VIER
Obwohl Frauke schlecht geschlafen hatte, war sie in einer gelösten Stimmung. Im Hotel fühlte sie sich nicht heimisch. Es war das bedrückende Gefühl, nicht für sich zu sein, während ihrer Abwesenheit fremde Leute in ihrem Reich zu wissen, auch wenn es keine Beanstandungen gab. Und nachts kam es öfter vor, dass sie durch andere Gäste gestört wurde. Der Bewohner des benachbarten Zimmers war nach Mitternacht ins Hotel zurückgekehrt, hatte den Fernseher laut aufgedreht, nachdem ihm die Zimmertür aus der Hand gefallen und lautstark ins Schloss geflogen war. Dann hatte der rücksichtslose Nachbar auch noch ausgiebig duschen müssen.
Trotz allem war sie in einer guten Stimmung. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie in die eigene Wohnung ziehen konnte, auch wenn es nur ein vorübergehender Notbehelf war. Am gestrigen Abend hatte sie in Eile ein paar Möbel erstanden, die nicht unbedingt ihren Vorstellungen entsprachen, aber bis zur endgültigen Einrichtung würde noch eine längere Zeit vergehen. Man hatte ihr zugesagt, am nächsten Tag liefern zu wollen.
Im Büro hatte sie einen kurzen Blick in ihre Notizen geworfen, bevor sie ihre Unterlagen zusammenraffte, um zur Teambesprechung zu eilen, als das Telefon klingelte.
»Heidenreich, Lüneburg«, meldete sich der Hauptkommissar. »Ich habe mich um die Dinge gekümmert, um die Sie gebeten hatten. Buggenthin hat in der vergangenen Woche keine Telefonate geführt, die wir nicht klären konnten. Er selbst ist auch nur drei Mal angerufen worden, darunter war ein anonymer Anruf, den wir nicht zurückverfolgen konnten.«
»Das kann nicht sein«, warf Frauke ein. »Die Telefonbetreiber sind zur Aufzeichnung der Gespräche verpflichtet.«
»Schon, aber nicht, wenn sie aus dem Ausland kommen.«
»Aus Weißrussland?«
Heidenreich bestätigte es. »Wir haben auch die Bäckereiverkäuferin befragt. Sie hatte die Einladung an Buggenthin am letzten Mittwoch ausgesprochen. Die Frau ist immer noch betroffen und hat mehrfach versichert, dass es ihr leidtäte und sie zu keinem Zeitpunkt die Absicht hatte, sexuell mit Buggenthin zu verkehren. Es sollte lediglich ein nettes Gespräch beim Frühstück sein. Und … noch etwas.«
»Ja?«
»Es war nicht einfach, Informationen aus den Krankenhäusern herauszukitzeln. Wir haben aber jeweils einen Fall im Städtischen Klinikum Lüneburg, in der Elbe-Jeetzel-Klinik in Dannenberg und in Winsen.«
»Leben die Opfer?«
»Ja, aber über den Zustand haben wir nichts erfahren können.«
»Wann können wir die Patienten befragen?«
Heidenreich druckste herum, bevor er sagte: »Gar nicht. In allen Fällen weigern sich die Krankenhäuser, die Namen preiszugeben. Sie verschanzen sich hinter Datenschutz und Arztgeheimnis.«
»Was ist das für eine Welt«, ärgerte sich Frauke. »Da werden bedenkenlos Bankdaten aufgekauft, ausgetauscht und damit gehandelt. Aber wenn wir Verbrechern das Handwerk legen wollen, die mit ihren nachgemachten Präparaten womöglich weitere Opfer zu verantworten haben, beruft man sich auf den Datenschutz.«
»Es gibt allerdings einen neuen Anhaltspunkt. Der Rettungsdienst hatte neulich einen medizinischen Notfall in St. Dionys, genau genommen etwas außerhalb.«
»Viagra?«
»Vermutlich. Ein Rettungsassistent hat gegenüber einem Reporter der Landeszeitung aus Lüneburg gesagt, dass in diesem Bordell offenbar extrem scharfe Miezen tätig wären. Innerhalb kurzer Zeit war es das zweite Mal, dass dort jemand mit Herz-Kreislauf-Beschwerden Hilfe benötigte.«
Frauke ließ sich die Adresse geben, bedankte sich bei Heidenreich und suchte Madsacks Büro auf.
»Können Sie über die Staatsanwaltschaft erwirken, dass wir Einsicht in die Telefonate bekommen, die Günter Blechschmidt aus Salzhausen geführt und empfangen hat? Und dann würde ich gern eine Hausdurchsuchung in einem Bordell auf dem Lande durchführen.«
»Wer ist das? Und wonach suchen wir?«
»Dem gehört die Telefonnummer, bei der der Portier aus Bad Bevensen anruft, wenn er Nachschub an Potenzmitteln benötigt. Außerdem suchen wir nach Viagra. Ich vermute, dass man den Kunden des Bordells als besonderen Service die kleinen blauen Muntermacher verabreicht, allerdings die gefälschten.«
Der Hauptkommissar versprach es. Anschließend begab Frauke sich in die neue Wohnung in der Lister Meile, um vom Vermieter die Schlüssel zu übernehmen.
»Moin«, grüßte sie in die Runde, als sie den Besprechungsraum betrat.
»Guten Morgen«, erwiderte Madsack freundlich und wickelte ein Vitaminbonbon aus.
Thomas Schwarczer, der einen Stuhl zwischen sich und Putensenf frei gelassen hatte, nickte ihr zu, während sich Putensenf zu Madsack wandte.
»Kennst du das von Konzerten, Nathan? Da verschwindet der Dirigent auch immer zwischendurch, wenn die Leute klatschen. Nun frage ich mich, will er damit den Beifall anstacheln? Oder liegt es daran, dass die Dirigenten oft ältere Männer sind, die eine schwache Blase haben und zwischendurch auf den Topf müssen? Gilt das auch für Frauen? Ich meine, weil die uns warten lassen.«
»Wir sollten die Zeit nutzen, Putensenf, um über wichtige Dinge zu sprechen. Ihre Inkontinenz interessiert hier niemanden, selbst dann nicht, wenn Sie darüber in verklausulierter Form sprechen.«
»Warum müssen Frauen ohne Mann immer so bissig sein?«, fragte Putensenf in die Runde. »Ist der Name Dobermann falsch? Sollte man vielleicht von Doberfrau sprechen?«
Frauke hatte Platz genommen. »Das ist ein alter Hut, der von den Jahren her zu Ihnen passen könnte. Auf die Idee, mich so zu nennen, ist ein Kollege aus Husum schon früher gekommen. Und der Mann heißt nicht nur Große Jäger, er ist auch einer im Unterschied zu Ihnen. Wären wir bei der Indianerpolizei, würden Sie sicher den Namen ›Großes Maul‹ tragen.«
»Siehst du, Nathan«, lästerte Putensenf und grinste dabei. »Die hat Haare auf den Zähnen. Ob die dafür eine Perücke trägt?«
»Sollten wir uns nicht dem Fall zuwenden?«, versuchte Madsack zu schlichten und begann zu berichten, als Frauke ihm zunickte. »Uns liegt das Laborergebnis vor. Die Blutanalyse des Toten aus Bad Bevensen.«
»Der Rentner im Hotel«, schob Frauke ein.
»Genau. Es handelt sich eindeutig um eine Fälschung, die vermutlich in einem sogenannten schmutzigen Labor hergestellt wurde. Die Wirkstoffe sind kopiert, aber in verantwortungsloser Weise zusammengemischt. Da hat jemand sehr ungenau gearbeitet.«
»Wir haben vom Hotel und auch über Dritte von den Bordellbesuchern gehört, dass sich manche Kunden sehr lobend über das Präparat ausgelassen haben. Das verwundert mich nicht, wenn dort eine Überdosierung des Wirkstoffs hineingemixt wurde«, unterbrach ihn Frauke.
Madsack war über die Störung nicht erfreut, verkniff sich aber jede Regung, die darauf verwiesen hätte. »Viagra ist ein sogenannter PDE-5-Hemmer«, fuhr der Hauptkommissar fort. »Ich will hier nicht zu wissenschaftlich werden, aber durch den Abbau von Botenstoffen wird Stickstoffmonoxid aktiviert. Dadurch wird die Relaxation von Blutgefäßen gefördert. Darunter versteht man, dass die Muskeln erschlaffen, die das Blut zurückhalten. Das führt zur gefäßerweiternden Wirkung. Na ja, so ungefähr. Ich bin kein Arzt, darum spare ich mir das ganze Latein und auch die Formel, die das Labor hier aufgeführt hat.« Madsack wedelte dabei mit einem Blatt Papier. »Jedenfalls ist das Imitat unsauber. Die Formel stimmt nicht. So kommt es zu lebensgefährlichen Komplikationen bei der Anwendung, insbesondere wenn der Nutzer andere Medikamente nimmt, die sich auf die Blutgefäße auswirken.«
»Wie zum Beispiel Kurt Buggenthin, der viel Kaffee getrunken hatte, in Anbetracht der Gesamtsituation aufgeregt war und dann auch noch sein Nitro-Spray gegen Angina pectoris einnahm. Das war eine tödliche Kombination«, sagte Frauke.
»Es hat seine Berechtigung, dass Viagra verschreibungspflichtig ist«, stimmte Madsack zu. »Der Arzt kann das Risiko für den Patienten einschätzen. Aber manche Männer scheuen sich davor, sich dem Arzt anzuvertrauen. Das ist ein heikles Thema, über Potenz zu sprechen.«
»Schon gar über Potenzschwäche«, ergänzte Frauke. »Deshalb ist Eile geboten.« Sie sah die drei Männer in der Runde nacheinander an. »Männer sind eitel. Sie glauben, immer wie ein allseits bereiter Hahn auftreten und über den Hof stolzieren zu müssen. Wenn das Federkleid einmal ein wenig schlapp herabhängt, kommt der Bauer, und es geht ab in die Hähnchenbraterei, wenn der Hahn seinen Dienst nicht mehr verrichten kann. So fühlen sich die Herren der Schöpfung sicher auch. Wir müssen diesen Leuten das Handwerk legen. Dabei haben wir nicht nur die gut organisierten kriminellen Strukturen gegen uns, sondern auch die Kunden. Schließlich sind die begeistert davon, dass sie günstig an das Potenzmittel herankommen und es auch noch eine überstarke Wirkung zeigt. Man wird uns vorwerfen, wir würden den Menschen auch das letzte Vergnügen rauben.«
»Sie müssen das ja wissen«, maulte Putensenf. »Das ist ein merkwürdiges Thema, das wir hier behandeln.«
»Wir hätten es nicht nötig, wenn viele Männer nicht von diesem unseligen Drang beseelt wären.«
»Das liegt an den Frauen, die das fordern«, hielt Putensenf dagegen.
»Männer sind wie Rosen – erst beglücken sie die Frauen, dann lassen sie die Köpfe hängen«, lästerte Frauke. »Lassen Sie uns das Ganze an dieser Stelle abbrechen«, fuhr sie mit Entschiedenheit fort. »Wir müssen die Quelle finden, aus der diese gefährlichen Fälschungen auf den Markt gelangen. Was haben wir über Günter Blechschmidt in Erfahrung bringen können?«, wandte sich Frauke an Thomas Schwarczer.
»Blechschmidt ist vierundsechzig Jahre alt und wohnt in Salzhausen in der Lüneburger Heide. Blechschmidt ist Rentner und bisher strafrechtlich nicht in Erscheinung getreten.«
Putensenf klatschte zweimal in die Hände. »Bravo«, sagte er und fuhr sich mit der Hand über den Kopf. »Ich hätte nicht gedacht, dass Meister Proper so viele Sätze hintereinander herausbringt.«
»Wenn Sie sich noch einmal so eine Entgleisung erlauben, Putensenf, hat das disziplinarische Konsequenzen«, fuhr Frauke den Kriminalhauptmeister an. Immerhin hatte das zur Folge, dass Putensenf sich mit weiteren Kommentaren zurückhielt, während Schwarczer die Beleidigung ohne jede Regung über sich ergehen ließ.
»Lassen Sie sich von Herrn Schwarczer die Anschrift geben«, sagte Frauke zu Putensenf. »Dann werden Sie mich begleiten. Ich möchte mich eingehend mit diesem Blechschmidt unterhalten.«
»Wir haben noch ein paar weitere Baustellen«, warf Madsack ein, und ergänzte, als die anderen ihn ansahen: »Simone Bassetti und Bernd Richter – was soll mit denen geschehen? Wie lange sollen wir die warten lassen?«
»Das hat Zeit«, entschied Frauke. »Lassen Sie die ein wenig schmoren.«
»Richter hat sich beschwert, dass nichts geschieht.«
»Sagen Sie, wir sammeln weitere Indizien«, sagte Frauke und löste das Treffen auf.
Um diese Jahreszeit präsentierte sich die Lüneburger Heide in voller Blüte. Frauke genoss es, sich von Putensenf fahren zu lassen. Auf der Höhe von Soltau gab es Stellen, wo man von der Autobahn einen Blick auf die typische Heidelandschaft werfen konnte. Es sah fast unwirklich aus – die blühende Heide, dazwischen der Säulenwacholder und am Rand die Birken. Zum Idyll fehlte nur noch eine Herde mit Heidschnucken.
Auf der Autobahn herrschte lebhafter Verkehr, insbesondere die Lkws schienen die Fahrbahn für sich vereinnahmt zu haben und lieferten sich die gefürchteten Elefantenrennen. Ein Blick auf die Kennzeichen zeigte, dass neben den einheimischen Kapitänen der Landstraße auch sehr viele Fahrzeuge aus dem europäischen Umland vertreten waren.
Sie verließen bei Egestorf die Autobahn und folgten der schmalen, baumbestandenen Landstraße bis in das verträumte Heidedörfchen Salzhausen.
Günter Blechschmidt wohnte am Ahornbogen. Das Einfamilienhaus unterschied sich in nichts von den Nachbargebäuden in diesem ruhigen Wohnviertel, das irgendwann einmal geschlossen angelegt worden war und dessen Bewohner von den Alteingesessenen als »die Neuen« bezeichnet wurden, überlegte Frauke, die dieses Phänomen kannte. Immerhin haben die Neubürger zum Wachstum auf über dreitausend Einwohner beigetragen, setzte sie ihre Überlegungen fort. Die Alteingesessenen mochten es den Hinzugezogenen verleiden, dass die Siedlungen und Neubauten den ursprünglichen Charakter des Ortes vergessen ließen.
Blechschmidt war einer der »Neuen«. Von außen wirkte das Haus wie das Domizil eines Rentners, der sich hierher zurückgezogen hatte und seinen Lebensabend genoss. Der Vorgarten war gepflegt. Er wirkte in seiner Akkuratesse beinahe spießig. Sicher trug dazu auch das Ensemble von drei Gartenzwergen bei.
Als die beiden Beamten ihr Fahrzeug verließen, wurden sie von einer Frau, die mit einer Hacke im gegenüberliegenden Vorgarten dem Unkraut zu Leibe rückte, argwöhnisch betrachtet. Die Nachbarin unternahm gar nicht erst den Versuch, ihr Interesse zu verbergen.
»Soll ich rübergehen und ihr sagen, dass wir von der Polizei sind und ihr Gegenüber verdächtigen, illegal mit Potenzmitteln zu handeln?«, fragte Putensenf spitz.
Frauke ignorierte die Anmerkung und wartete geduldig, bis auf ihr Läuten hin die Tür geöffnet wurde. Eine zur leichten Fülle neigende Frau mit künstlich erblondetem Haar öffnete, musterte die Besucher und fragte: »Ja?«
»Frau Blechschmidt?«
»Kohlschreiber«, sagte sie knapp. »Was ist?«
»Wir möchten gern mit Herrn Blechschmidt sprechen.«
»Worum geht’s denn?«
»Das würden wir ihm gern selbst sagen.«
»Wenn Sie was verkaufen woll’n, dann könn’n Sie gleich wieder gehn.«
Frauke wiederholte die Bitte. Daraufhin schloss die Frau die Tür und ließ die Beamten warten. Sie mussten sich eine Weile gedulden, bis ein Mann mit Glatze öffnete. Er hatte ein leicht aufgedunsenes Gesicht mit einer ungesunden rötlichen Färbung, die sich auch über die Kopfhaut fortsetzte und in Kontrast zu dem weißen Haarkranz stand, der die Glatze umrankte. Die dunkle Hornbrille passte nicht zu ihm. Dafür schienen die dunkle Stoffhose, die von Hosenträgern gehalten wurde, das gestreifte Hemd und die Strickjacke, die über dem Wohlstandsbauch hing, davon zu zeugen, dass ein zufriedener Pensionär vor ihnen stand.
Auf Fraukes Nachfrage bestätigte er, Günter Blechschmidt zu sein.
»Dobermann. Polizei Hannover. Das ist mein Kollege Putensenf«, stellte Frauke die Beamten vor.
Blechschmidt war deutlich das Erschrecken anzumerken.
»Polizei?«, fragte er tonlos und starrte Frauke an. Seine Mundwinkel zitterten, die Nasenflügel bebten. Der Mann war das personifizierte schlechte Gewissen.
Frauke fiel auf, dass Blechschmidt keine weiteren Fragen stellte, nicht nach dem Grund, nicht danach, ob die Polizei sich womöglich in der Adresse geirrt hatte.
»Sie wissen, weshalb wir hier sind?«, fragte Frauke.
Der Mann klapperte mit den Augenlidern. Wieder ließ er sich unendlich viel Zeit, bis er sagte: »Nein.« Die Antwort kam so gedehnt über seine Lippen, dass er selbst bemerkt haben musste, wie schlecht er gelogen hatte.
Frauke entschloss sich, die Situation zu nutzen. Sie warf einen Blick über die Schulter auf die immer noch neugierig herüberstarrende Nachbarin.
»Möchten Sie, dass alle Nachbarn mitbekommen, dass Sie illegal gefälschte Potenzmittel vertreiben?«
Blechschmidt trat zur Seite. »Kommen Sie rein«, forderte er die Beamten auf und führte sie in das Wohnzimmer.
Frauke und Putensenf nahmen auf dem grünen Sofa Platz, nachdem sie ein in der Mitte eingeschlagenes Kissen mit Jagdmotiven zur Seite gelegt hatten.
»Ich möchte nicht lange um den heißen Brei herumreden«, ging Frauke in die Offensive. »Es gibt eine ganze Reihe von missbräuchlichen Nutzungen gefälschter Arzneimittel. Genau genommen geht es um Viagra-Imitate. Daran sind mehrere Menschen erkrankt, teilweise schwer. Damit nicht genug. Es hat auch schon die ersten Todesfälle gegeben.«
»Das ist nicht wahr«, stammelte Blechschmidt und fasste sich mit der Hand ans Herz.
Frauke nickte langsam. »Doch. Und Sie tragen die Verantwortung dafür.«
Der Mann schluckte heftig. »Ich meine … Damit habe ich nichts zu tun. Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.«
»Machen Sie es sich nicht unnötig schwer«, mischte sich Putensenf ein. Er sprach in einer besänftigenden Tonlage, es klang fast väterlich. »Mit Leugnen verschlimmert sich nur Ihre Situation. Das geht auf die Pumpe.« Dabei tippte sich der Kriminalhauptmeister auch ans Herz. »Wir haben Beweise. Und Zeugen. Um mit offenen Karten zu spielen: Zum Beispiel den Portier des Hotels in Bad Bevensen, das Bordell aus St. Dionys, in Lüneburg haben Sie die Ware verteilt, im Wendland …«
Blechschmidt sah von Putensenf zu Frauke und wieder zurück. Dann seufzte er tief, bis er in sich zusammensackte.
»Ich bin da in etwas hineingeraten, ohne überhaupt zu ahnen, was das ist«, sagte er leise.
»Sei sofort still, Günter«, mischte sich Frau Kohlschreiber ein, die in den Raum getreten war. »Das kenn ich. Die sagen das nur so. Die könn’n dir gar nix beweisen. Gar nix! Hörst du?«
»Ach, Erika, hör doch auf. Du weißt doch selbst, wie das gelaufen ist.« Er gab sich einen Ruck. »Nach dreißig Jahren Ehe ist meine Frau weg.«
»Die Schlampe, die. Die ist an allem schuld«, meldete sich Frau Kohlschreiber zu Wort.
»Halt den Mund«, fuhr Blechschmidt sie an. »Also … Meine Frau ist auf und davon. Hat ‘nen anderen kennengelernt und mich mit der ganzen Scheiße alleingelassen. Dabei sollte das hier unser Traum im Alter sein.« Versonnen strich Blechschmidt über die Sessellehne. »Was meinen Sie, was mich die Scheidung gekostet hat? Ich musste ihren Anteil am Haus auslösen. Und von meiner Rente hat sie auch ‘nen großen Batzen gekriegt. Soll ich Ihnen sagen, was für mich übrig geblieben ist? Dann sind da noch die Halunken in Berlin. Jedes Jahr schröpfen die uns Rentner mehr. Krankenversicherung – Steuern und sonst was. Nee, da rackerst du dein Leben lang, und was bleibt übrig? Nix. Da kommst du nicht mit hin.« Er holte tief Luft und fasste sich erneut ans Herz. »Da hab ich mich nach einer kleinen Arbeit umgesehen. Aber hier – im Dorf –, da gibt’s nichts. Ich bin dann über eine Kleinanzeige gestolpert. ›Bequemer Nebenverdienst von zu Hause‹. Ich hab dahin geschrieben. Chiffre war das. Irgendwann stand ein Mann vor der Tür und hat mich gefragt, ob ich für die Medikamente verteilen würde. Ich hab zuerst gezögert. ›Alles ganz legal‹, hat er gesagt. Man würde nur die Apotheker ärgern, die sich sonst dumm und dösig verdienen. Und vielen Menschen helfen, die sonst keine Lebensfreude mehr hätten. Na ja, hab ich mir gedacht. Warum nicht? Erst als ich die Pillen das erste Mal in der Hand hielt, hab ich mitgekriegt, dass das Viagra ist. Da war das schon zu spät. Abgesehen davon hab ich den kleinen Zuverdienst gebraucht. Ohne den hätte ich schon lange …« Blechschmidt deutete die Geste des Halsabschneidens an. Er seufzte tief. »Mann, wo bin ich da bloß reingeraten?«
»Wer ist Ihr Kontaktmann?«, fragte Frauke.
»Keine Ahnung. Der hat nie einen Namen genannt.«
»Das kam Ihnen nicht merkwürdig vor?«
»Schon«, gestand Blechschmidt. »Aber da lief es schon mit dem Geld.«
»Wie viel springt denn dabei raus?«, fragte Putensenf.
Der Mann druckste herum. Nachdem der Kriminalhauptmeister seine Frage wiederholt hatte, gestand er: »’nen Fünfer pro Packung.«
»Und was zahlt der Kunde dafür?«
»Fünfundfünfzig.«
»Das sind etwa fünf Euro weniger als der reguläre Preis«, überlegte Frauke laut. Unausgesprochen ließ sie ihre Überlegung, dass fünfzig Euro für ein Imitat ein stolzer Erlös waren. Und die waren netto. Nicht einmal die Mehrwertsteuer ging davon ab. Da lohnte sich das illegale Geschäft.
»Wie viele Packungen verkaufen Sie in der Woche?«
»Unterschiedlich«, wand sich Blechschmidt.
Frauke drängte ihn zur Wahrheit. »Wir erfahren es doch. Und jedes Geständnis wird Ihnen positiv angerechnet. Es lohnt sich, mit der Polizei zusammenzuarbeiten.«
»Das ist trotzdem unterschiedlich. Mal sind es fünfzig, mal hundert Packungen.«
»Ein einträgliches Geschäft«, warf Putensenf ein, während Frauke überschlug, dass für die Hintermänner jeden Monat ein fünfstelliger Betrag übrig blieb. Und Günter Blechschmidt war sicher nur ein kleines Licht in der Verteilerkette.
»Wie nehmen Sie Kontakt mit Ihren Lieferanten auf? Haben Sie eine Telefonnummer?«
»Nein. Er ruft mich an. Einmal die Woche. Dann sagt er, wo wir uns treffen. Ich bringe das Geld von der letzten Lieferung mit und erhalte die neue Ware und die Adressen der Bestellungen.«
Das war ein gut ausgedachtes System, überlegte Frauke. Das Risiko lud man auf Leute wie Blechschmidt ab, die über unscheinbare Anzeigen geködert wurden. Und flog ein Verteiler auf, ersetzte ihn der nächste. Sie fragte nach der Anzeige, auf die der Mann hereingefallen war.
»Die hab ich nicht mehr. Die war in der Landeszeitung unter der Rubrik ›Nebenverdienst‹. Vor ungefähr zwei Monaten.«
Die beiden Beamten nahmen die Personalien auf und konfiszierten die vorhandenen Restbestände.
»Bin ich jetzt verhaftet?«, fragte Blechschmidt kleinlaut.
»Nein. Aber ungeschoren kommen Sie nicht davon. Schließlich handelt es sich möglicherweise um Körperverletzung mit Todesfolge«, fuhr Frauke ein schweres Geschütz auf. »Informieren Sie uns umgehend über Ort und Zeitpunkt Ihres nächsten Treffens mit dem Lieferanten.«
Erneut fasste sich Blechschmidt ans Herz. »Ich weiß nicht, ob ich das durchstehe.«
»Das werden Sie«, sprach ihm Frauke Mut zu. »Und verteilen Sie die Ware nicht weiter. Wenn jetzt noch jemand daran stirbt, könnte irgendjemand auf die Idee kommen, Sie des Mordes zu verdächtigen«, drohte sie, obwohl das in keiner Weise zutreffend war.
»O Gott«, stöhnte Blechschmidt zum Abschied.
Auf der Rückfahrt meldete sich Fraukes Handy.
»Guggenberger. Sie erinnern sich an mich?«
»Leider.« Frauke sah den ungehobelten Mann vor sich, der ihr die Wohnung in der Lister Meile gezeigt hatte.
»Herzlichen Glückwunsch. Ich habe gehört, Sie haben die Wohnung gemietet.«
»Und?«, fragte Frauke ausweichend.
»Wohin soll ich die Rechnung schicken?«
»Welche Rechnung?«
»Über die Maklercourtage. Eins Komma acht Kaltmieten plus Mehrwertsteuer. Sie haben die Wohnung durch meine Vermittlung bezogen. Da steht mir die Courtage zu.«
Frauke klärte Guggenberger auf, dass sie direkt mit dem Vermieter verhandelt habe und der Vertrag ohne Guggenbergers Zutun zustande gekommen war.
»Diese Masche kenne ich. Da haben Sie keine Chance«, erklärte der Makler.
»Das Problem sehe ich bei Ihnen. Mein Erstkontakt war Herr Eberlein.«
»Aber ich habe Ihnen die Wohnung vorgeführt.«
»Das ist unzutreffend. Überlegen Sie es sich. Wenn Sie auf die Courtage bestehen sollten, melden Sie sich noch einmal bei mir. Am besten rufen Sie mich am Arbeitsplatz an.«
»Darauf können Sie sich verlassen. Wo sind Sie beschäftigt?«
»Dobermann, Landeskriminalamt Hannover.«
Einen Moment war Stille in der Leitung. Dann hörte Frauke ein erstauntes »Oh!«, bevor die Verbindung unterbrochen wurde.
Die Rückfahrt nach Hannover nutzten die beiden Beamten, um noch einmal die Ergebnisse des Verhörs von Günter Blechschmidt zu analysieren. Frauke war überrascht, dass Putensenf sich dabei jeglichen bissigen Kommentars enthielt.
Frauke hatte noch nicht viel von Hannover kennengelernt. Sie trauerte immer noch Flensburg nach, vermisste die Seeluft, das lebhafte Treiben auf dem Holm, die romantischen Hinterhöfe, die Hafenspitze, das Bummeln an der Förde, Solitüde … Hannover hatte auch schöne Seiten aufzubieten. Der Maschsee, Eilenriede, die Herrenhäuser Gärten, aber auch die Winkel der Altstadt, an denen die Massen vorbeiströmten. Ein kleines Idyll war – für Frauke – die Oststadt, zentral zwischen der City und der großzügigen Grünanlage Eilenriede gelegen. Hier, auf der Lister Meile, herrschte urbane Geschäftigkeit, ein buntes Treiben zwischen den zahlreichen bunten Geschäften, den kleinen Cafés, Kneipen und Bistros, die entdeckt werden wollten.
Sie schlenderte gemächlich den Fußweg entlang, blieb vor dem Eingang stehen und ließ die Fassade auf sich wirken. Man sah dem Haus die Jahre an. Die Wohnungen hatten noch Einfachverglasung, zum Teil gab es altertümlich wirkende Doppelfenster. Das Herrenmodegeschäft hatte eine modern gestaltete Schaufensterfront, unterschied sich aber von den gesichtslosen Aufmachungen der großen Ketten. Der Lottoladen zur Rechten und der Friseur zur Linken rahmten das Haus förmlich ein. In einem Pavillon zwischen Gehweg und verkehrsberuhigter Fahrbahn war vor dem Haus ein Imbiss untergebracht, der als Pizzeria firmierte. Ein Stück weiter hatte eine große Buchhandlung ihren Sitz. Frauke beschloss, wenn es etwas ruhiger werden sollte, einmal genussvoll zwischen den Büchern zu stöbern und das Lesen wiederaufzunehmen. Sie stellte sich vor, dass man sich mit einem Buch wunderbar auf dem nahen Weißekreuzplatz unter die blühenden Kastanien setzen und lesen könnte, wenn man nicht durch das viele Entdeckenswerte abgelenkt würde. Ach! Sie würde sich mit der neuen Aufgabe, der neuen Umgebung und mit Hannover arrangieren. Wenn alles so friedlich wie dieser Straßenzug wäre, würde das Heimweh, die sehnsuchtsvolle Erinnerung an die Förde, irgendwann verblassen.
Das alte Haus mit der Rotklinkerfassade, in die man liebevoll Ornamente eingepasst hatte, den Gliederungen und Rundbögen über den Fenstern, dem Erker, der sich über die erste und zweite Etage erstreckte und oben durch einen Balkon begrenzt wurde, den jemand mit Grün bepflanzt hatte … das würde ihr Zuhause sein. Langsam ließ sie ihren Blick am Baum emporgleiten, der vor dem Gebäude stand und dessen Krone fast bis an die Wand reichte. Er würde im Wohnzimmer für ein wenig Dunkelheit sorgen, überlegte Frauke, aber das frische Grün bot auch die Illusion, nicht mitten in der Stadt zu wohnen. Vielleicht würde es im Sommer für angenehme Kühle sorgen, wenn die Sonne auf die Straße knallte. Sie schmunzelte in sich hinein. Sicher! Sie lebte jetzt etwa dreihundert Kilometer weiter südlich. Ob sich das schon klimatisch auswirken würde?
Sie hielt das Bund in der Hand, das ihr der Vermieter ausgehändigt hatte, und suchte nach dem passenden Schlüssel. Dann hielt sie einen in die Höhe, betrachtete ihn und vermutete, er könnte zur Haustür passen. Bevor sie es probieren konnte, wurde von innen geöffnet.
Ein älterer Mann, leicht gebeugt, stand ihr gegenüber. Er war einen halben Kopf kleiner und musterte sie unter der Krempe seines leichten Sommerhuts. Die eisgrauen Augen blinzelten unter buschigen Brauen hervor. Zahleiche Falten durchzogen sein Gesicht und setzten sich am Hals fort, der in einen offenen Hemdkragen überging.
Der Mann machte keine Anstalten, den Weg freizugeben.
»Und?«, fragte er mit einer brüchigen Seniorenstimme.
»Bitte?«, antwortete Frauke mit einer Gegenfrage.
»Zu wem wollen Sie?«
Sie war versucht, zu erwidern, dass es ihn nicht zu interessieren habe. Andererseits war es sicher angenehm, Nachbarn zu haben, die auf ihre Umgebung achtgaben. Viel zu oft war von seelenlosen Wohnsilos die Rede, in denen man über Jahre nicht wusste, wer in der Nachbarwohnung lebte. Hier schien es anders zu sein. Deshalb stellte sie sich vor.
»Frauke Dobermann ist mein Name. Ich bin die neue Mieterin.«
Sein Gesicht hellte sich auf. »Ah«, sagte er und reichte ihr die Hand. »Rabenstein. Ich wohne über Ihnen.«
Sie ergriff die faltige Hand mit den zahlreichen Altersflecken auf dem Rücken.
»Wann wollen Sie einziehen?«
»Morgen.«
»Das geht aber schnell.« Rabenstein lächelte und ließ seinen Blick an Frauke vom Scheitel bis zur Sohle abwärtsgleiten. »Es freut mich, wenn hier eine attraktive Frau einzieht.«
Frauke musste ein wenig irritiert dreingeblickt haben. Jedenfalls zeigte Rabenstein die leicht gelblichen, ebenmäßigen Zahnreihen seines Gebisses. »Sie müssen keine Sorge haben. Aber einer hübschen Frau darf man doch ein Kompliment machen. Das haben wir in unserer Jugend gelernt.«
»Es freut mich, Herr Rabenstein. Auf gute Nachbarschaft.«
»Ich freue mich auch«, sagte der alte Mann und lächelte erneut. »Ich will nicht aufdringlich sein, aber vielleicht gönnen Sie mir einmal das Vergnügen eines kleinen Pläuschchens am Nachmittag. Bei einem Tee. In meinem Alter hat man nicht mehr viele Bekannte.« Er zeigte mit dem Finger zum Himmel. »Die werden nach und nach alle vom Herrgott abberufen. Wie meine Frau. Wir waren zweiundfünfzig Jahre glücklich verheiratet. Dann wurden wir getrennt.« Jetzt sah er ganz zum Himmel und nahm dabei einen versonnenen Ausdruck an. »Noch will der Herrgott mich nicht haben, aber irgendwann werden wir uns wiedersehen. Da oben.« Ein glückliches Lächeln strahlte auf seinem Antlitz.
Rabenstein hielt in seinem Lächeln inne. Das glückliche Gesicht wirkte für einen Moment wie versteinert. Dann schwankte er kurz, kippte nach vorn, fiel Frauke in die Arme und rutschte langsam an ihr herab zu Boden.
Frauke folgte der Blutspur, die knapp unterhalb des Kragenknopfes ihrer Bluse begann, sich über ihre Brust und den Bauch bis zur Hose erstreckte und auf Ober- und Unterschenkel nur noch hässliche Flecken hinterließ.
Alles war unheimlich schnell gegangen – der Knall, den Frauke für einen Gewehrschuss hielt, das wütende Aufheulen des Motorrads und das Entfernen des Fahrzeugs Richtung U-Bahnhof Sedanstraße/Lister Meile. Mit großer zeitlicher Verzögerung vernahm sie das entsetzte Aufschreien von Passanten, die arglos über die Lister Meile promenierten.
Frauke hatte blitzschnell versucht, dem flüchtenden Motorrad hinterherzusehen, aber der Pavillon der Pizzeria versperrte ihr die Sicht. Sie beugte sich zu Herrn Rabenstein hinab, der zusammengekauert zu ihren Füßen lag. Er hatte immer noch den entspannten strahlenden Gesichtsausdruck, verunziert durch das Loch mitten in der Stirn, aus dem hellrotes Blut pulsierte und sich über das Antlitz verteilte. Frauke legte Zeige- und Mittelfinger der linken Hand an die Halsschlagader des alten Mannes, während sie mit der rechten nach ihrem Mobiltelefon angelte und automatisch die Eins-eins-zwei anwählte. Mit wenigen Worten schilderte sie die Situation und gab eine kurze Zustandsbeschreibung des Opfers durch. Dann wählte sie den Polizeinotruf und erzählte von der Bluttat. Sie ersparte es sich, Anweisungen zu erteilen. Die Beamten in der Leitstelle würden das Richtige veranlassen. Anschließend wählte sie ihre Dienststelle an und informierte Madsack.
»Wir kommen sofort«, sagte der Hauptkommissar, ohne weitere Fragen zu stellen.
Sie kniete sich nieder und versuchte, Anzeichen von Vitalität bei Rabenstein festzustellen. Doch es war nichts erkennbar. Es schien, als wäre der alte Mann sofort tot gewesen. Frauke sah sich um. Zögerlich näherten sich ein paar Leute, denen das Entsetzen ins Gesicht geschrieben war. Ein Mann – er mochte um die fünfzig sein – beugte sich zu Frauke herab.
»Kann ich helfen?«, fragte er und würgte dabei, als er Rabensteins Gesicht sah.
»Versuchen Sie, die Leute fernzuhalten«, wies ihn Frauke an.
Der Mann nickte, kam aus der Hocke hoch, und sie hörte, wie er auf die Zuschauer einzuwirken suchte, während sie erneut Rabensteins Puls am Hals ertastete. Nichts. Der Mann gab kein Lebenszeichen von sich. Sie fühlte sich ohnmächtig, es gab nichts, was sie hätte tun können. Vorsichtig drückte sie Rabensteins schmächtigen Oberkörper aufs Pflaster, fuhr mit zwei Fingern von links den unteren Rippenbogen bis zum Sternum entlang und suchte den Druckpunkt am Brustbein. Sie fixierte die Stelle mit dem Finger, legte den Handballen darauf, sodass Zeige- und Mittelfinger Richtung Kopf wiesen, und presste die andere Hand darüber. Dann begann sie rhythmisch zu drücken und zählte dabei laut. »Eins-zwei-drei …« Sie drückte den Brustkorb etwa vier Zentimeter tief ein. Wenig später spürte sie, wie der zunächst vorhandene Widerstand nachgab, als die Rippen brachen. Bei dreißig brach sie ab, holte tief Luft, presste ihre Lippen auf die Rabensteins und blies zweimal den Inhalt ihrer Lungen in die des Opfers. Dann wiederholte sie die Herzdruckmassage.
Frauke hatte aufgehört zu zählen, wie oft sie diese Prozedur wiederholt hatte, als sie mehrere Martinshörner vernahm. Kurz darauf hielt ein Rettungswagen der Feuerwehr, und zwei Rettungsassistenten übernahmen die Versorgung Rabensteins, bis wenige Minuten später die Notärztin eintraf. Sie kniete sich neben den alten Mann, legte ihr Stethoskop an und untersuchte ihn gründlich. Dann kam sie langsam in die Höhe und sah sich um. Sie bemerkte Frauke und sah mit einem erstaunten Aufblitzen ihrer Augen die blutverschmierte Kleidung.
»Gehören Sie zu ihm?«, fragte die Ärztin.
»Dobermann, LKA Hannover«, erwiderte Frauke.
»Aha.« Dann zeigte sie auf Rabenstein. »Da ist jede Hilfe zwecklos.« Sie tätschelte vorsichtig Fraukes Oberarm. »Tut mir leid.«
Mehrere uniformierte Polizisten drängten sich heran.
»Was ist hier los?«, fragte ein bullig aussehender Oberkommissar, der die Mütze keck in den Nacken geschoben hatte. Seine Hand lag lässig auf der Pistole an seinem Gürtel auf.
»Wir haben hier ein Attentat«, erklärte Frauke. »Erschossen. Die Täter sind mit einem Motorrad Richtung Lister Platz geflüchtet.«
»Und wer sind Sie?«, bellte der Polizist zurück.
»Jemand, der die Sache besser im Griff hat als Sie, auch wenn Sie hier wie John Wayne herumstehen«, mischte sich aus dem Hintergrund eine Stimme ein. Es war das erste Mal, dass Frauke nicht böse war über Putensenfs bissige Kommentare.
»He, was soll das denn?«, knurrte der Polizist.
»Alles in Ordnung, Kollege«, beschwichtigte ihn Madsack und hielt dem Beamten seinen Dienstausweis hin. »Wir kommen vom Landeskriminalamt. Das da«, er zeigte auf Frauke, »ist die Leiterin des Sonderkommissariats organisierte Kriminalität.« Er zog den Beamten ein wenig zur Seite. »Ich brauche Sie als Verbindung zur Leitstelle. Wie ist der Stand der Fahndung nach den flüchtigen Tätern?«, gab er dem Polizisten Anweisungen.
»Los, Schwarczer, wir versuchen, Zeugen zu finden«, hörte Frauke Putensenf sagen. Für einen Moment durchfuhr sie der Gedanke, dass ihre Mitarbeiter vielleicht doch nicht so schlecht waren, wie sie stets befürchtet hatte. Sie schienen auch ohne Anweisungen im richtigen Augenblick das Angemessene zu tun. Sie war auch dankbar, dass sie nicht mit Fragen bestürmt wurde. Das hätte wichtige Zeit auf der Suche nach den Tätern gekostet.
»Sie«, winkte Frauke einen zweiten Beamten heran. »Verständigen Sie den Kriminaldauerdienst und die Spurensicherung.«
»Bitte! Heißt das«, knurrte der Uniformierte und entfernte sich.
»Dieser Zeuge hat etwas gesehen«, hörte Frauke Madsack hinter sich. Der Hauptkommissar schob einen Mann mittleren Alters mit einer runden Studentenbrille vor sich her. Frauke ging ein paar Schritte zur Seite, um dem Passanten den Anblick des Toten zu ersparen. Mit schreckgeweiteten Augen sah der Zeuge auf Fraukes blutverschmierte Kleidung.
»Das war ein Motorrad«, sagte er stammelnd. »Da haben zwei Männer draufgesessen. Einer hat ein Gewehr angelegt, und bumm … Dann sind die weg.«
»Wie sahen die Männer aus?«, fragte Frauke.
»Die hatten Motorradkluft an. So aus Leder. Und Helme auf.«
»Woran haben Sie erkannt, dass es Männer waren?«
»Frauen machen so etwas doch nicht«, behauptete der Zeuge. »Und wie der mit dem Motorrad ab ist. Auch das können nur Männer.«
»Gab es Auffälligkeiten an der Kleidung?«
»Ja. Der Hintere, also der geschossen hat, der hatte weiße Streifen am Ärmel.«
»Ich dachte mehr an Wappen oder Embleme auf der Lederjacke.«
»Nein. Da war nichts.«
»Haben Sie sich das Kennzeichen gemerkt?«
»Das ging alles so schnell … Es war nicht Hannover.«
»Was denn?«
»Keine Ahnung.«
»Und das Motorrad?«
»Eine dunkelblaue BMW.«
»Das stimmt nicht«, mischte sich ein Mann mit wallender blonder Mähne ein, der eine Frau mit langen schwarzen Haaren im Arm hielt. Er trug eine geöffnete Lederjacke und hatte die drei oberen Knöpfe seines Hemdes geöffnet. Putensenf hatte das Pärchen aufgetan.
»Natürlich war das eine BMW«, behauptete der Mann mit Nickelbrille.
»Blödsinn.« Der Dieter-Bohlen-Verschnitt sah die Nickelbrille von oben herab an. »Von Motorrädern verstehe ich etwas.« Dann wandte er sich an Madsack, weil er Frauke offenbar für nicht kompetent genug hielt. »Sind Sie der Boss?«
Der Hauptkommissar wies auf Frauke. »Die Dame leitet die Ermittlungen.«
Der Blonde ließ das Kaugummi zwischen den Zähnen hin und her wandern.
»Ich versuch’s mal zu erklären. Das war eine Moto Guzzi. Genau genommen eine Breva 1200 in der Farbe Nero Metallizzato. Das ist Schwarz«, fügte er an. »Die Breva hat ein unverwechselbares Styling. Eben italienisches Design.« Dabei verdrehte er kunstvoll die Augen. »Ein absolut geiles Ding«.
»Haben Sie das Kennzeichen gesehen?«, fragte Frauke.
»Nee. Auf so was achte ich nicht. Aber die Maschine war eine Moto Guzzi. Hundertpro.« Er sah die Nickelbrille an. »BMW – päh«, sagte er verächtlich.
»Haben Sie Fahrer und Beifahrer erkennen können?«
»Nee. Die hatten Kluft an. Sah klasse aus. Und von den Gesichtern war auch nichts zu erkennen. Die hatten Helme auf. Der Sozius hat das Visier hochgeklappt, das Gewehr genommen, angelegt und abgedrückt. Dann sind die weg. Satter Sound, die Breva.« Er sah Frauke mit verklärtem Gesichtsausdruck an.
»Nehmen Sie die Personalien der Zeugen auf«, sagte Frauke zu Madsack. »Und arrangieren Sie, dass wir ein Protokoll bekommen.« Dann drehte sie sich zu Putensenf um. »Gibt es Ergebnisse der Fahndung?«
»Bis jetzt nicht.« Der Kriminalhauptmeister grinste Frauke an. »Bei so vielen unterschiedlichen Zeugenaussagen stellt sich mir die Frage, was unser kompetentester Zeuge gesehen hat?«
Frauke musste nicht nachfragen. Die Spitze war gegen sie gerichtet.
»Ich stand mit dem Rücken zur Fahrbahn. Und als das Motorrad davonfuhr, war es hinter dem Pavillon verschwunden.«
»Das ist doch einmal ein gutes Ergebnis«, lästerte Putensenf. »Wann haben wir eine ausgewachsene Hauptkommissarin am Tatort? Und? Nichts!«
Frauke ließ ihn stehen und sprach mit den Beamten der Spurensicherung. Sie berichtete von den Vorkommnissen und gab Hinweise, wo die Kriminaltechniker suchen sollten. Irgendwo musste die Patronenhülse sein. Vielleicht gab es auf der Fahrbahn Gummiabrieb vom Reifen. Mehr Spuren würden nicht zu finden sein. Außerdem galt es, weitere Zeugen zu finden. Schließlich mussten die beiden Mörder auf dem Motorrad irgendwo in Sichtweite auf die passende Gelegenheit gelauert haben. Außerdem fragte sie sich, woher die Mörder wussten, wann sie sich wo aufhielt. Es konnte kein Zufall sein, dass man hier auf sie gewartet hatte. Sie glaubte auch nicht, dass der Mörder zufällig vorbeigeschossen und es eigentlich ihr gegolten hatte. Wer mit einem Präzisionsgewehr so perfekt den alten Herrn Rabenstein in die Stirn traf, hatte nicht danebengeschossen. Es war teuflisch, was sich die Organisation ausgedacht hatte. Man hatte Frauke gezeigt, dass man jederzeit in der Lage war, die gegen sie gerichtete Todesdrohung umzusetzen. Sie sollte sich schuldig fühlen. Man wollte sie mürbe machen.
Frauke ballte die Faust. »Nicht mit mir«, presste sie leise zwischen den Zähnen hervor.
Am Tatort wimmelte es von Einsatzkräften. Ihre Mitarbeiter würden nach Zeugen suchen, die Spurensicherung ihre Arbeit verrichten und alles Weitere veranlassen. Die Fahndung nach den Tätern war eingeleitet, sodass Fraukes Anwesenheit nicht länger erforderlich war. Sie ließ sich von Schwarczer ins Hotel fahren.
»Aber, Frau Dobermann, was ist mit Ihnen geschehen?«, fragte die Inhaberin, als Frauke blutverschmiert ins Haus kam.
»Ich hatte einen kleinen Unfall«, sagte Frauke ausweichend.
»Da müssen Sie doch ins Krankenhaus, aber nicht hierher.« Aus der Anmerkung klang weniger Mitleid oder Anteilnahme, sondern eher der Vorwurf heraus, in einem solchen Zustand das Hotel zu betreten. Frauke ignorierte es, ging auf ihr Zimmer, legte die Kleidung ab und duschte gründlich. Dann legte sie sich zehn Minuten aufs Bett, um sich zu sammeln. Anschließend wählte sie Madsacks Handy an, aber es gab keine Neuigkeiten von der Fahndung.
»Wir haben weitere Zeugenaussagen gesammelt«, berichtete der Hauptkommissar, »ohne dabei auf weitere Erkenntnisse gestoßen zu sein. Lediglich, dass das Motorrad am Anfang der Straße ein Stück weiter abwärts gegenüber dem Eckcafé gewartet hat, dürfte für Sie neu sein. Dafür gibt es einen Zeugen, der allerdings nichts zu den Personen sagen kann.«
»Es muss einen weiteren Täter gegeben haben«, sagte Frauke, »der mich entweder verfolgt oder vor dem Haus gewartet und seine Komplizen benachrichtigt hat, dass der Moment günstig wäre. Ich gehe davon aus, dass von diesem auch die Anweisung kam, auf Rabenstein zu schießen. Die gesamte Operation wurde demnach von jemandem geleitet, der nicht mit auf dem Motorrad saß.«
Madsack versprach, bei den Ermittlungen vor Ort diesen Aspekt zu berücksichtigen.
Frauke überlegte ihr weiteres Vorgehen. Sie konnte sich nicht einschließen oder gar untertauchen. Das bezweckte die Organisation. Damit hätte man die Polizei lahmgelegt. Deshalb war es auch nicht möglich, von einem gesicherten Unterschlupf aus die weiteren Ermittlungen zu führen. Nein! Sie musste das Risiko eingehen und weiter so agieren wie bisher, auch wenn ihr nicht wohl war bei dem Risiko, das damit verbunden war.
Frauke gab sich einen Ruck, stand auf, machte sich zurecht und ging zu Fuß zum Landeskriminalamt. Unterwegs sah sie sich verstohlen um, konnte aber weder vor ihrem Hotel noch auf dem Weg zur Dienststelle etwas Verdächtiges entdecken.
Im Büro beschäftigte sie sich mit dem Problem der gefälschten Arzneimittel, indem sie alle zur Verfügung stehenden Informationsquellen anzapfte. Es war kein neues Phänomen. Die Entwicklung hochwirksamer Arzneien verschlang enorme Kosten. Die Forschung war aufwendig. Sicher war es populär, über die hohen Preise zu schimpfen. Dafür gab es eine sorgfältige und gewissenhaft arbeitende Pharmaindustrie, die auf der Suche nach neuen und wirksamen Medikamenten war. Irrtümer, die für die Betroffenen mit unendlich viel Leid verbunden waren, erschütterten die Menschen rund um den Globus. Über die großen Erfolge, die so viel Segen über die Menschheit gebracht hatten, wurde weniger berichtet. »Nur eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht« schien das Leitmotiv vieler Medien zu sein. Wer sprach von der heute möglichen Behandlung von Aids? Von den Fortschritten in der Krebsbekämpfung? Diabetes war schon lange kein Todesurteil mehr, und viele tödliche Seuchen waren ausgerottet. Die Menschen verließen sich auf ihre Arzneien. Und das war das Tückische an diesem Geschäft. Die Wirkung der Arzneien trat nicht im erhofften Maße ein.
Frauke las auch, welch riesige Gewinne die Nachahmer und Fälscher machten. Sie hatten keinen Forschungsaufwand, sondern kopierten die Ergebnisse anderer. Fast alle Produkte renommierter Hersteller waren betroffen, insbesondere die Arzneien, die vielen Menschen dienten, zum Beispiel Herzmittel, Lipidsenker oder wie in diesem Fall Viagra.
Frauke entschloss sich, im Landeskriminalamt Kiel anzurufen. Die dortige Leiterin der naturwissenschaftlichen Kriminaltechnik konnte ihr sicher weiterhelfen.
»Frau Dobermann«, zeigte sich Frau Dr. Braun überrascht. »Sind Sie wieder im Lande?«
»Nein. Ich bin jetzt in Niedersachsen. Ungeachtet dessen, dass die Polizei Ländersache ist, würde ich Sie inoffiziell um Ihren klugen Rat bitten.«
Dr. Braun atmete tief durch.
»Sie wollen mir schmeicheln, aber wenn das jeder machen würde, könnten wir hier zumachen. Ich verrate Ihnen kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage, dass Schleswig-Holstein am wirtschaftlichen Abgrund steht. Überall muss gespart werden. Da macht man auch bei uns nicht halt. War es früher schon schlimm mit der Arbeitsüberlastung, so sind wir jetzt komplett eingebrochen. Niemand glaubt mir, wenn ich einmal vortragen würde, wie viele Überstunden meine Mitarbeiter vor sich herschieben.«
»Ich bin mir sicher, dass Sie Übermenschliches vollbringen. Ich würde Sie auch nicht mit Lappalien behelligen, aber ich kenne niemanden, der mir so kompetent Auskunft geben könnte.«
Für einen Augenblick war es still in der Leitung. Frauke meinte, Dr. Braun schlucken zu hören. Dann meldete sich die Kielerin.
»Aber nur als einmalige Ausnahme. Und bitte ganz kurz.«
»Es geht um gefälschte Arzneimittel.«
»Das ist eine Erscheinung, die uns ganz viel Sorgen bereitet«, fiel ihr Dr. Braun ins Wort.
»Haben Sie einen Schwerpunkt entlang der Oberelbe? Zwischen Hamburg und Lauenburg?«
»Da sind in der jüngsten Zeit Auffälligkeiten zu beobachten.«
»Dann haben wir ein gemeinsames Interesse. Wir verfolgen eine Spur auf der niedersächsischen Seite der Elbe. Ich gehe davon aus, dass es sich um den gleichen Täterkreis handelt.«
»Uns ist aufgefallen, dass die Packung einen Fehler aufweist«, berichtete Dr. Braun und beschrieb den Fehldruck, den auch die Niedersachsen bemerkt hatten. »Wir haben vereinzelt Tabletten sicherstellen können. Unsere Laboranalyse ergab, dass es sich um stark verunreinigte Imitate handelt. Es ist schon schlimm genug, wenn den Kranken mit gefälschten Arzneien Heilung suggeriert wird, und es liegen Placebos ohne jede Wirkung vor. Besonders schlimm ist es aber, wenn die Medikamente tödliche Substanzen oder Wirkstoffe in lebensbedrohlicher Zusammensetzung enthalten. Das ist hier zutreffend.«
»Haben Sie schon Quellen ausfindig machen können?«, fragte Frauke.
»Leider nicht. Die Kollegen von der organisierten Kriminalität haben überlegt, ob sie die Öffentlichkeit einschalten sollen, um die Verbraucher zu warnen. Man hat davon Abstand genommen, um keine Panik auszulösen und das Vertrauen in die seriöse Pharmaindustrie nicht zu erschüttern.«
»Gibt es nicht eine einzige Spur?«
»Nichts. Zumindest ist mir keine bekannt. Die Imitate kommen häufig aus China, meistens aber aus Indien. Dort werden sie in schmuddeligen Hinterhoflaboratorien produziert. Bei uns würde man solche Einrichtungen schließen, selbst wenn sie nur Schlachtabfälle verwerten würden.«
»Und die Handelswege? Wie kommt das Zeug zu uns?«
»Singapur gilt als internationale Drehscheibe für gefälschte Arzneien. Das ist verwunderlich, da der Stadtstaat als sauber und kriminalitätsarm gilt, kaum Korruption aufweist und eine verlässliche Polizei- und Justizorganisation hat. Das Problem ist, dass es kaum Kontrollmöglichkeiten gibt. Die Fälschungen tauchen sogar regulär in Apotheken auf.«
»Das ist besonders perfide, wenn Apotheker mitmischen«, empörte sich Frauke.
»Die trifft häufig keine Schuld. Die Apotheker haben keine andere Chance, als dem Großhandel zu vertrauen. Der Zoll hat festgestellt, dass es im Großhandel bis zu dreißig Handelsstufen gibt, über die die Medikamente weitergegeben werden. Die Apotheken sind arg- und machtlos.«
»Dann muss man nur den Kopf dieser Schlange ausfindig machen«, sagte Frauke.
»Leider nicht. Wenn irgendwo in dieser Kette der unseriöse Händler sitzt, findet die wundersame Produktvermehrung statt. Der Zwischenhändler kauft hundert Pakete legal ein und kann dies durch Lieferpapiere nachweisen. Er vermarktet aber zweihundert Pakete, indem er hundert Fälschungen daruntermischt. So verwischt sich seine Spur.«
»Das muss doch auffliegen? Schließlich hat das schwarze Schaf mehr verkauft, als er eingekauft hat.«
»Jetzt sind wir wieder am Anfang unseres Gesprächs. Niemand hat das Personal, um die Papiere aller an einer solchen Kette beteiligten Unternehmen zu prüfen.«
»Die Händler müssen aber durch exorbitant hohe Gewinne auffallen, wenn sie nicht Steuerhinterziehung begehen und die Erlöse schwarz einstecken.«
»Wenn das Schweizer Bankgeheimnis halb so sicher wäre wie das deutsche Steuergeheimnis«, gab Dr. Braun zu bedenken, »würde ich jedem raten, seine Schwarzgelder beim deutschen Fiskus anzulegen. Die Betriebsprüfer gehen jedem Verdacht nach, wenn sie vermuten, jemand könnte dem Staat Geld vorenthalten haben. Haben Sie schon einmal gehört, dass man jemanden einer Sonderprüfung unterzogen hat, weil er zu viel Steuern bezahlt?«
Leider hat Dr. Braun recht, dachte Frauke, nachdem sie sich von der Kielerin verabschiedet hatte. Eine der möglichen Spuren, die sie verfolgen mussten, war die Suche nach den Handelswegen. Aber in diesem Punkt hatte Dr. Braun ihr nicht viel Mut gemacht.
Fraukes Handy meldete sich. Es war ein Anrufer, der seine Identität unterdrückt hatte.
»Am Tod des Alten sind Sie schuld«, sagte die fremdländische Männerstimme, die Frauke vertraut war. Es war der Mann, der die Todesdrohung gegen sie vorgebracht hatte.
»Was wollen Sie?«, fragte Frauke.
»Halten Sie sich aus Dingen heraus, die Sie nichts angehen.«
»Verlangen Sie im Ernst, dass die Polizei ihre Ermittlungen einstellt?«
»Ich habe mich klar und deutlich ausgedrückt. Sonst gibt es noch mehr Tote.«
»Sie haben den alten Mann nicht zufällig ermordet. Damit wollen Sie mich erpressen.«
»Kluges Mädchen.«
»So menschenverachtend kann niemand denken.«
»Wir schon«, erwiderte die Stimme mit stoischem Gleichmut.
Frauke lief ein Schauder über den Rücken. Eine solche offene Brutalität war ihr noch nie begegnet. »Ich werde Sie bis ans Ende der Welt verfolgen. Wie Dominosteine werden wir Ihre Zellen zerstören, die schmutzigen Nester ausräuchern und die verbrecherischen Geschwüre herausschneiden.«
»Schöne Metaphern«, lästerte die Stimme. Frauke war nicht verborgen geblieben, dass der Mann am anderen Ende der Leitung nicht mehr so zynisch klang wie zu Beginn des Gesprächs.
»Sie bangen um Ihre Absatzkanäle für italienische Spezialitäten. Nachdem wir die Fleischconnection und den Versandhandel von Rauschgift trockengelegt haben, fürchten Sie jetzt um den Gemüsehandel und den Verkauf illegaler Arzneimittel«, startete Frauke einen Versuch. Aber der Mann holte nur noch einmal tief Luft und beendete das Gespräch ohne Antwort.
Auf dem Flur war es lebhaft geworden. Kurz darauf kam Madsack in ihr Büro und ließ sich am Schreibtisch nieder.
»Wir sind in der Lister Meile fertig«, erklärte der Hauptkommissar. »Zunächst einmal: Die Fahndung nach dem Motorrad ist bisher erfolglos. Die Maschine scheint wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Am Tatort hat sich nichts Neues ergeben. Das Opfer hieß Friedrich Rabenstein. Er war achtundsiebzig Jahre alt, seit vier Jahren verwitwet. Rabenstein war Sudetendeutscher und bis zur Pensionierung über dreißig Jahre als Verwaltungsangestellter bei der Stadt Hannover beschäftigt. Er hinterlässt drei Kinder und zwei Enkel. Die Angehörigen werden benachrichtigt.« Madsack schnaufte zwischendurch. »Es gibt bisher keine Erkenntnisse, warum man auf ihn geschossen hat.«
»Das galt nicht dem alten Mann«, erklärte Frauke.
»Ich habe es mir gedacht«, fuhr Madsack fort. »Aber warum hat man Sie verfehlt?«
Frauke unterließ es, dem Hauptkommissar von der Morddrohung gegen sie zu erzählen. Sie war sich nicht sicher, ob man sie nicht hinter ihrem Rücken für den Mord an Rabenstein verantwortlich machen würde, auch wenn sie rechtlich keine Schuld traf.
»Gibt es Hinweise auf die Tatwaffe?«, fragte sie.
»Wir sind uns ziemlich sicher, dass es ein Gewehr war. Kaliber 7,62 Natoformat. Das lässt auf ein unter anderem bei der Bundeswehr verwandtes G3 schließen«, sagte Madsack. »Mehr wissen wir noch nicht. Alles andere bleibt der Rechtsmedizin und der Kriminaltechnik vorbehalten.«
Frauke nickte. Jetzt hieß es, die Ungeduld zu zügeln. Es gelang ihr nur schwer. Sie griff zum Telefon und rief Mark Heidenreich in der Polizeidirektion Lüneburg an.
»Das trifft sich gut«, sagte der Hauptkommissar. »Ich wollte Sie auch gerade anrufen. Günter Blechschmidt aus Salzhausen hat sich vor zehn Minuten bei mir gemeldet. Sein Lieferant hat ihn angerufen und für morgen Vormittag ein Treffen vereinbart.«
Frauke fragte nach Ort und Zeit.
»In Lüneburg vor der Industrie- und Handelskammer Am Sande. Um Viertel vor zwölf.«
»Wir werden da sein«, sagte Frauke. »Wir müssen anschließend zwei Observationsteams bereitstellen, die Blechschmidts Partner verfolgen. Außerdem brauchen wir Fotos, wenn möglich Tonaufnahmen und so weiter.«
»Ich werde mich umgehend mit dem MEK in Verbindung setzen«, versprach Heidenreich.
»Und kein Wort davon zu Blechschmidt«, mahnte Frauke. »Das würde den Mann nur nervös machen. So professionell wie die Gegenseite vorgeht, möchte ich nichts riskieren.«
»Wann soll der Zugriff erfolgen?«, fragte Heidenreich nach.
»Kein Zugriff. Der Kurier nützt uns nichts. Wir müssen wissen, welche Logistik hinter den Lieferungen steckt. Das MEK soll nur observieren. Im Zweifelsfall sollen die Leute den Kontakt abreißen lassen. Wenn wir uns nichts anmerken lassen, wird es später zu einem weiteren Kontakt kommen. Haben Sie das verstanden?«
Heidenreich bestätigte es. Dabei klang er eine Spur beleidigt, weil Frauke ihn wie ein kleines Kind behandelt hatte.
»Sein Problem«, murmelte Frauke vor sich hin und beschäftigte sich bis Dienstschluss mit dem Durcharbeiten von Protokollen und Berichten.