17

Vera, die für die Sitzordnung verantwortlich war, hatte Neil Hess und mich natürlich zusammengesetzt. Sie und Dietz saßen am linken Nebentisch. Offenbar hatte Dietz bis zu einem gewissen Punkt seinen Willen bekommen und dafür gesorgt, dass ich sicher in einer Ecke des Saales untergebracht war und den Eingang im Blick hatte. Dietz kehrte mir den Rücken zu und behielt ebenfalls den Eingang im Auge. Vera zu seiner Linken saß in ganzer Größe vor mir, während ich von ihm nur den Hinterkopf sah. Beide Tische standen in der Nähe eines Notausgangs, der, wie der Sicherheitschef des Hotels Dietz versprochen hatte, während des ganzen Dinners unverschlossen bleiben sollte.

Um acht Uhr waren alle da, und die Gruppen ließen sich an den Tischen nieder wie eine Vogelschar. Der Lärmpegel stieg um mehrere Dezibel an; schuld daran war der Alkohol, der bereits konsumiert worden war. Die Leute standen in beruflicher Beziehung zueinander, und etwas wie Unsicherheit oder Unbehagen machte sich breit, als man sich plötzlich rein gesellschaftlich traf. Die drei Gänge des Dinners wurden gemächlich serviert: junger Kopfsalat, ausgelöste Hühnerbrust, mit Zitrone und Kapern sautiert, Miniaturgemüse und zum Abschluss eine schwere Schokoladentorte in einem Teich aus Vanillesoße. Ich aß wie ein Waldtier, den Kopf halb erhoben, um die Tür im Auge zu behalten, denn ich fürchtete, Mark Messinger könnte mit einer Uzi auftauchen und uns alle niedermähen wie Unkraut. Aus der Schulterhaltung von Dietz schloss ich, dass er entspannter war als ich, aber er starrte ja auch Vera in den Ausschnitt, eine prickelnde Ablenkung für jeden Mann.

Ich hörte der Unterhaltung am Tisch zu. Neil und ich saßen mit zwei Versicherungskaufleuten und ihren Frauen zusammen, einem Quartett, das mit einer Begeisterung über Bridge sprach, um die ich es nur beneiden konnte. Die vier waren eben von einer ausschließlich dem Bridge gewidmeten Kreuzfahrt zurückgekehrt, auf der Kleinschlemm-Ansagen und Gourmetessen sich mit schöner Regelmäßigkeit abgewechselt hatten. Es war viel von Sans-Atout, Honneurs und Sheinwold die Rede, dessen Strategien sie diskutierten. Da weder Neil noch ich Bridge spielten, blieben wir uns selbst überlassen. Das war bestimmt auch eine Strategie — aber die von Vera.

Aus der Nähe gesehen, war der Mann ziemlich attraktiv, doch ich entdeckte keinerlei Anzeichen für all die Tugenden, die Vera ihm zugeschrieben hatte. Schöne Hände. Hübscher Mund. Er kam mir zwar ein bisschen überheblich vor, doch das konnte Unbehagen sein, das sich hinter Arroganz versteckte. Ich merkte, dass er sehr selbstsicher über berufliche Dinge (mit anderen Worten: seine Arbeit) sprach. Wenn es um Persönliches ging, wurde er unsicher und begab sich schnell wieder auf festeren Grund. Als der Nachtisch kam, tasteten wir uns noch immer durch die unterschiedlichsten Gesprächsthemen, suchten erfolglos nach gemeinsamen Interessen.

»An welcher Schule waren Sie, Kinsey?«

»Santa Teresa High.«

»Ich habe das College gemeint.«

»Ich habe kein College besucht.«

»Ach, wirklich? Das überrascht mich aber. Sie scheinen mir doch recht intelligent zu sein.«

»Die Leute heuern mich nicht wegen meiner Intelligenz an. Sie heuern mich an, weil ich zu dumm bin, um zu erkennen, wann ich aufhören soll. Außerdem glauben sie, dass ich billig arbeite, weil ich eine Frau bin.«

Er lachte. Da ich es nicht witzig gemeint hatte, zuckte ich nur leicht mit den Schultern.

Er schob seinen Dessertteller beiseite und trank einen Schluck Kaffee. »Wenn Sie ein Examen hätten, hätten Sie ganz andere Möglichkeiten, nicht wahr?«

Ich sah ihn an. »Was für ein Examen?«

»In Kriminalistik, schätze ich.«

»Dann müsste ich für die Regierung oder für die städtische Polizei arbeiten. Das habe ich schon getan, und es war grässlich. So fühle ich mich viel wohler. Außerdem habe ich die Schule gehasst. Hab dort nur gekifft.« Ich beugte mich zu ihm. »Darf ich jetzt was fragen?«

»Klar.«

»Wie haben Sie Vera kennen gelernt?«

Man merkte es ihm kaum an, aber er war verwirrt, rutschte unruhig auf dem Stuhl herum. »Ein gemeinsamer Freund hat uns vor zwei, drei Monaten miteinander bekannt gemacht. Seither haben wir uns häufig gesehen — rein freundschaftlich, natürlich. Nichts Ernstes dahinter.«

»O ja, klar doch«, sagte ich. »Was denken Sie also?«

»Über Vera? Sie ist fantastisch.«

»Wieso sitzen Sie dann hier mit mir zusammen?«

Wieder lachte er und drückte sich mit diesem gekünstelten Gelächter vor einer Antwort.

»Ich meine es ernst«, sagte ich. Sein Lächeln kühlte merklich ab. Er sagte noch immer nicht, was Sache war, also versuchte ich es selbst. »Ich glaube, sie ist scharf auf Sie, weiß aber nicht, wie sie es anstellen soll, Sie zu kriegen.«

Er sah mich an, als spräche ich chinesisch. »Das zu glauben, fällt mir schwer«, sagte er. Er überlegte einen Augenblick. »Außerdem ist sie ein bisschen zu groß für mich, finden Sie nicht?«

»Aber durchaus nicht. Sie passen großartig zusammen. Ich habe Sie beide beobachtet, als Sie kamen.«

Er schüttelte leicht den Kopf. »Ich weiß, dass es sie stört. Sie hat es zwar nie ausdrücklich gesagt, aber...«

»Sie wird sich daran gewöhnen.«

»Glauben Sie?«

»Stört es Sie?«

»Nicht im Geringsten.«

»Wo liegt dann das Problem?«

Er sah mich an. Sein Gesicht fing an, mir zu gefallen. In seinen Augen lag ein hübsches Leuchten, sein Blick verriet, dass er aufrichtig und tüchtig war. Er gehörte wahrscheinlich zu jenen Ärzten, die man auch um zwei Uhr nachts anrufen konnte und die bei einem Kind sitzen bleiben, bis das Fieber gesunken ist. Ich war nahe daran, mein Hosenbein aufzurollen, um ihm meine Verletzung zu zeigen, doch dann kam mir das irgendwie unverschämt vor.

»Sie sollten hören, wie sie von Ihnen spricht«, fuhr ich fort. »>Achteinhalb auf einer Zehnerskala<, so beschreibt sie Sie. Das schwöre ich Ihnen.«

»Machen Sie Witze?«

»Aber Neil! Wie können Sie so was denken! Sie ist total in Sie verknallt. Sie weiß es nur selbst noch nicht.«

Jetzt lachte er so, dass sein Gesicht in jungenhafter Freude zu strahlen begann. Ich hätte schwören können, dass er rot wurde. Er war wirklich süß. Ich sah auf, eben rechtzeitig genug, um einen starren Blick von Vera aufzufangen. Ich winkte ihr mit dem kleinen Finger und wandte mich wieder Neil zu.

»Ich meine, wozu, zum Kuckuck, sind Beziehungen eigentlich da?«, fragte ich.

»Aber sie hat nie auch nur das leiseste Anzeichen...«

»Ich will Ihnen jetzt etwas sagen. Ich kenne Vera seit einer Ewigkeit, aber noch nie hat sie von einem Mann so gesprochen wie von Ihnen.«

Er hörte zwar aufmerksam zu, aber ich merkte, dass er es mir nicht abnahm.

»Wie groß sind Sie eigentlich?«, fragte ich. »Mir kommen Sie nicht klein vor.«

»Knapp einssiebzig.«

»Sie ist nur einsvierundsiebzig, Also, was soll’s?«

Zur gleichen Zeit etwa klopfte Mac Voorhies mit einem Löffel an sein Glas und sagte: »Meine Damen und Herren, darf ich um Ihre Aufmerksamkeit bitten...« Er und Marie saßen an Tisch zwei, fast in der Saalmitte. Jewel und ihr Mann hatten ihre Plätze am selben Tisch, und ich sah, wie Jewel sich in Erwartung der Rede zu winden begann. Maclin Voorhies ist einer der Vizepräsidenten der California Fidelity, mager und humorlos, mit schütterem, immer verwehtem weißen Haar und einer ewigen Zigarre zwischen den Zähnen. Er ist intelligent, fair, ehrenwert, konservativ, manchmal übellaunig, aber ein sehr fähiger leitender Angestellter. Dass dieser Mann sie öffentlich loben wollte, hatte Jewel schon das Blut ins Gesicht getrieben.

Im Saal wurde es allmählich still.

Mac ließ sich noch einen Moment Zeit, um die Anwesenden zu mustern. »Wir haben uns heute Abend hier eingefunden, weil wir einer der großartigsten Frauen, mit denen ich je zusammenarbeiten durfte, die gebührende Anerkennung zollen wollen. Wie Sie alle wissen, zieht sich Jewel Cavaletto nach fünfundzwanzigjähriger Mitarbeit in unserer Firma in den Ruhestand zurück...«

Ton und Gedankengang einer Ansprache nach einem festlichen Essen haben etwas Hypnotisches an sich — vielleicht liegt es daran, dass man viel gegessen und Wein getrunken hat und der Raum inzwischen zu warm geworden ist. Ich war Mac dankbar, dass er auf die übliche humorige Einleitung verzichtet hatte und direkt zum Thema kam. Ich weiß nicht, wieso ich auf einmal zur Tür schaute. Alle anderen sahen Mac an. Doch irgendetwas tauchte in meinem äußersten Augenwinkel auf, und ich wandte den Kopf.

Es war das Kind. Zuerst blinzelte ich verständnislos, als hätte ich es mit einer Fata Morgana zu tun. Dann brach die Angst über mich herein.

Das erste Mal hatte ich ihn zwar flüchtig, aber dennoch deutlich genug auf dem Rastplatz gesehen. Mark Messinger hatte an jenem Tag so getan, als schlafe er, hatte sich mit einer Illustrierten über dem Gesicht auf einer Bank ausgestreckt, und Eric hatte inzwischen auf dem Gehsteig gekniet, mit einem Matchbox-Auto gespielt und dazu Töne von sich gegeben, mit der Stimme das Brummen des Motors und das Herauf- und Herunterschalten nachgeahmt. Und eines Abends hatte ich ihn auf dem Motelparkplatz noch einmal gesehen, nur ganz verschwommen in der schlecht beleuchteten Nische, in die sein Vater ihn mitgenommen hatte, um ihm etwas zu trinken zu holen. Ich hatte in der Dunkelheit sein Lachen gehört, ein koboldhaftes Kichern, das an die finstere Unterwelt der Elfen und Feen erinnerte. Bei unserer letzten Begegnung war sein Gesicht halb hinter dem Verkaufsschild verborgen gewesen, das auf der Beifahrerseite des Kombis hing, mit dem sein Vater versucht hatte, mich umzubringen.

Für einen Fünfjährigen war er klein. Das Licht im Flur schimmerte auf seinem blonden Kopf. Sein Haar war schon ziemlich lang. Seine Augen hingen an mir, und seinen Mund umspielte ein zögerndes Lächeln. Er drehte sich um und sah jemanden an, der hinter ihm im Flur stand, aber nicht zu sehen war. Jemand soufflierte ihm wie einem Kind, das bei einer Klassenaufführung eine ihm unbekannte Rolle spielt. Ich sah, dass er »was?«, sagte, wartete jedoch die nächste Textzeile nicht ab.

Ich packte meine Handtasche, sprang auf und stieß dabei fast meinen Stuhl um. Dietz fuhr herum, sah mich an und merkte, wohin mein erschrockener Blick sich richtete. Als er jedoch die Tür ins Auge fasste, war niemand mehr da. Ich lief um Neils Stuhl herum in Richtung Flur. Dietz zerrte ich am Arm mit. »Es war das Kind!«, stieß ich hervor. Er riss die Pistole heraus und bugsierte mich im Laufen hinter sich. Mac, dem der Aufruhr natürlich nicht entgehen konnte, verstummte mitten im Satz und sah uns erstaunt nach. Auch die anderen drehten sich um und wollten sehen, was los war. Eine Frau schrie erschrocken auf, als sie Dietz’ .45er sah, doch er war schon an ihr vorbei und presste sich neben der Tür flach an die Wand. Vorsichtig schob er den Kopf hinaus, spähte nach rechts, warf einen Blick nach links und zog sich wieder zurück. »Kommen Sie«, sagte er.

Ohne meinen Arm loszulassen, hastete er mit mir den linken Flur entlang. Unsere Schritte polterten dumpf über den Fliesenboden. Ich erwartete halb und halb, dass er mich in Veras Zimmer abschieben würde, während er sich umsah, doch stattdessen steuerte er den Ausgang am Ende des Flurs an. An der Tür blieben wir wieder abrupt stehen, und ich wartete, während er sich überzeugte, dass niemand draußen war. Nach der Wärme des Speisesaals traf uns die Nachtluft wie ein eiskalter Wasserguss. Wir mieden die Helligkeit und drückten uns, als wir ums Hauseck herumkamen, an den Sträuchern entlang zum Parkplatz.

»Sind Sie sicher, dass er es war?«, fragte er leise.

»Selbstverständlich bin ich sicher.«

Wir waren auf einem schlecht beleuchteten Gehweg, der an einem der Innenhöfe vorbeiführte. Grillen zirpten, und ich roch den leicht modrigen Duft der Ringelblumen. Vor uns hörten wir Stimmen. Dietz wich in den Schutz einiger Hibiskussträucher am Haus zurück und zog mich mit. Ich hatte die rechte Hand in die Außentasche meiner Umhängetasche geschoben und hielt mich krampfhaft an der Davis fest. Dietz’ Finger bohrten sich schmerzhaft in meinen rechten Oberarm, doch das war das einzige Anzeichen dafür, wie groß seine Anspannung war. Zwei Brautjungfern des Hochzeitspaares, das wir vorhin gesehen hatten, kamen vorbei. Ich hörte ihre langen Taftröcke rascheln.

»Der Typ hat uns gerade noch gefehlt«, sagte die eine.

»Ach, lass doch. Er spinnt«, sagte die andere, dann betraten sie den Bogengang zu unserer Linken, und ihre Stimmen wurden leiser.

Wir verließen unser Versteck, wobei ich mich dicht an Dietz’ Seite hielt. »Wir müssen uns auf dem Parkplatz Umsehen«, sagte er leise. »Ich möchte mich überzeugen, dass der Kerl uns nicht dort auflauert.«

Vor dem Hoteleingang standen mehrere Gäste und warteten auf ihre Wagen, die von drei Hotelpagen in weißen Jacken vorgefahren wurden. Der vordere Teil des Parkplatzes war von hellem Licht überflutet. Die Fenster des Flügels links von uns glichen hohen gelben Rechtecken und warfen sanfte Helligkeit auf den Rasen. Bananenpalmen unterbrachen das Licht in unregelmäßigen Abständen mit ihren Schatten. Rechts, im Dunkeln, wurde ein großer Paradiesvogelschwarm von blauen und grünen Außenscheinwerfern angestrahlt, so dass die Vögel aussahen wie eine Hühnerschar, die angestrengt in eine erreichbare Ferne blickte. Ein Wagen bog aus der Zufahrt nach rechts auf die Straße ein, und die Scheinwerfer huschten über die senkrechten Stützpfeiler des Dammes. Malerisch vom Mondlicht erhellt, brachte sich der Ozean dahinter tosend in Erinnerung. Das Heck von Dietz’ rotem Porsche war deutlich zu sehen; der Wagen parkte direkt neben der Hecke, die die kreisförmige Zufahrt säumte.

Wortlos gab Dietz mir zu verstehen, dass er sein Nachtglas brauche, und ich kramte es aus meiner Handtasche heraus. Er hob das Glas an die Augen und suchte den Hotelpark ab.

»Hier, sehen Sie selbst«, sagte er dann und reichte mir das Glas. Ich schaute durch und erschrak, als plötzlich ganz nah und scharf eine unheimlich grüne Landschaft vor mir auftauchte. Wo das Schwarz dicht und undurchdringlich gewesen war, hing jetzt ein zarter grüner Dunstschleier, die Umrisse der Objekte waren deutlich zu sehen. Das Kind kauerte neben einer Palme in einem Dickicht aus Farnen. Der Kleine hockte auf den Fersen, die Arme um die knochigen Knie geschlungen, die nackt waren, weil er Shorts trug. Während ich ihn beobachtete, hob er den Kopf und spähte zum Hoteleingang, vielleicht in der Hoffnung, uns dort zu entdecken. Sein junger Körper verriet die ganze Anspannung eines aufregenden Versteckspiels. Messinger sah ich zwar nicht, aber er musste irgendwo in der Nähe sein. Ich berührte Dietz’ Arm und zeigte auf das Kind. Er nahm das Glas und fing wieder an zu suchen.

»Da ist er«, sagte er. Er schaute mit dem bloßen Auge hin und dann wieder mit dem Glas. Wortlos zogen wir uns zurück. Wir liefen um das Hauptgebäude herum und schlüpften durch einen hinteren Lieferanteneingang ins Hotel. Von einem der Münztelefone, die in der Nähe der Küche an der Wand hingen, rief Dietz einen Taxistand an und bestellte einen Wagen, der uns ein paar Minuten später in einer Seitenstraße hinter dem Hotel aufnahm.