27

Er stand in der Küchentür, eine braune Einkaufstüte im Arm. Er trug ein dunkelgrünes Sporthemd und Hosen aus Waschstoff; sein Gürtel saß unterhalb der Taille. Er keuchte vor Anstrengung, und sein Gesicht war mit Schweiß bedeckt. Sein Blick haftete auf der PVC-Tapete, die jetzt zusammengefaltet auf dem Boden lag. Er ließ die Augen die Wand hinaufwandern, wandte sich mir dann ruckartig zu und sah mich an. »Warum haben Sie das getan?«

»Weil es Zeit ist, eine alte Sache zu bereinigen, mein Freund.«

Er ging zum Küchentisch, setzte die Einkaufstüte ab, nahm ein paar Dinge heraus — Toilettenpapier, ein Dutzend Eier, ein Pfund Butter, einen Laib Brot — und legte sie auf den Tisch. Ich sah, dass er versuchte, eine bestimmte Haltung einzunehmen, den richtigen Ton zu finden. Er hatte diese Szene seit Jahren im Geist geübt, wahrscheinlich überzeugt, dass er sich diesem Gespräch mit absoluter Unschuldsmiene stellen konnte. Das Problem war, dass er vergessen hatte, wie ein Unschuldiger sich fühlte oder wie Unschuld aussah. »Was für eine alte Sache?«

»Das viele Blut an der Wand, zum Beispiel.«

Die Pause hatte die falsche Länge. »Welches Blut? Das ist ein Rotholzfleck. Ich habe ein Möbelstück für die Veranda gebeizt und die Kanne mit der Beize heruntergestoßen. Das Zeug ist überall hingespritzt, bis hinauf zur Decke. Das war vielleicht eine Schweinerei, so was haben Sie noch nie gesehen.«

»Arterielles Blut verhält sich so. Es wird aus dem Körper herausgepumpt.« Ich marschierte über den zerknitterten Papierstreifen, der unter meinen Schuhen raschelte, und wusch mir die Hände unter der Wasserleitung.

Er stellte eine halbe Gallone Eiscreme in den Gefrierschrank und schichtete ein paar Packungen Tiefkühlgemüse um. Er war aus dem Takt geraten. Ein geübter Lügner weiß, wie wichtig das richtige Timing ist, wenn er Lässigkeit Vortäuschen will.

Ich trocknete mir die Hände an einem Küchenhandtuch zweifelhafter Herkunft. Es konnte ein Stock von einem Kissenbezug, ein Farblappen oder eine Windel gewesen sein. »Ich bin nach Mt. Calvary hinübergefahren und habe mir Annes Grab angesehen.«

»Kommen Sie zur Sache, ich habe zu arbeiten. Sie liegt bei der übrigen Familie am Hügelhang.«

»Nicht ganz«, sagte ich. Ich lehnte an der Theke und sah ihm beim Auspacken von Konservendosen zu. »Ich war im Büro und habe mir Annes Karteikarte zeigen lassen. Sie haben ihr zwar einen Grabstein gekauft, aber in dem Grab ist keine Leiche. Anne hat im Januar 1940 mit Irene die Stadt verlassen.«

Er wollte sich aufregen, schaffte es aber nicht, sich in die nötige Hitze hineinzusteigern. »Ich habe sie den ganzen weiten Weg von Tuscon, Arizona, hierher überführen lassen und die Überführung bezahlt. Wenn sie nicht in dem Sarg liegt, müssen Sie das nicht mir sagen. Fragen sie den Kerl, der behauptet, dass er sie hineingebettet hat.«

»Ach, lassen Sie’s gut sein«, sagte ich. »Kürzen wir die Jagd ab. Es hat in Arizona weder einen Ehemann noch kleine Kinder gegeben. Das haben Sie alles erfunden. Sie haben Charlotte und Ernily umgebracht. Und Sheila auch. Anne war bis gestern Nacht noch am Leben, und von ihr habe ich das meiste erfahren. Sie hat mir erzählt, Emily habe das Haus verkaufen wollen, doch Sie hätten sich geweigert. Sie muss darauf gedrängt haben, und Sie haben sich daher gezwungen gesehen, sie auszuschalten, um den Streit zu beenden. Nachdem Emily aus dem Weg war, brauchten Sie sich nur noch wegen Anne den Kopf zu zerbrechen. Wenn Sie sie für tot erklären ließen, gehörte der ganze Besitz Ihnen...«

Er schüttelte den Kopf. »Sie sind ein verrücktes Frauenzimmer. Ich habe Ihnen nichts zu sagen.«

Ich ging zum Wandtelefon. »Einverstanden. Mir egal. Sie können sich mit Lieutenant Dolan unterhalten, sobald er hier ist.«

Jetzt war er bereit, darüber zu sprechen, jedes Mittel der Verzögerung war ihm recht. »Ich könnte niemanden töten. Warum sollte ich auch?«

»Wer weiß, was Sie für ein Motiv hatten? Ich vermute, es ging um Geld. Ich weiß nicht warum, nur dass Sie’s getan haben.«

»Habe ich nicht.«

»O doch, Sie haben. Wen wollen Sie hier zum Narren halten?«

»Sie haben keinen Beweis, kein einziges Fitzelchen. Sie können mir nichts nachweisen.«

»Ich nicht, aber jemand anders. Die Polizei ist wirklich schlau, Patrick, und hartnäckig. Mein Gott! Sie haben keine Ahnung, wie hartnäckig man vorgeht, wenn es um Mord geht. Man wird die ganze moderne Technik einsetzen. Labortests, Spezialgeräte, raffinierte Untersuchungsmethoden. Die Polizei hat Experten, und was haben Sie? Nichts als heiße Luft. Sie haben keine Chance. Vor fünfzig Jahren noch hätten Sie sie vielleicht zum Narren halten können, aber nicht heutzutage. Sie sitzen in der Scheiße, Kumpel. Sind total verratzt...«

»Hören Sie mal! Warten Sie einen Moment, junge Dame. Eine solche Sprache dulde ich nicht in meinem Haus.«

»Oh, ich bitte um Entschuldigung. Hab ich ganz vergessen. Sie haben Niveau, lassen keine unanständigen Ausdrücke zu, stimmt’s?« Ich wandte mich wieder zum Telefon. Als ich eben den Hörer nehmen wollte, splitterte hinter mir ein Fenster. Es war wie Ursache und Wirkung. Ich nehme den Telefonhörer ab, und prompt zerschellt die Fensterscheibe. Erschrocken machte ich einen gewaltigen Satz, ließ dabei den Hörer fallen und hüpfte wieder in die Höhe, als er an die Wand knallte. Eine Hand schob sich durch die zerbrochene Scheibe und griff herum, um die Tür aufzuschließen. Ein heftiger Tritt, die Tür schwang auf und prallte ebenfalls gegen die Wand. Ich hatte meine Handtasche gepackt und griff eben nach meiner Pistole, als Mark Messinger auftauchte, die Waffe gezogen und auf mich gerichtet. Der Schalldämpfer ließ den Lauf ungefähr dreißig Zentimeter lang aussehen.

Diesmal lächelte er nicht, strahlte keine Sinnlichkeit aus. Das blonde Haar stand ihm um den Kopf wie die feuchten Stacheln eines Morgensterns. Seine blauen Augen waren kalt und ausdruckslos wie Stein. Patrick hatte kehrtgemacht und hastete auf die Haustür zu. Messinger feuerte ganz beiläufig auf ihn, blieb nicht einmal lange genug stehen, um den Entschluss zu fassen, schoss so selbstverständlich, wie man mit dem Finger zeigt. Peng! Das Geräusch der schallgedämpften .45er Halbautomatik war kaum nennenswert im Vergleich zu dem, was sie anrichtete. Die Wucht der Kugel nagelte Patrick an der Wand fest und riss ihn noch einmal nach vorn, bevor er fiel. Blut und zerfetztes Fleisch blühten auf seiner Brust wie eine Chrysantheme, das zerrissene Baumwollhemd sah aus wie ein Blütenkelch. Ich starrte ihn wie gebannt an, als Messinger mich an den Haaren packte und mein Gesicht hochriss, bis es höchstens zwei Zentimeter von seinem entfernt war. Er stieß mir den Pistolenlauf unters Kinn und drückte so fest, dass es wehtat. Ich wollte protestieren, wagte es jedoch nicht.

»Wo ist Eric?«, flüsterte er.

»Ich weiß es nicht.«

»Du wirst mir helfen, ihn zurückzuholen.«

Furcht hatte sich wie ein Splitter durch meinen Brustkorb gebohrt. Mein ganzer Adrenalinvorrat drängte in mein Gehirn und vertrieb jeden Gedanken. Ich hatte eine flüchtige Vision von Dietz und Rochelle Messingen Offenbar war es ihnen gelungen, das Kind von seinem Vater wegzuholen. Ich roch das Chlor aus dem Swimming-Pool, vermischt mit Mes-singers Atem. Wahrscheinlich hatte er seine Waffe zum Pool nicht mitnehmen können, ohne unliebsame Aufmerksamkeit zu erregen. Ich stellte ihn mir im Wasser vor, und Eric stand noch am Rand, bereit hineinzuspringen. Als seine Mutter aufgetaucht war, hatte er sich bestimmt mit einem Freudenschrei auf sie gestürzt. Und jetzt waren sie wahrscheinlich längst unterwegs zum Flugplatz. Die Maschine war für neun Uhr gechartert worden, damit sie genug Zeit hatten, sich des Kindes zu bemächtigen. Ich verdrängte die Gedanken. Zwang völlige Leere in mein Gehirn.

Messinger schlug mir so hart ins Gesicht, dass mir der Kopf schwirrte. Ich war tot. Diesmal kam ich nicht lebend davon. Er stieß mich zur Hintertür, beförderte mit einem Fußtritt einen Stuhl aus dem Weg. Ich entdeckte den alten Ernie, der schlurfend auf die Küche zukam. Er sah verblüfft und verwirrt aus, besonders als er Patrick mit dem blutigen Angebinde auf der Brust auf dem Boden liegen sah. Mark Messinger drehte sich um und zielte auf den Alten.

»O nein, tun Sie’s nicht!«, gurgelte ich. Meine Stimme klang fremd, hoch und heiser. Mit fest zusammengekniffenen Augen wartete ich auf das Peng. Dann warf ich einen Blick zurück. Der alte Ernie hatte kehrtgemacht und schlurfte in panischer Angst davon. Sein Geheul hallte durch den Flur, so dünn und hilflos wie das eines Kindes. Messinger sah ihm nach, Unentschlossenheit in den Augen. Er verlor das Interesse und wandte sich wieder an mich. »Hol die Wagenschlüssel.«

Die Tasche lag da, wo ich sie fallen gelassen hatte, in der Nähe des Telefons. Unfähig zu sprechen, zeigte ich auf sie. Ich sehnte mich nach meiner Waffe.

»Wir nehmen meinen Wagen. Du fährst.«

Er packte meinen Kopf und vergrub die Hand wieder in meinem Haar, stieß mich so wütend vorwärts, dass ich aufschrie vor Angst.

»Halt den Mund!«, flüsterte er. Sein Gesicht war dicht neben meinem, als wir die Stufen hinuntergingen. Ich stolperte und tastete mit der Rechten nach dem Geländer, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Mein Absatz rutschte von der Stufe ab, und ich stürzte fast. Ich dachte, er werde mir die Haare ausreißen, mich buchstäblich skalpieren, wenn er die Faust nicht öffnete, die mich fest hielt wie ein Schraubstock. Ich konnte nicht nach unten schauen und den Kopf nicht zur Seite drehen. Unter den Sohlen spürte ich die gekieste Zufahrt. Ich ging mit ausgestreckten Händen wie eine Blinde, ersetzte die Augen durch andere Sinne. Der Wagen stand auf der Zufahrt in der Nähe des Schuppens. Ich überlegte, ob vielleicht ein Nachbar uns beobachtete, dem auffiel, wie unbeholfen und schwerfällig wir uns bewegten. Im Geist sah ich Rochelles Gesicht vor mir. Bitte sei im Flugzeug!, flehte ich. Bitte sei schon in der Luft! Nimm Dietz für immer mit und bring ihn irgendwohin, wo er sicher ist. Ich stellte mir seine Ungeduld, seine Heftigkeit vor. Mit meiner ganzen Willenskraft zwang ich ihn in ein Taxi, brachte ihn aus der Gefahrenzone. Ich konnte ihn nicht retten, konnte diesmal nicht einmal mich selbst retten. Messinger riss die Beifahrertür auf und stieß mich über die Vordersitze. Er fuhr einen gelben Rolls-Royce: Armaturenbrett aus Nussbaumholz, Lederpolster.

»Lass den Wagen an«, sagte er. Er stieg ein, rutschte ganz dicht an mich heran und presste mir den Pistolenlauf an die Schläfe. Er atmete schwer, seine Anspannung konzentrierte sich auf den Griff, mit dem er die Waffe hielt. Wenn er mich erschoss, würde ich es nicht spüren. Ich würde tot sein, ehe der Schmerz mir durch die Nerven schießen und ins Bewusstsein dringen konnte. Ich wollte, dass er es tat. Jetzt. »Tu’s endlich!«, sagte er. Ich glaubte, meine eigene Stimme zu hören, so sehr stimmte das, was er sagte, mit meinen Gedanken überein.

»Lass den verdammten Wagen an!« Sein Zorn war unberechenbar — manchmal Feuer und manchmal Eis, seine Gefühle schwankten zwischen ungezügelter Impulsivität und eiserner Selbstbeherrschung.

Ich schob den Schlüssel ins Zündschloss.

»Wohin wollen sie mit meinem Sohn?«

»Das haben sie mir nicht gesagt.«

»Du verlogenes Miststück! Dann sag ich es dir!« Er senkte die Stimme, und ich spürte die Wucht seiner Worte an meiner Wange. Die Sexualität war wieder da, das gleiche prickelnde Verlangen wie beim ersten Tanz mit einem Mann — ein Bewusstsein der Körperlichkeit und aller Möglichkeiten, die auf einen warten. Er war wieder ruhig, zuversichtlich, sein kehliges Lachen fast ein Jubeln. »Rochelle hat einen Zwillingsbruder, der Pilot ist«, sagte er. »Sie wird mit Eric nicht in ihre Wohnung gehen, weil sie weiß, dass ich ihn dort sofort finden würde und sie tot wäre, bevor sie Zeit hätte, die Tür zu schließen. Sie wird versuchen, ihn mit dem Flugzeug wegzubringen und zu verstecken, bis sich alles abgekühlt hat.« Er nahm die Pistole von meiner Schläfe und fuchtelte mit dem Lauf in der Luft herum. »Setz auf die Straße zurück und bieg nach links ein. Wir fahren zum Flughafen. Fahr vorsichtig, okay? Tust du das für mich?«

Ich nickte benommen, meine Stimmung wechselte so abrupt wie die seine. Noch lebte ich, war weder verstümmelt noch verkrüppelt. Ich war dankbar, dass er mich nicht verletzt hatte, glücklich, dass ich noch lebte und lächerlich glücklich, dass er sich gut benahm und fast freundlich mit mir sprach, als ich im Rückwärtsgang auf die Straße fuhr. Er verwandelte meine übliche Großspurigkeit in Demut. Es gab noch Hoffnung. Es gab noch eine Chance. Vielleicht waren sie nicht mehr da. Vielleicht konnte ich ihn umbringen, bevor er mich umbrachte. Plötzlich sah ich Rochelle vor mir, mit einer Schusswunde in der Brust. Er würde sie genauso unbekümmert töten wie Patrick Bronfen, genauso sachlich, genauso beiläufig, genauso selbstverständlich. Dietz würde sterben. Messinger würde vorgeben, mich gegen Eric austauschen zu wollen, und uns dann alle umbringen. Rochelle, Dietz und mich, und das Ausmaß des Entsetzens würde von der Reihenfolge abhängen, in der er uns tötete. Ich konzentrierte mich auf die Straße und bekam plötzlich ein Gefühl für den Wagen. Ich roch die Ledersitze, die frische Rose in der Kristallvase. Geräuschlos glitt der Wagen dahin. Ich bog auf den Highway tor ein und raste nordwärts. Weit und breit keine einzige Autobahnstreife in Sicht.

Mein Mund war trocken. Ich räusperte mich. »Woher wussten Sie, wo ich bin?«

»Ich habe in der ersten Nacht, in der der Porsche vor deinem Haus geparkt war, eine Wanze angebracht. Bin euch seither in verschiedenen Mietwagen überallhin gefolgt. Siehst du das? Mein Empfänger.«

»Warum haben Sie Patrick erschossen?«

»Warum nicht? So einen Armleuchter.«

Ich sah ihn neugierig von der Seite an. »Und warum haben Sie Ernie verschont?«

»Den alten Scheißer? Wer weiß. Vielleicht fahr ich zurück und hol’s nach, wenn du’s schon erwähnst.« Er sagte es neckend. Ein bisschen Killerhumor, um mir zu zeigen, was für ein Draufgänger er war. Er hatte die Waffe von meiner Schläfe genommen, sie lag jetzt auf seinem Knie. »Was ist das für eine Geschichte mit dem Leibwächter? Er ist eine wahre Plage. Zweimal hätte ich dich um ein Haar gehabt, und immer ist er dazwischengekommen.«

Ich blickte starr auf die Straße. »Er ist sehr tüchtig.«

Er sah zu mir herüber. »Treibst du’s mit ihm?«

»Das geht Sie nichts an.«

»Ach, komm schon!«

»Ich kenne ihn erst seit vier Tagen«, sagte ich tugendhaft.

»Na und?«

»Na, so schnell gehe ich mit keinem Typ ins Bett.«

»Du hättest es tun sollen, solange du noch Gelegenheit dazu hattest. Jetzt ist er ein toter Mann. Ich schlage dir einen Handel vor. Wie wär’s? Er oder du? Besser noch, Rochelle oder er. Triff deine Wahl. Wenn du’s nicht tust, bring ich euch alle drei um.«

»Sie werden doch nur für einen bezahlt.«

»Stimmt, aber Geld ist nicht alles. Wenn man etwas gern tut, macht man’s auch umsonst. Hab ich Recht?« Er beugte sich zum Kassettenrecorder vor. »Ein bisschen Musik? Ich habe Jazz, Klassik, Rock und Beat. Kein Heavy Metal oder Reggae. Den Mist hasse ich. Willst du Sinatra hören?«

»Nein, danke.« Ich sah die Ausfahrt zur Universität und zum Flughafen und hielt mich rechts. Die Straße führte in einer Kurve nach oben, dann nach links und überquerte die Autobahn, die jetzt unter ihr verlief. Sie blieb zurück, und wir waren auf der Zielgeraden. Noch zwei Minuten zum Flughafen. Was sollte ich nur tun? Auf der Digitaluhr am Armaturenbrett war es zwei Minuten nach acht. Nach einer Meile kam rechts die Einmündung in die Rockpit Road in Sicht. Ich bog ab. Ich wusste, dass der Ozean in der Nähe war, aber ich roch nur den fauligen Schwefelgeruch des Sumpfes neben der Straße. Nebel kam auf, eine feste weiße Masse vor dem schwärzlichen Himmel. Die Universität thronte auf dem Steilufer wie eine von Wehrmauern umgebene Stadt, nur Licht und lederbraune Türme. Ich hatte nie ein College besucht, stammte in gerader Linie von Arbeitern ab — wie übrigens dieser Mann auch, wenn ich’s recht überlegte. Wie Dietz.

Ich fuhr etwa eine halbe Meile die Rockpit Road entlang, bis rechts die Hangars und die anderen Nebengebäude von Neptune Air auftauchten. Ich ging vom Gas und bog von der Straße ab. Messinger beugte sich wieder vor, diesmal nicht zum Kassettenrecorder, sondern zur Windschutzscheibe, die mit feinem Dunst beschlagen war.

Auf dem Parkplatz standen vier verschiedene Autos, aber nirgends eine Spur von Rochelles Mietwagen. Messinger dirigierte mich an die Windschattenseite eines metallenen Hangars und befahl mir anzuhalten. Unter dem auf dem Kopf stehenden V der Dachkonturen befand sich ein Schild, das von einer einzigen Lampe beleuchtet wurde: Flugunterricht, FAA Reparaturdienst, 24 Stunden Charter und Verkauf von Flugelektronik & Service. Der äußere Umgrenzungsraum bestand aus Maschendraht, mit Stacheldraht und einem Vorhängeschloss gesichert. In regelmäßigen Abständen waren Warnschilder angebracht. Am anderen Ende des Hangars strahlten Flutlichter die leere Rollbahn an.

Wir stiegen aus dem Wagen. Es war kalt, und der Wind fegte über den Makadam, wehte mein Haar in alle Richtungen. Als wir den Parkplatz überquerten, nahm Messinger meinen Ellenbogen mit einer Geste, die mich so stark an Dietz erinnerte, dass mir der Atem stockte.

Die Büros von Neptune Air waren geschlossen und fast dunkel, nur ein einziges schwaches Licht schien durch das Milchglas. Wir gingen um das Gebäude herum. Dahinter erstreckte sich eine Rotholzveranda über die ganze Breite des Hauses. Für die Kunden, die auf ihre Chartermaschinen warteten, hatte man einen Picknicktisch und zwei Bänke aufgestellt. Bestimmt aßen die Angestellten der Neptune Air (alle drei) ihren Lunch hier draußen, beobachteten die landenden Maschinen und tranken Soda in Dosen aus dem Automaten. Rechts stand eine Reihe kleiner Privatmaschinen mit großen Bremsklötzen vor den Bugrädern. Dahinter, eine halbe Meile entfernt, sah ich Santa Teresa Airport. Der oberste Teil des Towers überragte mehrere Lagerhallen. Auf einer Rollbahn holperte eine United 373 zum Start. Messinger zeigte auf die Bänke, und wir setzten uns einander gegenüber an den Picknicktisch. »Verdammt kalt hier draußen«, sagte er.

Ich hörte Stimmen hinter mir und drehte mich um. Zwei Arbeiter, vermutlich Tankwarte, sperrten das Tor des Hangars zu und gingen zum Parkplatz. Messinger stand auf und schaute in ihre Richtung. Er hob die Mündung seiner .45er, zielte und sagte: »Piffpaff.« Er blies imaginären Pulverdampf weg und lächelte. »Die wissen gar nicht, was für ein Glück sie haben, nicht wahr?«

»Nein, das wissen sie wahrscheinlich nicht«, sagte ich.

Er setzte sich wieder.

Sein Haar war zu kleinen Löckchen getrocknet, durch die jetzt spielerisch der Wind fuhr. Seine Augen glimmten im Licht einer Glühbirne an der oberen Ecke des Gebäudes. Er musterte mich interessiert. »Ist dein Daddy je mit dir herausgefahren, um Flugzeuge zu beobachten?«

»Er ist gestorben, als ich fünf war.«

»Meiner hat’s auch nicht getan. Mistkerl. Kein Wunder, dass ich kriminell geworden bin.«

»Was, er war nie dabei, wenn Sie in der Schulmannschaft gespielt haben?«

»Er hat kaum was anderes gemacht als saufen, rumhuren und Leute umbringen. Daher habe ich mein Talent. Von ihm.«

Meine Angst hatte sich verflüchtigt, und die für mich typische Reizbarkeit stieg in mir auf. Zu sterben war eine Sache, mit einem Vollidioten im kalten Wind herumsitzen und Konversation treiben zu müssen, eine ganze andere. Ich hatte gedacht, es könne nichts schaden, freundlich zu tun. Jetzt fragte ich mich, was es für einen Sinn hatte. Messinger starrte mir ins Gesicht. Ich starrte zurück, nur um herauszubekommen, was ich dabei empfand.

Er nickte beifällig. »Ihr blaues Auge sieht schon viel besser aus.«

Ich strich mit dem Finger über den Rand der Augenhöhle. Ständig vergaß ich, welchen Eindruck ich auf einen Nichteingeweihten machen musste. Als ich meine verschiedenen Verletzungen das letzte Mal begutachtet hatte, war festzustellen gewesen, dass sie dramatisch die Farben gewechselt hatten. Zitronengelb war zu Limonengrün geworden, vermischt mit etwas Pflaumenblau. »In dieser Runde haben Sie mich fast erwischt.«

Er winkte ab. »Da wollte ich mich nur ein bisschen aufwärmen. Es war nicht ernst gemeint.«

»Was hatte Eric dazu zu sagen?«

»Es hat ihn nicht gestört. Fiat sich Comics angesehen. Die Kinder sehen heute ständig irgendwelche Gewalttaten, sie finden nichts dabei. Die Leute sterben nicht wirklich. Es sind lauter Spezialeffekte.«

»Ich bezweifle, dass er so empfinden wird, falls Sie Rochelle erschießen.«

»Nicht falls ich sie erschieße — wenn.« Ich merkte, dass sein Blick abschweifte.

Draußen auf der Rollbahn war eine einzige Maschine gelandet, die sich anhörte wie ein VW, der einen neuen Keilriemen brauchte. Ich verlor sie aus den Augen, als sie hinter ein paar Nebengebäuden verschwand. Dann tauchte sie wieder auf und holperte auf uns zu. Messinger stand auf. »Ich wette, das ist er. Komm. Und halt ja den Mund, sonst fängst du eine.«

Die Maschine erreichte das Betonvorfeld neben dem Hangar, und der Pilot machte eine Miniaturwende um hundertachtzig Grad, so dass die Maschine jetzt zur Rollbahn hin stand. Er stellte den Motor ab und löschte die Lichter. Messinger hatte mich am Nacken gepackt und bugsierte mich im Eilschritt zum Flugzeug. Ich stellte mir vor, wie der Pilot die Kopfhörer abnahm, etwas in sein Logbuch schrieb, den Sitzgurt löste. Wenn es Rochelles Bruder war, würde er Messinger auf den ersten Blick erkennen.

Angst kroch mir wie eine Rauchsäule das Rückgrat entlang. Ich versuchte langsamer zu gehen, Widerstand zu leisten, aber Messingers Finger bohrten sich noch brutaler in meinen Nacken. Wir gingen noch schneller, liefen beinahe nebeneinander her, bis wir zum Heck der Maschine kamen. Direkt vor uns wurde die Tür zum Cockpit geöffnet, und der Pilot stieg aus. Wir waren keine zwei Meter von ihm entfernt.

»Hallo, Roy?«, sagte Messinger.

Ich stieß einen Warnschrei aus.

Der Pilot drehte sich überrascht um.

Peng.

Roy fiel auf die Knie und dann vornüber aufs Gesicht. Die Kugel hatte ihm die Nase zerschmettert und riss, als sie wieder austrat, ein Stück des Schädels mit. Ich schrie auf vor Entsetzen, wich schaudernd zurück. Tränen brannten mir in den Augen. Pulverdampf wehte durch den Abend und verzog sich rasch. Ich musste mich mit der Hand auf die Maschine stützen. Messinger hatte den Toten inzwischen an den Armen gepackt und schleifte ihn über den Makadam zurück in die schrägen Schatten des Hangars.

Ich stieß mich von der Maschine ab. Ich floh, rannte um mein Leben. Ich stürmte zum Parkplatz, hoffte, die Straße zu erreichen.

»He!«

Messinger lief hinter mir her mit lauten, harten Schritten. Ich wagte nicht, mich umzuschauen. Er war schneller als ich, und er holte auf. Ich fühlte einen Stoß, der mich zu Boden schleuderte. Ich fiel auf die Hände und versuchte mich wegzurollen, aber ich war nicht schnell genug, um mich zu retten. Ich lag auf dem Boden, und er war über mir, keuchend und rasend vor Wut. Er zerrte mich auf den Rücken, und ich riss die Arme hoch, um seine Schläge abzuwehren.

Etwas erregte seine Aufmerksamkeit, und er hob mit einem Ruck den Kopf. Vom Sumpf her näherte sich ein Wagen. Messinger zog mich auf die Beine, schleppte und stieß mich über die Betonpiste in den Schutz des Gebäudes. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Mauer und drückte mich so fest an sich, dass ich das Gefühl hatte, in einem Schraubstock zu stecken. Eine Hand presste er mir auf den Mund, mit der anderen hielt er mir wieder die Pistole an die Schläfe. Ich war kurz vor dem Ersticken, wir atmeten beide schwer.

Der Wagen hielt auf dem Parkplatz. Ich hörte zwei Autotüren zufallen, eine unmittelbar nach der anderen, und dann Stimmengemurmel. Rochelle sah ich zuerst, ihre Absätze klapperten über das Pflaster, ich sah die blassen Wangen, das helle Haar über dem aufgestellten Kragen ihres Trenchcoats. Eric ging neben ihr, wandte ihr das Gesicht zu. Sie hielten sich bei der Hand. Dietz war auch dicht bei ihr, konzentrierte sich ganz auf die Dunkelheit, die sie einhüllte. Als er die Maschine entdeckte, zögerte er. Ich sah förmlich, wie er verblüfft die Augen zusammenkniff. Er streckte den Arm aus, um Rochelle aufzuhalten, und auch Eric blieb stehen.

Messinger stieß uns von der Mauer ab. »He, Kumpel! Hier drüben! Schau, was ich habe!«

Einen Moment lang bildeten wir fünf ein lebendes Bild. Ich hatte das Gefühl, wir seien Teil eines Festzugs, gehörten einer Theatergruppe an, die ein bekanntes historisches Ereignis darstellte. Niemand rührte sich. Messinger hatte die Hand von meinem Mund weggenommen, aber keiner von uns sagte ein Wort.

Endlich wurde Eric munter. »Daddy?«

»Hallo, mein Großer. Wie geht’s dir denn? Ich bin hier, um dich abzuholen.«

»Mark, gib ihn mir wieder«, sagte Rochelle. »Ich bitte dich. Du hast ihn jetzt acht Monate gehabt. Lass ihn bei mir. Bitte.«

Trotz der Entfernung zwischen uns war ihre Stimme deutlich zu hören.

»Kommt nicht in Frage, Baby. Das ist mein Junge. Aber weißt du was? Ich schlage dir einen Handel vor. Ich kriege Eric, und ihr kriegt sie. Ist das fair?«

Dietz sah Rochelle an. »Er wird Eric nichts tun...«

»Halten Sie sich da raus!«, fauchte Rochelle ihn an. »Das ist nur eine Sache zwischen ihm und mir.«

»Er bringt Kinsey sonst um«, sagte Dietz.

»Das ist mir scheißegal!«

»Entschuldigen Sie, Dietz«, mischte Messinger sich ein. »Ich unterbreche Sie nur ungern, aber eine Auseinandersetzung mit ihr können Sie nicht gewinnen. Sie ist ein dickköpfiges Miststück. Glauben Sie mir, ich weiß Bescheid.«

Dietz schwieg und sah Messinger an. Rochelle hatte besitzergreifend die Arme um Eric gelegt und hielt ihn fest — fast so wie Messinger mich.

Messinger konzentrierte sich einen Augenblick auf Dietz. »Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie Ihre Knarre herausholen würden, Kumpel. Könnten Sie das tun? Ich möchte dieser Dame nicht sofort das Hirn aus dem Kopf blasen müssen. Ich hab mir gedacht, dass ihr euch gern voneinander verabschieden würdet.«

»Wie ernst ist es Ihnen mit einem Handel?«, fragte Dietz.

»Erledigen wir zuerst die Sache mit der Knarre, okay? Dann verhandeln wir. Ich muss Ihnen sagen, dass ich ziemlich nervös bin. Ich habe eine entsicherte .45er in der Hand, und der Abzug braucht nur zwei Pfund Druck. Also machen Sie mal ganz langsam.«

Dietz schien sich in Zeitlupe zu bewegen, nahm seine Waffe aus dem Halfter, das er unter dem sportlichen Tweedjackett trug. Er hielt den Lauf in die Höhe, nahm das Magazin heraus und warf es auf den Boden. Das Metall klapperte über den Beton, als er es mit der Fußspitze wegstieß. Er warf die Waffe über die Schulter in die Dunkelheit. Dann hob er die Hände, Handteller nach außen.

Dietz und ich wechselten einen Blick. Ich fühlte Messin-gers Anspannung durch meine Rückenknochen. So an ihn gelehnt, war mir wärmer, und wenn ich den Kopf nicht bewegte, spürte ich die Pistolenmündung kaum. Da der Lauf mit aufgeschraubtem Schalldämpfer so lang war, konnte er ihn mir nicht direkt an den Kopf halten. Er war gezwungen, aus einem bestimmten Winkel auf mich zu zielen. Ich fragte mich, ob ihm das Gewicht der Waffe nicht allmählich lästig wurde.

Messinger musterte Dietz sehr sorgfältig.

»Sehr schön. Und jetzt überreden Sie Rochelle dazu, mit mir zu kooperieren. Versuchen Sie, sie zur Vernunft zu bringen. Wenn Sie’s nicht schaffen, werde ich hier meinen Fünfzehnhundertdollar-Auftrag erledigen.«

»Warum fragst du nicht Eric, was er will?«, sagte Rochelle.

»Weil er noch zu klein ist, um zu unterscheiden, wer für ihn sorgen soll«, sagte Messinger gönnerhaft. »Du lieber Himmel, Rochelle! Es ist nicht zu fassen, was für einen Scheiß du daherredest. Genau das macht dich zu einer schrecklich schlechten Mutter, weißt du das? Wenn er bei dir bleibt, wird mit der Zeit ein richtiger kleiner Schwächling aus ihm. Lassen wir jetzt den Quatsch beiseite, erledigen wir lieber unseren kleinen Handel. Schick Eric einfach zu mir rüber, dann sehen wir, was wir tun können.«

Dietz sah Rochelle an. »Tun Sie, was er sagt.«

Sie antwortete nicht. Sie starrte Messinger an, dann schweifte ihr Blick zu mir ab. »Ich glaub dir nicht. Du bringst sie trotzdem um.«

»Nein, das werde ich nicht tun«, sagte er, als habe sie ihn fälschlich beschuldigt. »Deshalb habe ich sie hergebracht. Um zu tauschen. Ich würde nie jemanden linken, wenn es dabei um mein Kind geht. Bist du verrückt?«

»Sie bekommen eine zweite Chance, Eric zurückzuholen«, sagte Dietz zu ihr. »Ich verspreche es. Wir werden Ihnen helfen. Aber gehen Sie jetzt darauf ein.«

Sogar aus dieser Entfernung sah ich, wie ihr Gesicht sich verzog. Sie gab Eric einen leichten Stoß. »Geh schon...« Die Hände tief in den Manteltaschen vergraben, begann sie zu weinen.

Eric zögerte, blickte von ihrem Gesicht zum Gesicht seines Vaters.

»Es ist schon gut, Engel«, sagte sie. Er ging rasch, den Kopf gesenkt, das Gesicht verborgen.

Messinger packte mich noch fester, und ich roch den gelblichen Schweiß, der ihm aus allen Poren sickerte — den Schweiß sexueller Erregung. Die Zeit schien stillzustehen, während das Kind den Parkplatz überquerte. Nur der Wind war zu hören, der raschelnd über die Rollbahn fegte.

Eric kam bei uns an. Ich hatte ihn noch nie aus der Nähe gesehen. Er sah aus wie ein Kind auf einer Glückwunschkarte zum Valentinstag, rosige Wangen, blaue Augen, lange Wimpern. So verletzlich. Er hatte leicht abstehende Ohren, und sein Hals schien zu dünn zu sein. »Tu ihr nichts, Daddy.«

»Das würde ich nie tun«, sagte Messingen »Der Wagen steht auf der anderen Seite des Hangars. Du kannst dort drüben auf mich warten. Hier ist der Schlüssel.«

»Mark?« Rochelles Stimme ging fast unter im Dröhnen einer Maschine, die zur l.andung ansetzte. Tränen strömten über ihr Gesicht. »Darf ich ihm einen Abschiedskuss geben?«

»Himmel!«, hörte ich ihn murmeln. Dann hob er die Stimme: »Na, dann komm rüber, aber mach schnell.« Zu Eric sagte er: »Warte hier auf deine Mami, und dann setzt du dich in den Wagen, wie ich es dir gesagt habe. Hast du zu Abend gegessen?«

»Wir haben bei McDonald’s gehalten und einen Big Mac gegessen.«

»Nicht zu fassen! Du weißt doch noch, was ich dir über diesen Plastikfraß gesagt habe?«

Eric nickte, seine Augen füllten sich mit Tränen. Er wusste nicht mehr, ob er auf den Vater oder auf die Mutter hören sollte.

In der Zwischenzeit kam Rochelle auf uns zu, in einer schnurgeraden Linie, setzte einen hochhackigen Schuh vor den anderen wie in der Mannequinschule. Über ihre Schulter hinweg trafen sich die Blicke von Dietz und mir und hielten einander fest. Sein Lächeln wollte mir Mut machen. Ich wollte Dietz nicht sterben sehen, glaubte es nicht ertragen zu können, dachte, wenn es darauf hinauslief, wollte ich auch nicht mehr leben.

Ich sah zu Rochelle hin. Sie war ungefähr einen Meter vor uns stehen geblieben. Eric ging auf sie zu und presste das Gesicht gegen sie. Sie bückte sich und legte die Wange auf seinen Scheitel. Sie weinte ganz offen. »Ich liebe dich«, flüsterte sie. »Du wirst brav sein, nicht wahr?«

Er nickte stumm, löste sich dann von ihr und lief, ohne zurückzublicken, auf den Rolls zu. Sein Vater rief ihm nach: »He, Eric, im Handschuhfach sind ein paar Kassetten. Du darfst spielen, was du willst.«

Rochelle sah Mark an. Sie zog den Derringer aus der Tasche, zielte auf seinen Kopf und drückte ab. Der Knall war unverhältnismäßig laut für eine so kleine Waffe. Ich hörte Mark schreien. Er ließ die .45 er fallen, presste beide Hände auf sein rechtes Auge, stürzte seitlich aufs Pflaster und krümmte sich vor Schmerzen. Mit einer Sachlichkeit, die sie von ihm gelernt haben musste, ging Rochelle ganz dicht an ihn heran und feuerte wieder. »Du Mistkerl! In deinem ganzen verdammten Leben hast du dich noch nie an eine Abmachung gehalten.«

Messinger lag still.

Dietz setzte sich in Bewegung und kam auf mich zu. Ich lief ihm entgegen.

Als die Polizei schließlich den Boden um Bronfens Geräteschuppen herum aufriss, kamen vier Leichen ans Licht. Die im Fundament vergrabene wurde als ehemaliger Pensionsgast von Bronfen identifiziert, dessen Pensionsscheck Bronfen mindestens fünf Monate lang kassiert hatte. Die Pathologen arbeiten noch immer daran, festzustellen, wer die anderen Toten sind; doch eine ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Bronfens Frau Sheila. Irene geht es besser, seit sie die Wahrheit weiß. Sie hat einen guten Therapeuten gefunden, der ihr hilft, mit allem fertig zu werden. Es wird vielleicht noch Jahre dauern, aber sie ist wenigstens auf dem richtigen Weg.

Ein dritter (und letzter) gedungener Mörder wurde, kurz nachdem Messinger getötet worden war, in Carson City gefasst. Gestern habe ich mit Lee Galishoff telefoniert, der mir erzählte, Tyrone Patty sei bei einem Streit mit einem Mitgefangenen durch einen Messerstich tödlich verletzt worden.

Dietz war bis zum 29. August bei mir, dann klappte es mit dem Job, auf den er gehofft hatte. Jetzt ist er in Deutschland und filmt simulierte Überfälle auf Militärstützpunkte. Er schwört, dass er zurückkommt. Ich möchte ihm gern glauben, weiß aber nicht, ob ich es wagen soll. Bis dahin habe ich meine Arbeit und ein Leben, das mir reicher vorkommt, seit er dazugehört hatte.

Bis demnächst,

Ihre Kinsey Millhone