10
Zwei Häuser vor meinem Domizil fanden wir einen Parkplatz für den Porsche und räumten den Kofferraum aus. Als wir ums Haus herum nach hinten kamen, war Henry schon aus seiner Hintertür geschlüpft, um mich willkommen zu heißen. Er blieb wie angewurzelt stehen, und sein Lächeln wurde unsicher, als er zuerst mich und dann Dietz ansah. Ich stellte die beiden einander vor, und sie schüttelten sich die Hand. Ein bisschen zu spät fiel mir ein, wie mein zerschundenes Gesicht auf Henry wirken musste.
»Ich war in einen Unfall verwickelt«, sagte ich. »Irgendein Kerl hat mich von der Straße abgedrängt. Ich musste den Wagen in Brawley lassen, und Dietz hat mich hergefahren.«
Henry war sichtlich bestürzt, vor allem, weil er nur die halbe Geschichte kannte. »Wer war der Kerl? Ich verstehe das nicht. Hast du denn dort unten keine Anzeige erstattet?«
Ich zögerte, weil ich nicht wusste, wie weit ich jetzt schon ins Detail gehen sollte. Dietz nahm mir die Entscheidung ab. »Gehen wir rein, dann erzählen wir Ihnen alles.« Er schien sich, hier im Freien und für jeden deutlich sichtbar, sehr unbehaglich zu fühlen.
Ich schloss auf und betrat mit Henry im Gefolge und Dietz als Nachhut das Apartment; Dietz trieb uns vor sich her wie ein Schäferhund seine Herde.
»Entschuldige mich bitte einen Augenblick, ich möchte gern die Sachen wegräumen«, sagte ich zu Henry; und dann zu Dietz: »Henry hat die Wohnung entworfen. Sie ist erst vor zwei Tagen fertig geworden. Ich habe bisher nur ein einziges Mal hier geschlafen.«
Ich setzte meine Tasche ab und öffnete ein Fenster, um frische Luft hereinzulassen. In der Wohnung roch es noch immer nach Sägespänen und neuem Teppichboden. Man kam sich vor wie in einem Penthaus für Barbiepuppen: maßstabgerechte Möbel, Einbauschränke, Wendeltreppe zum Obergeschoss, das von unten einzusehen war.
»Ich habe deine Post mitgebracht«, sagte Henry, ohne meinen Gast aus den Augen zu lassen. Erstaunt über die Freiheiten, die Dietz sich herausnahm, ließ er sich auf der Couch nieder. Der Gegensatz zwischen den beiden Männern war interessant. Henry war groß und schlank, und die blauen Augen im schmalen gebräunten Gesicht gaben ihm das Aussehen eines Asketen — dieser Welt entrückt, alt und weise. Dietz war kompakt, muskulöser, ein Bulle von einem Mann mit einer gewaltigen Brust und ziemlich unverfrorenem Benehmen, das Gesicht vom Leben gezeichnet, als seien ihm seit seiner Geburt zahlreiche Lektionen hineingemeißelt worden. Henry strahlte Ruhe aus, Dietz hingegen war rastlos und voller Energie.
Wortlos lief Dietz durch die Wohnung, überprüfte automatisch die Sicherungen, sofern es welche gab. Ich hatte Riegel an den Fenstern, aber sonst nicht viel. Er ließ die Jalousien herunter, schaute in Schränke, warf einen Blick in das untere Bad. Dabei schnippte er mit den Fingern gegen seine Handteller, eine Geste, die auf innere Erregung schließen ließ. Er benahm sich sehr autoritär, und Henry warf mir einen Blick zu, fragte sich, wie ich es aufnahm. Ich machte ein Gesicht, das ihm sagte: Ich bin auch nicht schlauer als du, Freund. Natürlich gefiel es mir nicht, dass jemand so über mich und meine Habe verfügte, aber ich war auch nicht so dämlich, dagegen zu protestieren, denn schließlich ging’s um mein Leben.
Ich begann mich mit meiner Post zu beschäftigen. Das meiste schien in den Papierkorb zu gehören, doch bevor ich die Briefe richtig sortieren konnte, nahm Dietz sie mir aus der Hand und legte sie auf den Tisch.
»Lassen Sie das, bis ich mir alles angesehen habe«, sagte er.
Henry hielt es nicht mehr aus. »Was geht hier vor? Ich verstehe nicht, was hier los ist.«
»Man hat jemanden auf sie angesetzt, der sie umbringen soll«, sagte Dietz ohne Umschweife. Ich glaube, ich wäre nicht so schonungslos gewesen, aber Henry fiel nicht in Ohnmacht. Offenbar verliert er also doch nicht so leicht die Fassung, wie ich annahm. Dietz erklärte ihm die Situation und setzte ihm auseinander, wie das Büro des Staatsanwalts in Carson City von Tyrone Pattys Mordplänen erfahren hatte. »Die Polizei von Carson City tut, was sie kann, um die Sache dort oben unter Kontrolle zu halten. Kinseys Lage ist ein bisschen prekärer...«
»Warum ist sie dann überhaupt hier?«, platzte Henry heraus. »Warum bringen Sie sie nicht irgendwohin, wo keiner sie findet — weg aus der Stadt?«
»Ich war weg«, sagte ich, »und was hat es genützt? Drei Leute haben gewusst, wohin ich wollte, und der Kerl war prompt zur Stelle. Verdammt, er hat es sogar geschafft, vor mir auf dem ersten Rastplatz zu sein.« Ich schilderte ihm kurz, wie ich meinen Angreifer auf dem Rastplatz in der Nähe von Cabazon angetroffen hatte.
»Irgendeinen Ort muss es geben«, sagte Henry eigensinnig.
»Offen gesagt, ich denke, dass wir hier besser aufgehoben sind, wenn wir ein paar einfache Sicherheitsmaßnahmen beachten«, sagte Dietz. »Ich habe eine tragbare Alarmanlage dabei — Empfänger, Sirene, >Panikknopf< — , für den Fall, dass jemand in meiner Abwesenheit einzubrechen versucht. Wir können natürlich die einzelnen Türen noch zusätzlich sichern, hier und bei Ihnen drüben. Dann möchte ich, dass wir uns alle Fremden sehr genau ansehen, die hier auftauchen. Und dazu gehören der Postbote, der Gasmann, Lieferanten, Politessen — einfach alle.« Er wandte sich zu mir um und sah mich an.
»Wir werden Ihren Stundenplan so viel wie möglich variieren. Nehmen Sie jeden Tag eine andere Route ins Büro und nach Hause. Ich werde Sie zwar meistens begleiten, möchte jedoch, dass Sie unsere grundsätzliche Strategie begreifen. Halten Sie sich von öffentlichen Plätzen und öffentlichen Veranstaltungen fern. Meiden Sie aber auch einsame oder entlegene Orte.«
»Und wie steht es mit dem Jogging oder dem Fitness-Center?«
»Beides lassen Sie vorläufig schön bleiben. Zum Fitness-Center hat wahrscheinlich jeder mit einer Sporttasche Zutritt.«
»Soll ich mir eine Pistole besorgen?«, fragte Henry in schönster Räuber-und-Gendarm-Manier.
»Henry, du verabscheust Feuerwaffen!«
»Es könnte notwendig werden, doch das bezweifle ich«, sagte Dietz zu Henry, ohne mich auch nur im Geringsten zu beachten. »Wir reden über Vorbeugung. Wenn wir Glück haben, brauchen wir niemanden zu erschießen.«
»He, Verzeihung! Habt ihr Typen was dagegen, wenn ich ebenfalls meine Meinung äußere?«
Dietz drehte sich zu mir um.
Ich sagte: »Wenn der Kerl in dem Lieferwagen mich töten will, wird er es tun. Ich bin natürlich bereit, vorsichtig zu sein, aber wir wollen doch nicht gleich hysterisch werden.«
Dietz schüttelte den Kopf. »Da kann ich Ihnen nicht zustimmen. Er wird Sie töten, wenn Sie unvorsichtig genug sind, ihm die Gelegenheit zu geben. Aber er bekommt nicht genug bezahlt, um sich besonders anzustrengen.«
»Er tötet zu herabgesetzten Preisen«, erklärte ich Henry. »Für fünfzehnhundert Dollar pro Mann und Nase.«
»Für diese Summe wird er sich nicht lange hier herumtreiben«, ergänzte Dietz. »Wenn er den Auftrag schnell erledigen kann, lohnt es sich vielleicht trotzdem für ihn. Wenn es länger dauert, können Sie ihn vergessen. Dann ist die Sache nicht mehr kosteneffektiv.«
»O ja«, sagte ich. »Wir wollen doch nicht, dass sein Steuerberater ihm Vorhaltungen macht.«
»Passen Sie auf«, entgegnete Dietz. »Der Kerl will Profit machen. Jeder Tag, den er hier in Santa Teresa verbringt, kostet ihn was. Essen, Unterkunft, Benzin. Wenn er ein Kind bei sich hat, werden die Spesen noch höher.« Er rasselte mit seinen Wagenschlüsseln. »Ich fahre jetzt zum Polizeirevier und unterhalte mich ein bisschen mit den Beamten. Haben Sie heute Abend etwas vor?«
Ich wollte antworten, doch dann wurde mir klar, dass Dietz mit Henry sprach, und ich meldete mich wie ein Schulkind. »Ich will ja nicht dreinreden, aber würden Sie mir das Wort erteilen?« Ich wollte mich nicht unbeliebt machen, doch die Kerle trieben mich zum Wahnsinn. Sie übergingen mich völlig.
Dietz lächelte mir kurz zu. »Tut mir Leid. Sie haben Recht. Mein Fehler — ich überorganisiere immer.«
Ich murmelte etwas vor mich hin, gab natürlich klein bei. Die Wahrheit war, dass ich keine Ahnung hatte, was zu tun war. Ich wollte mich nur nicht herumschubsen lassen.
Dietz steckte die Schlüssel ein. »Wie steht es mit Lebensmitteln? Sagen Sie mir, was wir brauchen, dann kann ich’s auf dem Rückweg in einem Supermarkt besorgen.«
Ich brauchte nicht nachzudenken. Der Kühlschrank und die Vorratsschränke waren leer.
»Irgendwelche besonderen Wünsche?«
»Suchen Sie sich aus, was Sie wollen. Ich kann nicht kochen.«
»Ich auch nicht. Dann müssen wir so tun, als ob. Ich möchte, dass wir so oft wie möglich zu Hause essen. Während ich weg bin, bleiben Sie bitte hier und schließen die Tür ab. Morgen früh installieren wir zuallererst die Alarmanlage. Ich will nicht, dass Sie ausgehen. Und das Telefon lassen Sie klingeln. Haben Sie einen Anrufbeantworter?«
Ich nickte.
»Dann lassen Sie ihn die Gespräche aufnehmen.«
»Ich kann hier bleiben, wenn Sie wollen«, sagte Henry.
Dietz sah mich an, um festzustellen, ob es mir recht war. Der Mann war sehr hellhörig, das musste man ihm lassen.
»Ich möchte ein bisschen für mich sein«, sagte ich. Wer weiß, wann ich je wieder allein sein konnte.
Dietz war offensichtlich bereit, auf meine Bitte einzugehen. Henry erbot sich, für uns zu kochen, aber danach war mir ganz und gar nicht zu Mute. Ich war müde. Mir tat alles weh. Ich war gereizt. Ich wollte nur schnell ein paar Bissen essen und dann ins Bett. Mein kulinarisches Repertoire beschränkte sich auf Sandwichs mit Erdnussmus, Gewürzgurken und hart gekochte Eier mit Unmengen von Mayonnaise und Salz. Ich wollte Dietz später nach seinen Spezialitäten fragen. Irgendetwas würde er doch wohl zu Stande bringen.
Ich duschte, während Dietz unterwegs war, und zu spät fielen mir alle möglichen Dinge ein, die zu besorgen waren. Wein zum Beispiel. Rasch wusch ich mir das Haar, war kribbelig und zerstreut. Das Geräusch fließenden Wassers übertönte alle anderen Geräusche in der Wohnung. Jemand konnte ohne weiteres ein Fenster herausbrechen, ohne dass ich es hörte. Ich hätte Henry als Babysitter bei mir behalten sollen. Ich drehte die Dusche ab, wickelte mich in ein Badetuch und spähte über das Treppengeländer nach unten.
Alles sah noch so aus wie vorher — kein Fenster war eingeschlagen, keine blutige Hand griff durch das Loch in der Scheibe, um den Riegel zurückzuschieben.
Ich zog Jeans und ein sauberes Hemd an, nahm frische Bettwäsche aus dem Schrank und machte das Sofabett fertig. Es war ein seltsames Gefühl, einen Hausgast zu haben, selbst wenn es sich dabei um einen Leibwächter handelte. War ich doch noch nicht einmal daran gewöhnt, allein hier zu wohnen, geschweige denn mit einem Mann, den ich kaum vierundzwanzig Stunden kannte.
Ich packte die Segeltuchtasche aus und räumte das Wohnzimmer auf. Dietz hatte zwar gesagt, ich solle mich nicht am Telefon melden, doch er hatte mir nicht verboten, selbst zu telefonieren. Es war erst Viertel nach sechs. Wie gewöhnlich brauche ich meinen Beruf, um mich wohl zu fühlen.
Ich wählte die Nummer von Mrs. Gersh. »Irene? Kinsey Millhone hier. Ich wollte mich nur zurückmelden und fragen, ob Ihre Mutter schon eingetroffen ist?«
»Wie reizend von Ihnen«, sagte sie. »Ja, Mutter ist hier. Sie ist heute Nachmittag gegen drei angekommen. Wir haben sie von einer Ambulanz vom Flugplatz abholen und direkt ins Pflegeheim bringen lassen. Ich habe sie besucht — bin eben erst zurückgekommen, und es scheint ihr gut zu gehen. Natürlich ist sie müde.«
»Die Reise muss für sie sehr beschwerlich gewesen sein.«
»Ich glaube, sie haben sie ruhig gestellt«, sagte Irene etwas leiser, »obwohl niemand ein Wort darüber verloren hat. Ich habe erwartet, dass sie allen die Hölle heiß machen würde, aber sie war sehr still — niedergeschlagen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin, dass Sie sie aufgespürt haben — und das so schnell. Sogar Clyde war deutlich erleichtert.«
»Gut. Das freut mich. Ich hoffe, alles wird gut.«
»Und wie steht’s mit Ihnen, meine Liebe? Ich habe von Ihrem Unfall gehört. Sind Sie in Ordnung?«
Verblüfft starrte ich den Telefonhörer an. »Sie haben davon gehört?«
»Aber ja. Von Ihrem Mitarbeiter. Er hat heute Nachmittag hier angerufen und gefragt, wann Sie zurückkommen.«
Ich schien innerlich völlig zu erstarren. »Welcher Mitarbeiter?«
»Keine Ahnung, Kinsey. Ich habe gedacht, Sie wüssten Bescheid. Er hat gesagt, er sei Partner in Ihrer Agentur. Den Namen habe ich nicht verstanden.« Ein leiser Zweifel hatte sich in ihre Stimme geschlichen, vermutlich weil ich so eisig reagiert hatte.
»Um wie viel Uhr war das?«
»Vor einer Stunde ungefähr. Ich habe ihm gesagt, ich hätte nichts von Ihnen gehört, sei aber sicher, dass Sie heute Nachmittag zurückfahren würden. Da erwähnte er, dass Sie einen Unfall hatten. Stimmt etwas nicht?«
»Irene, es gibt in meiner Agentur keinen Partner. Es gibt aber einen Kerl, der angeheuert wurde, mich umzubringen...«
Ich konnte geradezu hören, wie sie die Augen aufriss. »Ich verstehe nicht, meine Liebe. Was bedeutet das?«
»Genau das, was ich gesagt habe. Ein Killer ist auf mich angesetzt. Jemand, der mich für Geld töten will.«
Es folgte eine Pause, als müsse sie das, was ich gesagt hatte, aus einer fremden Sprache übersetzen.
»Sie scherzen wohl, Kinsey.«
»Ich wünschte, es wäre so.«
»Nun, er schien alles über Sie zu wissen und war richtig nett. Ich hätte doch nie etwas gesagt, wenn er nicht so vertraut getan hätte.«
»Ich hoffe nur, Sie haben ihm weder meine Privatadresse noch meine Telefonnummer gegeben«, sagte ich.
»Selbstverständlich nicht. Wenn er danach gefragt hätte, wäre mir sofort aufgefallen, dass etwas nicht stimmt. Das ist schrecklich. Es macht mich ganz krank.«
»Keine Sorge, Irene. Es ist nicht Ihre Schuld. Wenn der Kerl sich wieder meldet — oder sonst irgendjemand dann geben Sie mir bitte Bescheid.«
»Bestimmt. Es tut mir so Leid. Ich hatte ja keine Ahnung...«
»Ich verstehe schon. Woher hätten Sie es auch wissen sollen? Setzen Sie sich nur mit mir in Verbindung, wenn Sie wieder von ihm hören.«
Ich legte auf, ging ins untere Bad, stellte mich in die Wanne und schaute aus dem Fenster auf die Straße. Es war noch nicht ganz dunkel, und es herrschte jenes dunstige Zwielicht, das entsteht, wenn Licht und Schatten allmählich ineinander übergehen. In der Nachbarschaft begann es hinter den Fenstern hell zu werden. Ein Wagen fuhr langsam die Straße entlang, und ich zuckte zurück. Ich wimmerte zwar nicht, aber mir war ganz danach zu Mute. Erstaunlich, wie schnell ich die Nerven verlor. Ich halte mich für eine tüchtige Person (draufgängerisch ist das Wort, das mir einfällt), aber mir passte die Vorstellung nicht, dass der Kerl mir praktisch im Nacken saß. Ich ging ins Wohnzimmer und marschierte rastlos im Kreis, auf einer Fläche, die nicht größer war als ein Teppich, der zweieinhalb mal dreieinhalb Meter maß.
Viertel vor sieben klopfte es leise an der Tür. Mein Herz legte freiwillig einen Zwischenspurt ein, um das Adrenalin schneller durch die Adern zu jagen. Ich spähte durch das Bullauge. Auf der Schwelle stand Dietz, die Arme mit Tüten voller Lebensmittel beladen. Ich schloss auf und ließ ihn ein. Dann nahm ich ihm eine Tüte ab, und er stellte die zweite auf die Küchentheke. Ich weiß nicht, was für einen Ausdruck mein Gesicht hatte, doch er entging ihm nicht. »Was ist passiert?«
Meine Stimme klang sogar für meine eigenen Ohren nicht ganz normal. »Irgendein Typ hat die Frau angerufen, für die ich gearbeitet habe, und hat nach mir gefragt. Er hat ihr von dem Unfall erzählt und wollte wissen, ob ich schon wieder in der Stadt bin.«
Dietz griff in die Tasche, in der er die Zigaretten gehabt hatte. Ärger blitzte in seinen Augen auf, doch dieser Ärger galt anscheinend ihm selbst. »Wieso hat er von ihr gewusst?«
»Keine Ahnung.«
»Scheiße!«
»Was hatte die Polizei zu sagen?«
»Nicht viel. Wenigstens wissen sie jetzt, was los ist. Sie schicken von Zeit zu Zeit den Streifenwagen hier vorbei.«
»Heureka! Das ist doch fantastisch.«
»Ersparen Sie sich Ihren Sarkasmus«, sagte er gereizt.
»Tut mir Leid. Ich habe nicht gewusst, dass es sich so anhören würde.«
Er begann in einer der beiden Lebensmitteltüten zu kramen und zog ein Kleidungsstück heraus, das wie die blauen Westen aussah, die wir in der High-School beim Sport getragen hatten, damit sich ein Team vom anderen unterschied. »Lieutenant Dolan hat vorgeschlagen, dass Sie das anziehen. Es ist eine kugelsichere Weste — für einen Mann zwar, aber sie müsste ihren Zweck erfüllen. Ein junger Kerl hat sie dagelassen, als er den Polizeidienst quittierte.«
Ich nahm das Ding, hielt es an einem der Gurte in die Höhe. Es war schwerer, als es aussah, und hatte den Sex-Appeal einer Zwangsjacke. »Und was ist mit Ihnen? Brauchen Sie nicht auch so was?«
Dietz zog sein Jackett aus. »Ich habe eine im Wagen. Jetzt muss ich mich waschen. Reden können wir nachher beim Essen.«
Ich verstaute die Lebensmittel, während er im unteren Bad duschte. Wie es aussah, hatte er aus jedem Regal zwei Packungen mitgenommen. Ich war noch nicht lange genug in der Wohnung, um für die einzelnen Dinge schon einen festen Platz zu haben, also amüsierte ich mich mit Schachteln, Dosen, Gewürzen, Kräutern und Putzmitteln. Zum Glück war er so schlau gewesen, eine Flasche Jack Daniels, zwei Flaschen Weißwein und eine Sechserpackung Bier zu kaufen. Ich muss beschämt zugeben, dass ihr Anblick meine Stimmung beträchtlich verbesserte. Bei dem Grad, den meine Angst inzwischen erreicht hatte, brauchte ich dringend einen Schluck Alkohol. Ich stellte das Bier weg und holte den Korkenzieher heraus.
Dietz kam aus dem Bad, in Jeans und Hemd, barfuß und von einer Rasierwasserwolke umweht. Mit dem Handtuch rieb er sich die Haare trocken, die ihm wie Stroh vom Kopf abstanden. Das Grau seiner Augen war so rein wie Eis. Er entdeckte das Radio auf der Küchentheke, schaltete es ein und suchte sich einen Westernsong mit einer Unmenge von Dur-Akkorden im Schaukelpferd-Rhythmus, der mich wahrscheinlich zum Wahnsinn treiben würde. Mein Problem mit der Westernmusik ist, dass ich genau die Situationen zu vermeiden trachte, die in ihren Texten beklagt werden. Doch nachdem ich schon gegen seine Zigaretten Einspruch erhoben hatte, war mir nicht wohl bei dem Gedanken, auch seinen Musikgeschmack zu kritisieren. Er war über unser enges Zusammenleben vermutlich auch nicht glücklicher als ich.
Ich schenkte mir Wein ein. »Wollen Sie auch welchen?«
»Aber immer.«
Ich reichte ihm das Glas und füllte ein zweites. Dabei hatte ich das Gefühl, wir sollten anstoßen und auf etwas trinken, aber mir fiel nicht ein, worauf. »Haben Sie Hunger? Ich habe gemerkt, dass Sie Speck und Eier mitgebracht haben. Die kann ich schnell in die Pfanne schlagen, wenn Sie wollen.«
»Fein. Ich wusste nicht so recht, was ich sonst noch besorgen sollte. Hoffentlich sind Sie keine Vegetarierin. Ich hätte fragen sollen.«
»Ich esse alles — außer Kutteln«, sagte ich und stellte das Weinglas ab, damit ich die Eier herausnehmen konnte.
»Rührei, wenn’s recht ist. Wenn ich sie brate, geht immer was schief.«
»Ich kann sie zubereiten.«
»Ich tu’s gern.«
»Sie sollten sich nicht für mich verantwortlich fühlen. Ich bin nicht Ihr Gast.«
Ich hasse es, mich darum zu zanken, wer der Nettere ist. Deshalb holte ich kurzerhand die Bratpfanne aus dem Schrank und wechselte das Thema. »Wir haben noch gar nicht über Geld gesprochen. Lee hat nicht erwähnt, was Sie für eine Stunde nehmen.«
»Zerbrechen wir uns darüber nicht den Kopf. Wir werden uns schon einigen.«
»Ich würde mich wohler fühlen, wenn wir jetzt zu einer Übereinkunft kämen.«
»Wozu?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Weiß ich nicht. Es ist einfach professioneller.«
»Von Ihnen will ich nichts, tu’s nur zu meinem Vergnügen.«
Ich drehte mich um und starrte ihn an. »Sie halten das für ein Vergnügen?«
»Sie wissen schon, was ich meine. Ich hab das Geschäft sowieso schon aufgegeben, also geht das, was ich für Sie tue, auf meine Rechnung.«
»Das gefällt mir nicht«, sagte ich. »Ich weiß, Sie meinen es gut, und glauben Sie mir, ich bin sehr dankbar für Ihre Hilfe, aber ich bin nicht gern jemandem etwas schuldig.«
»Sie sind mir nichts schuldig.«
»Ich werde Sie bezahlen«, sagte ich.
»Großartig. Tun Sie das. Ich bin gerade teurer geworden — fünfhundert Dollar die Stunde.«
Ich sah ihn, und er sah mich an. »Das ist Quatsch.«
»Hab ich doch gesagt. Es ist Quatsch. Wir werden uns etwas überlegen. Jetzt habe ich Hunger, also hören wir auf zu streiten.«
Kopfschüttelnd wandte ich mich wieder der Pfanne zu. Das Leben als Single hat ungeheuer viel für sich — man kann immer tun, was man will.
Um neun ging ich erschöpft zu Bett. Ich schlief unruhig, denn ich merkte, dass Dietz bis tief in die Nacht wach blieb und rastlos hin und her ging.