12
Ich lehnte den Kopf zurück und schaute aus dem Wagenfenster, während Dietz ein paar Mal das Hotel umrundete. Ich sah, dass er sich verschiedene Routen einprägte und besonders auf die Stellen achtete, wo sich ein Überfall am leichtesten bewerkstelligen ließ und wir verwundbar waren. Mein Interesse an diesem Dinner hielt sich in Grenzen. Und wenn ich’s mir genauer überlegte, was, zum Teufel, ging es mich überhaupt an? Jewel war eine reizende Frau, aber ich kannte sie wirklich nicht besonders gut. Außerdem fühlte ich mich nicht wohl, und — um der Sache auf den Grund zu gehen — ich hatte nichts anzuziehen. Das Kleid-für-alle-Gelegenheiten, mein einziges, war beim Unfall im Wagen gewesen. Mir fiel ein, dass ich in der Werkstatt in Brawley ein paar durchnässte Sachen in einen Karton gepackt hatte, der bisher noch nicht in Santa Teresa eingetroffen war. Wenn das Kleid hier ankam, würde es wahrscheinlich wie ein Sumpf riechen und zur Brutstätte urtümlicher Lebewesen geworden sein, die aus der Feuchtigkeit gekrochen kamen. Ich konnte natürlich Vera bitten, mir ein paar Klamotten zu leihen. Sie war zwar viel größer als ich und hatte gut zwanzig Pfund mehr auf den Rippen, doch ich hatte sie eine mit Ziermünzen besetzte Tunika tragen sehen, die so kurz war, dass sie gerade ihren Po bedeckte. Mir würde sie wahrscheinlich bis an die Knie reichen. Allerdings konnte ich in meinem derzeitigen Zustand sowieso keinen Rock anziehen. Mein verletztes Bein sah aus wie eine verfaulte Frucht. Und — optimistischer gedacht — sobald ich mich mit meinem Panzer gewappnet hatte, würde es nicht mehr ins Gewicht fallen, dass ihr Busen doppelt so groß war wie meiner.
Dietz war mit der näheren Umgebung des Hotels offenbar zufrieden; als Nächstes kamen wir zu den Einzelheiten. Wir bogen in den Hotelparkplatz ein, und er übergab den Porsche zusammen mit einem zusammengefalteten Geldschein dem Parkwärter. »Stellen Sie den Wagen gleich hier vorn ab, und sagen Sie mir Bescheid, wenn sich jemand dafür interessiert.«
Der Mann warf einen Blick auf den Schein. »Jawoll, Sir! Aber klar doch.«
Dietz und ich gingen auf den Hoteleingang zu.
»Warum so still?«, fragte er und steuerte mich am Ellenbogen durch die Halle, als bediente er ein Ruder.
Automatisch entzog ich ihm den Arm. »Tut mir Leid«, sagte ich. »Ich habe über das Bankett nachgedacht, und das hat mir die Laune verdorben.«
»Kann ich was für Sie tun?«
Ich schüttelte den Kopf. »Wie ist Ihnen dabei zu Mute?«
»Wobei? Bei diesem Job?«
»Ja. Überall mit mir rumzutrotten. Geht Ihnen das nicht auf die Nerven?«
»Ich habe keine«, sagte er.
Ich drehte mich um und sah ihn forschend an, denn ich fragte mich, ob das stimmte.
Er machte sich auf die Suche nach dem Hotel-Manager und redete lange mit ihm über den Bankettsaal, die nächste medizinische Versorgungsmöglichkeit und Ähnliches. Ich hätte den ganzen Plan gern fallen lassen, doch inzwischen hatten wir so viel Zeit und Energie investiert, dass ich mich verpflichtet fühlte, ihn durchzuziehen. Inzwischen rief Dietz alle unerfreulichen Aspekte meines Charakters in mir wach. Mir fielen allerlei Eigenschaften ein, die vermutlich zu meinen Scheidungen beigetragen hatten. Natürlich rede ich mir am liebsten ein, dass die Schuld allein bei meinen Exmännern lag, doch wem wollen wir hier was vormachen...
Ich ließ Dietz im Büro des Managers und schlenderte den Korridor entlang. Direkt hinter der Eingangshalle gab es eine Menge kleiner Läden, bevölkert von reichen Leuten, die ihr Geld loswerden wollten, ohne das Gebäude verlassen zu müssen. Ich betrat eine Boutique und sah mich darin um. Die Waren kamen mir unwirklich vor, Klamotten mit farblich perfekt aufeinander abgestimmten Accessoires. Meine Vorstellung von Accessoires beschränkte sich auf Sportsocken mit gleichfarbigem Rand. Die Luft duftete nach einem Parfüm, das hundertzwanzig Dollar pro Unze kostet und nur von Filmstars benutzt wird. Nur zum Spaß sah ich mir ein paar Preise im Ausverkaufsregal an. Sogar heruntergesetzt kosteten die meisten Stücke mehr als meine Monatsmiete. Ich ging in die Abteilung, in der die Abendsachen ausgestellt waren: lange Brokatröcke, Tops, über und über mit Ziermünzen besetzt, alles bestickt, handgenäht, handbemalt, mit Spitzen, Perlen oder Edelsteinen verziert. Die Verkäuferin sah mit geübtem Lächeln zu mir her. Dann merkte ich, wie ihre Miene sich leicht veränderte. Das erinnerte mich wieder daran, wie bestürzend mein Anblick auf jemanden wirken musste, der nicht darauf vorbereitet war. Ich konnte nur hoffen, dass ich aussah wie jemand, der eben eine kosmetische Operation hinter sich hatte. Eine kleine Nasenkorrektur, eine Lidstraffung. Schließlich konnte ich mich hier mit einem lieben Gönner verkrochen haben und darauf warten, bis alles abgeheilt war.
Dietz tauchte in der Tür auf, und ich ging auf ihn zu. Wie immer schnappte er sich kurzerhand meinen Ellenbogen und marschierte mit mir durch die Halle. Er war schroff, zerstreut, im Geist wahrscheinlich schon ein paar Schritte voraus. »Zeit für den Lunch«, sagte er.
»Sie wollen hier essen?«, fragte ich verblüfft. Ich bin eigentlich mehr der Burger-King-Typ.
»Klar. Wieso nicht? Es wird Sie aufheitern.«
Wir kamen zum Eingang des Hotelrestaurants, einem riesigen, auf allen Seiten verglasten Raum mit einem Fußboden aus roten polierten Fliesen und weißen Korbmöbeln. Unzählige Grünpflanzen, Palmen und Gummibäume in Kübeln, gaben dem Ganzen ein tropisches Flair. Die Gäste waren recht lässig gekleidet, trugen Tennissachen, Golfhemden und Designer-Sweatshirts. Dietz hatte dieselben Jeans und dieselbe Tweedjacke an wie seit zwei Tagen, ich Jeans und billige Tennisschuhe. Niemand beachtete uns, abgesehen von gelegentlichen neugierigen Blicken, die meinem bunten Gesicht galten.
Dietz entdeckte einen geschützten Tisch in der Nähe des Notausgangs mit dem auffallenden Schild: Diese Tür muss WÄHREND DER GESCHÄFTSSTUNDEN IMMER UNVERSCHLOSSEN bleiben. Perfekt, wenn man sich schnell aus dem Staub machen musste. Der Anrichteraum dort in der Nähe wurde als Wäsche- und Besteckkammer benutzt. Eine Kellnerin war dazu verurteilt worden, Servietten zu Schiffchen zu falten.
»Wie wär’s mit dem?«, sagte er. Die Hostess nickte und führte uns zu unseren Plätzen, ohne ein Wort über seine Wahl zu verlieren.
Sie reichte uns zwei ledergebundene Speisekarten in Übergröße. »Ihr Ober kommt sofort«, sagte sie und entfernte sich. Ich gebe zu, dass ich die Speisekarte mit einer gewissen Neugier las. Ich bin an Schnellimbiss-Ketten gewöhnt, wo die Speisekarten aus Hochglanzfotos der einzelnen Gerichte bestehen, als könnten die echten Speisen sowieso nur enttäuschen.
Hier hatte ein Küchen-Schriftgelehrter die Speisenfolgen kalligrafisch auf Pergament gemalt — in der Pfanne geräucherte Filets von frei laufenden Kälbern mit heller Soße in einem Körbchen aus frischem Blattspinat, bestreut mit Preiselbeeren; als Beilage handgeformte Waffeln aus Ziegenkäse, Waldpilze, süße Kartoffeln und frische Kräuter... $ 21.95. Ich sah Dietz an, der keineswegs verblüfft schien. Wie gewöhnlich war es mir sehr bewusst, dass ich ganz und gar nicht in meinem Element war. Ich esse kaum einmal Preiselbeeren und süße Kartoffeln.
Ich musterte die anderen Gäste, meine Sicht wurde jedoch durch eine Farnpflanze stark eingeschränkt. Neben der Pflanze stand eine zylindrische Voliere mit zwitschernden Finken. Am Drahtgeflecht des Käfigs waren Bambuskörbchen befestigt, und die kleinen Vögel hüpften mit Zeitungspapierfetzen hinein und heraus und bauten Nester. Ihre glänzenden Augen und die eilfertige Geschäftigkeit waren bezaubernd. Dietz und ich beobachteten sie mit Muße, während wir auf unseren Ober warteten.
»Wissen Sie etwas über Krähen?«, fragte er.
»Mit Vögeln kenne ich mich nicht besonders gut aus.«
»Mir ging’s genauso, bis ich mich mit einem anfreundete. Ich hatte eine Krähe namens Albert. Bertie, als ich ihn besser kannte. Ich bekam ihn, als ich noch ein kleiner Junge war, und behielt ihn jahrelang. Eine junge Krähe ist kein guter Navigator, und manchmal machen sie eine Bruchlandung. In diesem Alter werden sie Ästlinge genannt, weil sie unbeholfen von Ast zu Ast hüpfen — das ist ungefähr alles, wozu sie im Stande sind. Manche bleiben stecken und jammern wie Babys, bis man sie herunterholt. Bertie hatte sich wohl ein bisschen überschätzt, denn er war auf dem Boden gelandet. Ich hatte eine Katze — sie hieß Eittle John und brachte mir den Zeter und Mordio schreienden Bertie. FJ und ich balgten uns um den kleinen Vogel. Bertie hatte Glück, denn ich gewann den Wettstreit. Er und die Katze wurden später Freunde, aber eine Zeit lang stand die Sache auf der Kippe. FJ war sauer, weil ich mich einmischte. Er hatte Bertie für einen Festschmaus zum Erntedankfest gehalten...«
Dietz blickte auf. Der Ober kam. Er sah aus wie der Zeremonienmeister bei einer Hochzeit, streng korrekt mit weißen Handschuhen.
»Guten Tag. Wünschen Sie vor dem Lunch etwas zu trinken?« Der Ober übte vornehme Zurückhaltung und vermied jeden Blickkontakt.
Dietz wandte sich an mich. »Wollen Sie etwas trinken?«
»Weißwein«, sagte ich.
»Chardonnay, Sauvignon blanc?«, fragte der Ober.
»Chardonnay.«
»Und Sie, Sir?«
»Ich nehme ein Bier. Was für Importe führen Sie?«
»Amstel, Heineken, Beck dunkel und hell, Dos Equis, Pilsener, Corona...«
»Beck hell«, sagte Dietz.
»Möchten Sie gleich bestellen?«
»Nein.«
Der Ober sah Dietz an, nickte und zog sich zurück.
»Wahrscheinlich kriegen wir ihn jetzt eine halbe Stunde lang nicht zu sehen«, sagte Dietz, »aber ich hasse es, wenn man mich drängen will.«
Er fuhr mit seiner Geschichte über die Krähe Bertie fort, die gern lange Spaziergänge zu Fuß unternahm und sich von Süßigkeiten, hart gekochten Eiern und Katzentrockenfutter ernährte. Während Dietz sprach, ließ er die Augen rastlos durch den Raum schweifen. Er sah sich selten Gesichter an, immer nur Hände, suchte nach versteckten Waffen, achtete auf hastige Bewegungen, vielleicht auf geheime Signale. Ein untergeordneter Kellner brachte unsere Drinks, aber der vornehme Ober kam nicht wieder. Dietz schaute sich im Speisesaal nach ihm um, entdeckte ihn jedoch nirgends. Zwanzig Minuten verstrichen. Dietz wurde unruhig, schien sich immer unbehaglicher zu fühlen, warf plötzlich einen Geldschein auf den Tisch und stand auf. »Gehen wir, das gefällt mir nicht.«
»Vermuten Sie überall ein Komplott?«, fragte ich, hinter ihm hertrottend.
»Das hält uns vielleicht beide am Leben.«
Ich zuckte mit den Schultern und ließ es dabei. Als wir ins Freie traten, stand der Porsche direkt bei den Sträuchern. Dietz schnappte sich selbst die Schlüssel vom Brett und half mir in den Wagen. Dann stieg er ein und ließ den Motor an.
Wir fuhren am Strand entlang nach Hause. Ich war erschöpft, und mein Kopf begann zu hämmern. Vor meiner Wohnung angekommen, nahm Dietz sein tragbares Alarmsystem aus dem Kofferraum, brachte es an der Tür an und zeigte mir, wie man es ein- und ausschaltete.
»Ich werde Henry sagen, er soll seine Ohren auf Ihre Frequenz einstellen, während ich weg bin.«
»Sie gehen weg?« Ich fühlte ein leichtes Prickeln, Angst stieg in mir auf, der Beweis dafür, wie schnell ich von ihm abhängig geworden war, wenn es um meine Sicherheit ging.
»Ich möchte mich noch einmal mit Lieutenant Dolan unterhalten. Er hat mir versprochen, sich mit dem Bezirksstaatsanwalt von Carson City in Verbindung zu setzen, um den Kerl mit dem Kind identifizieren zu lassen. Jemand muss von ihm gehört haben. Vielleicht kriegen wir ein Phantombild von ihm zusammen, damit wir wenigstens eine Vorstellung davon haben, wie er aussieht. Ich bin in einer halben Stunde zurück. Sie sind hier sicher. Legen Sie sich ein bisschen hin. Sie sehen ganz erschlagen aus.«
Er ging, während ich eine Schmerztablette nahm und dann hinauf in den Schlafraum eilte. Ich hatte versprochen, Irene anzurufen, und ganz leise meldete sich tief in meinem Innern vorwurfsvoll die leise Stimme meines Gewissens. Das Telefon klingelte, als ich mir eben die Schuhe von den Füßen streifte. Dietz hatte zwar gesagt, ich sollte nicht rangehen, wenn er nicht da war, doch ich konnte nicht anders. Ich beugte mich übers Bett und griff nach dem Hörer.
Es war Irene Gersh. »Oh, gut, Sie sind da! Ich rufe aus dem Pflegeheim an und bin so froh, dass Sie zu Hause sind. Ich habe schon befürchtet, Sie wären noch unterwegs.«
»Wir sind gerade eingetrudelt. Ich habe schon daran gedacht, Sie anzurufen, konnte bisher aber noch nicht die nötige Energie dazu aufbringen.«
»Kommt mein Anruf ungelegen?«
»Nein, nein, nur keine Sorge. Was ist passiert?«
»Nichts. Das ist ja gerade das Schlimme. Tut mir leid, dass ich so lästig bin, aber ich bin außer mir vor Angst. Mutter ist jetzt seit acht Stunden verschwunden, und wir finden einfach nicht die geringste Spur von ihr. Clyde meint, wir sollten vielleicht selbst die Nachbarn befragen.«
»Hört sich nach einer guten Idee an«, sagte ich. »Brauchen Sie Hilfe beim Klinkenputzen?« In dieser Sekunde gingen meine eigenen Ängste völlig in der Sorge um Agnes unter.
»Danke. Wir wären Ihnen sehr dankbar. Je länger Mutter allein unterwegs ist, umso größer wird meine Angst. Jemand muss sie doch gesehen haben.«
»Sollte man meinen«, sagte ich. »Wann brauchen Sie mich?«
»Sehr bald, wenn es geht. Clyde hat von zu Hause angerufen und ist unterwegs hierher. Wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht...« Sie nannte mir eine Adresse im elfhunderter Block auf der Concorde Avenue.
»Bin schon unterwegs«, sagte ich, legte auf, rief rasch in Lieutenant Dolans Büro an und hinterließ Dietz die Nachricht, dass er mir ins Pflegeheim nachkommen sollte. Der Diensthabende notierte sich die Adresse. Als das getan war, humpelte ich vorsichtig die Treppe hinunter. Ich brauchte dringend Bewegung. An meinem ganzen Körper bekam ich die Unfallfolgen zu spüren, und meine Gelenke waren so steif, als wären sie verrostet. Bei bestimmten Stellungen und Bewegungen schoss mir ein so quälender Schmerz durch den Nacken, dass ich leise stöhnte. Hoffentlich wirkte die Schmerztablette bald.
Ich fand eine Jacke und meine Handtasche, überzeugte mich, dass meine kleine .32er da war und lief zur Tür, während ich in der Tasche nach meinem Autoschlüssel kramte. Wo, zum Teufel, war er nur? Verblüfft blieb ich stehen, doch dann dämmerte es mir. Ich hatte kein Auto mehr. Der VW stand noch immer in Brawley in der Karosseriewerkstatt. Ach, verdammt!, dachte ich.
Ich machte auf dem Absatz kehrt und bestellte telefonisch ein Taxi. Inzwischen hatte ich schon angefangen, mir Dietz’ Vorsichtsmaßnahmen zu Eigen zu machen. Ich hatte nicht die Absicht, mich für alle Welt deutlich sichtbar draußen am Gehsteigrand zu präsentieren. Gefügig wartete ich und stellte mich dazu im unteren Bad in die Wanne, weil ich von dort Ausschau nach dem Taxi halten konnte. Als es vorfuhr, schnappte ich mir zum zweiten Mal Jacke und Handtasche. Gedankenlos öffnete ich die Haustür und löste den Alarm aus. Das Geheul erschreckte mich so, dass ich mir fast in die Hose gemacht hätte.
Henrys Hintertür flog auf, und er stürzte mit einem Hackmesser in der Hand in den Hof. Außer einer türkisfarbenen Unterhose hatte er keinen Faden am Leib, und sein Gesicht war so bleich wie Brotteig. »Mein Gott, was ist passiert? Geht es dir gut?«
»Es geht mir gut, Henry. Der Alarm ist versehentlich losgegangen.«
»Dann wieder hinein mit dir! Ich bin zu Tode erschrocken. Wollte gerade unter die Dusche, als das verdammte Ding zu jaulen anfing. Warum bist du hier draußen? Dietz hat gesagt, dass du schläfst. Du siehst schrecklich aus. Geh ins Bett.« Er ist ganz konfus vor Angst, dachte ich.
»Hörst du wohl auf, dir Sorgen zu machen, Henry? Es gibt keinen Grund, hysterisch zu werden. Irene Gersh hat angerufen, und ich bin unterwegs ins Pflegeheim, um ihr bei der Suche nach ihrer Mutter zu helfen. Draußen wartet ein Taxi auf mich.«
Henry hielt mich an der Jacke fest. »Du bist nirgendwohin unterwegs«, sagte er zänkisch. »Du wirst hübsch warten, bis Dietz wieder da ist. Dann kannst du mit ihm fahren.«
Ich verlor allmählich die Geduld und zerrte ihm die Jacke aus der Hand. Wir benahmen uns wie Kinder, die auf dem Schulhof stritten. Das Hackmesser in seiner Hand machte es für mich ein bisschen schwierig.
Als er das zweite Mal nach meiner Jacke griff, hielt ich sie in die Höhe und von ihm weg. »Henry«, sagte ich warnend, »ich bin ein freier Mensch. Dietz weiß, dass ich ins Pflegeheim will. Ich habe Dolans Büro angerufen und mit ihm gesprochen. Er ist schon unterwegs.«
»Du hast überhaupt nicht angerufen, ich kenn dich doch«, sagte Henry. »Du lügst wie gedruckt.«
»Ich habe angerufen.«
»Aber nicht mit ihm selbst gesprochen.«
»Aber ich habe eine Nachricht für ihn hinterlassen, das ist genauso gut.«
»Und wenn er sie nicht bekommt?«
»Dann kannst du ihm sagen, wo ich bin. Ich gehe.«
»Nein, das tust du nicht.«
Ich musste mich noch gut fünf Minuten lang streiten, bevor ich das Grundstück verlassen konnte. Der Taxifahrer hatte inzwischen zweimal gehupt und dann einen Blick ums Hauseck geworfen, weil er um sein Fahrgeld fürchtete. Ich weiß nicht, was er sich gedacht haben mochte, als er uns erblickte — mich mit meinem zerbeulten Gesicht und Henry in seinen Calvin-Klein-Unterhosen mit dem Hackmesser in der Hand. Glücklicherweise kannte Henry den Mann, und nach zahlreichen Beteuerungen von allen Seiten, war er endlich damit einverstanden, dass ich fuhr. Ihm gefiel es zwar nicht, doch er konnte nicht viel dagegen tun.
Der Taxifahrer schüttelte mit spöttischer Empörung den Kopf. »Ziehen Sie sich eine Hose an, Pitts. So könnten Sie verhaftet werden.«
Kurz vor zwei erreichte ich das Pflegeheim an der Upper East Side. Als das Taxi anhielt, merkte ich, dass ich die Gegend kannte. Rosie und ich hatten hier überall nach einer Unterkunft mit Verpflegung für ihre Schwester Klotilde gesucht. Die meisten Häuser waren ziemlich pompös: weitläufig, mit hohen Decken, übergroßen Fenstern und breiten Veranden, von massiven Eichen und alten zerzausten Palmen umgeben.
Im Gegensatz dazu war das Pflegeheim, aus dem Agnes verschwunden war, ein zweistöckiger viktorianischer Bau mit einem Kutschenhaus dahinter. Die Seitenwandung war hellgrau, das Fachwerk erstrahlte in frischem Weiß. Das steile Spitzdach bestand aus Schieferplatten, die sich wie Fischschuppen überlappten. Im zweiten Stockwerk waren eine grob gezimmerte Plattform und eine Holztreppe als Feuertreppe angebaut worden. Das Haus stand im Schatten unzähliger Bäume auf einem großen Eckgrundstück mit Blumenbeeten und wurde von Hecken umsäumt, die von den hohen Bogen eines kunstvollen schmiedeeisernen Zauns überragt wurden. Auf dem kleinen Parkplatz am Ende des Grundstücks sah ich mehrere Autos.
Irene hatte ganz offensichtlich nach mir Ausschau gehalten. Ich bezahlte den Taxifahrer, und als ich ausstieg, kam sie auf dem Gehsteig auf mich zu. Ihr folgte ein Mann, den ich für Clyde Gersh hielt. Wieder war ich betroffen, wie kränklich sie wirkte. Sie war spindeldürr und schien nicht ganz sicher auf den Beinen zu sein. Sie trug ein Hemdblusenkleid aus jadegrüner Seide, das für die geisterhafte Blässe ihrer Haut wenig vorteilhaft war. Zwar hatte sie sich mit ihrem Aussehen große Mühe gegeben, doch die Wirkung war erschreckend. Die Grundierung ihres Make-ups war viel zu pfirsichrosa, und die falschen Wimpern betonten ihre Augen so, dass sie geradezu hervorquollen. Die Rougeflecken auf jeder Wange sahen aus, als habe sie hohes Fieber. »O Kinsey! Gott segne Sie.« Mit zitternden, eiskalten Händen griff sie nach mir.
»Wie geht es Ihnen, Irene? Haben Sie eine Spur von ihr gefunden?«
»Leider nein. Die Polizei hat die Vermisstenanzeige aufgenommen und sie zur — zur... Oh, wie nennt man das?«
»Zur Fahndung ausgeschrieben«, meldete sich Clyde zu Wort.
»Ja, das war’s. Außerdem sucht ein Streifenwagen die Gegend ab. Mehr können sie vorläufig nicht tun. Aber ich bin ganz einfach krank vor Sorge.«
Clyde streckte die Hand aus und stellte sich vor.
»Oh, ich bitte um Entschuldigung«, sagte Irene nervös. »Das ist Miss Millhone. Wo habe ich nur meine Gedanken?«
Clyde Gersh war etwa Ende fünfzig, so um die zehn Jahre älter als seine Frau. Er war groß und ging gebeugt, der teuer aussehende Anzug schlotterte um seine Gestalt. Sein graues Haar wurde allmählich dünn, er hatte ein faltiges Gesicht, und seine Stirn war sorgenvoll gerunzelt. Seine Gesichtszüge waren die eines Mannes, der sich mit seinem Schicksal abgefunden und resigniert hatte. Der Gesundheitszustand seiner Frau, ob tatsächlich so schlecht oder nur eingebildet, musste ihn sehr belasten. Er strahlte müde Geduld aus. Plötzlich fiel mir ein, dass ich keine Ahnung hatte, was er beruflich machte. Irgendetwas, das es ihm erlaubte, sich seine Zeit selbst einzuteilen und italienische Schuhe zu tragen. Anwalt? Steuerberater?
Wir schüttelten uns die Hand. »Freut mich, Sie kennen zu lernen, Miss Millhone«, sagte er. »Schade, dass es unter so traurigen Umständen geschieht.«
»Ganz meinerseits. Aber sagen Sie bitte >Kinsey<, das ist mir lieber. Was kann ich tun, um Ihnen zu helfen?«
Er warf seiner Frau einen um Entschuldigung bittenden Blick zu. »Darüber haben wir eben gesprochen. Ich halte es für das Beste, wenn Irene hier bleibt. Sie kann eine Weile die Festung halten, während wir beide von Haus zu Haus gehen. Ich habe dem Leiter dieser miesen Institution schon erklärt, dass wir ihn verklagen werden, wenn Agnes etwas passiert...«
Irene warf ihm einen hastigen Blick zu. »Darüber können wir später reden«, sagte sie zu ihm. Und zu mir. »Das Heim hat sich großartig verhalten. Sie meinen, dass Mutter wahrscheinlich verwirrt war. Sie wissen, wie eigenwillig sie ist, aber ich bin sicher, es geht ihr gut.«
»Natürlich geht es ihr gut«, antwortete ich, obwohl ich meine Zweifel hatte.
Clydes Miene verriet mir, dass er ungefähr so zuversichtlich war wie ich. »Ich will gerade aufbrechen«, sagte er. »Wollen Sie mitkommen? Ich denke, wir sollten die Häuser in der Concorde Avenue bis hinunter zur Molina Street kontrollieren und uns dann nach Norden wenden.«
»Ich will mitgehen, Clyde«, sagte Irene. »Ich bleibe nicht allein hier.«
Ein ärgerlicher Ausdruck flog über sein Gesicht, doch er nickte. Er ließ alle Einwände beiseite, die er gehabt haben mochte, vielleicht aus Rücksicht auf mich. Er erinnerte mich an einen Vater, der sein Kind nicht in Anwesenheit Dritter tadeln wollte. Der Mann wollte einen guten Eindruck machen. Ich suchte mit den Blicken die Straße ab, ob schon etwas von Dietz zu sehen war.
Irene fühlte mein Zögern. »Stimmt etwas nicht, meine Liebe? Sie scheinen besorgt zu sein.«
»Ich bin hier mit jemandem verabredet und möchte nicht gehen, ohne ihm eine Nachricht zu hinterlassen.«
»Wir können warten, wenn Sie wollen.«
Clyde machte eine ungeduldige Geste. »Tu, was du für richtig hältst. Und Sie auch«, sagte er. »Ich gehe jedenfalls. Ich nehme diese Seite, und Sie können die andere nehmen. Wir treffen uns in einer Stunde und tauschen aus, was wir erfahren haben.« Er drückte Irene einen flüchtigen Kuss auf die Wange und ging. Sie sah ihm ängstlich nach. Ich dachte, sie wollte mir etwas sagen, doch sie ließ den Augenblick ungenutzt verstreichen.
»Wollen Sie im Pflegeheim eine Nachricht hinterlassen, wo wir sind?«
»Nicht nötig«, sagte ich. »Dietz wird es sich schon denken können.«