19
Kaum war ich im Haus, lief ich sofort in meinen Schlafraum hinauf, zu müde, um noch höfliche Floskeln auszutauschen. »Wollen Sie ein Glas Wein?«, fragte er.
Ich zögerte, blickte zu ihm zurück, mitten auf der Flucht erwischt. Mit einem Fuß stand ich auf der untersten Stufe, meine Hand ruhte auf dem geschwungenen Geländer der Wendeltreppe. »Ich glaube nicht. Nein. Vielen Dank.«
Es folgte eine Pause; dann fragte er: »Sind Sie in Ordnung?«
Wir redeten plötzlich miteinander, als habe jede Bemerkung einen versteckten Sinn. Sein Gesicht schien noch dasselbe zu sein, doch in seinen Augen war etwas Neues. In dem früher undurchdringlichen Blick stand jetzt eine Bitte, die er offenbar nicht aussprechen konnte. Wie die Flügel eines Ventilators wirbelte Sexualität die Luft durcheinander. Meine Erschöpfung war plötzlich wie weggeblasen. Alle Gefahr und alle Anspannung hatten sich in stummes Verlangen verwandelt. Ich spürte, wie es durch meine Kleider sickerte, über meine Beine rieselte: etwas Uraltes, etwas Dunkles, des Menschen einziges Mittel gegen den Tod. Die Hitze schien zwischen uns eine Brücke zu schlagen. Plötzlich war da etwas, das ich verstand: Dieser Mann war wie ich, war mein Zwilling, und ich erkannte, dass ich in ihm ein seltsames Spiegelbild meiner selbst sah — meinen Mut, meine Tüchtigkeit, meine Angst vor Abhängigkeit. Ich war drei Tage mit ihm zusammen gewesen, durch Äußerlichkeiten getrennt, durch den Selbsterhaltungstrieb und den Überlebensinstinkt zu einem Neutrum geworden. Nur Begehren konnte uns mutig genug machen, diese Kluft zu überschreiten, aber wer von uns beiden würde es wagen?
Ich sah ihm zu, als er die Tür absperrte. Ich sah ihm zu, als er die Lichter löschte und das Zimmer durchquerte. Ich stieg zwei Stufen hinauf, auf der dritten drehte ich mich um, hielt mich am Geländer fest und setzte mich, als Dietz auf mich zukam, auf die Stufe. Er stand vor mir, sein Gesicht auf der gleichen Höhe mit meinem. Das Zimmer hinter ihm war dunkel. Licht kam nur von oben, erhellte seine ernsten Züge. Er lehnte sich in den Kuss hinein, sein Mund war zuerst kalt, seine Lippen weich. Begehren durchzuckte mich wie eine Flammenzunge. Ich lag auf der Treppe, die Stufen schnitten mir in den Rücken, bis Schmerz und Verlangen zu einem einzigen Gefühl verschmolzen. Ich streichelte ihm die Wange, berührte sein seidiges Haar, während er das Gesicht an mir vergrub und durch mein Baumwoll-T-Shirt an meinen Brüsten saugte. Wir bewegten uns im Rhythmus eines gespielten Geschlechtsakts, voll bekleidet, die Körper gewölbt. Ich hörte, wie sich Stoff an Stoff rieb, hörte seinen Atem und meinen. Ich griff nach unten und berührte ihn. Er stieß einen fast unmenschlichen Laut aus, löste sich von mir und zog mich hinter sich her die Treppe hinauf. Das Bett war besser, und während wir uns küssten, zogen wir uns nach und nach aus. Als er sich nackt an mich presste, sagte er im ersten Hitzeschock mit einem leisen Stöhnen »oh, du lieber Herr Jesus!« Danach gab es bis zum Augenblick des Vergessens keine Worte mehr. Die Liebe mit diesem Mann war mit keiner anderen zu vergleichen, die ich bisher erlebt hatte — auf ihrem Höhepunkt wurde irgendwo ein Akkord angeschlagen, zeitlose Musik durchbebte uns, Geheimnisse enthüllten sich, Haut an Haut, Augenblick um Augenblick, bis wir miteinander verschmolzen. Ich fiel in einen tiefen Schlaf, meine Glieder mit seinen verschlungen, und wurde bis zum Tagesanbruch kein einziges Mal wach. Um sechs Uhr rührte ich mich und merkte undeutlich, dass ich allein im Bett lag. Ich hörte Dietz unten umhergehen. Er hatte das Radio eingeschaltet, und die Melodie eines Liedes von Tammy Wynette, die so wehmütig war, dass sie einem das Herz herausreißen konnte, wehte zu mir herauf. Doch diesmal machte es mir nichts aus.
Irgendwann klingelte es. Der Mann vom United Parcel Service (ein echter) brachte den Karton, der mir aus Brawley nachgeschickt worden war. Dietz nahm ihn entgegen, da ich noch tot war für die Welt. Bald darauf stieg mir frischer Kaffeeduft in die Nase. Ich stand auf, machte das Bett, tastete mich ins Bad und putzte mir die Zähne. Ich duschte, wusch mir die Haare und zog dann die Jeans und das T-Shirt an, die ich am Abend zuvor getragen hatte. Noch war beides nicht reif für die Schmutzwäsche. Ich ging hinunter.
Dietz saß an der Küchentheke auf einem Barhocker. Er hatte das leere Saftglas und die leere Breischüssel zur Seite geschoben und die Zeitung vor sich ausgebreitet, um lesen zu können. Er griff mit der Hand nach hinten, und ich legte die Arme um ihn. Er küsste mich, und sein Mund war so frisch, dass ich den Frühstücksbrei schmeckte. »Geht es dir gut?«, fragte er.
»Ja. Und dir?«
»Mmm. Dein Paket ist angekommen.«
Der Karton stand direkt hinter der Tür, von mir selbst an mich adressiert. »Hast du es auf Spreng- und Brandsätze untersucht?«
»Es ist in Ordnung«, sagte er trocken. »Mach’s ruhig auf.«
Ich nahm ein Schälmesser aus der Küchenschublade und schlitzte das Klebeband auf. Die Gegenstände waren noch so verpackt, wie ich es in Erinnerung hatte. Mein Kleid-für-alle-Gelegenheiten lag ziemlich weit oben. Ich zog es heraus und sah es mir genau an, erleichtert, dass es in einem viel besseren Zustand war, als ich befürchtet hatte. Es war nur von einem dünnen Schimmelfilm überzogen, roch aber nach Sumpfgas — ein Geruch, irgendwo zwischen verdorbenen Eiern und alten Toilettenschüsseln angesiedelt.
Dietz schnupperte einmal und wandte sich mit angeekeltem Gesicht zu mir um. »Was ist denn das? Gütiger Gott...«
»Das? Das ist mein bestes Kleid«, sagte ich. »Ich brauche es nur in die Waschmaschine zu stecken, und schon ist es wieder wie neu.«
Ich legte es beiseite und wühlte weiter in dem Karton, holte Werkzeug und auch sonst noch allen möglichen Kram heraus. Ganz unten war das Kinder-Teeservice, und zwar noch immer in der Schachtel, in der ich es unter Agnes Greys Wohnwagen herausgezogen hatte. »Ich sollte es zu Irene bringen«, sagte ich und stellte die Schachtel in Türnähe ab. Es gab nur sehr wenige Dinge, die an Agnes Greys dreiundachtzig Erdenjahre erinnerten, und ich dachte, Irene würde sich vielleicht über die Sachen freuen.
Dietz blickte von seiner Zeitung auf. »Wobei mir einfällt, Dr. Palchak hat heute Morgen um halb acht wegen des Autopsieberichts angerufen. Du sollst zurückrufen, sobald du wach bist.«
»Das ist aber schnell gegangen.«
»Das habe ich auch gesagt. Sie meinte, sie fängt gern um fünf Uhr morgens an, wenn sie einen Auftrag hat.«
Ich wählte die Nummer des St. Terry und ließ mich mit der Pathologie verbinden. Bisher hatte ich zweimal mit Laura Palchak zu tun gehabt. Sie ist klein, unscheinbar, untersetzt, arbeitsbesessen, gründlich und sehr intelligent, eine von mehreren Pathologen, die der Bezirk unter Vertrag hat, und sie führt die Autopsien für das Büro des Coroners durch.
»Palchak«, meldete sie sich.
»Hallo, Laura. Hier ist Kinsey Millhone. Danke, dass Sie so prompt auf meine Nachricht reagiert haben. Was können Sie mir über Agnes Grey sagen?«
Es folgte eine kurze Pause. »Mrs. Gersh wird im Lauf des Vormittags vom Büro des Coroners informiert, es muss also unter uns bleiben, okay?«
»Selbstverständlich.«
»Die Autopsie war negativ. Es wird natürlich Wochen dauern, bis wir die toxischen Befunde haben, aber bisher habe ich nur Nieten gezogen.«
»Und was war nun die Todesursache?«
»Herzstillstand, aber zum Teufel — jeder stirbt letzten Endes an Herz- oder Atemstillstand. Wesentlich ist, dass die Frau keinen organischen Herzfehler hatte und ich auch sonst keine natürlichen Symptome gefunden habe, die zum Tod geführt haben könnten. Technisch müssen wir auf >unbestimm-e Todesursache< erkennen.«
»Was bedeutet >technisch<? Es gefällt mir nicht, wie Sie das gesagt haben.«
Sie lachte. »Gute Frage. Sie haben Recht. Ich ahne irgendetwas, aber dazu ist noch ein bisschen Forschungsarbeit nötig. Ich habe mit der Krankenhausbibliothekarin gesprochen und sie gebeten, mir einen Artikel herauszusuchen, den ich vor ein paar Jahren gelesen habe. Ich weiß nicht einmal, wieso er mir eingefallen ist, aber etwas an dieser Situation hat mich hellhörig gemacht.«
»Was denn? Können Sie mir Näheres sagen?«
»Noch nicht. Ich habe von meiner Assistentin ein paar Gewebeproben entnehmen lassen, die ich mir wahrscheinlich heute Nachmittag ansehen kann. Außer diesem habe ich nämlich noch sechzehn andere Fälle auf dem Programm. Aber ich bin neugierig.« ,
»Brauchen Sie etwas von mir?«
»Ich hätte einen Vorschlag, falls Sie sich mit der Sache befassen wollen. Mich interessiert sehr, was mit der Frau in den Stunden passiert ist, in denen sie nicht aufzufinden war. Für mich wäre es eine große Hilfe, wenn Sie feststellen könnten, wo sie die ganze Zeit gesteckt hat.«
»Ich kann es ja versuchen«, sagte ich. »Aber es könnte sich als irreführend herausstellen. Soll ich nach etwas ganz Bestimmtem suchen?«
»Sie hat am rechten Handgelenk wunde Stellen, die aussehen, als hätte sie sich an einem Strick aufgescheuert, und eingerissene und abgebrochene Fingernägel an der linken...«
»O ja, die hab ich auch gesehen«, sagte ich, denn ganz plötzlich fiel es mir wieder ein. »Der Knöchel an der rechten Hand ist auch abgeschürft.«
»Stimmt. Es ist möglich, dass sie irgendwo gegen ihren Willen festgehalten wurde. Sehen Sie sich nach einem Geräteschuppen oder einem Gewächshaus um. Ich habe unter ihren Fingernägeln Erde gefunden und ein paar Proben entnommen. Vielleicht finden wir irgendwo die gleiche. Sie hat auch ein paar Abschürfungen und Blutergüsse auf dem Rücken. Erst letzte Woche habe ich ein Kind mit den gleichen Verletzungen auf Oberschenkeln und Hinterbacken auf dem Tisch gehabt. Es war — unter anderem — mit einem Kleiderbügel geschlagen worden.«
»Wollen Sie damit sagen, dass sie geschlagen wurde?«
»Wahrscheinlich.«
»Weiß Lieutenant Dolan Bescheid?«
»Er und ein Polizeifotograf waren bei der Obduktion dabei, daher hat er dasselbe gesehen wie ich. Es ist aber so, dass ich kein inneres Trauma gefunden habe und die Verletzungen zu geringfügig sind, um als Todesursache in Frage zu kommen.«
»Und was haben Sie für eine Theorie?«
»O nein! Von mir hören Sie erst etwas, nachdem ich noch ein paar Sachen überprüft habe. Rufen Sie mich heute Nachmittag an — oder noch besser, ich setze mich mit Ihnen in Verbindung, sobald wir wissen, um was es sich handelt. Bis dahin haben Sie vielleicht schon selbst etwas zu berichten.«
Sie legte auf und ich ebenfalls. Dann blieb ich, völlig perplex, ganz einfach sitzen.
Dietz beobachtete mich. Meinem Gesprächsbeitrag am Telefon hatte er ohne weiteres entnehmen können, dass es keine glatte Sache mehr war. »Was ist passiert?«
»Holen wir deinen Wagen, und fahren wir zu Irene. Ich möchte mit Clyde reden.« Ich rief schnell bei Gershs an, um sie auf unseren Besuch vorzubereiten, und bestellte anschließend ein Taxi.
Auf der Fahrt zum Hotel, mit Irenes Schachtel auf dem Schoß, setzte ich Dietz ins Bild. Beim Edgewater angekommen, trödelte er mit seinem Porsche herum und untersuchte Motor und Elektrik, ehe er bereit war, den Schlüssel ins Zündschloss zu stecken. Es war nicht mehr derselbe Parkwärter, dem wir den Wagen gestern Abend übergeben hatten, und obwohl der Junge schwor, es sei niemand in der Nähe des Porsche gewesen, wollte Dietz sich nicht darauf verlassen.
»Messinger weiß wahrscheinlich nicht einmal, wo bei einer Bombe vorn und hinten ist, aber ich möchte auch keine unangenehme Überraschung erleben«, sagte er. Ich wartete, während er sich der Länge nach auf den Boden legte und halb unter den Wagen schob, um sich ihn auch von unten gründlich anzusehen. Offenbar gab es keine überflüssigen Drähte, keine sichtbaren Sprengkapseln, keine ordentlich verschnürten Päckchen mit Dynamit. Zufrieden stand er auf, klopfte sich den Staub ab und ließ mich einsteigen.
Ausnahmsweise fuhr er langsam und machte ein Gesicht, als sei er in Gedanken weit weg.
»Worüber grübelst du nach?«, fragte ich.
»Ich habe an Messinger gedacht und mich gefragt, ob es uns etwas nützen könnte, wenn wir uns mit seiner Exfrau unterhalten würden.«
»In Los Angeles?«
»Wir könnten sie auch bitten herzukommen. Wir wissen, dass er Eric bei sich hat — zumindest war er gestern Abend noch bei ihm. Sie würde bestimmt mit beiden Händen zugreifen, wenn sie eine Möglichkeit sähe, ihr Kind zurückzubekommen. Vielleicht können wir ihr helfen, und sie könnte sich dafür bei uns revanchieren.«
»Wie?«
Dietz zuckte mit den Schultern. »Das weiß ich noch nicht, aber es ist immer noch besser, als gar nichts zu tun.«
»Weißt du, wie du dich mit ihr in Verbindung setzen kannst?«
»Ich habe daran gedacht, dich abzusetzen und zu Dolan zu fahren.«
»Klingt gut. So können wir’s machen.«
Wir hielten vor dem Gersh-Haus. Dietz hielt die Schachtel, während ich mich aus dem extrem tiefen Sitz in die Höhe schraubte. Auf der vorderen Veranda stellte er sie neben der Tür ab. Ich klingelte. Wir hatten verabredet, dass ich hier auf ihn warten sollte. »Beeil dich«, sagte ich leise. »Ich möchte nicht den ganzen Tag bei Irene festsitzen.«
»Höchstens eine Dreiviertelstunde. Sollte es länger dauern, rufe ich an. Sei vorsichtig.« Er drängte mich an die Hauswand und küsste mich, dass sich meine Zehen kringelten, dann winkte er mir lässig zu und marschierte den Gartenweg hinunter.
Jermaine öffnete und trat beiseite, um mich einzulassen; zugleich sprang der Motor des Porsche an, und der Wagen fuhr los. Ich war noch bemüht, mich zu fassen, versuchte den Eindruck einer nüchternen und sachlichen Privatdetektivin zu machen, obwohl mein Schlüpfer nass geworden war. Jermaine und ich begrüßten uns mit den üblichen Floskeln. Irgendwo im Haus klingelte das Telefon. Jermaine hörte es auch und hob die Stimme, als verkündete sie den letzten Reihen eines Auditoriums: »Ich geh schon ran!« Sie entschuldigte sich und entfernte sich erstaunlich anmutig in Richtung der Küche.
Das Haus war sonst still. Das Wohnzimmer lag im Schatten der Wacholderhecke an der Grundstücksgrenze. Ich ging auf einen der Beistelltische zu und knipste eine Lampe an. Dann beugte ich mich leicht seitlich vor und schaute durch einen Bogengang zu meiner Linken. Irene saß auf der verglasten Sonnenveranda neben dem Wohnzimmer an einem Schreibtisch. Ein kleines tragbares Radio spielte klassische Musik, und ich nahm an, dass sie deshalb die Türklingel nicht gehört hatte. Sie trug einen Morgenrock und Pantoffeln und sah noch schlechter aus als am Abend vorher. Sie war immer blass, doch jetzt sah ihre Haut ausgebleicht aus, als sei sie mit Heftpflaster verklebt gewesen. Man merkte ihr an, dass sie viel geweint und wenig geschlafen hatte. Die falschen Wimpern waren verschwunden und ihre Augen verquollen, ihr Blick geistesabwesend.
»Irene?« Sie zuckte zusammen und sah sich hastig um; ihr war nicht klar, woher das Geräusch gekommen war. Als sie mich entdeckte, stand sie mühsam auf und hielt sich dabei am Schreibtisch fest, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Mit zitternden Beinen kam sie ins Wohnzimmer und streckte die Hände nach mir aus wie ein Kleinkind bei seinen ersten Gehversuchen. Dabei wimmerte sie leise vor sich hin, als schmerze sie jeder Schritt. Sie klammerte sich an mich wie schon einmal, aber diesmal kam noch Verzweiflung hinzu.
»O Kinsey, Gott sei Dank! Ich bin so froh, dass Sie hier sind. Clyde musste zu einer Konferenz in die Bank, aber er hat mir versprochen, so bald wie möglich zurückzukommen.«
»Gut. Ich möchte nämlich mit ihm reden. Wie geht es Ihnen?«
»Schrecklich. Ich kann einfach nicht klar denken und ertrage es nicht, allein zu sein.«
Ich führte sie zur Couch. Ihre Hilflosigkeit machte mich tief betroffen. »Sie sehen so aus, als hätten Sie nicht viel geschlafen.«
Sie ließ sich in die Polster sinken, gab aber meine Hände nicht frei. Wie eine Betrunkene hielt sie mich gepackt, als sei sie kraftlos von ihren Exzessen, und aus ihrem Mund wehte mir Trauer entgegen wie Alkoholdunst. »Ich habe fast die ganze Nacht hier unten gesessen, weil ich Clyde nicht stören wollte. Ich habe versucht, die Papiere für Mutter auszufüllen, und dabei festgestellt, dass ich nichts von ihr weiß. Ich kann mich an nichts erinnern. Es ist unfassbar für mich. Irgendwie schäme ich mich dafür. Meine eigene Mutter...« Sie fing wieder an zu weinen.
»Schon gut. Ich kann Ihnen doch dabei helfen.« Ich hob beschwichtigend die Hand. »Bleiben Sie ganz ruhig sitzen. Entspannen Sie sich. Ist das Formular dort drin?«
Sie schien sich zusammenzureißen und nickte stumm, die Augen dankbar auf mich gerichtet, als ich in den Nebenraum ging. Ich nahm einen Füllhalter und ein zwanzig mal zwanzig Zentimeter großes quadratisches Formular vom Schreibtisch und ging ins Wohnzimmer zurück. Wie hielt Clyde nur ihre entsetzliche Abhängigkeit aus? So groß mein Mitleid auch sein mochte, es wurde überschattet von dem Gefühl, dass mir hier eine fast untragbare Last aufgebürdet wurde.