6

Ich fuhr zurück ins »Vagabond« und säuberte mich gründlich. Das Hemd knüllte ich zusammen, steckte es in die Segeltuchtasche, zog ein frisches T-Shirt an und schnallte das Schulterhalfter um. Ich legte meine Aktenmappe neben mich aufs Bett, nahm eine Schachtel PMC-Patronen heraus, lud meine Zweiunddreißiger und schob sie mir unter den linken Arm, wo sie überhaupt nicht auffiel. Eine Todesdrohung ist eine seltsame Sache. Sie kommt einem gleichzeitig abstrakt und absurd vor. Ich hatte keinen Grund, die Fakten anzuzweifeln. Ich stand auf Tyrone Pattys Abschussliste. Ein Kerl in einem Lieferwagen hatte mir auf einer einsamen Straße einen Reifen zerschossen. Das konnte natürlich ein idiotischer Streich gewesen sein, der nichts mit Pattys Drohung zu tun hatte, doch ich vermutete, der Kerl in dem Lieferwagen wäre zurückgekommen und hätte mir noch eine Kugel verpasst, wenn der Laster mit den Farmarbeitern nicht hinter mir angehalten hätte. Guter Gott. Gerettet von einer Wagenladung mexikanischer Landarbeiter, die mich mit obszönen Worten und Gesten beglückt hatten. Ich hätte entführt oder auf der Stelle umgebracht werden können. Ein gnädiges Schicksal hatte bewirkt, dass ich noch heil herumlief. Schwierigkeiten machte mir nur die Überlegung, was ich als Nächstes tun sollte. Mich an die hiesige Polizei zu wenden, hatte keinen Sinn. Ich wusste weder Marke noch Modell, noch Zulassungsnummer des Lieferwagens, und ich hatte auch den Fahrer nicht genau gesehen. Unter diesen Umständen würden die Polizisten mir vielleicht mitfühlend zuhören, aber konkrete Hilfe konnten sie mir nicht anbieten. Wie die Polizei in Santa Teresa wären sie sehr verständnisvoll, aber nicht sonderlich entschlussfreudig.

Was dann? Eine Alternative war, meine Sachen in den Wagen zu werfen und auf der Stelle nach Santa Teresa zurückzugurken. Andererseits schien es mir nicht besonders klug zu sein, mich nachts auf die Straße zu wagen, besonders in einer Gegend wie dieser, wo man zehn Meilen weit fahren konnte, ohne ein einziges Licht zu sehen. Mein Freund im Lieferwagen hatte es schon einmal versucht. Besser, man gab ihm keine zweite Gelegenheit. Eine andere Möglichkeit war, einen hiesigen Privatdetektiv anzurufen und um Hilfe zu bitten. Die Gemeinschaft der Privatdetektive ist ziemlich klein, und wir beschützen uns gegenseitig. Wenn mir jemand helfen konnte, dann war das ein Kollege, der das gleiche Spiel spielte und die gleichen Risiken einging wie ich. Zwar bin ich stolz auf meine Unabhängigkeit, aber eine Närrin bin ich nicht und habe auch keine Angst davor, um Rückendeckung zu bitten, wenn die Situation es erfordert. Das ist eines der ersten Dinge, die man bei der Polizei lernt.

Seltsamerweise hatte ich noch immer nicht das Gefühl einer ernsten Bedrohung. Es gab sie zweifellos, doch ich war nicht in der Lage, sie mit meiner persönlichen Sicherheit in Zusammenhang zu bringen. Mein Verstand sagte mir, dass dort draußen Gefahr lauerte, aber sie kam mir ungefährlich vor — eine Spitzfindigkeit, die tödlich sein konnte, wenn ich nicht aufpasste. Ich wusste, es wäre klug, die Situation ernst zu nehmen, aber ich brachte es einfach nicht fertig, Angstschweiß zu produzieren. Menschen im Anfangsstadium einer unheilbaren Krankheit reagieren wahrscheinlich genauso. »Du machst Witze... Wer? Ich?«

Nach dem Telefonat mit Irene Gersh musste ich mir einen Schlachtplan einfallen lassen. Aber da ich am Verhungern war, wollte ich vorher etwas essen. Ich schlüpfte in einen weiten Anorak, der Schulterhalfter und Pistole erfolgreich verbarg.

Am Ende der Straße war ein Café mit blinkender Neonleuchtschrift: Essen und Tanken. Genau das, was ich brauchte. Vorsichtig überquerte ich den Highway, wobei ich wie ein Kind zuerst nach beiden Seiten schaute. Jedes Fahrzeug, das ich sah, schien ein roter Kleinlieferwagen zu sein.

Das Café war winzig, das Licht grell, aber irgendwie tröstlich. Durch Horrorfilme gründlich geschult, neige ich zu der Ansicht, dass Böses sich nur im Finstern ereignet. Albern wie immer. Ich suchte mir einen Platz mit einer Wand im Rücken und so weit wie möglich vom Fenster entfernt. Außer mir waren nur noch sechs Gäste da, die sich untereinander zu kennen schienen. Keiner kam mir bedrohlich vor. Ich studierte die Speisekarte, die aus einer Klarsichthülle und einem vervielfältigten Blatt bestand, mit verschmierter purpurfarbener Tinte geschrieben. Man hatte die Wahl zwischen cholesterinreich und fett. Ein Lokal, wie ich es liebe. Ich bestellte einen Deluxe-Cheeseburger-Teller, zu dem es Pommes frites, ein lasches Salatblatt und eine Scheibe künstlich gereifter Tomate gab. Ich trank eine große Cola und krönte das Mahl mit einem Stück Kirschkuchen, das mich laut aufstöhnen ließ. Das war der Kirschkuchen meiner Kindheit — sauer, glitschig und mit einer Gitterkruste, die von klebrigem geschwärzten Zucker zusammengehalten wurde. Der Kuchen sah aus, als sei er über einem Acetylen-Schneidbrenner gebacken worden. Die in diesem Essen enthaltenen Chemikalien machten mich völlig benommen. Ich schätzte, dass ich chemische Zusätze und Konservierungsmittel in einer Dosis zu mir genommen hatte, die ausreichte, mein Leben zwei Jahre zu verlängern — wenn man mich nicht vorher umbrachte.

Auf dem Rückweg in mein Zimmer schaute ich kurz in die Rezeption hinein, um zu fragen, ob Nachrichten für mich da waren. Zwei Anrufe vom Pflegeheim waren notiert, ein dritter von Irene; sie hatte vor etwa zehn Minuten angerufen. Alle drei trugen den Vermerk dringend. O Mann! Ich schob die Zettel in die Tasche und marschierte hinaus. Nachdem ich ein Stück den Gehweg entlanggegangen war, blieb ich wie erstarrt stehen, weil ich das unheimliche Gefühl hatte, beobachtet zu werden. Es überrieselte mich vom Kopf bis zu den Zehen so eisig, als liefe mir schmelzender Schnee den Rücken hinunter. Ich dachte sofort an die hell erleuchteten Fenster hinter mir, verzog mich auch aus dem Lichtkreis der Außenbeleuchtung und verharrte im Dunkeln. Auf dem Parkplatz war es ziemlich finster, und mein Zimmer lag auf der gegenüberliegenden Seite. Ich lauschte, hörte aber nur den Verkehrslärm auf dem Highway, das Dröhnen der Laster, die warnende Hupe eines Rasers, der andere Fahrzeuge von seiner Fahrspur scheuchte. Ich wusste nicht, was mich aufgeschreckt hatte — falls ich überhaupt etwas gehört hatte. Ich spähte in die Dunkelheit und drehte den Kopf hin und her, während ich mich bemühte, aus der Kulisse der alles übertönenden lauten Geräusche die leisen, unaufdringlichen auszusondern und zu lokalisieren. Ich wartete, und mein Herzschlag hämmerte mir in den Ohren. Was diese Geschichte meinem Kopf antat! Von irgendwoher kam schwach das helle, melodische Kichern eines kleinen Kindes. Der Ton, koboldhaft, überschlug sich, wurde zum hilflosen Quietschen, als würde jemand unbarmherzig gekitzelt. Ich hockte mich neben einer Wand aus dichtem Strauchwerk auf die Fersen.

Am anderen Ende des Parkplatzes tauchte ein Mann auf und bewegte sich mit einem Kind auf den Schultern durch das Dunkel auf mich zu. Er hatte die Arme nach oben gestreckt, um den Jungen fest zu halten, und stupste ihn, um ihn zu necken, immer wieder in die Rippen. Lachend klammerte sich der Kleine mit beiden Händen an die Haare seines Vaters, und sein Körper schwankte wie bei einem Kamelritt im Rhythmus der väterlichen Schritte. Der Mann bückte sich, als sie in den erleuchteten Durchgang einbogen, wo ich in einer Nische die Automaten für alkoholfreie Getränke und Speiseeis gesehen hatte. Einen Augenblick später hörte ich das vertraute Geräusch, mit dem eine Dose durch den Schacht rasselte. Die beiden erschienen wieder, diesmal Hand in Hand, und schwatzten vergnügt miteinander. Ich atmete ganz langsam aus und sah sie um die Ecke herum zur Außentreppe gehen. Im ersten Stock tauchten sie wieder auf und betraten das dritte Zimmer von hinten. Ende der Episode. Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass ich meine Pistole gezogen hatte, aber der Reißverschluss meiner Jacke war offen, und ich hielt die Waffe in der Hand. Ich verstaute sie wieder. Mein Herz schlug langsamer, und wie ein Läufer nach einer anstrengenden Strecke schüttelte ich die innere Anspannung aus Armen und Beinen.

Über den schmalen Fahrweg hinter dem Motel kehrte ich in mein Zimmer zurück. Er war sehr dunkel, aber ich fühlte mich hier sicherer als beim Überqueren des offenen Parkplatzes. Um in mein Zimmer zu gelangen, drückte ich mich um das Ende des Gebäudes herum, sperrte die Tür auf, griff nach innen und knipste das Licht an, bevor ich hineinschlüpfte. Das Zimmer war unberührt, alles sah noch genauso aus, wie ich es verlassen hatte. Ich schloss die Tür hinter mir ab und zog die Vorhänge zu. Als ich mich neben den Nachttisch setzte, merkte ich, dass ich unter den Armen schweißgebadet war — die Angst kam über mich wie ein Nachbeben. Es dauerte eine Weile, ehe ich meine zitternden Hände wieder in der Gewalt hatte.

Als erstes rief ich bei Irene an. Sie nahm sofort ab, als habe sie am Telefon gelauert. »O Kinsey, Gott sei Dank!«, sagte sie, nachdem ich mich gemeldet hatte.

»Das klingt ja so aufgeregt. Was ist los?«

»Vor ungefähr einer Stunde hat mich das Pflegeheim angerufen. Ich hatte heute Nachmittag lange mit Mrs. Haynes telefoniert, und wir waren übereingekommen, Mutter mit einer Luftambulanz nach Santa Teresa zu transportieren. Clyde hat es mit viel, viel Mühe geschafft, einen Platz in einem hiesigen Pflegeheim zu bekommen. Es ist wirklich hübsch und gar nicht weit weg von uns. Ich dachte, sie werde vor Freude außer sich sein, aber als Mrs. Haynes es ihr sagte, hat sie einen Tobsuchtsanfall bekommen. Sie mussten ihr ein Beruhigungsmittel geben, und trotzdem hat sie noch einen Riesenkrach geschlagen. Jemand muss zu ihr und dafür sorgen, dass sie sich beruhigt. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus?«

O Scheiße!, dachte ich. »Ich will mich nicht mit Ihnen streiten, Irene, aber ich glaube nicht, dass ich sehr hilfreich sein kann. Ihre Mutter hat keine blasse Ahnung, wer ich bin, und es ist ihr auch völlig egal. Als sie mich heute Nachmittag sah, hat sie eine Bettpfanne quer durchs Zimmer nach mir geschleudert.«

»Das tut mir Leid. Ich weiß, es ist eine Zumutung, aber ich bin mit meiner Weisheit am Ende. Ich habe selbst versucht, mit ihr zu telefonieren, aber sie redet nur wirres Zeug. Mrs. Haynes sagt, dass das Medikament manchmal diese Wirkung hat; anstatt die alten Patienten zu beruhigen, scheint es sie noch auf Touren zu bringen. Sie lassen für die Morgenschicht eine Privatschwester aus El Centro kommen, aber die ganze Abteilung ist in Aufruhr, und sie bitten dringend um Hilfe.«

»Gut. In Ordnung. Ich will tun, was ich kann, aber ich habe mit diesen Dingen überhaupt keine Erfahrung.«

»Das verstehe ich ja«, sagte Irene. »Ich weiß nur nicht, an wen ich mich sonst wenden könnte.«

Ich sagte ihr, ich würde ins Pflegeheim hinüberfahren, dann legte ich auf. Ich konnte nicht fassen, dass ich mich darauf eingelassen hatte. Meine Anwesenheit in der geriatrischen Abteilung würde sich ungefähr als genauso zweckmäßig erweisen wie das Vorhängeschloss am Wohnwagen von Agnes Grey. Alles äußerlich, ohne Sinn. Was mich besonders sauer machte, war der Verdacht, dass man einem männlichen Kollegen so etwas ganz bestimmt nicht einmal vorgeschlagen, geschweige denn von ihm verlangt hätte. Ich wollte diese alte Frau nicht wieder sehen. Zwar bewunderte ich sie, weil sie Mumm hatte, aber ihre Hüterin wollte ich nicht sein. Ich hatte genug damit zu tun, mich selbst in Sicherheit zu bringen. Warum bildet alle Welt sich nur ein, Frauen seien die geborenen Samariterinnen? Meine Mutterinstinkte hatte mir schon meine Puppe Betsy ausgetrieben, die aus dem Fläschchen trinken und in die Windeln machen konnte. Jedes Mal wenn sie in ihre kleinen Flanellwindelchen gepinkelt hatte, fühlte ich, wie es in mir kochte. Ich hörte auf, ihr das Fläschchen zu geben, und damit hatte der Spuk ein Ende; doch diese Erfahrung hatte mich dazu gebracht, mich schon im Alter von sechs Jahren zu fragen, ob ich mich zur Mutter eignete.

In so mildtätiger Stimmung brach ich zum Rio Vista auf. Um zu sehen, ob mir jemand folgte, behielt ich ständig den Rückspiegel im Auge. Ich hielt nach Lieferwagen in allen Größen und Farben Ausschau. Zwar glaubte ich, der, den ich gesehen hatte, sei ein Dodge gewesen, aber ich hatte ja nicht sonderlich darauf geachtet und hätte es nicht beschwören können.

Es passierte gar nichts. Ungeschoren erreichte ich das Pflegeheim, stellte den Wagen auf dem Besucherparkplatz ab, betrat das Haus durch den Haupteingang und stieg die Treppe hinauf. Es war unheimlich still. Niemand konnte wissen, was Agnes ausheckte. Es war erst acht Uhr, aber im Flur brannte nur noch die Nachtbeleuchtung, und im ganzen Haus hörte man nichts als die gedämpften Nachtgeräusche, die allen Krankenhäusern eigen sind. Die Alten schlafen unruhig, die schmerzenden Glieder peinigen sie. Die Nächte müssen lang sein, erfüllt von unruhigen Träumen, der Angst vor dem Tod oder, vielleicht noch schlimmer, der Gewissheit, wieder zu einem endlosen Tag zu erwachen. Was hatten sie noch zu erhoffen? Was gab es noch Erstrebenswertes für sie in diesem Niemandsland künstlichen Lichts? Ich glaubte das Zischen des Sauerstoffs durch die Wände zu hören, ahnte, wie viele pharmazeutische Produkte in ihre Körper infundiert wurden. Herzen schlugen weiter, Lungen arbeiteten, Nieren filterten das Gift aus dem Blut. Aber wer diagnostizierte ihre Ängste, und wie konnte man ihnen Erleichterung von dem unterschwelligen Leiden verschaffen, das Hoffnungslosigkeit heißt?

Als ich das Sechsbettzimmer betrat, sah ich, dass nur noch über Agnes’ Bett ein Licht brannte. Ein Pfleger, ein junger Schwarzer, legte seine Zeitschrift beiseite und kam, einen Finger auf den Lippen, auf Zehenspitzen auf mich zu. Wir sprachen kurz und sehr leise miteinander. Das Medikament habe endlich gewirkt, und sie sei eingenickt, sagte er. Da ich nun hier sei, müsse er zu seiner regulären Arbeit zurück. Falls ich etwas brauchte, fände ich ihn im Schwesternzimmer in der Halle. Er ging hinaus.

Leise bewegte ich mich auf den hellen Lichtkreis zu, in dem Agnes schlief. Die Decke auf ihrem Bett war von schwerer Baumwollqualität, grellweiß und kaum ausgebeult, auch da nicht, wo sie die abgezehrte Gestalt bedeckte. Agnes schnarchte leise. Ihre Augen schienen leicht offen zu stehen, die Lider zuckten, während sie irgendein Erlebnis innerlich verarbeitete. Ihre rechte Hand umklammerte das Laken, die arthritischen Knöchel traten so stark hervor wie die Knoten im roten Holz der Küstensequoia. Ihre Brust war flach. Aus ihrem Kinn spross ein derber Bart, als habe das Alter bei ihr zu einer Geschlechtsumwandlung geführt. Ich merkte, dass ich meinerseits den Atem anhielt, während ich sie beobachtete und in Gedanken beschwor zu atmen, und ich fragte mich, ob sie vielleicht vor meinen Augen davonsegeln würde. Heute Nachmittag war sie mir aufsässig und energisch vorgekommen. Jetzt erinnerte sie mich an so manche alte Katze, die ich kannte — fast feenähnliche Wesen, mit Knochen, die hohl und so zart zu sein scheinen, dass man meint, die Tiere müssten schweben können.

Ich schaute auf die Uhr. Zwölf Minuten waren vergangen. Als ich Agnes wieder ansah, hefteten sich ihre schwarzen Augen mit erstaunlicher Lebhaftigkeit auf mein Gesicht. Diese plötzliche Wachheit war irgendwie erschreckend, wie ein Besuch aus der Geisterwelt.

»Verschlepp mich nicht dorthin«, flüsterte sie.

»Es ist bestimmt nicht so schlimm. Das Pflegeheim ist sehr hübsch, habe ich gehört. Wirklich. Viel besser als dieses.«

Ihr Blick wurde noch eindringlicher. »Du verstehst nicht. Ich will hier bleiben.«

»Ich verstehe schon, Agnes, aber es ist nicht möglich. Sie brauchen Hilfe. Irene möchte Sie in ihrer Nähe haben, damit sie sich um Sie kümmern kann.«

Traurig schüttelte sie den Kopf. »Ich werde sterben. Ich werde sterben. Es ist zu gefährlich. Hilf mir, damit ich fliehen kann.«

Ich fühlte, wie sich mir die Haare sträubten. »Es wird Ihnen gut gehen«, sagte ich. »Alles ist in Ordnung.« Meine Stimme war zu laut, ich sprach leiser, beugte mich zu ihr vor. »Erinnern Sie sich an Irene?«

Sie blinzelte, und ich hätte schwören können, dass sie mit sich selbst im Streit lag, ob sie es zugeben sollte oder nicht. Sie nickte, ihre Stimme bebte. »Mein kleines Mädchen«, sagte sie und streckte die zitternde Hand aus. Ich nahm sie und hielt sie fest. Sie war knochig und heiß und überraschend kräftig.

»Vor einer Weile habe ich mit Irene gesprochen«, sagte ich. »Clyde hat ein Heim ganz in ihrer Nähe gefunden. Sie sagt, es sei sehr hübsch.«

Sie schüttelte den Kopf. Tränen schossen ihr in die Augen und liefen ihr über die Wangen, den tiefen, zerklüfteten Falten folgend. Ihr Mund begann zu arbeiten, in ihrem Gesicht stand eine Bitte, die sie anscheinend nicht artikulieren konnte.

»Können Sie mir sagen, wovor Sie solche Angst haben?«

Ich sah, wie sie mit sich kämpfte, und als die Stimme ihr endlich gehorchte, war sie so schwach, dass ich mich leicht vom Stuhl erheben musste, um zu verstehen, was sie sagte.

»Emily ist gestorben. Ich habe versucht, sie zu warnen. Der Schornstein ist beim Erdbeben eingestürzt. Die Erde bewegte sich. Oh, ich konnte es sehen — es war wie Wellen in der Erde. Ein Ziegelstein hat ihr den Schädel eingeschlagen. Sie wollte nicht auf mich hören. Ich habe ihr gesagt, dass es gefährlich ist. Lass es, sagte ich, aber sie musste ihren Willen durchsetzen. Verkauf das Haus, verkauf das Haus. Sie wollte keine Wurzeln, aber so musste sie enden — tief in der Erde.«

»Wann war das?«, fragte ich, um das Gespräch in Gang zu halten.

Agnes schüttelte stumm den Kopf.

»Sind Sie deshalb besorgt? Wegen Emily?«

»Ich habe gehört, die Nichte des Besitzers von diesem alten Haus auf der anderen Seite der Straße ist vor ein paar Jahren gestorben. Sie war eine Harpster.«

O Mann! Jetzt ging es aber los. »Was ist eine Harpster?«, fragte ich.

Sie schüttelte ungeduldig den Kopf. Ihre Stimme wurde kräftiger. »Harpster war ihr Mädchenname. Sie war was Hohes in der Citizen Bank und hat nie geheiratet. Helen war eine Exfreundin von ihm. Sie ist gegangen, weil er jähzornig war, aber dann kam Sheila daher. Sie war so jung. Sie hatte keine Ahnung. Das andere Harpster-Mädchen war Tänzerin und heiratete Arthur James, einen Berufsmusiker — Akkordeonspieler, der eine Musikalienhandlung hatte. Ich kannte ihn, weil wir Mädchen immer zu ihm gegangen sind und er für uns gespielt hat, nachdem er die Tür zugesperrt hatte. Die Welt ist klein. Die Mädchen haben gesagt, das Haus ihres Onkels sei ihr zweites Heim. Sie ist vielleicht noch da, wenn er es ihr vermacht hat. Sie würde helfen.«

Ich beobachtete die alte Frau aufmerksam, bemühte mich zu verstehen, was vorging. Gab es wirklich etwas, vor dem sie sich zu sehr fürchtete, um darüber zu sprechen? »War es Emily, die Arthur James geheiratet hat?«

»Es gab immer irgendeine Geschichte — irgendeine Erklärung.« Sie machte eine ziellose Handbewegung.

»War das in Santa Teresa? Vielleicht könnte ich Ihnen helfen, wenn ich es verstünde.«

»Der Weihnachtsmann ist eigens zu uns gekommen und hat uns allen einen Strumpf voller Süßigkeiten gebracht. Ich hab ihr meinen gegeben.«

»Wem? Emily?«

»Sprich nicht über Emily. Sag nichts weiter. Es war das Erdbeben. Alle haben es gesagt.« Sie entzog mir die Hand, und ein listiger Ausdruck trat in ihre Augen. »Ich habe Arthritis in der Schulter und im Knie. Meine Schulter war zweimal gebrochen. Der Doktor hat sie nicht angefasst, nur geröntgt. Ich habe den grauen Star gehabt, bin mindestens zweimal operiert worden, aber ich habe noch nie eine Zahnfüllung gebraucht. Schau selbst mal.« Sie öffnete den Mund.

Klar, keine einzige Zahnfüllung, was keine große Kunst ist, wenn man keine Zähne hat.

»Sie scheinen für Ihr Alter noch ziemlich gut in Form«, sagte ich, um mich auf das Spiel einzulassen. Was wir da betrieben, war gewissermaßen Flippern mit Worten, wobei das eigentliche Thema die Kugel war, die wild herumsauste.

»Lotti war die andere. Sie war einfältig, lächelte aber immer strahlend. Der liebe Gott hat ihr nicht mal so viel Verstand gegeben wie einem Ziegenbock. Sie ging zur Hintertür raus und wusste nicht mehr, wie sie wieder ins Haus kommen sollte. Saß dann auf den Verandastufen und heulte wie ein junger Hund, bis jemand sie reinließ. Dann heulte sie, weil sie wieder raus wollte. Sie war die Erste. Ist an Grippe gestorben. Ich vergesse immer, wann Mutter starb. Sie hatte nach Vaters Tod einen Schlaganfall, weißt du. Er wollte das Haus behalten, aber davon wollte Emily nichts wissen. Ich war die Letzte und hab nicht widersprochen. Vor Sheila war ich auch nicht richtig sicher, aber dann hab ich’s gewusst. Damals bin ich gegangen.«

Ich sagte: »Hmm-hm« und versuchte es dann anders herum. »Haben Sie Angst vor der Reise?«

Sie schüttelte den Kopf. »Der Geruch nach Feuchtigkeit«, sagte sie. »Schien die anderen überhaupt nicht zu stören.«

»Wäre es Ihnen lieber, wenn Irene herkommen und mit Ihnen zurückfliegen würde?«

»Ich bin putzen gegangen. So habe ich Irene all die Jahre durchgebracht. Ich habe Tilda beobachtet und wusste, wie man es macht. Sie wurde natürlich entlassen. Dafür hat er gesorgt. Keine finanziellen Unterlagen. Keine Banken. Sie war der einzige Unfall. Es war das einzige Mal, dass ihr Name in der Zeitung stand.«

»Wessen Name?«

»Du weißt schon«, sagte sie. Ihr Gesicht war jetzt verschlossen.

»Emily?«, fragte ich.

»Zeit verwundet alles Heile, weißt du.«

»Ist es Ihr Vater, über den Sie reden?«

»Ach du meine Güte, nein. Er war schon lange tot. Es wäre im Sockel, wenn du wüsstest, wo du suchen solltest.«

»In was für einem Sockel?«

Ihr Gesicht wurde ausdruckslos. »Sprichst du mit mir?«

»Nun, ja«, sagte ich. »Wir haben über Emily gesprochen, die gestorben ist, als der Kamin einstürzte.«

Sie machte eine Bewegung, als schließe sie ihren Mund ab und werfe den Schlüssel weg. »Ich habe alles getan, um sie zu retten. Meine Lippen sind versiegelt. Wegen Irene.«

»Warum, Agnes? Was ist es, über das Sie nicht sprechen dürfen?«

Sie sah mich fragend an. Ich merkte plötzlich, dass jetzt die richtige Agnes Grey da war. Sie sprach völlig vernünftig. »Also, Sie sind ja gewiss sehr nett, meine Liebe, aber ich weiß nicht, wer Sie sind.«

»Ich bin Kinsey«, sagte ich, »eine Freundin Ihrer Tochter. Sie hat sich große Sorgen gemacht, als sie nichts mehr von Ihnen hörte, und hat mich gebeten, herzufahren und nach dem Rechten zu sehen.«

Ich sah, wie ihr Gesichtsausdruck sich veränderte, und weg war sie wieder. »Tja, das wusste niemand. Niemand hat es auch nur vermutet.«

»Hallo, Agnes! Haben Sie eine Ahnung, wo Sie sind?«

»Nein. Weißt du, wo du bist?«

Ich lachte. Ich konnte nicht anders. Gleich darauf begann auch sie zu lachen, es klang wie das Niesen einer zarten Katze. Im nächsten Moment war sie wieder eingeschlafen.