18
Als wir nach Hause kamen, war es fast elf, und Dietz war schlecht gelaunt. Er hatte im Taxi geschwiegen und schwieg auch noch, als er die Tür aufsperrte und wir ins Haus gingen. Ungeduldig zog er das Jackett aus. Der rechte Ärmel blieb an seinem Manschettenknopf hängen. Er riss ihn los, knüllte das Jackett zusammen; schmiss es durchs Zimmer und ließ es auf dem Boden liegen. Er ging in die Küche, öffnete die Flasche Jack Daniels, schenkte sich ein Wasserglas Whiskey ein und leerte es auf einen Zug.
Ich hob das Jackett vom Boden auf und legte es mir ordentlich gefaltet über den Arm. »Es war nicht Ihre Schuld«, sagte ich.
»Und ob es meine Schuld war, verdammt!«, fauchte er. »Ich war derjenige, der darauf bestanden hat, dass wir heute Abend dorthin gehen. Es war idiotisch — viel zu riskant — und wofür? Messinger hätte mit einer Uzi reinspazieren und uns alle niedermachen können.«
Dem zu widersprechen, war natürlich schwer, da mir ja derselbe Gedanke gekommen war. »Aber was ist passiert? Nichts.«
Er griff nach einer Zigarette, zog jedoch abrupt die Hand zurück. »Ich gehe aus«, sagte er.
»Und lassen mich hier allein?«, schrie ich auf.
Er warf mir einen finsteren Blick zu und presste die Finger so fest um das Glas, dass ich fast erwartete, es in seiner Hand zersplittern zu sehen. Etwas an dieser Geste schürte meine Gereiztheit.
»Machen Sie doch halblang, um Himmels willen! Der Kerl spielt sich wieder auf. Na und? Er will mich nervös machen, und er will, dass Sie sich selbst in den Hintern treten. So weit, so gut. Sie stürmen hinaus, um sich eine Packung Zigaretten zu holen, und er kann inzwischen ganz lässig hereinspazieren und mich ungestört erledigen. Vielen Dank.«
Er schwieg einen Moment. Dann stellte er das Glas beiseite und lehnte sich mit steifen Armen, den Kopf gesenkt, an die Küchentheke. »Sie haben Recht.«
»Verdammt richtig, dass ich Recht habe«, sagte ich mürrisch. »Beruhigen Sie sich, und lassen Sie uns gemeinsam überlegen, wie wir ihn fertig machen können. Ich hab’s gar nicht gern, wenn ein anmaßender Idiot wie der versucht, mich zu erschießen. Wir müssen ihn zuerst kriegen.«
Seine Laune wurde schlagartig besser. »Wie?«
»Keine Ahnung.«
Es klopfte an der Wohnungstür, und wir fuhren beide zusammen. Dietz zog seine Pistole und schickte mich mit einer Handbewegung in die Küche. Er ging zur Tür und presste sich flach an die Wand.
»Wer ist da?«
Die Stimme war gedämpft. »Clyde Gersh.«
Ich wollte zur Tür, aber Dietz winkte mich stirnrunzelnd zurück. Er neigte den Kopf zur Seite und lehnte sich mit der Schläfe an den Türrahmen. »Was wollen Sie?«
»Man hat Agnes aufgegriffen. Sie ist jetzt im St. Terry in der Notaufnahme und fragt nach Kinsey. Wir haben mehrmals eine Nachricht auf Ihrem Anrufbeantworter hinterlassen, und als Sie sich nicht meldeten, dachten wir, wir fahren selber mal vorbei. Wir sind unterwegs ins Krankenhaus. Ist sie jetzt zu Hause?«
»Warten Sie«, sagte Dietz. Er zeigte auf den Anrufbeantworter, der auf dem Bücherregal hinter dem Sofa stand. Ich kontrollierte das rote Licht, das zwei Anrufe anzeigte. Ich stellte die Lautstärke leiser, drückte dann auf den Abspielknopf und hörte das Band ab. Die erste Nachricht stammte von Irene, die zweite von Clyde. Beide besagten praktisch dasselbe. Man hatte Agnes gefunden, und sie fragte nach mir. Dietz und ich wechselten einen Blick. Er zog die Brauen hoch, zuckte gewissermaßen innerlich mit den Schultern. Er schaltete das Außenlicht ein, spähte durch den Spion und öffnete vorsichtig die Tür. In einem fahlen Lichtkreis stand Clyde ganz allein auf der Matte. Hinter ihm war es sehr dunkel. Der Nebel rollte herein, und ich sah, dass einzelne dünne Schwaden sich um die Lampe drehten. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte er. »Ich störe um diese Zeit nur sehr ungern, aber Irene hat darauf bestanden.«
»Kommen Sie rein«, sagte Dietz und trat zurück, damit Clyde eintreten konnte. Dietz schloss die Tür hinter ihm und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, sich zu setzen. Clyde lehnte mit einem kurzen Kopfschütteln ab. »Irene wartet im Wagen. Ich möchte sie nicht zu lange allein lassen. Sie hat es natürlich sehr eilig, ins Krankenhaus zu kommen.«
Er sah müde aus, sein Gesicht mit den Hängebacken war von Sorge gezeichnet. Er trug einen braunen Gabardinemantel und hatte die Hände tief in die Taschen geschoben. Sein Blick ruhte kurz auf Dietz’ Pistolenhalfter, doch er enthielt sich jeden Kommentars, als wäre es ein Verstoß gegen die Etikette, wenn er die Waffe erwähnte.
»Wie geht es Agnes?«, fragte ich. »Hat man Sie darüber informiert?«
»Wir wissen nichts Genaues. Der Doktor sagt, kleinere Verletzungen, Risse und Blutergüsse — nichts Ernstes. Aber ihr Herzschlag ist unregelmäßig, und ich schätze, dass sie sie an irgendeinen Apparat gehängt haben. Bevor sie endgültig aufgenommen wird, müssen wir den ganzen Papierkram unterschreiben. Ich glaube nicht, dass es etwas Lebensbedrohliches ist, aber schließlich ist sie über achtzig.«
»Hat die Polizei sie gefunden?«
Clyde nickte. »Eine Frau hat Agnes auf der Straße entdeckt und die Polizei gerufen. Der Beamte, der bei uns war, hat gesagt, Agnes sei verwirrt und habe keine Ahnung, wo sie ist oder die ganze Zeit war. Der Arzt sagt, sie hat, seit sie eingeliefert wurde, von Ihnen gesprochen. Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns zu ihr begleiten würden, falls es keine allzu große Mühe für Sie ist.«
»Klar komm ich mit«, sagte ich. »Ich muss mich nur umziehen. So möchte ich nicht gehen.«
»Ich sage Irene schnell Bescheid, dass Sie kommen«, sagte er zu mir. Und dann zu Dietz: »Fahren Sie mit Ihrem Wagen hinter uns her, oder fahren Sie mit uns?«
»Wir fahren mit Ihnen und nehmen uns für den Rückweg ein Taxi«, antwortete Dietz.
Auf dem Weg zum Obergeschoss zog ich schon auf halber Treppe die schwarze Seidenjacke aus und schleuderte die Schuhe von den Füßen. Dann beugte ich mich über das Geländer. »Wo hat man sie gefunden?«
Clyde wandte mir mit einem Schulterzucken das Gesicht zu. »In der Umgebung des Pflegeheims... Irgendwo ganz in der Nähe — sie ist also nicht weit gekommen. Ich verstehe nicht, wieso wir sie verfehlt haben, es sei denn, sie hat uns gesehen und sich versteckt.«
»Das traue ich ihr ohne weiteres zu.« Ich verzog mich nach hinten, stieg aus dem Overall und zog, auf einem Bein hüpfend, die Jeans über die schwarze Strumpfhose. Ich legte einen BH um, schnappte mir ein Polohemd aus der Kommode, streifte es über und schüttelte mein Haar aus. Dann stieg ich in meine knöchelhohen Reeboks und ließ die Schnürsenkel offen, die wollte ich später binden. Zwei Sekunden später trabte ich die Treppe hinunter und griff nach meiner Umhängetasche.
»Machen wir schnell«, sagte ich, als Dietz die Tür öffnete.
Clydes weiße Mercedeslimousine parkte am Randstein. Irene, die auf dem Beifahrersitz saß, sah uns sorgenvoll entgegen.
Während der Fünfzehn-Minuten-Fahrt zum St. Terry war die Stimmung gespannt. Dietz und ich saßen im Fond, Dietz seitlich verkrümmt, so dass er durch die Heckscheibe schauen konnte, ob uns irgendwelche Wagen folgten. Ich kauerte ganz vorn auf der Kante, beugte mich vor und stützte die Arme auf den Vordersitz, ganz dicht bei Irene, die meine Hand umklammerte wie eine Rettungsleine. Ihre Finger waren eiskalt, und ich ertappte mich dabei, dass ich unbewusst gehorcht hatte, ob sich nicht durch Pfeifen und Keuchen ein erneuter Asthmaanfall ankündigte. Keiner sagte viel. Die Informationen über Agnes waren spärlich, und es hatte keinen Sinn, sie zu wiederholen.
Der kleine Parkplatz vor der Notaufnahme war belegt, der Stellplatz am Ende von einem schwarzweißen Taxi besetzt. Clyde hielt vor dem Eingang, ließ uns aussteigen und fuhr wieder weg, um einen Parkplatz auf der Straße zu suchen. Irene blieb zurück, wollte offensichtlich ohne ihn nicht hineingehen. Sie trug einen leichten Frühjahrsmantel, doppelreihig, knallrot, den sie jetzt fester um sich zog, als friere sie. Ich merkte, dass sie zu den Straßenlaternen hinübersah und nach Clyde Ausschau hielt.
»Er kommt gleich nach«, sagte ich.
Sie hängte sich an meinen Arm, und Dietz bildete die Nachhut. Die beiden Türflügel öffneten sich automatisch, als wir uns näherten. Wir kamen in die Aufnahme, die, soweit ich das übersehen konnte, völlig verlassen dalag. Ich war verblüfft über die Stille. Irgendwie hatte ich Geschäftigkeit, Hektik, etwas von medizinischer Dramatik erwartet, wie sie in der Notaufnahme an der Tagesordnung sind: Patienten mit gebrochenen Knochen, Stichwunden, Schnitten, Insektenstichen, allergischen Reaktionen und Verbrennungen. Hier hatte man das Gefühl, dass die Räume leer waren, niemand schien dringend medizinisch versorgt werden zu müssen. Vielleicht lag das an der späten Stunde, vielleicht an einer unvorhergesehenen Flaute in der üblichen Betriebsamkeit.
Irene und ich warteten am halbrunden Tresen, an den sich ein mit Formularen übersäter hufeisenförmiger Schreibtisch anschloss. Gleich rechts neben uns waren zwei Schalter, für die Aufnahme von Patienten bestimmt, aber um diese Zeit geschlossen. Links stand ein Raumteiler mit zwei Münztelefonen auf unserer Seite und einem Warteraum auf der anderen. Ich sah einen Farbfernseher, der auf einen Nachrichtensender eingestellt war; aber der Ton war so leise, dass man nichts verstand. Alles war in gedämpftem Blau und Grau gehalten; alles war ordentlich, sauber und still. Durch eine offene Tür konnte ich einen Blick in das Schwesternzimmer werfen, an das sich im Halbkreis mehrere Untersuchungsräume anschlossen. Weder Polizeibeamte noch Pflegepersonal waren zu sehen.
Dietz war unruhig, schnippte mit den Fingern gegen seinen Handteller. Er schlenderte zu der ins Innere des Gebäudes führenden Tür und schaute durch, prägte sich den Grundriss des Hauses ein und hielt gleichzeitig Ausschau nach Fluchtwegen, für den Fall, dass Messinger wieder auftauchen sollte. Eine Angestellte aus der Aufnahme musste Dietz entdeckt haben, denn sie erschien ein paar Sekunden später und lächelte uns höflich zu. »Tut mir Leid, dass Sie warten mussten. Was kann ich für Sie tun?«
»Wir wollen Agnes Grey besuchen«, sagte ich.
Sie war eine Frau in den Vierzigern in ganz normaler Straßenkleidung — Polyesterhose, Baumwollpullover, Schuhe mit Gummisohlen. Um den Hals trug sie ein Stethoskop wie eine Kette mit Anhänger. Ihre Augen waren schokoladebraun und gaben ihrem Gesicht Wärme. Sie überprüfte ein paar Papiere auf ihrem Schreibtisch und sah dann Irene an. »Sind Sie Mrs. Gersh?«
»Die bin ich«, sagte Irene.
Die Stimme der Frau klang freundlich, aber ihr Lächeln wurde unsicher. Ihre Haltung verriet jene strikte Neutralität, die man zu schätzen weiß, wenn das Ergebnis einer Untersuchung allen Vorhersagen zum Trotz anders ausgefallen ist als erwartet. »Kommen Sie mit, und setzen Sie sich ins Sprechzimmer«, sagte sie. »Der Doktor kommt sofort.«
Irene blinzelte ängstlich, ihre Stimme war nicht viel lauter als ein Flüstern. »Ich möchte meine Mutter sehen. Geht es ihr gut?«
»Dr. Stackhouse möchte zuerst mit Ihnen sprechen«, sagte die Krankenhausangestellte. »Folgen Sie mir bitte.«
Mir gefiel das nicht. Ihr Verhalten war mir zu freundlich und zu sanft. Sie hätte alle möglichen Antworten geben können. Vielleicht hatte man ihr geraten, keine medizinischen Angelegenheiten zu besprechen. Vielleicht war sie einmal gerügt worden, weil sie voreilig ihre Meinung geäußert hatte, bevor der Arzt es tun konnte. Vielleicht verbat ihr die aus Gründen der Haftung rigide Krankenhauspolitik, über den Zustand eines Patienten etwas zu sagen. Oder vielleicht war Agnes Grey tot. Die Frau sah mich an. »Ihre Tochter darf Sie natürlich begleiten...«
»Soll ich mitkommen?«, fragte ich.
»Ja, bitte«, sagte Irene zu mir. Dann zu der Angestellten: »Mein Mann parkt nur den Wagen. Werden Sie ihm sagen, wo wir sind?«
»Ich sage ihm Bescheid«, meldete sich Dietz zu Wort. »Geht ihr beiden nur los, wir kommen gleich nach.«
Irene murmelte einen Dank. Dietz und ich wechselten einen Blick.
Die Angestellte stand an der offenen Tür, während wir durchgingen. Der Flur, durch den sie uns führte, hatte einen auf Hochglanz polierten weißen Fußbodenbelag. Sie brachte uns in ein Sprechzimmer, das offensichtlich von allen Dienst habenden Ärzten benutzt wurde. »Es dauert nicht lange. Kann ich Ihnen etwas bringen? Kaffee? Eine Tasse Tee?«
Irene schüttelte den Kopf.
Wir setzten uns in gut gepolsterte blaue Tweedsessel. Der Raum hatte keine Außenfenster. Der Schreibtisch mit der Kunststoffplatte war leer, die Kissen der grauen Ledercouch von einem Kopf eingedellt. Als provisorisches Bett war die Couch ein bisschen zu kurz geraten, und ich sah, wo die Schuhe sich an einer Seitenlehne gewetzt hatten. Ein Bücherregal aus weißem Kunststoff war mit medizinischen Büchern voll gestopft. Die Topfpflanze war nicht echt, ein Schwedischer Efeu aus Papier mit eingerollten Ranken so steif wie Blumendraht. Die einzigen Bilder an der Wand sahen aus wie Reproduktionen der Anatomie von Gray. Ich selbst komme ganz gut ohne abgehäutete Arme und Beine aus. Die Vena Saphena und ihre Verzweigungen sahen wie eine Luftaufnahme des Autobahnnetzes von Los Angeles aus.
Irene schlüpfte aus dem Mantel und strich sich den Rock glatt. »Ich kann nicht glauben, dass es keine Formulare gibt, die auszufüllen sind. Sie müssen sie doch aufgenommen haben.«
»Aber Sie kennen doch Krankenhäuser. Jedes hat seine eigene Methode.«
»Clyde hat eine Mitteilung der Versicherung in der Brieftasche. Blue Cross, wenn ich mich recht erinnere. Obwohl ich nicht glaube, dass sie bezahlt ist.«
»Schicken Sie die Rechnung ans Pflegeheim«, sagte ich. »Die sind schließlich schuld.«
Einen Augenblick saßen wir schweigend da. Sind das die Gefühle, die einen bewegen, wenn man eine Familie hat? fragte ich mich. Geriatrische Krisen und langwierige Diskussionen darüber, was mit Oma passieren soll. Wir hörten Schritte im Flur, und der Doktor kam herein. Eigentlich erwartete ich die Angestellte aus der Aufnahme mit Clyde Gersh und Dietz im Schlepp, daher brauchte ich eine Sekunde, um den Gesichtsausdruck dieses Typen richtig einzuschätzen. Er war Anfang Dreißig, hatte karottenrotes Kraushaar und eine gesunde Gesichtsfarbe. Er trug ein unifarbenes Baumwollhemd in Krankenhausgrün mit V-Ausschnitt und kurzen Ärmeln, Baumwollhosen von derselben Farbe und plumpe Schuhe mit weichen Sohlen. Er hatte ein Stethoskop um den Hals und ein weißes Plastikschildchen mit seinem Namen auf der Hemdbrust: Warren Stackhouse, MD. Das rote Haar und die Sommersprossen gaben ihm zusammen mit dem Operationsanzug eine farbenfrohe Lebendigkeit — irgendwie wirkte er wie eine Figur aus einem Cartoon in Technicolor. Er roch nach Klebeband und Pfefferminzbonbons, und seine Hände sahen frisch geschrubbt aus. In einer Hand hatte er einen bräunlichen Ordner, der nur ein einziges Blatt enthielt. Er legte ihn auf den Schreibtisch und richtete die Kanten sauber aus.
»Mrs. Gersh? Ich bin Dr. Stackhouse.« Er und Irene gaben sich die Hand, dann lehnte er sich an den Schreibtisch. »Es tut mir Leid, aber wir haben sie verloren.«
»Ach, um Himmels willen!«, fauchte Irene. »Kann denn keiner richtig auf sie aufpassen?«
Oh-oh, dachte ich, Irene hat ihn missverstanden. »Ich glaube nicht, dass er es so gemeint hat«, sagte ich vor mich hin.
»Mrs. Grey hat einen Herzstillstand erlitten«, sagte er. »Es tut mir Leid. Wir haben alles Menschenmögliche getan, konnten sie aber nicht wiederbeleben.«
Irene wurde ganz still, ihr Gesicht leer, und als sie sprach, klang ihre Stimme fast verdrossen. »Wollen Sie damit sagen, sie ist tot? Aber das ist unmöglich. Sie kann nicht tot sein. Sie müssen sich geirrt haben. Clyde hat gesagt, sie sei nur leicht verletzt. Ein paar Schnitte und Blutergüsse. Ich habe gedacht, er hat mit Ihnen gesprochen.«
Ich beobachtete den Doktor und sah, dass er seine Worte sehr vorsichtig wählte. »Als man sie uns brachte, zeigte sie schon die Symptome einer Herzrhythmusstörung. Sie war verwirrt und desorientiert, litt an allgemeiner Erschöpfung und Stress. Eine Frau in ihrem Alter und in einem so geschwächten Gesundheitszustand...«
Irene begriff endlich und seufzte tief auf. »Oh, das arme, arme Ding!« Ihre Augen füllten sich plötzlich mit Tränen, die ihr über die Wangen liefen. Auf Hals und Wangen bildeten sich rote Flecken. Sie begann unkontrollierbar zu zittern wie ein Hund, der gebadet wird. Ich nahm ihre Hand.
Clyde tauchte auf der Schwelle auf. In seinen Augen las ich, dass man ihm gesagt hatte, was geschehen war. Die Angestellte in der Aufnahme hatte ihn wahrscheinlich sofort informiert, als er kam.
Irene wandte sich flehend an ihn. »Clyde — Mutter ist tot«, sagte sie. Sie streckte die Hände nach ihm aus, stand auf und warf sich ihm in die Arme. Er zog sie so eng an sich, dass sie förmlich in ihm aufzugehen schien. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie winzig sie war. Ich wandte mich ab, denn es schien mir ungehörig, sie in einem so intimen Augenblick zu beobachten.
Hinter der offenen Tür lehnte Dietz lässig an der Wand. Seine Haltung war die gleiche wie damals, als ich ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Cowboystiefel und Tweedjackett. Im Krankenhaus unten in Brawley. Was fehlte, war die Zahnbürste, die wie ein Füllhalter aus der Brusttasche ragte. Sein unsteter Blick traf sich zufällig mit meinem, wanderte weiter zu Irene, kehrte zurück und hielt meine Augen fest — fragend und verblüfft. Seine selbstbewusste Miene wurde unsicher. Ganz plötzlich stieg prickelnde Hitze in mir auf, und ich brach den Blickkontakt ab, weil ich das Gefühl hatte, feuerrot geworden zu sein. Dann schweifte mein Blick wieder zurück. Er sah mich noch immer an — so wehmütig wie noch niemand bisher.
Voller Unbehagen warteten wir alle darauf, dass Irenes Tränen versiegten. Endlich ging Dr. Stackhouse zur Tür, und ich folgte ihm. Wir traten hinaus auf den Flur. Auf dem Weg in die Notaufnahme schloss sich Dietz uns an und legte mir dabei die Hand in den Nacken, eine Geste, die mich erschreckte und ein seltsames Gefühl in mir weckte. Sie war so besitzergreifend, und die körperliche Berührung löste eine so starke Spannung aus, dass die Luft zwischen uns vibrierte.
Dr. Stackhouse schüttelte den Kopf. »Himmel, tut mir das Leid. So ein furchtbares Pech. Sind Sie ihre Enkelin? Jemand wird mit dem Polizeibeamten reden müssen.«
Ich konzentrierte mich auf die Situation, wie sich ein Ertrinkender an einen Strohhalm klammert. »Ich bin eine Freundin von Mrs. Gersh«, sagte ich. »Kinsey Millhone.«
Er sah mich an. »Die, nach der sie ständig gefragt hat?«
»Das hat man mir erzählt«, sagte ich. »Haben Sie eine Ahnung, was sie wollte?«
»Na ja, ich kann zwar wiederholen, was sie gesagt hat, aber ich glaube nicht, dass Sie viel damit anfangen können. Sie hat immer wieder nur gesagt, dass es Sommer war. >Sagen Sie ihr, es war Sommer...< Ergibt das irgendeinen Sinn?«
»Für mich nicht«, sagte ich. In ihrer Vorstellung war das offenbar mit der langen, weitschweifigen Geschichte verbunden, die sie mir unten in der Wüste erzählt hatte — über Emily und das Erdbeben, die Harpster-Mädchen und Arthur James. »Und mehr hat sie nicht gesagt?«
»Ich habe nur das gehört.«
»Wird sie obduziert?«
»Wahrscheinlich. Wir haben im Büro des Coroners angerufen, und einer seiner Assistenten ist schon unterwegs. Er wird mit dem Pathologen sprechen und entscheiden, ob eine Autopsie gerechtfertigt ist.«
»Mit welchem Pathologen? Dr. Yee oder Dr. Palchak?«
»Dr. Palchak. Natürlich könnte der Coroner uns auch erlauben, den Totenschein auszustellen.«
»Was ist mit Agnes? Dürfen wir sie sehen?«
Er nickte. »Selbstverständlich. Sie liegt in einem Raum am Ende dieses Flurs. Sobald Mrs. Gersh so weit ist, bringt eine Schwester Sie hin.«
Sie hatten Agnes vorläufig in einem selten benutzten Untersuchungszimmer untergebracht. Später würde man sie in den Keller fahren und in der kalten Dunkelheit der Leichenkammer abstellen. Dietz wartete mit Clyde im Flur, während Irene und ich schweigend neben der Rollbahre standen, auf der ihre Mutter lag. Der Tod hatte viele Runzeln in ihrem Gesicht geglättet. Unter dem weißen Laken wirkte sie klein und zerbrechlich, und ihre große Nase stach auffallend zwischen den Falten ihres jetzt friedlichen Gesichts hervor.
Jemand klopfte diskret an die Tür. Ein junger Polizeibeamter in Uniform kam herein und stellte sich vor. Er hatte Agnes ins Krankenhaus eingeliefert und berichtete Irene kurz von seinem Zusammentreffen mit ihrer Mutter. »Sie schien ein sehr netter Mensch zu sein, Ma’am. Ich hab mir nur gedacht, Sie wüssten vielleicht gern, dass sie mir keine Schwierigkeiten gemacht hat...«
Irene schossen die Tränen in die Augen. »Danke. Das ist sehr freundlich von Ihnen. Hatte sie Schmerzen? Ich ertrage es nicht, mir vorzustellen, was sie durchgemacht haben muss.«
»Nein, Ma’am, Schmerzen hatte sie wohl keine. Sie war vielleicht durcheinander, aber Schmerzen schien sie nicht zu haben.«
»Gott sei Dank! Hat sie nach mir gefragt?«
Eine leichte Röte stieg ihm in die Wangen. »Das kann ich so nicht sagen. Ich weiß, dass sie jemanden namens Sheila erwähnt hat.«
»Sheila?«, wiederholte Irene verständnislos.
»Ich bin ziemlich sicher, dass es der Name war. Sie hat ein bisschen geweint. Hat gesagt, sie bedauert es sehr, dass sie eine solche Plage ist. Ich habe ununterbrochen mit ihr geredet, ihr immer wieder versichert, es sei alles in Ordnung. Danach wurde sie ruhiger, und es schien ihr ganz gut zu gehen, bis wir hierher kamen. Ich weiß, man hat hier alles Menschenmögliche getan, um sie zu retten. Aber manchmal lassen sie wahrscheinlich einfach los und wollen nicht mehr...«
Irenes Kinn begann zu zittern. Sie presste ein Taschentuch vor den Mund und flüsterte kopfschüttelnd: »Ich hatte ja keine Ahnung, dass sie im Sterben lag. Mein Gott, wenn wir uns nur beeilt hätten, wären wir vielleicht noch rechtzeitig gekommen...«
Der Beamte trat verlegen von einem Fuß auf den anderen. »Ich gehe ins Wartezimmer und schreibe meinen Bericht fertig. Soviel ich weiß, ist der Stellvertreter des Sheriffs jetzt draußen. Sobald Sie sich seinen Fragen gewachsen fühlen, wird er mit Ihnen reden wollen, weil er ein paar Informationen braucht.« Er ging hinaus und ließ die Tür offen.
Gleich darauf kam Clyde herein. Er legte Irene den Arm um die Schultern und führte sie in die Aufnahme. Bevor die Tür sich schloss, erhaschte ich einen flüchtigen Blick auf den Stellvertreter des Sheriffs, der sich mit seinem Kollegen von der Stadtpolizei unterhielt. Ich vermutete, dass die Stadtpolizei den Todesfall dem Büro des Coroners gemeldet hatte, da Agnes als vermisste Person geführt worden war und man über ihre letzten Stunden nicht das Geringste wusste. Der Coroner würde eine Untersuchung der Umstände, Art und Ursache ihres Todes anordnen. Sollte sie einem Mord zum Opfer gefallen sein, würde die Stadtpolizei die weiteren Ermittlungen übernehmen. Ich vermutete, Agnes’ Tod würde — in der Terminologie des Coroners — mit dem Vermerk »Ungeklärte Umstände« keine weitere Untersuchung nach sich ziehen, aber da musste man abwarten. Eine Autopsie würde wahrscheinlich auf jeden Fall durchgeführt werden.
Allein mit der Leiche, hob ich eine Ecke des Lakens und griff nach Agnes’ kalter, starrer linker Hand. Die Fingerknöchel waren abgeschürft, zwei Nägel abgebrochen. Unter dem Nagel des Ringfingers und des kleinen Fingers klebte feste Erde. Die Angestellte aus der Aufnahme kam herein. Ich schob Agnes’ Hand wieder unter das Laken und drehte mich um. »Ja?«
»Mr. Gersh lässt Ihnen ausrichten, dass er seine Frau zum Wagen bringt. Der andere Herr wartet.«
»Was ist aus ihren Sachen geworden?«
»Sie hatte nicht viel. Dr. Stackhouse hat die Kleidungsstücke für den Coroner beiseite gelegt. Und etwas anderes hat sie nicht bei sich gehabt, als sie eingeliefert wurde.«
Ich schrieb eine kurze Nachricht für Dr. Palchak und bat sie, mich anzurufen. Den Zettel übergab ich der Aufnahmeschwester, als ich an ihrem Schreibtisch vorüberkam. Dietz wollte ein Taxi rufen, aber Clyde bestand darauf, uns nach Hause zu bringen. Irene war untröstlich und weinte während der ganzen Fahrt. Ich war dankbar, als Dietz meine Tür aufsperrte und ich endlich zu Hause in meinen vier Wänden war. Auf dem Rücksitz des Mercedes hatte seine Hand neben meiner Hand gelegen, und unsere kleinen Finger hatten sich auf eine Weise berührt, dass ich das Gefühl hatte, meine ganze linke Seite sei magnetisiert.