9
Um zehn Uhr fünfundreißig half er mir, meine geschundenen Knochen auf dem Beifahrersitz eines leuchtend roten Porsche zu verstauen. Ich beobachtete ihn, als er um die Motorhaube des Wagens herumging und sich hinters Steuer klemmte.
»Den haben Sie gemietet?«
»Er gehört mir. Ich bin selber runtergefahren. Wollte nicht auf meinen Kumpel mit dem Flugzeug warten. Er konnte nicht so bald starten, wie ich wollte.«
Ich ließ den Sicherheitsgurt einschnappen und machte es mir auf dem tiefen schwarzen Ledersitz bequem. Er ließ den Motor an, fuhr aus dem Parkplatz hinaus und stellte dabei die Klimaanlage neu ein.
»Wohin wollen wir?«
»In die Werkstatt, in die man Ihr Auto abgeschleppt hat.«
»Hat sie denn sonntags geöffnet?«
»Jetzt ja.«
»Wie haben Sie das hingekriegt?«
»Über den Notruf. Der Besitzer erwartet uns schon.«
Wir fuhren nach Brawley, wo die Werkstatt ein wenig abseits der Hauptstraße in einer aufgelassenen Tankstelle untergebracht war. Hinter einem Gitterzaun stand auf einem seitlichen Stellplatz mein VW. Als wir vorfuhren, kam der Besitzer mit einem Schlüsselbund aus dem Büro. Er sperrte das Vorhängeschloss des Gitters auf und rollte das Einfahrtstor zurück. Dietz bog auf den Parkplatz ein und stellte den Wagen ab. Als ich die Tür öffnen wollte, hielt er mich zurück.
»Warten Sie, bis ich herumkomme.« Seinem Ton nach zu schließen, waren gute Manieren nicht gefragt. Ich gehorchte. Als er mir die Tür öffnete, stellte er sich so, dass er mich völlig verdeckte, während ich ausstieg. Der Besitzer der Werkstatt schien unser Verhalten nicht befremdlich zu finden. Dietz reichte ihm einen gefalteten Geldschein. Er war anscheinend groß genug, um den Mann an einem Tag hierher zu lotsen, an dem der Laden sonst geschlossen war.
Wir gingen um meinen Wagen herum und sahen uns die Schäden an. Kaum ein Teil war unbeschädigt geblieben.
»Sieht ganz schön verbeult aus«, sagte der Werkstattbesitzer zu Dietz. Mir war nicht klar, ob er mich meinte oder mein Fahrzeug. Ich riss die gestauchte Fahrertür auf, leerte das Handschuhfach, steckte den KFZ-Schein in meine Handtasche und warf die unzähligen Tankquittungen weg, die sich angesammelt hatten. Ein paar Sachen lagen noch auf dem Rücksitz: Gesetzbücher, mehrere Werkzeuge, meine Kameraausrüstung, dieses und jenes Kleidungsstück, ein Paar Schuhe. Verschiedenes war bei dem mehrfachen Zusammenprall mit dem Lieferwagen auf den Boden gerutscht und jetzt vom Schlammwasser durchweicht. Ich warf einen Blick in die stark mitgenommene Schachtel mit altem Porzellan und war überaus dankbar, dass nichts zerbrochen war. So viel hineinging, lud ich in den Kofferraum des Porsche. Was ich nicht mitnehmen konnte, packte ich in eine große Schachtel, die der Besitzer der Werkstatt mir freundlicherweise im Büro hervorkramte. Ich verstaute die Schachtel mit dem Geschirr in der größeren, schrieb einen Scheck fürs Abschleppen aus und besprach mit ihm, dass er mir die Sachen als Frachtgut nach Santa Teresa schicken sollte. Wenn ich wieder zu Hause war, würde ich bei meiner Versicherung eine Schadensund Verlustmeldung einreichen, glaubte jedoch nicht, dass ich für den Wagen noch viel herausholen konnte.
Zehn Minuten später fuhren wir auf dem Highway 86 nach Norden. Kaum waren wir unterwegs, steckte Dietz sich eine Zigarette zwischen die Lippen und knipste ein Feuerzeug an. Er zögerte, warf mir einen Blick zu. »Stört es Sie, wenn ich rauche?«
Zuerst wollte ich höflich sein, aber dann schien es mir ziemlich sinnlos. Wozu dient die Sprache, wenn nicht dazu, die Wahrheit zu sagen. »Wahrscheinlich ja«, antwortete ich.
Er machte das Fenster auf der Fahrerseite auf, warf das Feuerzeug hinaus und schnippte die Zigarette hinterher; als Letztes kam die Packung Zigaretten dran, die in der Brusttasche seines Hemdes gesteckt hatte.
Ich sah ihn an, lachte verlegen. »Was tun Sie denn da?«
»Ich gebe das Rauchen auf.«
»Einfach so?«
»Ich kann alles«, sagte er.
Das klang nach Angeberei, doch ich merkte, dass es ihm ernst war. Wir fuhren etwa zehn Meilen, bevor einer von uns wieder ein Wort sagte. Als wir uns Salton City näherten, bat ich ihn, langsamer zu fahren. Ich wollte, dass er die Stelle sah, wo der Kerl in dem Dodge mich eingeholt hatte. Wir hielten nicht an — das hätte keinen Sinn gehabt — , doch ich hatte das Gefühl, dass ich hier nicht vorüberfahren durfte, ohne den Zwischenfall zumindest zu erwähnen.
In Indio fuhren wir auf den Parkplatz eines kleinen Einkaufszentrums, wo sich ein mexikanisches Restaurant zwischen eine Reparaturwerkstatt für Videorecorder und einen Tierarzt zwängte.
»Hoffentlich haben Sie Hunger«, sagte Dietz. »Wenn wir erst mal in den Außenbezirken von Los Angeles sind, möchte ich nicht mehr anhalten. Der Sonntagsverkehr ist das Letzte.«
»Ist mir sehr recht«, sagte ich. In Wirklichkeit war ich nervös und angespannt und brauchte eine Pause. Dietz hatte den Wagen gut in der Hand, fuhr jedoch aggressiv und wurde ungeduldig, wenn er hinter einem anderen herfahren musste. Die Autobahn hatte nur zwei Fahrspuren, und bei seinen Überholmanövern klammerte ich mich an den Haltegriff. Dietz’ Aufmerksamkeit galt ausschließlich der Straße vor und hinter uns, damit ihm (wie ich vermutete) keine verdächtigen Fahrzeuge entgingen. Er schaltete das Radio nicht ein, und die Totenstille im Wagen wurde nur von dem rhythmischen Trommelwirbel durchbrochen, den er mit den Fingern auf das Steuer schlug. Er strahlte jene Art von Energie aus, die mir auf die Nerven geht. Im Freien wäre nichts dagegen einzuwenden gewesen, aber hier im Wagen fühlte ich mich eingeengt bis an die Grenze der Klaustrophobie. Der Gedanke, ihn für unbestimmte Zeit tagtäglich vierundzwanzig Stunden um mich zu haben, machte mir Kummer.
Durch eine Glastür gelangten wir in einen länglichen rechteckigen Raum, der ganz offensichtlich für Kleinhändler entworfen worden war. Ein unförmiger Raumteiler trennte Küche und Speiselokal, in dem ein paar Tische standen. Durch die offene Tür konnte ich einen Herd und einen zerbeulten Kühlschrank sehen, der aus einer Haushaltsauflösung zu stammen schien. Dietz wies mich an zu warten und schlenderte lässig nach hinten, wo er den Hintereingang kontrollierte. Das Lokal war unangenehm kühl, und als wir die Stühle zurückschoben, löste das Scharren ein Echo aus. Dietz setzte sich schräg, damit er durch die Fenster seinen Wagen im Auge behalten konnte.
Aus der Küche schielte jemand unsicher zu uns herüber. Vielleicht hielt man uns für Inspektoren des Gesundheitsministeriums, die nach Rattenscheiße Ausschau hielten. Man konferierte flüsternd miteinander, und dann erschien eine Kellnerin. Sie war klein und untersetzt, eine Mexikanerin mittleren Alters in einer weißen, mit Flecken verzierten Kittelschürze. Schüchtern brachte sie ihre Sprachkenntnisse an. Mein Spanisch beschränkt sich auf (ungefähr) drei Worte, aber ich könnte schwören, dass sie uns Eichhörnchensuppe anbot. Dietz kniff immer wieder die Augen zu und schüttelte den Kopf. Schließlich redeten die beiden auf Spanisch aufeinander ein. Er schien es nicht fließend zu sprechen, konnte sich jedoch verständlich machen.
Ich musterte ihn, während er sich mit seinem Vokabular abmühte. Er sah auch ziemlich zerbeult aus: seine Nase war etwas platt und hatte einen Höcker auf dem Sattel, sein Mund war breit und gerade, verzog sich jedoch schief nach unten, wenn er lächelte. Er hatte gute Zähne, aber ich vermutete, dass ein paar nicht seine eigenen waren. Sie sahen für meine Begriffe zu regelmäßig aus und waren zu weiß. Er wandte sich wieder mir zu.
»Das Restaurant hat erst gestern eröffnet. Sie empfiehlt uns das Geflügelklein oder den gemischten Teller.«
»Ich esse kein Geflügelklein. Das wird mit Därmen gemacht. Haben Sie das Zeug schon mal gesehen? Es ist weiß und schaut schwammig aus — lauter Löcher und Knorpel. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um ein inneres Organ, das beim Menschen gar nicht vorkommt.«
»Sie nimmt den gemischten Teller«, sagte er zu der Kellnerin und hielt zwei Finger hoch, bestellte das Gleiche für sich.
Sie schlurfte davon, in huaraches, mexikanischen Riemchensandalen mit flachen Absätzen, zu denen sie weiße Socken trug. Ein paar Minuten später kam sie mit einem Tablett wieder, auf dem Gläser, zwei Flaschen Bier, eine kleine Schüssel mit Soße und ein Korb mit Tortillachips standen, die eben erst aus dem heißen Schweineschmalz genommen worden waren und noch zischelten.
Während wir auf unseren Lunch warteten, naschten wir Chips, die wir in die Soße tauchten.
»Woher kennen Sie Lee Galishoff?«, fragte ich. Auf der Flasche lag eine Zitronenscheibe, und ich träufelte ein bisschen Saft ins Bier. Die Gläser, die vom Spülen noch heiß waren, ließen wir beide stehen.
Dietz wollte nach seinen Zigaretten greifen und erinnerte sich erst dann, dass er sie weggeworfen hatte. Lächelnd schüttelte er den Kopf. »Ich habe mal für ihn gearbeitet. Für einen seiner ersten Prozesse hab ich einen Zeugen ermittelt. Seither spielen wir zusammen Racquetball und sind gute Freunde geworden. Wie steht’s mit Ihnen?«
Ich schilderte ihm kurz, wie ich Tyrone Patty für Galishoff aufgespürt hatte. »Ich nehme an, Sie haben schon früher als Leibwächter gearbeitet.«
Er nickte. »Es ist ein lukrativer Nebenjob, besonders heutzutage. Schränkt natürlich in gewisser Weise das eigene Privatleben ein, ist aber eine angenehme Abwechslung von der reinen Arbeit als Privatdetektiv, die stinklangweilig ist, wie Sie ja aus eigener Erfahrung wissen. Vorige Woche habe ich sechs Stunden in einem Büro der Finanzbehörde gesessen und Mikrofilmkarten angesehen. So was geht mir schrecklich auf den Geist.«
»Lee hat mir gesagt, Sie fühlen sich ausgelaugt.«
»Nicht ausgelaugt. Ich langweile mich. Bin jetzt seit zehn Jahren dabei und finde, dass sich etwas ändern muss.«
»Und was, wenn ich fragen darf?« Das Bier war sehr kalt, ein angenehmer Kontrast zu der Soße, die so scharf war, dass mir die Nase lief. Ich tupfte ständig mit einer Papierserviette daran herum wie ein Junkie, der einen Schuss braucht.
»Weiß ich noch nicht«, sagte er. »Bin eigentlich eher versehentlich in die Branche reingerutscht. Hab damit angefangen, die Autos von Leuten einzuziehen, die mit ihren Raten im Rückstand waren, und Mahnbescheide zuzustellen. Ray hat mich schließlich fest angestellt, weil er die Arbeit vor Ort hasste — viel zu rau für seinen Geschmack. Also hat er den Papierkram erledigt, und ich habe mir die faulen Kunden vorgenommen. Er war eine Intelligenzbestie, hatte hier oben wirklich was auf dem Kasten.« Er tippte sich an die Schläfe.
»Er hatte? Warum die Vergangenheitsform? Was ist mit ihm passiert?«
»Er ist vor zehn Monaten nach einem Herzanfall tot umgefallen. Er joggte, stemmte Gewichte. Nach der Heirat gab er Alkohol, Zigaretten und Drogen auf und schlug sich nicht mehr die Nächte um die Ohren. Er hat ein Haus gekauft, sie haben ein Baby bekommen, und er war so glücklich wie ein Schwein, das sich im Schlamm suhlt. Und dann ist er gestorben. Mit sechsundvierzig. Vor einem Monat hat seine Witwe mit Andeutungen angefangen, dass ich die Lücke füllen sollte, die er hinterlassen hat. Das ist Quatsch. Nein, danke. Ich habe mich von ihr auszahlen lassen.«
»Sie haben in Kalifornien gelebt?«
Er winkte ab. »Ich habe überall gelebt. Geboren bin ich in einem Wohnwagen in einem Randbezirk von Detroit. Meine Mutter lag in den Wehen, und mein Vater wollte nicht anhalten. Als Kind bin ich weit rumgekommen. Vater arbeitete auf den Ölfeldern, und wir haben uns lange in L. A. aufgehalten — das war Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre während des großen Booms. Texas. Oklahoma. Die Arbeit war verdammt gefährlich, aber man konnte eine Menge Geld verdienen. Vater war ein Schläger und ein Tyrann und sehr fürsorglich, solange ich mich selber wie ein Rüpel aufführte. Er gehörte zu den Typen, die in einer Bar eine Schlägerei anfangen und das ganze Lokal auseinander nehmen — einfach so zum Spaß.
Wenn er mit seinem Boss aneinander geriet oder ihm etwas nicht passte, packten wir unsere Siebensachen und zogen weiter.«
»Wie haben Sie’s da geschafft, in die Schule zu gehen?«
»Wenn ich mich drücken konnte, habe ich mich gedrückt. Ich habe die Schule gehasst. Ist mir irgendwie sinnlos vorgekommen. Wie eine Vorbereitung auf etwas, das ich ohnehin nicht tun wollte. Ich wollte nie in einem Lebensmittelgeschäft arbeiten, wozu musste ich also wissen, wie viele Bushel ein Viertelscheffel sind? Haben Sie jemals damit zu tun gehabt? Zwei Züge, die aus zwei Städten mit einer Geschwindigkeit von sechzig Meilen pro Stunde abfahren. Ich hatte kein Sitzfleisch, wenn es um solchen Mist ging. Heutzutage nennt man Kinder wie mich hyperaktiv. So viele Regeln und Vorschriften — ohne Sinn, nur um ihrer selbst willen. Ich habe nie einen Abschluss gemacht. Musste eine schriftliche Prüfung ablegen, ohne je in ein Buch hineingeschaut zu haben, und kriegte dann irgendeinen Wisch in die Hand gedrückt. Das System ist für Nomaden nicht geeignet. Ich mochte Sport, Holzarbeiten, Automechanik — solches Zeug. Aber nichts Wissenschaftliches. Da kapiert man nie was, wenn man nicht ganz von vorn anfängt und sich systematisch durchwühlt. Ich tauchte immer in der Mitte auf und musste weg, bevor wir am Ende angelangt waren. Die tragische Geschichte meines Lebens.«
Der Lunch kam, und wir hörten auf zu reden und begutachteten die Speisen, versuchten festzustellen, was es war. Reis auf einem Püree aus aufgewärmten roten Bohnen, irgendetwas Zusammengeklapptes, aus dem eine Ecke Käse herausschaute. Ich erkannte ein Tamale — ein mexikanisches Gericht aus Hackfleisch, püriertem Mais und Gemüse, in einer Maishülse gedämpft. Das war gute Hausmannskost, ohne Petersiliengarnierung und ohne die übliche halbierte Orangenscheibe. Mein Teller war sehr heiß, ich hätte glatt ein Hemd damit bügeln können. Die Köchin tauchte schüchtern aus der Küche auf und brachte einen Berg heißer, in ein Tuch eingeschlagener Tortillas. Nach den beiden Mahlzeiten im Krankenhaus sehnten sich meine Geschmacksnerven nach etwas Herzhaftem. Ich schlang das Essen hinunter und hielt nur einmal inne, um noch ein kaltes Bier zu bestellen. Alles war ausgezeichnet und schmeckte so köstlich, dass man ab und zu vor Wonne stöhnte. Ich war ein bisschen früher fertig als Dietz und wischte mir den Mund mit einer Papierserviette ab. »Was war mit Ihrer Mutter? Wo war sie die ganze Zeit?«
Er hatte den Mund voll, zuckte mit den Schultern, wartete, bis er sprechen konnte. »Sie war da. Meine Oma auch. Wir fuhren zu viert in einem alten Kombi mit unserem ganzen Zeug im Fond. Alles, was ich weiß, haben mir meine Mam und meine Oma in einem fahrenden Auto beigebracht. Geographie, Geologie. Wir kauften alte Lehrbücher und haben uns durchgearbeitet. Gewöhnlich tranken sie Bier und lachten wie verrückt. Ich fand das super. Lernen war für mich dummes Zeug. In einem Klassenzimmer ging ich ein wie eine Primel, weil’s so still war.«
Ich lächelte. »Sie waren wahrscheinlich eins von jenen Kindern, vor denen ich mich in der Schule so fürchtete. Jungs schüchterten mich ein, verwirrten mich. Ich verstand nie, was es mit ihnen auf sich hatte. Als ich in die fünfte Klasse ging, gaben wir jeden Freitagnachmittag eine Vorstellung. Improvisierte Stücke, die wir in der Garderobe probten. Die Mädchen spielten immer tragische Liebesgeschichten, in denen sie sich selbst opferten. Die Jungs hatten Schwertkämpfe — viel Geschrei und Getöse. Sie taumelten gegen die Wand und fielen tot um. Ich kam nie dahinter, was daran vergnüglich sein sollte. Was die Mädchen spielten, gefiel mir auch nicht besonders gut, doch da wurden die Leute wenigstens nicht von imaginären Rapieren durchbohrt.«
»Sind Sie in Santa Teresa aufgewachsen?«
»Ich habe mein ganzes Leben dort verbracht.«
Mit spöttischer Verwunderung schüttelte er den Kopf. »Ich könnte die Orte, an denen ich gewesen bin, nicht einmal mehr aufzählen.«
»Waren Sie bei der Armee?«
»Davon bin ich verschont geblieben, Gott sei Dank. Für Korea war ich zu jung und zu alt für Vietnam. Außerdem wäre ich wahrscheinlich ohnehin nicht tauglich gewesen. Hatte als Kind akuten Gelenkrheumatismus...«
Die Kellnerin kam wieder und begann unsere Teller abzuräumen.
»Können Sie mir sagen, wo die Damentoilette ist?«, fragte ich sie.
»Gracias«, antwortete sie und lächelte mich selig an, während sie ihr Tablett belud.
»El cuarto des damas?«, sagte Dietz.
»Oh, si, si!« Sie musste über sich selbst lachen, als ihr das Missverständnis bewusst wurde. Sie zeigte zur Küche. Ich schob meinen Stuhl zurück. Dietz machte eine Bewegung, als wolle er mich begleiten, aber ich hielt ihn auf. »Du lieber Gott, Dietz, es gibt Grenzen.«
Er beließ es dabei, doch ich merkte, dass er mich genau beobachtete, als ich auf die Hintertür zuging. Die damas verrichteten ihre Notdurft in einer Besenkammer. Als ich mir die Hände wusch, erhaschte ich in einer Spiegelscherbe auf dem Becken einen Blick auf mein Gesicht. Ich sah schlimmer aus als am Abend zuvor. Meine Stirn war schwarzblau, meine Augenhöhlen violett. Die roten Streifen darunter wirkten, als hätte ich Bindehautentzündung. Das trockene Wüstenklima hatte mein Haar angegriffen, so dass es jetzt aussah wie unterm Bett vorgekehrt. Ich konnte kaum glauben, dass ich mich in der Öffentlichkeit sehen lassen konnte, ohne dass die Leute bei meinem Anblick kreischten und mit den Fingern auf mich zeigten. Mein Kopf begann wieder zu hämmern.
Dietz hatte die Rechnung bezahlt, während ich draußen gewesen war. »Sind Sie okay?«, fragte er, als ich wiederkam.
»Sie haben nicht zufällig ein paar Schmerztabletten bei sich?«
»Doch, aber im Wagen.«
Er kaufte eine Dose Cola zum Mitnehmen. Während er den ganzen Wagen aufschloss, suchte er mit den Augen den Parkplatz ab. Er öffnete mir die Tür, wartete, bis ich saß, und ging dann erst zur Fahrerseite hinüber. Nachdem er den Sicherheitsgurt angelegt hatte, suchte er im Handschuhfach nach dem Fläschchen mit den Tabletten.
»Sagen Sie mir Bescheid, wenn das Zeug nicht hilft. Ich habe Rezepte für alles.« Er warf einen Blick auf ein oder zwei Etiketts, fand, was er suchte, und schüttelte mir eine Tablette auf den Handteller. Ich murmelte einen Dank. Er zog die Lasche von der Coladose, und ich spülte das Medikament hinunter. Nach ein paar Minuten ließ der Schmerz nach, und bald darauf schlief ich ein.
Ich wachte auf, als wir die Grenze von Ventura County passierten. Ich roch das Meer schon mit geschlossenen Augen. Die Luft war feucht und salzig, die Landschaft um uns herum saftig grün, ein kurioses Nebeneinander von Zederzypressen und Palmen. Nach der flachen Eintönigkeit der Wüste kam einem die Vegetation an der Küste üppig und fremd vor. Ich fühlte, wie jede einzelne Zelle in meinem Körper darauf reagierte und die Feuchtigkeit einsog. Dietz warf mir einen Blick zu. »Besser?«
»Viel besser.« Ich richtete mich auf und fuhr mir mit den Händen durchs Haar, lockerte die plattgedrückten Strähnen. Das Medikament hatte mich schmerzfrei gemacht, aber ich hatte auch ein bisschen das Gefühl, neben mir zu stehen. Ich lehnte den Kopf wieder zurück und rutschte auf dem Sitz ganz tief hinunter. »Wie war der Verkehr?«
»Das Schlimmste haben wir hinter uns.«
»Wenn ich nicht bald unter die Dusche kann, bleibt mir nur noch der Selbstmord übrig.«
»Es sind noch fünfundzwanzig Meilen.«
»Kein Verfolger?«
Er warf einen Blick in den Rückspiegel. »Warum sollte er hinter uns herfahren? Er weiß wahrscheinlich, wo Sie wohnen.«
»Was für ein tröstlicher Gedanke«, sagte ich. »Wie lange wird die ganze Sache wohl dauern?«
»Schwer zu sagen. Bis er aufgibt oder gefasst wird.«
»Und wer wird ihn fassen?«
Er lächelte. »Nicht ich. Mein Job ist es, Sie zu bewachen, nicht böse Buben zu fangen. Das überlassen wir der Polizei.«
»Und was habe ich zu tun?«
»Darüber reden wir morgen. Was ich vor allem verlange, ist Gehorsam ohne zu nörgeln und zu jammern. Das bringen die wenigsten Frauen fertig.«
»Sie kennen mich nicht sehr gut.«
Er schaute mir von der Seite her ins Gesicht. »Ich kenne Sie überhaupt nicht.«
»Nun, hier ein kleiner Hinweis«, erwiderte ich trocken. »Meine Eltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen, als ich fünf war. Ich bin bei der Schwester meiner Mutter aufgewachsen. Das erste, das meine Tante zu mir sagte, war: >Regel Nummer eins, Kinsey — Regel Nummer eins< — und sie fuchtelte mir mit dem Finger dicht vorm Gesicht herum — >keine Heulerei.<«
»Himmel!«
Ich schüttelte den Kopf. »So schlimm war es gar nicht. Ich bin nur ein bisschen verschroben. Außerdem habe ich mich selbst entschädigt. Als sie vor zehn Jahren starb, habe ich monatelang geheult. Da ist alles rausgekommen. Ich war zwei Jahre bei der Polizei, habe aber den Dienst quittiert. Hab meine Uniform zurückgegeben, den Schlagstock zurückgegeben...«
»Eine symbolische Geste«, warf er ein.
Ich lachte. »Genau. Sechs Wochen später war ich mit einem Tagedieb verheiratet.«
»Na, wenigstens hat die Geschichte ein Happy End. Haben Sie Kinder?«
Wieder schüttelte ich den Kopf. »Kein einziges.«
»Bei mir ist es das Gegenteil. Ich hatte nie eine Ehefrau, aber ich habe zwei Kinder.«
»Wie geht denn das?«
»Ich habe mit einer Frau zusammengelebt, die sich weigerte, mich zu heiraten. Sie schwor, dass ich sie eines Tages verlassen würde, und genau das habe ich getan.«
Ich sah ihn eine Weile abwartend an, doch er sagte nichts mehr. Bald darauf erreichten wir die Außenbezirke von Santa Teresa, und in mir stieg eine geradezu lächerliche Freude auf bei dem Gedanken, bald wieder daheim zu sein.