23. Februar 2015

Wahres Genie liegt in der Fähigkeit der Bewertung von unsicheren, zufälligen und widersprüchlichen Informationen.

Winston Churchill

Klamath Falls, Oregon

Gordon schrak hoch. Er war immer wieder eingenickt, während er auf Brittany achtgegeben hatte. Sein Hals war verkrampft, und er fror. Um sich zu wärmen, rieb er seine Arme. Dann schaute er auf seine Uhr: fünf in der Früh, er hatte nur ein paar Stunden geschlafen. Als etwas vor ihm raschelte, blickte er auf und sah, dass Tyler neben dem Bett seiner Mutter auf dem Boden lag.

Auf Gunny zu treffen, bedeutete ein Wiedersehen mit gemischten Gefühlen. Seit ihrer Zeit im Irak hatten sie einander aus den Augen verloren. Damals war Gunny Corporal gewesen, und als solchen kannte Gordon ihn unter dem Namen Smitty. Ihre zufällige Begegnung auf den vom Krieg zerrütteten Straßen von Falludscha ließ sich mit jener in Klamath Falls vergleichen, doch diesmal war Gunny Gordon zu Hilfe gekommen. Ein vertrautes Gesicht zu sehen, tat gut, obwohl er an Smiths Miene ablas, als sie sich zum Trinken zusammensetzten, dass sein alter Bekannter nichts Gutes über Sebastian zu erzählen hatte. Gunny rekapitulierte gründlich, wie es dazu gekommen war, dass Gordons Bruder in Kalifornien zurückgelassen worden war. Er gab vor, nicht zu wissen, ob Sebastian noch lebte, da der Hubschrauber, mit dem er geflogen war, Maschinenschaden gemeldet und danach nichts mehr von sich hören lassen hatte. Als Gordon dies erfuhr, war er zunächst schockiert. Die Vorstellung, sein Bruder könnte gestorben sein, hätte sich zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt aufdrängen können. Nach Hunters Tod war die Aussicht darauf, auch Sebastian verloren zu haben, zu viel zu verkraften. Er löcherte Gunny unentwegt mit Fragen, um herauszufinden, ob es nicht doch irgendeinen Hinweis gab; mit jeder Antwort, die Smith gab, fühlte er sich leerer. Gordons Sehnsucht nach Gewissheit musste unbefriedigt bleiben. So saß er dort im Dunkeln und dachte an seinen Bruder. Falls er es irgendwie überstanden hatte: War Sebastian zu seinem Haus gelangt und auf die Nachricht gestoßen? Befand er sich schon auf dem Weg nach Idaho? Und wenn er doch nicht mehr lebte … Gordon verdrängte den Gedanken.

Er beobachtete, wie sich Brittanys Brust langsam hob und senkte. Dass Gunny und die Marines rechtzeitig gekommen, rechnete er ihnen hoch an. Gordon traute seinen Fähigkeiten insofern, als er eine erste Diagnose stellen konnte, hätte aber nicht über die notwendigen Antibiotika verfügt, falls sich die Verletzung entzündet und geeitert hätte. Gunny war rein zufällig aufgetaucht; die Marines hatten im umliegenden Gebiet patrouilliert und die Meldung erhalten – welche Ironie – der Mann und die Frau, die Gordon getötet hatte, würden in der Stadt wegen Mordes an einem älteren Herrn gesucht. Laut jüngster Informationen waren sie aus der Stadt geflohen, und aus diesem Grund hatten Gunnys Männer den Highway abgesucht.

Gordon bekam leichte Kopfschmerzen. Er massierte seine Schläfen und vermutete, dass es seiner Dehydration im Verbund mit Alkohol und einem Mangel an Koffein geschuldet war. Letzterer hatte sich in dieser neuen Welt schon häufiger als einmal als Problem für ihn erwiesen. Das Suchtpotenzial von Koffein war bis dato in seinen Augen keine große Sache gewesen, doch sobald er seine Dosis nicht erhielt, stellten sich heftige Kopfschmerzen ein, die ihn zuweilen behinderten. Da er sich nicht den ganzen Tag lang elend fühlen wollte, verließ er den Raum auf der Suche nach Wasser, und falls sich hinterher eine Tasse Kaffee anbot, würde er auch diese trinken.

Er schlich behutsam über den Flur zur Küche. Jeder Schritt verursachte ein leises Knarren, wenn er auf den alten Holzfußboden trat. Wenn er eines vermeiden wollte, dann dass irgendjemand wach wurde. Davon abgesehen war er gerade nicht sonderlich gesellig und wünschte sich nichts außer seinem Wasser, Kaffee sowie Entspannung. Als er um die Ecke ging, sah er einen Lichtstreif unter der Küchentür.

»Oh, Van Zandt«, begann Gunny. Er saß an einem Tisch mitten im Raum. Die flackernde Flamme einer Öllaterne ließ dunkle Schatten über die weißen Schränke und mit Blumenmustern tapezierten Wände der Küche tänzeln.

»Ich bin wohl nicht der einzige, der nicht schlafen kann«, bemerkte Gordon scherzhaft, als er eintrat. Der Duft von frischem Kaffee drang an seine Nase, als er näherkam.

»Genau danach habe ich gesucht«, sagte er freudig.

»Schenk dir ‘ne Tasse ein – und mir gleich noch eine, damit ich richtig zu mir komme.« Gunny hielt seinen Becher hoch.

Die beiden erzählten sich Kriegsgeschichten von früher und rissen ein paar Witze, bevor ernstere Themen zur Sprache kamen.

»Van Zandt, du hast mir immer noch nicht gesagt, was du hier tust. Wer sind die beiden, mit denen du unterwegs bist?«

»Zu behaupten, das sei eine lange Geschichte, wäre untertrieben. Wo soll ich anfangen?«

»Hör mal, Van Zandt, du musst dein Herz nicht vor mir ausschütten; ich bin kein Psychiater, aber falls du etwas loswerden willst, werde ich nicht darüber urteilen. Der Zustand, in dem ich dich aufgegabelt habe, und deine Blicke bestätigen mir, dass du eine harte Zeit hinter dir hast.«

»Ich suche den Mann, der meinen Sohn umgebracht hat«, gestand Gordon freiweg.

»Tut mir leid, das zu hören.«

Gordon nickte. »Ich glaube, er ist hier in Oregon, bin mir aber nicht sicher. Hast du von einem Kerl namens Rahab gehört?«

Gunny riss die Augen auf, als der Name fiel. »Begegnet sind wir ihm nicht … aber du bist nicht allein auf der Suche nach ihm.«

»Was?«

»Aber ja doch, letzte Woche haben wir diese junge Frau vor einer winzigen Holzfällersiedlung aufgelesen. Sie erwähnte denselben Namen.«

»Wo? Wie hieß die Siedlung?«, drängte Gordon.

»Meine Fresse, komm runter. Lass mich überlegen.« Smith hielt inne. »Crescent, genau. Ein verlassenes Loch ein paar Stunden von hier entfernt.«

Diese neue Erkenntnis ermutigte Gordon: Möglicherweise konnte er Rahab dingfest machen – und außerdem Brittany und Tyler guten Gewissens hier zurücklassen.

»Gunny, tust du mir einen Gefallen?«

»Wie kommt es, dass ich das ständig muss, Van Zandt?«, feixte Smith und nahm einen kräftigen Schluck Kaffee.

»Kannst du mir etwas Sprit, Munition und Nahrung überlassen?«

»Ich nehme an, du willst deine Jagd nach diesem … Rahab fortsetzen, richtig?«, fragte Gunny.

»Ich finde einfach keine Ruhe, wenn ich daran denke, dass dieses Schwein auf freiem Fuß ist. Ich muss ihn finden und …«

»Ihn töten«, ergänzte Smith und brachte Gordons Satz zu Ende.

»Genau!«

Gunny grinste wieder. »Ich habe eine bessere Idee, als dir nur ein paar Patronen und Futter zu geben. Was ich dir anbiete, wird dir bestimmt gefallen.«

»Bin ganz Ohr.« Gordon neigte sich nach vorne.

»Du bekommst das alles plus Rückendeckung, um den Kerl zu erledigen, wie wär’s? Ich stelle dir eine Einheit zur Verfügung, die dich begleiten wird.«

Gordon gefiel in der Tat, was er hörte.

»Wann willst du los?«, fuhr Gunny fort.

»Gestern! Wie schnell sind die Männer einsatzbereit?«

»Ich kann eine Gruppe zusammenstellen, sobald alle wach sind«, antwortete Smith. »Was wird unterdessen aus deiner Freundin und dem Jungen?«

»Könntest …«

Gunny gab ihm mit erhobener Hand zu verstehen, dass er still sein sollte. »Wir passen auf sie auf.«

»Danke.«

»Warte noch kurz.« Gunny öffnete seine Gürtelschnalle, zog sein Messer ab und gab es Gordon, ein Randall Model 1.

»Das kann ich nicht annehmen«, stöhnte Gordon, als er es betrachtete.

»Zunächst einmal: Es ist kein Geschenk. Ich will es wieder haben, wenn du zurückkehrst. Das hast du doch vor, nicht wahr?«

Gordon nahm die Waffe entgegen und zog sie aus ihrem verwitterten Futteral aus Leder. Als er es fest umschloss, stellte er fest, wie wunderbar schwer und griffig es war. »Du hast es von deinem Dad bekommen, als du zum Korps kamst, oder?«

»Richtig, mein alter Herr war auch bei der Infanterie. Er behauptete, jeder Mann bräuchte ein anständiges Kampfmesser. Ich bekam es gleich nach dem Abschluss meiner Grundausbildung.« Gunny machte ein versonnenes Gesicht, während er sich zurückerinnerte.

»Nochmal: Ich kann es nicht annehmen«, wiederholte Gordon und schickte sich an, ihm das Messer zurückzugeben.

»Was mit deinem Sohn geschah, ist tragisch, ja entsetzlich, verdammt. Ich will, dass du das Ding nimmst und dem Wichser die Augen damit ausstichst.«

Gordon dachte einen Moment nach, ehe er das Angebot annahm. »Danke sehr.«

»Bring es einfach wieder mit. Mein Alter würde sich im Grab umdrehen, wenn es mir abhanden käme«, witzelte Smith.

»Smitty, ich habe wirklich vor, zurückzukommen. Die Selbstmord-Schiene ist nicht mein Ding, aber ich kann für nichts mehr garantieren.«

Eagle, Idaho

Schlaf war für Samantha ein Ding der Unmöglichkeit geworden. Wann immer sie die Augen schloss, stellten sich Alpträume ein. Der Horrorfilm, zu dem ihr Leben ausgeartet war, beschäftigte ihren Geist Tag und Nacht, aber in ihren Träumen konnte sie ihn nicht kontrollieren. Sie waren so verstörend, dass sie der Müdigkeit trotzte, wenn sie sich einstellte. Der Entzug gründlicher Ruhe schlug sich langsam auf ihre Gesundheit nieder, sowohl körperlich als auch seelisch.

Als sie in Idaho angekommen waren, hatte sie sich angestrengt, neuen Sinn aus ihren täglichen Pflichten zu schöpfen. Scotts Ehefrau Lucy war ihre Freundin geworden, und sie ließ sich oft gemeinsam mit Haley von Lucy in deren Haus einladen. Dort unterrichtete sie Sam und das Kind, aber auch Beth Holloway, Melissa und die anderen Frauen in den zahlreichen häuslichen Aufgaben innerhalb der Gemeinde. Zunächst war Samantha engagiert zur Tat geschritten, doch letztlich überkam sie der finstere Schatten der Depression, und sie brach den Kontakt endgültig ab. Sie wollte niemanden um sich haben oder plänkeln, geschweige denn so tun, als sei sie wohlauf.

Sie wusste, dass sich die anderen Frauen über ihr Leid unterhielten und alle meinten, sie könnten sich nicht hineinversetzen. Wie auch? Schließlich hatten sie kein Kind verloren. Sie wollte sich von niemandem belehren lassen, sie müsse »tapfer« bleiben.

Es war ein dumpfes Hungergefühl, das sie aus ihrem Zimmer und hinunter in die Küche trieb. Draußen machte sich schon die Sonne bemerkbar. Als Samantha einen Blick durchs Fenster warf, sah sie frisch gefallenen Pulverschnee auf der Vorterrasse.

»Gott, wie ich San Diego vermisse«, murmelte sie laut.

Während sie die Speisekammer durchstöberte, hörte sie, wie die Schiebetür hinter ihr aufging. In der Annahme, es sei Nelson, suchte sie weiter nach etwas zu essen.

Sie nahm sich eine Dose Ölsardinen, drehte sich um und schaute einem fremden Mann entgegen, der auf der anderen Seite der Kücheninsel stand. Er war groß und hatte langes, braunes Haar, das zusammengebunden unter einer arg schmutzigen Baseballmütze heraushing. Sein Gesicht bedeckte ein dichter, grau melierter Bart, und er dünstete eine strenge Alkoholfahne aus. Instinktiv warf sie die Fischkonserve nach ihm – sie traf ihn ins Gesicht – und rannte Richtung Treppe. Nelsons Bett stand unten, doch sie wusste nicht genau, ob er im Haus war – nur dass Haley oben in ihrem Zimmer schlief.

Der Mann erholte sich flugs von dem Treffer und lief hinterher.

»Nelson! Nelson!«, schrie Sam, als sie aus der Küche floh.

Der Mann war schneller als sie und stieß sie am Fuß der Treppe um.

Sie versuchte, auf den Stufen nach oben zu kriechen, doch er zog sie zurück. Sie trat aus und rammte ihm einen Ellbogen ins Gesicht. Das machte ihn wütend; er holte aus und schlug ihr gegen den Hinterkopf. Durch die Wucht knallte sie mit dem Schädel gegen eine Kante der Holztreppe. Sie schmeckte Blut im Mund.

»Nelson!«, rief sie erneut.

Der Mann fing an, wiederholt auf ihren Hinterkopf einzuprügeln. Sie wollte immer noch nach oben krabbeln, doch die Kraft hinter den Hieben war zu heftig, um sie zu verwinden.

»Nelson, Hilfe!«, gellte sie abermals. Wo steckte er? Todesangst drängte sich auf, während sie einen Schlag nach dem anderen einsteckte. Als sie hochschaute, sah sie Haley am oberen Absatz stehen. Der Anblick ihrer Tochter stachelte sie auf, sich noch vehementer zu wehren. Der Mann drehte sie herum und holte wieder aus, um ihr ins Gesicht zu schlagen, da trat sie ihm zwischen die Beine. Er wich zurück und krümmte sich vor Schmerz. Sie trat noch einmal zu, diesmal aber in den Bauch, sodass er sein Gleichgewicht verlor und rückwärts umfiel. Sie nutzte die Gelegenheit, nun da er sie nicht mehr mit seinem Gewicht niederdrückte, drehte sich wieder um und machte sich auf den Weg nach oben. Währenddessen sah sie Haley nicht mehr. Sie nahm an, das Mädchen sei zurück in sein Zimmer gelaufen. Als sie die obere Stufe erreichte, zögerte sie einen Sekundenbruchteil lang: Ging sie nach links, konnte sie in ihr Zimmer zurückkehren und ihre Pistole holen; rechts hingegen befand sich das Kinderzimmer, wo sie sich mit Haley verschanzen konnte, allerdings ohne Waffe, um sich zu verteidigen. Die Zeit lief ihr davon, da der Mann aufgestanden war und polternd nach oben gelaufen kam. Samantha wählte die linke Seite in der Hoffnung, er werde ihr folgen. Sie stürzte in ihr Zimmer, wo sie auf ihre Tochter stieß, die ihre Pistole in der Hand hielt.

»Haley, gib her, schnell!«

Das Kind zitterte und starrte mit weit geöffneten Augen. Es hielt die Waffe so erbittert fest, dass sich ihre Fingerknochen weiß abzeichneten.

»Haley, gib mir die Pistole, sofort!«, fuhr Samantha auf.

Die Schritte des Mannes auf dem Flur wurden lauter.

Die Tür stand immer noch auf, und er näherte sich rasch. Sam drehte sich um, schlug sie zu und sperrte ab.

Haley stand immer noch steif vor Schreck da und klammerte sich an die Pistole.

Samantha schnappte sie aus den zittrigen Händen des Kindes, just als die Tür aufsprang.

Der Mann taumelte ins Zimmer und rannte geradewegs in Samantha hinein, der die Waffe dabei aus der Hand glitt. Beide fielen mit einem lauten Knall auf den Boden. Samantha zwängte sich rasch unter ihm heraus und suchte die Pistole. Sie war verschwunden, schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

Der Fremde langte nach ihr, doch sie setzte sich wieder zur Wehr und trat ihm ins Gesicht.

Dann reagierte sie schnell, als ihr der Wollkorb mit ihren Häkelnadeln neben dem Bett ins Auge fiel. Sie kroch hinüber und nahm eine Nadel heraus.

Der Mann stürzte sich abermals auf sie, doch jetzt trug sie seiner Aggression angemessen Rechnung, indem sie die Nadel in seinen Hals rammte.

Er fasste sich an die Kehle; Blut begann, zwischen seinen Fingern und unter seinen Händen herauszuquellen.

Samantha begnügte sich nicht damit. Sie stach ihn noch zweimal mit der Nadel, erst in die Hände, dann durch die rechte Wange.

Schwerverletzt und völlig von Sinnen raffte er sich auf und lief aus dem Zimmer.

»In mein Haus einbrechen, mich niederschlagen und meine Tochter erschrecken!«, wetterte sie, während sie ihm über den Flur nachsetzte.

Der Mann zog eine dunkelrote Spur hinter sich her, bis er schwankenden Schrittes zur Treppe kam. Bevor er auf dem Absatz in die Knie ging, hustete er und spuckte noch mehr Blut.

Als Samantha ihn einholte, fragte sie: »Was fällt dir ein, einfach herzukommen und mich anzugreifen? Du glaubst wohl, du könntest dir nehmen, was du willst, wie?« Sie zog seinen Kopf an den Haaren zurück und trieb die Nadel fast zur Gänze in seine rechte Augenhöhle.

Ein Schauer zuckte durch seinen Körper, dann erschlaffte er.

Haley, die immer noch geschockt war, trat genau in dem Moment auf den Flur, als ihre Mutter den Mann mit dieser brutalen Attacke umbrachte.

Samantha bemerkte sie nicht; sie konzentrierte sich immer noch nur auf ihn. Angewidert ließ sie von ihm ab und trat seine Leiche die Treppe hinunter.

Klamath Falls, Oregon

Gordon kniete nieder, um Tyler in die Augen schauen zu können. Er sah, dass der Junge Angst hatte, weil Gordon sie verließ.

Tyler war über den geplanten Aufbruch im Bilde, nachdem er Gordons Gespräch mit einem Soldaten vor dem Schlafzimmer belauscht hatte. Als der Mann danach eingetreten war, um seine Sachen zu packen, hatte der Junge ihn auf diese Neuigkeit angesprochen.

»Du lässt uns allein?«, fragte er nun hörbar verletzt.

Gordon schaute hinüber zum Bett; Brittany schlief noch immer. Er wollte diese Unterhaltung nicht hier führen, konnte den Kleinen aber auch nicht dazu bringen, das Zimmer seiner Mutter zu verlassen.

»Tyler, ich weiß, du hast gehört, dass ich wegfahre. Lass dir gesagt sein, dass ich, wenn alles gut für mich läuft, zurückkommen werde, um dich und deine Mutter abzuholen. Ich habe versprochen, euch nach Idaho zu bringen, und halte dieses Versprechen auch.« Er flüsterte gerade laut genug.

Tyler wich seinem Blick aus.

»Die Marines werden euch beschützen. Ich kenne einen von ihnen sehr gut; genau genommen, ist er ein Freund von mir, Gunny Smith heißt er. Solltet ihr irgendetwas brauchen, frag ihn einfach. Bei ihnen seid ihr sicher, glaub mir.« Gordon schlug einen sanften Ton an, doch jedes Mal, wenn er Blickkontakt herstellen wollte, schaute Tyler weg.

»Wohin fährst du?«, wollte der Junge wissen.

»Ich treffe mich mit jemandem, der mir vielleicht Informationen geben kann.«

»Über den Weg nach Idaho?« Tyler schaute Gordon endlich an, allerdings ängstlich.

Die Miene des Knaben brach ihm das Herz; er erinnerte ihn unheimlich stark an seinen eigenen Sohn.

»Ich will ehrlich zu dir sein: Es gibt noch etwas, das ich erledigen haben will, bevor wir nach Idaho fahren. Ich kann es dir nicht genau erklären, doch es mag eine Weile dauern, bis ich wieder zurückkomme, weshalb es besser ist, wenn ihr beide mich nicht begleitet.«

Tyler nickte.

»Mir kannst du es erklären«, krächzte Brittany plötzlich heiser.

Ihre Stimme war Labsal in Gordons Ohren. Er stand auf und trat an ihre Seite. »Wie fühlst du dich.«

»Gut. Ich habe ungefähr eine Ahnung von dem, was passiert ist, aber es kommt mir alles ein wenig verschwommen vor.« Sie machte Anstalten, sich hinzusetzen.

»Hey, bleib brav liegen, du solltest deine Schulter nicht allzu stark belasten.«

Sie rutschte mühevoll herum, bis sie bequem genug lag, um mit ihm zu sprechen. »Du machst dich also fertig«, begann sie, »und lässt uns im Stich?«

»So würde ich es nicht ausdrücken.«

»Wie dann?«

Gordon wusste, es war an der Zeit, Klartext zu reden, nachdem er es so lange hinausgezögert hatte.

»Tyler, macht es dir etwas aus, wenn ich unter vier Augen mit deiner Mutter rede?«

»Nein, Tyler, du darfst bleiben«, murmelte sie, ehe sie sich wieder an Gordon richtete. »Was auch immer du mir zu sagen hast, kann auch er hören.«

Gordon schaute sie an, dann den Jungen, zuletzt wieder sie, und holte tief Luft.

»Ich war nicht ganz offen zu dir. Also, ich wollte schon nach Idaho fahren, allerdings auf einem Umweg über Oregon.« Er unterbrach sich. »Bitte, könnten wir das nicht zu zweit besprechen? Ich will nicht, dass er bestimmte Dinge mitanhört.«

Sie beäugte Gordon gespannt, gab aber schließlich nach und nickte. »Okay.«

Tyler gehorchte der Aufforderung durch seine Mutter, maulte irgendetwas Unverständliches und verließ den Raum.

»Weiter im Text«, drängte sie Gordon.

»Kurz bevor ich euch beide fand, war ich von einer Gruppe von Verbrechern gefangen gehalten worden. Sie brachten meinen Sohn um und wollten auch mich sterben lassen. Ich erhielt die Chance, meine Frau und meine Tochter wiederzusehen, entschied mich aber dazu, stattdessen diesen einen Mann zu jagen.«

»Moment, du hast Frau und Tochter, und dein Sohn wurde umgebracht?«

Gordon sah sie an. Ihn beschlich das Gefühl, jegliches Vertrauen, das sie während der vergangenen Wochen zu ihm aufgebaut hatte, wurde gerade binnen weniger Sekunden gebrochen.

»Ganz richtig, ich habe eine Frau und eine Tochter, die beide noch leben.«

»Wo sind sie gerade?«

»Mittlerweile müssten sie Idaho erreicht haben.«

»Müssten?«

»Wenn ich mich festlegen sollte, würde ich sagen, sie sind jetzt dort.«

»Wenn du dich festlegen solltest?«

Gordon war nervös und wusste selbst nur zu gut, dass die Geschichte, die er ihr erzählte, einfach nicht überzeugend klang. In Wirklichkeit hätte sie aus dem Mund von jemand anderem geklungen wie die eines Mannes, der seiner Familie den Rücken gekehrt hatte.

»Mir ist klar, das hört sich in mancher Hinsicht beschissen an.«

»Du hast also deine Familie verlassen, um diesen Mann zu schnappen, und verlässt jetzt auch uns?«

Die Formulierung traf ihn wie ein Hammer auf den Kopf.

»Du verstehst das nicht«, rechtfertigte sich Gordon.

»Dann lass es mich verstehen.«

»Ich habe gewisse Entscheidungen gefällt. Die Situation, in die ich dabei geriet, führte dazu, dass mich diese Verbrecher festnahmen. Ich versuchte, ihnen zu entkommen, doch sie vereitelten meine Flucht«, schilderte er verdrossen. Er ließ den Kopf hängen und spürte dabei, wie sich ein Gefühlsausbruch anbahnte.

Brittany starrte ihn einfach nur an. Sie war ihm weder böse noch enttäuscht, sondern wünschte sich schlicht und ergreifend, dass er sich aufrichtig verständlich machte.

»Sie fesselten Hunter – meinen Jungen – und mich an ein Kreuz.« Gordon stockte. Die Szene nahm seinen Geist jetzt vollständig in Beschlag, und der Schmerz, der aus jenem Moment erwachsen war, fühlte sich unmittelbar an. »Oh, sie banden uns an diese Pfähle, etwa so.« Er verschränkte die Arme über seinem Kopf zu einem X. »Mit Händen und Füßen. Er hatte furchtbare Angst, und ich konnte nichts tun, um ihn zu beschützen, oder ihn auch nur zu trösten. Ich trage die Schuld dafür, dass er dort war; ich traf eine dumme, schrecklich dumme Entscheidung, die meinen Sohn das Leben kostete.«

Brittany vollzog die Qualen anhand von Gordons Gesichtszügen mit. Sie streckte sich aus, um seine Hand zu berühren, doch er entzog sich.

»Der Mann, hinter dem ich her bin, hat meinen Jungen kaltblütig ermordet. Er zog ein Messer und stach es ihm vor meinen Augen in die Brust. Ich sah mit an, wie das Leben aus meinem Sohn wich, und konnte absolut gar nichts dagegen unternehmen.« Tränen wallten in seinen Augen auf. »Dies hier war ein Abschiedsgeschenk, damit ich das nie vergesse«, fügte er hinzu und zeigte auf den Verband an seinem Gesicht.

»Das tut mir so leid, Gordon«, sagte Brittany teilnahmsvoll. »So fürchterlich leid.«

»Mein Freund fand mich kurze Zeit später. Ich war kurz davor, mit ihm zurückzukehren, aber außerstande dazu. Ich hätte meiner Frau nicht entgegentreten können; ich hatte meinen Sohn im Stich gelassen und als Ehemann versagt – dämliche, leichtsinnige Dinge getan, die zum Tod mehrerer Menschen führten.« Gordon machte wieder eine Pause. Sich auf diese Weise auszudrücken, war schwierig. »Verstehst du, ich kann nicht zurückkehren, bevor ich den Mord an meinem Sohn gerächt habe; ich bin nicht in der Lage, meine Familie wiederzusehen, solange ich mich als Versager begreifen muss. Das klingt bestimmt verrückt, aber ich bin dazu gezwungen, diesen Mann zu finden und umzubringen. Erst dann darf ich wieder zurück, meiner Frau in die Augen schauen und um Vergebung bitten.«

Brittany nickte. »Gut. Wer aber ist der Mann, und woher weißt du, dass er sich in Oregon aufhält?«

»Musst du das unbedingt wissen?«

»Gordon, wir sind schon seit Wochen gemeinsam unterwegs. Traust du mir nicht? Du hast selbst behauptet, ich hätte ein gutes Urteilsvermögen. Ich will einfach nur erfahren, wie dein Plan aussieht; ich möchte helfen, falls ich kann.«

Gordon lächelte ihr zu. Dass sie sein Vorhaben, Rahab zu finden, anscheinend guthieß, erleichterte ihn. Er ging davon aus, sie sei skeptisch.

»Es stimmt schon, du hast ein gutes Urteilsvermögen – aber nur bis zu dem Rastplatz«, feixte er. »Das hat dein sechster Sinn nicht vorhergesehen?«

Sie besprachen seinen Plan, jene Frau in Crescent aufzusuchen und herauszufinden, was sie über Rahab wusste, nicht ohne lang und breit Unwägbarkeiten und mögliche Szenarien durchzuspielen. Sie schalt ihn wegen seines Hangs zu überhasteten Beschlüssen und bat ihn, ihr zu versprechen, umsichtiger zu handeln. Er stimmte zu.

Als er sich erhob, um aufzubrechen, packte sie seine Hand und hielt sie fest. »Weißt du, ich muss dir auch etwas gesehen«, sagte sie mit nervösem Grinsen.

»Oh nein, möchte ich das denn wissen?«, fragte er theatralisch.

»Ich meine das durchaus ernst.«

»Sorry, sprich weiter.«

„Mir ist schon am ersten Tag, als wir losgefahren sind, dein Ehering aufgefallen. Da du deine Frau nie erwähnt hast, ging ich davon aus, sie sei gestorben. Ich wollte nicht nachfragen, weil … na ja, wer spricht schon gerne über so etwas? Das Leben ist schon hart genug, ohne Schicksalsschläge andauernd in Gesprächen aufzukochen. Weißt du, jetzt da du mir von deiner Frau und Tochter erzählt hast, die noch leben, bin ich ein wenig geknickt.«

Gordon wusste, worauf dies hinauslief, und fühlte sich unbehaglich.

»Du bist mir wirklich ans Herz gewachsen, Gordon, und ich, also … ich dachte, dass wir vielleicht …«

»Tut mir leid, ich hätte von Anfang an offen zu dir sein sollen.«

»Nein, nein, ist schon gut«, stammelte sie wie ein nervöses Schulmädchen. »Ich denke nur oft an dich und werde dich vermissen, solange du fort bist.«

»Ich werde dich auch vermissen, du bist eine klasse Partnerin unterwegs. Hier befindet ihr euch aber in guten Händen, und ich werde zurückkommen. Ich habe versprochen, Tyler und dich nach Idaho zu bringen, und genau das werde ich auch tun.«

»Okay. Na ja, du gehst dann wohl jetzt besser.«

»Und du kommst wieder auf die Beine, wir sehen uns wieder«, sprach Gordon, stand abermals auf und ging zur Tür. Er widerstand dem Drang, sie zu umarmen, weil er wusste, dass es ihr vielleicht wehtun würde.

Gerade als er die Tür öffnen wollte, platzte sie heraus: »Hey, Gordon?«

»Ja?«

»Du bist ein guter Mann, wirklich – zwar nicht perfekt, soviel ist sicher, aber tief in deinem Herzen bist du ein anständiger Kerl. Danke für alles.«

Gordon nickte und ging hinaus. Als er die Tür zumachte, fragte er sich, ob er sie tatsächlich wiedersehen würde.

Sacramento, Kalifornien

Pablo schaute durchs Zielfernrohr des T-72. Die 125mm-Kanone war genau auf die Fassade des Kapitols des Staates gerichtet. Er stand kurz davor, das kalifornische Regierungsgebäude einzunehmen. Von dort aus, wo sein Panzer an der Ecke Tenth Street und Capitol Mall stand, konnte er ungehindert auf den Eingang feuern. Dicker, schwarzer Qualm waberte und strömte aus zerbrochenen Fenstern und Löchern überall im Gemäuer. Teile der Kuppel waren eingestürzt, und breite Krater taten sich überall am Boden rings um das Gebäude auf. Das Bombardement mithilfe schwerer Geschütze und Mörser war erfolgreich gewesen, doch wie in den meisten Armee-Lehrbüchern stand, nahm man ein Gelände erst richtig in Besitz, wenn man die Füße darauf setzte.

»Ist sie scharf?«, fragte er den Schützen, der hinter ihm saß.

»Jawohl, Sir«, antwortete der junge Panzerfahrer.

»Also drücke ich einfach hier drauf, und sie geht los, korrekt?«

»Korrekt, Sir.«

Er hielt sein Auge wieder ans Visier und bewegte die Griffe für die Drehkuppel, um die Kanone ganz exakt auf die Fassade auszurichten.

»Was sagen Sie, wenn Sie damit schießen?«

»Wir sagen: ›Die Mutter ist heiß‹, ehe wir einen Schuss abgeben.«

Pablo platzierte das Fadenkreuz an der Front. Seine Aufregung nahm weiter zu in dem Bewusstsein, dass er gleich dazu kam, die Hauptkanonen zu benutzen. Er hatte seine Panzer in Aktion erlebt, doch an der Action selbst teilzunehmen, machte es umso spannender. Sein Herzschlag hatte sich aus Vorfreude darauf beschleunigt, das schwere Kaliber abzufeuern. Er besaß die Macht zu zerstören und wollte nichts weniger als das tun.

Gerade als er zünden wollte, kamen mehrere Personen aus dem Kapitol. Sie husteten und schienen erschöpft zu sein.

»Ach, schau an, die sehen ja fertig aus«, höhnte er.

Dann schwenkte er auf die Gestalt – eine Frau – um, die seinem ursprünglichen Ziel am nächsten war, und drückte ab.

»Die Mutter ist heiß!«, grölte Pablo.

Die 125mm-Kanone donnerte, und das Hochexplosivgeschoss schnellte aus dem Rohr. Es erreichte die Frau fast sofort. Ihr Körper wurde zerfetzt, als der Sprengkörper durch sie ging und ins Primärziel einschlug, die Eingangstür des Gebäudes.

»Oh mein Gott, haben Sie das gesehen? Es scheint, als hätte sie sich in Wohlgefallen aufgelöst!« Er lachte.

Pablos Schuss zog eine Salve anderer Panzer in der Kompanie nach sich, die er befehligte. Im Einklang eröffnete ein Dutzend Kettenfahrzeuge das Feuer aufs Kapitol mit ihren Hauptbordwaffen. Nach drei Salven ordnete er an, es wieder einzustellen. Als er erneut durchs Zielfernrohr schaute, sah er nur Rauch.

Die Panzer hatten die Fassade des Gebäudes völlig zerstört. Als sich der Qualm lichtete, zeigte sie riesige, eckige Löcher.

»Sehen Sie sich das an«, sagte Pablo.

Er bewertete den Schaden und beschloss, dass es nun an der Zeit war, sich hineinzubegeben und die Füße auf den Boden zu setzen, wie es sich geziemte, um diesen Ort »einzunehmen«.

»Colonel Alvarez, schicken Sie Ihre Truppen hinein. Sie kennen die Einsatzregeln: keine Gefangenen«, sagte Pablo ins Funkgerät.

Dem Knistern folgte ein: »Jawohl, Sir.«

Er wollte aussteigen und das Ergebnis seines Angriffs mit eigenen Augen sehen, also entriegelte er die Luke und kletterte hinauf. Dunkler Rauch umwehte ihn, brannte in seinen Augen und setzte seiner Lunge zu.

Ein Gefühl von Unbezwingbarkeit überkam ihn, als er vom Panzer sprang und sich zu Fuß auf den Weg zum Kapitol machte. Während er zu dem klaffenden Loch im Gebäude marschierte, überflutete der ausgestoßene Qualm die gesamte Umgebung.

Das Brummen der BTR-80-Schützenpanzerwagen trug dazu bei, dass er sich wie ein Gott fühlte. Für Pablo markierten sie das wiederkehrende Motiv in seinem Konzert der Vernichtung. Er dachte an all die Männer aus der Historie, die er anhimmelte. Auch er war nun ein Eroberer; sein Name würde als jener des Menschen in die Geschichte eingehen, der Kalifornien eingenommen hatte.

Als die Transportwagen die Eingangstreppe erreichten, öffneten sich die Seitentüren, woraufhin nach und nach seine Soldaten heraussprangen. Sie pirschten sich an die Öffnung in der Mauer heran und verschwanden in der Dunkelheit darin.

Pablo nahm die Treppe und ging zum Rundbau. Als sich seine Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnt hatten, wurde der Schaden offensichtlich, den sein Angriff bewirkt hatte: gewaltige Granitbrocken, Glas, Fliesen und Marmor sowie Papier lagen überall verstreut. Sonnenlicht fiel durch ein riesiges Loch in der Kuppel ein und traf auf eine Skulptur in der Mitte der Rotunde: Columbus, wie er vor Königin Isabella kniete.

Das verwunderte Pablo. Wenngleich er ein Mann der Vernunft war, glaubte er an göttliche Zeichen. Der gesamte Rundbau deutete auf die Zerwürfnisse eines Krieges hin, doch diese Statue blieb unversehrt. Er nahm sich einen Moment, um die Spruchtafel daran zu lesen.

»Columbus, ich weiß, wer du bist«, sagte er. Pablo kannte Christoph Columbus und wusste von seinen Taten, hatte in seiner Kindheit aber nicht viel Zeit dafür aufgebracht, sich mit ihm zu befassen. Jetzt stand hier aus unerfindlichen Gründen ein Abbild des Mannes, Entdecker oder – wie nunmehr viele glaubten – Eroberer. Trotz dieser unterschiedlichen Einschätzungen gab es einen allgemeinen Tenor: Columbus’ unglaubliches Abenteuer hatte damals ein neues Zeitalter für die Amerikas eingeläutet. Im Wissen um diese historische Bedeutung ahnte Pablo, dass dies hier kein Zufall sein konnte. Er war sicher, es war eine Fügung, dass die Statue dort stand.

Er trat vor und berührte sie, fuhr mit den Händen über den glatten Marmor. Seine Aufmerksamkeit wurde jedoch von der Skulptur abgelenkt, als weitere Schüsse fielen.

Er schaute über den Gang, der zum Senatssaal führte. Noch mehr Schüsse hallten wider, gefolgt von Schreien. Sein Funkgerät rauschte; es war sein General. »Imperator, hier spricht General Pasqual, bitte melden, over.«

Er nahm das Gerät in die Hand, das an seiner Schulter hing, und drückte die Sprechtaste. »Ja, General, was ist los?«

»Sir, wir haben den Vizegouverneur.«

Das erste, was Pablo sah, als er den großen Raum betrat, war eine hübsche Frau, die vor einem verletzten Mann stand.

»Bitte tun Sie ihm nichts!«, flehte sie.

Pablo ging zügig zu der Gruppe, die sich um das Paar geschart hatte. Er drängelte sich zwischen seinen Männern hindurch, bis er vor der Frau stand.

»Lassen Sie ihn am Leben, bitte.«

Pablo staunte nicht schlecht, als er sie aus der Nähe sah. Sie war wirklich sehr schön. Ihr glattes, schwarzes Haar fiel über die Schultern, und die olivfarbene Haut zeichnete sich durch ihre Glätte aus. Während sie Fürsprache für den Mann auf dem Boden hielt, spürte Pablo, welche Intensität ihre großen, braunen Augen ausstrahlten.

»Waffen runter, Sie alle«, blaffte er.

Die Soldaten gehorchten vorbehaltlos und senkten ihre Gewehre.

Die Frau schaute Pablo an – voller Abscheu – und fragte: »Warum? Warum mussten Sie das tun?«

»Wie lautet Ihr Name?«, erwiderte er.

Der Mann am Boden begann, Blut zu husten.

»Papa, nein!«, schluchzte die Frau. Sie fiel auf die Knie und hielt seine Hand.

»Sind Sie die Tochter von Vizegouverneur Aguilar?«, hakte Pablo amüsiert nach.

Sie bemühte sich nach Kräften, das Leiden ihres Vaters zu lindern. Er war in den Bauch getroffen worden und blutete stark.

»Da Sie meine Frage nicht beantworten möchten, werde ich mit der Exekution Ihres Vaters fortfahren«, sprach Pablo gelassen.

Seine Männer legten wieder an.

»Isabelle, mein Name lautet Isabelle. Bitte töten Sie meinen Vater nicht!«, bettelte sie.

»Warum sollte ich Sie und Ihren Vater verschonen? Als wir uns vorgestern trafen, machten er und der Gouverneur deutlich, dass sie sich nicht ergeben wollten.«

Sie schien versucht, sich ihm zu widersetzen, konnte es aber nicht tun, ohne das Risiko einzugehen, sich oder ihren Vater ums Leben zu bringen. Ohne andere Mittel außer ihrem weiblichen Charme schenkte sie ihm, was alle Männer von seinem Schlag begehrten: Anerkennung. »Ich weiß, was Sie wollen«, sagte sie.

Pablo schaute sie verwirrt an und fragte: »Was will ich?«

»Respekt.«

Ihre Antwort erschreckte ihn. Es war, als könne sie in seine Seele schauen.

Sie blickte auf und fuhr fort: »Männer wie Sie hatten im Lauf der Geschichte nicht allein deshalb Erfolg, weil sie Stärke durch Waffengewalt zeigten, sondern auch Stärke durch Gnade.«

Sie ließ von ihrem Vater ab und kroch zu Pablo hinüber. Indem sie seine Hand umfasste, schaute sie in seine Augen und flehte: »Bitte, Imperator, lassen Sie Gnade walten, und wir stehen auf ewig in Ihrer Schuld.«

Die Vermessenheit dieser Frau machte ihn sprachlos. Alle Augen ruhten wartend auf ihm.

Ihre Leben standen auf der Kippe. Er verfügte über die Macht, sie zu zerquetschen oder zu bewahren. Der heutige Tag war ein Wendepunkt für ihn. In dem Augenblick, da er die Statue gesehen hatte, war ihm bewusst geworden, dass es sich um ein Zeichen handelte, und diese Frau vor ihm war jetzt ein weiteres. Anstelle von Columbus zu Isabelles Füßen stand nun Pablo hier, und eine Frau namens Isabelle kniete zu seinen Füßen. Gott gab ihm alle Zeichen, die er brauchte; Gott versicherte ihm, dass er sich auf dem richtigen Weg befand.

Er nahm ihre Hand und zog sie hoch. Dann erwiderte er ihren tiefgehenden Blick und sagte: »Isabelle, ich begnadige Sie und Ihren Vater.« Er streckte die Arme in die Höhe und rief aus: »Ich gehe sogar noch weiter als das: Ich begnadige jeden, den wir finden und der bereit ist, sich unserer Sache anzuschließen.«

Coos Bay, Oregon

Barone war kein Freund des Laufens, fand aber kein besseres Fitnesstraining. Was ihm am besten daran gefiel, war die Tatsache, dass es seinen Kopf freimachte. Jeder Tropfen Schweiß bedeutete, dass sein Stress weiter nachließ.

Ein Umstand, der ihm unbegreiflich blieb, war die ausbleibende Reaktion der US-Regierung darauf, dass er Gefangene genommen hatte. Er wusste, dass sie über die Situation im Bilde war, doch nichts deutete darauf hin, dass die andere amphibische Einheit nach Portland kam. Captain White von der USS Topeka wusste nichts zu vermelden; er war weit nach Süden gefahren – bis nach Long Beach – ohne etwas auf seinem Radar zu sichten.

Barone war klar, dass sie, wenn ihr Unterfangen gelingen sollte, Conner und den US-Streitkräften stets zwei Schritte voraus sein mussten. Deren Stille bedeutete nicht, dass sie aus der Welt waren; vielmehr kümmerten sie sich vermutlich um andere Probleme, doch langfristig in Ruhe lassen würden sie ihn nicht.

Da er diese Region liebgewonnen hatte, wollte er eine Möglichkeit finden, hierzubleiben und mit seinem Vorhaben durchzukommen. Die Stadträte hatten noch kein letztgültiges Urteil abgegeben, doch wie es aussah, würden sie zu seinen Gunsten entscheiden. Einer vorläufigen Abstimmung gemäß wünschten drei Mitglieder, dass die Truppen abrückten. Den übrigen Mitgliedern war bewusst, dass daraufhin äußerstes Chaos folgen würde. Ein einhelliger Beschluss musste her. Politische Meinungsverschiedenheiten waren in der Vergangenheit in Ordnung gegangen, mochten aber heute buchstäblich in Blutvergießen enden. Barones Befürworter gedachten, ein paar Tage dafür aufzuwenden, ihre Kollegen auf seine Seite zu ziehen. Auch er selbst wollte sich Zeit nehmen, um vor jenen Personen aufzutreten. Er würde sich persönlich an jeden Einzelnen wenden, seinen Fall darlegen und genau sondieren, was sie verlangten. Wenn es eines gab, von dem er etwas verstand, dann war es die Art und Weise, wie Politiker tickten.

Als er an Bord des Schiffs ging, begrüßte ihn der Offizier an Deck und ließ ihn wissen, Oberfeldwebel Simpson suche nach ihm; es gebe etwas Wichtiges, das er ihm übermitteln wolle.

Barone ging über merklich leere Korridore. Viele seiner Männer waren ausgeflogen, entweder in die Stadt oder als Fernspäher überall in Oregon und North Carolina. Er vermisste die Umtriebigkeit eines voll besetzten Schiffs, nahm die Leere aber dankbar in Kauf, weil er wusste, was seine Männer gerade inmitten der Bevölkerung leisteten.

Barone begab sich zur Operationszentrale, wo er sich mit Simpson treffen sollte, sobald er wieder an Bord war. Als er die Tür des Raums öffnete, stieß er auf rege Betriebsamkeit.

»Der Colonel ist zurück, Sir«, rief Simpson.

Barone schwitzte immer noch, weshalb ihm die Kleider am Leib klebten. Im Besprechungszimmer angekommen begrüßte ihn sein vollzähliger Stab. Die Blicke waren ausnahmslos auf ihn gerichtet, während er sich durchs Gesicht fuhr und hinsetzte. An der Bildwand sah er eine Karte von Nordkalifornien, auf der zwei Bereiche rot eingekreist waren.

Barone kam gleich zur Sache: »Ich sehe einen Teil des Sonnenstaates; was ist passiert?«

»Sir, zwei unserer Fernspäher-Einheiten wurden angegriffen, eine in der Stadt Eureka, die andere in der Nähe von Redding«, berichtete Oberfeldwebel.

»Dann interessiert mich zuallererst, was unsere Jungs überhaupt so weit im Süden verloren haben.«

»Sir, dafür bin ich verantwortlich«, entgegnete Major Ashley. »Sie baten um Erlaubnis, bis dorthin vorzustoßen.«

»Major Ashley, hielten Sie das nicht für wichtig genug, um es mir mitzuteilen?« Ein verärgerter Unterton schlich sich in Barones Stimme ein.

»Sir, unsere Männer stießen hier und dort auf Schwierigkeiten, haben aber stets erfolgreich Kontakt hergestellt. Deshalb dachte ich, bei diesem Antrag sei Ihre Zustimmung nicht notwendig.«

»Major, ich kann nicht oft genug betonen, wie wichtig die Einhaltung der Befehlskette ist«, kritisierte der Colonel. »Was Entscheidungen zu weitreichenden Operationen angeht, führt kein Weg an mir vorbei.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Jetzt sagen Sie schon, was los ist.«

»Wir Sie wissen, hatten wir kleine Auseinandersetzungen mit zivilen Banden überall in Oregon. In diesem Fall besteht der Unterschied darin, dass wir auf andere Militärstreitkräfte gestoßen sind.«

»Sind es Marines, handelt es sich um die zweite amphibische Einheit?«

Ashley suchte die Blicke von Simpson und den anderen Männern, bevor er sich wieder an Barone richtete und antwortete: »Nein, Sir, es sind keine Marines – es sind überhaupt keine US-Truppen.«

»Was ist mit unseren Männern geschehen?«

»Die Patrouille in Eureka geriet nach einem Treffen mit dem Bürgermeister vor Ort in einen Hinterhalt. Wir haben fünf Mann verloren. Die Einheit vor Redding traf am Straßenrand auf den Gegner. Als sie anhielt, eröffnete er das Feuer. Unsere Männer schossen zurück und zerschlugen die Gruppe. Wir wissen, dass es keine US-Militärs sind, weil sie uns das hier übermittelt haben.«

Ashley nahm die Fernbedienung und betätigte eine Taste. Die Karte auf dem Schirm verschwand, und an ihre Stelle trat das Foto eines leichten Einsatzfahrzeugs mit auf der Ladefläche montiertem MG.

»Was ist das?« Barone neigte sich nach vorne, um besser zu sehen.

»Das wussten wir zuerst auch nicht so recht, erhielten aber Aufschluss, nachdem wir es in unsere Datenbank gespeist hatten. Es ist ein Tiuna UR-53AR50.«

»War es der einzige?«, fragte Barone.

»Sir, infolge des Gefechts haben wir alles sichergestellt. Auch dies war eine militärische Aufklärungsgruppe. Sie hatte drei Fahrzeuge, bestand aus einem Dutzend Männern mit Waffen und so weiter.«

»Woher zur Hölle kamen sie?«, drängte der Colonel.

»Aus Venezuela, Sir.«

Sandy, Utah

»Tut mir leid, Annaliese. Ich weiß, es ist nicht das, was du hören wolltest, aber ich kann dich nicht mitnehmen«, stellte Sebastian klar. Er saß neben ihr auf dem Bett, streckte sich zu ihr aus und nahm sie bei der Hand. Zuerst entzog sie sich seiner Berührung, dann aber ließ sie es sich gefallen und nahm ihrerseits seine Hand. Sie schaute ihn an und erwiderte: »Ich weiß, was du tun musst; ich habe vom ersten Tag an geahnt, dass du irgendwann wieder verschwinden würdest. Ich will nicht mit dir über deine Entscheidung streiten, deine Familie zu suchen, sondern dich nur begleiten. Du bist jetzt mein Ehemann, und ich muss an deiner Seite bleiben.« Eine Träne begann, an ihrer Wange hinunterzulaufen.

»Ach, Liebling, nicht weinen.«

»Du sagst mir, dass du aufbrichst, und ich weiß nicht, wann du zurückkommen wirst. Was erwartest du denn von mir? Ich liebe dich; ich will dich nicht verlieren.« Daraufhin flossen noch mehr Tränen.

»Komm her«, sagte er, lehnte sich zu ihr hinüber und umarmte sie.

»Verzeih mir, dass ich so rührselig bin. Ich muss stärker sein, ich weiß, aber ein Leben ohne dich ist für mich unvorstellbar. Uns geht es gut hier; wir sind in Sicherheit und haben genügend Vorräte für Jahre.«

»Gäbe es einen anderen Weg, würde ich diesen nehmen. Ich muss losziehen und meinen Bruder finden.«

»Ja, ja, schon klar.« Sie trocknete ihre Wangen und Augen, dann setzte sie sich aufrecht hin.

»Dein Onkel stellt mir unheimlich viele Hilfsmittel zur Verfügung, mir wird nichts passieren. Er gab mir auch ein Amateurfunkgerät, über das ich mit euch in Verbindung bleibe. Ich werde mich täglich melden und dich wissen lassen, wo ich bin.«

»Ich weiß, dass du das tun wirst, aber ich weiß auch, wie gefährlich es dort draußen ist. Frag doch wenigstens herum, ob jemand bereit ist, dich zu begleiten.«

»Das ist meine Pflicht. Ich will, dass alle wehrhaften Männer hier bleiben, um dich und deine Mutter zu beschützen.«

»Ich kann mich draußen behaupten; das habe ich schon bewiesen. Bitte lass mich nicht hier zurück.« Sie drückte seine Hand fester und schaute tief in seine blauen Augen.

»Du gehörst hierher – zu deiner Familie.«

»Du bist ein Teil meiner Familie, und ich gehöre an deine Seite!«, ereiferte sie sich.

Sebastian ließ diese Bemerkung kurz sacken, bevor er antwortete. Er glaubte durchaus daran, dass Mann und Frau, wenn sie heirateten, zur Familie wurden und gemeinsam in die Welt zogen, um ein neues Leben zu beginnen, doch in dieser neuen Welt war die Straße ein heikler, unwägbarer Ort. Er wollte seine junge Frau nicht in Gefahr bringen.

»Sebastian Van Zandt, ich habe dich geheiratet; wohin du auch gehst, ich komme mit, und jetzt will ich nichts mehr darüber hören«, sagte sie trotzig und versteifte sich in ihrer Haltung.

Dies war die Annaliese, die Sebastian kannte und liebte. Sie mochte zartfühlend sein, konnte aber auch zäh sein; zudem bewies sie Scharfsinn, ohne je irgendwem die Schau stehlen zu wollen, und ging nie mit ihrer Schönheit hausieren. Sie war einfach perfekt.

»Anna, bitte dränge mich nicht in diese Position«, klagte er.

»Welche Position meinst du? Eine, in der du aufstehst und vor meiner Mutter wie meinem Onkel darauf bestehst, deine Frau mitzunehmen?«, fragte sie zynisch.

»Du weißt, was sie davon halten.«

»Mir ist egal, was sie davon halten. Ich bin nicht mit ihnen verheiratet, genauso wenig wie du. Hör zu, du kannst weder behaupten, dass du sicher sein wirst, noch meine Sicherheit hier gewährleisten. Außerdem weißt du nicht, wie lange du fort sein wirst. Falls du allein aufbrichst, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass es übel ausgehen wird; aber mit mir an deiner Seite schaffst du alles.«

Sebastian konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er liebte ihr draufgängerisches Wesen.

»Was ist denn so witzig?«

»Nichts, ich liebe dich einfach zu sehr. Du bist wunderbar – und du hast Recht, wir beide schaffen alles zusammen. Er legte ihr eine Hand an die Wange und neigte sich zu ihr, um sie zu küssen.

Sie grinste, hielt ihn zurück und sagte: »Wann also ziehen wir los?«

Eagle, Idaho

Nachdem Nelson die Patrouille mit Eric beendet hatte, kam er zu Fuß zum Haus zurück. Er sann über Samantha und Haley nach. Mit ersterer war neuerdings kaum vernünftig zu sprechen, aber das Kind brauchte zweifellos die Aufmerksamkeit seiner Mutter. Auf dem Weg zur Terrasse hinterm Haus sah er, dass die Schiebetür offenstand. Zunächst dachte er sich nichts dabei, doch als er in die Küche kam und die Dose Sardinen auf dem Boden sowie eine Blutspur entdeckte, wusste er, dass etwas ganz und gar faul war.

»Samantha! Haley!«, rief er, während er sich von der Küche ins Wohnzimmer bewegte. Dort stieß er auf die Leiche des Mannes, der Sam angegriffen hatte. Eine beträchtliche Blutlache breitete sich um seinen Kopf aus.

»Samantha! Haley!«, rief er erneut.

Aus der Haltung des Toten schlussfolgerte Nelson, dass er die Treppe heruntergefallen war. Er eilte nach oben und rannte umgehend ins Kinderzimmer. Es war leer. Jetzt geriet er in haltlose Panik.

»Samantha! Haley!«, schrie er, als er aus dem Raum stürzte und Sams Zimmer aufsuchte. Das Blut im Flur führte ihn zu einer entsetzlichen Szene, wie er nun zu wissen glaubte. Als er den letzten Schritt tat und den Raum betrat, betete er darum, die beiden lebendig vorzufinden. Seine Bitte wurde nicht erhört, denn auch dieses Zimmer war verlassen. »Verdammt!«, fluchte er.

»Wo könnten sie nur sein?«, fragte er sich laut. Dann packte ihn die Angst, als er sich vorstellte, sie seien entführt worden.

Er lief so schnell er konnte hinaus und zurück nach unten zur Leiche. Auf der Suche nach irgendeinem Hinweis drehte er den Mann um. Jede Pore des Körpers strömte den Gestank von Alkohol aus. Eine gründliche Untersuchung erübrigte sich; die Häkelnadel steckte noch im Schädel des Kerls und verwies auf die Todesursache. Nelson durchsuchte alle Taschen, fand aber nur ein Schweizer Armeemesser und ein paar Flusen. Nichts an dem Mann deutete darauf hin, wer er war und woher er kam.

Enttäuscht machte er sich im Sprint auf den Weg zu Scotts Haus. Die eiskalte Luft stach in seiner Lunge. Angst und Panik erfüllten ihn. Was sollte er machen, wenn er sie nicht fand?

Er erreichte Scotts Haustür, die bereits aufging, bevor er anklopfen konnte.

Welk streckte einen Arm nach hinten aus. »Sie sind drinnen.«

Nelson stürzte hinein und entdeckte Samantha in der Küche, wo sie saß und sich von Lucy verarzten ließ.

»Oh mein Gott, Sam, geht es dir gut?«

Sie sah müde und geschlagen aus – im wahrsten Sinn des Wortes. »Ich werd’s überleben.«

»Wo ist Haley?«, fragte Nelson besorgt.

»Sie steht unter Schock und will nicht mehr sprechen; sie ist oben.« Samantha war merklich benommen vor Schmerz.

»Nelson, Nelson!«, quietschte das Kind vom oberen Treppenabsatz aus, der einen Blick in Küche und Wohnzimmer bot. Es kam die Stufen heruntergelaufen und stürzte sich in seine Arme. Nelson schlang sie um Haley und drückte sie fest. »Alles gut bei dir?«

»Wo warst du? Wir hätten dich gebraucht«, wimmerte sie.

»Tut mir so leid, Maus. Ich war bei Eric, wir haben gearbeitet«, erklärte er, während er sie wiegte.

Samantha spürte einen Anflug von Eifersucht, weil ihre Tochter ihm gegenüber so offen war, wohingegen sie ihrer eigenen Mutter die kalte Schulter zeigte. »Nelson, warum hast du mir nicht Bescheid gesagt, bevor du gegangen bist?«, fragte sie ihn im zurechtweisenden Ton.

»Ich … Entschuldigung, du hast Recht, das hätte ich tun sollen«, antwortete er. Er wollte sich verteidigen, wusste aber, dass dies nicht der richtige Zeitpunkt dafür war.

»Und warum hast du die Schiebetür zum Garten nicht abgeschlossen?«, mäkelte sie weiter.

»Ich dachte, das hätte ich, kann mich aber nicht mehr erinnern«, gestand er.

»Sam, muss das jetzt sein?«, bemerkte Scott.

»Wir müssen sichergehen, dass das nie wieder passiert«, brauste sie auf.

»Samantha, ich muss Scott zustimmen; bleiben wir ruhig«, warf Lucy ein. »Ihn anzuschreien, ändert nichts an der Tatsache, dass der Mann eindringen konnte.« Sie strich gerade Jod auf die Abschürfungen in Sams Gesicht.

»Lucy, der Kerl ist einfach so ins Haus geschlendert. Er drang nicht gewaltsam ein, sondern verschaffte sich Zugang durch die Tür, die Nelson nicht verriegelt hatte!«, schrie Sam.

»Mensch, es tut mir leid. Ich könnte schwören, dass ich sie zugemacht hatte, bevor ich das Haus verließ«, rechtfertigte sich Nelson.

»Tja, Haley hat sie nicht geöffnet, und sonst war niemand im Haus, also musst du der Schuldige sein, denn ich war es auch nicht!« Samantha brüllte mittlerweile.

»Ach was, du warst es nicht? Klar, denn du gehst ja gar nicht mehr vor die Tür, nicht einmal die deines Zimmers!«, konterte Nelson genauso rasend. Er hatte genug davon, sich über den Mund fahren zu lassen; er wusste, dass er die Tür geschlossen hatte, und duldete keine Belehrung. Fühlte er sich mies aufgrund dessen, was geschehen war? Jawohl. Allerdings konnte er nicht akzeptieren, wie Sam mit dieser Situation umging.

»Was hast du gesagt?«, gab Samantha zurück.

Beth trat ein. »Sam, bitte.«

Samantha richtete ihre Aufmerksamkeit auf sie und rief: »Das geht dich nichts an, Beth, halt dich raus!«

»Ihr beide müsst aufhören, sofort!«, fuhr Lucy dazwischen. Auch sie war laut geworden.

Nelson und Samantha stritten weiter miteinander, und keiner der beiden hörte die Beleidigungen des jeweils anderen über die eigene Stimme hinaus.

»Wie kannst du es wagen, so etwas von mir zu behaupten?«, schrillte Samantha. Sie schüttelte Lucy ab und stand auf, stapfte zu Nelson und versuchte, ihm Haley zu entreißen.

Das Mädchen klammerte sich an ihn und wollte nicht loslassen.

»Komm her, Haley; komm zu Mama.«

»Nein, lass mich in Ruhe, ich will bei Nelson bleiben«, jammerte die Kleine.«

»Du kommst jetzt zu mir!«, beharrte die Mutter.

»Hör auf, Sam, sie ist ganz aufgelöst«, mahnte er.

»Sie ist nicht dein Kind, sondern meins!«

»Dann benimm dich wie eine Mutter!«, entgegnete Nelson.

»Verflucht, Haley: Komm jetzt her!«

»Das reicht; so etwas dulde ich nicht in meinem Haus«, proklamierte Lucy laut. »Hier ist ein verschrecktes kleines Mädchen, und ihr beide führt euch auf, als wärt ihr nicht viel älter. Ist etwas schiefgelaufen? Ja, aber ihr lebt noch!«

»Ich habe die Tür aufgelassen«, murrte Haley.

»Wie war das?«, hakte Nelson nach.

»Ich habe sie aufgelassen. Verzeiht mir, es war mein Fehler. Ich bin runtergegangen, um nach Macintosh zu sehen.« Sie fing zu weinen an. »Verzeiht mir bitte, ich bin schuld.«

»Ach, Maus«, seufzte Nelson und küsste ihre Stirn, nachdem sie ihr Gesicht an seine Brust geschmiegt hatte.

Samantha wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte. Insgeheim wusste sie, dass Nelson Recht hatte. Sie war dem Kind während der letzten paar Wochen keine Mutter gewesen. Auf ihrer Suche nach Sohn und Ehemann hatte sie sich zusehends von Haley entfremdet, zerfressen von den Gedanken daran, wie schlimm es enden mochte. Nachdem Hunters Leichnam geborgen war, hatte sie sich völlig abgeschottet. Nelson war eingesprungen, um diese Leere zu füllen und sie zu stützen, doch sie haderte schwer damit, sich einzugestehen, was für alle anderen nachgerade zum Himmel schrie. Sie fühlte sich unwohl und ging zügig aus dem Zimmer und Richtung Haustür.

»Samantha, geh’ nicht!«, rief Lucy hinterher.

Sams Augen füllten sich mit Tränen, als sie die Tür hinter sich zuknallte. Die kalte Luft tat ihrer brennend heißen Haut gut. Sie machte sich auf den Weg zu ihrem Haus, blieb aber stehen, als ihr einfiel, dass der Tote noch dort lag. Deshalb ging sie weiter zum Stall. Je weiter sie sich vom Haus entfernte, desto ungehemmter flossen ihre Tränen. Ihr Körper fing zu schlottern an, da rutschte sie auf einer Eispfütze aus und stürzte in den Neuschnee. Sie schluchzte und heulte. Nachdem sie sich auf den Rücken gedreht hatte, schrie sie: »Wo bist du? Warum hast du uns verlassen?«

Crescent, Oregon

Gordon konnte nicht fassen, was ihm Gunny überließ: einen vollständig bewaffneten, gepanzerten Humvee mit einem anmontierten M240-Maschinengewehr und einer Gruppe Marines zu seiner Verstärkung. Die Straße nach Crescent war an einigen Stellen fast unbefahrbar, doch die milderen Temperaturen an diesem Tag trugen dazu bei, weite Teile des Eises zu schmelzen. Um die 91 Meilen zurückzulegen, brauchten sie nur fünf Stunden, also war es noch hell genug, als sie Crescent erreichten, um sich einen Eindruck von der kleinen Holzfällerstadt zu verschaffen. Gordon hoffte, dass die junge Frau noch dort verweilte und ihm ein paar wesentliche Informationen geben konnte.

»Irgendeinen Schimmer, wo sie sein könnte?«, fragte er die drei Soldaten im Wagen.

Der Gefreite Jones antwortete: »Ich habe selbst mit ihr gesprochen, Sir. Sie wohnte in einem Lagerraum hinter der Kneipe.«

»Was ist mit ihr los, weshalb haust sie dort?«

»Sie ist anstrengend, eine ziemliche Schrulle. Sie war von irgendwoher aus Kalifornien gekommen, größtenteils zu Fuß, bis sie sich ein Motorrad besorgt hatte. Damit war sie nicht weit südlich vor Crescent gestürzt, woraufhin sie sich dort auskurierte. Wir waren auf der Straße auf sie gestoßen. Zunächst hatte sie nichts von uns wissen wollen, sich dann aber endlich von uns helfen lassen. Nachdem wir mit ihr in die Stadt gefahren waren, gab ihr der Wirt ein Dach über dem Kopf, bis sie wieder auf die Beine kommen würde.«

»Und wie weit ist es bis zu der Kneipe?«, fragte Gordon.

»Um genau zu sein … sind wir schon da.« Jones bog links auf einen Schotterparkplatz ein.

»Großartig, hoffentlich ist sie noch hier«, sagte Gordon, als er aus dem Geländewagen stieg. So wie die Bar aussah, mochte sie einmal ein Wohnhaus gewesen sein. Laut Aussage der Marines hatte der Besitzer John Wilkes eine Menge Alkohol und sah sich nicht veranlasst, den Laden dichtzumachen. The Mohawk – so hieß die Absteige – war nunmehr ein Treffpunkt und Zufluchtsort für die Siedler von Crescent.

Zwei der Soldaten schlossen sich ihm an, neben Jones noch Corporal Rubio. Der dritte, Hauptgefreiter McCamey, blieb beim Wagen. Das Trio ging zur Tür, über der ein handgeschriebenes Schild hing. Darauf stand: Geöffnet für die Apokalypse. Gordon lachte auf und trat ein. Drinnen stieg ihnen ein streng ranziger Geruch in die Nase, der sich mit kaltem Zigarettenqualm vermischte. Der Raum war mit kleinen Esstischen ausgestattet, und im hinteren Teil erstreckte sich 20 Fuß lang an einer Mauer die Theke, über der ein breiter Spiegel hing. An den anderen Wänden hingen Bierschilder und Fernseher, die gerade ausgeschaltet waren. Zu Gordons Rechter standen mehrere Videospielautomaten und Flipper, ebenfalls nicht in Betrieb. Alles in der Bar, das einmal gebrummt, geklingelt, gerappelt oder gepiept haben beziehungsweise beleuchtet gewesen sein mochte, war jetzt nur noch eine stumme Erinnerung an vergangene Tage.

Ausschließlich Kerzen erhellten das Etablissement. Es ließ Gordon an ein Restaurant in San Diego denken, in dem er regelmäßig mit Sam gegessen hatte. Die Erinnerungen an sein früheres Leben, die ihm einfach so in den Sinn kamen, waren zuweilen sonderbar. Leise Melancholie beschwerte seine Brust, aber er wischte sie fort, als der Gefreite ihn ansprach.

»Dort drüben, Sir.« Er zeigte zum Tresen.

Gordon ging um die schmalen Tische herum, die in jede Wohnwagenküche gepasst hätten, auf eine kleine Brünette zu, die vor einer Reihe von Schnapsgläsern an der Theke saß. Er näherte sich ihr betont gelassen und nahm auf dem Hocker neben ihr Platz.

Bevor er das Wort erheben konnte, platzte sie heraus: »Wo liegt Ihr Problem, Mann?«

»Na, wenn das mal keine nette Begrüßung ist«, entgegnete Gordon.

Sie nahm eines der Gläser, das mit Whiskey gefüllt war, und trank es leer. Indem sie es auf die Theke knallte, fuhr sie fort: »Wollen Sie mich anmachen oder irgendetwas Anderes? Ich sehe, Sie haben Kollegen mitgebracht.« Sie drehte sich um und nickte den Marines im Raum zu.

»Ich heiße Gordon und …«

»Ich kenne Sie!«, rief sie dem Gefreiten zu. »Sie sind der Soldat, der mich aufgelesen hat. Kommen Sie hier, ich gebe einen aus.« Ihr Lallen verriet, dass sie angeheitert war.

Jones nickte, schwieg aber. Sie wandte sich wieder an Gordon: »Wie war noch gleich Ihr Name?«

»Ich heiße Gordon Van Zandt. Soweit ich weiß, haben Sie …«

Wieder schnitt sie ihm das Wort ab: »Moment mal, von Ihnen hab ich gehört.« Sie bedeutete John, er solle ihr noch einmal einschenken.

Gordon streckte sich aus und legte eine Hand auf ihr Glas. »Bevor Sie zu betrunken sind«, sagte er, »möchte ich Ihnen ein paar Fragen stellen. Wenn ich fertig bin, dürfen Sie sich gern die Lichter ausschießen.«

Sie schaute zuerst ihn aufmüpfig an und dann zu den beiden Marines. Sie schien zu erkennen, dass sie nicht damit durchkommen würde, wenn sie Gordon angriff. »Was wollen Sie wissen, Tiger?«

»Woher kennen Sie mich?«

»Meine Mutter hat mich zur Höflichkeit erzogen. Ist es nicht lustig, dass so etwas aus dem Mund einer Frau kommt, die mal die fieseste Schlampe war, die man sich vorstellen kann?« Sie lachte. »Gordon Van Zandt, ich bin Lexi Tolanus. Freut mich, Sie kennenzulernen.«