25
Sie waren alle da. Es war unheimlich, sie zu sehen, Charlotte, Emily und Anne — ihre Grabsteine waren nach dem Sterbedatum aufgereiht. Die Inschriften waren mehr als schlicht, nur die allernötigsten Informationen. Ihre Eltern waren Seite an Seite beerdigt worden: Maude und Herbert, links von ihnen die Gräber zweier Töchter, die sehr jung gestorben waren. Die nächste Grabstelle war noch frei, vermutlich für Patrick bestimmt, wenn seine Zeit gekommen war. Auf der anderen Seite lagen die drei, von denen ich wusste: Charlotte, geboren 1894, gestorben 1917; Emily, geboren 1897, gestorben 1926; und Anne, die anno 1900 geboren und 1940 gestorben war.
Ich blickte den Hügel hinunter in die Ferne. Mt. Calvary bestand aus einer Reihe welliger Grünflächen und endete an einem Wald aus immergrünen Hölzern und Eukalyptusbäumen. Die meisten Grabsteine waren flach in den Boden eingelassen, aber es gab auch andere Abschnitte, so wie hier, wo die Steine aufrecht standen; die eingemeißelten Daten reichten zum großen Teil bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts zurück. Die Hitze der Mittagssonne schwand allmählich. Es würde noch stundenlang hell sein, aber merklich kühler werden. Irgendwo in den Bäumen saß ein Vogel und pfiff eine eintönige Melodie.
Ich schüttelte den Kopf, bemüht, die Informationen in meinem Gedächtnis zu speichern.
Dietz war vernünftig genug, den Mund zu halten, aber die Frage: »Was ist?« lag so deutlich in seinem Blick, als habe er sie ausgesprochen.
»Das ist doch widersinnig. Wenn Sheila Bronfen und Agnes Grey ein und dieselbe sind, warum stimmen dann die Altersangaben der beiden nicht überein? Agnes kann nicht erst siebzig gewesen sein, als sie starb. Sie war über achtzig. Das weiß ich.«
»Dann waren die beiden eben nicht ein und dieselbe. Na und? Du hattest eine Theorie, und sie hat sich als Seifenblase erwiesen und ist geplatzt.«
»Vielleicht«, sagte ich störrisch.
»Vielleicht! Mach dich nicht lächerlich und lass sein, Mill-hone. Du kannst nicht die Tatsachen manipulieren, damit sie zu deiner Hypothese passen. Fang mit dem an, was du weißt, und gib der Wahrheit eine Chance, ans Licht zu kommen. Erzwing keine Schlussfolgerung, nur um dein Ego zu befriedigen.«
»Ich erzwinge gar nichts«, sagte ich gekränkt.
»Und ob du das tust! Du erträgst es nicht, dich zu irren...«
»Das ist nicht wahr!«
»O doch, es ist wahr, mach mir nichts vor...«
»Das hat nichts damit zu tun. Wenn die beiden nicht ein und dieselbe sind, okay. Dann sag mir aber, wer war Agnes Grey, und wie ist sie an Irene Bronfen gekommen?«
»Vielleicht war Agnes eine Kusine oder eine Freundin der Familie. Sie kann auch das Hausmädchen gewesen sein...«
»Na schön. Fantastisch. Sagen wir, sie war das Hausmädchen, das mit der kleinen Irene verschwunden ist. Wieso hat er uns das nicht gesagt? Warum hat er so getan, als wär’s seine Frau gewesen? Er ist überzeugt, dass Sheila das Kind mitgenommen hat — oder er lügt wie gedruckt, stimmt’s?«
»Komm schon! Du klammerst dich an Strohhalme.«
Ich hockte mich auf die Fersen und rupfte Gras. Meine Frustration nahm ständig zu. Ich hatte das Gefühl, den Knoten im nächsten Moment entwirren zu können und atmete kräftig aus. Insgeheim war ich überzeugt gewesen, dass Agnes Grey und Anne Bronfen ein und dieselbe gewesen waren. Ich wünschte, Bronfen hätte wegen Annes Tod gelogen, aber es sah so aus, als habe er die Wahrheit gesagt — der Scheißkerl. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Dietz verstohlen auf seine Uhr schaute.
»Verdammt, tu das nicht!«, sagte ich. »Ich hasse es, gedrängt zu werden.« Ich war gereizt und reagierte bissig. »Wie spät?«, fragte ich einlenkend.
»Bald vier. Ich will dich ja nicht drängen, aber wir müssen los.«
»Zum Ocean View ist es nicht weit.«
Er verstummte und blickte starr den Hügel hinunter, wahrscheinlich, um seinerseits eine leichte Gereiztheit hinunterzuschlucken. Er war ungeduldig, ein Mann der Tat, mehr an Mark Messinger als an Agnes Grey interessiert. Er bückte sich, hob einen Erdklumpen auf und warf ihn den Hügel hinunter. Dann sah er dem Ding nach, als erwarte er, es im nächsten Moment über das Gras hüpfen zu sehen wie einen Kieselstein übers Wasser. Nach einer Weile schob er die Hände in die Taschen. »Ich warte im Wagen auf dich«, sagte er kurz und ging los.
»O verdammt«, murmelte ich vor mich hin, nachdem ich ihm kurz nachgeschaut hatte, und lief hinter ihm her. Ohne eigenen Wagen kam ich mir wie ein Teenager vor. Dietz bestand darauf, dass ich fast ununterbrochen an seinem Rockzipfel hing, und ich sah mich gezwungen, hinter ihm herzuzotteln oder ihn zu bitten, dass er mich fuhr; ich sah mich genötigt zu bleiben, wo ich nicht sein wollte, und konnte Spuren, die mich interessierten, nicht verfolgen. Ich ging schneller und holte ihn an der Straße ein. »He, Dietz! Kannst du mich vielleicht zu Hause absetzen? Dann könnte ich mir Henrys Wagen ausleihen, und du könntest mit Rochelle allein reden.«
Er ließ mich auf meiner Seite einsteigen. »Nein.«
Ich starrte ihn empört an. »Nein?« Ich musste warten, bis er um den Wagen herumgegangen war. »Was meinst du mit
>nein?<«
»Dass ich dich nicht allein rumsausen lasse. Zu gefährlich.«
»Verschon mich bitte damit. Ich habe zu tun.«
Er antwortete nicht. Als hätte ich kein Wort gesagt. Er fuhr aus dem Friedhof hinaus und auf dem Cabana Boulevard nach links, hielt auf die Hotels gegenüber vom Kai zu. Ich schaute aus dem Fenster, wälzte finstere Fluchtgedanken.
»Und mach keine Dummheiten«, sagte er.
Ich sprach nicht aus, was ich dachte, aber es war kurz und treffend.
Das Ocean View ist eines jener nichts sagenden einstöckigen Motels, einen Block von dem breiten Boulevard entfernt, der parallel zum Strand verläuft. Die Touristensaison hatte noch nicht angefangen, die Preise waren noch niedrig, und überall auf der Straße leuchteten in roter Neonschrift die Worte Zimmer frei auf. Die einzige Aussicht, die das Ocean View bot, war die auf die Rückfront des Motels gegenüber. Das Gebäude aus Schlackenstein war mit etwas verkleidet, das wie verwitterter Gipsmörtel aussah, doch die roten Dachschindeln hatten eine einheitliche Form und Farbe, die darauf schließen ließen, dass sie ziemlich neu waren.
Dietz bog in die Kurzparkzone vor dem Büro ein, ließ den Motor laufen und ging hinein. Ich saß da und starrte den Zündschlüssel an. Wollte Dietz meinen Charakter testen, der sehr fragwürdig ist, wie jedermann weiß? Forderte Dietz mich heraus, den Porsche zu stehlen? Ich wollte das genaue Datum von Anne Bronfens Todestag wissen, und es juckte mich, es nachzuprüfen. Ich brauchte einen Wagen. Hier hatte ich einen. Daher...
Gerade noch rechtzeitig schaute ich zur Bürotür hinüber und sah Dietz herauskommen. Er stieg ein, knallte die Tür zu und setzte mit dem Wagen zurück. »Nummer sechzehn, nach hinten hinaus«, sagte er. Als er in den ersten Gang schaltete, lächelte er mich schief an. »Ich bin überrascht, dass du nicht abgehauen bist. Ich habe den Schlüssel eigens stecken lassen.«
Ich sagte nichts dazu. Die schlagfertigen Antworten fallen mir immer erst ein, wenn es schon zu spät ist, um Punkte zu sammeln.
Wir parkten auf dem Stellplatz von Nummer achtzehn, dem einzigen, der frei war. Dietz klopfte. Automatisch tastete ich nach der Pistole in meiner Handtasche und fühlte mich viel sicherer, als ich ihr Gewicht spürte. Die Tür ging auf. Er verstellte mir die Sicht auf Rochelle, und ich hatte zu viel Stil, um in die Höhe zu hüpfen, damit ich einen ersten Blick auf sie werfen konnte.
»Rochelle? Ich bin Robert Dietz. Kinsey Millhone.«
»Hallo. Kommen Sie rein.«
»Danke, dass Sie so schnell hier waren«, sagte Dietz. Als ich Rochelle Messinger jetzt vor mir sah, stutzte ich. Was ich erwartet hatte, weiß ich nicht, gebe aber zu, dass ich in Klischees denke, wie jeder andere auch. Unter Damen, die in Massagesalons arbeiten, stelle ich mir üppige, ein bisschen liederliche Frauen vor, Frauen von der billigen Sorte, wenn ich ehrlich bin. Wäre sie tätowiert gewesen, hätte ich mich nicht gewundert — großer Hintern in Jeans, Absätze so spitz wie Dolche, ungepflegtes dunkles Haar mit einem Gummiband hochgebunden.
Rochelle Messinger war so groß wie ich, sehr schlank, hatte windzerzaustes blondes Haar, eine lässig aufgebauschte Mähne, die wahrscheinlich alle vier Wochen geschnitten und gestylt werden musste, was dann die Kleinigkeit von hundertfünfundzwanzig Dollar kostete. Ihr Gesicht war ein perfektes Oval, wie auf einem Renaissancegemälde. Sie hatte einen makellosen Teint — sehr blasse, sehr feine Haut — , helle haselnussfarbene Augen, lange Finger mit einer Unmenge von Silberringen, die ziemlich teuer aussahen. Sie trug eine eisblaue Seidenbluse, einen passenden Seidenblazer und hellblaue Slacks, die ihre winzige Taille und die schmalen Hüften betonten. Sie duftete nach einer zarten Mischung aus Jasmin und Maiglöckchen. In ihrer Gegenwart kam ich mir so zierlich und weiblich vor wie ein Rinderviertel. Als ich den Mund aufmachte, fürchtete ich, ich würde blöken.
»Du meine Güte!«, platzte ich stattdessen heraus. »Wie sind Sie nur an einen Dreckskerl wie Messinger geraten?«
Sie reagierte nicht, aber Dietz drehte sich um und warf mir einen bösen Blick zu.
»Also, es interessiert mich wirklich!«, sagte ich aufmüpfig.
»Schon gut«, mischte sie sich ein. »Ich verstehe ja Ihre Neugier. Ich habe ihn auf einer Party in Palm Springs kennen gelernt. Damals war er Leibwächter bei einem berühmten Schauspieler, und ich dachte, er hätte Klasse. Ich habe mich geirrt, aber als ich es merkte, hatten wir schon ein Wochenende zusammen verbracht, und ich war schwanger...«
»Eric«, sagte ich.
Sie nickte kaum merklich. »Das ist jetzt sechs Jahre her. Man hatte mir gesagt, ich könne keine Kinder kriegen, daher war es ein Wunder für mich. Mark bestand auf Heirat, aber ich weigerte mich, meinen Irrtum auch noch legalisieren zu lassen. Als Eric geboren wurde, wollte ich nicht einmal, dass er das Kind sah. Ich wusste ja inzwischen, was für ein Ganove er war. Er nahm sich einen mächtigen, einflussreichen Anwalt und zerrte mich vor Gericht. Der Richter gewährte ihm das Verkehrsrecht, wie es so schön heißt. Danach war es einfach nur eine Frage der Zeit. Ich wusste, er würde versuchen, mir Eric wegzunehmen, aber ich konnte nichts dagegen tun.«
Bisher hatte sie es geschafft, mehr unerklärt zu lassen als klarzustellen, aber ich fand, es sei höchste Zeit, mich zurückzuhalten und Dietz zu Wort kommen zu lassen. Nach einer unausgesprochenen Übereinkunft war dies hier ebenso seine Sache wie das Bronfen-Interview die meine gewesen war. Dietz geriet zunehmend in Arbeitseifer, seine Energie wurde deutlicher spürbar, seine Unruhe größer. Er fing an, mit den Fingern der rechten Hand gegen den linken Handteller zu schnippen. »Wann haben Sie das letzte Mal mit ihm gesprochen?«, fragte er.
»Mit Mark? Vor acht Monaten. Im Oktober, er hat Eric vom Hort abgeholt und nach Colorado mitgenommen, angeblich übers Wochenende. Kurz darauf hat er mich angerufen und gesagt, dass er ihn nicht mehr zurückbringt. Er erlaubt dem Jungen ab und zu, mit mir zu telefonieren, aber immer nur von einem Münzapparat, und die Gespräche sind zu kurz, um sie zurückzuverfolgen. Jetzt weiß ich zum ersten Mal, wo er sich tatsächlich aufhält. Ich will mein Kind wieder haben.«
»Das verstehe ich«, sagte Dietz. »Wir haben erfahren, dass Mark hier in der Gegend Verwandte hat. Wissen die vielleicht, wo er ist?«
Sie lächelte verächtlich. »Das ist verdammt unwahrscheinlich. Sein Vater hat ihn vor Jahren an die Polizei verraten, und seine Mutter ist tot. Er hat zwar eine Schwester, aber ich glaube, die beiden reden nicht miteinander. Als er sich das letzte Mal bei ihr meldete, hat sie ihn angezeigt.«
»Keine anderen Verwandten? Freunde, mit denen er möglicherweise versucht hat, in Verbindung zu treten.«
Sie schüttelte den Kopf. »Er ist ein absoluter Einzelgänger und traut keiner Menschenseele.«
»Haben Sie einen Vorschlag, wie man ihm auf die Spur kommen könnte?«
»Aber ja doch. Rufen Sie alle großen Hotels an. Die Polizei wollte nach dem Raub in der Goldbörse von mir wissen, wo er steckt. Er muss Geld wie Heu haben, und glauben Sie mir, er versteht es, gut zu leben. Er sitzt bestimmt in einem erstklassigen Hotel irgendwo in der Stadt.«
»Haben Sie ein Telefonbuch?«, fragte Dietz.
Rochelle ging zum Nachtschränkchen und öffnete eine Schublade. Dietz setzte sich auf die Kante des überbreiten Bettes und schlug die gelben Seiten auf. Ich merkte, dass er nach einer Zigarette lechzte. Wäre ich Raucherin gewesen, hätte ich mir jetzt bestimmt auch gern eine angesteckt. Es war dasselbe Bett, in dem ich im Weihnachtsurlaub meinen Exmann mit einer anderen ertappt hatte. Das war vielleicht ein frohes Fest gewesen...
Dietz sah mich an. »Wie viele große Hotels gibt es?«
Ich überlegte kurz. »Höchstens drei oder vier, die ihm Zusagen würden«, sagte ich und wandte mich dann an sie: »Wird er unter seinem richtigen Namen dort absteigen?«
»Das bezweifle ich. Wenn er unterwegs ist, benutzt er gewöhnlich einen seiner Falschnamen. Mark Darian oder Darian Davidson sind ihm die liebsten, falls er nicht einen ganz und gar neuen hat, den ich nicht kenne.«
Dietz blätterte in den gelben Seiten bis zum Hotel- und Motelverzeichnis.
»He, Dietz!«
Er sah zu mir auf.
»Ich würde es zuerst im Edgewater versuchen. Vielleicht war es einfach ein blöder Zufall, dass er gestern Abend bei dem Bankett aufgetaucht ist.«
Er starrte mich einen Moment an, dann begriff er meine Logik und lachte. »Das ist gut, das gefällt mir.« Er suchte die Nummer heraus, tippte sie ein und konzentrierte sich, als am anderen Ende jemand abnahm. »Kann ich Charles Abbott von der Sicherheit sprechen? Ja, danke. Ich bleib dran.« Dietz legte die Hand über das Mundstück und nutzte die Zeit, um Rochelle über alles ins Bild zu setzen, was bisher passiert war. Plötzlich unterbrach er sich. »Mr. Abbott? Robert Dietz. Wir haben gestern über die Sicherheitsmaßnahmen bei dem Bankett gesprochen... Richtig. Tut mir Leid, Sie noch einmal zu belästigen, aber ich muss Sie um einen Gefallen bitten. Könnten Sie vielleicht nachsehen, ob ein bestimmter Gast bei Ihnen abgestiegen ist. Er heißt Mark Darian oder Darian Davidson oder benutzt irgendeine andere Variation dieses Namens. Derselbe Mann. Wir glauben, dass er seinen kleinen Jungen bei sich hat. Klar...«.
Anscheinend sollte Dietz wieder dranbleiben, bis Charles Abbott sich am Empfang erkundigt hatte. Dietz wandte sich Rochelle zu und fuhr mit seinem Bericht fort. Sie konnte ihm offenbar mühelos folgen. Ich beobachtete sie und begriff allmählich, wie fertig sie war, obwohl sie sich äußerlich so gelassen gab. Sie gehörte zu den Frauen, die wahrscheinlich nicht aßen, wenn sie unter Stress standen, die dann praktisch von Kaffee und Tranquilizern lebten. Ich hatte Mütter wie sie schon früher gesehen — meist strichen sie im Zoo hinter Gitterstäben hin und her. Auch wenn sie scheinbar gezähmt waren — ihre unterschwellige Wildheit und ihr Zorn ließen sich nicht domestizieren. Ich persönlich schätzte mich glücklich, dass ich nie Hand an ihr Junges gelegt hatte.
Als Dietz endete, war ihre Miene düster geworden. »Sie haben keine Ahnung, wie gewissenlos er ist«, sagte sie. »Mark ist sehr, sehr smart und verfügt über die unheimliche Intuition eines Psychopathen. Haben Sie schon mal mit einem zu tun gehabt? Es ist fast so, als könnten sie Gedanken lesen...«
Dietz wollte eben antworten, als Charles Abbott sich wieder meldete. »Ach, tatsächlich?«, sagte Dietz. »Ganz recht, der Junge ist fünf.« Er hörte einen Moment zu. »Vielen Dank. Absolut.« Mit übertriebener Sorgfalt legte er den Hörer auf. »Er ist mit dem Kind dort, in einem der Cottages hinter dem Haupthaus. Allem Anschein nach sind die beiden eben zum Schwimmen an den Pool gegangen. Ich habe Mr. Abbott gesagt, es werde keine Schwierigkeiten geben.«
»Natürlich nicht«, sagte sie.
»Wollen Sie die Polizei rufen?«
»Nein. Sie?«
Dem Blick nach zu urteilen, der zwischen ihnen hin und her ging, verstanden sie sich perfekt. Sie nahm eine Lederhandtasche vom Bett und holte einen kleinen nickelplatierten Derringer heraus. Zweischüssig. Ich grinste hinterhältig, doch sein Gesichtsausdruck blieb neutral. Du lieber Gott, und meine Waffe hatte er kritisiert.
»Was haben Sie vor, wenn es uns gelingt, Eric zurückzuholen?«, fragte er sie. »Nach Hause können Sie nicht mit ihm.«
»Ich habe einen Mietwagen, den ich am Flughafen stehen lasse. Mein Bruder ist Pilot und nimmt uns auf einem Charterplatz namens Neptune Air an Bord.«
Dietz wandte sich an mich. »Kennst du den?«
»So ungefähr. Er liegt auf dieser Seite des Flughafens an der Rockpit Road.«
Er drehte sich wieder zu Rochelle um. »Wann kommt Ihr Bruder?«
»Um neun, das lässt uns ausreichend Zeit, finden Sie nicht?«
»Das wollen wir doch hoffen. Was weiter?«
»Ich habe einen Unterschlupf, in dem wir uns verstecken können, solange wir wollen.«
Dietz nickte. »In Ordnung. Das klingt gut. Packen wir’s an.«
Ich hielt einen Finger in die Höhe, um seine Aufmerksamkeit zu erregen, und wies mit einer Kopfbewegung zur Tür. »Kann ich mal kurz mit dir sprechen?«
Er sah mich zwar an, rührte sich jedoch nicht von der Stelle, und mir blieb nichts anderes übrig, als an Ort und Stelle fortzufahren.
»Ich möchte etwas nachprüfen und brauche ein Auto«, sagte ich. »Da könnte doch ich den Mietwagen nehmen, und ihr beide fahrt mit dem Porsche. Ihr wisst, wo Messinger ist, und seid auf dem Weg zu ihm. Da muss ich nicht dabei sein.«
Schweigen. Ich musste mich anstrengen, um jetzt kein überflüssiges Zeug zu schwatzen. Ich bin zu alt, um zu bitten und zu betteln. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie wir im Konvoi durch die Stadt fuhren — zu einem Kidnapping oder zu einer Schießerei mit Mark Messinger. Meine Anwesenheit war nicht vonnöten. Ich hatte etwas anderes auf der Pfanne. Rochelle lud ihre Waffe, beide Kammern. Es war zu lächerlich für Worte, aber irgendetwas lag mir plötzlich wie Blei im Magen.
Ich merkte, wie Dietz über meine Bitte nachdachte. Einen Augenblick lang zuckte so etwas wie eine außersinnliche Wahrnehmung in mir auf, und ich begriff, dass er sich sicherer gefühlt hätte, wenn ich mit ihm gekommen wäre. Er reichte mir seinen Autoschlüssel, ohne mir dabei richtig in die Augen zu sehen. »Nimm meinen Wagen. Messinger könnte ihn erkennen, wenn wir mit ihm auf den Hotelparkplatz fahren. Wir nehmen den Mietwagen. Was ich vorhin gesagt habe, gilt. Tu nichts Unüberlegtes.«
»Dito«, antwortete ich, vielleicht schärfer als beabsichtigt. »Ich treffe euch draußen auf dem Charterflugplatz.«
»Pass auf dich auf.«
»Du auch.«