fest davon überzeugt, dass sie schließlich mit schlechtem Bauchgefühl eingewilligt hatte. Es war immerhin eine Chance, Felix zu befreien, wenn auch nur eine kleine – und riskante.
Der Fahrer der schwarzen Limousine würdigte Tomáš keines Blickes und öffnete die hintere Tür. Melanie stutzte. Das lief nicht wie geplant. Tomáš hatte am Telefon darauf bestanden, sich nur mit Alessia persönlich zu treffen, und der junge Mann mit den dunklen Haaren, der soeben aus dem Wagen stieg und seinen grauen Anzug zurechtzupfte, war ganz sicher nicht Alessia.
Tomáš ließ sich nicht anmerken, ob er überrascht war, vielleicht hatte er sogar damit gerechnet, dass die Organisation die Spielregeln ändern würde; immerhin war es nicht das erste Mal, dass er mit diesen Leuten zu tun hatte. Es war schwer, vielmehr unmöglich, aus der Entfernung etwas von seiner Mimik ablesen zu können, nur Tomáš’ Körperhaltung deutete auf eine gewisse Anspannung hin.
Der Fahrer der Limousine reichte dem Anzugträger einen flachen dunklen Koffer, dieser öffnete ihn, warf einen prüfenden Blick auf den Inhalt und hielt ihn schließlich Tomáš entgegen. Dieser nickte, schloss den Deckel und nahm den Koffer an sich.
Melanie versuchte, das Gesehene gedanklich einzuordnen. Das ungute Gefühl, das sie über die letzten Stunden begleitet hatte, war inzwischen zu einem unangenehmen Kribbeln angewachsen, das ihren ganzen Körper durchflutete.
Plötzlich klirrte es hinter ihr, die Scheibe der Beifahrertür zerbarst und Melanie duckte sich reflexartig. Noch bevor sie die Situation überblicken konnte, wurde die Tür aufgerissen und sie spürte, wie kräftige Hände sie aus dem Auto zerrten. Melanie schlug und trat um sich, ohne etwas auszurichten. Der bullige Angreifer, der sich unbemerkt aus der anderen Richtung genähert haben musste, drehte ihr die Arme auf den Rücken und schloss mit einem kurzen Ratschen Kabelbinder um beide Handgelenke. Schmerzhaft drückte sich das dünne Plastik in ihre Haut.
Aus voller Kehle schrie Melanie um Hilfe, obwohl sie wusste, dass ihr hier niemand helfen konnte – außer Tomáš. Die Organisation hatte sie in eine Falle gelockt und er war sehenden Auges hineingelaufen. Es sei denn … Melanie wollte den Gedanken nicht zu Ende denken. Die Erkenntnis traf sie wie ein kräftiger Schlag in die Magengrube. Sie war der Handel, mit dem sich Tomáš freikaufen wollte. Sich und niemanden sonst. Er hatte sie hintergangen und einfach so ausgeliefert, nach allem, was in den vergangenen Tagen zwischen ihnen geschehen war, nach allem, was sie gemeinsam durchgemacht hatten. Wie hatte sie sich nur so in ihm täuschen können?
Melanie spürte die Tränen aufsteigen und schluckte sie herunter. Keinesfalls wollte sie Tomáš die Genugtuung geben, sie seinetwegen weinen zu sehen.
Der bullige Kerl schleifte sie mit sich zur Limousine und stieß sie ruppig nieder, schmerzhaft landete sie mit den Knien auf dem staubigen Boden. Die massigen Arme vor der Brust verschränkt stellte sich der Typ mit den kurz geschorenen Haaren und dem unnatürlich breiten Oberkörper neben seinen Boss. Er fixierte Melanie mit den Augen, als würde er bei der geringsten falschen Bewegung seine Waffe zücken und ihr eine Kugel in den Kopf jagen. Gesprochen hatte er während der ganzen Zeit kein einziges Wort.
Der schlanke Mann im grauen Anzug sah sie von oben herab an. Obwohl er weder vom Körperbau noch von seiner Haltung Furcht einflößend wirkte, strahlten seine eisblauen Augen eine unheimliche Kälte aus, die Melanie erschauern ließ.
»Hallo, Frau Farber.« Er machte keine Anstalten, ihr aufzuhelfen. »Schön, Sie zu sehen. Ich muss gestehen, ich war sehr gespannt, die Frau kennenzulernen, die uns in der letzten Zeit einiges Kopfzerbrechen beschert hat.«
Melanie wendete den Blick von ihm ab und schwieg. Warum beendete dieser Kerl die Sache nicht einfach und brachte sie um? Sie machte sich keine Illusionen, dass sie heil aus dieser Situation herauskommen würde. Ihr einziger Verbündeter war ihr in den Rücken gefallen und hatte sie in diese tödliche Falle gelockt. Doch warum hatte die Bulldogge sie lebendig aus dem Wagen geholt und nicht auf der Stelle erschossen? Welchen Nutzen konnte sie für die Organisation haben?
»Was wollen Sie?«, fragte Melanie schließlich. Ihre Stimme klang brüchiger, als ihr lieb war.
»Ich will Sie nicht anlügen, Frau Farber.« In seinen Worten schwang ein leichtes Lächeln mit. »Eigentlich sollten Sie bereits tot sein. Wie das Leben so spielt, hat uns mein alter Freund Tomáš ungewollt einen Gefallen getan, als er Sie gerettet hat. Ich denke, Sie sind genau die Richtige, um Herrn Riebig zur Vernunft zu bringen.«
Melanie zuckte innerlich zusammen. Felix! Also war er noch am Leben und hatte sich zumindest nicht einfach seinem Schicksal ergeben. Vielleicht verschaffte ihr das eine Galgenfrist, eine Gelegenheit, doch noch aus dieser scheinbar ausweglosen Situation herauszukommen.
»Bitte steigen Sie ein«, forderte der Anzugträger und öffnete eigenhändig die Tür.
Melanie drehte kurz den Kopf und sah Tomáš an. Er stand regungslos da, den dunklen Koffer lässig in der rechten Hand. Verfluchter Scheißkerl!, schleuderte sie ihm in Gedanken entgegen.
Mit gefesselten Händen fiel es ihr schwer, auf die Beine zu kommen, doch auch jetzt hielt es niemand für nötig, ihr zu helfen. Für einen Augenblick überlegte sie, sich einfach in den Dreck fallen zu lassen, um es den Männern nicht ganz so leicht zu machen, doch sie verwarf den Gedanken wieder. Mühsam richtete sie sich auf und setzte sich widerwillig auf die lederne Rückbank der Limousine.
Der Angriff kam völlig unerwartet. Melanie sah Tomáš an der offenen Tür vorbeigehen. In einer schnellen Bewegung schwang er den Koffer nach oben und im nächsten Augenblick hörte sie ein lautes Knacken begleitet von einem Aufschrei. Kurz darauf sackte die Bulldogge auf die Knie und hielt beide Hände vor die stark blutende Nase.
»Los! Ein paar Schritte zurück, Armando!«, forderte Tomáš etwas außer Atem und wedelte mit der Waffe, die er offensichtlich dem zu Boden Gegangenen abgenommen hatte. »Sie steigen aus!«, rief er dem Fahrer zu, der irritiert die Tür geöffnet hatte und zwischen seinem Boss und Tomáš hin und her sah. »Du auch, Mel!«
»Du machst einen großen Fehler«, zischte Armando wütend. »Es ist nicht ratsam, uns zu hintergehen. Das wirst du noch bereuen.«
Tomáš lachte auf. »Was willst du denn machen? Mich umbringen? Schon wieder? Du machst mir schon lange keine Angst mehr, mein alter Freund.« Die letzten Worte sprach er voller Verachtung.
Melanie zögerte einen Moment, bevor sie aus dem Wagen stieg. Die Bulldogge rappelte sich gerade mit schmerzverzerrtem Gesicht auf und sah Tomáš so hasserfüllt an, als hätte er ihm am liebsten die Kehle mit bloßen Händen zerquetscht. Auch der Koffer hatte die Wucht des Aufpralls nicht unbeschadet überstanden. Die Scheine aus seinem Inneren lagen verstreut auf dem Boden und wurden nach und nach von einer leichten Brise fortgeweht, ohne dass Tomáš ihnen Beachtung schenkte. Er gab Melanie mit dem Kopf ein Zeichen, sich hinter ihn zu stellen.
»Ihr drei werft jetzt eure Handys auf den Boden«, sagte Tomáš an Armando, seinen Fahrer und die Bulldogge gewandt. »Dann dreht ihr euch um und geht brav immer geradeaus. Der Erste, der stehen bleibt oder sich umsieht, bekommt eine Kugel verpasst, verstanden?« Nun sah Tomáš Armando direkt an und fixierte ihn mit starrem Blick. »Und glaub nicht, dass ich bluffe. Ihr habt mir sehr erfolgreich beigebracht, wie einfach es ist, ein Leben zu beenden.«
Melanie zweifelte nicht daran, dass er seine Worte genau so meinte, wie er sie sagte, und ihr fröstelte bei dem Gedanken, wie kalt Tomáš sein konnte. Innerlich schwankte sie zwischen ehrlicher Dankbarkeit und der Angst vor seiner Unberechenbarkeit, vor seiner zweifelhaften Fähigkeit, undurchschaubar zu sein. Doch war es vielleicht genau das, was sie benötigten, um auch nur die geringste Chance gegen eine Organisation wie den ›Umbra Dei‹ haben.
Armando gab seinen Begleitern ein Zeichen, der Aufforderung nachzukommen. Seine Kiefer mahlten, während er das Telefon aus der Tasche zog und vor Tomáš in den Staub warf. Bevor er sich abwendete, knurrte er: »Wir sehen uns wieder, das verspreche ich dir!«
»Du bist doch irre«, flüsterte Melanie, als die Männer weit genug entfernt waren. »Das hätte verdammt schiefgehen können.«
Tomáš ließ die Waffe sinken und nickte. »Entschuldige, Mel. Dass Armando seinen Babysitter mitbringt, war nicht geplant. Ich musste ein wenig improvisieren.« Mit einem Schmunzeln fügte er hinzu: »Scheint, als hätten wir Eindruck auf ihn gemacht.«
»Und was jetzt?« Melanie lehnte sich erschöpft an die Fahrertür der Limousine.
»Planänderung«, murmelte Tomáš und sah den drei Männern nach, die sich bereits ein gutes Stück entfernt hatten. »Armando wollte dich doch kennenlernen, oder?« Ein leichtes Lächeln huschte über seine Mundwinkel.
»Ja …?« Melanie sah Tomáš misstrauisch an. Er hatte schon wieder diesen Gesichtsausdruck, der nichts Gutes verhieß.
»Warte hier«, sagte er knapp und lief den Männern in gemäßigtem Tempo nach. »Armando!«, rief er laut. »Armando!«
Der Mann im grauen Anzug blieb stehen und drehte sich um, seine Begleiter taten es ihm gleich. Melanie konnte nicht verstehen, was Tomáš sagte, doch kurz darauf setzten sich der Fahrer und die Bulldogge wieder in Bewegung und ließen Armando bei Tomáš zurück.
Was hat er nun wieder vor? Melanie war nicht wohl dabei, dass Tomáš offenbar im Begriff war, diesen widerlichen Kerl erneut in ihre Nähe zu bringen.
»Armando, Melanie kennst du ja bereits.« Tomáš stellte sich neben sie und hielt ihn mit der Pistole auf Abstand. »Melanie, darf ich vorstellen? Armando, seines Zeichens Sohn des großen Bosses Franco Baresi – und ausgesprochenes Arschloch.« Er lachte laut auf. »Aber er möchte uns gern helfen, nicht wahr, mein Freund?«
Melanie sah, wie Armando die Lippen zusammenpresste und seine Fäuste ballte, bis die Knöchel weiß hervortraten. Sie warf Tomáš einen tadelnden Blick zu, den er jedoch ignorierte.
»Nachdem ihr euch nun bekannt gemacht habt, sollten wir uns wieder den wichtigeren Dingen widmen.« Jede Freundlichkeit war innerhalb eines Augenblicks aus Tomáš’ Gesicht und seiner Stimme gewichen. »Mich interessiert brennend, was eure Organisation mit Mel vorhatte.«
Armando schwieg eisern, hielt den durchdringenden Blicken stand, ohne zu blinzeln.
»Na gut, macht nichts.« Tomáš zuckte mit den Schultern. »Dann klären wir das später. Mel, wir müssen die Plastikdinger an deinen Händen loswerden, damit du fahren kannst.«
Melanie nickte energisch. Kaum hatte er sie an die Fesseln erinnert, spürte sie das Plastik an ihren Handgelenken, das sich bei jeder kleinen Bewegung schmerzhaft in die Haut schnitt. »Hast du dein Taschenmesser noch?«, fragte sie einer plötzlichen Eingebung folgend. »Das Teil, das du beim Professor …« Sie ließ den Satz unvollendet.
Tomáš griff prüfend an seine Hosentasche, schüttelte dann den Kopf. »Muss ich wohl liegen lassen haben.«
»Nicht cool. Wie soll ich diese Mistdinger abkriegen? Ich hab das Gefühl, mir fallen gleich die Hände ab.« Je mehr Melanie darauf achtete, desto intensiver wurden die Schmerzen.
Nach kurzem Überlegen lächelte Tomáš vielsagend. »Mach mal ein wenig Platz, Mel.«
Melanie entfernte sich ein paar Schritte von der Limousine.
Tomáš ging langsam rückwärts zum Kofferraum, ließ Armando dabei nicht aus den Augen. Blind tastete er nach der Verriegelung, ließ die Klappe aufschwingen und warf einen kurzen Blick hinein. »Armando, wärst du vielleicht so nett, einzusteigen?«, bat er überfreundlich und deutete eine leichte Verbeugung an. Er wartete ein paar Augenblicke auf eine Reaktion, schlug dann unvermittelt mit der flachen Hand gegen den Kotflügel. »Rein da, hab ich gesagt!«, schrie er in einer Lautstärke, dass selbst der bisher so beherrschte Armando kurz zusammenzuckte.
Zögernd folgte Armando Tomáš’ Anweisung, taxierte ihn mit wachem Blick, als wartete er nur auf eine winzige Unaufmerksamkeit, einen geeigneten Moment, um die Waffe in seinen Besitz zu bringen. Schließlich fügte er sich und stieg in das dunkel ausgekleidete Heck des Wagens.
»Das Fach auf«, forderte Tomáš knapp und deutete mit der Pistole auf die Seitenwand des Kofferraums. »Und den Kasten rausholen.« Als Armando sich Zeit ließ, atmete Tomáš geräuschvoll durch die Zähne aus. »Etwas schneller, wenn’s keine Umstände macht«, knurrte er.
Der Verbandskasten, der ihm ohne Vorwarnung entgegenflog, verfehlte Tomáš’ Kopf nur um Haaresbreite. Im letzten Moment duckte er sich zur Seite, verlor dabei jedoch für einen kurzen Augenblick die Konzentration.
Armando nutzte die Gelegenheit, richtete sich blitzschnell auf und griff nach der Hand, in der sein Gegenüber die Waffe hielt. Mit einer reflexartigen Bewegung zog Tomáš den Arm zurück, ließ in der gleichen Sekunde den Ellbogen vorschnellen und erwischte Armando mitten im Gesicht. Mit einem grellen Aufschrei taumelte dieser zurück und sackte zusammen.
Wütend schlug Tomáš den Kofferraum zu und nahm dabei gehässig grinsend das dumpfe Geräusch zur Kenntnis, mit dem die Klappe Armandos Kopf getroffen hatte. »Komm her, Mel.« Er atmete einmal tief durch, ging zum Verbandskasten, der wenige Schritte entfernt im Staub lag, und schüttete den Inhalt auf den Boden. Triumphierend hielt er Melanie eine Schere entgegen. »Ein Hoch auf die Vorschriften.«
»Gott sei Dank!« Melanie seufzte erleichtert. »Mach schon, ich spür meine Finger kaum noch.«
Tomáš hantierte ein paar Sekunden hinter ihrem Rücken, bis die Hände nach einem erlösenden Klick endlich frei waren.
Melanie stöhnte und ließ die Handgelenke kreisen. »Verflucht, tut das weh.« Die roten Streifen waren unübersehbar, an einer Stelle hatte das Plastik die Haut blutig gescheuert. »Danke dir.« Sie drückte Tomáš einen flüchtigen Kuss auf die Wange. »Was machen wir jetzt? Die beiden da hinten werden sicher den ›Umbra Dei‹ alarmieren.« Mit dem Kopf deutete sie in die Richtung, in der Armandos Begleiter verschwunden waren.
Tomáš nickte zustimmend. »Darum sollten wir uns besser beeilen. Vielleicht haben wir eine Chance, etwas länger unerkannt zu bleiben, wenn wir das Auto wechseln, bevor wir weiterfahren. Ich sehe nur ein Problem …«
Nur eins? Ich sehe Hunderte. Melanie sah ihn fragend an.
»Ich bezweifle, dass Armando uns freiwillig verraten wird, wo sie Felix aufbewah…, wo sich Felix aufhält.«
»Dann musst du ihn eben dazu bringen, dass er redet.«
Tomáš zog eine Augenbraue hoch.
»Na ist doch wahr. Der Typ ist ganz offensichtlich noch durchgeknallter als du. Was haben wir schon für eine Wahl? Er ist nun mal im Moment der Einzige, der uns sagen kann, wo wir hinmüssen.«
»Wo du recht hast …«, stimmte er seufzend zu. Mit einem schiefen Grinsen sah er Melanie an. »Aber über das ›durchgeknallt‹ reden wir noch, Fräulein.«
* * *
»Bereit?« Tomáš hob die Pistole an und richtete sie auf den Kofferraum.
Melanie griff nach der Verriegelung. Ein kurzes Nicken in Tomáš’ Richtung, dann ließ sie mit einer schnellen Bewegung die Klappe aufschwingen – und stieß einen spitzen Schrei aus.
Tomáš hob eine Augenbraue. »Na wunderbar.« Das übermäßig ruppige Schließen des Kofferraumdeckels hatte Armando eine beachtliche Platzwunde am Hinterkopf beschert, das teilweise geronnene Blut gab seinen Haaren einen rotbräunlichen Schimmer.
»Ist … ist er tot?«, stammelte Melanie.
»Hm.« Tomáš legte zwei Finger an den Hals des Bewusstlosen und zog die Stirn kraus. »Ne, er hat Puls.« Melanie glaubte, eine Spur Erleichterung in Tomáš’ Gesicht ablesen zu können. »Hab ihn wohl nur ein wenig ausgeknockt«, scherzte er. »Das wird schon wieder. Hauptsache, er hat jetzt nicht plötzlich ne Amnesie.«
»Hör bloß auf!« Melanie warf ihm einen strafenden Blick zu und sammelte einige Mullbinden vom Boden auf. »Hier.« Sie reichte ihm die Verbände. »Ich traue dir noch zu, dass du ihn verbluten lässt, bevor er uns sagen kann, wo Felix ist.«
»Red keinen Unsinn.« Tomáš besah sich die Kopfwunde und winkte ab. »Sieht schlimmer aus, als es ist. Holst du mir meine Wasserflasche aus dem Auto?«
»Sofort.« Melanie nickte eifrig und lief zur Hütte, neben der sein Wagen parkte. Keuchend kehrte sie zwei Minuten später zu Tomáš zurück und reichte ihm die Flasche.
Er nahm einen tiefen Schluck, verzog das Gesicht und schüttete den Rest des Wassers über Armandos Kopf. »Halt mal kurz!« Tomáš gab Melanie die Pistole. »Aber versuch, im Ernstfall nicht mich zu erschießen.« Er lachte.
»Idiot«, murmelte sie. Wieso konnte er nicht ein Mal ernst bleiben und seine blöden Sprüche für sich behalten?
Tomáš band Armando mit den Mullbinden Hände und Füße zusammen, prüfte noch einmal den festen Sitz der Fesseln und tätschelte ihm dann unsanft die Wange. »Zeit zum Aufwachen, Schlafmütze!«
Aufmerksam beobachtete Melanie, wie sich Armando langsam bewegte. Ihre rechte Hand mit der Waffe zitterte etwas, sie musste sie mit der anderen stabilisieren. Eine Stimme in ihrem Kopf versuchte, ihr einzureden, diesen Mistkerl einfach zu erschießen. Tomáš würde schon etwas einfallen, um die Leiche verschwinden zu lassen. Es war bestimmt nicht schwer, den Zeigefinger ein wenig weiter zu krümmen und den Abzug die entscheidenden Millimeter zu bewegen. Energisch schob Melanie den Gedanken beiseite. Spinnst du?, schalt sie sich. Du bist keine Mörderin, egal, wie sehr er es verdient hätte! Du bist keine von denen. Sie betrachtete Tomáš, der damit beschäftigt war, den sichtlich benommenen Armando aus dem Kofferraum zu zerren. War der Mann, der sie beinahe um den Verstand brachte – in mehrfacher Hinsicht – war Tomáš einer von denen? Sie wusste es nicht und sie wollte sich diese Frage im Moment nicht stellen, geschweige denn beantworten.
»Wir haben nicht besonders viel Zeit«, begann Tomáš an Armando gewandt. »Viel Geduld schon gar nicht. Also tu uns und dir selbst den Gefallen und beantworte mir eine ganz einfache Frage: Wo habt ihr Felix hingebracht?«
»Vergiss es!« Armando sah ihn hasserfüllt an.
»Natürlich …« Tomáš schüttelte den Kopf und ging zu Melanie. »Wir sollen es vergessen, meint er.« Seelenruhig nahm er ihr die Pistole aus der Hand, zielte und feuerte einen Schuss ab.
Melanie kreischte vor Schreck auf. »Scheiße verdammt! Spinnst du?« Die Kugel hatte Armandos linken Fuß nur um wenige Zentimeter verfehlt. »Du kannst doch nicht einfach …«
»Er versteht seine Lage sonst offenbar nicht«, schnitt ihr Tomáš das Wort ab. »Ich bin nicht bereit, seine Spielchen mitzuspielen. Das hier …«, dabei machte er eine kreisende Handbewegung, »… das läuft nach meinen Regeln, okay?« Tomáš richtete die Pistole auf Armandos Brust. »Der nächste Schuss geht nicht vorbei, mein Freund«, sagte er in hartem Tonfall.
»Ich weiß nicht, wo er ist«, sagte Armando und blickte reglos auf die Waffe. »Herr Riebig ist verschwunden«, presste er zwischen den Zähnen hervor. Es war ihm sichtlich unangenehm, zugeben zu müssen, dass dem ›Umbra Dei‹ erneut ein Schattenträger abhandengekommen war.
»Pfff! Ich glaube dir kein Wort! Ich kenne eure Methoden und mit Sicherheit habt ihr nach den Problemen damals aufgerüstet. Erzähl mir nicht, dass jemand einfach so bei euch rausspaziert, wenn ihr es nicht wollt.«
»Natürlich nicht!« Armando verengte die Augen zu Schlitzen. »Er hatte mit Sicherheit Hilfe.«
»Wie passend.« Tomáš lachte lauthals. »Ein Verräter in euren Reihen. Herrlich! Ich kann mir bildhaft vorstellen, wie dein Vater rot angelaufen ist, als er davon gehört hat. Dieser Choleriker.« Er lachte noch einmal.
»Von wo ist Felix entkommen?« Melanie hatte sich bisher zurückgehalten und die beiden Männer still beobachtet. Sie hatte das Gefühl, dass es hier nicht nur um die Beschaffung von Informationen ging. Tomáš bereitete es offenbar Freude, seine Überlegenheit zu demonstrieren und Armando zu reizen, ihn zu demütigen. Bei der Vorgeschichte der beiden war das kein Wunder, doch Melanie fürchtete, dass Felix in diesem Machtspielchen als Bauernopfer enden könnte. »Wo habt ihr ihn gefangengehalten?«, formulierte sie ihre Frage neu.
Armando richtete seine Augen auf Melanie und sofort spürte sie wieder dieses Unbehagen, das ihr die Nackenhaare aufstellte. In der Kälte seines Blickes war keine Angst zu erkennen, keine offene Wut, keine Gefühlsregung. Die Beherrschung, die er zwischenzeitlich kurz verloren hatte, war zur gewohnten Perfektion zurückgekehrt.
»Ihr Freund war ein persönlicher Gast unserer Organisation, Frau Farber.« Armando neigte den Kopf leicht zur Seite und musterte sie. »Wissen Sie eigentlich, was Sie vor dem Schatten gerettet hat?«
Melanie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie diese Frage aus dem Konzept brachte, doch Armando war die kurze Veränderung in ihrer Körpersprache nicht entgangen.
»Das habe ich mir gedacht.« Er lächelte wissend und bedachte Tomáš mit einem abfälligen Blick. »Ihr werter Herr Begleiter war es jedenfalls nicht.«
»Halt den Mund!«, fuhr Tomáš dazwischen.
Armando beachtete ihn nicht. Es beeindruckte Melanie beinahe, dass dieser Mann in der Lage war, die auf ihn gerichtete Pistole zu ignorieren und derart ruhig, fast entspannt dazustehen.
»Ich werde Ihnen etwas über die Schattenträger erzählen, Frau Farber: Es gibt diejenigen von ihnen, die an eine Sache wie unsere glauben, und es gibt solche, denen das Leben der Menschen, die sie lieben, wichtiger ist als ihr eigenes.« Armando gab den Worten einige Sekunden Zeit zu wirken. »Und dann gibt es die Träger, die nur an den Vorteil eines einzelnen Menschen denken: den eigenen.« Beim letzten Satz deutete er mit einem kaum sichtbaren Kopfnicken auf Tomáš.
»Halt – deine – verdammte – Klappe!« Tomáš machte zwei schnelle Schritte auf Armando zu und schlug ihm mit der geballten Faust ins Gesicht.
»Tomáš!« Melanie sah ihn entgeistert an.
»Du darfst ihm kein Wort glauben«, sagte er keuchend. »Er versucht, dich zu manipulieren.«
Melanie schüttelte langsam den Kopf. »Hältst du mich für so naiv?« Es traf sie, dass ihr Tomáš nicht zutraute, selbst zu entscheiden, was und wem sie glauben durfte.
»Natürlich nicht«, wiegelte er sofort ab. »Aber ich … ich kenne Franco Baresi und weiß, wie er die Menschen um sich herum für seine Zwecke benutzt. Wenn Armando auch nur ein bisschen ist wie sein Vater, dann …« Tomáš ließ den Satz unvollendet.
Armando spuckte etwas Blut auf den Boden. »Mein Vater wird sich freuen, dich wiederzusehen.« Er lächelte so zufrieden, dass Melanie stutzte.
Der Mistkerl hält uns hin!, fuhr es durch ihre Gedanken. Er versuchte eindeutig, Zeit zu gewinnen, und würde ihnen nie rechtzeitig eine Antwort liefern. »Wir müssen schnell hier weg«, flüsterte sie Tomáš zu.
Er sah sie fragend an, sah zu Armando, dessen aufgeplatzte Lippen sich zu einem selbstgefälligen Grinsen verzogen hatten. »Scheiße.«
* * *
»So weit kann es doch nicht sein.« Felix trommelte ungeduldig mit seinen Fingern auf dem Oberschenkel und sah aus dem Fenster in die triste Landschaft. Er hatte das dumpfe Gefühl, dass ihn Leonie nicht auf direktem Weg zu seiner Tochter brachte. Die Fahrt dauerte schon viel zu lange, wenn er an die Strecke dachte, die er in der Nacht zu Fuß zurückgelegt hatte.
Leonie starrte krampfhaft auf die Straße. Sie hatte Felix nicht mehr angesehen, seit sie losgefahren waren, und im Wagen herrschte eine seltsam angespannte Stimmung.
»Leonie!«
Sie zuckte leicht zusammen.
»Sag mir bitte, dass du wirklich auf dem Weg zu Sofia bist und mich nicht ziellos durch die Gegend fährst.«
Leonie schloss ihre Hände fester um das Lenkrad und schluckte.
»Sag, dass das nicht wahr ist!« Felix schlug mit der flachen Hand auf das Armaturenbrett.
»Schatz …«
»Nenn mich nicht ›Schatz‹!«, schrie er wütend. »Dazu hast du kein Recht mehr.« Er atmete tief ein und bemühte sich, ruhig zu bleiben. »Fährst du mich jetzt zurück oder muss ich erst richtig sauer werden? Du wirst mich auf keinen Fall davon abhalten, Sofia zu sehen. Und wenn ich zu Fuß laufen muss.«
Das Auto wurde langsamer, Leonie steuerte an den Straßenrand und stoppte an einem der völlig ausgedörrten Felder. Als sie sich zu Felix drehte, hatte sie Tränen in den Augen. Ihr Kinn bebte.
»Ach komm!« Felix schüttelte den Kopf. »Fang jetzt bloß nicht so an.« Er stieg aus, umrundete den Wagen und öffnete die Fahrertür. »Ab jetzt fahre ich. Dieses Spielchen mache ich nicht mehr mit. Los, rutsch rüber!« Er sagte es mit so viel Nachdruck, dass Leonie ohne großes Zögern folgte und wortlos über die Mittelkonsole kletterte. Felix setzte sich hinters Steuer und schob den Sitz ein Stück zurück. Er wendete den Wagen und versuchte, sich den Weg in Erinnerung zu rufen, den sie zurückgelegt hatten.
Während der Fahrt sprachen sie kein Wort miteinander. Leonie saß mit hängenden Schultern auf dem Beifahrersitz und sah immer wieder verstohlen zu Felix herüber, als erwartete sie, dass er doch noch zur Vernunft kommen würde.
»Halt bitte an.«
»Warum sollte ich?« Felix warf ihr einen kurzen Seitenblick zu.
Leonie holte tief Luft. »Wir müssen uns überlegen, wie wir dich ins Gebäude kriegen, ohne aufzufallen.«
»Aha …« Seine Augenbrauen wanderten nach oben. »Woher der plötzliche Sinneswandel?«
»Du lässt dich ja doch nicht davon abbringen«, seufzte sie. »Aber ich halte es immer noch für völlig idiotisch. Wenn ich schon nicht dafür sorgen kann, dass du dich in Sicherheit bringst, müssen wir wenigstens versuchen, deine Überlebenschancen zu verbessern.«
»Überlebenschancen?«
»Mach dir doch nichts vor, Felix.« Sie schüttelte betrübt den Kopf. »Das ist reiner Selbstmord. Selbst wenn wir es schaffen, dich reinzubringen, um Sofia zu sehen, kann ich nicht zulassen, dass du sie mir wegnimmst.«
»Du willst immer noch dortbleiben?«, fragte Felix ungläubig. »Nach allem, was du jetzt über diese … Irren weißt?«
»So einfach ist das nicht …«
»Klar ist es so einfach«, erwiderte Felix unwirsch. »Wir nehmen unsere Tochter und verschwinden.«
»Wir?«
»Natürlich. Egal wie sauer ich auf dich bin – und ich bin immer noch verdammt sauer –, kann ich dich nicht bei diesen Killern lassen. Sofia braucht dich. Keine Ahnung, was sie dir antun, wenn sie rauskriegen, dass du mir geholfen hast. Wahrscheinlich wollen wir das beide nicht wissen.«
»Sie würden mir nichts …«
»Ach, wach endlich auf«, unterbrach Felix sie genervt. »Ich bin sicher, sie haben dich bisher aus genau einem Grund verschont: Sofia.«
»Das weißt du nicht …« Sie drehte den Kopf weg.
Felix verkniff sich einen Kommentar, denn er konnte in Leonies Stimme hören, dass sie selbst längst ins Zweifeln gekommen war.
»Felix?«, fragte sie nach einer Weile, ohne sich ihm wieder zuzuwenden. »Fühlst du dich immer noch unwohl in engen Räumen?«
Felix zuckte innerlich zusammen. Es hatte nur selten die Notwendigkeit gegeben, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen – abgesehen vom Leichensack und dem unfreiwilligen Ausflug unter die Erde, bei dem die Klaustrophobie seine geringste Sorge gewesen war. »Wie kommst du jetzt darauf?«
Leonie sah ihn an und lächelte ein wenig verkrampft. »Ich glaube, ich habe eine Idee.«
* * *
»Wir kriegen Gesellschaft!«
Melanie sah in die Richtung, in die Tomáš zeigte. In einer sandfarbenen Staubwolke näherten sich ihnen mit hoher Geschwindigkeit zwei Fahrzeuge. »Was machen wir jetzt?«, schrie sie ihm entgegen.
»Steckt der Schlüssel?«, fragte Tomáš unruhig. Er zerrte Armando auf die Füße und hielt ihm die Pistole an den Kopf.
Melanie beugte sich in den Wagen, doch das Zündschloss war leer. Der Fahrer musste den Schlüssel beim Aussteigen abgezogen und mitgenommen haben. »Nein, er ist weg«, antwortete sie mit bebender Stimme. »Wir müssen zu deinem Wagen!«
»Dafür ist keine Zeit mehr.« Tomáš sah sich suchend um, schien über einen Ausweg nachzudenken. »Lauf weg«, forderte er schließlich. »Ich versuche, sie eine Weile aufzuhalten.«
»Das ist Wahnsinn!« Melanies Augen weiteten sich. »Du kannst nichts gegen sie ausrichten.«
»Ich komme zurecht«, erwiderte Tomáš, obwohl sein Gesichtsausdruck etwas ganz anderes sagte. Er warf ihr seinen Schlüsselbund zu. »Jetzt lauf endlich!«
Melanie machte ein paar zögerliche Schritte rückwärts. »Ich hole den Wagen und komme wieder.« Sie drehte sich um und rannte los. Hinter sich hörte sie das Geräusch der Reifen auf dem trockenen Untergrund. Die kurze Strecke, die sie zurücklegen musste, kam ihr vor wie eine Ewigkeit. Auf halbem Weg drückte sie den Knopf der Fernbedienung, nahm mit Erleichterung das Aufblinken der Lichter wahr und erreichte atemlos die Fahrertür. Ohne innezuhalten, warf sie sich auf den Sitz und stocherte fahrig mit dem Schlüssel im Zündschloss herum, bis er sich endlich drehen ließ.
Melanie hatte keine Zeit, sich um eine optimale Sitzposition zu kümmern. Sie rutschte an die vordere Kante des Polsters und trat das Gaspedal bis aufs Bodenblech herunter, was der Wagen mit durchdrehenden Reifen und ausbrechendem Heck quittierte. Der hintere Kotflügel touchierte die Wand der Hütte und gab dabei ein metallisches Knirschen von sich.
Nein! Die dunklen SUV hatten die Limousine bereits erreicht und ein paar Meter entfernt gestoppt. Männer in schwarzer Schutzkleidung sprangen aus den Wagen, brachten sich hinter den Fahrzeugen in Stellung und richteten sofort ihre Waffen auf Tomáš. Melanie zählte sechs von ihnen. Tomáš hielt Armando wie einen Schutzschild vor sich und drückte ihm die Pistole an die Schläfe.
Kaum war Melanie nah genug herangefahren, ließ sie das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. »Komm schon!«, rief sie Tomáš zu.
Er sah sich zu ihr um und schüttelte kaum merklich den Kopf. In seinen Augen blitzte Entschlossenheit auf. Mit einer plötzlichen Bewegung stieß er Armando von sich, brüllte Melanie ein ›Verschwinde‹ entgegen und presste die Mündung der Waffe gegen seine eigene Schläfe.
»Nein!«, schrien Melanie und Armando beinahe gleichzeitig. Im selben Moment ertönte ein Knall, Tomáš taumelte zur Seite und stürzte bäuchlings zu Boden. Sofort eilten zwei Männer zu ihm und fesselten seine Hände. Einer von ihnen untersuchte flüchtig die Wunde an der Schulter, wo die Kugel des Schützen eingetreten war. Er nickte Armando zu.
Bevor Melanie sich von dem Schock erholt hatte und realisierte, dass sie verschwinden musste, war es bereits zu spät. Zwei der Bewaffneten postierten sich vor ihr und zielten auf ihren Kopf. Sie wäre mit Sicherheit tot, ehe sie das Gaspedal durchgetreten hätte.
* * *
Warum habe ich mich darauf eingelassen? Der Plan war so einfach wie riskant: Leonie fuhr mit ihm zum Anwesen zurück, dort sollte er warten, bis es dunkel wurde und sie ihn aus dem verfluchten, für seine Körpergröße viel zu kleinen Kofferraum befreite. Enge Räume waren nie Felix’ Lieblingsaufenthaltsorte gewesen, erst recht nicht ohne jegliche Beleuchtung und Kühlung. Er fühlte sich wie in einem Backofen, in dem der Sauerstoff langsam knapp wurde und die Temperatur mit jeder Sekunde unerbittlich anstieg. Mit geschlossenen Augen zwang er sich, ruhig zu atmen und sich auf etwas zu konzentrieren, das ihn von der Situation ablenkte. Er hatte eine Tochter. In wenigen Stunden würde er sie zum ersten Mal sehen – und er würde sie retten, sie von diesem furchtbaren Ort wegbringen. Noch hoffte er, dass Leonie endlich Vernunft annahm und mit ihm kam.
»Au!« Eine Bodenunebenheit warf ihn zum wiederholten Mal gegen die Seitenwand des Kofferraums. Sein Körper war vermutlich bereits mit blauen Flecken übersät. »Kannst du vielleicht etwas vorsichtiger fahren?«, rief er genervt, aber Leonie antwortete nicht. Er wusste nicht einmal, ob sie ihn hören konnte.
Sie wurden langsamer, hielten nach einigen Sekunden an. Felix vernahm fünf leise Pieptöne in unterschiedlichen Höhen, dann das metallische Quietschen eines aufschwingenden Tores. Der Schotter knirschte unter den Reifen, als der Wagen langsam weiterrollte. Kleine Steinchen lösten sich aus dem Profil und verursachten ein unregelmäßiges, nervendes Klackern an der Abdeckung des Radkastens direkt neben Felix’ Ohr.
Kurz darauf war die Fahrt vorüber. Leonie parkte rückwärts ein und Felix spürte, wie es augenblicklich ein paar Grad kühler wurde. Dennoch hoffte er, dass die eine Wasserflasche, die sie ihm gegeben hatte, bis zum Abend ausreichte, um den schlimmsten Durst zu stillen. Felix lauschte Leonies Schritten, die sich erst auf ihn zubewegten und dann schnell entfernten. Er war allein.
* * *
Der Zugriff dauerte nur wenige Sekunden. Ehe sie sich versah, stand Melanie mit Handschellen gefesselt neben Tomáš, der von einem der Bewaffneten in die Knie gezwungen wurde. Sie spürte einen kräftigen Schlag in der rechten Kniekehle. Ihr Bein knickte ein, einen Augenblick danach das zweite. Beim Fallen traf ihr linkes Knie auf einen spitzen Stein. Der stechende Schmerz raubte ihr für einen Moment den Atem.
»Warum bist du nicht abgehauen?«, fragte Tomáš und sah sie niedergeschlagen an. Seine Hände waren wie ihre mit Handschellen hinter dem Rücken fixiert.
»Es ging alles so schnell …« Melanie kämpfte mit den aufsteigenden Tränen. »Und es hätte ja doch nichts genützt. Was passiert jetzt mit uns?«
»Sie beide kommen mit uns«, antwortete Armando an Tomáš’ Stelle. Er ging in die Hocke und sah Melanie mit zusammengekniffenen Augen an. Dabei rieb er sich die Handgelenke, an denen noch Spuren der Fesseln zu sehen waren. »Sie werden uns helfen, Herrn Riebig dazu zu bringen zurückzukommen, Frau Farber. Und was dich betrifft, Tomáš …« Er stach mit dem Zeigefinger an die Stelle der Schulterwunde, sodass Tomáš gequält aufstöhnte. »Wir zwei werden uns ein wenig amüsieren, bevor ich dich endgültig verschwinden lasse.«
Tomáš spuckte ihm vor die Füße. »Fahr zur Hölle, Arschloch!«
Armando grinste spöttisch. »Nach dir, mein Freund. Nach dir.« Er ballte die Faust, schlug zu und traf Tomáš hart am Kinn. Der sackte zusammen und blieb reglos am Boden liegen. Armando richtete sich auf und rieb mit schmerzverzerrter Miene die Knöchel seiner rechten Hand. »Schafft sie weg!«, befahl er scharf. Im Gehen drehte er sich noch einmal zu Melanie um. »Sie sollten sich auf der Fahrt von Ihrem Lover verabschieden, Frau Farber. Sie werden ihn nicht wiedersehen.« Gehässig lachend stieg er in einen der SUV.
Einer der Gehilfen zerrte Melanie zum anderen Fahrzeug, zwei weitere schleiften Tomáš mit sich, der keine Anstalten machte, sich zur Wehr zu setzen. Unsanft wurden sie auf die hintere Bank verfrachtet, ein bewaffneter Aufpasser nahm neben ihnen Platz, ein weiterer betrachtete sie vom Beifahrersitz aus argwöhnisch im Rückspiegel.
»Es tut mir leid«, flüsterte Melanie. »Das ist alles meine Schuld.«
Tomáš schwieg. Die Männer hatten seine Schulter notdürftig verbunden, aber dem Ausdruck in seinem Gesicht nach musste er ziemliche Schmerzen haben.
»Ich wollte nicht, dass …«
»Schnauze!« Der Mann mit der Boxernase zu ihrer Rechten fuchtelte mit der Pistole vor ihrem Gesicht herum.
»Ich wollte nie, dass so was passiert«, fuhr Melanie noch etwas leiser fort. Es konnte wohl kaum schlimmer werden, wenn sie dem Kerl nicht gehorchte. »Hast du eine Idee, wie wir hier wieder rauskommen? Irgendeine?«
Er schwieg noch immer.
»Bitte, Tomáš.«
Tomáš atmete tief ein und schloss die Augen. Einige Sekunden vergingen, bevor er zu reden begann. »Es ist nicht allein deine Schuld, Mel.« Er sah aus dem Fenster. »Ich war nicht ganz ehrlich zu dir. Es ging mir nicht hauptsächlich darum, dir zu helfen.«
»Aha …« Melanie war nicht überrascht, dass Tomáš auch eigene Interessen verfolgt hatte. Vielmehr war es ihr die ganze Zeit egal gewesen, solange er ihr dabei half, Felix zu finden. Also hatte sie ihn nie danach gefragt, was er sich von alldem versprach.
»Die ganzen Jahre habe ich gedacht, ich könnte die Sache irgendwann vergessen, ein normales Leben führen. Aber die Wut war immer da, dieser Wunsch, Franco und dem Rest dieser verfluchten … Organisation etwas von dem zurückzuzahlen, was sie mir angetan haben. Und plötzlich war da dieser Mann, der die gleichen Fähigkeiten hatte wie ich.«
»Das sind nicht gerade Neuigkeiten für mich.«
Tomáš sah für einen Moment zu ihr, drehte den Kopf jedoch sofort wieder weg, als sich ihre Blicke trafen. »Ich hätte ihn warnen können.« Seine Stimme klang ungewohnt schwach und brüchig.
»Wen?«
»Ich habe dir gesagt, dass ich zu spät kam. Dass sie ihn bereits geholt hatten …«
»Ja …« Melanie wollte nicht, dass er weitersprach. Sie ahnte, was er ihr sagen wollte, und doch traf sie die ausgesprochene Wahrheit mit einer Wucht, die ihre Gefühlswelt auf einen Abgrund zutaumeln ließ.
»Das war gelogen. Ich wollte nicht, dass sich Felix in Sicherheit bringt. Ich wollte, dass sie kommen, um ihn zu holen, dass ich eine Chance bekomme, einen dieser Bastarde in die Finger zu kriegen und ihn auszuquetschen. Aber ich habe sie unterschätzt. Die Entführung war perfekt geplant, doch das wurde mir erst klar, als es tatsächlich zu spät war.«
»Sag, dass das nicht wahr ist.« Melanie starrte Tomáš fassungslos an. »Sag, dass das nicht wahr ist!«, schrie sie voller Verzweiflung.
»Schnauze, hab ich gesagt!«
Der Aufpasser stieß ihr mit dem Griff seiner Pistole so kräftig gegen die Rippen, dass ihr Tränen in die Augen schossen. »Sag, dass das nicht wahr ist«, bat sie noch einmal tränenerstickt, doch Tomáš schwieg.
* * *
Ohne anzuklopfen, stürmte Leonie in das Arbeitszimmer des Alten. »Ihr hattet versprochen, ihn in Ruhe zu lassen!«, warf sie dem weißhaarigen Mann entgegen, der seelenruhig an seinem Schreibtisch saß.
»Ich bin beschäftigt, Leonie«, antwortete er, ohne von der Akte aufzusehen, in deren Lektüre er vertieft war. »Du solltest wissen, dass ich es nicht dulde, gestört zu werden«, sagte er in ruhigem, aber festem Tonfall.
»Wieso habt ihr das getan, Franco?«, hakte Leonie unbeirrt nach. »Ich habe mich an alles gehalten, was ihr verlangt habt. Ich bin mit Sofia bei euch geblieben, wie es abgemacht war, und die einzige Bedingung war, dass ihr Felix in Ruhe lasst.«
»Bedingung?«, donnerte Franco unvermittelt und erhob sich drohend von seinem Ledersessel. »Du bist nicht in der Position, Bedingungen zu stellen, und du warst es nie!«
Leonie schluckte. »Aber ihr habt versprochen …«
»Nichts haben wir versprochen. Ich habe zugestimmt, dass Herrn Riebig nichts geschieht, solange er uns keine Schwierigkeiten bereitet.«
»Er hat doch gar nichts getan.«
»Hier entscheide immer noch ich, was wir als Schwierigkeiten ansehen, verstanden? Dein Ex-Mann hat mehr Aufsehen erregt, als uns lieb sein konnte.«
»Mein Mann«, korrigierte ihn Leonie.
Franco Baresis Augenbrauen wanderten einige Millimeter nach oben. »Ich muss mich schon sehr über dich wundern, Leonie. Wir haben dir ein Zuhause geschenkt. Wir haben dir dein Leben geschenkt. Findest du da ein wenig Loyalität zu unserer Firma etwa zu viel verlangt?«
»Ich war immer loy…«
»Halt den Mund!«, fiel ihr der Alte ins Wort. »Hältst du uns wirklich für so dumm?« Er nahm den Hörer seines Telefons ab, drückte eine Kurzwahltaste. »Ihr könnt hereinkommen«, sagte er auf Italienisch.
* * *
Die Wasserflasche war bereits vollständig geleert und Felix hatte schon wieder Durst. Die Temperatur im Kofferraum war inzwischen unerträglich hoch. Auch wenn der Wagen, wie Felix vermutete, im Schatten stand, schwitzte er. Wie nach einem Regenschauer klebte sein Shirt unangenehm am Oberkörper und zu allem Überfluss meldete sich nun auch seine Blase zu Wort. Je mehr er versuchte, sich nicht auf den Drang zu konzentrieren, desto penetranter machte ihn sein Körper darauf aufmerksam, dass die nächsten Stunden eine Qual werden sollten.
Felix hörte Schritte, die sich näherten. Hatte er schon so lange hier gelegen, dass es Abend geworden war? Die Hitze in seinem Versteck sagte etwas anderes – genau wie das gleißende Licht, das seine Augen blendete, als der Kofferraum aufgerissen wurde. Kräftige Pranken zerrten Felix aus dem Auto und drehten ihm die Arme schmerzhaft auf den Rücken. Jemand stopfte ihm ein Knäuel in den Mund und fixierte es mit einem Tuch. Der Geschmack des muffigen Stoffes in seinem ausgetrockneten Mund löste einen Würgereflex aus, doch das interessierte niemanden. Unsanft zerrten die Männer Felix mit sich, und als sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, erkannte er die unscheinbare Tür, auf die sie zugingen. Hier war er vor einigen Stunden seinem Gefängnis entflohen und er war sicher, dass er das Gebäude in diesem Moment zum letzten Mal von außen sah.