26. Februar 2015
Jeder Krieg ist auf Täuschung begründet.
Sun-Tsu
Rajneeshpuram, Oregon
Die Nacht war klar, während der helle Halbmond sein Licht auf die Hügel und ins Tal warf. Die Fahrt von ihrem Lager aus zum Versteck für den Humvee hatte fast drei Stunden gedauert. Jones und McCamey genossen einen hervorragenden Ausblick von ihrer Warte. Sollte sich irgendjemand unter Rahabs Männern bewegen, konnten sie ihn ungehindert erschießen.
»Wie geht es dir?«, fragte Gordon Lexi.
»Unter uns gesagt, bin ich ein bisschen nervös.«
»Du musst dich nicht für deine Angst …«, begann Gordon.
Sie würgte ihn ab: »Von Angst war keine Rede, ich sagte nervös. Ich bin nervös, weil ich nicht weiß, was ich mit mir anfangen soll, wenn er tot ist.«
»Ich weiß, was ich tun werde: Ich kehre zu meiner Familie zurück, so schnell ich kann. Was du machst, ist deine Sache.« Damit drehte er sich um und wollte gehen.
»Gordon?«, merkte sie auf.
Er blieb stehen und wandte sich ihr wieder zu. »Ja?«
»Ich glaube nicht, dass ich schon einmal darauf zu sprechen kam, aber das mit deinem Sohn tut mir aufrichtig leid. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man jemanden verliert, der einem nahesteht.« Sie sagte dies mit sanfter Stimme, während sie ihm zärtlich eine Hand auf den Arm legte.
Er öffnete den Mund, um zu antworten, ließ es dann aber doch bleiben. Er wollte einen Scherz machen, sagen, dass sie ihren weichen Kern zeige, aber das hätte nicht zur Situation gepasst. Zudem spürte er, dass ihre Aussage ernst gemeint war. Also entgegnete er nur: »Danke, Lexi. Weißt du was? Insgeheim ahne ich, dass du nicht der Wildfang bist, den du zu sein vorgibst.«
Da lächelte sie. »Mein Geheimnis, aber erzähl es niemandem, okay?«
Er erwiderte ihr Lächeln und versprach: »Ich schweige wie ein Grab.« Dann ging er fort. Als er zu Rubio kam, klopfte er ihm auf den Rücken.
»Ich bin noch nicht dazu gekommen, es zu sagen, aber vielen Dank.«
»Keine Ursache, Van Zandt, für uns sind Sie wie ein Kamerad. Wir sind Brüder und als solche füreinander da, ganz einfach.«
»Meine Rede«, pflichtete Gordon bei. Zuletzt ging er hinüber zu Jones und McCamey. »Alles gut bei Ihnen beiden?«
»Alles bestens«, antwortete der Neuling.
»Auf alles gefasst«, fügte Jones hinzu.
»Bringen wir es hinter uns«, schloss Gordon, bevor er zurück zu seiner Ausrüstung ging und anfing, sich umzuziehen. Nachdem er seine Weste angelegt hatte, griff er zu dem Messer, das ihm Gunny vor seiner Abfahrt gegeben hatte. Er fragte sich, ob es auch zum Einsatz kommen würde.
»Geben wir uns grünes Licht«, wies Rubio an. Alle schalteten ihre Nachtsichtgeräte ein. Rubio, der zwischen Gordon und Lexi stand, gab das Zeichen zum Aufbruch.
Sie gingen langsam den Hang hinunter, wobei sie darauf achteten, nicht auf lockeren Steinbrocken auszurutschen. Sie bewegten sich am Fuß des Hügels entlang, bis sie zum Rand der Straße kamen, die zum Hauptgebäude führte.
Gordon konnte zwei Mann erkennen, die das vordere Tor bewachten. Ansonsten bewegte sich nichts. Er schaute zu Rubio hinunter, der in die Hocke gegangen war, und dann in Lexis Richtung. Sie war verschwunden. Gordon verrenkte sich den Hals, um hinter sich zu schauen – keine Spur von ihr. Endlich erhaschte er einen Blick auf sie, während sie über die Straße schlich. Auch Rubio entdeckte sie, stand rasch auf und schickte sich an, die Straße ebenfalls zu überqueren. Gordon folgte ihm.
Jetzt befanden sie sich auf dem Parkplatz des Hauptgebäudes. Gordon erhob sich, lief ein Stück und ging hinter einem Auto in Position. Zu seiner Rechten sah er Rubio, der sich ebenfalls hinter einen Wagen geduckt hatte.
Der Vordereingang war jetzt nur noch 20 Fuß weit entfernt. Von Lexi sah Gordon nun überhaupt nichts mehr. Darüber ärgerte er sich schwarz. Wie konnte sie nur so leichtsinnig sein und vom Plan abweichen? Sie mochte den gesamten Einsatz gefährden und sie alle in Teufels Küche bringen.
Wie aus dem Nichts kam Bewegung am Tor auf. Als Gordon über den Kofferraum des Autos spähte, sah er Lexi auf die beiden Wachmänner zugehen. Er drückte sich sein Gewehr gegen die Schulter und wollte gerade abdrücken, da fiel ihm etwas ins Auge, was er beileibe nicht zu sehen erwartet hätte: Sie trug nichts außer einem T-Shirt über einem Schlüpfer und einem Werkzeuggürtel, in den sie hinterrücks zwei Messer gesteckt hatte.
Die erste Reaktion der Wachen bestand darin, ihre Gewehre auf Lexi zu richten, doch ihr Verhalten änderte sich, als sie erkannten, dass es sich um eine halbnackte, attraktive junge Frau handelte. Was Gordon sah, was ein Todesengel, der sich eine Extraportion Fleisch genehmigen wollte.
Er machte sich auf alles gefasst und wohnte dem, wie er fand, unmöglichsten Schauspiel bei, das er je erlebt hatte. Auch Rubio beobachtete gebannt, was passierte, und war bereit zum Handeln – je nachdem, wie sie handelte. Er schaute zu Gordon hinüber und hob dabei die Arme – eine Geste, die genau dem entsprach, was auch er dachte: Dieses Mädchen war übergeschnappt.
»Bitte helfen Sie mir«, begann sie ganz leise. Sie blieb etwa zehn Fuß vor den misstrauischen, aber neugierigen Männern stehen.
Die beiden sahen einander an und wussten nicht, was sie machen sollten. Schließlich nahmen sie ihre Waffen herunter und lösten sich vom Eingangstor, um zu ihr zu gehen.
»Unglaublich«, murmelte Gordon bei sich. Er ging in Position, um Lexi beizuspringen, wenn der Zeitpunkt kam.
Die Männer näherten sich und konnten sich auf nichts anderes konzentrieren als die Brustwarzen der Frau, die sich wegen der Kälte hart unter ihrem engen, weißen T-Shirt abzeichneten. Als sie sie erreichten, hängten sie sich ihre Gewehre wieder um und wollten Hand an sie legen. Lexi zögerte keine Sekunde: Sie fasste sich an den Rücken, zog beide Messer und stach flink wie eine Viper zu. Das Messer in ihrer rechten Hand bohrte sich in die Schläfe des einen Wächters, das in der linken rammte sie dem anderen unters Kinn und bis ins Gehirn. Nachdem sie beide Klingen im Uhrzeigersinn gedreht hatte, zog sie sie heraus. Die Männer brachen tot zusammen.
Gordon traute seinen Augen nicht. Sie hatte mit einem Täuschungsmanöver erreicht, wozu er rohe Gewalt angewandt hätte. Gemeinsam mit Rubio lief er zum Tor. Der Corporal drehte am Knauf, doch es war verschlossen. Als könne sie seine Gedanken lesen, kam Lexi mit einem Schlüsselbund und sperrte auf. Es schien sie zu amüsieren, dass sie gerade zwei Männer verblüfft hatte, die davon ausgegangen waren, schon alles gesehen zu haben.
»Wartet hier, bin gleich zurück«, flüsterte sie ihnen zu und verschwand so rasch, wie sie gekommen war.
»Was zum Henker war das?«, wisperte Rubio.
»Und es gibt immer noch Typen, die sich gegen Wehrdienst für Frauen aussprechen«, frotzelte Gordon.
Als Lexi hastig zurückkehrte, hatte sie ihre Ausrüstung dabei und wieder alle Kleider an. »Packen wir’s, Männer.«
Gordon öffnete das Tor, sie und Rubio folgten ihm hinein. Lexi übernahm die linke, der Corporal die rechte Flanke. Sie kannten den Gebäudeplan zwar nicht, gingen aber anhand der Anlage des Lagers in der Wüste davon aus, dass Rahab sich im Obergeschoss aufhielt.
Sie fanden sich in einem großen Raum wieder. Auf der rechten Seite stand eine lange Theke, der hintere Bereich war mit kleinen Tischen und Stühlen zugestellt. Wie es aussah, handelte es sich um ein ehemaliges Hotel, also nicht unbedingt eine typische Kirche der »religiösen Bewegung aus Indien«, die John, der Besitzer des The Mohawk, erwähnt hatte.
Auf einmal ging eine Tür links neben dem Empfangstisch auf. Alle drei hielten inne, drehten sich um und legten an.
Ein kleines Mädchen kam durch die Tür und rieb sich die Augen. Es hielt eine Taschenlampe in der Hand, ging nach hinten weiter an den Tischen vorbei und öffnete eine andere Tür.
Lexi huschte zu jener, durch die das Kind gekommen war. Die beiden Männer folgten ihr automatisch. Sie bauten sich an der Wand daneben auf, Lexi zuerst. Sie packte den Knauf, drehte ihn um und öffnete langsam. Gleichzeitig löste sich Gordon von der Mauer und schaute verstohlen um die Ecke. Er betrat einen dunklen, leeren Flur. Links gab es eine weitere Tür mit einem Schild, auf dem TREPPE stand. Gordon wollte zu ihr gehen, erstarrte aber, als sie sich öffnete. Ein großer Mann im Pyjama kam zum Vorschein, drehte sich gleich nach rechts um und ging zügig den Flur hinunter. Gordons Herzschlag beschleunigte, als er leise nachsetzte. Er ließ das Gewehr seitlich an seinem Zweipunktgurt hängen und zog stattdessen Smiths Messer. Indem er dem Mann mit einer Hand den Mund zuhielt, stieß er ihm die Klinge mit einem Ruck von unten nach oben in den Hals. Blut spritzte aus der Wunde, ergoss sich an beiden Wänden und in Gordons Gesicht. Er spürte, wie der Mann sein Leben ließ, als er ermattete. Dann stemmte er sich gegen sein Gewicht und ließ ihn sachte zu Boden sacken. Zuletzt atmete er erleichtert auf.
Rubio schloss zu Gordon auf und tippte auf seine Schulter, um ihm zu verstehen zu geben, er werde an ihm vorbei und die Stufen hinaufgehen. Lexi folgte dicht hinter ihm und verschwand im Dunkel des Treppenhauses.
Gordon fuhr sich durchs Gesicht und spuckte ein paar Mal, um den metallischen Geschmack des Blutes seines Opfers loszuwerden. Er war zwar nicht zimperlich, musste aber stark an sich halten, um nicht zu würgen. Das Blut in seinem Mund brachte ihn an seine Grenzen.
Plötzlich ging die Tür hinter ihm wieder auf, und das kleine Mädchen, das sie gerade eben gesehen hatten, trat mit einem Glas Wasser in der Hand auf den Flur. Gordon verkrampfte; er konnte nicht schnell genug laufen oder sich verbergen.
Das Kind blieb sofort stehen, als es ihn dort ausharren sah. Seine Anwesenheit verstörte es so sehr, dass es das Glas fallen ließ und ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht leuchtete. Das Licht traf aufs Visier des Nachtsichtgeräts und blendete ihn vorübergehend. »Argh!«, schrie er auf und zog es sich vom Kopf. Das Mädchen – es war wohl nicht älter als acht – schrie ebenfalls. Gordon fuhr herum, lief zur Treppe und begann den Aufstieg im Dunkeln.
Lexi und Rubio hielten beide inne, als sie den Schrei der Kleinen hörten. Sekunden später drängte Gordon auf den Stufen an ihnen vorbei und erreichte das Obergeschoss zuerst. Sie eilten ihm nach.
»Okay Lexi, so machen wir Marines das!«, verkündete Rubio aufgeregt, zog eine Granate von seiner Weste und hielt sie hoch. Mit der Heimlichkeit war es jetzt vorbei; nun galt es, Dinge kaputtzuschlagen und in die Luft zu sprengen.
Gordon hielt aber die Hand des Corporals fest und sagte: »Rubio, das geht nicht; hier sind Kinder. Wir brauchen einen neuen Plan. Ich gehe links, Sie rechts. Lexi, du gehst … ach, wohin auch immer.«
Das Mädchen im Erdgeschoss zeterte und kreischte immer noch. Rufe und hastiges Trappeln von Erwachsenen machten ihnen bewusst, dass sie sich früher als gedacht dem Kampf stellen mussten. Sobald sie die Tür zum Obergeschoss öffneten, war alles möglich. Sie wussten nicht, was sie dahinter erwartete.
Gordon legte Lexi eine Hand auf die Schulter und raunte: »Jetzt gilt es, ich öffne die Tür auf drei. Eins, zwei …«
Willard Bay Reservoir, Utah
»Dein verfluchter Onkel muss all den Menschen auf seinem Amateurfunkkanal Bescheid gegeben haben«, schimpfte Sebastian, als er den Zettel zerknüllte, den Samuel ihm gegeben hatte. Die erste Gruppe, zu der sie in Ogden gefahren waren, hatte sie noch im Näherkommen abgewiesen. Sebastian hatte versucht, sie umzustimmen, doch es war schwierig, Gespräche zu führen, wenn ihm sein Gegenüber eine Flinte vors Gesicht hielt.
»Du weißt nicht, ob Onkel Samuel Schuld daran trägt«, hielt Annaliese dagegen.
»Dann muss es wohl reiner Zufall sein«, erwiderte Sebastian zynisch. Er rieb sein Bein. Die Heilung verlief glatt, doch der Stress verursachte ihm Schmerzen. Die Spannung zwischen den beiden drohte zu eskalieren. Obwohl Annaliese ihm vergeben hatte, war sie aufgrund ihrer Müdigkeit gereizt, und dass sich Brandon immer noch unmöglich benahm, war nicht gerade hilfreich.
Da es Sebastian nach der Konfrontation in Ogden nicht gelungen war, einen warmen, sicheren Platz zum Schlafen zu finden, hatte er die Straße in Richtung Nordseite des Willard Bay Reservoir verlassen, wo sie auf einen abgeschiedenen Platz gestoßen waren, auf dem sie rasten konnten. Er war mehr als nur enttäuscht darüber, wie diese Reise verlief. Sie entsprach nicht der unbeschwerten, zügigen Fahrt, die er sich ausgemalt hatte. Er wusste, dass es zum Teil an ihm selbst lag, was ihn umso wütender machte. Hätte er Samuel nicht geschlagen, wären sie jetzt wenigstens irgendwo im Warmen untergekommen.
»Brandon, Luke, packt euer Zelt zusammen. Wir müssen weiterfahren!«, befahl er den Jungen. Sie vertrieben sich die Zeit damit, Steine ins Wasser zu werfen.
Brandon murrte wie nicht anders zu erwarten. Luke stand indes sofort auf, klopfte seine Hose ab und ging hinüber zum Zelt.
»Komm, Brandon, du musst mir helfen«, bat er.
»Moment, ich muss mal; bin gleich wieder da.«
Luke verdrehte die Augen und fing an, das Zelt abzubauen. Auch er wurde Brandon und dessen Launen leid. Er war häufig versucht, ihm etwas mit Worten entgegenzusetzen, kniff aber stets kurz vorher, weil Brandon ihn einschüchterte.
Als Sebastian alles weitere eingeladen hatte, sah er Luke allein im Ford sitzen.
»Wo ist dein Kumpel?«, fragte er.
»Weiß nicht«, antwortete der Knabe mürrisch. »Er ist nicht mehr zurückgekommen, um mir zu helfen, nachdem er gemeint hat, mal zu „müssen“.«
Sebastians Miene verfinsterte sich. »Warum hast du nichts gesagt?«, rügte er Luke.
»Geh ihn suchen, Sebastian«, verlangte Annaliese.
Da schaute er auch sie böse an und entgegnete: »Weißt du noch, was er gestern getan hat? Wir haben keine Zeit für seine Faxen.« Er schnaubte, sprang dennoch aus dem Wagen und ging dorthin, wo Brandon zuvor verschwunden war.
Das Gelände war weitgehend flach und nicht bewaldet; es sollte keine Mühe bereiten, den Jungen zu finden. Er ging am Ufer entlang, wobei er ein paar Gebäude sah, die zum Nationalpark gehörten.
»Wo steckt er nur?«, fragte er sich.
Aus einem der Häuser, an denen er vorbeigekommen war, drang ein Schrei, der sich nach Brandon anhörte.
Sebastian wusste nicht, ob er sich Sorgen machen oder glauben sollte, der Junge spiele ihm wieder einen Streich, aber sicher war sicher. Er ignorierte sein Bein und eilte mit gezogener Pistole los. Als er die Tür des Gebäudes eintrat, hörte er, wie der Hinterausgang zugeschlagen wurde. Dann sah er Brandon mit heruntergelassener Hose am Boden. Er hatte mehrere Schnittwunden im Gesicht. Sebastian lief zu ihm und fragte: »Verdammt, Brandon, alles in Ordnung?«
Der Junge setzte sich hin. Seine Nase blutete, und seine Lippen waren aufgeplatzt. »Ja.«
Sebastian half ihm auf und fragte weiter: »Was ist passiert?«
Brandon riss sich von ihm los und antwortete: »Nichts, vergiss es.« Damit zog er seine Hose hoch und wischte sich das Blut aus dem Gesicht.
»Hör auf, was ist passiert?«
»Ich wollte ein größeres Geschäft machen und meine Ruhe haben, also kam ich hierher. Ich weiß nur noch, dass sich irgendein krankes Schwein auf mich gestürzt hat, als ich gerade loslegen wollte, das ist alles.«
»Tut dir etwas weh?«, beharrte Sebastian.
»Nein, gar nicht. Falls du jetzt fragen willst, ob er mich in den Arsch gefickt hat: nein. Ich habe mich gewehrt, und jetzt lass mich in Ruhe!« Den letzten Satz brüllte er, dann stürmte er hinaus.
Sebastian suchte die nähere Umgebung nach dem Unbekannten ab, der sich an Brandon vergriffen hatte, fand aber keine Spur, die auf den Verbleib dieser Person hingedeutet hätte. Weil er ihre Reise nicht noch weiter verzögern wollte und wusste, dass der Junge in Sicherheit war, kehrte er zum Wagen zurück. Es war noch nicht einmal Mittag, und er fühlte sich schon erschöpft. Auf sich selbst und seine Frau aufzupassen, erwies sich schon als schwierig genug, doch die Quasi-Vaterrolle, die er darüber hinaus besetzen musste, zehrte ihn aus. Sein Leben als Scharfschütze bei den Marines war um so vieles leichter gewesen.
Cheyenne, Wyoming
Weder Conner noch Baxter hatten irgendetwas mit Hinblick auf Cruz unternommen. Barone hielt ihn schon wochenlang gefangen und ließ nichts über sein Befinden hören.
All dies gehörte zu Conners Strategie, der typischen Doktrin, welcher er in der Vergangenheit gefolgt war: Keine Verhandlungen mit Terroristen. Der Präsident ging davon aus, dass Barone Cruz würdevoll behandelte und weder ihm noch seinen Angehörigen etwas antun würde. Er dachte, der Colonel verfolge die Absicht, die Geisel als Druckmittel gegen die Regierung einsetzen, sie im Gegenzug für irgendetwas freilassen. Conner wollte ihn ein wenig schmoren und glauben lassen, sein Plan gehe nicht auf, doch jetzt war es an der Zeit, wieder Kontakt herzustellen.
Alles lief bestens in Cheyenne – so gut, dass der Präsident den meisten Reservisten im Bunker befohlen hatte, mit ihm abzurücken. Er zeigte sich schwer beeindruckt davon, wie der Gouverneur und die Kommandierenden des Luftwaffenstützpunkts Francis E. Warren verhindert hatten, dass im Volk Chaos ausbrach. Conner war mühelos zurück in seine Führungsrolle geschlüpft und konnte jetzt mit einem vollzähligen Stab, der ihm gehorchte, einen Teil seiner Aufmerksamkeit auf Barone sowie das panamerikanische Imperium lenken. Der Bericht, der ihm am Vortag zugegangen war, hatte ihn verstört. Er wollte sich sofort darum kümmern, nicht zuletzt weil die Vorfälle nach der ersten ernstlichen Bedrohung durch diese Streitmacht aussahen.
Seiner beschränkten militärischen Mittel war sich der Präsident im vollen Umfang bewusst. Die amphibische Einheit des Marinekorps, die an der Ostküste stationiert gewesen war, lag nun im Hafen von Houston. Sein Verhältnis zur Republik von Texas im Rahmen ihrer Allianz war gut, weshalb er seine Männer nicht von dort abziehen wollte. Hawaii hatte es nicht geschafft, sich die Treue aller Militäreinheiten zu sichern, die dort stationiert waren. Dies enttäuschte ihn, doch um sich dieses Problems jetzt anzunehmen, fehlten sowohl Zeit als auch Kapazitäten. In der Zwischenzeit hatte das Dritte Marineregiment auf Oahu Schiffe bemannt und sich auf den Weg nach Portland gemacht, war jedoch nach Cruz’ Gefangennahme auf Befehl gestoppt worden. Seitdem trieb es vor der Küste des Staates Washington.
Die Armee des panamerikanischen Imperiums war beachtenswert, und Conner benötigte so viele Truppen wie möglich, um gegen sie aufzulaufen. Selbst unter Berücksichtigung der vereinten Kräfte der amphibischen Einheit und des Dritten Marineregiments brauchte er mehr. Was einen Durchbruch in dieser Hinsicht betraf, so mochten Barones Streitkräfte das Zünglein an der Waage sein.
»Dylan, kommen Sie bitte herein«, befahl Conner.
Unter dem Präsidenten hatte auch er seine Arbeit wieder aufgenommen und fungierte nun als Stabschef. Obwohl er noch relativ jung und unerfahren war, schenkte ihm Conner volles Vertrauen. Was ihm an Weisheit fehlte, wog er durch Loyalität auf.
Dylan kam mit einem Notizblock bewaffnet herein und setzte sich. Der Präsident lehnte sich in seinem Sessel zurück und diktierte eine Liste von Aufgaben, die es zu erledigen galt. Dylan schrieb eifrig mit, während ihm Conner nacheinander alle Punkte vorbetete.
»Das wäre dann alles, doch bevor Sie wieder gehen: Das Wichtigste habe ich bis zuletzt aufgespart. Setzen Sie sich mit General Baxter in Verbindung. Er soll Barone kontaktieren, in welchem kleinen Loch er sich auch verstecken mag. Ich muss mit ihm über Cruz sprechen. Es ist an der Zeit, dass wir verhandeln.»
Dylan hörte zu schreiben auf und schaute auf.
»Das hat Sie hellhörig gemacht, was?«, fragte Conner im Scherz.
»Ja, denn ich habe erst heute Morgen an den Vizepräsidenten gedacht, und jetzt erwähnen Sie ihn zufällig.«
»Ich denke jeden Tag an ihn, nur konnte ich bislang nichts für ihn tun, solange die Situation nicht zur Gänze ausgewertet war und mir nicht einfiel, wie ich auf angemessene Weise mit Barone umgehen sollte. Jetzt glaube ich aber, dass ich ein Abkommen vorschlagen kann, das ihm die Freiheit schenkt.«
»Das hoffe ich«, entgegnete Dylan.
»Das ist jetzt wirklich alles, also los – oh, und bitte rufen Sie General Vincent von Warren an; wir müssen den Status unserer Atomraketen besprechen.« Deren Erwähnung ließ Dylan wieder innehalten.
Conner bemerkte es und kicherte. »Keine Bange, ich habe nicht vor, irgendjemanden zurück in die Steinzeit zu bomben. Mir fehlt bislang einfach ein genaues Bild davon, wie die Waffen instandgehalten werden. Wir hatten bereits Schwierigkeiten mit einigen unserer Kernkraftwerke, und ich brauche keine Atomkatastrophe in meinem eigenen Vorgarten.«
Dylan atmete hörbar auf und gab sich mit dieser Erklärung zufrieden. »Klingt prima, Sir«, sagte er, stand auf und verließ den Raum.
Als er die Tür schloss, drehte sich Conner mit seinem Sessel um und schaute aus dem Fenster. Er begann, mit den Fingern auf der Armlehne zu trommeln, wobei ihn das Klicken seines Rings störte. Er betrachtete den Goldschmuck, das Symbol der Verbindung, auf die Julia ihr Leben gesetzt hatte. Hätte sie einen Tag länger ausgehalten, wäre sie noch am Leben. Frustriert zog und drehte er an dem Ring, bis er ihn von seinem geschwollenen Finger herunter hatte, und hielt ihn in der hohlen Hand. Er wollte dieses düstere Andenken nicht mehr länger tragen. »Adieu, Julia«, sagte er, legte ihn in eine Schublade und schloss sie.
Eagle, Idaho
Die Region stand schon seit Tagen unter dem Einfluss eines Hochdruckgebiets. Damit einher ging eine bittere Kälte, aber zum Glück kein neuer Niederschlag. Dies vereinfachte die Rückverfolgung von Raymonds Spuren, die am Boden eingeprägt blieben wie fossile Saurierspuren. Für Nelson, Mack und Welk waren sie eine praktische Hilfe, um zu bestimmen, woher die Gruppe um Biggs gekommen war.
Die Abdrücke im Eis führten von der Terrasse hinterm Haus nach Norden. Schon nach 30 Fuß machten die drei eine bedenkliche Entdeckung: eine große, festgetretene Fläche hinter einer Kiefer.
»Seht euch das an«, bemerkte Mack und zeigte darauf.
»Tja, sieht so aus, als hätte sich unser Freund hier einen Ausguck eingerichtet«, entgegnete Scott.
»Dieser Perverse stellte Samantha nach«, fügte Nelson mit hörbarem Groll hinzu. »Er spannte durch ihr Schlafzimmerfenster, jede Wette.« Allein der Gedanke daran, dass dieser Mann nur wenige Yards von ihrem Haus entfernt kampiert hatte, bereitete ihm Unwohlsein, obwohl der Kerl tot war.
Sie gingen weiter. Wie weit der Weg war, den Raymond zurückgelegt hatte, ließ sich nicht abschätzen, und sie wollten zurück sein, bevor es dunkel wurde. Die Gemeinde war in ihrer Abwesenheit angreifbar, doch dieses Risiko einzugehen, hielt Nelson für vertretbar. Er nahm Scott und Mack nur deshalb mit, weil er glaubte, sie müssten mit eigenen Augen sehen, was eventuell auf sie zukam.
Beim Auf und Ab inmitten der Hügel fingen die Männer nach einiger Zeit an, sich zu beschweren.
»Mein lieber Schwan, diese Schnapsdrossel ist so weit gegangen, nur um ein bisschen Fleischbeschau zu machen?«, keuchte Mack und beugte sich vornüber.
Nelson stimmte mit ein: »Vor der Apokalypse war ich fitter.«
»Also das hier ist besseres Training, als ich es jemals vor der Apokalypse hatte, puh!« Er atmete stoßartig aus.
»Sieh dich an, Scott«, bedeutete Nelson. »Dampfe ich auch?«
»Jawohl, Sir, das tust du«, antwortete Welk. Mack machte den Mund auf, um einen weiteren Witz zu reißen, schwieg aber, als sie die Spitze der Anhöhe erreichten.
»Männer, das könnte es sein«, sagte er und ging auf dem hart gefrorenen Boden in die Hocke. Scott und Nelson joggten die letzten paar Yards und krochen neben Mack nach oben. Nelson nahm seinen Feldstecher heraus und begann, eine kleine Gruppe von Gebäuden auszuspähen: Ungefähr eine halbe Meile den Hügel hinunter stand ein großes Haus mit mehreren Schuppen und einer einfachen mobilen Wohneinheit.
»Ist es das?«, fragte Scott.
Nelson entdeckte die Spuren mit dem Fernglas und verfolgte sie bis zur Tür des Hauses. »Ich würde sagen, ja. Die Abdrücke beginnen vor dem Haus.«
Mack gab das Glas an Welk weiter. »Viel scheinen die nicht zu haben. Wir sollten uns keine Sorgen ihretwegen machen.«
»Wir wissen das aber nicht sicher. Verschaffen wir uns einen Überblick«, schlug Nelson vor. »Vielleicht gibt uns irgendetwas einen Hinweis.«
»Seht mal, da kommt jemand aus dem Trailer«, bemerkte Mack.
Die vordere Tür der alten Wohneinheit ging auf. Einer der struppigen Männer von neulich trat heraus. Sein Gang ließ eindeutig erkennen, dass er betrunken war. Er rutschte im Schnee aus und fiel seitlich auf sein Becken, wobei er irgendetwas Unverständliches brüllte. Nachdem er sich aufgerafft hatte, zeigte er dem Mobil einen ausgestreckten Mittelfinger.
Dann öffnete sich die Tür wieder, und eine Frau, die nichts trug außer einem Handtuch, warf ihm eine Jacke hinterher. Auch sie grölte irgendetwas, bevor sie die Tür zuknallte. Der Mann hob seine Jacke auf, schlurfte an die Seite der Einheit und zog seinen Hosenlatz auf, um gegen die Wand zu pinkeln.
»Braucht man da noch Fernsehen?«, witzelte Mack. »Das ähnelt stark den Realityshows, die wir immer vorgesetzt bekamen.«
Die Frau erschien noch einmal in der Tür, bewarf den Mann aber jetzt, wie es aussah, mit leeren Bierflaschen. Die beiden wechselten laute Worte, bevor sie die Tür abermals zuknallte. Er stolperte zum Haus und klopfte. Truman öffnete sie einen Spaltbreit. Die beiden redeten nur kurz miteinander, bevor die Tür zur Gänze aufging und der andere Mann hineingelassen wurde.
»Nelson, diese Personen wirken auf mich nicht unbedingt bedrohlich, sondern vielmehr wie eine Bande Alkoholiker«, unterstellte Scott.
»Womöglich hast du Recht«, erwiderte Nelson. Er ließ seinen Blick über das Gelände schweifen und sah mehrere Pickups, die jedoch schon monatelang dort zu stehen schienen, den Massen von Müll und Schnee nach urteilen, mit denen sie bedeckt waren. Wie es aussah, besaß dieser Haufen, abgesehen von den eigenen Füßen, keine Fortbewegungsmittel.
»Also, ich habe genug gesehen«; verkündete Scott und zog sich von der Hügelkuppe zurück.
Mack schloss sich sofort an. »Kommst du?«, fragte er Nelson.
»Geht schon mal vor, ich bleibe noch eine Weile und vergewissere mich, dass wir nichts übersehen haben.«
»Tu dir keinen Zwang an«, sagte Mack, »aber pass auf dich auf, ja?« Daraufhin stieg er mit Scott hinunter und war bald verschwunden. Nelson fröstelte mittlerweile. Er mochte den Winter in Idaho nicht, weder seine niedrigen Temperaturen noch die sehr kurzen Tage. Die Sonne neigte sich schon dem Horizont im Westen zu, obwohl es erst kurz nach 15 Uhr war. Die gefrorene Erde entzog ihm selbst den letzten Rest Körperwärme, und seine feuchten Klamotten fingen ebenfalls an, steif zu werden. Aber er konnte jetzt noch nicht weg, denn er wurde das Gefühl nicht los, dass mehr hinter dieser Gruppe steckte, etwas Heimtückischeres. Biggs’ Worte hallten unangenehm in Nelsons Gedächtnis wider; sie muteten eher wie eine Ansage zur Rache an, nicht wie die hohle Drohung, von der Mack und Scott ausgingen. Nachts fand er keine Ruhe im Wissen darum, dass dieses Völkchen hier hauste, also wollte er so viele Informationen sammeln wie möglich. Unglücklicherweise geschah selbst während der zusätzlichen Zeit, die er sich nahm, nichts Erhebliches. Er sah Bewegungen in dem Haus, aber die sagten nicht viel aus. Er harrte aus, bis er nicht mehr konnte und zu zittern anfing. Da wusste er, dass es Zeit zum Aufbruch war. Er rutschte vorsichtig den Hang hinunter, stand auf und machte sich auf den Rückweg, der lang genug war, um ihm Zeit zum Grübeln zu geben. Wenn die Gruppe keine funktionierenden Fahrzeuge besaß, waren ihrer Reichweite alsbald Grenzen gesetzt, und ihr würden die Vorräte ausgehen. An Trumans Stelle hätte er Eagle’s Nest für eine praktische Anlaufstelle gehalten, um aufzustocken und ein, zwei Autos zu stehlen. Nelson glaubte, die anderen auf dieser Schiene davon überzeugen zu können, dass sie angreifen mussten. In seinen Augen war Vorsicht, was dies anbelangte, besser als Nachsicht.
Je länger er unterwegs war, desto kälter wurde ihm, und er befürchtete, er leide unter den ersten Anzeichen einer Unterkühlung. Er versuchte, sich mit seinen Gedanken über einen potenziellen Angriff beschäftigt zu halten.
Irgendwann, als er sich tief in die logistischen Aspekte seines Plans verstrickt hatte, musste er laut lachen. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, wie befremdlich jetzt alles war. Hätte er eine Zeitmaschine besessen und sich nur um ein paar Monate zurückversetzt, um sich selbst zu erzählen, er lebe bald in Idaho, passe auf Frau und Kind seines besten Freundes auf beziehungsweise werde bald einen Angriff leiten in der Absicht, andere Menschen zu töten, wäre er geneigt gewesen, sich selbst den Laufpass zu geben. Verdammt, wäre er durch die Zeit gereist, hätte er sein zukünftiges Selbst wahrscheinlich sogar verprügelt, weil er es wegen seines zerzausten Haars und unrasierten Gesichts für einen bescheuerten Penner gehalten hätte.
Er blieb auf der Erhebung stehen, wo Raymond seiner voyeuristischen Ader nachgehangen und Samantha beobachtet hatte. Von dort aus war die Aussicht auf ihr Haus wirklich perfekt, und die Vorstellung, wie der Kerl gegafft hatte, schürte Nelsons Zorn von neuem. Er dachte an Gordon und wie er reagieren würde, wüsste er von irgendeinem Typen, der seine Frau so mit den Augen auszog. Daraufhin musste er wieder lachen; er kannte Gordon und wusste genau, dass der ein solches Verhalten nicht dulden würde, um es zurückhaltend auszudrücken.
Die Terrassentür des Hauses ging auf und wieder zu, das Geräusch echote durchs Tal. Er beobachtete, wie die kleine Haley vor Samantha herlief. Es war Zeit, Macintosh zu füttern. Er schmunzelte, als er die beiden zusammen sah. Dass sie ihre Beziehung langsam wieder kitteten, war ersichtlich, denn Sam zeigte sich viel liebevoller und achtsam. Der Überfall hatte sie auf den Boden zurückgeholt und ihr ihre Pflichten bewusst gemacht.
Er war unsicher, was sie zu seinem Plan sagen würde. Solange er noch kein Gespür dafür entwickelt hatte, wie die anderen reagieren mochten, hielt er es für besser, kein Wort darüber zu verlieren. Auf dem Weg zum warmen Haus schwirrte ihm der Kopf.
Rajneeshpuram, Oregon
Gordon war nur ein paar Schritte über den Flur gegangen, als er stehenblieb, um jeden Erwachsenen zu erschießen, der sich zeigte. Wenn er sich nicht verzählte, hatte er schon fünf getötet. Hinter ihm war auch Rubio in einen Schusswechsel mit zahlreichen Zielen geraten. Lexi unterdessen hatte sich ihm gegenüber im Flur hingekniet, doch so schnell, wie Gordon sein Gewehr hantierte, ließ er ihr nur wenige Möglichkeiten.
Er wusste nicht genau, wen er bislang umgebracht hatte. Obwohl es sein Wunsch war, Rahabs Leben mit Gunnys Messer zu nehmen, relativierte die tatsächliche Situation diese Fantasie: Falls der Kerl eine Kugel fing, sollte es eben so sein. Es war besser, ihn tot zu sehen, als sich gegnerischem Kugelhagel auszusetzen.
Gordon brauchte ein paar Minuten, bis ihm etwas auffiel: Niemand achtete auf die Tür zum Treppenhaus. Scheiße, dachte er. Derlei Flüchtigkeitsfehler durften sie sich nicht erlauben, nicht in einer solchen Unterzahl.
»Ich will, dass du die Tür zur Treppe im Auge behältst!«, rief er Lexi zu.
»Nein, mach du das, lass mich auch zum Zug kommen!«, erwiderte sie.
»Verdammt, Rubio! Kommen Sie, und passen Sie auf die Tür auf.«
Der Corporal hörte ihn und gehorchte. Er bewegte sich rückwärts zur Tür, bis er Treppe und Flur abdeckte.
»Wir nehmen uns ein Zimmer nach dem anderen vor!«, zischte Gordon.
Lexi nahm es zur Kenntnis, begann aber eigenmächtig. Sie ging zur erstbesten Tür und trat dagegen. Das Holz gab nicht nach, also versuchte sie es noch einmal, immer noch vergebens. Sie setzte wiederholt an, doch die Tür wollte nicht aufspringen. Lexi schrie verärgert auf. Gordon sprang zu ihr und wollte gerade treten, aber bevor er dazu kam, schlugen mehrere Kugeln durch die Tür. Eine traf das Fleisch seines linken Oberschenkels und trat hinten wieder aus. Er brüllte vor Schmerz. Lexi erwiderte das Feuer, bis sie ein volles Magazin mit 30 Patronen in den Raum geleert hatte. Drinnen herrschte Stille.
»Scheiße, tut das weh!«, stöhnte Gordon laut. Er spürte warmes Blut, das an seinem Bein hinunterlief. Die Wunde war nicht lebensbedrohlich, das wusste er, aber die Schmerzen brachten ihn an seine Grenzen.
»Geht’s?«, fragte Lexi.
»So läuft das nicht, das sind bestimmt drei Dutzend Zimmer insgesamt hier oben. Irgendwann muss seine Verstärkung aufkreuzen.«
»Vorschläge?«
»Wir brauchen jemanden, der uns sagt, wo er steckt. Ich hätte mir das Mädchen schnappen sollen, Mann.«
Lexi zauderte nicht; sie ging von ihm fort zur Tür nach unten, öffnete sie und verschwand.
»Rubio, wie viel Munition haben Sie noch?«, fragte Gordon.
»Genug, acht weitere Magazine. Sie?«
»In etwa genauso viel«, antwortete er heiser. Er verzog das Gesicht wegen der Verletzung.
»Kommen Sie klar, Kumpel?«, hakte der Corporal nach.
»Klappt schon«, versicherte Gordon.
Die beiden standen schussbereit auf dem Flur, doch Minuten vergingen, ohne dass sich jemand blickenließ. »Wo sind die alle hin?«, wisperte Rubio.
Die Männer standen Rücken an Rücken und warteten darauf, dass irgendjemand in ihre Schusslinie trat.
»Sind Sie sicher, dass er hier oben ist?«, fragte der Corporal.
»Nein, bin ich nicht, aber sollte sein Verhalten in der Vergangenheit einen Anhaltspunkt für die Gegenwart geben, dürfen wir uns darauf verlassen, dass er hier steckt.«
»Na großartig!«, ächzte Rubio.
»Corporal, fällt Ihnen ein Ort ein, an dem Sie gerade lieber wären?«, feixte Gordon.
Rubio erwiderte mit schiefem Grinsen: »Äh, nein. Außerdem macht es immer Laune, böse Jungs zu erschießen.«
Die Tür zur Treppe flog auf, und Lexi erschien mit dem kleinen Mädchen. Sie hatte es am Kragen gepackt. »Wo ist sein Zimmer?«
Das Kind war so verängstigt, dass es Schwierigkeiten damit hatte, gleichmäßig Luft zu holen.
»Wo ist er?«, gellte Lexi.
Die Kleine zuckte zusammen, antwortete aber endlich. Sie zeigte auf dem Flur geradeaus und dann nach links. »D-d-die ganz hinten«, stotterte sie kaum lauter als ein Flüstern.
Gordon ging zu den beiden, tätschelte den Kopf des Mädchens. »Danke dir.«
Er hatte ein schlechtes Gewissen dabei, ein Kind – zumal es ungefähr im gleichen Alter war wie seine Tochter – in diese Gräuel hineinzuziehen, aber im Angesicht der Lage mussten sie alles tun, was in ihrer Macht stand, um ihr Ziel zu erreichen.
Lexi ließ ruckartig von dem Mädchen ab, woraufhin es losrannte und wieder über die Treppe verschwand.
»In Reihe weiter«, ordnete Gordon an. Er selbst übernahm die Spitze, Lexi folgte ihm, und Rubio bildete die Nachhut.
Draußen knatterten jetzt Automatikpistolen. Dies konnte nur bedeuten, dass Rahabs andere Streitkräfte kamen.
Die drei gingen zügig den Flur entlang und nahmen Position an der gezeigten Tür ein.
Rubio kniete sich vor den Knauf und brachte einen kleinen Sprengkörper an. Explodierte dieser, würden Schloss und Bolzen abreißen, und die Tür war offen.
»Fertig«, wisperte er.
Gordon und Lexi stellten sich mit den Rücken an die Wand. Sie warteten angespannt darauf, dass der Corporal die Zündung ankündigte. All die Alpträume und täglichen Gedanken an ihre ermordeten Angehörigen liefen jetzt gleich auf diese letzte Begegnung mit dem Mann hinaus, der die beiden zusammengeführt hatte. Rahabs Klüngel hatte viele Leben zerstört sowie jene von Gordon und Lexi unwiderruflich verändert. Selbst nachdem all dies vorbei war, würden sich die Folgen dessen, was er ihnen angetan hatte, auch auf den Rest ihres Lebens niederschlagen.
Im Augenblick vor der Explosion hörte Gordon zwar, wie ihm das Blut durch die Adern rauschte, doch fand er zu einer Art innerer Ruhe. Er warf Lexi einen Blick zu, die sich verbissen auf den Türgriff konzentrierte, als könne sie ihn allein dadurch öffnen, indem sie ihn anstarrte.
Zum ersten Mal fürchtete sie sich. Dies war der Moment, auf den sie gewartet, von dem sie geträumt hatte, und jetzt in diesem Augenblick, vor dieser Tür, von der sie nicht wusste, was sich dahinter abspielte, nahm die Angst sie in Beschlag.
»Eins, zwei, drei, Lunte brennt!«, rief Rubio endlich. Der Sprengsatz ließ ein Loch im Holz zurück, wo Schloss und Riegel eingebaut gewesen waren. Gordon trat vor und gegen die Tür. Dahinter lag dem Anschein nach eine Zimmerflucht. Als erstes gelangten sie in einen Wohnraum; Sofas und Polstersessel bestimmten die Einrichtung.
»Links!«, gab Gordon den anderen als die Richtung vor, in die er sich bewegte. Rubio schlug die entgegengesetzte ein. Aus einem Nebenzimmer kam starren Blickes eine Frau gelaufen und stürzte mit einem Messer in den Händen auf Gordon zu. Er platzierte den Ziellaser auf ihrer Brust und drückte zweimal ab. Sie krachte in die Glasplatte eines Couchtischs. Die benachbarten Räume dieses großen Quadrats lagen jeweils rechts und links. Dort hörte er Kinder weinen und jammern.
»Raum links, gehe rein!«, rief Gordon.
»Raum rechts!«, erwiderte Rubio darauf.
Gordon ging um die Ecke, und als er das Zimmer einsehen konnte, stand Rahab dort.
»Er ist hier, ich hab ihn!« Auf seine Worte hin kam Lexi von hinten gelaufen.
Rahab streckte seine Arme weit nach den Seiten aus. Ungefähr ein Dutzend Kinder scharten sich zu seinen Füßen. Er schaute auf, murmelte etwas und schien sie gar nicht zu bemerken; es war, als sei er in Trance verfallen. Gordon sah, dass Rahab keine Waffe hatte. Er ließ sein Gewehr wieder am Zweipunktgurt baumeln und zog Gunnys Messer. Er umschloss den Griff fest mit der rechten Hand und rief: »Rahab, du hattest Recht – jedes Mal, wenn ich in den Spiegel schaute, sah ich dich und meinen Sohn; nachdem ich dich umgebracht habe, werde ich immer an diesen Moment denken!«
Rahab blickte erschrocken in seine Richtung. »Wer ist da? Wer sind Sie?«
»Gordon Van Zandt!«
Lexy trat neben ihm vor und richtete den roten Punkt ihres Zielsuchers auf das Gesicht des Predigers aus.
»Gordon Van Zandt? Ich bin beeindruckt.«
Gordon stellte sich vor Lexi und ging weiter in den spärlich ausgeleuchteten, von Schatten durchwirkten Raum, in dem Rahab stand, stockte jedoch, als er einen Draht sah, der aus seiner Hand hing.
»Gordon, es ist erstaunlich, dass du mich gefunden hast. Ich gratuliere dir für deine Beharrlichkeit, aber falls du nicht sterben möchtest, solltest du jetzt gehen«, sagte Rahab und drückte auf den Knopf des Geräts, das er festhielt. Gordons Blick wanderte an dem Draht entlang. Er führte von Rahabs Arm zu seiner Brust und von dort aus zu mehreren kleinen Päckchen, die im Raum verstreut lagen.
»Lexi, du und Rubio, ihr müsst von hier verschwinden. Er hat sich vermint!«
»Machen wir ihn fertig!«, knurrte sie zum Schießen bereit.
»Nicht feuern, nicht feuern!«
Sie trat wieder hinter Gordon hervor und zielte mit dem Laser auf Rahabs Gesicht.
»Wen hast du zum Sterben mitgebracht?«, fragte Rahab lachend.
»Deinen Untergang, Dreckskerl!«, schrie Lexi und begann, den Abzug zu betätigen.
»Nein, er hat einen Totmannschalter!«, warnte Gordon.
»Ist mir egal!«, entgegnete Lexi.
Rubio näherte sich hinter ihr und lenkte ein: »Das sollte Ihnen nicht egal sein, verdammt nochmal, ich will noch nicht draufgehen.«
»Rahab, wir verschwinden. Überlass uns die Kinder, dann hauen wir ab!«, schlug Gordon vor.
»Du willst ihn laufen lassen?« Lexi konnte es nicht fassen. »Wir haben den ganzen Weg hierher zurückgelegt, und jetzt willst du ihn laufen lassen?«
»Sobald er den Daumen von dem Knopf nimmt, geht der Sprengstoff hoch. Wir haben keine andere Wahl, und ich stimme Rubio zu; ich will auch weiterleben.«
»Hören Sie auf Gordon, Lexi«, bat der Corporal.
»Rahab, wir gehen jetzt«, beschwichtigte Gordon noch einmal. »Lass uns die Kinder mitnehmen.«
»Das sind meine Kinder, sie bleiben!«, erklärte der Irre.
Gordon trat zurück und entzog sich ihm. Ihm war bewusst, dass Rahab den Auslöser jeden Moment aktivieren konnte, und dann würden sie alle mitsamt dem halben Gebäude in die Luft fliegen.
Lexi schrie Gordon an: »Ich kann es nicht fassen; ich kann nicht glauben, dass wir diesen Mann am Leben lassen werden. Er hat deinen Sohn, er hat meine Schwester getötet!«
»Wer war deine Schwester?«, fragte Rahab schmunzelnd.
»Fick dich, du Stück Scheiße!«, wütete Lexi.
Gordon steckte das Messer wieder ein und bat noch einmal: »Darf ich die Kinder mitnehmen?«
Rahab fuhr aggressiv mit der Hand, in der er den Zünder hielt, zu ihm herum. »Verschwindet!«
Gordon ging langsam rückwärts, bis er gegen Lexi stieß. Dann drehte er sich um und flüsterte. »Es ist noch nicht vorbei, versprochen, aber in dieser Situation hier können wir nicht gewinnen. Wir werden ihn noch einmal stellen, ich schwöre es.«
»Oh Mann, das ist Bullshit!«, rief Lexi.
Die wimmernden Kinder beschwerten Gordons Gewissen, doch es gab nichts, was er tun konnte.
»Kommen Sie«, drängte Rubio.
Sie kehrten langsam geschlossen von dem Schlafsaal in das Wohnzimmer der Suite zurück. Lexi fluchte leise vor sich hin, bevor sie wieder auf die Tür nach nebenan zustürzte.
»Nein!«, schrie Gordon hinter ihr. Er holte sie ein und bekam den Kragen ihrer Schutzweste zu fassen, jedoch nicht schnell genug, sodass sie mehrere Schüsse abgeben konnte. Sie traf Rahabs Brust genau.
Gordon schleifte sie aus dem Zimmer auf den Flur. Rubio lief ihnen voraus zur Treppe.
Die Wucht der Treffer ließ Rahab rückwärts über die Kinder stolpern. Er umklammerte den Zünder, blickte auf und schrie: »Ehre sei Gott!«
Dann ließ er den Knopf los, und alles wurde schwarz.