DREI

Das Wasser knallte gegen die Plexiglaswand, perlte ab und lief in Strömen an ihr herunter, um sich mit dem zu vereinigen, das direkt in die Duschwanne rauschte. Vor dem Abfluss bildete es einen Strudel, um dann mit dem Schaum im Ausguss zu verschwinden.

Frauke meinte, irgendwo einmal gehört zu haben, dass auf der nördlichen Halbkugel der Strudel sich immer entgegen dem Uhrzeigersinn drehen würde. Andere Wissenschaftler bestritten diese These.

Es kümmerte sie nicht. Sie hatte endlich wieder einmal gut geschlafen. Nun genoss sie die heiße Dusche und ließ das Wasser länger laufen, als es zum Abspülen des Schaums erforderlich gewesen wäre. Nachdem sie der Duschkabine entstiegen war, rubbelte sie sich ab, nahm sich etwas mehr Zeit fürs Make-up und verließ die kleine Nasszelle ihres Hotelzimmers. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie wieder eine eigene Wohnung hatte. Ob es auch ein Zuhause sein würde, vermochte sie im Augenblick noch nicht einzuschätzen. Vor dem Garderobenspiegel stutzte sie einen Moment und betrachtete sich.

Ob das dem jungen Mann, der sie gestern bis zum Kröpcke verfolgt hatte, gefallen würde, was sie dort sah? Sie empfand kein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken an den Mann. Nirgendwo stand geschrieben, dass eine Polizistin nicht auch ein Privatleben haben durfte. Und nachdem »dieser Teil« des Lebens in ihrer Ehe schon lange tot war, hatte sie sich die Freiheit genommen, sich den Kontakt zu Männern zum »Wohlfühlen« nicht zu versagen. Sie wusste, dass in Flensburg hinter ihrem Rücken darüber getuschelt wurde. Als selbstbewusste Frau wollte sie aber nicht wie zu Großmutters Zeiten brav auf einem Stuhl in der Tanzstunde hocken und warten, bis sich jemand ihrer erbarmte. Deshalb nahm sie sich vor, bei der nächsten Gelegenheit das Antwortlächeln nicht zu unterdrücken.

Nach dem Ankleiden nahm sie das Frühstück ein, verzichtete aber auf das Umsetzen ihres Vorsatzes im Frühstücksraum, der von Männern dominiert wurde. Es war jenes abschätzende Betrachten der Herren, der Hauch Enttäuschung, dass man diesem Opfer am Tag der Abreise und nicht am Vorabend begegnet war. Nein! Sie wollte sich ihr »Vergnügen« selbst aussuchen.

Fast beschwingt ging sie durch die morgendliche Kühle das kurze Stück zum Landeskriminalamt. Immerhin wurde sie vom Mitarbeiter am Empfang begrüßt, nicht mit Namen, aber mit einem professionellen »Guten Morgen«.

Hauptkommissar Madsack war schon im Büro. Sie begrüßten sich.

»Hat Herr Schwarczer alles, um bei uns mitarbeiten zu können?«, fragte sie.

Madsack nickte. »Es gibt nur ein kleines Problem mit dem Arbeitsplatz. Die Hausverwaltung kann uns nur einen Schreibtisch in der Etage über uns anbieten.«

»Wieso? Bei Putensenf ist noch Platz.«

Madsack räusperte sich. »Daran hatte ich auch gedacht. Aber Jakob weigert sich.«

»Der wird nicht gefragt«, entschied Frauke. »Ich möchte mein Team nicht im ganzen Amt verstreut haben. Schwarczer und Putensenf werden sich das Büro teilen.«

»Von mir aus«, meinte Madsack, dem anzusehen war, dass er Putensenf diese Nachricht nur ungern überbringen würde.

»Gibt es Neuigkeiten aus Lüneburg?«

»Nein. Nur das, was wir gestern erfahren haben.«

»Ich möchte mir Buggenthins Wohnung persönlich ansehen«, sagte Frauke. »Doch zuvor will ich dem Großmarkt einen Besuch abstatten.«

Madsack sah sie fragend an.

»Ich habe einen Tipp bekommen. Dort soll jemand arbeiten, der sich gelegentlich mit Simone Bassetti getroffen hat.«

»Woher stammt der Hinweis?«

»Eine vage Vermutung«, wich Frauke aus. »Während Sie hier die Stellung halten, werde ich Putensenf mit zum Großmarkt nehmen.«

»Wie geht es mit Richter und Bassetti weiter?«

»Ich bitte Sie, Bassetti zu verhören. Richter lassen wir heute schmoren. Den knöpfe ich mir morgen persönlich vor.«

Der Hauptkommissar nickte zustimmend und hielt Frauke eine Tüte mit Vitaminbonbons hin. Sie lehnte dankend ab.

»Morgen, Putensenf«, sagte sie zwei Räume weiter. »Kommen Sie. Wir wollen zum Großmarkt.«

»Warum das?«, antwortete der Kriminalhauptmeister und nahm einen Schluck Kaffee.

»Muss ich das begründen? Also los.«

Putensenf folgte ihr missmutig und zwängte sich wie selbstverständlich hinter das Lenkrad des Passat. Frauke ließ ihn gewähren, da Putensenf sich in Hannover besser auskannte als sie.

Der Hauptkommissar unterquerte die Eisenbahnbrücke, fuhr über die Arndt- und Schloßwender Straße bis zum belebten Königsworther Platz und reihte sich mit der Kenntnis des Einheimischen in die richtige Fahrspur zum Abbiegen in die Königsworther Straße ein. Eine große Plastik, die Frauke an auseinanderfallende Mikadostäbe erinnerte, dominierte hier den mittleren Grünstreifen. Kurz darauf fuhren sie am Ihmezentrum vorbei, das seinerzeit als epochales Objekt im Städtebau hochgepriesen worden war und heute im heruntergekommenen Zustand einen sozialen Brennpunkt darstellte. Der Weg führte weiter durch lebhafte Vorstadtstraßen mit bunten Geschäften, die kurz nach dem Deisterplatz einem großen Gewerbegebiet wichen. Hier war einer der bedeutendsten und traditionsreichsten Industriebetriebe Hannovers beheimatet: Hanomag. Kurz nach der Brücke beim Containerbahnhof Linden bog Putensenf links ab. Auf der einen Seite zogen sich die Gebäude einer bekannten Brotfabrik an der Straße entlang, gegenüber waren Verbrauchermärkte beheimatet.

»Ich habe einen Tipp bekommen«, erklärte Frauke unterwegs. »Wir suchen einen Giancarlo.«

»Das ist nicht Ihr Ernst«, sagte Putensenf spöttisch. »Auf dem Großmarkt arbeiten etwa siebenhundert Leute. Und Sie …«, er schlug dabei aufs Lenkrad, »wollen mal eben mit Giancarlo sprechen. Wie heißt er denn mit Zunamen?«

»Bestimmt nicht Putensenf. Also beschränken wir uns auf Italiener. Sonst noch Fragen?«

Der Kriminalhauptmeister verzichtete auf eine Antwort. Er bog von der Straße Am Tönniesberg in die Zufahrt zum Großmarkt ein. Ein großes Schild verkündete diverse Ge- und Verbote. Von der Geschwindigkeitsbeschränkung auf zehn Stundenkilometer und dem Hinweis auf die Straßenverkehrsordnung über das Gebot, dass Gabelstapler Vorfahrt haben, bis zum mahnenden Hinweis, dies wäre ein Privatgelände und es würden Videoaufzeichnungen gemacht, fehlte nichts, wenn man von der Ermahnung, den Abfall zu entsorgen, absah. Ein Pförtnerhäuschen und eine herabgelassene Schranke stoppten ihre Fahrt.

»Sie dürfen hier nicht rein«, sagte der Mann unfreundlich.

»Wetten doch«, erwiderte Putensenf.

»Haben Sie eine Genehmigung? Dies ist Privatgelände.«

»Wo wir sind, hört das Private auf.« Er zeigte ihm seinen Dienstausweis.

»Das ist kein Grund. Was wollen Sie denn?«

»Das werde ich nicht mit Ihnen diskutieren. Nun öffnen Sie sofort, oder wir setzen uns mit der Geschäftsleitung in Verbindung.«

Widerwillig gab der Mann die Zufahrt frei, nicht ohne dabei noch ein paar unflätige Bemerkungen hinterherzuschicken.

Vis-à-vis der Einfahrt befand sich ein großer, überdachter Parkplatz.

»Lassen Sie es uns dort versuchen«, schlug Frauke vor.

Es herrschte ein unglaubliches Durcheinander. Auf den ersten Blick schien es, als würden sich Menschen, Gabelstapler, Leute mit Sackkarren und anderen Gefährten planlos wie in einem Bienenstock bewegen.

Putensenf breitete die Arme aus. »Jeder von denen könnte Giancarlo heißen. Wollen wir die einzeln fragen?«

»Sie sind destruktiv. Stellen Sie sich nicht dümmer an, als Sie sind.«

Putensenf brummte etwas Unverständliches und ging auf den nächstbesten Stand zu.

»Morgen«, grüßte er einen Mann mit grauen Haaren, der mehrere Kiepen mit Salat von einer Palette nahm und sie auf einen Rollwagen stellte. »Kennen Sie Giancarlo?«

»Giancarlo Rossi?«

»Kennen Sie noch andere?«

Der Mann fuhr sich mit dem Hemdsärmel über die Nase. »Nee.«

»Wo finde ich Rossi?«

Er überlegte kurz. »Hier runter. Drei Stände weiter. Links. Italienimport.«

Putensenf tippte zum Dank mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. Ein Stück weiter stießen sie auf ein Firmenschild, auf dem eine überdimensionale italienische Flagge prangte. Unter dem Grün-Weiß-Rot stand in großen Buchstaben »Italienimport«, darunter etwas kleiner »Obst-Gemüse-Südfrüchte«. Es wurde ergänzt durch eine Telefonnummer, eine Mailadresse und einen Link zu einer Website.

»Fällt Ihnen etwas auf?«, fragte Frauke und zeigte auf das Schild.

Putensenf nickte. »Da steht kein Name.«

Ein Mann in typischer Arbeitskleidung lehnte gegen einen Kistenstapel und rauchte.

»Wir suchen Herrn Rossi«, sagte Frauke.

»Chef da drin«, sagte der Arbeiter in unverkennbar türkischer Klangfärbung und zeigte auf ein verglastes Büro.

Die Tür stand offen. An einem Computer war eine Frau damit beschäftigt, etwas einzugeben. Sie sah kurz auf und sagte: »Guten Morgen.«

An den Wänden zogen sich meterweise Stahlregale entlang, die mit Ordnern bestückt waren. Ein dunkel gelockter Mann mit einem blatternarbigen Gesicht zog die Aufmerksamkeit der beiden Polizisten auf sich. Er hielt einen Telefonhörer in der Hand und sprach in einer für deutsche Ohren unglaublichen Geschwindigkeit in den Hörer. Am anderen Ohr hielt er ein Handy, in das er abwechselnd ebenfalls hineinsprach.

Frauke vermochte nicht zu sagen, ob es südländisches Temperament war oder der Mann sich über irgendetwas erregte. Er sah kurz die beiden Besucher an, um sich dann weiter seinen beiden Telefonaten zu widmen. Nach einigen Minuten hatte er das Gespräch beendet und wählte mit dem Daumen auf dem Handy einen neuen Teilnehmer an. Erneut sprudelte es auf Italienisch aus ihm heraus. Nachdem er auch dieses Telefonat abgeschlossen hatte, sprach er die Frau an: »Johanna. Sind die Lieferscheine für Lehrte fertig? Und sag Karim, er soll zusehen, dass er in die Gänge kommt.«

Das Mobilteil seines Festnetzanschlusses klingelte, und der Mann setzte sich, diesmal auf Deutsch, mit einem unbekannten Teilnehmer auseinander und erklärte, dass es sich um vorzügliche Ware handeln würde, die er geliefert habe, und es mit Sicherheit nichts Besseres auf dem Markt gebe.

»Nein, am Preis kann ich nichts machen«, sagte er und wollte erneut zum Telefon greifen, als ihm Putensenf zuvorkam, die Hand auf den Unterarm legte und sagte:

»Zu viel Stress ist ungesund.«

»Was wollen Sie?«, fragte der Mann mit einem typisch italienisch klingenden Unterton.

»Sind Sie Giancarlo Rossi?«

»Was wollen Sie? Sie sehen doch: Ich bin beschäftigt.«

»Wir auch«, mischte sich Frauke ein und hielt ihm ihren Dienstausweis vors Gesicht. »Wir haben ein paar kleine Fragen. Dann können Sie in aller Ruhe weiterarbeiten.«

»In aller Ruhe«, äffte Putensenf sie nach. Frauke strafte ihn mit einem bösen Blick ab.

»Welche Beziehung haben Sie zu Simone Bassetti?«

»Wer ist das?«

»Stellen Sie sich nicht dumm«, giftete Frauke ihn an. Sie war immer noch über Putensenfs Verhalten verärgert.

»Bassetti? Bassetti?«, wiederholte Giancarlo Rossi zweimal. Dann hellte sich sein Gesicht auf. »Ah! Ist das der, von dem ich in der Zeitung gelesen habe? Hat der nicht zwei Leute ermordet?« Er schüttelte heftig den Kopf und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Gleichzeitig hielt er sich beide Hände vor die Nasenspitze. »Sie glauben doch nicht im Ernst, dass ich solche Leute kennen würde? Aber Signorina. Wie kommen Sie darauf?«

»Immerhin haben Sie sich mit ihm in der Pizzeria Italia in der Gretchenstraße getroffen.«

»Ich? Niemals.«

»Sie wollen behaupten, nie in der Pizzeria gewesen zu sein?«

»Gretchenstraße? Ich kenne eine Pizzeria in der Oststadt.« Rossi schnalzte mit der Zunge und küsste sich dabei auf die Spitzen von Daumen und Zeigefinger. »Dort gibt es gutes Essen. Wie im geliebten Italien. Delizioso. Außerdem treffe ich dort Landsleute. Manchmal ist es für uns wichtig, unter uns zu sein.«

»Einer von denen war Simone Bassetti?«

»Sì. Simone. Heißt er Bassetti?« Für einen Moment schien, es, als würde Rossi Frauke an den Schultern packen und sie berühren wollen. »Das habe ich nicht gewusst. Wer fragt schon nach dem Zunamen? Wenn wir uns hier treffen, dann reden wir uns nur mit dem Vornamen an.«

»Worüber haben Sie gesprochen?«

»Ah. Über vieles. Worüber spricht man? Fußball. Berlusconi.« Dann blitzte es in seinen Augen. »Und natürlich über Frauen. So schöne Frauen wie Sie, Signorina.«

»Wer gehörte noch zu Ihrem Gesprächskreis?«

»Aber! Das war kein Kreis. Man hat sich durch Zufall gesehen, ohne dass man verabredet war.« Er sah an Frauke vorbei in die Ferne. Plötzlich schrie er los. »Was ist, Murat, du faule Socke? Beweg dich! In einer halben Stunde kommt der Russenlaster! Die Arbeit erledigt sich nicht von allein! Wofür wirst du bezahlt, he?« Dann sah er wieder Frauke an und lächelte. »Das ist nicht einfach. Ständig muss man ein Auge auf die Leute haben. Ich hätte gern ein paar Deutsche unter den Arbeitern. Aber von denen will keiner den Job machen.«

Frauke ließ sich durch diesen Exkurs nicht beirren und wiederholte ihre Frage.

»Mal dieser, mal jener. Wenn man Hunger hat oder ein Stück Italien erleben will, geht man in die Pizzeria. Oft sind dort nur Deutsche. Mit ein wenig Glück trifft man aber einen Landsmann.«

»Sie sind hier als Vorarbeiter tätig?«

Er verzog kunstvoll das Gesicht und schaffte es, beleidigt auszusehen. »Signorina! Ich bin der Geschäftsführer.« Zwischendurch klingelte das Telefon. Er wollte zum Hörer greifen, aber Putensenf war schneller, streckte seine Hand aus und ließ sie über dem Apparat kreisen. »Äh – äh«, knurrte er dabei.

»Ist das Ihr Betrieb?«

Jetzt lachte er schallend. »No – no. Das ist eine GmbH.«

»Und wem gehört die?«

»Einem Landsmann, der in Italien einen Großhandel für Obst und Gemüse betreibt. Über dieses Standbein bedienen wir den deutschen Markt.« Erneut klingelte das Telefon. Parallel dazu meldete sich sein Handy. »Ich muss jetzt wieder«, sagte Rossi und ließ sich diesmal nicht daran hindern zu telefonieren.

»Was sollte das Ganze?«, fragte Putensenf auf dem Weg zum Auto.

»Wir suchen Kontakte, die Bassetti hier in Deutschland gehabt hat«, erwiderte Frauke und wollte Putensenf nicht eingestehen, dass sie sich mehr vom Besuch auf dem Großmarkt versprochen hatte. Sie würde Nathan Madsack beauftragen, weitere Erkundigungen über dieses Unternehmen und Giancarlo Rossi einzuholen. Sie drehte sich zum Kriminalhauptmeister um, der einen halben Schritt zurückgeblieben war, und wollte ihn maßregeln für sein respektloses Verhalten vorhin, als Putensenf sie plötzlich an der Schulter packte und zurückriss.

»Vorsicht!«, schrie er laut.

Frauke wusste im ersten Moment nicht, was geschehen war. Außerdem war Putensenfs Griff schmerzhaft gewesen. Dann brauste der unbeladene Gabelstapler mit den beiden Gabeln in Bauchhöhe aus der schmalen Gasse zwischen hoch aufgetürmten Paletten mit unverminderter Geschwindigkeit an ihr vorbei.

Sie holte tief Luft und versuchte, ihr Erschrecken zu verbergen. Wenn Putensenf nicht so schnell reagiert hätte, wäre sie dem Fahrzeug direkt vor die Hubeinrichtung gelaufen.

»Danke, Herr Putensenf«, stammelte sie.

Der Kriminalhauptmeister grinste breit. Das »Herr« war bei ihm angekommen. Dennoch konnte er sich nicht verkneifen, anzumerken: »Es hat seinen Grund, weshalb ich behaupte, dass dieser Job nichts für Frauen ist.«

Frauke verzichtete auf eine Antwort. Während sie schweigend zum Landeskriminalamt zurückfuhren, dachte Frauke wieder an die gegen sie ausgesprochene Todeswarnung.

Frauke war nur kurz an ihren Arbeitsplatz geeilt. In der Zwischenzeit waren weder schriftliche Neuigkeiten noch elektronische Nachrichten eingetroffen. Sie bat Madsack, Erkundigungen über den italienischen Importeur und den Geschäftsführer einzuholen. Dann ging sie zum Kröpcke. Unterwegs besorgte sie sich im Bahnhof die aktuelle Ausgabe der Hannoverschen Allgemeinen.

Alle Plätze des Straßencafés waren besetzt.

»Darf ich mich zu Ihnen setzen?«, fragte sie eine ältere Dame.

»Ich erwarte eine Bekannte«, antwortete die Frau pikiert und sah Frauke böse an, als sie sich trotzdem niederließ. »Muss das sein?«, regte sich die Frau auf, als Frauke die Zeitung auf den Tisch legte.

»Wir haben das alles im Griff«, erwiderte Frauke und war froh, dass sie durch die Bedienung abgelenkt wurde. Wenig später schritt ein Mann mit rundem Gesicht, Hornbrille und Halbglatze suchend durch die Tischreihen. Frauke wedelte diskret mit der Zeitung. Ein erkennendes Nicken des Mannes bestätigte, dass es der erwartete Besucher war.

»Eberlein«, stellte er sich vor und fragte: »Darf ich?«, bevor er sich einen Stuhl zurechtschob.

»Das geht aber zu weit«, monierte die ältere Dame.

»Neben Sie bitte Platz«, forderte Frauke Eberlein auf und ignorierte den Einwand.

»Es freut mich, dass Sie sich für die Wohnung interessieren«, begann der Vermieter und wollte noch einmal die Vorzüge der Räumlichkeiten anpreisen.

Frauke winkte ab. »Das habe ich alles gesehen. Ab wann ist die Wohnung frei?«

»Wann Sie möchten.«

Das signalisierte Frauke, dass es offenbar nicht zu viele Interessenten gab. »Morgen?«

Eberlein zeigte sich überrascht.

»Ich wohne in einem Hotel und würde gern kurzfristig einziehen.«

»Ich hätte zuvor noch ein paar Fragen an Sie. Wollen Sie dort allein wohnen? Haustiere? Wo haben Sie zuletzt gewohnt? Dann bräuchte ich einen Einkommensnachweis.«

»Ich bin Beamtin«, erklärte Frauke.

»Das reicht mir. Damit hat sich alles erledigt«, erklärte Eberlein. »Herr Guggenberger wird den Mietvertrag ausfertigen und mit Ihnen besprechen.«

»Den habe ich gestern genossen. Auf eine weitere Begegnung lege ich keinen Wert.«

»Ja, aber …«, versuchte Eberlein einzuwenden.

Doch Frauke blieb hartnäckig.

»Schön. Treffen wir uns morgen früh in der Wohnung. Ich werde den Vertrag mitbringen und Ihnen die Schlüssel aushändigen. Aber«, druckste Eberlein herum, »zuvor müssten wir das mit der Kaution klären.«

Frauke ließ sich von Eberlein dessen Personalien geben und versprach, sofort ein Kautionssparbuch über die Höhe anzulegen und die geforderte erste Miete am nächsten Morgen in bar zu begleichen.

Eberlein übernahm die Rechnung, und Frauke suchte die nächste Sparkassenfiliale auf, um die notwendigen Aktivitäten zu veranlassen.

Dann kehrte sie ins Büro zurück, besuchte Madsack an dessen Arbeitsplatz und informierte Schwarczer, dass sie mit ihm in fünf Minuten nach Lüneburg aufbrechen wollte.

Die Fahrbereitschaft hatte ihnen einen Opel Vectra zur Verfügung gestellt. Thomas Schwarczer hockte auf dem Beifahrersitz und starrte durch die Windschutzscheibe nach vorn. Unterwegs informierte Frauke den Kommissar über das Wenige, was sie bisher über Buggenthins Tod wussten. Er nahm das kommentarlos zur Kenntnis.

»Sind Sie immer so schweigsam?«, fragte Frauke und erhielt als Antwort lediglich ein Schulterzucken.

Auf der A7 herrschte reger Verkehr. Fraukes Hoffnung, dass es sich ab dem Walsroder Dreieck bessern würde, erfüllte sich nicht.

Die Polizeidirektion Lüneburg war im Behördenzentrum Auf der Hude nördlich der historischen Altstadt untergebracht. In der gewaltigen, modern wirkenden Anlage mit den überdimensionalen Antennen auf dem Dach tummelten sich von der Oberfinanzdirektion über die Gewerbeaufsicht und das Schulamt bis zur »Regierungsvertretung Lüneburg« – was auch immer sich dahinter verbergen mochte – neben zahlreichen weiteren staatlichen Institutionen auch die Polizeiinspektion sowie die Polizeidirektion Lüneburg. Für den Laien mag es irritierend sein, dass dies zwei verschiedene Institutionen sind.

Direkt vor dem breiten Zugang zum Gebäude befanden sich ausreichend Parkplätze.

»Ich bin Mark Heidenreich«, stellte sich der drahtige Mann mit den krausen dunkelbraunen Haaren und dem gepflegten Dreitagebart vor und führte sie in sein Büro. Das »KHK« am Türschild verriet Frauke, dass Heidenreich Kriminalhauptkommissar war und zum Dezernat 11 gehörte. Sie nahm sich vor, sich in nächster Zeit mit dem Organisationsschema der niedersächsischen Polizei auseinanderzusetzen. Es wich erheblich von dem ihr vertrauten in Schleswig-Holstein ab. Hier gab es Direktionen, Inspektionen und Kommissariate. Dabei hatten die Begrifflichkeiten eine völlig andere Bedeutung als beim nördlichen Nachbarn.

»Die Kollegen von der PI sind standardmäßig eingeschaltet worden«, erklärte Heidenreich. »Polizeiinspektion«, ergänzte er, als er Fraukes fragenden Blick sah. »Die kümmern sich um unklare Todesfälle. Der Arzt hat zwar eine natürliche Todesursache angegeben, aber aufgrund der Begleitumstände ›unklar‹ angekreuzt. Dabei ist den Beamten vor Ort die Schachtel mit Viagra aufgefallen. Es muss ein glücklicher Umstand gewesen sein, dass sofort jemand die Fälschung der Verpackung erkannte.« Heidenreich lachte dabei jungenhaft. »So ist der Vorgang bei mir gelandet. Wenn in die Verpackung nicht Originalpräparate abgefüllt wurden, was keinen Sinn macht, dürften wir es hier mit einem Imitat zu tun haben. Ein ähnlicher Fall ist letzte Woche in Bad Bevensen passiert.«

»Davon haben wir keine Kenntnis erhalten.«

Erneut lachte Heidenreich auf. »Wenn wir Ihnen jeden Fall, der bei uns landet, nach Hannover schicken würden, wären Sie schon lange unter Aktenbergen erstickt. Vor einer Woche hat das Zimmermädchen in einem Hotel in Bad Bevensen einen Gast tot aufgefunden. Er lag in einem Hotelzimmer. Zunächst sah es nach Herz-Kreislauf-Versagen aus. Der Tote hieß Herbert Sarkowski, stammte aus Brunsbüttel und war dreiundsechzig Jahre alt. Sarkowski war pensionierter Realschullehrer und hat in Bad Bevensen eine freie Badekur absolviert. Er hat nach Aussage des Hotelpersonals mit einem weiblichen Gast angebändelt. Um das zu genießen«, erneut lachte Heidenreich, »hat er Viagra geschluckt. Das ist ihm zum Verhängnis geworden. Ich habe eine Anfrage bei den umliegenden Krankenhäusern gestartet, ob dort Fälle bekannt sind, die in unser Schema passen könnten, aber noch keine Antworten erhalten.«

»Haben Sie weitere Erkenntnisse gewinnen können?«, fragte Frauke.

»Die Autopsie liegt noch nicht vor. Wir haben auch die drei nicht verbrauchten Tabletten aus der Packung nach Hannover geschickt.«

»Gibt’s Hinweise auf die Quellen, über die die beiden Männer die Pillen bezogen haben?«

»Da sind wir noch nicht weitergekommen. Wir haben Kurt Buggenthins Rechner sichergestellt. Dort haben wir eine abgespeicherte Spam-Mail gefunden, in der das Potenzmittel angepriesen wurde. Sie kennen diese Texte: ›Länger durchhalten im Bett‹ und so. In dieser Offerte versprach der Lieferant ›Originalware‹. Was auch sonst. Buggenthin hat dort per Mail geantwortet und die Ware bestellt.«

»Gab es mehr Korrespondenz?«

»Nur noch eine Mail. Darin wurde ihm die Lieferung zugesagt.«

»Dann müssen wir den Briefträger und die Paketdienste befragen. Wohin hat Buggenthin den Rechnungsbetrag überwiesen? Oder war das per Nachnahme?«, fragte Frauke.

»Leider nicht«, erwiderte Heidenreich. »Das Viagra wurde per Boten zugestellt. Wir sind dabei, die Nachbarn zu befragen, ob jemand einen Fremden gesehen hat.« Der Hauptkommissar sah demonstrativ auf seine Armbanduhr. »Die Kollegen sind noch unterwegs.«

»Und wie sieht es mit dem Absender der Spam-Mail aus?«

»Das haben wir anhand der IP schnell feststellen können. Die Identifikationsnummer des Absenders führt nach Weißrussland. Das stellen wir oft fest. Oder nach Moldawien, Indien, China, aber auch Russland. Alle Versuche, in solchen Fällen hinter die Identität des Absenders zu kommen, sind bisher gescheitert.«

»Jeder Vorgang auf einem Computer hinterlässt im Normalfall Spuren.« Frauke wollte diese mögliche Spur noch nicht aufgeben.

»Richtig. Wir haben die auch gefunden. Cookies. Aber die wiesen – wie gesagt – nach Weißrussland.«

»Und in Bad Bevensen?«

»Da sind wir noch nicht weitergekommen. Herbert Sarkowski hatte keinen Computer dabei. Ob er die Tabletten von zu Hause mitgebracht hat, entzieht sich unserer Kenntnis.«

Frauke ließ sich von Heidenreich den Namen des Hotels nennen. Dann bat sie darum, sich in Buggenthins Wohnung umsehen zu dürfen.

»Ich begleite Sie«, sagte Heidenreich und fuhr mit ihnen in die Georg-Böhm-Straße, eine ruhige Wohnstraße in einem bürgerlichen Viertel.

»Hallo, Mark«, wurde er von zwei jüngeren Männern begrüßt, die an einem Golf lehnten und sich unterhielten.

»Das sind die Kollegen, die sich in der Nachbarschaft umhören«, erklärte Heidenreich und stellte Frauke und Thomas Schwarczer vor.

»Wir sind durch«, berichtete einer der beiden Beamten. »Nix. Niemand hat etwas gesehen oder bemerkt. Buggenthin schien ein zurückgezogenes Leben geführt zu haben. Niemand hatte Kontakt zu ihm. Man berichtete, dass er gelegentlich Frauenbesuch hatte, aber nur sporadisch. Und öfter wechselnd.«

»Wissen wir etwas über seine Angehörigen?«, wandte sich Frauke an Heidenreich.

»Geschieden, ohne Kontakt zur Ex oder zu den beiden Kindern, die auswärts leben.«

Die Wohnung war einfach und zweckmäßig eingerichtet. Auf Frauke wirkte sie wie eine typische Junggesellenbude, in der die ordnende Hand einer Frau fehlte. Die hätte sicher auch darauf hingewiesen, stellte Frauke fest, dass man auch ein wenig mehr in die Reinlichkeit hätte investieren können, als es Buggenthin getan hatte. Die Unordnung war nicht allein im Durcheinander begründet, das die Spurensicherer hinterlassen hatten. Auf dem Küchentisch fand Frauke einige wenige Briefe, deren Umschläge mit dem Fingernagel ungleichmäßig aufgerissen worden waren. Unter den Briefen lagen ausgedruckte Kontoauszüge der Sparkasse Lüneburg vom Sonntag. Frauke verfolgte die Kontobewegungen. Von Buggenthins Konto wurden wiederkehrende Zahlungen abgebucht: Miete, Telefon, Rundfunk, Strom. Es schien zu seinen Angewohnheiten gehört haben, immer nur kleine Beträge in bar abzuheben, fünfzig, maximal einhundert Euro. Nur am vergangenen Freitag hatte er zweihundert Euro abgeholt.

»Wann hat Buggenthin das Viagra bestellt?«, fragte Frauke Heidenreich.

»Ich meine, das war am Mittwoch letzter Woche«, erwiderte Heidenreich. »Die Bestätigungsmail war vom Donnerstag.«

»Dann war der Bote am Freitag hier«, überlegte Frauke laut. »Haben Sie die Frau, die Buggenthin besucht hat, gefragt, wann sie das Rendezvous mit dem Toten verabredet hatte?«

»Nein«, gestand Heidenreich. »Sie meinen, wenn es Mittwoch oder früher war, hat sich Buggenthin das Viagra gezielt beschafft.«

Frauke nickte. »Woher wusste der Mann, wann der Bote kommt? Und woher kannte der Bote die Adresse?«, überlegte Frauke laut. »Wir sollten noch einmal alle Telefonate der letzten Woche zurückverfolgen. Die ein- und die ausgehenden.«

Heidenreich nickte und verabschiedete sich von den beiden Beamten, als sie die Polizeidirektion erreichten.

Frauke wählte die alte Harz-Heide-Straße, die sie von früher her kannte, als sie und ihr Mann noch ein funktionierendes Ehepaar waren. Sie waren mit einem alten R4 in den Harz gefahren, und weil sie sich mit dem Auto nicht auf die Autobahn getraut hatten, waren sie auf diese Straße ausgewichen. Das war lange her, und Frauke war sich nicht sicher, ob Herr Dobermann sich noch daran erinnern konnte, dass sie unterwegs einen einsamen Parkplatz angesteuert hatten. Unwillkürlich warf sie einen Blick zur Seite und musterte Thomas Schwarczer, der reglos auf dem Beifahrersitz hockte und geradeaus blickte.

»Erzählen Sie etwas von sich«, forderte sie ihn auf.

»Ich nehme an, Sie haben in meine Personalakte gesehen. Dort steht alles drin. Mehr gibt es nicht zu erzählen.«

»Und wie sieht Ihr Privatleben aus?«

»Das findet nach Dienstschluss statt.«

Frauke gab es auf. Hätte sie nicht gelesen, dass Schwarczer in Hannover geboren worden war, hätte sie ihn aufgrund seiner schweigsamen Art für einen Dithmarscher gehalten – wenig Worte, aber immer zuverlässig.

Das idyllische Bad Bevensen präsentierte sich von seiner besten Seite. Überall schlenderten die Menschen gelassen herum, genossen das Ambiente der kleinen Kurstadt und flanierten zwischen der breit angelegten Fußgängerzone der Altstadt und dem Kurzentrum.

Das Hotel lag unweit der Lüneburger Straße und des Kirchplatzes. Neben dem historischen Gebäude hatte ein geschickter Architekt einen sich harmonisch anpassenden Neubau errichtet.

Auf dem Parkplatz neben dem Haus standen fast ausschließlich Fahrzeuge von der gehobenen Mittelklasse an aufwärts.

In der Eingangstür kam ihnen ein älteres Paar entgegen. Unverhohlen musterte die Frau zunächst Frauke, dann Schwarczer. Sie schüttelte den Kopf und raunte ihrem Begleiter zu: »Der sieht ja unmöglich aus. Und ob die sich nicht schämt? Das könnte ihr Sohn sein.«

Frauke wertete die Reaktion als Futterneid, obwohl der vermutete Altersunterschied zwischen ihr und dem Kommissar kein Kompliment war.

»Guten Tag«, begrüßte sie der Portier, nachdem er die beiden Beamten mit einem berufsmäßigen Blick taxiert hatte.

»Dobermann, Kripo Hannover. Das ist mein Kollege Schwarczer.«

Frauke gewahrte ein nervöses Zucken im Gesicht des Empfangschefs.

»Wir untersuchen den Tod von Herbert Sarkowski, der in der vergangenen Woche in Ihrem Hotel verstorben ist.«

Der Portier sah erschrocken an den beiden Beamten vorbei, ob jemand dem Gespräch lauschte. Es war kein weiterer Gast anwesend.

»Eine unangenehme Sache«, sagte er leise.

»Wer kann uns weitere Auskünfte geben?«

»Ich«, antwortete er zögerlich.

»Wie ist Ihr Name?«

»Schornheide. Ich bin hier am Empfang und kümmere mich um die großen und kleinen Wünsche der Gäste.«

»Auch um ausgefallene?«

»Wie meinen Sie das?«, fragte er unsicher.

»Zum Wohlfühlen während eines Aufenthalts im Kurort könnte auch eine temporäre Beziehung zwischen zwei Gästen gehören.«

»Um Gottes willen. So etwas gehört nicht zum Stil unseres Hauses.«

»Ich habe nicht unterstellen wollen, dass Sie Gäste miteinander verkuppeln. Wenn sich aber im angenehmen Ambiente Ihres Hotels etwas entwickelt, ist das doch ein positives Zeichen für Sie.«

»Nun ja. Es kommt schon mal vor, dass es funkt. Aber fördern tun wir das nicht. Das ist den Gästen selbst überlassen«, bekräftigte Schornheide.

»Und? Hat es bei Herbert Sarkowski gefunkt?«

»Der war schon zwei oder drei Mal bei uns zu Gast. Ein seriöser Herr. Es gab nie irgendwelche Beanstandungen.«

»Das hat niemand unterstellt. Also? War da etwas? Oder müssen wir Ihre Gäste befragen?«

»Ist schon gut.« Schornheide machte eine besänftigende Handbewegung. »Herr Sarkowski hat sich mit einem weiblichen Gast sehr gut verstanden. Die beiden haben an einem Tisch im Frühstücksraum gesessen, und ich habe sie auch zusammen ausgehen sehen. Mehr weiß ich nicht.«

»Hat Herr Sarkowski Ihren Internetanschluss benutzt?«

»Nein. Das wüsste ich.«

»Wurde für ihn ein Paket abgegeben? Oder hat er sich mit jemandem getroffen?«

»Ich weiß nicht so recht …«, druckste Schornheide herum.

»Wir bekommen es ohnehin heraus.«

»Na ja. Er hatte etwas bestellt.«

»Medikamente?«

»Ich weiß es nicht. Ich bin diskret.«

»Wir auch. Also?«

Es hatte den Anschein, als würde der Portier im Erdboden versinken wollen.

»Herr Schornheide!«, sagte Frauke noch einmal mit Nachdruck.

»Also, ich …«, stammelte der Mann. »Wir haben hier durchweg ältere Herrschaften zu Gast. Und in der entspannten Urlaubsatmosphäre … Also da …«

»Da bricht der dritte Frühling durch«, half ihm Frauke.

Der Portier nickte erleichtert.

»In vielen Hotels ist der Empfangschef vertraulicher Ansprechpartner, wenn ein Gast eine, sagen wir einmal, Begleitung wünscht. Und wenn der Urlauber die selbst gefunden hat, kommt er möglicherweise mit dem Wunsch zu Ihnen, ob es nicht medizinische Hilfen gibt.«

Schornheide sah sie ratlos an. Er hatte Fraukes Umschreibung nicht verstanden.

»Die Männer fragen den Portier, ob er an Viagra herankommt.«

Der Empfangschef nickte schüchtern.

»Und Sie haben eine Quelle?«

Erneut nickte er. Dann beeilte er sich zu versichern: »Das ist absolut vertrauenswürdig, auch wenn es ohne Rezept geht. Ein Reimport. Was nützt es, wenn die Gäste erst am Folgetag zum Arzt laufen müssen, um sich die Verschreibung zu besorgen.«

»Sie haben ein paar Packungen auf Vorrat eingelagert? Dann beschlagnahmen wir die«, sagte Frauke.

Schornheide sackte in sich zusammen, griff unter den Tresen und legte drei Schachteln Viagra auf den Tisch. Frauke sah, dass es sich um die gefälschten Verpackungen mit dem Druckfehler handelte.

»Wo haben Sie die her?«

»Ich tue den Gästen nur einen Gefallen«, verteidigte sich der Portier.

»Ich möchte Ihre Quelle wissen.«

»Ich verdiene nichts daran. Nun, fünf Euro sind für mich als Provision«, fügte er ungefragt an.

»Woher?«

Schornheide zögerte. Er biss sich nervös auf die Unterlippe, bis er einen Zettel hinterm Tresen hervorholte und den Beamten überreichte. »Da rufe ich an.«

Frauke steckte die Medikamente und die Telefonnummer ein. Dann nahm sie die Personalien des Portiers auf.

»Kommt da noch was?«, fragte er ängstlich.

»Ungeschoren werden Sie nicht davonkommen.« Sie nahm ihm das Versprechen ab, dass er den Lieferanten nicht über den Besuch der Polizei informieren und warnen würde.

Im Auto reichte sie Schwarczer die Telefonnummer.

»Rufen Sie dort einmal an. Aber anonym.«

Der Kommissar holte sein Handy hervor, gab etwas ein und wartete auf den anderen Teilnehmer.

»Wer ist dort bitte?«, fragte er nach einer Weile. Dann steckte er sein Mobiltelefon wieder in die Tasche.

»Jemand hat sich mit ›Hallo‹ gemeldet und sofort wieder aufgelegt«, erklärte er.

Frauke folgte der Harz-Heide-Straße bis Breitenhees, bog dort Richtung Celle ab und fuhr nach Hannover zurück. Sie war sich nicht sicher, ob sie die Stille im Auto genießen oder sich doch ein wenig über den schweigsamen neuen Kollegen wundern sollte.

»Kümmern Sie sich um die Verfolgung dieser Spur«, wies sie Schwarczer an. Der akzeptierte es mit einem Kopfnicken.

Im Landeskriminalamt hatte Frauke noch gar nicht ihr Zimmer erreicht, als ihr Nathan Madsack entgegenkam und heftig mit einem Blatt Papier wedelte.

»Gibt es aufregende Neuigkeiten?«, fragte sie im Weitergehen.

»Ich habe Interessantes über den Gemüseimporteur herausgefunden«, sagte der Hauptkommissar kurzatmig und watschelte hinter Frauke her.

»Führt uns das weiter?« Sie hatten inzwischen ihr Büro erreicht.

»Das kommt auf die Bewertung an«, erklärte Madsack. »Giancarlo Rossi ist seit sieben Jahren Geschäftsführer. Wir haben keine Anhaltspunkte, dass er sich vorher in Deutschland aufgehalten hat. Gegen ihn liegt nichts vor. Das gilt auch für das Unternehmen.«

»Das macht mich stutzig«, sagte Frauke und beschäftigte sich nebenbei mit dem Hochfahren ihres Rechners.

Madsack schien irritiert zu sein.

»Machen Sie weiter«, erklärte Frauke. »Oder wussten Sie noch nicht, dass Frauen multitaskingfähig sind? Ich kann mehrere Dinge gleichzeitig erledigen.«

»Ich verstehe nicht … Was macht Sie stutzig?«

»Dass der Gemüseimporteur eine so saubere Weste hat. Es klingt so, als würde man sich bemühen, ja nicht aufzufallen.«

»Das kann ich nicht beurteilen. Es wäre doch gut, wenn wir eine unserer Spuren als falsch abhaken könnten.«

»Sie sagten, Rossi ist Geschäftsführer. Das ist doch eine GmbH? Wer sind die Gesellschafter?«

»Das ist einer. Der hat den Betrieb vor sieben Jahren von einem anderen Italiener übernommen. Genau genommen waren es zwei. Brüder. Die haben mit einem Gemüsestand auf dem Wochenmarkt begonnen und sich langsam hochgearbeitet. Dann haben sie verkauft.«

»Freiwillig?«

»Woher soll ich das wissen?« Madsack wedelte mit seinen Aufzeichnungen. »Ich kann mich nur auf Handelsregisterauszüge und unsere eigenen Daten stützen. Und aus denen geht nichts Nachteiliges hervor.«

»Wer hat das Unternehmen vor sieben Jahren übernommen?«

Madsack sah auf seinen Zettel.

»Mateo Zafferano heißt der Mann.«

»Was wissen wir über den?«

»Nichts. Der ist ein unbeschriebenes Blatt. Er lebt in Italien.«

»Sehen Sie, das ist es, was mich misstrauisch macht. Normalerweise ist im wachsenden Europa nichts dagegen einzuwenden, dass tüchtige Geschäftsleute grenzüberschreitend tätig sind.« Frauke zeigte mit einem Kugelschreiber auf Madsack. »Wer hätte gedacht, dass man mit simplen Schinken einen solchen Schwindel aufziehen kann wie in unserem ersten Fall? Auch da steckten Italiener dahinter.«

»Haben Sie etwas gegen Ausländer?«, mischte sich Jakob Putensenf ein, der unbemerkt im Türrahmen stehen geblieben war. »Italien ist ein wunderbares Land, wo die Zitronen blühen.«

»Pute, müssen Sie überall Ihren Senf dazugeben?«

»Solange Sie, Frau Dobermann, so bissig sind«, erwiderte Putensenf.

Frauke wandte sich wieder Madsack zu und schüttelte den Kopf.

»Das ist zu wenig, Madsack. Da muss noch mehr Fleisch an die Knochen.« Sie drehte ihre Hand im Gelenk. »Versuchen Sie, etwas über diesen Hintermann …«

»Mateo Zafferano«, warf der Hauptkommissar ein.

»Über den möchte ich gern mehr wissen. Gibt es weitere Beteiligungen? Was macht er sonst? Wo wohnt er? Ist er vorbestraft? Das ganze Programm.«

Madsack erhob sich ächzend. »Ich werde mich darum kümmern«, versprach er und verließ Fraukes Arbeitszimmer.

Sie sah dem schwergewichtigen Mann hinterher. Dann fiel ihr ein, dass sie an der Autobahn Richtung Norden das überdimensionale Hinweisschild auf einen Möbelgroßmarkt gesehen hatte. Sie beschloss, nach Großburgwedel zu fahren, und hoffte, dort als Übergangslösung Bett, Tisch und Stuhl zu bekommen, um zumindest notdürftig die neue Wohnung nutzen zu können. Sie war es gewohnt, in Beruf und Alltag ihren Mann zu stehen. Das würde sie auch beim Möbelschrauben beweisen.