Endzeit-Thriller
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Gordon gähnte und streckte seinen matten, schmerzenden Körper. Die ersten Sonnenstrahlen brachen im Osten durch die Wolken. Er hielt sich mit Jimmy am Park bereit und wartete, dass ihre Komplizen zu ihrem bevorstehenden Beutezug eintrafen. Bis spät in die Nacht war er aufgeblieben, um den Plan auszuarbeiten, der ihr Überleben garantieren sollte. Drei Teams zu jeweils zwei Mann sollten sich täglich auf die Suche nach Nahrung, Wasser und Kraftstoff begeben; Medikamente, Fahrzeuge und Waffen besorgen. Die Stunden würden ihnen lang werden, aber was sonst gab es jetzt schon zu tun? Über die Suchttrupps hinaus umfasste Gordons Plan die Errichtung eines Krankenhauses, ein Team von Gärtnern, das einem der Parks landwirtschaftliches Nutzland abtrotzen sollte, die Absicherung der Wohngebietsgrenze sowie Lehrer und Zuständige für Instandhaltungsarbeiten. Die Mitglieder der Gemeinde würden sich jeden Tag treffen und ihre Rationen in Abhängigkeit von der Menge erhalten, die jeweils am Vortag beschafft worden war.
Er stellte infrage, dass Mindy und ihr Ausschuss kooperieren würden. Nicht alle waren am Vortag aufgetaucht, um sich zählen zu lassen, also war er sich unsicher, ob die Gemeinde geschlossen mit seinem Plan übereinkommen oder sich deswegen spalten würde … was er unbedingt vermeiden wollte.
Sie fuhren gemeinsam mit einem anderen Team zum Einkaufszentrum ›Carmel Mountain‹, einer weitläufigen Promenade von Einzelhandelsgeschäften, zirka fünf Meilen von seinem Haus entfernt. Dort teilten sie sich auf, um einen entsprechend größeren Bereich abzudecken. Gordon sandte Nelson mit einem anderen Mann zum Auskundschaften eines Trinkwasserreservoirs in der Nähe. Falls ihn sein Bauchgefühl nicht betrog, war noch etwas in dem Tank enthalten, also würden sie ihn absperren und jeden Tag jemanden zum Wasserholen schicken.
Auf der Fahrt schwatzte Jimmy belangloses Zeug, sodass Gordon Zeit zum Entspannen fand. Dabei dauerte es nicht lange, bis er einschlief. Er schreckte jedoch auf, als ihm Jimmy gegen den Arm boxte und laut rief, er möge wach werden.
Im ersten Geschäft, einem Lebensmittelladen, wimmelte es vor Leuten. Scharenweise trugen sie Nahrung und andere Bedarfsgüter auf den Armen heraus.
»Wie gehen wir vor?«, fragte Jimmy, während er sich übers Lenkrad beugte und die Herumlaufenden beobachtete.
»Ahh … lass mal sehen.« Gordon war noch ein wenig benommen nach seinem Nickerchen.
»Alter, das sieht nach Riesenchaos aus.«
»Da hast du wohl Recht«, erwiderte Gordon, »aber ich muss da rein und holen, was es zu holen gibt. Bleib mit dem Wagen auf Abstand.«
Nachdem er seine Pistole aus dem Schulterhalfter gezogen und überprüft hatte, ob sie geladen war, vergewisserte er sich, dass auch Jimmy seine Waffe bei sich trug und sich wehren konnte. Dann stieg er aus und näherte sich dem Gebäude. Gordon zählte Dutzende Menschen ein- und ausgehen. Vor der Front des Geschäfts und bis auf den Parkplatz lagen überall Abfälle und zerdrückte Esswaren. Gordon trug einen großen Rucksack und behielt den Reißverschluss seiner Jacke offen, um seine Waffe, falls nötig, schnell zücken zu können. Dieser Mob war der Beweis dafür, dass sich der Stand der Dinge herumgesprochen hatte. Obwohl er geringe Aussichten sah, eine große Menge an Nahrungsmitteln und Vorräten zu ergattern, musste er es durchziehen und das Beste daraus machen.
Als er den dunklen Laden betrat, erwiesen sich seine Vermutungen als korrekt. Während er zügig zwischen den leeren Reihen hindurchging, schnappte er noch alle einzelnen Konserven und verpackten Speisen auf, die er finden konnte, teilweise auch vom Boden. Sein Blick fiel sodann auf die Apotheke, die er ansteuerte, doch auch deren Auslagen waren abgeräumt worden. Da jemand das Wandfenster eingeschlagen hatte, stellte es kein Problem dar, über die Theke in den Angestelltenbereich zu springen. Er griff sich, was ihm in die Hände fiel und steckte es in den Rucksack. Enttäuscht darüber, sich 20 Minuten lang für wenig Vorzeigbares abgemüht zu haben, verließ er das Gebäude wieder.
Als er aus dem dämmrigen Durcheinander des geplünderten Ladens trat, sah er, was bald zu ihrem Alltag gehören würde: Jimmy wurde in seinem Chevy von drei Männern umringt. Sie schaukelten das Fahrzeug hin und her, stichelten und johlten ununterbrochen, was sein Freund ebenso lautstark erwiderte. Außerdem drohte er ihnen mit seiner Pistole, was sie allerdings nicht abschreckte.
Gordon lief los, um ihm zur Hilfe zu eilen. Er nahm seine Sig aus dem Halfter, hielt sie senkrecht in die Luft und drückte ab. Der Knall ließ die Männer innehalten. Als sie sich umdrehten, zielte Gordon bereits auf einen von ihnen und brüllte: »Verschwindet, verdammt nochmal! Weg von dem Auto!«
»Hey Mann, bleib cool!«, schrie der Mann, auf den Gordon die Waffe richtete.
Das alte Lagebewusstsein war ihm noch nicht abhandengekommen. Während er den einen Mann weiterhin in Schach hielt, achtete er zugleich auf die übrigen beiden. Sie traten mehrere Schritte zurück, doch der erste tat das Gegenteil: Er wagte einen Schritt vorwärts.
»Verpisst euch jetzt von hier!«, verlangte Gordon.
»Ist das deine Kiste, Bruder? Wir wollen sie ausleihen.«
»Ich sagte: Verpisst euch von hier – SOFORT!«, wiederholte er scharf.
Unbeeindruckt machte der Kerl noch einen Schritt nach vorne und rief seinen Freunden etwas auf Spanisch zu. Gordon verstand es zwar nicht, doch was immer es bedeutete: Die zwei begannen wieder, sich zu nähern.
»Wenn ihr euch nicht verzieht, knall ich euch ab!«, drohte Gordon.
Er empfand etwas, das er seit langer Zeit nicht mehr gespürt hatte: erwartungsvolle Furcht. Die Zeit verging zusehends langsamer für ihn. Er fasste jeweils abwechselnd den einen Mann vor sich und die beiden dahinter ins Auge, während er seine Pistole fest im Griff behielt. Dann registrierte er, dass der Vordere über seine Schulter an ihm vorbeischaute. Als er dessen Blick folgte und sich umblickte, sah er drei weitere Männer auf sich zukommen. Sie waren etwa 40 Fuß entfernt, kamen aber schnell näher. Gordon fuhr instinktiv wieder herum – gerade noch rechtzeitig, denn der erste Mann hatte sich bis auf wenige Schritte genähert. Er schoss ihm ohne Zögern ins Gesicht, woraufhin sein Hinterkopf barst. Als er auf dem Boden aufschlug, knallte es dumpf. Gordon stieg über den Toten und legte auf seinen zweiten Widersacher an. Noch einmal betätigte er den Abzug und eine weitere 9mm-Patrone verließ den Lauf. Sie schlug in die Brust des Mannes ein, sodass er rückwärts umfiel. Der verbliebene Gegner wirbelte herum und wollte fliehen, doch Gordon zielte ohne Gnade, feuerte und traf ihn zwischen den Schulterblättern. Die Gefahr hinter sich hatte er nicht vergessen, also drehte er sich nach den anderen drei Angreifern um, die allerdings stehengeblieben waren und nun davonliefen. Sie hatten schon einen zu langen Weg für die Reichweite seiner Pistole zurückgelegt, und er wollte keine Munition verschwenden. Durch die Schüsse ging das Stöbern und Wühlen im Geschäft nunmehr langsamer vonstatten. Einige Plünderer standen auf dem Parkplatz und glotzten den Schützen an, aber ihre Schaulust währte nur einige Augenblicke, ehe sie ihren Beutezug fortsetzten.
Als Gordon die Autotür aufgehen hörte, sah er nach hinten, wo Jimmy gerade langsam ausstieg. Dessen Gesichtsausdruck sagte alles über seine Verfassung aus. Er ließ den Blick über die drei leblosen Körper schweifen, die rings um den Wagen lagen. So etwas hatte er bislang nur in Filmen gesehen, eigentlich noch gar keine Leiche in seinem ganzen Leben, ausgenommen seine Großeltern einige Jahre zuvor.
Gordon steckte die Sig wieder ein und stellte sich vor den Mann, den er zuerst erschossen hatte. Dann kniete er nieder und begann, dessen Taschen zu durchsuchen.
»Was tust du da?«, fragte Jimmy mit angewiderter Miene.
Ohne aufzuschauen antwortete Gordon: »Nachsehen, ob er irgendetwas Brauchbares bei sich hat.«
»Das meinst du nicht ernst, oder?«
Gordon sah auf und blickte Jimmy ausdruckslos an. »Mein Freund, du findest dich besser damit ab, dass dies eine neue Welt ist, in der wir leben. Die Kerle besaßen vielleicht etwas, das wir gebrauchen können. Sieh du bei dem dort nach.« Er verwies in mit einer Kopfbewegung an eine der beiden anderen Leichen.
Jimmy betrachtete den Toten neben sich und erwiderte: »Leck mich, Mann, das mach ich nicht mit.«
Da Gordon den ersten gründlich abgeklopft hatte, stand er auf und ging zu Jimmy. »Wenn du mir nicht behilflich sein willst, tritt zur Seite.«
Jimmy ging Gordon aus dem Weg und lief zurück zum Auto. Von dort aus beobachtete er fassungslos, wie Gordon die Toten abtastete. Der Anschlag war kaum zwei Tage her, und schon ging die Welt vor die Hunde. Er hatte die neuen Umstände noch nicht verinnerlicht, weshalb er nicht davon ausgegangen war, dass Gordon wirklich schießen und die drei umbringen würde. Die ganze Situation beunruhigte ihn zutiefst und gab ihm das Gefühl, fehl am Platz zu sein.
Gordon stieg ins Auto und fing an, sich das Blut von den Händen an seiner Hose abzuwischen. »Bei den Typen war wenig abzugreifen. Mir ist aber eine Idee gekommen; ein Stück die Straße hinunter gibt es einen Baumarkt. Dort will ich hin, um Saatgut für unsere Gärten zu besorgen.«
Jimmy saß still neben ihm und bewegte sich nicht.
»Mensch, krieg dich wieder ein, wir müssen los.«
»Ich begreife einfach nicht, warum die anderen beiden auch kaltmachen musstest. Der erste – okay, aber die zwei sind doch stehengeblieben.« Jimmy sprach in gedämpftem Ton.
»Ich verstehe, warum du es so siehst, kann mich aber nur wiederholen: Was du da eben gesehen hast, ist erst der Anfang. Wir werden weitere Menschen auf die gleiche Weise töten müssen. Ich habe uns einen Gefallen getan, indem ich es jetzt tat – und verflucht, wer weiß, vielleicht konnte ich damit ein anderes Leben retten! Die Typen führten nichts Gutes im Schilde. Hätte ich doch bloß ein Gewehr gehabt, dann wären auch die anderen drei Mistkerle jetzt Geschichte.«
Jimmy sah ihn von der Seite an und fragte ungläubig: »Wirklich? Die hättest du auch niedergemacht?«
»Ja, Jimmy, das hätte ich«, bekräftigte Gordon, ohne die Antwort nur eine Sekunde lang hinauszuzögern.
»Was hat der Krieg nur mit dir angestellt, Mann? Hast 'nen Knacks wegbekommen, was?«
Gordon sah nach unten, auf Jimmys zitternde Hände. Er gab es auf, sein Handeln zu rechtfertigen und begriff, dass er seinem Freund helfen musste, da dieser unter Schock stand.
»Mensch, Kumpel, ich weiß, das ist hart für dich«, äußerte er mit sanfterer Stimme, »aber bitte vertrau mir, wenn ich dir sage, dass ich es getan habe, um uns alle und insbesondere deine Familie zu beschützen. Wenn die drei dazu gekommen wären, hätten sie dir bestimmt den Hals umgedreht.«
Die Bilder dessen, was gerade passiert war, zogen immer und immer wieder an Jimmys geistigem Auge vorüber.
»Lass mich fahren, ja?«
Jimmy nickte nur und stieg aus, sodass Gordon hinüberrutschen konnte. Er drehte den Schlüssel um, während sein Freund langsam ums Auto ging und wieder einstieg. Die Fahrt zum Baumarkt verlief schweigsam, da jeder der beiden auf seine Weise verarbeitete, was sie gerade erlebt hatten.
Gordons Plan, den Baumarkt aufzusuchen, stellte sich als gute Idee heraus, denn es handelte sich um »ergiebiges Terrain«, wie er es selbst ausdrückte. Er steckte jedes Päckchen Samen ein, Batterien, Taschenlampen, Gartengeräte, Junkfood und Getränke, sowie verschiedene andere Dinge, die sich auf Vorrat anlegen ließen. Nachdem er vorhin gesehen hatte, wie eifrig man in der Einkaufspassage wilderte, war er überrascht, dass noch niemand hier eingebrochen war. Er musste einige Male hin- und herfahren, um alles nach Hause zu bringen, wofür er zwei Stunden benötigte. Dass es in den Lebensmittelläden kein Licht gab, erschwerte die Plünderung, doch nun lachte Gordon in sich hinein, als er feststellte, dass es im Baumarkt hell war. Jedes Mal, wenn er mit einem vollen Einkaufskorb zu Jimmy zurückkehrte, taute dieser weiter auf. Dabei alberten sie ein wenig miteinander; Gordon hatte ihn schon bei ihrer ersten Begegnung ins Herz geschlossen. Sie besaßen die gleichen Wertvorstellungen und erzogen ihre Kinder nach ähnlichen Prinzipien. Zudem war Jimmys Humorverständnis ebenso wenig zu verachten wie seine Geschäftstüchtigkeit.
»Wie kommen wir an Sprit?«, fragte Gordon, nachdem er seinen Rucksack voller Schokoriegel auf die Ladefläche des Wagens gewuchtet hatte.
»Wird jetzt echt Zeit«, entgegnete Jimmy. »Lass uns dort abzapfen.« Er zeigte auf einen neueren Chevy Tahoe.
»Gut, fahr vor und nimm den Absaugschlauch. Ich treib ein paar leere Kanister auf und stell sie auch nach hinten«, sagte Gordon, während er seinen Sack wieder anzog, um zurück in den Markt zu gehen. Dort sammelte er alle Kanister ein, die er fand. Als er wieder nach draußen kam, war ein Hund aufgetaucht, den Jimmy streichelte.
»Goldiges Tier, was?«, fragte er aus der Hocke beim Kraulen des grauen Pitbull-Terriers.
»Ich glaube, das war alles«, meinte Gordon. Er zurrte ihre Beute hinten auf dem Auto fest, ohne Jimmy und dem Hund weitere Beachtung zu schenken. Sein Freund sprach dem Tier unterdessen weiter mit Fistelstimme zu und tätschelte es.
»Lass uns heimfahren, abladen und dann abwägen, ob wir noch eine Tour machen«, schlug Gordon vor, während er ums Fahrzeug ging, damit Jimmy ihn hörte. »vielleicht irgendwohin in der Nähe, bevor es dunkel wird.«
Der Mann war immer noch ins Spielen und Reden mit dem Hund vertieft.
»Hallo-ho!«, raunte Gordon.
»Ja, ja, hab dich schon gehört«, antwortete Jimmy und schob gleich nach: »Denkst du, der ist wem entlaufen?«
»Nein, denke ich nicht. Der stromert nur herum wie wir, aber jetzt lass uns fahren. Wir vergeuden Zeit.«
Jimmy gab dem Tier einen letzten Klaps und küsste es auf den Kopf, ehe er sich hinters Lenkrad setzte. Kaum dass er losgefahren war, setzte sich auch der Hund in Bewegung und lief hinterher, auch als sie geparkten und liegengebliebenen Autos auswichen. Dies dauerte etwa zwei Minuten an, bis Jimmy bremste und ausstieg.
»Was machst du?«, fragte Gordon mit einer Ungeduld, die man ihm ansah.
Jimmy nahm den Pitbull auf den Arm und brachte ihn ins Auto. Er sah zur Seite und grinste Gordon an: »Ich füttere ihn auch, versprochen.«
»Egal, denk einfach daran, dass Hunde unsere Vorräte schröpfen«, erwiderte Gordon kopfschüttelnd.
Der Hund drängte sich an ihn und leckte ihn.
»Ist ein Weibchen. Mason wird sie lieben und außerdem besser mit alledem fertig werden.«
Jimmy drückte den Schaltknüppel wieder nach vorne und fuhr nach Westen, zu ihrem Wohngebiet.
Auf dem Freeway kamen sie wegen des ständigen Slaloms nur langsam voran. Gordon bemerkte, dass es sich bei allen noch funktionierenden Fahrzeugen, die ihnen entgegenkamen, um ältere Modelle handelte. Noch mehr Leute als am Vortag gingen die Highways ab; sie suchten in den liegengebliebenen Autos nach Sachen, die ihnen vielleicht nützlich waren, doch was Gordon nicht begriff, war die Tatsache, dass sie auch Fernseher und Musikanlagen stahlen. Sie waren wohl der Ansicht, diese Dinge seien noch irgendwie brauchbar, statt einzusehen, dass sie nicht das Plastik wert waren, aus dem die Gehäuse bestanden. Die ökonomischen Verhältnisse hatten sich geändert. Jetzt war nur noch kostbar, was den Menschen am Leben hielt. Er fragte sich, was die anderen beiden Teams erreicht hatten. Wenn es Nelson gelungen war, den Wassertank für sie zu sichern, setzte dies dem Tag die Krone auf. Schwierig blieb dann einzig und allein, den Behälter auf Dauer halten zu können, wozu sie zusätzliches Personal und weitere Mittel aufbringen mussten.
Als sie an der Hauptschranke vorfuhren, wurde diese von einem der neuen Wächter hochgezogen, und sie fuhren hindurch. Am Park stießen sie auf eine große Zusammenkunft.
»Was läuft denn hier?«, fragte Jimmy laut.
»Weiß nicht genau. Fahr dort ran.« Gordon zeigte auf eine Stelle neben den Grünflächen.
Ungefähr 50 oder mehr Bürger hatten sich versammelt, und Mindy hielt eine Rede vor ihnen.
»Na toll!«, stieß Gordon sarkastisch aus, als er sie zu Gesicht bekam.
Der Wagen war noch nicht völlig zum Stehen gekommen, da sprang er schon hinaus und stapfte forschen Schrittes auf die Gruppe zu.
»Ich möchte euch allen dafür danken, dass ihr gekommen seid und mir vertraut. Euer Verein wird sich bemühen, eure Lebensqualität zu verbessern und zusehen, dass es in unserer Gemeinde geregelt zugeht«, schwadronierte Mindy. Der Applaus der Menge ging in lautes Getuschel über, als man Gordon bemerkte.
Mindy sah ihn nun auch, nachdem sie sich umgedreht hatte, und grüßte ihn. »Mr. Van Zandt, ich freue mich, Sie zu sehen«, sagte sie mit ausgestreckter Hand.
Gordon schüttelte sie nicht, sondern trat rasch neben Mindy und fragte hastig: »Du machst keinen Ärger, oder?«
»Gordon, ich bin nicht hier, um Unfrieden zu stiften, sondern wollte mich jedem Bürger gegenüber erklären, der etwas wissen möchte. Zunächst ist es mir ein Bedürfnis, mich für meine Worte und Zweifel gestern zu entschuldigen; weiterhin sollst du wissen, dass wir gedenken, mit dir zu kooperieren, damit dieser Wandel reibungslos vonstatten geht.«
Ihn überraschte Mindys Einsicht. Er zögerte, bevor er Antwort gab. »Hör mal, das freut mich jetzt wirklich, danke sehr.«
»Wenn du Zeit hast, kannst du mir zeigen, was du bislang geschafft hast. Können wir dir behilflich sein?«, fragte Mindy.
»Oh, das wäre prima; lass mich vorher noch abladen, was wir heute ergattern konnten, und mit den anderen beiden Suchteams sprechen, okay?«
»Klar, kein Grund zur Eile. Komm einfach später bei uns vorbei«, schloss Mindy mit einem Lächeln.
Gordon war ebenso überrascht wie erleichtert. Noch gestern hatte es so ausgesehen, als sei es ein Problem, die gesamte Gemeinde zusammenzubekommen und verkomplizierte alles noch weiter, wo es ohnehin schwierig genug war. Er schaute Mindy nachdenklich hinterher, die – wie immer – voller Selbstherrlichkeit dahinschritt.
Beim Sonnenuntergang zeigte sich, dass Mutter Natur ihre Schönheit ungeachtet der Bomben, Toten und chaotischen Umstände noch immer hervorzukehren wusste. Gordon fühlte sich klein, im Wissen darum, dass es sie nicht scherte, was die Menschen sich gegenseitig antaten. Die Sonne ging schon seit Jahrmilliarden auf und unter – was sie auch ohne den Menschen weiterhin tun würde.
Gordons Gedanken zerstoben, als er die schlabbrige Zunge von Jimmys Hund auf seiner Hand spürte. Er kauerte nieder und fing an, das Tier zu herzen. »Hey, Mädchen, wie geht's?« Der Hund trug kein Halsband, gehörte aber sicherlich jemandem, denn andernfalls wäre er nicht so zutraulich. Die Hupe des Chevy erinnerte ihn daran, dass es Zeit war, wieder zur Sache zu kommen. Während er zu Jimmy zurückging, hakte er im Kopf alles ab, was an diesem Tag geschehen war: Nahrung? Haben wir. Saatgut? Ebenfalls. Batterien und Werkzeug? Sicher. Bösewichte? Kaltgemacht …
ENDE der Leseprobe
