ZWEI

Während das Wochenende für die meisten Menschen Entspannung und Ausgleich bedeutete, hatte Frauke dem Montag entgegengefiebert. Der Sonntag verhieß Untätigkeit. Sie kannte niemanden in der Stadt, und der kurze Spaziergang am Sonntagnachmittag hatte ihr auch nicht die Zerstreuung gebracht, die sie sich erhofft hatte. Im engen Hotelzimmer fühlte sie sich nicht zu Hause, und die Möglichkeiten der Beschäftigung reduzierten sich auf Lesen und Fernsehen. Nach einer unruhigen Nacht war sie schon früh ins Landeskriminalamt gefahren.

Sie gestand sich ungern ein, dass die Drohung vom vergangenen Samstag sie mehr beschäftigte, als ihr lieb war. In Flensburg hätte sie das K1 auf die weiteren Ermittlungen angesetzt. Hier galt es, Kriminaloberrat Ehlers zu überzeugen, dass die Mordserie noch nicht abgeschlossen war. Es fehlten noch die Hintermänner. Zudem konnte sie die Ernsthaftigkeit der Drohung nicht einschätzen. Es gab immer wieder überführte Straftäter, die im Zorn Drohungen gegen die Beamten oder die Strafverfolgungsbehörden ausstießen. Das war meistens nicht ernst zu nehmen. In diesem Fall waren es aber nicht die überführten Täter, sondern unbekannte Dritte.

Frauke hatte sich in ihr Büro zurückgezogen und studierte noch einmal die Akten des Falls, auch wenn der Abschlussbericht noch nicht erstellt war. Sie fand keinen Ansatz für weitere Verdächtigte. Das musste folglich den Verhören von Bernd Richter und Simone Bassetti vorbehalten bleiben. Sie schreckte hoch, als von der offenen Flurtür Nathan Madsacks Stimme erklang.

»Guten Morgen, Frau Dobermann. Hatten Sie ein schönes Wochenende?«, fragte der Hauptkommissar.

Frauke erwiderte den Gruß. »Danke. Leider zu kurz«, log sie und betrachtete Madsack, der sich stets mit »nicht verwandt und nicht verschwägert« vorstellte und damit ausdrücken wollte, dass es keine verwandtschaftlichen Beziehungen zur bekannten Verlegerfamilie der Landeshauptstadt gab. Sie betrachtete den Hauptkommissar. Er ging auf die vierzig zu. Die gescheitelten dunkelblonden Haare, das runde Gesicht mit den buschigen Augenbrauen und den Pausbacken, die fleischige Nase und das mächtige Doppelkinn machten den Mann nicht zu einer attraktiven Erscheinung. Da half auch die stets korrekte Kleidung nicht. Heute trug Madsack einen dunkelbraunen Anzug und ein roséfarbenes Hemd, das sich über den mächtigen Bauch wölbte. Die dezent gemusterte Krawatte war vortrefflich darauf abgestimmt.

»Haben wir heute Vormittag Termine?«, fragte Madsack.

Frauke tippte auf die Unterlagen auf ihrem Schreibtisch. »Ich würde gern die Ermittlungsakte besprechen. Außerdem müssen wir noch den Abschlussbericht erstellen. Und die beiden Beschuldigten verhören.«

»Wenn es Ihnen recht ist«, bot der Hauptkommissar an, »dann kümmere ich mich um den Bericht.«

Frauke nickte. »Danke.«

»Bis später«, verabschiedete sich Madsack und ging weiter in Richtung seines Büros.

Kurz darauf sah Frauke aus den Augenwinkeln, wie Jakob Putensenf an ihrem Zimmer vorbeiging. Der Kriminalhauptmeister vermied es aber, ihr einen guten Morgen zu wünschen.

Sie vertiefte sich wieder in die Akten, machte sich Notizen und notierte sich Fragen, die sie den beiden Inhaftierten stellen wollte, als Uschi Westerwelle-Schönbuch, die Schreibkraft des Leiters der Abteilung, ihren blonden Haarschopf zur Tür hereinsteckte.

»Guten Morgen, Frau Dobermann. Herr Ehlers bittet Sie in den Besprechungsraum.« Frau Westerwelle zog eine der sorgfältig gezupften Augenbrauen in die Höhe. »In fünf Minuten?«

Frauke nickte, nutzte die Zeit, um noch einmal die Waschräume aufzusuchen, und ging anschließend in den Raum am Ende des Ganges, der eine Renovierung dringend nötig gehabt hätte. Sie setzte sich neben Nathan Madsack, der auf einen zweiten Kaffeebecher wies, den er neben sich auf den Tisch gestellt hatte.

»Für Sie.«

Frauke bedankte sich. Kurz darauf erschien Putensenf, knurrte etwas Unverständliches in seinen Bart und nahm auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches Platz.

Frauke wunderte sich. So charmant und zugänglich sich der Kriminalhauptmeister am vergangenen Samstag auch gezeigt hatte, so verschlossen und brummig trat er im Dienst auf.

Kurz darauf betraten Kriminaloberrat Michael Ehlers und Frau Westerwelle den Raum, gefolgt von einem jüngeren Mann, der die Aufmerksamkeit aller auf sich zog.

»Guten Morgen, meine Damen. Die Herren.« Ehlers nickte allen freundlich zu. Dann zeigte er auf den Stuhl zu seiner Linken. »Bitte.« Sein Begleiter nahm Platz.

»Das waren turbulente Tage«, begann der Kriminaloberrat. »Ich hoffe, Sie haben die Aufregung gut überstanden. Das soll nicht bedeuten, dass wir mit dem Fall durch sind. Es gibt noch genug Arbeit. Nachdem wir zwei Mitarbeiter verloren haben«, dabei senkte Ehlers die Stimme, und alle Anwesenden dachten automatisch an den jungen Kollegen Lars von Wedell, der kaltblütig beim Einsatz auf dem Messegelände ermordet worden war, »müssen wir das Team wieder aufstocken.« Ehlers streckte seine Finger von sich. Dann fuhr er sich mit der rechten Hand durch den Haarkranz, der seine Glatze umrankte. Anschließend schob er seine randlose Brille auf der Nase ein Stück in die Höhe. »Sie wissen um die personelle Situation. In diesen Zeiten wird überall gespart. Davon bleiben auch wir nicht verschont. Deshalb werden die beiden ausgeschiedenen Kollegen …«

»Nur einer davon war ein Kollege. Der andere ein Schwein«, fiel ihm Jakob Putensenf ins Wort.

Der Kriminaloberrat strafte Putensenf mit einem Blick ab. »Deshalb werden die beiden Beamten durch einen neuen Kollegen ersetzt.« Ehlers sah zur Seite und nickte seinem Nachbarn zu. »Das ist Ihr neues Teammitglied. Kommissar Thomas Schwarczer.«

»Wie war der Name?«, fragte Putensenf.

»Schwarczer«, wiederholte der Kriminaloberrat, »aber anders geschrieben als Sie glauben. S-c-h-w-a-r-c-z-e-r.«

»Na ja, wer’s haben muss«, brummte Putensenf. »Was qualifiziert ihn denn für …«

Mit einer Handbewegung gebot ihm Ehlers zu schweigen. »Herr Schwarczer ist sechsundzwanzig Jahre jung.«

»Kinder an die Front«, sagte Putensenf dazwischen.

Frauke wurde es zu bunt. »Nirgendwo steht geschrieben, dass dieses Ermittlungsteam ein Seniorenclub ist.«

Putensenf zog verächtlich die Nase hoch. »Seitdem Sie dabei sind, ist der Altersdurchschnitt kräftig in die Höhe geschossen.«

Ehlers klopfte mit der Spitze seines Kugelschreibers auf die Tischplatte. »Sie vermitteln Herrn Schwarczer gleich den richtigen Eindruck von seinem neuen Team.«

»Wir haben uns alle lieb …«, grinste Putensenf.

Frauke betrachtete Thomas Schwarczer. Er hatte eine sportlich-muskulöse Figur. Sie schätzte ihn auf eine Größe zwischen einem Meter achtzig und einem Meter neunzig. Er trug eine Jeans, in der ein tailliert anliegendes T-Shirt steckte, unter dem sich jeder Muskel seines Sixpack-Bauches abzeichnete. Wenn er sich bewegte, spannte am Oberkörper das T-Shirt, und die Brustmuskeln spielten mit dem Stoff. Die Lederjacke hatte er lässig über die Schulter geworfen. Wenn man Schwarczer als markante Erscheinung bezeichnen wollte, lag das aber an seinem Kopf. Das bartlose längliche Gesicht war durch einen schmalen Mund und eine schmale Nase gekennzeichnet. Über den hohen Wangenknochen saßen zwei graugrüne Augen, die mit einem fast stechenden Blick jeden Einzelnen in der Runde musterten. Im linken Ohrläppchen baumelte ein goldener Ring. Am meisten beeindruckte aber der kahl geschorene Schädel.

Putensenf massierte demonstrativ mit Daumen und Zeigefinger sein Ohrläppchen, während sein Blick an Schwarczers Ohrring hängen blieb. »Dann ist Frau Dobermann ja nicht mehr das einzige weibliche Wesen in unserem Team.«

»Gibt es noch Fragen?« Ehlers sah alle Teammitglieder der Reihe nach an.

»Ich würde Sie gern unter vier Augen sprechen«, sagte Frauke.

»Gut.« Dann zeigte der Kriminaloberrat mit der Spitze seines Kugelschreibers auf Jakob Putensenf. »Und Sie möchte ich auch sprechen.«

Der Kriminalhauptmeister grinste verlegen. »Oh – oh«, sagte er leise.

Frauke erinnerte sich, wie schwer es ihr vor wenigen Tagen gemacht worden war, als sie neu in dieses Team gekommen war. Man hatte ihr deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nicht willkommen war. Jetzt verlangte ihre neue Rolle als Leiterin Einfühlungsvermögen. Trotzdem …! Sie musterte noch einmal Thomas Schwarczer, der ihrem Blick standhielt. Merkwürdig, dachte sie, der Kommissar hatte während der ganzen Vorstellungsprozedur kein einziges Wort gesagt, weder gegrüßt noch seinen Namen genannt.

Ehlers war aufgestanden. »Kommen Sie gleich mit«, forderte er Frauke auf. Im Hinausgehen sah er Nathan Madsack an. »Kümmern Sie sich in der Zwischenzeit um Herrn Schwarczer.«

Frauke folgte dem Kriminaloberrat in dessen Arbeitszimmer und nahm an seinem Schreibtisch Platz.

»Ihre Vorgehensweise überrascht mich«, ging sie sofort in die Offensive. »Ich hätte mir gewünscht, dass Sie mich zuvor gefragt hätten, wenn Sie mir neue Mitarbeiter zuweisen.«

Ehlers legte die Fingerspitzen zu einem Dach zusammen und lehnte sich zurück. »Ich kenne die Gebräuche an Ihrem ehemaligen Dienstsitz in Flensburg nicht. Bei uns bitte ich Sie, Entscheidungen der Vorgesetzten zu akzeptieren. Die Versetzung von Herrn Schwarczer zur Ermittlungsgruppe organisierte Kriminalität erfolgt unter zwei Aspekten. Zum einen verfügen wir nicht über ein unbegrenztes Reservoir an Kapazitäten, schon gar nicht an für diese Spezialaufgabe geeigneten Bewerbern. Zum anderen haben Sie mit Thomas Schwarczer sicher eine gute Ergänzung erhalten.«

Frauke unterdrückte ein zynisches Lachen. Nathan Madsack war stets korrekt und hilfsbereit. An Gutwilligkeit mangelte es dem Hauptkommissar sicher nicht. Aber wegen seiner Leibesfülle war der Aktionsradius des Beamten erheblich eingeschränkt. Madsack begann schon beim Gehen in der Ebene zu schnaufen, Treppensteigen war für ihn eine Belastung. Diesen Mitarbeiter konnte Frauke nicht als »beweglich« beurteilen. Jakob Putensenf mochte ein verdienter Polizist sein. Für diesen Bereich war er langsam zu alt. Abgesehen davon störten sein ewiges Quengeln und sein Machogehabe. Hätte man Frauke gefragt, hätte sie sich zur Verstärkung einen wendigen und erfahrenen Polizisten gewünscht, aber keinen, der vom äußeren Erscheinungsbild höchstens als Türsteher in einer zweitklassigen Disco taugen würde.

»Welche – angeblichen – Qualitäten zeichnen Herrn Schwarczer aus?«, fragte Frauke.

»Hier.« Der Kriminaloberrat holte einen Aktendeckel aus seiner Schublade und reichte ihn Frauke. »Ich hätte die Personalie mit Ihnen besprochen«, fügte Ehlers in versöhnlicher Tonlage an. »Aber wann? Sie sind seit Samstag mit der Leitung betraut. Da war es eine logistische Meisterleistung, dass ich Ihnen bereits heute einen neuen Mitarbeiter abstellen kann.«

»Woher haben Sie ihn so schnell aus dem Hut gezaubert?« Obwohl sie sich bemühte, konnte sie die Skepsis in ihrer Stimme nicht unterdrücken.

»Kommissar Schwarczer war bis vorhin beim SEK. Es hat mich einiges gekostet, die Versetzung so zügig zu arrangieren. Wie schwierig manchmal die Entscheidungswege in einer großen Administration sind, haben Sie am eigenen Leib erfahren müssen.« Ehlers spielte darauf an, dass Frauke nach ihrer Ankunft in Hannover lange auf einen eigenen Arbeitsplatz, auf Dienstausweis und Dienstwaffe hatte warten müssen. »Werfen Sie einen Blick in die Personalakte.«

»Schön«, sagte Frauke und wollte aufstehen, doch Ehlers hielt sie zurück.

»Lesen Sie die Unterlagen bitte hier.«

»Vertrauen Sie mir nicht?«

Statt einer Antwort lächelte der Kriminaloberrat sie an und zeigte mit ausgestreckter Hand auf den Stuhl, auf dem sie saß.

Hier in Hannover war offenbar alles anders, dachte Frauke. Im heimischen Flensburg ging man nicht so miteinander um. Das half aber nichts. Sie musste sich den Gegebenheiten fügen, nahm die Akte zur Hand und überflog den Inhalt.

Thomas Schwarczer war in Hannover geboren. Er war sechsundzwanzig Jahre jung. Nach dem Abitur hatte er sich bei der Polizei beworben. Frauke warf einen kurzen Blick auf die Noten. In Sport hatte Schwarczer eine Eins, die naturwissenschaftlichen Fächer schienen ihm allerdings weniger gelegen zu haben. Für seinen späteren Beruf war es sicher auch unerheblich, dass es ihm in den musischen Fächern zur Gänze an Begabung gemangelt hatte.

Nach seiner Ausbildung an der Polizeiakademie in Hannoversch Münden und einem Jahr bei der Landesbereitschaftspolizei war Schwarczer für zwölf Monate im Wach- und Wechseldienst beim Polizeikommissariat Seelze eingesetzt gewesen, bevor er zur Kriminalpolizei wechselte und hier in das Dezernat 27 des Landeskriminalamts, das Spezialeinsatzkommando – SEK –, übernommen wurde. Schwarczer schien seinen Beruf mit Begeisterung und Sorgfalt auszuüben. Er hatte durchweg positive bis gute Beurteilungen. Fraukes Finger blieb beim Durchblättern an den Bestätigungen über erfolgreiche Kursteilnahmen und Fortbildungen haften. Immerhin schien der Kommissar ein besonderes Talent beim Schießen zu haben, eine Gabe, die Frauke nicht als oberstes Kriterium bei Polizeibeamten schätzte. Daneben hatte er eine Reihe von Spezialausbildungen besucht, die typisch für die Verwendung in Spezialeinheiten wie dem SEK waren.

»Interessanter Werdegang«, warf Ehlers ein, der Frauke über den Rand seiner Brille beobachtet hatte.

»Mir fehlen Erfahrungen im Alltagsgeschäft«, sagte Frauke. »Unsere Aufgabe ist das Ermitteln, das Erkennen von Zusammenhängen, das Spüren, das Bauchgefühl, aber auch die zwingende Logik hinter den Verbrechen. All das fehlt.«

»Dafür steht Ihre Erfahrung und die der beiden anderen Kollegen«, erwiderte der Kriminaloberrat.

Frauke wollte etwas entgegnen, verzichtete aber darauf. Die Entscheidung war ohne ihr Zutun gefallen. Sie hatte sich damit abzufinden und blätterte stattdessen noch einmal in der Akte zurück. Schwarczer hatte dort neben den Namen seiner Eltern auch deren Geburtsorte angeben. Sein Vater, Schweißer von Beruf, war in Akmolinsk geboren, die Mutter stammte aus Almaty, das früher unter dem Namen Alma-Ata Hauptstadt Kasachstans war.

»Akmolinsk heißt heute Astana und ist die neue Hauptstadt Kasachstans«, erklärte Ehlers. Ein Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. »Man sagt, dass es nach Ulan-Bator die zweitkälteste Hauptstadt der Welt sei.«

»Wie kommen die Eltern nach Deutschland?«

»In Kasachstan leben heute noch etwa dreihunderttausend Deutsche, überwiegend ehemalige Russlanddeutsche, die nach 1920 in die kasachische Steppe umgesiedelt wurden. Manche machen wegen der unwirtlichen Lebensverhältnisse von ihrem Recht Gebrauch und kehren nach Deutschland zurück. Aber Herr Schwarczer ist hier geboren.«

Ein Migrant der zweiten Generation, dachte Frauke. Vieles am neuen Teammitglied schien ihr suspekt. Sie musste an den ermordeten Lars von Wedell denken, der sich mit so immenser Begeisterung den neuen Aufgaben im Dezernat für organisierte Kriminalität widmen wollte.

Ehlers sah demonstrativ auf seine Armbanduhr und streckte die Hand aus. »Falls Sie noch Fragen haben, können Sie mich jederzeit ansprechen. Würden Sie mir jetzt bitte Herrn Putensenf hereinschicken?«

Frauke stand auf, nickte dem Kriminaloberrat zu und kehrte in ihr Büro zurück. Unterwegs sah sie in das Zimmer des Kriminalhauptmeisters.

»Putensenf«, sagte sie betont. »Herr Ehlers erwartet Sie.«

»Herr Putensenf heißt das«, knurrte der Senior. Seine Angriffslust schien aber in Erwartung des Gesprächs beim Vorgesetzten merklich gelitten zu haben.

Frauke nahm erneut das Studium der Akten auf, bis sie von Madsack unterbrochen wurde, der Schwarczer im Gefolge hatte.

»Wenn es Ihnen recht ist, kümmere ich mich um das Administrative«, sagte der schwergewichtige Hauptkommissar.

Frauke nickte, während der Neue schweigend neben Madsack stand. Frauke betrachtete ihn noch einmal und versuchte in seinen Gesichtszügen zu lesen. Wenn man die Vita des Mannes kannte, konnte man mit ein wenig Phantasie Ansätze mongolischer Züge erkennen.

* * *

Die Kunststoffleuchte über dem Spiegel hatte auf der Oberseite braune Flecken, die von der jahrelangen Wärmeabstrahlung der Glühbirnen herrührten. Die dunkelblauen Badezimmerfliesen entstammten einer Zeit, in der dieses Dekor als chic galt. Sie mussten in den sechziger Jahren angebracht worden sein.

Kurt Buggenthin blinzelte in den Spiegel mit den blinden Stellen am Rand, bleckte die Zähne, nickte sich zufrieden zu und füllte Brillantine in die Handflächen, bevor er sich die Haare an den Kopf strich. »Mist«, fluchte er, als er sah, dass seine brennende Zigarette einen Brandfleck auf dem Kunststoffregal verursachte, einen weiteren zu den zahlreichen Vorgängern.

Buggenthin nahm die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger, sog zweimal hastig daran und warf die Kippe in die Toilette, deren Deckel offen stand.

Seine Hand kreiste über die Sammlung von Töpfchen und Tiegeln auf dem Regal, blieb über einer Spraydose mit Deodorant stehen, nahm das Gefäß auf und sprühte jeweils einen kräftigen Stoß in die Achselhöhlen. Mit der flachen Hand fuhr er sich über die Haare und wischte die fettige Hand auf seiner Hüfte mit dem leichten Fettansatz ab, bevor er das Bad verließ und sich ins Schlafzimmer zum Ankleiden begab. Achtlos warf er die Unterhose auf einen Stapel schmutziger Wäsche in der Zimmerecke, zog aus einem Stapel zusammengelegter Hosen eine neue heraus, betrachtete sie kritisch und entschied sich für eine andere mit einem springenden Tiger neben dem Hosenschlitz. Zwischen Unterhemd und Leinenhemd zündete er sich eine neue Zigarette an, nahm die Hose mit dem breiten Schlag und den zahlreichen aufgenähten Taschen und zog die Camel-Boots über. Nachdem er sich die Lederjacke übergeworfen hatte, verstaute er Portemonnaie, Feuerzeug, Zigaretten und Brieftasche in den Tiefen der Jacke, ließ den Schlüsselring um den Zeigefinger kreisen und griff sich mit einem zufriedenen Grinsen die zweifarbige Tablettenschachtel. Er ließ sie in der Seitentasche seiner Lederjacke verschwinden. Dann trank er in hastigen Schlucken den großen Becher schwarzen Kaffee aus. Sein Arzt hatte ihm empfohlen, ein wenig auf den Blutdruck zu achten und Genussmittel maßvoll einzusetzen. Wenn man danach ginge, dachte Buggenthin, wäre vieles verboten, was das Leben bereichert und Spaß macht. Mit einem letzten Blick in den Garderobenspiegel verließ er seine Wohnung in der Georg-Böhm-Straße, setzte sich in seinen elf Jahre alten Opel Astra und reihte sich auf der Bleckeder Landstraße in den fließenden Verkehr ein. Der Weg führte bergab Richtung Innenstadt. Er unterquerte die beiden Eisenbahnbrücken am Bahnhof und fand sich kurz darauf in der Schlange der Linksabbieger wieder, die in die Schießgrabenstraße einbiegen wollten.

Mit der rechten Hand suchte er einen Sender, der dröhnende Popmusik für junge Leute ausstrahlte. Da fühlte er sich zugehörig. Das war entscheidend, nicht die dreiundfünfzig Jahre, die in seinem Ausweis standen.

Buggenthin hatte kein schlechtes Gewissen, weil er sich am frühen Morgen bei seinem Arbeitgeber krankgemeldet hatte. Man würde einen Tag auf seine Anwesenheit im Lager des Versandzentrums verzichten können. Aber er konnte, nein, er wollte nicht verzichten und fuhr sich mit der linken Hand über seinen Schritt. Da konnte man stolz drauf sein. Nicht jeder Geschlechtsgenosse war, seiner Meinung nach, so attraktiv von der Natur beschenkt worden wie er. Das würde auch Elke anerkennen. Im Stillen freute er sich auf das verblüffte Gesicht der pummeligen Bäckereiverkäuferin mit den frischen Wangen und den Sommersprossen.

An der roten Ampel schloss er für einen kurzen Moment die Augen und stellte sich Elkes üppige Oberweite vor, die er bisher nur hinter der Bluse und der Schürze hatte wahrnehmen dürfen, die die Angestellten der Kette trugen. Natürlich glaubte er gesehen zu haben, wie sich unter der Berufskleidung die aufragenden Brustwarzen abzeichneten, wenn er den Laden betrat. Elke war scharf auf ihn. Ob sie wusste, dass er fünfzehn Jahre älter war? Sie wirkte schüchtern und hatte ihm keine Fragen gestellt, sodass er von sich aus sein Alter nicht preisgeben musste. Er war stolz, dass er noch so gut in Form war, dass Elke ihm offenbar die zehn Jahre nicht anmerkte, die er dabei unterschlagen hatte. Kurt Buggenthin war immer schon ein Frauentyp gewesen. Und wenn es doch nicht so viele gewesen waren, wie er in seinen Berichten vorgab, so lag es nur an der mangelnden Freizeit, sagte er sich. Aber heute hatte er sich die Stunden freigenommen, nachdem ihn Elke, die heute ihren freien Tag hatte, endlich zu sich zum Frühstück eingeladen hatte.

Ihm ging es viel zu langsam voran. Endlos schien die Schlange zu sein, die sich die Willy-Brandt-Straße entlangquälte, an der abseits des Zentrums gelegenen Post vorbei, am Kreisel beim Spaßbad SaLü, der Salztherme Lüneburg, in die Soltauer Straße abbog und bedächtig durch die ruhigere Vorstadt kroch. Hinter der Häuserfront zur Linken verbarg sich der Lüneburger Kurpark.

Kurz darauf hatte Buggenthin sein Ziel erreicht. Den Hasenburger Berg hatte Elke ihm als Anschrift genannt. Die Dreißigerzone und das Einbahnstraßenschild bekundeten die Ruhe der Wohnstraße mit dem leichten Linksbogen. Die älteren uniformen Rotklinkerhäuser im einheitlichen Stil erinnerten Buggenthin an Wohnanlagen, wie sie früher oft von Baugenossenschaften errichtet wurden. Doch Schlichtheit schloss Behaglichkeit nicht unbedingt aus.

Langsam rollte er an den Häusern vorbei, bis er die gesuchte Hausnummer fand und seinen Opel Astra auf dem Parkstreifen abstellte. Er ließ seinen Blick an der Fassade entlanggleiten. Die Fenster waren mit sauberen Gardinen versehen, hinter vielen schmückten Blumentöpfe die Fensterbänke.

Unweit ihrer Wohnung hatte Buggenthin die Frau kennengelernt, in der Bäckereifiliale an der Soltauer Straße Ecke Heidkamp.

Buggenthin öffnete die schlichte Holztür mit den kleinformatigen Glasscheiben und erklomm die Treppe.

»Hallo, Elkeschatz«, stieß Kurt Buggenthin kurzatmig hervor, als er die zweite Etage, das Dachgeschoss, erreichte, wo Elke im Türspalt auf ihn wartete.

»Guten Morgen«, erwiderte die Frau schüchtern.

»Ich bin die Treppe hinaufgerannt«, hechelte Buggenthin und hoffte, dass Elke nicht mitbekommen hatte, dass es um seine Kondition nicht zum Besten bestellt war. »Sie müssen etwas gegen den Bluthochdruck unternehmen«, hatte sein Arzt ihn mehrfach zu einer vernünftigeren Lebensweise aufgefordert. »Trinken Sie weniger und hören Sie mit dem Rauchen auf. Sonst kann es Sie eines Tages schlimm erwischen.« Buggenthin hoffte, dass Elke über seinen knallroten Kopf hinwegsah.

Er blieb vor der Frau stehen, beugte sich zu ihr hinab und versuchte, ihr einen Kuss auf den Mund zu geben. Ich mag Frauen, die sich erobern lassen wollen, dachte er bei sich, als Elke den Kopf wegdrehte und seine Lippen kurz vor dem Ohr auf die Wange trafen.

»Schön, dass Sie da sind«, sagte Elke mit leiser Stimme.

»Sie?«, fragte Buggenthin und folgte ihr in die kleine Küche, aus der es herrlich nach frisch aufgebrühtem Kaffee und knusprigen Brötchen duftete. »Ich bin doch der Kurt, mein Zuckerpüppchen.« Wie zufällig strich seine Hand dabei über den wohlproportionierten Po der Frau. Sexy, der Hintern, dachte Buggenthin. Und wenn erst einmal die Hülle gefallen war …

Elke hatte sich mit dem Frühstückstisch viel Mühe gegeben. »Hahn und Henne« hieß die Geschirrserie, die sie eingedeckt hatte. Akkurat gefaltete Papierservietten lagen auf den Tellern, über die Eierbecher waren selbst gestrickte Wärmer gestülpt. Honig, Marmelade, ein Teller mit Aufschnitt und das große Glas mit dem brennenden Teelicht … All das war mit Liebe hergerichtet.

»Wollen Sie … äh du hier sitzen?«, fragte Elke schüchtern und wies auf den Stuhl am Fenster.

»Ha! Ich möchte auf dir hocken.«

Elke drehte sich rasch um, nahm die Glaskanne von der Kaffeemaschine, hielt sie vor ihrem Bauch und sagte: »Vorsicht. Heiß.«

Es hatte plötzlich nicht mehr den Anschein, als wäre sie glücklich über die Einladung zum Frühstück.

»Mir knurrt der Magen. Ich habe noch nichts gegessen«, ergänzte sie.

Buggenthin ließ sich ächzend auf den Holzstuhl fallen. »Man kann auch von Luft und Liebe leben«, sagte er vieldeutig. Dann strich er sich über seinen Bauch. »Das hält schlank.« Es folgte ein verunglücktes Augenzwinkern. Er zeichnete mit beiden Händen die Konturen einer Frau in die Luft. »Ich mag keine Hungerhaken. An einer Frau muss was dran sein. Man will ja was in Händen halten.« Dabei deutete er die Wölbung einer weiblichen Brust an.

Elke hatte Kaffee eingeschenkt und sah sich um. »Fehlt noch etwas?«, fragte sie mehr zu sich selbst.

Buggenthin lüpfte den gestrickten Eierwärmer und klopfte mit dem Teelöffel auf das Ei.

»Nee. Du hast an alles gedacht. Fehlt nur noch der Selleriesalat.«

Er ließ seiner Feststellung ein dröhnendes Lachen folgen. Auf Ei und Sellerie kann ich verzichten, dachte er, griff in die Tasche seiner Lederjacke, öffnete die Medikamentenschachtel und drückte aus der Blisterpackung eine der rautenförmigen Tabletten heraus. Vorsichtig ließ er die blaue Pille im Mund verschwinden und spülte sie mit einem Schluck Kaffee hinunter.

Das habe ich gar nicht nötig, dachte er. Elke wirkte nicht so, als wäre sie von Männern verwöhnt worden. Mit ihm hatte sie eine außergewöhnlich gute Wahl getroffen. Davon würde sie noch lange schwärmen und mit Sicherheit um weitere Treffen bitten. Oder sogar betteln? Ein Grinsen zog über Buggenthins Antlitz. Der Nachtisch, dabei ließ er seinen Blick über den Tisch gleiten, der würde alles in den Schatten stellen. Das Dessert war Kurt Buggenthin. Rasch griff er zur Aufschnittplatte, nahm mit bloßen Fingern zwei Scheiben Schinken und stopfte sie sich in den Mund.

»Nicht schlecht«, sagte er während des Kauens. »So lasse ich mir das Vorspiel gefallen.«

Elke griff zur Kaffeetasse, hob sie an und deutete ein »Prost« an. Dann nippte sie am Trinkgefäß.

Buggenthin trank in großen, hastigen Schlucken. Als er die Tasse absetzte, spürte er ein Rauschen im Ohr. Er spürte eine Wärme über seine Wangen streichen. Langsam kommt das Blut in Wallung, freute er sich. Donnerwetter. Die Pille wirkte aber rasch. Sie mussten sich mit dem läppischen Frühstück beeilen. Gleichzeitig durchfuhr ihn ein Schreck. War er wirklich rot geworden? Er hatte den Eindruck, dass seine Wangen glühten.

Unter der Tischkante strich seine Hand über seinen Schoß. Noch war nichts zu spüren. Aber der Kreislauf begann sich zu regen. Vielleicht war es nicht gut, so viel starken Kaffee zu trinken. Oder war es die Aufregung? Du bist ein erfahrener Mann, versuchte er sich selbst zu beruhigen, und kein Teenager vor dem ersten Rendezvous. Die kleine Bäckereiverkäuferin ist etwas zum Vernaschen. Hopp. Einmal drüber weg. Wenn es geklappt hat, warum solltest du dir diese Annehmlichkeit nicht auch ein weiteres Mal leisten. Mal sehen, wie sie ist.

Kurt Buggenthin musterte Elke, die ihm gegenübersaß und einen fast ängstlichen Eindruck machte. Gibt die sich nur schüchtern? Oder will sie dich aus der Reserve locken und erobert werden, dachte Buggenthin.

»Du wirst überrascht sein«, entfuhr es ihm, und er erschrak über sich selbst, dass seine Gedanken sich zu einer Aussage formuliert hatten, ohne dass er es gewollt hatte. Ihm wurde siedend heiß. Er zerrte am Kragen seines Leinenhemds. »Warm hast du es hier. Bist du auch so heiß? Äh … Ich meine, ist dir auch so heiß?«

»Soll ich das Fenster öffnen?«, fragte Elke schüchtern und wollte aufstehen.

»Lass mal«, antwortete Buggenthin und fasste sich verstohlen ans Herz, das heftig schlug. Nicht jetzt, schoss es ihm durch den Kopf. Du kannst das Herzrasen nicht gebrauchen. Was soll Elke denken? Du machst schon vorher schlapp. Dabei spürst du jetzt die Wirkung der kleinen blauen Pille in deiner Hose. Verdammt. Du bist aus einem einzigen Grund hierhergekommen. Und nun rast deine Pumpe. Was geschieht mit deinem besten Freund, wenn du es nicht zu Ende führst? Elke wird möglicherweise auch verstimmt sein. »Der kann nicht«, wird sie ihrer besten Freundin anvertrauen, dabei hast du extra die blaue Pille geschluckt.

Buggenthin spürte Ärger in sich aufkeimen. Dadurch wurde sein Blutdruck weiter beschleunigt. Sein Herz hämmerte von innen gegen die Rippen. Die Frau musste es auch bemerkt haben. Sie hatte sich auf dem Küchenstuhl zusammengekauert und die Hände schützend vor ihre Brust gelegt.

Warum musste die Frau auch die Heizung so weit aufdrehen?, durchfuhr es Buggenthin. Mit dem Frühstück hatte sie auf ihre Weise ein »Vorspiel« bereitet. Da war er sich sicher. Sie wartete nur darauf, von ihm befriedigt zu werden. Und jetzt klopfte sein Herz, sein Puls raste. »Stress ist nicht gut für Ihre Angina pectoris«, hatte Dr. Hetzel gesagt.

»So ein Blödsinn. Angina. Das ist doch eine Art Erkältung. Dicker Hals und so. Mir bleibt die Luft weg. Hier. Auf der Brust.«

»Angina pectoris nennt der Laie auch Herzenge«, hatte sein Hausarzt erklärt und ihm ein Nitrolingual-Spray verschrieben. »Das ist eine Durchblutungsstörung des Herzens, meistens verursacht durch eine Stenose, also eine Verengung der Herzkranzgefäße.«

Das kann nicht sein, dachte Buggenthin. Die blaue Wunderpille sollte doch eine bessere Blutversorgung bewirken.

Der Schmerz in der Brust wurde immer heftiger.

»Luft«, japste Buggenthin und versuchte die kleine Spraydose zu fassen zu bekommen, die er in der Innentasche seiner Lederjacke mit sich führte. Nun war ihm alles egal. Elke interessierte ihn im Augenblick nicht, wenn nicht gleichzeitig die Befürchtung in ihm keimen würde, dass er sich unsterblich bei den Frauen in seinem Stadtviertel blamieren würde. Was wäre, wenn die kleine Schlampe überall herumposaunen würde, dass Kurt Buggenthin ein Maulheld war und kurz vor dem Bett schlappmachte? Der Gedanke daran regte ihn noch mehr auf. Verdammt. Das Herz schmerzte. So heftig hatte er die Anfälle selten erlebt. Endlich bekam er die kleine Spraydose zu fassen, führte sie an die Lippen und betätigte den Druckknopf. Mit einem Zischen entwich das Medikament. Gierig inhalierte Buggenthin das Spray. Er wusste, dass die Wirkung schnell eintrat.

Wie durch einen Schleier sah er Elke auf der anderen Seite des Küchentischs sitzen. Bewegungslos. Mit geöffnetem Mund starrte sie ihn an.

»Ich bin erkältet«, versuchte Buggenthin zu stammeln. »Geht gleich wieder. Vergiss das hier. Du wirst sehen … So etwas hast du noch nie erlebt.«

Er spürte, wie der Druck in seiner Brust nachließ. Dafür drückte die Erektion kräftig gegen das Innenfutter seiner Hose. Die Lust flammte in ihm auf. Wenn dieses verdammte Herz nicht so heftig rasen würde, dann hätte er Elke jetzt an die Hand genommen und wäre mit ihr ins Schlafzimmer gestürmt. Ihr gespieltes Zieren reizte ihn umso mehr.

Gott sei Dank, dachte er. Die Hitze weicht aus deinem Gesicht. Jetzt normalisiert sich alles. Auch die Wärme in der Haut ließ nach. Buggenthin atmete tief durch.

»Bist du fertig mit dem Frühstück?«, fragte er.

Die junge Frau nickte. »Hat es Ihnen geschmeckt? Möchten Sie noch einen Kaffee?«

Er winkte ab. »Danke. Die Aufregung soll ja nicht durch Koffein kommen.«

»Ich finde es schön, dass Sie zum Frühstück gekommen sind und wir ein bisschen klönen können.«

»Klönen?« Buggenthin lachte. »Eine nette Umschreibung.«

Dann schüttelte er sich. Ein leichter Kälteschauer kroch ihm den Rücken herauf, breitete sich über die Schultern aus und wanderte die Arme bis zu den Fingerspitzen hinab. Instinktiv sah er auf seine Hände. Sie waren schneeweiß. Jetzt spürte er die Kälte auch im Gesicht. Vorsichtig bewegte er den Kopf, versuchte ihn zu schütteln, um das taube Gefühl im Nacken loszuwerden. In seinem Kopf schien sich ein Druck zu entwickeln, gleichzeitig entstand eine Leere, obwohl beides im Widerspruch zueinander stand. Buggenthin spürte, wie sein Herz stolperte, so als würde es schlagen, ohne Blut zu pumpen. Ihm war plötzlich kalt. Er fror. Seine Zähne schlugen aufeinander. Er zitterte am ganzen Körper.

»Ich friere fürchterlich«, stieß er hervor.

»Ja, aber eben haben Sie noch gesagt, es wäre so warm«, stammelte Elke verwirrt. »Ist Ihnen nicht gut? Sie sind ganz blass geworden.«

»Es ist gleich vorüber«, sagte Buggenthin mit schwacher Stimme. Er kämpfte verzweifelt gegen die Schwärze an, die sich vor seinen Augen ausbreitete. Er spürte, wie er das Gleichgewicht verlor, und versuchte im Unterbewusstsein, sich an der Tischkante festzuklammern.

Elke war aufgesprungen.

»Herr Buggenthin!«, rief sie mit erstickender Stimme. »Was ist mit Ihnen? Ist Ihnen nicht gut? Hallo!«

Sie schaffte es, Kurt Buggenthin aufzufangen und gegen ihren Bauch zu lehnen. Erschrocken wich sie ein paar Zentimeter zurück, als sein Kopf gegen ihre Brüste sackte. Ratlos hielt sie ihn umklammert.

»Was soll ich machen? Hallo, Herr Buggenthin«, wiederholte sie. Hilflos sah sie sich in ihrer kleinen Küche um, als könne sie von irgendwoher Hilfe erwarten.

Der Mann rührte sich nicht.

»Kommen Sie wieder zu sich. Nun sagen Sie doch was!« Sie hatte lauter gesprochen. Doch Buggenthin rührte sich nicht. »Mensch. Ich kann doch nicht ewig hier stehen.« Eine Spur Zorn schwang in ihrer Stimme mit.

Sie rüttelte an seinen Schultern, aber Buggenthin reagierte nicht. Dann versuchte sie, den Mann auf den Stuhl zurückzudrücken. Es gelang nicht. Der Körper sackte in sich zusammen und begann, vom Stuhl zu rutschen. Soweit es ihr möglich war, fing sie Buggenthin auf und ließ ihn auf die Fliesen gleiten. Dann sah sie auf den reglos daliegenden Mann.

»Herr Buggenthin?«, rief sie ihn.

Erschrocken hielt sie die Hände vors Gesicht. »Was mach ich bloß?« Für einen Moment war sie starr vor Schreck. Dann gab sie sich einen Ruck und wählte mit zittrigen Fingern die Eins-eins-zwei.

* * *

Frauke hatte sich noch einmal die Protokolle zu den Morden an Lars von Wedell, Marcello Manfredi und Manuela Tuchtenhagen vorgenommen. Die mutmaßlichen Mörder waren verhaftet worden. Nun galt es, die Protokolle zu vervollständigen, die Indizien und Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchungen zu ordnen und die Befunde der Rechtsmedizin einzubringen. Mit der Verhaftung des Täters, des »mutmaßlichen«, wie man bis zur Feststellung der Schuld durch das Gericht zu sagen hatte, war der Fall noch nicht abgeschlossen. Bis die Ermittlungsakte der Staatsanwaltschaft übergeben werden konnte, damit diese die Anklage erheben konnte, gab es noch viel Arbeit.

Simone Bassetti, dem vorgeworfen wurde, den Italiener Manfredi und dessen Sekretärin Manuela Tuchtenhagen ermordet zu haben, hatte die Taten nach Rücksprache mit seinem Anwalt eingeräumt. Dottore Alberto Carretta erwies sich dabei als ebenso gewiefter wie kluger Rechtsvertreter. Der unscheinbare alte Mann kannte sich nicht nur hervorragend im deutschen Strafrecht aus und nutzte alle vermeintlichen Lücken für sich und seinen Mandanten, er trat in den Verhören auch wie ein lauerndes Raubtier auf, das geduldig auf der Pirsch war und beim kleinsten Fehler seines Gegners aufsprang und erbarmungslos zuschlug. Die Begegnungen mit ihm erforderten von Frauke ein Höchstmaß an Konzentration.

Der kleine Mann wirkte höflich und bescheiden, fast ein wenig zerstreut. Man war geneigt, ihn zu unterschätzen. Plötzlich verbiss er sich aber in ein Detail, verhakte sich in einer Winzigkeit und versuchte, die Polizei in Widersprüche zu verstricken.

Frauke sah in Carretta nicht den böswilligen Gegner, sondern einen Anwalt, der versuchte, alles für seinen Mandanten herauszuholen. Deshalb war sie auch überrascht gewesen, als Bassetti nach Rücksprache mit seinem Anwalt die Taten eingeräumt hatte.

»Das macht keinen Sinn«, hatte sie Nathan Madsack gesagt, dem Einzigen, mit dem sie ihre Gedanken und Zweifel austauschen konnte. Putensenf war aus ihrer Sicht kein Gesprächspartner. Das lag nicht daran, dass der Kriminalhauptmeister kein tüchtiger Polizist war. Aufgrund seiner ewigen Nörgelei, der Stichelei gegen sie, weil sie eine Frau war, und seiner abfälligen Kommentare gegenüber allem und jedem konnte sie Putensenf nicht einschätzen. Und deshalb vertraute sie ihm nicht.

Außerdem hatte der Kriminalhauptmeister auf das falsche Pferd gesetzt, als Frauke neu zu diesem Team gestoßen war. Er hatte sich eifrig am Mobbing gegen Frauke beteiligt und ihren Vorgänger, Hauptkommissar Bernd Richter, unterstützt. Natürlich hatte Putensenf nicht wissen können, dass Richter bestochen worden war und ihren gemeinsamen Kollegen, Kommissar Lars von Wedell, kaltblütig während eines Einsatzes auf dem Gelände der Hannover Messe erschossen hatte.

Jetzt saß Richter in Untersuchungshaft und schwieg beharrlich. Bisher hatte er sich weder zur Tat noch zum Motiv, schon gar nicht zu den Auftraggebern geäußert. Und die liefen immer noch frei herum.

»Was macht keinen Sinn?«, hatte Madsack gefragt.

»Dass Bassetti die Taten einräumt. Er weiß, dass er dafür bestraft wird. Dass es sich um Mord und nicht um Totschlag handelt, dürfte ihm auch Dottore Carretta verständlich gemacht haben. Das Strafmaß dafür ist ›lebenslänglich‹. Selbst bei guter Führung könnte Bassetti frühestens nach fünfzehn Jahren entlassen werden. Und wenn das Gericht die besondere Schwere der Schuld feststellt, dann ist ihm selbst diese Chance verwehrt. Warum nimmt der junge Mann die Schuld freiwillig auf sich?«

»Ich könnte es mir vorstellen«, hatte Madsack geantwortet.

»Ich auch. Mit seinem Schuldanerkenntnis hoffen die Hintermänner, dass wir von der Suche nach ihnen Abstand nehmen. Sind die wirklich so naiv?«

»Nach seinem anfänglichen harten Leugnen trat bei Bassetti der Gesinnungswandel ein, nachdem er mit seinem Anwalt gesprochen hatte.«

»Was mag ihm Dottore Carretta zugeflüstert haben?«, hatte Frauke überlegt. Zu einem Ergebnis waren sie und Madsack nicht gekommen.

Es hatte keinen Sinn, Bassetti erneut zu vernehmen, wenn sie ihn nicht mit weiteren Beweisen konfrontieren konnten, überlegte Frauke. Deshalb wollte sie Bernd Richter verhören, der den Mord an von Wedell hartnäckig bestritt. Sie rief in der Bereitschaft an und ließ den ehemaligen Hauptkommissar in den Verhörraum bringen. Dann suchte sie Madsacks Büro auf. Der Neue saß dem schwergewichtigen Hauptkommissar gegenüber und hörte aufmerksam zu, während Madsack einen kurzen Überblick über den aktuellen Fall, das Team und dessen Arbeitsweise gab.

»Schwarczer«, sagte Frauke betont knapp. »Ich will, dass Sie mich zu einem Verhör begleiten.«

Ohne ein Wort zu sagen, stand der neue Mitarbeiter auf, blieb zwei Schritte vor Frauke stehen und sah ihr in die Augen. Er hielt ihrem Blick stand, bis Frauke sich abwandte.

»Gehen wir.«

Sie wechselten kein Wort, bis sie den Verhörraum erreicht hatten.

Bernd Richter sah auf, als die beiden Beamten eintraten. Er saß am Tisch, hatte die Hände gefaltet und auf die Platte gelegt. Seine Augen lagen tief in den Höhlen. Schwarze Schatten umspielten sie. Die Haare wirkten ungewaschen, das Gesicht grau. Um die Mundwinkel zuckte es nervös.

Frauke schaltete das Aufnahmegerät ein, nannte Datum und Uhrzeit, erwähnte die Anwesenden und begann zu fragen. »Herr Richter. Ihnen wird zur Last gelegt, den Polizeibeamten Lars von Wedell bei einem Einsatz, den Sie geleitet haben, auf dem Gelände der Hannover Messe heimtückisch von hinten erschossen zu haben. Trifft das zu?«

»Blödsinn«, quetschte Richter zwischen den Zähnen hervor. Er öffnete dabei kaum die Lippen.

»Warum haben Sie von Wedell ermordet?«

»So ein Quatsch. Wie kommen Sie dazu, solche Behauptungen aufzustellen?«

»Wir haben Ihnen die Gründe, auf denen unser Verdacht beruht, ausführlich dargelegt. Außerdem haben Sie es selbst zugegeben.«

»Das ist nicht wahr. Ihre ganze Argumentation beruht einzig darauf, dass Sie auf meinen Job scharf waren. Jetzt haben Sie es erreicht. Aber mit welcher Niedertracht. Dass Sie sogar einen Kollegen falscher Verdächtigungen unterziehen … So viel Fiesheit hätte ich nicht erwartet.«

Frauke reagierte nicht auf die Anfeindungen. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass Schwarczer ebenfalls ohne jede Regung neben ihr saß und die Augen leicht zusammengekniffen hatte.

»Wer ist das?«, fragte Richter und zeigte mit den gefalteten Händen auf den Kommissar.

»Herr Schwarczer. Er ist neu im Ermittlungsteam organisierte Kriminalität.«

Richter beugte sich in Richtung des Kommissars.

»Hat man Sie gewarnt? Die Frau ist unberechenbar. Nicht nur karriere-, sondern auch sonst geil.«

»Herr Richter! Mäßigen Sie sich in Ihrem Ton!«, fuhr Frauke dazwischen.

Doch der ehemalige Hauptkommissar ließ sich nicht beruhigen. Seine Stimme vibrierte. »Die geht über Leichen. Wer sagt denn, dass Sie nicht selbst zur Waffe gegriffen haben, um mich auf diese Weise loszuwerden?«

Frauke ging nicht auf die Provokation ein. Sie verzichtete auf jede Verteidigungsrede. Richter selbst hatte als Teamleiter dafür gesorgt, dass Frauke weder einen Arbeitsplatz noch einen Dienstausweis, geschweige denn eine Waffe erhalten hatte. Er hatte geblockt und sie gemobbt.

»Nennen Sie uns Ihre Auftraggeber und das Motiv. Weshalb musste Lars von Wedell sterben?«

Für einen kurzen Moment schweiften Fraukes Gedanken ab. Vor ihrem inneren Auge tauchte der fröhliche, unbekümmerte junge Polizist auf. Er hatte sie nach Dienstschluss bis zum Kröpcke verfolgt. Dort hatte er ihr gestanden, wie aufgeregt er vor seinem ersten großen Fall war. Er hatte ihr geschmeichelt und seine Bewunderung ihrer Erfahrung und ihres Wissens kundgetan.

»Mensch! Wie oft soll ich das noch sagen. Es gibt kein Motiv und keine geheimnisvollen Hintermänner. Ich habe niemanden erschossen. Das ist doch hirnrissig.«

Schwarczer saß unbeweglich neben Frauke. Er hatte seine Hände auf die Oberschenkel gelegt und musterte ihr Gegenüber.

»Ich muss Ihnen nicht erklären, dass ein Geständnis einen positiven Eindruck auf das Gericht machen würde.«

»Sie sind doch total plemplem.« Richter tippte sich an die Stirn. »Jemand, der wirklich so etwas getan hat wie das, was Sie hier blödsinnigerweise vorbringen, wird doch wegen Heimtücke belangt. Der kommt nie wieder aus dem Bau.«

»Erleichtern Sie Ihr Gewissen. Sie haben oft genug erlebt, wie bedrückend eine solche Schuld auf einem Menschen liegen kann.«

Richter hatte mit der flachen Hand auf den Tisch geschlagen. »Hören Sie doch auf mit dieser Psychoscheiße.«

Der ehemalige Hauptkommissar verhielt sich nicht anders als alle anderen Verdächtigen, denen Frauke oft genug gegenübergesessen hatte. Manche waren gleich zusammengebrochen und froh, über ihre Tat sprechen zu können. Das Reden befreite sie von einer zentnerschweren Last. Andere versuchten zu leugnen, ihre Unschuld zu beteuern. Unter Druck standen sie alle. Auch Richter, der Profi. Frauke erkannte es an seinem Verhalten, an seiner Mimik und seinen Gebärden, vor allem aber an seiner Sprache. Sie war fast ins Vulgäre abgeglitten. So hatte er nicht gesprochen, als er noch ihr Teamleiter war. Für sie gab es keinen Zweifel an Richters Schuld. Aber für die Beweisführung vor Gericht bedurfte es noch weiterer Argumente. Ein guter Anwalt würde das, was die Polizei bisher zusammengetragen hatte, zu zerpflücken suchen.

»Wer vertritt Sie rechtlich?«, fragte Frauke unvermittelt.

»Verdammte Scheiße. Ich brauche keinen Anwalt. Ich habe nichts getan!«

»Warum hat man Sie beauftragt, Lars von Wedell zu töten?«, wiederholte Frauke beharrlich.

Richter schüttelte verächtlich den Kopf und gab einen undefinierbaren Zischlaut von sich. Dabei floss etwas Speichel aus seinem Mundwinkel. Er wischte ihn mit dem Handrücken ab. Leichte Schweißperlen zeigten sich auf seiner Stirn. Es waren die Reaktionen, die man in Amerika mit dem Lügendetektor nachweisen konnte.

»Machen Sie es sich und uns einfacher. Nennen Sie uns den Namen Ihres Auftraggebers. Sie kennen die Prozedur. Wir werden Ihre Telefonkontakte prüfen und nachvollziehen, alle Kontenbewegungen kontrollieren, uns in Ihrem sozialen Umfeld umhören. Natürlich dauert es etwas länger. Herausbekommen werden wir es bestimmt.«

An seinem Mienenspiel erkannte Frauke, dass Richter ihr folgen konnte. Natürlich weiß er, wie seine Chancen stehen, dachte Frauke. Schließlich ist er Insider. Mit gleichförmiger, fast monotoner Stimme hakte sie deshalb nach.

»Herr Richter, es bringt Sie nicht weiter. Letztlich quälen Sie sich nur.«

Der ehemalige Polizeibeamte nagte an seiner Unterlippe. Er schien mit sich zu ringen, sein weiteres Verhalten abzuwägen. Dann schüttelte er den Kopf, als hätte er für sich selbst eine Entscheidung getroffen.

Frauke lehnte sich zurück.

»Nun – gut. Sie wissen, wie erfolgreich dieses Team arbeitet.« Sie streckte den Zeigefinger aus und wies auf Richter. »Sie haben in dem Augenblick verloren, als Sie den Abzug betätigten und den jungen Kollegen niederstreckten.« Sie schwieg einen Moment. »Hmh«, überlegte sie dann laut. »Wie schlecht fühlt man sich eigentlich, wenn man sein Herzblut in den Beruf Polizist gelegt hat und dann zum Mörder wird? Beruf kommt von Berufung. Oder war das für Sie nur Mittel zum Zweck? Haben Sie über diesen Weg Zugang zu kriminellen Kreisen gesucht? War das Geld verlockend? Oder hat man Sie erpresst?«

Frauke baute ihm damit eine Brücke. Aber Richter ging nicht darauf ein. Sie musterte ihn eine Weile, bevor sie sich entschloss, ihn weiter zu provozieren.

»Wie schmeckt der Rotwein, den Sie sich vom Blutgeld gekauft haben? Können Sie noch ins Glas schauen? Oder sehen Sie darin das Blut, das Sie vergossen haben?«

Richter sprang auf. »Hören Sie auf!«, schrie er und hielt sich demonstrativ die Ohren zu.

»Sie sehen blass aus, Richter.« Frauke machte mit dem Zeigefinger eine drehende Bewegung, als würde sie damit in seinen Eingeweiden bohren. »Das drückt auf die Psyche. Was meinen Sie, wie lange Sie das durchhalten? Sie können nachts nicht schlafen, schrecken auf. Das Essen bekommt Ihnen nicht. Sie werden elendig vor die Hunde gehen. Immerzu wird Sie Ihr Gewissen daran erinnern, dass Sie einen Menschen getötet haben.«

Plötzlich sprang Richter in die Höhe, beugte sich über den Tisch und versuchte, Frauke zu fassen zu bekommen. Sie hatte ebenso schnell reagiert und sich zurückgelehnt. Noch schneller war Thomas Schwarczer. Aus dem Stand heraus schnellte er hoch, packte Richter am Kragen und zog ihn auf den Tisch. Dabei drehte er den überraschten Mann auf die Seite und drückte mit dem Ellenbogen auf das Jochbein, dass Richters Gesicht auf der Tischplatte zum Liegen kam. Schwarczer winkelte den Arm etwas an, sodass die Spitze seines Ellenbogens noch kräftiger drückte.

Frauke glaubte, ein leichtes Knacken zu hören. Sie war im Begriff, Schwarczer zurückzurufen, bevor er dem Inhaftierten einen Knochen brechen würde. Es war nicht nur das Wissen, dass Gewalt gegen in Gewahrsam genommene Personen die eigene Position erheblich schwächen würde. Frauke empfand eine tiefe Abneigung gegen Gewalt, selbst wenn sie sich gegen einen heimtückischen Mörder wie Richter wandte.

Da Schwarczer gleichzeitig Richters Schulter nach hinten drückte, musste das an mehreren Stellen höllische Schmerzen bereiten.

Richter schrie auf. Als der junge Kommissar seinen Griff etwas löste, stöhnte der ehemalige Polizist.

»Das werden Sie teuer zu spüren bekommen«, drohte Richter, während Speichel aus seinem Mundwinkel auf die Tischplatte lief. »Sie werden das nicht überleben.« Dabei versuchte er, Frauke anzusehen. Prompt fiel ihr wieder die Todesdrohung ein, die sie erhalten hatte. Wusste Richter davon? Oder war es eine leere Phrase?

»Und dem glatzköpfigen Knochenbrecher wird es nicht besser ergehen«, schob Richter hinterher.

Schwarczer hatte sich nur kurz bewegt. Urplötzlich stieß Richter erneut einen Schmerzensschrei aus. Frauke hatte nicht sehen können, was der Kommissar getan hatte. Ihr missfiel das. Sie wollte ihn aber nicht in Richters Gegenwart maßregeln. Deshalb nickte sie Schwarczer unmerklich zu, sodass er Richter freigab.

Hasserfüllt sah der ehemalige Polizist die beiden Beamten an, während er sich abwechselnd das Jochbein und die Schulter rieb. Dann ließ er sich widerstandslos abführen.

Frauke schaltete das Aufnahmegerät aus, bevor sie Schwarczer anfuhr. »Das machen Sie nicht noch einmal. Ist das klar? So etwas gibt es nicht bei mir. Sonst sind Sie die längste Zeit Polizist gewesen.«

Thomas Schwarczer hielt ihrem Blick stand. In seinem Gesicht zuckte kein einziger Muskel. Weder kommentierte er Fraukes Rüge, noch bestätigte er durch eine Geste, dass er den Vorwurf akzeptierte.

Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, verließ Frauke den Verhörraum. Auf dem Flur schüttelte sie den Kopf und dachte voller Wehmut an Flensburg, an das dortige Kommissariat 1, dessen Leiterin sie gewesen war, und an den Respekt und die Wertschätzung, die man ihr bei der Landespolizei Schleswig-Holstein entgegengebracht hatte. Hannover – noch konnte sie sich mit Niedersachsens Landeshauptstadt nicht anfreunden. Das lag nicht nur an ihren drei Mitarbeitern, von denen keiner ihren Vorstellungen von einem Polizisten gerecht wurde, sondern auch daran, dass sie immer noch in einem kargen Hotelzimmer lebte und kein Zuhause hatte. Sie musste sich dringend nach einer Wohnung umsehen, beschloss sie, erschrak aber gleichzeitig bei dem Gedanken. Mit einer Wohnung in Hannover würde sie sich fester an diese Stadt binden. Dagegen sträubte sich ihr Inneres, obwohl sie gar keine andere Alternative hatte.

In ihrem Büro ließ sie das Verhör noch einmal Revue passieren. Mit Sicherheit gab es Verbindungen zu den Hintermännern, die auch den Mord an Manfredi beauftragt hatten. Die Polizei hatte den Faden zu einer kriminellen Vereinigung geknüpft, die lukrative Geschäfte abwickelte und das Geld durch legale Transaktionen wusch. Hätte Manfredi nicht versucht, Privatgeschäfte zu betreiben, würde möglicherweise der einträgliche Handel mit den gefälschten Lebensmitteln nach Saudi-Arabien und dem Rauschgift weiter florieren. Es tat der Organisation sicher weh, diesen profitablen Weg verloren zu haben. Es musste eine große und mächtige Organisation mit weitreichendem Einfluss sein, dass es ihr gelungen war, einen Polizisten als Mörder zu dingen und Simone Bassetti so unter Druck zu setzen, dass er die beiden Morde bereitwillig auf sich nahm, auch wenn es ihn lange Jahre ins Gefängnis bringen würde.

Dass die Polizei nach den Morden ermitteln würde, musste auch den Paten im Hintergrund klar sein, überlegte Frauke. Deutschland war nicht Italien, wo möglicherweise Ermittlungen verhindert werden konnten. Es gehörte zum Risiko der Organisation, dass ein Geschäftszweig aufflog. Daraus entstand kein persönlicher Hass gegen die mit der Aufklärung befassten Polizisten. Es musste etwas anderes sein, weshalb man sie persönlich mit dem Tod bedrohte.

Sie sah auf die Uhr. Es war Zeit, zu Mittag zu essen. Das Frühstück im Hotel war nicht schlecht, aber es wiederholte sich jeden Morgen. Sie wollte nicht in der Kantine des Landeskriminalamts essen. Sie würde allein an einem Tisch sitzen und möglicherweise Mitarbeitern ihres Teams begegnen.

Team! Sie lachte bitter auf. Ein Team waren sie nicht.

Es war ein angenehmer Herbsttag. Am Himmel standen leichte Schleierwolken, so als hätte jemand mit einem breiten Pinsel und zu wenig wässriger Farbe probeweise über das Firmament gestrichen. Dazwischen lachte ein blassblauer Himmel. Frauke hatte sich eine leichte Jacke übergezogen und war an der Schule am Welfenplatz vorbei bis zur futuristisch anmutenden Tankstelle an der Ecke Celler Straße marschiert. Unterwegs waren ihr zwei Mütter mit Kinderkarren begegnet, die ihre Töchter hätten sein können. War mein Engagement für den Beruf wirklich so wichtig für mich, dass ich darauf verzichtet habe?, fragte sie sich.

Sie überquerte die Celler Straße, passierte den kleinen Platz mit den Bäumen und der Litfaßsäule und bog in die kleine Grünfläche mit dem Kinderspielplatz ein, die von Wohnblocks gesäumt wurde. Im Hintergrund überragte der Fernmeldeturm mit der unübersehbaren Werbung für die Wolfsburger Autoschmiede an der Spitze alles. Von hier waren es nur noch wenige Schritte bis zur lebhaften Hamburger Allee mit ihren acht Fahrbahnen.

Frauke wartete einen günstigen Moment ab und hastete bis zum Mittelstreifen, um anschließend die zweite Straßenhälfte zu überqueren. Zwischen dem Einkaufszentrum und dem Fuß des Turms zweigte sie Richtung Bahnhof ab, um kurz darauf den rückwärtigen Eingang am Raschplatz zu erreichen. Mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt, dass hier die Gestrandeten der Großstadt lagerten, Alkohol tranken, rauchten oder einfach nur mit ihren Hunden im Arm die Zeit vergehen ließen.

Im Hauptbahnhof herrschte die gewohnte Betriebsamkeit. Menschen hasteten mit ihrem Gepäck an der Hand von einem Bahnsteig zum nächsten, andere verharrten unschlüssig und sahen sich orientierungslos um. Dazwischen wuselten Beschäftigte, die wie sie auf dem Weg zu Besorgungen in der Mittagspause waren.

Auf dem Weg kaufte sie im Bahnhof im Zeitungsladen am Aufgang zum Bahnsteig 9 eine Hannoversche Allgemeine, in der Hoffnung, Immobilienanzeigen zu finden.

Als sie die Buchhandlung verließ, sah sie einen hochgewachsenen, sportlichen Mann. Er war braun gebrannt, hatte ein markant geschnittenes Gesicht mit dunklen Augen und schwarzen Haaren, in die er lässig eine Sonnenbrille hochgeschoben hatte. Zur weißen Jeans trug er ein Poloshirt. Den rechten Zeigefinger hatte er hinter den Aufhänger einen leichten Sommerjacke geklemmt, die er leger über die Schulter geworfen hatte. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Der Mann, Frauke schätzte ihn auf Mitte bis Ende dreißig, verzog sein Gesicht zu einem Lächeln und zeigte dabei zwei Reihen weißer Zähne, die auf attraktive Weise zu seinem gebräunten Gesicht in Kontrast standen. Er war ein mediterraner Typ, bei dem sicher manche Frau auch einen zweiten Blick riskierte.

Frauke erwiderte das Lächeln, klemmte sich ihre Zeitung unter den Arm und verließ die Bahnhofshalle Richtung Innenstadt.

Es überraschte sie nicht, dass sich »unterm Schwanz« wieder eine Reihe von Menschen fanden, die dort offensichtlich auf jemanden warteten. Sie hatte gelernt, dass man sich in Hannover kurz und bündig »unterm Schwanz« verabredete und damit den weit ausladenden Schweif des Pferdes meinte, auf dem König Ernst August von Hannover saß.

Sie musste einen Moment warten, weil Straßenbahnen aus beiden Richtungen kreuzten. Dann überquerte sie den Platz und folgte der Bahnhofstraße bis zum Kröpcke. Der zentrale Platz in der Innenstadt war nach einem seit dem neunzehnten Jahrhundert sich dort befindenden Café benannt, an dem sich die Hauptwege der weiträumigen Fußgängerzone kreuzten. Markant ragte der historische Uhrenturm heraus, obwohl es sich nur um eine vereinfachte Rekonstruktion aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts handelte. Anstelle des ursprünglichen Cafés trug heute ein moderner Nachbau einer Schweizer Gastronomie- und Hotelkette den Namen. Blank gescheuerte Holzbänke und Tische sowie einzelne Tische mit bunten Stühlen unter weit ausladenden Sonnenschirmen füllten den Platz.

Bei diesem Wetter waren freie Plätze im Außenbereich rar. Frauke hatte Glück. Ein Paar war im Begriff zu gehen, und sie steuerte den Tisch an. Sie hatte kaum Platz genommen, als eine Bedienung nach ihren Wünschen fragte. Frauke warf einen kurzen Blick auf die Karte und bestellte einen Barista Special und ein Mineralwasser. Sie schlug die Zeitung auf und war enttäuscht darüber, dass sie keine Immobilienanzeigen fand. Sie hatte im Stillen gehofft, dass in einer großen Stadt wie Hannover anders als im heimischen Flensburg täglich Wohnraumanzeigen erscheinen würden. Sie überflog den Inhalt der Zeitung, ließ den umfangreichen Sportteil großzügig außer Acht und las den Rest der Zeitung quer. Als die Bedienung ihre Getränke brachte, sah Frauke auf. Dabei bemerkte sie den Mann, der sie schon im Bahnhof angestarrt hatte. Er saß zwei Tische weiter und beobachtete sie unablässig. Als sich ihre Blicke begegneten, zeigte er erneut sein Lächeln, das sie schon bei der ersten Begegnung irritiert hatte. Sie unterdrückte ein Antwortlächeln und aß ihr Gericht. Dabei bemühte sie sich, nicht in die Richtung des Fremden zu sehen. Fast hastig schlang sie das Essen hinunter, rief nach der Bedienung, zahlte und stand auf. Automatisch sah sie zu dem Unbekannten hinüber. Der musste sie die ganze Zeit beobachtet haben. Jedenfalls zeigte er erneut sein durchaus anziehendes Lächeln, wie Frauke sich eingestehen musste. Ein merkwürdiges Kribbeln durchzog sie, obwohl alle Vernunft dagegen sprach. Der Mann war sicher zehn Jahre jünger als sie.

Sie nahm die freitragende Treppe mit dem gläsernen Geländer zur Niki-de-Saint-Phalle-Promenade, wie die vom Kröpcke bis unter die Bahnhofshalle führende Passage zu Ehren der Schöpferin der berühmten Nana-Figuren und Hannoveraner Ehrenbürgerin hieß, die von manch älterem Einheimischen immer noch kurz und bündig mit ihrem früheren Namen »Passerelle« bezeichnet wurde. Vor einem Geschäft mit flippiger Bekleidung, die gar nicht zu ihr passen würde, blieb Frauke stehen und tat, als würde sie sich für die schreiend bunten T-Shirts und Jeans interessieren. Dabei warf sie einen Blick zurück. Von dem Mann war nichts zu sehen. Offenbar hatte er sein Interesse an ihr aufgegeben. Vielleicht war er ins Basement des gegenüberliegenden Kaufhauses verschwunden.

Frauke kehrte ins Landeskriminalamt zurück. Auf dem Flur begegnete ihr Putensenf.

»Gesteht Ihr Dienstvertrag Ihnen extralange Pausen zu?«, fragte er.

»Bin ich Ihnen Rechtfertigung schuldig?«

»Ja«, sagte der Kriminalhauptmeister kess. »Als Steuerzahler. In dieser Eigenschaft finanziere ich Ihr Nichtstun.«

»Ich gebe Ihnen eine zweistündige Auszeit«, erwiderte Frauke scharf. »Die sollten Sie nutzen, um sich einen neuen Job zu suchen.«

Putensenf grinste sie an. »Sind wir hier bei ›Wünsch dir was‹? Sie sind nicht Dieter Bohlen und können sich Ihr Dreamteam nicht selbst basteln.« Er wartete Fraukes Antwort nicht ab, sondern verschwand eilig Richtung Treppenhaus.

Frauke hatte immer noch Putensenfs Grinsen vor Augen, als sie in ihr Büro zurückkehrte. Welten lagen zwischen den verzerrten Mundwinkeln des verbiesterten älteren Kollegen und dem Lächeln des attraktiven Mannes aus der Mittagspause, dachte sie und nahm die Arbeit an ihren Papieren wieder auf. Andere hätten nicht die Geduld gehabt, immer wieder die Protokolle zu lesen, Aussagen zu vergleichen, nach Ungereimtheiten zu suchen und sich Notizen zu machen, um daraus einen Fragenkatalog für die nächsten Verhöre von Bassetti und Richter zu erstellen. Es dürfte schwierig werden, dem ehemaligen Hauptkommissar ein Geständnis abzuringen. Und über die Auftraggeber würden beide nichts verlauten lassen. In die Strukturen der organisierten Kriminalität hatte sich eine eherne Gesetzmäßigkeit eingeschlichen. Nur wer schwieg, hatte eine Chance zu überleben. Da nahm man eine langjährige Freiheitsstrafe in Kauf. Und bei entsprechendem Wohlverhalten reichten die Arme der Organisation bis hinter die Gefängnismauern, um dort im angemessenen Rahmen Wohltaten zu verbreiten. Oder zu strafen, wenn man die Gesetze der Familie verletzte.

Frauke wusste, es würde schwierig werden, hinter die Kulissen zu blicken. Nicht umsonst hatte man sie mit dem Tod bedroht.

Sie arbeitete zwei Stunden intensiv, bis sie sich eine kleine Pause zur Auffrischung der Konzentration gönnte. Mit einem neuen Becher Kaffee gestärkt, setzte sie sich wieder an ihren Arbeitsplatz und rief im Internet verschiedene Immobilienportale auf. Frauke war über das vielfältige Angebot überrascht. Neugierig blätterte sie durch die Angebote und notierte sich drei Adressen. Eine Offerte weckte ihr besonderes Interesse. Die Wohnung in der Lister Meile war citynah und lag in einem ausgesprochen urbanen Viertel. Sie rief beim Vermieter an und vereinbarte noch für denselben Abend einen Besichtigungstermin.

Frauke sah auf, als sie Madsacks Stimme von der Tür hörte.

»Hallo. Darf ich Sie stören?«

Sie nickte in Richtung der Besucherstühle vor ihrem Schreibtisch.

Der Hauptkommissar nahm ächzend Platz und legte einen Computerausdruck auf den Tisch, während er weitere Blätter in der Hand behielt.

»Dieser Vorgang ist uns von der Polizeidirektion Lüneburg mit der Bitte um Kenntnisnahme zugesandt worden. Ich habe bereits mit den Kollegen gesprochen.« Dabei wedelte er mit den Papieren.

»Es geht um einen Todesfall. Kurt Buggenthin, dreiundfünfzig. Geschieden. Er war bei einer«, Madsack warf einen Blick auf seine Notizen, »Elke Findeisen zum Frühstück eingeladen. Während des Essens ist er plötzlich zusammengesackt. Der herbeigerufene Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen.«

»Das klingt nicht sehr spektakulär«, warf Frauke ein.

»Der Arzt hat eindeutige Anzeichen für Herzversagen festgestellt.«

»Das ist ein finaler Zustand, aber keine Todesursache«, sagte Frauke und zehrte von ihrer langjährigen Erfahrung als Leiterin des K1 in Flensburg, das im Volksmund als »Mordkommission« bezeichnet wird. »Was hat zum Herzstillstand geführt? Das ist die entscheidende Frage.«

»Buggenthin litt offensichtlich unter einer Herzerkrankung, einer Stenose. Darauf deutet das Nitrolingual-Spray hin, das man bei ihm gefunden hat. Nach Aussage von Frau Findeisen ging es ihm vor seinem plötzlichen Herztod nicht gut. Er hat behauptet, er sei erkältet. Damit hat er sein Unwohlsein und die abwechselnden Hitzewallungen und Kälteschauder begründet.«

»Kommen Sie zum Punkt, Madsack«, sagte Frauke ungeduldig. »Das klingt nicht wie etwas, mit dem wir uns beschäftigen müssen.«

Der Hauptkommissar wackelte ein wenig unruhig auf dem Stuhl hin und her. »Buggenthin war wohl in Erwartung eines amourösen Abenteuers zu Elke Findeisen gekommen, obwohl die Frau gegenüber der Streife mehrfach ausdrücklich betonte, dass sie ihn nur zu einem kleinen Frühstück eingeladen hatte. Sie ist alleinstehend und hatte sich auf eine nette Plauderei gefreut.«

»Ist er handgreiflich geworden? Hat sie ihn daraufhin niedergeschlagen?«

»Nichts dergleichen. Buggenthin wies keine äußeren Verletzungen auf.«

»Was denn?«

»Auch kein Gift. Das ist zumindest der aktuelle Stand. Näheres wird die Obduktion ergeben.«

»Nun machen Sie es nicht so spannend.« Frauke zeigte auf ihren Schreibtisch. »Wir haben genug anderes zu erledigen.«

»Man hat bei Buggenthin noch ein anderes Medikament gefunden. Viagra.«

»Das erklärt einiges«, stimmte Frauke zu. »Das ist kontraindiziert zum Nitro-Spray. Aber das weiß man doch.«

»Man vielleicht schon, aber Kurt Buggenthin nicht. Vermutlich hat er in Erwartung des sexuellen Kontakts Viagra geschluckt. Wenn das ein Missverständnis war und Elke Findeisen das zurückgewiesen hat, könnte sich Buggenthin aufgeregt haben. Aus der Stresssituation ist ein Angina-pectoris-Anfall erwachsen, den der Mann mit dem Nitro-Spray bekämpft hat. Die Kombination mit Viagra war tödlich, da es zu einem lebensbedrohlichen Blutdruckabfall gekommen ist. Leider kam jede ärztliche Hilfe zu spät. Das ist auch nicht verwunderlich, da Buggenthins Herz vorgeschädigt war.«

»Das ist alles sehr bedauerlich, aber ich sehe immer noch keinen Ansatzpunkt für ein Interesse unsererseits.«

Madsack lächelte und senkte seinen Kopf, dass sein Doppelkinn auf dem Kragen auflag und den korrekt gebundenen Krawattenknoten nahezu verdeckte, während er in seiner Sakkotasche kramte.

»Hier«, sagte er und legte eine kleine Plastiktüte auf den Tisch. »Das ist das Medikament.«

Frauke betrachtete die Schachtel. Drei Viertel der Packung waren weiß. Oben stand der Name des Präparats in Großbuchstaben: VIAGRA. Daneben war ein hellblaues Rechteck aufgedruckt. Unten rechts prangte das Logo des Herstellers. Der amerikanische Pharmakonzern »Pfizer« war mit Viagra weltberühmt geworden, als er das Medikament mit dem Wirkstoff Sildenafil 1998 auf den Markt gebracht hatte.

»Was ist damit?«

Madsack zog einen Montblanc-Kugelschreiber aus seiner Sakkotasche und tippte damit auf das linke Viertel der Verpackung.

»Das ist der entscheidende Punkt.«

Frauke konnte nichts entdecken. Der Hauptkommissar ließ die Spitze des Kugelschreibers über die Packung wandern. Er wies auf eine weiße Raute im dunkelblau bedruckten linken Teil.

»Pfizer«, las Frauke.

»Die Kollegen haben den Strichcode geprüft. Der ist okay.« Dabei zeigte Madsack auf den Balkencode. »Entscheidend ist aber ein Fehler.«

»Können Sie sich vorstellen, dass ich selten bis gar nicht Viagra schlucke?«, fragte Frauke.

Der Hauptkommissar lächelte sie freundlich an. Dann fuhr er mit seinem Kugelschreiber an der Grenze zwischen dem weißen und dem blauen Aufdruck entlang. »Hier fehlt etwas. Ein hellblauer Streifen.«

»Interessant«, sagte Frauke. »Hier liegt also ein Imitat vor.«

»Genau. Und deshalb sind wir eingeschaltet worden.«

Frauke seufzte. »Als wenn wir nicht schon genug Aufgaben hätten.«

Die beiden hatten nicht mitbekommen, dass Jakob Putensenf im Türrahmen stand und ihrem Gespräch gelauscht hatte.

»Vielleicht sollten Sie einmal Viagra probieren. Möglicherweise steigert es auch bei Ihnen die Libido.«

»Das habe ich im Unterschied zu Ihnen nicht nötig. Ich fürchte, bei Ihnen wäre auch eine doppelte Portion eine Fehlinvestition.«

Putensenf spitzte die Lippen. »Was haben wir für eine heiße Chefin, Nathan«, sagte er mit spöttischem Unterton zu Madsack.

»Als Kriminalhauptmeister können Sie sich vermutlich kein Viagra leisten«, sagte Frauke. Im selben Moment bedauerte sie ihre Anspielung darauf, dass Putensenf als Einziger im Team nicht zum gehobenen Dienst gehörte.

Putensenf holte tief Luft und lief dunkelrot an. Dann wandte er sich ab und verschwand auf dem Flur. Frauke wusste, dass sie seine empfindliche Stelle getroffen hatte.

Madsack sah verlegen aus dem Fenster. Der schwergewichtige Hautkommissar zeichnete sich dadurch aus, dass er stets konsensbemüht war. Schließlich hüstelte er.

»Sie haben recht. Viagra ist teuer. Je nachdem, woher Sie es beziehen, kosten vier Filmtabletten sechzig Euro und mehr. Deshalb floriert das Geschäft mit Imitaten.«

»Warten wir die Obduktion ab«, entschied Frauke und zeigte auf die Packung. »Schaffen Sie das ins Labor. Die sollen die Qualität prüfen. War die Spurensicherung schon in Buggenthins Wohnung?«

Madsack zuckte mit den Schultern. »Da bin ich überfragt. Der Fall ist ganz frisch. Aber ich werde mich darum kümmern.«

»Schön. Ich erwarte Ihren Bericht.«

Damit war der Hauptkommissar entlassen. Madsack stieß mit dem Kriminaloberrat zusammen und entschuldigte sich.

»Mein Versehen«, sagte Ehlers, als er in den Raum trat und sich Frauke gegenüber niederließ. »Offensichtlich sind gefälschte Medikamente im Umlauf. Da diese stets im großen Stil vermarktet werden, ziehen wir das Ermittlungsverfahren an uns. Ich wollte Sie und Ihr Team damit betrauen.« Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. »Ihr vorheriger Fall dürfte fast abgeschlossen sein. Noch ein wenig Papierkrieg, ein paar Verhöre. Oder?«

Der Kriminaloberrat hat eine subtile Art, ihr eine weitere Aufgabe aufzubürden, obwohl er mit Sicherheit wusste, dass im vorherigen Fall noch vieles zu erledigen war. Doch als »Neue« musste Frauke beweisen, dass sie auch Stresssituationen gewachsen war. Deshalb konnte sie den neuen Fall nicht ablehnen. Ebenso wenig konnte sie Ehlers anvertrauen, dass eine Morddrohung gegen sie ausgesprochen worden war. Möglicherweise hätte ihr Vorgesetzter das missverstanden und als stille Kapitulation gewertet. Es war keine Seltenheit, dass überführte Täter Drohungen gegen die Beamten aussprachen. Das war Frauke schon oft widerfahren. Dem musste man keine Bedeutung beimessen. Aber in diesem Fall war das anders. Deshalb beschloss Frauke, es für sich zu behalten. Und zu ihren Mitarbeitern hatte sie auch kein Vertrauen. Sie hätte ihr Geheimnis mit niemandem teilen können.

»Wir werden uns der Sache annehmen«, sagte sie zu Ehlers.

»Fein. Ich habe mit dem Kollegen Schwarczer auch umgehend für Verstärkung gesorgt. Dann steht dem Erfolg nichts im Wege.«

Doch!, dachte Frauke. Mit den drei Männern meines Teams lassen sich keine Mauern einreißen.

Ehlers stand auf. Mitten im Raum blieb er noch einmal stehen und drehte sich zu Frauke um. »Haben Sie schon einen ersten Eindruck von dem Neuen gewinnen können?«

Oh ja, dachte Frauke. Und der hat mich nicht überzeugt. Laut sagte sie: »Das muss sich entwickeln.«

»Viel Erfolg«, wünschte der Kriminaloberrat und verließ den Raum.

Frauke atmete tief durch. Sie hatte sich ihre Tätigkeit in Hannover anders vorgestellt. Dann widmete sie sich wieder der Schreibtischarbeit.

Frauke hatte die Tür ihres Dienstzimmers offen gelassen. Man gewöhnte sich an die Betriebsamkeit, die auf dem Flur herrschte. Langsam, aber stetig sank der Geräuschpegel. Die Mitarbeiter verabschiedeten sich in den Feierabend. Frauke liebte die späten Stunden, in denen man ungestört und konzentriert arbeiten konnte.

Heute beendete sie bereits um Viertel vor sechs ihre Tätigkeit, ließ ihr Fahrzeug auf dem Parkplatz des Landeskriminalamts zurück und machte sich auf den Fußweg zur Lister Meile. Sie wählte den Weg durch die kleine Parkanlage »Welfenplatz«. Ein paar Kinder tollten dort herum und spielten Fußball. Auf einer Parkbank hatte sich eine Handvoll Männer zusammengefunden, die Bier tranken, rauchten und sich lautstark über Möglichkeiten unterhielten, wie man dem Sozialamt zusätzliche Mittel entlocken konnte. Im Vorbeigehen registrierte Frauke, dass die Vorschläge sicher nicht ernst zu nehmen waren.

In der Gretchenstraße passierte sie die Fenster der Pizzeria Italia und nickte dem Chef zu, der hinter der großen Glasscheibe stand und die Vorbereitungen für das Abendgeschäft traf.

Die Lister Meile strotzte vor Urbanität. Ein Geschäft reihte sich ans andere. Viele davon waren inhabergeführt und unterschieden sich wohltuend von den Läden der großen Ketten, die überall gleich aussahen. Die Passanten bildeten eine bunte Mischung aus Einheimischen, die ihren täglichen Bedarf decken wollten, Menschen, die Vergnügen am Bummeln fanden, und auffallend vielen Älteren, die auf den Bänken saßen und in stoischer Gelassenheit das Treiben um sich herum verfolgten oder dem Wasserspiel des modernen Brunnens zusahen. Auf diesem Stück war die Lister Meile keine Fußgängerzone, sondern eine Einbahnstraße, die am gleichnamigen U-Bahnhof endete. Über das kleinformatige rote Betonpflaster rollten nur wenige Fahrzeuge, auch wenn sich auf den Parkstreifen unter dem grünen Dach der zahlreichen Bäume kaum freie Plätze fanden. Frauke wunderte sich jedes Mal erneut über eines der seltenen Hutgeschäfte, das hier noch residierte. Mehrere hölzerne Pavillons säumten die Straße, die gastronomische Angebote vorhielten, sei es philippinisch, chinesisch oder italienisch.

Vor dem Haus mit der angebotenen Wohnung ging ein junger Mann, er mochte Ende zwanzig sein und trug einen dunklen Anzug mit weißem Hemd, auf und ab. Das Hemd war am Kragen geöffnet. Der Mann hatte dem Modetrend folgend die Krawatte weggelassen. Unter den linken Arm hatte er eine blaue Pappmappe geklemmt, während er sein Handy am Ohr hielt und mit rechts rauchte. Er lief vor dem Eingang auf und ab und sah sich um.

»Die Tante ist nicht da«, hörte Frauke ihn sagen. »Ob das wieder eine Verarsche ist?«

»Wenn Sie Eberlein sind, dann bin ich ›die Tante‹«, sagte sie und blieb kurz vor ihm stehen.

Verdutzt hielt er inne. »Ich muss jetzt Schluss machen«, stammelte er ins Telefon. »Sind Sie Frau äh …«

»Nein!«, entgegnete Frauke. »Nicht äh … Mein Name ist Dobermann.«

»Äh … Mein Name ist Guggenberger. Herr Eberlein ist verhindert.«

»Sehen Sie das als notwendiges Übel an? Oder wollen Sie mir die Wohnung zeigen?« Frauke hatte sich über »die Tante« geärgert. Deshalb sah sie keine Veranlassung, freundlich zu sein.

»Ja … äh …« Guggenberger wies zur Haustür. »Darf ich vorangehen?«

Umständlich kramte er aus einem Berg Schlüssel den passenden hervor und ging voran. Frauke folgte ihm durch den unscheinbaren Eingang mit der Milchglastür neben dem Herrenmodegeschäft, das das Erdgeschoss des Gebäudes dominierte. Sie mussten einen langen schmalen Flur entlanggehen, bevor sie die hölzerne Treppe erklimmen konnten.

In der Wohnung roch es muffig. Offenbar war schon längere Zeit nicht mehr gelüftet worden.

»Wie lange steht die Wohnung leer?«

»Ja … also … Schon länger«, wich Guggenberger aus.

Die Wohnung strahlte die Gemütlichkeit von Altbauwohnungen aus. Mit Ausnahme der Küche und des Badezimmers waren die drei Räume und der Flur mit Holzdielen ausgelegt. Die Zimmer waren relativ klein, aber für eine einzelne Person würden sie reichen, überlegte Frauke.

Während sie die Wohnung inspizierte, folgte ihr Guggenberger und pries fortwährend die Vorzüge der Immobilie an. Er wies auf das neue Bad hin, die Verwendung natürlicher Materialien, den Vorzug der Wohngegend und die energiesparenden Maßnahmen, die man vorgenommen hatte.

»Wie hoch sind die Nebenkosten?«, fragte Frauke.

Für einen Moment sah sie in Guggenbergers ratloses Gesicht.

»Ich lasse Ihnen die letzten Abrechnungen zukommen«, versprach er und sah dabei auf seine Armbanduhr. »Entschuldigung, aber ich habe noch einen Termin.«

»Ich will Sie nicht aufhalten.«

»Möchten Sie die Wohnung haben? Dann sollten Sie sich noch heute entscheiden. Es gibt eine Reihe weiterer Interessenten. Ich kann Ihnen die Wohnung nicht reservieren.« Erneut begann er, die Einmaligkeit der Räume herunterzubeten.

»Das ist schön für Sie.«

Er musterte sie mit dem fragenden Dackelblick.

»Ich meine, dass Sie heute Abend noch einen Interessenten haben, dem Sie die Bude vermieten können.«

»Bude?« Guggenberger war der Zorn deutlich anzusehen.

»Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend«, sagte Frauke, wandte sich um und verließ ohne ein weiteres Wort die Wohnung. Sind hier alle verrückt?, fragte sie sich, und automatisch schweiften ihre Gedanken zu den Mitgliedern ihres Teams ab.

Vor der Tür blieb sie einen Augenblick stehen und atmete die Luft ein. Hier, inmitten der City, war vom Herbst nichts zu riechen, auch wenn die Bäume schon das dunkle Laub trugen, das Frauke stets als Vorankündigung auf die herbstliche Färbung verstand. Entschlossen wandte sie sich nach links, bummelte gemächlich die Lister Meile entlang und sah zwischendurch in die Schaufenster des Tabakladens, der Bäckerei, der Buchhandlung und weiterer Geschäfte.

An der nächsten Kreuzung warf sie einen Blick in die Sedanstraße, in der Simone Bassetti wohnte, den sie in einer aufsehenerregenden Aktion dort verhaftet hatte. Frauke bog links in die Gretchenstraße ab und betrat nach wenigen Schritten die Pizzeria, von der Lars von Wedell behauptet hatte, dass es dort die beste Pizza nördlich der Alpen gebe. Davon hatte der junge Kommissar nun leider nichts mehr.

Ein paar Stufen führten zum Eingang der Pizzeria Italia. Durch eines der beiden Fenster war der große Pizzaofen zu sehen. Ein junger Mann wirbelte gekonnt einen runden Teigfladen in die Höhe, sah dem in der Luft rotierenden Pizzaboden nach und fing ihn geschickt mit einer Hand wieder auf. Zwischendurch fand er auch noch Zeit, Frauke zuzulächeln.

Wenn man Italien als Duftnote beschreiben müsste, so war es die Luft, die ihr entgegenschlug. Der Geruch von Pizza, Wein, Kerzen, überbackenem Käse … Eine Sinneswahrnehmung al forno.

»Buona sera, signorina«, begrüßte sie der Kellner überschwänglich und machte eine einladende Handbewegung, verbunden mit einer leichten Verbeugung. Dann geleitete er sie zu einem Tisch in der Ecke. »Den habe ich extra für Sie frei gehalten«, sagte er lächelnd.

Frauke empfand den italienischen Charme als wohltuend nach den verbalen Scharmützeln mit Jakob Putensenf und Guggenberger.

»Darf es etwas zu trinken sein?«, fragte der Kellner.

»Ich hätte gern einen Valpolicella«, antwortete Frauke und sah sich um. Das Lokal war gut besucht. Sie hatte den letzten freien Tisch erwischt. Es war ein buntes Publikum. Familien mit Kindern, Paare, drei Frauen, die sich köstlich zu amüsieren schienen, und eine größere Gruppe, die zwei Tische zusammengeschoben hatte.

Frauke warf einen Blick in die Karte. Die Pizza war wirklich hervorragend gewesen. Sie war in Versuchung, die Pizza Pugliese zu bestellen, zögerte dann aber doch. Das Gericht hatte sie gegessen, als sie hier mit Gesa Krafft gesessen hatte, um der jungen Frau die Nachricht von Lars von Wedells Tod zu überbringen. Kurz entschlossen wählte sie Broccoli al forno und nahm einen großen Schluck von dem Wein zu sich, den der Kellner inzwischen gebracht hatte.

»Frau Fillipi«, rief sie der Wirtin zu, die sich mit dem Kellner den Service teilte.

»Ah«, sagte die Frau, die Frauke wiedererkannte. »Sie sind doch die Polizistin, die nach Simone Bassetti gefragt hatte. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass Sie ihn verhaftet haben.« Sie schüttelte den Kopf. »Schlimm. Wenn man sich vorstellt, dass so einer bei uns zu Gast war. Aber man kann ja nicht in die Menschen hineinsehen.«

Von Erzählungen wusste Frauke, dass das Ehepaar Fillipi die Pizzeria seit mehr als fünfundzwanzig Jahren betrieb. Obwohl Bassetti hier verkehrte, hatte die Polizei keine Anhaltspunkte dafür finden können, dass die Wirtsleute in den Fall verstrickt waren.

»Es wäre für uns wichtig zu wissen, ob Bassetti Kontakt zu anderen Gästen hatte oder sich mit Fremden hier getroffen hat.«

Judith Fillipi musste nicht überlegen. »Bei uns verkehren fast nur Stammgäste. Manche sind häufiger hier, andere seltener. Laufkundschaft haben wir fast gar nicht. Unsere Kunden stammen aus der Gegend. Nein!« Sie schüttelte energisch den Kopf. »Das hätte ich mitbekommen.«

»Kann es sein, dass sich Bassetti hier verabredet hat, während Sie freihatten?«

Erneut verneinte sie. »Wir sind ein Familienbetrieb.« Sie nickte mit dem Kopf in Richtung des Pizzaofens. »Mein Mann steht täglich an dem Platz dort. Sieben Tage die Woche. Und ich bin auch täglich hier. Nein. Das wüsste ich.«

»Ist Ihnen aufgefallen, ob Bassetti Kontakt zu anderen Gästen Ihrer Pizzeria hatte?«

Jetzt überlegte sie einen Moment. »Sicher. Wenn man hier öfter hinkommt, kennt man einander vom Ansehen. Er hat mal mit diesem, mal mit jenem gesprochen.«

»Waren da Landsleute von Ihnen dabei?«

Die Wirtin lächelte. »Ich bin Deutsche. Mein Mann kommt aus Italien. Sie meinen sicher, ob Italiener dabei waren?«

»Ja.«

»Warten Sie.« Judith Fillipi zog die Stirn kraus. »Doch. Ein paar Mal hat er hier mit Giancarlo zusammengesessen. Besonders wenn Fußball im Fernsehen lief. Dann stellen wir hier einen Apparat auf.« Sie beugte sich ein wenig zu Frauke herab. »Italiener und Fußball. Da gibt es kein Halten.«

»Giancarlo? Wissen Sie, wie er weiter heißt?«

»Leider nicht«, bedauerte die Wirtin.

»Oder wo er wohnt?«

»Irgendwo hier im Viertel – glaube ich zumindest. Mehr kann ich nicht sagen.« Sie sah über die Schulter zu den zusammengeschobenen Tischen. Einer der Gäste winkte ihr zu. »Entschuldigung, aber ich muss mal wieder.« Frau Fillipi hatte sich schon zwei Schritte entfernt, als ihr doch noch etwas einfiel. »Giancarlo arbeitet auf dem Großmarkt. Obst und Gemüse.«

»Wo dort? Der ist doch sicher groß.«

»Tut mir leid.« Dann wandte sich die Wirtin den anderen Gästen zu.

»Prego, signora. Heiß«, sagte der Kellner, als er die dampfende Schale mit dem Broccoli al forno brachte.

Frauke hielt ihr Weinglas in die Höhe um anzudeuten, dass sie ein weiteres wünschte. Dann aß sie ihr Abendessen. Auch das war vorzüglich und ließ die ewig kreisenden Gedanken an die Mitarbeiter, an die noch offenen Ermittlungen und an Kurt Buggenthin, der am Morgen dieses Tages so überraschend verstorben war, vergessen.

Versonnen tauchte vor ihrem Auge der Mann auf, der sie im Bahnhof angelächelt und sie anschließend bis zum Kröpcke verfolgt hatte. Es schmeichelte ihr, dass sich der jüngere und gut aussehende Mann für sie interessiert hatte.

Nach dem Essen griff Frauke ihr Handy und rief Herrn Eberlein, den Vermieter der Wohnung in der Lister Meile, an.

»Ich würde die Wohnung gern mieten«, sagte sie.

»Das überrascht mich jetzt«, erwiderte der Mann. »Ich würde Sie zuvor gern persönlich kennenlernen. Und natürlich hätte ich noch ein paar Fragen. Sie verstehen?«

Frauke vereinbarte mit Herrn Eberlein einen Termin im Café am Kröpcke. »Ich werde eine Hannoversche Allgemeine als Erkennungszeichen dabeihaben«, sagte sie.

Nach dem Essen trat sie an die frische Luft. Inzwischen war es dunkel geworden. Sie ging die Lister Meile zurück, sah an der Fassade des Hauses hoch, in dem sie vermutlich doch die Wohnung mieten würde, und bog am belebten Weißekreuzplatz in Richtung der ruhigen Nebenstraße ab, in der ihr kleines Hotel lag. Ihr graute vor der Nacht, vor dem kahlen und tristen Hotelzimmer, das keine Geborgenheit schenkte, kein wirkliches Zuhause war.

Unterwegs hatte sie an Schaufenstern haltgemacht und sich umgesehen. Von dem charmanten Mann vom Bahnhof war nichts zu sehen gewesen