11
Um sechs Uhr morgens wachte ich automatisch auf und ließ mich aus dem Bett rollen, um meinen Morgenlauf zu absolvieren. Oh, Mist, tat das weh! Auf allen vieren hegend, sog ich Luft durch die Zähne und starrte den Fußboden an, weil mir einfiel, was Dietz angeordnet hatte. Kein Jogging, kein Fitnesstraining. Über das Aufstehen hatte er kein Wort gesagt. Ich war aber ohnehin zu keiner körperlichen Ertüchtigung fähig. Der zweite Tag ist — egal, um was es sich handelt — immer der schlimmste. Ich rappelte mich mühsam auf die Beine, hinkte zum Geländer hinüber und schaute hinunter ins Wohnzimmer. Es duftete nach frischem Kaffee. Dietz war schon aufgestanden, das Sofabett bereits gemacht, und ich erhaschte einen Blick auf ihn. Er saß an der Küchentheke, und vor ihm lag aufgeschlagen die L. A. Times. Wahrscheinlich sehnte er sich jetzt nach der ersten Zigarette. Aus meiner verkürzten Vogelperspektive schien sein Gesicht ganz von der zerfurchten Stirn und dem vorspringenden Kinn beherrscht zu werden. Er hatte einen breiten Brustkorb, mächtige Schultern und kräftige Muskeln. Er blätterte die Seiten von rückwärts nach vorn um, bis er zu den Stadtnachrichten von Los Angeles kam, in denen man alle aufregenden Einzelheiten über in L. A. verübte Verbrechen erfährt. Ich zog mich zurück, stieg wieder ins Bett und verbrachte die nächsten Minuten damit, durch das Oberlicht zu starren. Eine Schicht Dunkelblau, von weißen Wolken überlagert, hing über der Plexiglaskuppel. Unmöglich zu sagen, wie der Tag werden würde. Im Mai regnet es hier nur selten. Wahrscheinlich würden sich die Wolken auflösen, die Sonne würde scheinen, eine sanfte Brise wehen und alles so üppig grün sein wie immer. Vollkommenheit ist manchmal gar nicht leicht zu ertragen. Inzwischen konnte ich aber nicht den ganzen Tag hier liegen bleiben, auch wenn, wie ich zugeben muss, die Versuchung groß war.
Wenn ich hinunterging, musste ich höflich sein, mich mit Dietz abgeben, mich auf Konversation über bis jetzt noch unbekannte Themen einlassen. Neue Beziehungen sind anstrengend, selbst solche, die nur von kurzer Dauer sind. Die Menschen glauben sich verpflichtet, alle langweiligen Einzelheiten ihres bisherigen Lebens auszutauschen. Schon der Gedanke daran belastete mich. Wir hatten das Thema auf der Fahrt hierher schon flüchtig berührt, aber keineswegs erschöpfend behandelt. Doch Scherz beiseite, vielleicht schaltete Dietz wieder das Radio ein — noch mehr Roy Orbison. Das hielt ich morgens fünf Minuten nach sechs nicht aus.
Andererseits war dies mein Haus, und ich hatte Hunger. Warum also sollte ich nicht hinuntergehen und essen? Ich musste nicht mit ihm reden. Ich warf die Decke zurück und stand auf, hinkte ins Bad und putzte mir die Zähne. Mein Gesicht war noch immer eine Studie in Bunt, ein Regenbogen aus Verletzungen nach einem Schauer von Schlägen. Ich runzelte die Brauen und betrachtete mich eingehend. Die dunkelblaue Quetschung auf meiner Stirn spielte allmählich ins Graue, das Violett um meine Augen wurde heller, ging in ein unheimlich wirkendes Grün über. Ich habe Lidschatten im gleichen Farbton gesehen und frage mich immer wieder verblüfft, warum Frauen sich freiwillig so entstellen. Es heißt nichts anderes als »gestern Abend hab ich ein Veilchen verpasst bekommen«. Mein Haar war wie üblich vom Schlaf plattgedrückt. Ich hatte zwar am Abend geduscht, stellte mich aber jetzt noch einmal unter die Dusche, nicht wegen der Sauberkeit, sondern weil ich hoffte, meine Stimmung aufzuheitern. Bei der Vorstellung, mit Dietz unter einem Dach leben zu müssen, bekam ich einen Juckreiz auf der Haut.
Nachdem ich Jeans und ein altes Sweatshirt angezogen hatte, warf ich meine schmutzigen Klamotten in den Wäschekorb, verstaute die leere Reisetasche im Schrank und machte das Bett. Dann ging ich hinunter. Dietz murmelte »guten Morgen«, ohne von der Sportseite aufzusehen. Ich schenkte mir Kaffee ein, schüttete Frühstücksflocken und Milch in eine Schüssel, schnappte mir die Witzseite und trug alles ins Wohnzimmer. Ich setzte mich, behielt die Schüssel in der Hand, löffelte zerstreut den Frühstücksbrei und las die Comics. Sie bringen mich zwar nie zum Fachen, doch ich lese sie trotzdem weiter, weil ich die Hoffnung nicht aufgeben will. Es ist tröstlich, wie gemächlich das Leben in einem Comic-Strip dahinfließt. Ich hatte die Zeitung vier Tage nicht zu Gesicht bekommen, aber es war kaum etwas passiert.
Halb im Unterbewusstsein nahm ich wahr, dass Dietz die Haustür geöffnet hatte und ins Freie trat. Als ich gegessen hatte, spülte ich Schüssel und Löffel ab und legte beides aufs Abtropfbrett. Zögernd ging ich zur Haustür und schaute hinaus, fühlte mich wie eine ins Haus verbannte Katze, die entdeckt, dass die Tür versehentlich offen geblieben ist. Durfte ich hinaus?
Das Dunkelblau des Himmels begann sich aufzulösen, aber der Hinterhof wirkte irgendwie ausgebleicht, wie nebelverhangen. Von Zeit zu Zeit blökte das Nebelhorn in der stillen Morgenluft wie ein Kalb, das seine Mutter verloren hatte. Der herbe Geruch von Meerwasser erfüllte den Hof. Manchmal erwarte ich beinahe, die Brandung draußen an der Straße gegen den Bordstein schlagen zu sehen.
Dietz hockte bei den Blumenbeeten. Henry hatte im Vorjahr Rosen gepflanzt, die jetzt in voller Blüte standen: Sonia, Park Place, Lady X; Namen, die keine Rückschlüsse auf das zuließen, was daraus werden würde. »Blattläuse«, sagte Dietz. »Er sollte sich ein paar Marienkäfer besorgen.«
Ich lehnte mich an den Türrahmen, zu verängstigt, um mich bis hinunter in den Hof zu wagen. »Werden wir jetzt wieder über Sicherheitsmaßnahmen sprechen, oder haben wir das schon gestern Abend abgehakt?«
Er stand auf und wandte seine Aufmerksamkeit mir zu. »Wir sollten wahrscheinlich über Ihren Stundenplan reden. Irgendwelche regelmäßigen Termine? Massage, Schönheitssalon?«
»Sehe ich aus wie jemand, der regelmäßig Termine in einem Schönheitssalon hat?«
Er musterte mein Gesicht zwar eingehend, verkniff sich aber jeden Kommentar. »Es geht darum, dass Ihre Unternehmungen nicht vorhersehbar sein dürfen.«
Ich rieb mir die Stirn, die mir noch immer wehtat, wenn ich sie berührte. »Das habe ich begriffen. Okay, also sage ich meine Masseuse, den Hula-Hula-Tanzkurs und die wöchentliche Pediküre ab. Was jetzt?«
Er lächelte. »Ich freue mich, dass Sie so kooperativ sind. Das erleichtert mir meinen Job.«
»Glauben Sie mir, ich bin nicht daran interessiert, mich umbringen zu lassen«, sagte ich. »Ich muss aber ins Büro.«
»Wann?«
»Das ist egal. Ich möchte meine Post holen und ein paar Rechnungen bezahlen. Eigentlich nichts Wichtiges, aber hinausschieben möchte ich es auch nicht.«
»Kein Problem. Ich möchte Ihr Büro ohnehin sehen.«
»Gut«, sagte ich und wollte hineingehen.
»Kinsey, vergessen Sie nicht, Ihren Panzer anzuziehen.«
»In Ordnung. Aber sie müssen den Ihren ebenfalls tragen.«
Oben zog ich gehorsam das Sweatshirt aus, schlüpfte in die kugelsichere Weste und zog die Klettverschlüsse fest. Dietz hatte gesagt, diese bestimmte Weste biete höchste Sicherheit, was bedeutet, dass sie einer .38er Special oder einer leichteren Waffe standhält. Offensichtlich setzte er voraus, dass ein Killer keine 9-Millimeter-Automatic benutzen würde. Ich bemühte mich, nicht an Erdrosseln, Kopfverletzungen oder zertrümmerte Kniescheiben zu denken und auch nicht an die Durchschlagskraft von Eispickeln — oder irgendeine der unzähligen Tötungsarten, vor denen mich das überdimensionale Lätzchen, das ich trug, nicht schützen konnte.
»Sorgen Sie dafür, dass sie fest genug sitzt!«, rief Dietz von unten.
»Schon kapiert«, sagte ich. Ich hatte das Sweatshirt über die Weste gezogen und betrachtete mich im Spiegel. Ich sah aus, als wäre ich wieder elf Jahre alt.
Viertel vor neun passierten wir die vordere Gartentür. Dietz war als Erster hinausgegangen, um den Wagen zu überprüfen und die Straße zu beobachten. Er kam zurück und winkte mir. Auf den rund fünfzig Metern zu seinem Porsche ging er vor mir her, mit energischen Schritten, wachsam um sich blickend. Ich kam mir so bedeutend vor wie ein Rockstar. »Ich habe gedacht, dass ein Leibwächter unauffällig bleiben soll«, sagte ich.
»Das ist eine Theorie.«
»Muss nicht jedem Beobachter klar sein, was Sie sind?«
Er schaute zu mir herüber. »Sagen wir so: Ich bin nicht daran interessiert, öffentlich bekannt zu machen, was ich tue. Aber wenn der Kerl uns beobachtet, soll er begreifen, wie schwer sein Job sein wird. Die meisten Angriffe kommen ganz plötzlich und aus nächster Nähe. Ich will nicht aufdringlich sein, aber ich bleibe wie Leim an Ihnen kleben.«
Nun, da hatte ich meine Antwort.
Dietz fuhr rücksichtslos wie immer. Er war ein echter A-Typ, eine jener Personen, die so leben, als kämen sie zu jedem Termin zu spät, wütend auf jeden, der sie zum Bremsen zwingt. Schlechte Fahrer waren eine Überraschung für ihn, als seien sie die Ausnahme und nicht die Regel. Ich lotste ihn in die Innenstadt, die glücklicherweise nur zehn Minuten entfernt ist. Ich stemmte mich gegen Türrahmen und Armaturenbrett, aber falls es ihm überhaupt auffiel, verlor er kein Wort darüber.
An der Einfahrt zum Parkplatz bremste er den Porsche ab und sah sich den Grundriss genau an. »Parken Sie sonst auch hier?«
»Klar. Das Büro ist gleich da oben.«
Er überlegte, und ich beobachtete ihn dabei. Offensichtlich hoffte er, eine Abweichung von meiner Routine zu finden, doch wenn er weiter weg parkte, mussten wir länger laufen, und dadurch wurde die Gefahr nur größer. Er fuhr auf den Platz, reichte mir das Ticket und fand eine freie Lücke. »Wenn Ihnen irgendetwas merkwürdig vorkommt, sagen Sie es auf der Stelle. Das geringste Anzeichen bevorstehender Schwierigkeiten, und wir hauen ab.«
»In Ordnung.« Es war erstaunlich, was sein ständiges »Wir« meinem Kopf antat. Ich war nicht gerade bekannt dafür, dass ich mir von Männern sagen ließ, was ich tun sollte. Hoffentlich gewöhnte ich mich nicht daran.
Wieder kam er auf die Beifahrerseite, öffnete die Tür und ließ, während ich ausstieg, die Blicke schweifen. Er nahm meinen Ellenbogen und ging rasch mit mir über den Parkplatz zur Hintertreppe. Am liebsten hätte ich gelacht. Es war, als würde ich von Vater oder Mutter mit Nachdruck in mein Zimmer verfrachtet. Er betrat das Gebäude als erster. Der Flur in der zweiten Etage lag verlassen da. Die Büros der California Fidelity waren noch geschlossen. Ich sperrte meine Bürotür auf. Dietz trat vor mir ein, sah sich schnell um und überzeugte sich, dass hinter den Möbeln keine Ganoven lauerten.
Er hob die Post auf, die unter dem Briefschlitz auf dem Boden lag, und sortierte sie rasch. »Ich sage Ihnen jetzt, wonach wir suchen — für den Fall, dass ich einmal nicht hier bin. Nach einem unbekannten Absender oder einer handschriftlichen Adresse. Nach allem, das den Vermerk >Persönlich< trägt, Nachgebühr kostet, weil es zu schwer ist, Ölflecke hat...«
»Oder nach einem sperrigen Paket, aus dem eine Zündschnur heraushängt«, sagte ich.
Mit ausdrucksloser Miene reichte er mir den Briefstapel. Es ist schwer, sich für jemanden zu erwärmen, der einen so ansieht. Offenbar fand ich mich selbst witziger als er. Ich nahm die Briefe und sah sie durch, wie er es getan hatte. Das meiste war jetzt schon Altpapier, aber ich hatte auch ein paar Schecks bekommen — alle von Absendern, die ich auf den ersten Blick identifizieren konnte. Gemeinsam hörten wir den Anrufbeantworter ab; es waren nicht viele Anrufe eingegangen. Keiner klang drohend. Dietz wollte sich mit dem Gebäude und der näheren Umgebung vertraut machen. Während ich eine Kanne Kaffee kochte, brach er zu einem Rundgang auf.
Ich öffnete die Balkontür und blieb stehen, hatte plötzlich Angst, ins Freie zu gehen. Ich konnte die Decks des Parkhauses gegenüber einsehen, und mir kam der Gedanke, dass jeder in die zweite Etage herauffahren, parken und mir eins vor den Latz knallen konnte. Dazu brauchte er vermutlich nicht einmal ein Hochleistungsgewehr. Fast konnte man mir von dort drüben einen Stein an den Schädel schmeißen. Ich trat von der Tür zurück und brachte mich in meinem schattigen Büro in Sicherheit. Wie verhasst mir das alles war!
Fünf Minuten nach neun rief ich meine Versicherungsagentin an und meldete ihr den Unfall. Sie sagte, der VW stehe wegen seines ehrwürdigen Alters auf keiner Liste mehr. Es sah so aus, als müsste ich froh sein, zweihundert Dollar für ihn zu kassieren; es habe also keinen Sinn, ihn nach Santa Teresa bringen zu lassen. Einen Sachverständigen in Brawley zu suchen, der den Wert des VW schätzen sollte, lohne sich auch nicht mehr. Sie sagte, sie werde die Angelegenheit prüfen und sich mit mir in Verbindung setzen. Das Gespräch war nicht dazu angetan, meine Stimmung zu verbessern. Ich habe zwar ein Sparkonto, doch der Kauf eines Wagens würde ein großes Loch in meine Rücklagen reißen.
Dietz kam noch rechtzeitig genug zurück, um mit Vera zusammenzutreffen, die auf dem Weg in ihr Büro nebenan hereingeschaut hatte, um mir guten Tag zu sagen.
»Mein Gott, was ist denn mit dir passiert?«, fragte sie, als sie mein Gesicht sah.
»Mein Auto ist unten in Brawley in einem Abwasserkanal gelandet«, sagte ich. »Das ist Robert Dietz. Er war so nett, mich zurückzufahren. Vera Lipton aus dem Nachbarbüro.«
Sie gaben sich kurz die Hand. Vera trug einen Minirock aus schwarzem Leder, der so eng saß wie die Polsterüberzüge eines Autos, und als sie sich in einem meiner Klientensessel niederließ, knarrte das Leder. Dietz kam herüber und lehnte sich mit der Hüfte an die Schreibtischkante. Es war amüsant zu beobachten, wie die beiden sich gegenseitig abschätzten. Dietz sah in der ahnungslosen Vera eine potenzielle Mörderin, während sie ihn, wie ich vermutete, auf seine Tauglichkeit für ein kleines Abenteuer im Heu taxierte — ob in meinem oder in ihrem konnte ich allerdings nicht sagen. Ihrer Miene nach zu schließen, nahm sie an, dass er mich als Anhalterin auf der Straße aufgelesen hatte, und da sie mich für hoffnungslos konservativ hält, dachte ich, dass mich das in ihren Augen vielleicht aufwerten würde. Ich bemühte mich, wie eine Frau auszusehen, die sich auf der Straße einfach einen Fremden aufreißt, aber sie war nicht an mir interessiert, sondern musterte nur ihn. Ich würde ihren Arztfreund anrufen müssen, damit wir zu viert ausgehen konnten.
Sie griff automatisch in ihre Handtasche und holte aus einer Packung Virginia Slims eine Zigarette heraus. »Ich rauche nicht, ich halte mich nur daran fest«, sagte sie, als sie meinen Blick auffing. »Ich hab’s vorige Woche aufgegeben«, fügte sie, für ihn bestimmt, hinzu.
Ich sah Dietz an, weil ich wissen wollte, wie er reagierte. Er hatte seit mehr als vierundzwanzig Stunden nicht mehr geraucht, vielleicht eine persönliche Bestleistung. Zum Glück schien er durch Veras hormonelle Wirkstoffe abgelenkt, die wie Parfüm durch die Luft wehten. Zwar drapierte sie ihre langen Beine nicht malerisch über die Armlehne des Sessels, aber wie sie saß, das hatte schon etwas Herausforderndes an sich. Sooft ich sie auch beobachtet habe — ich habe noch immer nicht herausgefunden, was sie eigentlich tut. Sie kann sich verhalten, wie sie will: Prompt fangen die meisten Männer an, »Sitz!« und »Platz!« vorzuführen und zu apportieren wie gut dressierte junge Hunde.
»Ich hoffe, du hast das Dinner morgen Abend nicht vergessen«, sagte sie. Sie merkte meinem Gesicht an, dass ich nicht die leiseste Ahnung hatte, wovon sie sprach. »Für Jewel. Sie geht in den Ruhestand«, erklärte sie mit so einfachen Worten, dass auch Gehirngeschädigte wie ich es kapieren mussten.
»O ja, natürlich! Das hatte ich völlig vergessen. Es tut mir wirklich Leid, aber ich schaffe es nicht.« Ich warf einen bedeutsamen Blick zu Dietz hinüber. Er würde mir nie erlauben, an einer öffentlichen Veranstaltung teilzunehmen. Vera fing den Blick auf und sagte zu ihm: »Sie sind natürlich auch eingeladen. Jewel verlässt die Firma nach fünfundzwanzig Jahren. Erscheinen ist ganz einfach Pflicht, da gibt es kein Wenn und Aber.«
»Wo findet das Dinner statt?«, fragte er.
»Im Edgewater Hotel. In einem privaten Speisesaal. Müsste sehr elegant werden, kostet eine Menge.«
»Von wie vielen Leuten ist die Rede?«
Vera zuckte mit den Schultern. »Von ungefähr fünfunddreißig.«
»Nur geladene Gäste?«
»Klar. Die Angestellten der California Fidelity und ihre Gäste. Warum?«
»Ich kann nicht«, sagte ich.
»Ich denke schon, dass es möglich ist«, sagte Dietz gleichzeitig. »Es wäre eine Hilfe, wenn vorher nichts darüber bekannt würde.«
Vera sah zuerst mich und dann ihn an. »Was ist los?«
Dietz klärte sie auf.
Ich wartete und war merkwürdig gereizt, während wir die übliche Litanei aus Ungläubigkeit und Beteuerungen herunterbeteten. Vera lieferte alle vorgeschriebenen Reaktionen dazu. »Gott, ist das schrecklich! Ich kann einfach nicht glauben, dass es so etwas tatsächlich gibt. Hört zu, wenn euch das Risiko zu groß ist, dann habe ich Verständnis dafür.«
»Ich werde es überprüfen, aber wir wollen mal sehen«, sagte Dietz. »Dürfen wir Ihnen morgen früh Bescheid geben?«
»Selbstverständlich. Wenn ich es bis Mittag weiß, bekomme ich keine Probleme.«
»Wann beginnt das Dinner?«
»Cocktails um sieben. Das Dinner ist um acht.« Vera sah auf ihre Uhr. »Au weia! Ich muss rennen. War nett, Sie kennen zu lernen.«
»Ganz meinerseits.«
Sie ging zur Tür.
»Oh, noch etwas, Vera«, sagte er. »Wir möchten, dass die Sache unter uns bleibt.«
Sie schob die Brille auf ihre Nasenspitze und musterte ihn über den Brillenrand hinweg. Es folgte eine elegante Pause, während sie langsam eine Braue hochzog. »Selbstverständlich«, sagte sie, und das Wort »Arschloch« konnte man sich dazudenken. Allein die Art, wie sie den Raum verließ, hatte etwas aufreizend Kokettes an sich. Himmel, sie strengte sich wegen dieses Burschen wirklich an.
Dietz schien rot zu werden. Zum ersten Mal sah ich ihn verwirrt. Immer lassen sich die Männer, von denen man es am wenigsten erwartet, voller Begeisterung mit Füßen treten.
Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, wandte ich mich empört an Dietz. »Ich dachte, Sie hätten >keine öffentlichen Veranstaltungen< gesagt.«
»Das habe ich. Tut mir Leid. Ich sehe, dass ich Sie überrumpelt habe. Doch ich möchte mich nicht mehr einmischen, als ich unbedingt muss. Wenn Sie gern hingehen wollen, müssen wir einen Weg finden.«
»Ich werde doch wegen so was mein Leben nicht aufs Spiel setzen.«
»Hören Sie!«, sagte er. »Ein Überfall lässt sich nicht völlig ausschließen. Ich bin hier, um die Wahrscheinlichkeit zu verringern, das ist alles. Sogar der Präsident geht an die Öffentlichkeit, um Himmels willen!« Sein Tonfall veränderte sich. »Außerdem glaube ich nicht, dass der Kerl, mit dem wir es zu tun haben, ein Profi ist...«
»Wie tröstlich. Er könnte stattdessen ja auch ein Irrer sein.«
Dietz zuckte gelassen mit den Schultern. »Wenn wir unsere Karten richtig ausspielen, sind Sie dort ziemlich sicher. Die Anzahl der Gäste ist beschränkt, und Sie kennen diese Leute. Am Ende läuft es nur darauf hinaus, ob Sie hingehen wollen oder nicht. Sagen Sie es mir. Ich bin nicht hier, um Ihnen vorzuschreiben, wie Sie leben sollen.«
»Ich weiß es noch nicht«, antwortete ich ein bisschen besänftigt. »Das Dinner ist keine große Sache, aber es wäre vielleicht ganz nett, wieder einmal auszugehen.«
»Dann sehen wir’s uns mal an und entscheiden danach, oh wir bleiben wollen.«
Gegen Mittag hatte ich alles Berufliche erledigt und schloss meine Akten wieder ein. Das Telefon klingelte in dem Moment, in dem Dietz und ich zur Tür gingen. Ich wollte abnehmen, aber er hielt mich mit erhobener Hand zurück und meldete sich selbst. »Detektei Millhone.« Er hörte kurz zu und reichte mir dann den Hörer.
»Hallo.«
»Kinsey, hier ist Irene Gersh. Tut mir Leid, Sie schon wieder zu behelligen. Sie haben zu tun, ich weiß...«
»Kein Problem. Was gibt’s?«
»Mutter ist verschwunden. Sie hat sich wohl nicht bei Ihnen gemeldet?«
»Nein, und selbst wenn sie das wollte, wüsste sie wahrscheinlich gar nicht, wen sie anrufen sollte. Ich habe sie nur zweimal gesehen. Wie lange ist sie schon weg?«
»Das weiß keiner so recht. Die Leiterin des Pflegeheims schwört, dass Mutter beim Frühstück noch da war. Eine Helferin hat sie im Rollstuhl in den Speisesaal gefahren, musste sich dann aber um jemand anderen kümmern. Sie sagte meiner Mutter Bescheid und bat um einen Augenblick Geduld, doch als sie sich wieder umdrehte, war Mutter aus dem Rollstuhl aufgestanden und zu Fuß weggegangen. Alle haben gedacht, dass sie nicht sehr weit kommen kann. Ich glaube, sie haben Haus und Garten abgesucht und jetzt begonnen, in der Nachbarschaft herumzufragen. Ich bin unterwegs dorthin, wollte nur vorher von Ihnen erfahren, ob Sie vielleicht etwas wissen.«
»Tut mir Leid, ich habe nichts von ihr gehört. Brauchen Sie Hilfe?«
»Nein, nein, das ist im Augenblick wirklich nicht nötig. Die Polizei ist verständigt, ein Streifenwagen fährt das Viertel ab. Bisher noch keine Spur von ihr, aber ich bin überzeugt, dass sie wieder auftaucht. Ich wollte nur nicht die Möglichkeit außer Acht lassen, dass sie bei Ihnen sein könnte.«
»Ich wünschte, ich könnte Ihnen mehr helfen. Wir haben jetzt etwas vor, aber ich kann Sie später noch einmal anrufen, um den Stand der Dinge zu besprechen. Geben Sie mir Adresse und Telefonnummer des Pflegeheims?« Den Hörer zwischen Kinn und Schulter geklemmt, notierte ich mir beides auf einen Zettel. »Ich rufe Sie an, sobald wir zurück sind.«
»Danke. Ich weiß Ihre Anteilnahme zu schätzen.«
»Machen Sie sich vorläufig noch keine allzugroßen Sorgen. Ich bin sicher, dass sie irgendwo in der Nähe ist.«
»Hoffentlich!«
Als wir die Hintertreppe hinuntergingen, setzte ich Dietz ins Bild. Am liebsten hätte ich ihn gebeten, mich ins Pflegeheim zu fahren, aber andererseits handelte es sich wohl kaum um einen echten Notfall. Er wollte sich das Edgewater Hotel ansehen und die Arrangements für das Bankett überprüfen. Er schlug mir vor, Irene vom Hotel aus anzurufen, nachdem er alles erledigt hatte. Das klang vernünftig, und ich war einverstanden, obwohl ich genau wusste, dass ich’s anders herum gemacht hätte, wenn ich allein gewesen wäre. Ich war zerstreut und achtete ausnahmsweise nicht auf seinen Fahrstil. Wohin konnte Agnes nur verschwunden sein? Sie war zwar im Stande, einen Riesenrabatz zu machen, wenn es ihr passte, aber bei meinem letzten Gespräch mit Irene hatte ich den Eindruck gewonnen, dass Agnes sich mit dem Umzug abgefunden hatte. Ich beruhigte mich selbst mit einem Schulterzucken. Gewiss tauchte sie bald wieder auf.