17. März 2015
Alle wollen die Welt verändern, aber keiner sich selbst.
Leo Tolstoi
Fünf Meilen östlich von Hines, Oregon
»Es geht ihm langsam wieder besser. Er hat kein Fieber mehr, fühlt sich aber immer noch …«, begann Wilbur, ehe Cruz ihr die Worte aus dem Mund nahm.
»Wie der letzte Dreck«, sagte er barsch. Er nahm einen Schluck Wasser und holte röchelnd Luft. Selbst der Versuch, sich aufrecht hinzusetzen, war anstrengend für ihn.
»Geht es ihm gut genug, um mit ihm weiterzureisen?«, fragte Gordon.
»Warten wir noch ein, zwei Tage. Ich denke, er sollte sich hier auskurieren. In diesem Fahrzeug zu sitzen, ist so unbequem.« Wilbur schob dem Vizepräsidenten eine zusammengerollte Decke hinter den Rücken.
»Ein, zwei Tage? Wir sind schon spät an. Ich konnte mit niemandem Kontakt aufnehmen. Vermutlich machen die sich große Sorgen und fragen sich, was passiert sein könnte.«
»Sollen sie ruhig; er muss noch gesünder werden, bevor wir aufbrechen«, erwiderte Wilbur nachdrücklich.
Cruz hob müde eine Hand. »Morgen sollte ich soweit sein. Warten wir nicht noch länger.«
Gordon lächelte. Er war unruhig geworden, nachdem er während seines Nickerchens in dem Büro von Samantha und Haley geträumt hatte. Jetzt wollte er nur noch schnellstmöglich nach McCall kommen.
»Vielleicht sollten wir es noch einmal mit dem Funkgerät versuchen, indem wir uns einen höhergelegenen Ort suchen«, schlug Christopher vor.
»Nein, bleiben wir einfach hier. Es scheint sicher zu sein, und wir haben alles, was wir brauchen«, entgegnete Gordon. Dann verließ er die drei und ging nach draußen, um frische Luft zu schnappen und zu überlegen.
Christopher kam hinterher. »Störe ich?«
»Nein, gar nicht.«
»Das alles ist so verrückt«
»Was meinen Sie?«, fragte Gordon.
»Wenn ich mir vorstelle, wie anders das Leben geworden ist. Als der Strom ausging, war ich auf der Arbeit. Zunächst freuten wir uns alle, weil nichts mehr funktionierte. Wir plauderten, lachten gemeinsam und genossen jene ersten Stunden; uns war alles recht, um nicht arbeiten zu müssen, doch dann kamen nach und nach diese seltsamen Berichte von Autos rein, die nicht mehr liefen. Ich traf mich mit der Bürgermeisterin, und sie machte schon Anstalten, dem Problem auf den Grund zu gehen, aber nach wie vor ließ sich kein Gerät bedienen. Erst als ich nach Hause gegangen war und mich mit meiner Frau und meiner Tochter zusammensetzte, bekam ich Angst.« Christopher hielt inne. Er schien das Folgende nur schwerlich herauszubringen. »Während der ersten paar Abende machten die beiden das Beste aus der Situation. Meine Frau baute für das Mädchen ein Zelt im Wohnzimmer auf. Es war ganz begeistert. Die Krise offenbarte sich schon ungefähr 48 Stunden danach: Geschäfte wurden geplündert, und auf den Straßen begannen Raubzüge. Die Bürgermeisterin trat für unsere Stadt und die öffentliche Ordnung ein. Zum Glück für uns führte die Polizei ihren Dienst größtenteils weiter.«
Gordon betrachtete Christopher. Die Stimme des Mannes zitterte, je länger er sprach.
»Ich erinnere mich noch genau an jenen Tag; er ist in meinem Gedächtnis eingebrannt. Ich war bei der Bürgermeisterin, um einen Plan zur Sperrung der Straßen zu umreißen, als die alte Finanzleiterin der Stadt hereinkam.« Er machte wieder eine Pause. Jetzt bebten seine Lippen. »Sie sagte mir, meine Frau und meine Tochter seien von einer Gruppe Männer getötet worden, die zum Plündern ins Krankenhaus gekommen waren. Meine Frau arbeitete als Schwester und hatte angefangen, Melody dorthin mitzunehmen. Sie wollte dem Kind beibringen, wie wichtig es ist, anderen zu helfen, obwohl sie es sich einfach hätte machen können, indem sie daheim geblieben wäre. Sie ging weiter jeden Tag zur Arbeit, um diejenigen zu retten, denen es sehr schlecht ging. Diese Männer platzten schlicht herein und brachten sie um.« Mittlerweile weinte Christopher unverhohlen.
Gordon konnte seinen Schmerz nachempfinden; er hatte ihn selbst erlebt.
»Der Mann, der meinen Sohn Hunter getötet hat, fügte mir diese Narbe zu«, gestand er nun.
Bei der Erwähnung des Mordes an Gordons Sohn blickte Christopher auf.
»Tut mir leid für Sie.«
»Und mir für Sie«, gab Gordon zurück.
»Der Mann tötete ihn vor meinen Augen, ohne dass ich irgendetwas dagegen hätte tun können«, schilderte er weiter. »Ich musste dabei zuschauen, wie das Leben aus meinem Sohn wich. Die Hilflosigkeit, die Sie erfahren haben … ich kenne sie auch.«
»Aus diesem Grund muss das hier gut ausgehen; deshalb gilt es, Menschen wie die Bürgermeisterin zu unterstützen. Sie hat Vorstellungen für Coos Bay, die nicht auf Gewalt fußen.«
Während die beiden ihren fürchterlichen Verlust miteinander teilten, wurde Gordon klar, dass sie jeweils sehr unterschiedliche Leben führten. Die Welt hatte sich verändert, und so wie früher würde es nie mehr werden. Christopher war ein sanftmütiger, guter Mensch, aber nicht so rigoros pragmatisch wie er.
Gordon wollte ihn nicht beleidigen, also hielt er seine Antwort simpel: »Ihre Bürgermeisterin mag eine lautere, rechtschaffene Person sein, doch der einzige Weg, um in dieser Lage Frieden zu stiften, führt über Waffengewalt.«
Eagle, Idaho
Die Suche nach Nelson wurde sofort eingeleitet, doch Samantha wusste, dass er für immer verschwunden war. Es gab nicht den leisesten Hinweis darauf, dass er noch lebte; nichts deutete in irgendeine Richtung, und auch Haley konnte ihnen nicht helfen. Auf die Frage, wo sie gefangen gehalten worden war, antwortete sie, nie etwas gesehen zu haben, weil sie die ganze Zeit über eine Augenbinde getragen hatte. Der Versuch, Nelson aufzuspüren, war wie die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Sam wusste nicht, was sie sonst tun sollte, also nahm sie zu einer ihrer Fahrten nach draußen mehrere Schilder mit, die sie angefertigt hatte.
Wochen zuvor war ihr die Idee gekommen, solche Marker entlang des Highway 55 aufzustellen, um Gordon den Weg zu ihrer Gruppe zu weisen. Dazu inspiriert hatten sie ähnliche handgefertigte Schilder auf dem Weg nach Eagle. Als sie mit diesem Vorhaben an Nelson herangetreten war, hatte er zuerst darüber gelacht und dann befürchtet, Samantha würde auf diese Weise unerwünschte Aufmerksamkeit auf die Siedlung ziehen. Mittlerweile aber schien es nichts anderes für sie zu geben, um ihr Gewissen zu beruhigen.
An diesem Morgen begleitete Eric sie. Als er fertig damit war, das letzte Schild vor ein anderes auf dem Highway zu nageln, drehte er sich um und sagte: »Hoffentlich klappt das. Ich bezweifle es allerdings.«
Sam antwortete ihm nicht.
»Die Straßen sehen relativ gut aus. Vielleicht schaffen wir es bald, weiter nach Norden vorzustoßen, um herauszufinden, ob der Weg nach McCall frei ist.«
»Kommt es nur mir so vor, oder findest du nicht auch komisch, dass wir darüber sprechen, ohne Nelson nach McCall aufzubrechen?«, fragte Samantha.
»Ich bin davon ausgegangen, dass wir ihn bis dahin gefunden haben«, erwiderte Eric.
»Werden wir das jemals? Er ist seit zwei Tagen fort, und wir haben keine Ahnung, wohin sie ihn mitgenommen haben.«
»Allzu weit können sie nicht sein; sie waren zu Fuß da.«
»Richtig, aber sie bräuchten nur eine Meile nach Süden zu gehen, bevor sich wirklich Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Häusern auftun. Was sollen wir machen – einfach Klinken putzen?«
»Du willst also nicht mehr weiter nach ihm suchen«, unterstellte Eric.
»Doch … aber wie lange sollen wir noch hierbleiben? Gefährden wir so nicht das Leben unserer Kinder? Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was wir tun sollen, und fühle mich entsetzlich, weil ich diejenige war, die Raymond tötete. Nelson hat sich für mich geopfert; wie kann ich also die Suche nach ihm abbrechen? Wann entscheiden wir, dass es genug ist? Werden wir Wochen, Monate, Jahre nach ihm fahnden?«
»Frag das Frank und Gretchen«, entgegnete Eric gereizt. »Ich glaube, die kennen eine Antwort darauf.«
Die Diskussion erinnerte sie an ihr Streitgespräch mit Mike und dessen Ehefrau Stacy in der Wüste, als sie Gordon und Hunter gesucht hatten. Die Ironie hinter der Tatsache, dass sie jetzt einen vernünftigen Grund dafür finden wollte, Nelson aufzugeben und in den Norden nach McCall zu fahren, wo sie in Abgeschiedenheit sicher sein konnten, war verstörend.
»Was, wenn wir ihn auch in den nächsten paar Monaten nicht finden? Verschwinden wir dann von hier? Lassen wir Frank und Gretchen zurück? Oh mein Gott, sie werden uns hassen!«, klagte Samantha.
»Am Ende läuft es wohl darauf hinaus, dass wir tun, was wir unabhängig von anderen als wichtig für uns und unsere Familien erachten«, sann Eric. »Gordon hatte Recht; jeder ist sich wirklich selbst der Nächste.«
Sie dachte weiter über diese komplizierte Frage nach. Waren die Menschen tatsächlich so gestrickt? Viele spuckten große Töne über Treue und Ergebenheit oder maßten sich diese Tugenden selbst an, aber legten sie sie auch wirklich an den Tag, wenn es ums Überleben ging?
»Weißt du, ginge es nur um mich alleine, würde ich nicht von hier fortgehen, aber ich habe Haley und muss an ihre Sicherheit denken. Nelson behält Recht: Truman und sein Trupp werden eines Tages zurückkommen, wenn sie Not leiden, und dann möchte ich nicht hier sein, also schätze ich, in gewisser Hinsicht schließt sich der Kreis. Ich halte weiter nach Nelson Ausschau, doch wenn wir die Gelegenheit dazu bekommen, nach Norden zu gelangen, tun wir es. Ich glaube, das würde auch er so wollen.«
Eric entgegnete nichts. Etwas hinter ihr beanspruchte seine Aufmerksamkeit, weshalb er über ihre Schulter blickte. »Sieh mal, ein Elch.«
Sie drehte sich um und sah den imposanten Paarhufer mehrere Hundert Yards entfernt stehen.
»Mensch, diese Tiere sind so riesig«, bemerkte Eric.
»Ich denke so langsam, dass die eigentlichen Tiere wir sind, nicht sie.«
Cheyenne, Wyoming
»Nichts? Sie haben Hubschrauber hingeschickt und nichts gefunden? Auch keine Funkverbindung?« Conner sorgte sich aufgrund der Nachricht, dass jeglicher Kontakt zu dem Wagen, mit dem Cruz zurückgebracht werden sollte, verloren war. »Wohin sind sie gefahren? Ich würde immer noch gerne wissen, warum wir das zugelassen haben. Mir war klar, dass diese Idee dumm ist.«
»Wir haben es geschafft, ein paar Drohnen zurück ans Netz zu bringen, und die operieren jetzt in der Gegend um Pocatello«, fügte Baxter an. »Eigentlich hätten unsere Streitkräfte dort auf sie stoßen sollen.«
»Meinen Sie, der Colonel könnte uns mit alledem nur an der Nase herumgeführt haben?«
»Das weiß ich genauso wenig wie Sie, Sir.«
»Wir müssen es aber wissen. Ich brauche handfeste Informationen. Holen Sie mir den Colonel sofort an die Strippe; lassen Sie mich wissen, sobald Sie ihn durchstellen können.«
Ein Telefongespräch mit Barone anzuberaumen, dauerte eine Stunde. Als Conner den Hörer abnahm, hatte er absolut keine Ahnung, in welche Richtung sich die Konversation entwickeln würde. Ihr Abkommen beruhte auf Vertrauen, und falls Barone ihn wieder hintergangen hatte, stand ihm möglicherweise ein Zweifrontenkrieg bevor.
»Colonel Barone?«
»Ja, am Apparat.«
»Colonel, können Sie mir vielleicht sagen, wo der Vizepräsident abgeblieben ist?«
»Der Fahrer ist schon mehrere Tage unterwegs, also sollte es nicht mehr lange dauern, bis sie eintreffen. Allerdings nehmen sie Nebenstraßen, also kann wer-weiß-was dazwischengekommen sein.«
»Warum haben Sie sie nicht eingeflogen?«
»Wir verfügen nicht über die nötigen Mittel, um einfach so Personen auf dem Luftweg zu befördern, tut mir leid.«
»Sie haben Helikopter«, erinnerte der Präsident verärgert, »und ich weiß, dass es Ihnen an Treibstoff nicht mangelt.«
»Mr. Conner, ich habe mich zu dieser Transportart entschieden«, hielt Barone dagegen, »weil mich die Anforderungen hier vor Ort dazu zwingen.«
»Mir wäre es recht, wenn Sie mich Mr. President nennen würden.«
Der Colonel hielt ein paar Augenblicke inne, bevor er antwortete: »Nein, ich nenne Sie weiterhin Mr. Conner, Sie sind nicht mehr mein Präsident, schon vergessen?«
»Wie auch immer! Weshalb haben Sie neulich verschwiegen, als wir miteinander sprachen, dass Sie sie nicht fliegen würden? Wenn Sie keine Hubschrauber haben, wäre ich bereit gewesen, sie abzuholen, aber das ist einfach Irrsinn.«
»Mit Verlaub, Sie haben nie gefragt, wie ich sie befördern wollte. Dass Sie nichts über dieses wichtige Detail wissen wollten, wunderte mich, obwohl andererseits …«
»Hören Sie mit diesem Unfug auf, Mr. Barone: Haben Vizepräsident Cruz und Sekretärin Wilbur Coos Bay überhaupt je verlassen?«
»Ha, das fragen Sie jetzt, weil Sie den Verdacht hegen, ich hätte Sie womöglich angelogen und würde sie noch festhalten? Lassen Sie sich versichern, ich wünsche mir, dass der Vertrag, den wir ausgehandelt haben, zustande kommt. Cruz und Wilbur weiter gefangen zu halten, brächte mir jetzt nichts. Ich wäre töricht, eine gute Sache in den Wind zu schlagen.«
Barone hatte nicht Unrecht: Cruz und Wilbur nicht freizulassen, hätte jeglicher Vernunft widersprochen.
»Warum«, fragte er neugierig, »sind sie Ihrer Meinung nach nicht in Ihre Richtung gefahren?«
»Weil sie auf sich warten lassen. Sobald wir herausfanden, dass Sie sie mit einem Fahrer überstellen, schickten wir eine Einheit los, um sie abzufangen. Unseren Einschätzungen zufolge hätten sich ihre Wege kreuzen müssen, aber nichts da – keine Spur von ihnen. Seitdem setzen wir Drohnen entlang der Strecke ein, die sie genommen haben. Irgendwo unterwegs sind sie verschwunden, und jetzt gilt es, über 1.200 Meilen Straße abzusuchen. Das ist zwar nicht unmöglich, aber ein ziemlicher Kraftakt.«
»Ich verstehe, warum Ihnen das Kopfschmerzen bereitet. Was erwarten Sie von meiner Seite aus?«
»Zunächst einmal: Wie gut kennen Sie die Männer, die sie begleiten?«
»Es ist nur einer.«
»Was? Sie haben eine einzelne Person losgeschickt?«
»Ja, auf mehr konnte ich nicht verzichten. Die Zivilbehörden der Stadt haben meinem Mann noch jemanden zur Verfügung gestellt, und er selbst hat noch zwei weitere ausgesucht.«
»Also ist er doch nicht allein, sondern begleitet sie mit drei anderen?
»So ist es«, bestätigte Barone fälschlicherweise, um Conner nicht weiter zu verärgern.
»Können Sie ein paar Luft- und Bodenelemente aussenden, um ihre Route nachzuverfolgen?«
Barone schwieg einen Moment lang.
»Schon gut, lassen Sie sich ruhig Zeit mit Ihrer Antwort«, schob Conner entnervt nach.
»Ich werde mehrere Teams zusammenstellen und veranlassen«, sagte er schließlich, »dass sie sofort ausgeschickt werden. Bitte sorgen Sie dafür, dass General Baxter mit mir in Verbindung bleibt. Falls Sie früher auf sie stoßen als ich, kann ich meine Einheiten zurückziehen. Ich brauche jeden verfügbaren Mann hier.«
»Da wir nun Verbündete sind, darf ich wohl fragen, ob alles in Ordnung ist. Wenn ich Sätze wie diesen oder ›Wir verfügen nicht über die nötigen Mittel‹ höre, läuten bei mir die Alarmglocken.«
»Wir stehen hier vor Problemen, die Ihren eigenen nicht unähnlich sind. Übrigens, wie ist es so in Cheynne? Ich habe gehört, dort sei es windig und kalt.«
»Hier ist alles bestens«, erwiderte Conner im Bestreben, die Unterhaltung gleich wieder in eher sachliche Gefilde zu lenken. »Bitte geben Sie den Gefallen zurück, und bleiben Sie ebenfalls in Kontakt mit General Baxter.«
»Werde ich, wenn das alles ist. Jetzt kümmere ich mich sofort darum, dass sich diese Teams auf den Weg machen.«
»Ich weiß das zu schätzen. Ach, bevor ich Sie erlöse, wollte ich mich ausdrücklich dafür bedanken, dass Sie die Kriegsschiffe des panamerikanischen Imperiums versenkt haben. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viel das sowohl Ihnen als auch mir hilft.«
Daraufhin hängten die beiden auf.
»Dylan, herkommen!«, rief Conner.
Sein Vertrauter kam aus dem Büro nebenan gelaufen. »Ja, Mr. President?«
»Holen Sie mir Baxter ans Telefon oder gleich hierher, was auch immer gerade schneller geht. Der Colonel machte einige interessante Andeutungen, und ich würde gerne erfahren, was dort in Coos Bay los ist.«
»Läuft alles rund mit dem Colonel?«
»Weiß ich nicht, deshalb brauche ich eben Baxters Hilfe. Ich mache mir Sorgen … große Sorgen.«
Coos Bay, Oregon
Nachdem Barone aufgelegt hatte, kehrte er in den Hauptraum seiner Kommandozentrale zurück. Er befand sich an Bord der USS Makin Island, da er sonst nirgendwo Ferngespräche führen konnte.
»Master Sergeant, wir müssen mehrere Teams aussenden. Anscheinend kann sich unser Freund Van Zandt nicht an seine Befehle halten. Er mag sich verirrt haben, in der Bredouille stecken oder im schlimmsten Fall tot sein.«
Simpson sprach gerade mit einem Stabsbootsmann, als Barone dazwischenfuhr. »Verzeihen Sie, Sir, wie war das?«, fragte er laut. »Wer mag tot sein?«
»Van Zandt – und der Vizepräsident.«
»Roger, Sir, ich unterweise mehrere Teams, sodass sie in sechs Stunden bereit sind, ist das früh genug?«
»Ja, das wäre gut.«
Barone verließ den Raum und ging auf direktem Weg zu seinem alten Quartier. Eine Migräne bahnte sich an, und er brauchte ein wenig Zeit für sich allein. Er legte sich nieder und schloss die Augen, bevor nach einer Minute – so kurz kam es ihm vor – die Gegensprechanlage knarrte:
»Colonel Barone, Colonel Barone, bitte in Operationszentrale melden.«
»Scheiße!«, fluchte er, als er sich aufrichtete. Er war so müde, dass er nicht einmal seine Schuhe ausgezogen hatte. Wehmütig schaute er aufs Bett und sagte zu ihm: »Wird nicht lange dauern.«
Simpson wartete vor der Zentrale auf ihn. »Sir, wir haben ein Problem.«
»Das ist ja mal was Neues. Worum geht es?«
»Die Proteste vor dem Rathaus sind in Krawalle ausgeartet. Die Menge stürmte das Gebäude, um Sie zu finden. Berichten zufolge sind sie nun auf dem Weg zum Hafen.«
»Oh, fantastisch«, erwiderte er trocken.
»Da sind Gerüchte aufgekommen, Sie hätten Cruz und den Mittelsmann der Bürgermeisterin töten lassen«, fügte Simpson hinzu.
»Was? Wer behauptet das?«, fragte Barone wütend nach dieser Mitteilung.
»Bürgermeisterin Brownstein führt die Aufrührer an, das ist alles, was ich weiß.«
»Himmel, tatsächlich? Ich habe die Nase gestrichen voll von diesem Pack«, fuhr der Colonel auf. »Es gibt Schwierigkeiten, die wir beheben müssen, da brauchen wir niemanden, der uns Zeit und Energien raubt, nur weil er sich hervortun will! Rufen Sie Gefechtsbereitschaft aus, die Männer sollen an den Docks vor den Schiffen aufmarschieren und sich darauf gefasst machen, ein paar aufmüpfige Zivilisten in ihre Schranken zu verweisen.«
»Roger!«, bestätigte Simpson und ging zurück in die Zentrale.
***
Barone ging nach oben aufs Flugdeck, um sich alles aus der Vogelperspektive anzuschauen.
Soldaten rannten übers Deck und vom Schiff hinunter. Der Colonel beobachtete, wie sich der beachtliche Mob auf der Straße näherte. Die Menschen ergingen sich in Sprechchören oder Gegröle, viele hielten Schilder und Banner hoch.
»Mal im Ernst!«, sagte er laut bei sich. »Was glauben die, wo sie sind, auf einem verdammten College-Campus? Idioten!«
An der Spitze der Menge ging Bürgermeisterin Brownstein, und zwar einhellig mit den anderen Ratsmitgliedern aus Coos Bay und North Bend. Barone konnte dem Drang, sich persönlich um die Situation zu kümmern, nicht widerstehen. Er verließ das Flugdeck und mischte sich unter seine Soldaten, die gerade von Bord gingen.
Unteroffiziere und Offiziersanwärter organisierten ihre Männer an den Seiten der Schiffe in Abwehrformation. Sie alle trugen ihre Schutzmontur mit Helmen. Barone hatte zwar keine Feuerwaffen angeordnet, aber Simpson war dem wohl eigenmächtig nachgekommen.
Die Zahl der Demonstranten war auf mehrere Tausend angewachsen. Einer größeren Masse war er noch nie entgegengetreten, und sie schien bereit zu sein, sich in einen Kampf zu stürzen. Die Menschen sangen und marschierten weiter, bis sie nur wenige Fuß vor der Reihe aus bewaffneten Marines stehenblieben.
Bürgermeisterin Brownstein drehte sich um und erhob ihre Stimme, um ihre Anhänger um Ruhe zu bitten. »Still sein, sagen Sie das weiter! Ich möchte mich an den Colonel wenden; dafür müssen alle leise sein.«
Das Gejohle und Rufen ebbte durch die Reihen ab, bis die meisten in Erwartung dessen schwiegen, was nun geschehen mochte. Brownstein richtete sich an die Marines, nahm ein Blatt Papier hervor und begann zu lesen: »Soldaten und Matrosen, meine amerikanischen Mitbürger – bitte legen Sie Ihre Waffen nieder, schließen Sie sich uns an! Wir sind nicht als Gegner hier, sondern als Freunde. Wir möchten weiter zu den Vereinigten Staaten gehören. Wir haben uns dagegen entschieden, ein neues Land zu gründen; wir entscheiden uns dazu, in dem Land zu bleiben, in dem wir geboren wurden oder in das wir, wie es bei einigen von uns der Fall ist, bewusst eingewandert sind! Wir lieben Sie und heißen die Opfer gut, die Sie, Männer wie Frauen, für uns gebracht haben! Mit Colonel Barone jedoch kommen wir nicht überein. Er ist ein Verräter, der gegen dasselbe Land gehandelt hat, das zu verteidigen er einen Eid leistete. Er hat dieses Land im Stich gelassen und Sie gegen Ihren Willen hergebracht! Wir vergeben Ihnen! Wir wissen, Sie mussten Befehle befolgen, aber jetzt sollte Ihnen klar werden, dass Sie keine unlauteren Befehle auszuführen brauchen! Dieser Mann hat unser System der Gewaltentrennung pervertiert! Er läuft hier auf wie Julius Cäsar und macht große Versprechungen, doch sein Ziel besteht im Erobern. Er hat nun einen weiteren Schritt gewagt, indem er den Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten gemeinsam mit unserem nächsten Bruder Christopher Hicks umbringen ließ. Er ist ein Verräter und Gesetzloser, weshalb wir, die Bürger von Coos Bay, North Bend und der Küstenregion Oregons gekommen sind, um diesen Mann festzunehmen und zur Rechenschaft zu ziehen!«
Lauter Jubel erbrach sich auf diese Rede hin, dann begann die Menge, wieder und wieder »Verräter!« zu rufen.
Die Marines vor Brownstein betrachteten das Volk mit steinernen Gesichtern. Sie versuchte es erneut: »Soldaten, bitte legen Sie Ihre Waffen nieder und schließen Sie sich uns an.«
Barone drängelte sich in die erste Reihe seiner Menge und stand schließlich unmittelbar vor der Bürgermeisterin. »Madam, ich kann mich von jeher fürs Theater erwärmen, und Sie ziehen hier eine gehörige Schau ab.«
»Das ist keine Schau und dient auch nicht zu Ihrer Unterhaltung, sondern demonstriert die Kraft, die vom Volk ausgeht.«
»Volk? Warum meinen Zivilisten ständig, sie allein seien das sogenannte Volk, Menschen in Uniform hingegen ihre Werkzeuge? Diese Männer – meine Männer – zählen auch zum „Volk“. Ich habe genug von Ihnen und Ihresgleichen, die sich das Recht auf ein Monopol herausnehmen!«
»Lieutenant Colonel Barone, wir sind hier, um Sie wegen Mordes an Vice President Cruz und Christopher Hicks festzunehmen!«, schrie Brownstein.
»Mord? Sie sind nicht tot!«
»Wir haben Informationen erhalten, die es belegen. Mit Hinblick auf Ihre früheren Handlungen müssen wir davon ausgehen, dass Sie ihren Mord veranlasst haben. Im Rahmen eines gerechten Prozesses gehen Sie entweder als schuldig oder nicht schuldig hervor, doch an einer Verhandlung führt kein Weg vorbei!«
»Bürgermeisterin Brownstein, hier gibt es viel zu tun. Tausende mit einer Lüge aufzustacheln, dann hier herunterzukommen und mich festnehmen zu wollen, ist närrisch. Ich gehe nirgendwohin, ich habe Arbeit zu tun!« Nachdem sich Barone ausgelassen hatte, wandte er sich ab. Auf dem Weg zurück vorbei an der ersten Reihe Marines traf ihn eine Flasche, die jemand warf, am Kopf.
Durch die Wucht des Aufpralls verlor er das Gleichgewicht und geriet ins Straucheln. Ein Soldat hielt ihn fest. Als er sich an den Kopf fasste und seine Finger betrachtete, sah er Blut. Wütend fuhr er erneut herum und ging wieder zu Brownstein, um sich vor ihr aufzubauen.
Er hielt ihr die blutverschmierte Hand vors Gesicht und hob an: »Das kann sehr übel für Sie ausgehen, es sei denn, Sie beschwichtigen diese Meute. Sie kamen her, weil Sie mein Blut wollten. Hier. Möchten Sie jetzt auch ihr Blut sehen?« Er zeigte auf die Menge.
Brownstein hörte seine Drohung laut und deutlich. Ihr war bewusst, dass hohes Gewaltpotenzial in ihrer Mobilmachung einer so großen Zahl von Menschen steckte, suchte aber keinen Konflikt mit Barone. Vielmehr hatte sie sich Hoffnungen darauf gemacht, ein solcher Beweis von Stärke zwinge ihn dazu, sie anzuhören. Das war ihr gelungen, doch jetzt wusste sie nicht genau, welches Ziel sie mit der Gruppe erreichen wollte. Natürlich wäre sie froh gewesen, hätte er sich ihr ausgeliefert, aber sie wusste, dass er das nicht freiwillig tun würde.
Aus der Menge drangen weitere aufgebrachte Rufe.
Da drehte sie sich um und entgegnete: »Alle herhören, bitte. Wir sind friedfertige Menschen; wir haben uns hier eingefunden, um dem Colonel zu zeigen, dass viele von uns zornig auf ihn sind und ihn nicht hier haben möchten. Gegen diese Männer zu kämpfen, liegt uns fern!«
Aus der Mitte des Pulks flogen mehrere Steine, die an den Helmen der Marines in der ersten Reihe abprallten.
»Frau Bürgermeisterin, lösen Sie diesen Mob auf und gehen Sie nach Hause! Falls Sie reden möchten, können wir das tun, aber nicht so! Sollten Sie sich mit dem Präsidenten unterhalten wollen, kann ich das veranlassen, aber schicken Sie diese Menschen sofort heim!«
Die Rufe waren lauter und dringlicher geworden. Mehr Steine und Flaschen trudelten in Richtung der Soldaten. Diese bewahrten jedoch ihre Formation und gaben nicht nach, sie zuckten nicht einmal.
Brownstein achtete nicht mehr auf Barone. Sie konzentrierte sich nun darauf, die Menge in Zaum zu halten, die immer überschwänglicher wurde.
»Meine Damen und Herren, beruhigen Sie sich bitte!«
Dann veränderte ein einzelner Schuss alles.
Die Schar stob hektisch in alle Richtungen auseinander, nachdem ein Mann im vorderen Teil versucht hatte, Barone zu erschießen. Die Kugel verfehlte und traf einen Marine hinter dem Colonel in den Hals. Ein zweiter Schuss fiel aus einer anderen Richtung.
Dieser traf Barones Schulter, ging glatt durch und erwischte einen Soldaten hinter ihm. Die Masse geriet in Wallung und fiel auseinander. Einige darin waren gestürzt und wurden niedergetrampelt. Totales Chaos war ausgebrochen.
Brownstein bat immer noch gellend um Besonnenheit und Ordnung, aber es war zu spät. Barone hielt sich seine linke Schulter und trat hinter der ersten Reihe Marines zurück. Die Ereignisse überschlugen sich haltlos, doch die Soldaten wahrten ihre strikte Disziplin selbst unter Druck. Sie zielten mit ihren Gewehren auf die Menge, doch niemand konnte auf die beiden Schützen anlegen, also eröffneten sie das Feuer nicht.
Der Colonel erreichte schließlich das Schiff, wo sich ein Sanitäter seine Schulter ansah.
»Meine Güte, Colonel!«, stöhnte Simpson, der neben ihm auftauchte.
»Meine Männer sind eine Bank, nicht wahr?«, fragte Barone ihn.
Simpson schaute ihn argwöhnisch an. »Sicher sind sie das, aber sie wurden ja auch zu guten Marines ausgebildet.«
»Und das sind sie wirklich«, bekräftigte der Colonel, während er beobachtete, wie die Menschen allmählich auseinandergingen und zurück in die Stadt eilten. Keiner hatte die beiden Attentäter im Pulk lange genug gesehen, um sie identifizieren zu können, aber Barone ahnte, dass jemand hervortreten würde. Er war stark versucht gewesen, seinen Marines zu befehlen, das Feuer auf die Menge zu eröffnen. Unschuldige zu töten, das sah er ein, hätte ihm nicht weitergeholfen, aber er hätte nichts dagegen gehabt, einzelne Ziele auszusuchen.
Soldaten mit Tragbahren, auf denen die Angeschossenen lagen, passierten ihn.
Barone schaute auf den ersten, der vor Schmerz aufgrund seiner Armwunde das Gesicht verzog. Der Kopf des zweiten wurde hingegen von einem Poncho verdeckt.
»Stopp!«, befahl der Colonel. Er hob den Poncho hoch und sah einen jungen Gefreiten, dessen Augen noch offen waren.
»Er war einer unserer Besten«, bemerkte Simpson.
»Ja, das war er«, pflichtete Barone bei.
Die Menge hatte sich praktisch zur Gänze aufgelöst. Einige humpelten davon, andere halfen denjenigen, die gefallen waren. Die Docks blieben mit Schildern, Müll und anderem Unrat übersät.
Barone fasste Brownstein ins Auge, die von seiner Warte aus noch zu sehen war. Sie wirkte verloren, als wisse sie nicht, wie ihr Plan hatte fehlschlagen können. Er knurrte: »Sergeant, lassen Sie sie festnehmen.«
»Roger, Sir«, entgegnete Simpson lächelnd.
»Wie lautet die Anklage?«
»Volksverhetzung.« Er machte eine kurze Pause. »Und Mord.«
Mountain Home, Idaho
Zunächst hatte der Schneesturm ihr Vorankommen erschwert, jetzt verstopften Tausende Menschen den Highway, die in der bitteren Winterkälte nach Westen aufgebrochen waren. Fußgänger zählten nicht zu den Problemen, mit denen Sebastian auf ihrer Reise gerechnet hatte. Er konnte nur darüber spekulieren, wie verzweifelt jene Menschen sein mussten, um sich bei so unwirtlicher Witterung nach draußen zu wagen, wo sie leicht angreifbar waren durch alles, was ihnen entgegenkommen mochte. Wenn Sebastian eines nicht wollte, dann zwischen ihnen herfahren. Zum Glück war das Gebiet nördlich des Highways flach, bewachsen nur von wenigen Sträuchern und mit ein paar Zoll Schnee bedeckt, was die Geländefahrt erleichterte.
Auf der Karte hatte Annaliese eine Nebenstraße entdeckt, die sie letztlich zurück auf die Interstate führen mochte. Zudem machte sie weiter südlich eine große Militärbasis aus, wozu sie bemerkte: »Ich glaube, die wollen alle zu diesem Luftwaffenstützpunkt.«
»Welcher ist das?«, fragte Sebastian.
»Mountain Home.«
»Ob sie dort finden, was sie sich erhoffen?«, fragte er.
»Warum fahren wir nicht auch dorthin?«, wollte Luke wissen.
»Weil es einen Ort in McCall gibt, an dem wir Zuflucht finden, und dort wird mein Bruder sein«, antwortete Sebastian.
Sie fuhren weiter querfeldein, um auf die besagte Straße zu stoßen. So kamen sie nur langsam voran und wurden kräftig durchgeschüttelt, weshalb er froh war, als sie auf die unbefestigte Fahrbahn stießen, die Annaliese gefunden hatte. Leider waren sie nur ungefähr eine Viertelmeile darauf unterwegs, als sie feststellten, dass etwas mit dem Truck nicht stimmte.
»Oh, nein«, sagte Sebastian.
»Was ist das?«, fragte Annaliese. Sie spürte jetzt, dass sich der Wagen hinten rechts zur Seite neigte.
»Ich glaube, wir haben einen Platten.« Sebastian bremste.
Als er ausstieg, erwies sich seine Vermutung als korrekt: Das Hinterrad war platt. Ein Zweig einer Hecke ragte seitlich aus dem Gummi.
»Scheiße!«, fluchte er. Dann schaute er sich der Orientierung halber um. Die Sandstraße verlief parallel zum Highway. Im Westen sah er etwa eine Meile entfernt mehrere Tankstellen, Restaurants und andere Dienstleistungsbetriebe an einer Abfahrt.
»Finden wir heraus, ob uns der alte Samuel einen Ersatzreifen mit auf den Weg gegeben hat«, sagte Sebastian und legte sich auf die Erde, um unter das Fahrzeug zu blicken. »Super, da ist einer.« Er hatte halb damit gerechnet, Samuel habe die Reserve bewusst abgenommen. Allerdings währte die Freude nur kurz. »Scheiße, Scheiße, Scheiße!«
»Was denn jetzt? Stimmt etwas nicht?«, stutzte Annaliese. Sie hatte die Arme des kalten Windes wegen um sich geschlungen, schlotterte aber trotzdem.
»Wir haben einen Reifen, aber keinen Wagenheber.«
»Bist du sicher?«
Die Jungen stiegen aus. Auch sie begannen, den Truck nach dem Werkzeug zu durchsuchen, aber auch sie fanden keines.
»So ein Mist, aber na ja, bis dorthin, wo wohl Hunderte verlassener Autos stehen, wie ich vermute, ist es nicht weit.« Er zeigte auf die Tankstellen und anderen Gebäude.
»Allein kannst du nicht gehen«, mahnte Annaliese.
»Werde ich auch nicht. Luke kommt mit mir.«
»Na toll, lass mich ruhig mit der Nervensäge allein«, scherzte sie. Er verabschiedete sich mit einem Kuss auf die Stirn.
***
Luke bewies Schnelligkeit und Gehorsam, was auch immer Sebastian von ihm verlangte. So erreichten sie die Raststätte in weniger als einer halben Stunde und stießen auf über ein Dutzend Fahrzeuge, die verwaist und ausgeschlachtet dastanden. Sebastian ging zum nächstbesten, einem Chevy Silverado, und brauchte keine volle Minute, um einen Wagenheber zu finden. Vorausschauend montierte er auch das Reserverad ab.
Dass Luke immer selbstsicherer wurde, gefiel ihm. Die Übungen mit der Pistole und sein natürliches Talent als Schütze hatten ihn zuversichtlicher gemacht. Auf Sebastians Bitte hin, ihn auf diesem Abstecher zu begleiten, war er begeistert mitgegangen und stellte sich als verlässlicher Gefährte heraus.
»Gut gemacht, Luke, vielen Dank.«
»Keine Ursache, hat Spaß gemacht«, erwiderte der Junge strahlend.
Auf dem Rückweg lachten beide und plänkelten zwanglos. Das Gelände stieg leicht an, und auf der anderen Seite dieses niedrigen Hügels wartete Annaliese mit Brandon. Ihre ausgelassene Stimmung schwenkte um, als sie auf die Kuppe gelangten und mit Bestürzung sahen, dass ein zweites Auto hinter ihrem Ford stand. Sebastian ließ den Reifen fallen, zog seine Pistole und lief los. Weder seine Frau noch der Junge waren irgendwo zu sehen. Nur noch zwölf Fuß von Truck entfernt zeigte sich dann ein alter Mann, der seinen Kopf anhob und lauthals lachte. Annaliese kam hinter ihm hervor und lachte ebenfalls.
Sebastian rief ihr zu: »Was ist los?« Er richtete seine Waffe auf den Fremden.
»Sebastian, nicht. Alles ist gut, er hilft uns«, gab Annaliese zurück und winkte ihren Mann zu sich. Sebastian zielte weiter auf den Unbekannten, der mit erhobenen Händen still stehenblieb.
»Ich habe nur angehalten, um nach dem Rechten zu schauen. Mein Name ist Jed – Jedidiah Walton. Ich wohne auf einer Ranch ungefähr eine Meile nördlich von hier. Die Straße, auf der Sie hier gefahren sind, gehört mir; Sie befinden sich auf meinem Land.«
Jedidiah war in Idaho geboren und entstammte einer Familie von Farmern, die seit drei Generationen Kartoffeln anbauten und Vieh züchteten. Er hatte kurzgeschnittenes Haar und tiefe Falten im Gesicht, die auf ein 72 Jahre altes Leben zurückgingen.
»Warum wollen Sie uns helfen?«, fragte Sebastian mit zusammengekniffenen Augen.
»Was sollte mich daran hindern?«, entgegnete er geruhsam. »Darin liegt das Problem auf dieser Welt: Es gibt zu wenig Hilfsbereitschaft.«
»Sebastian, ich halte ihn für einen anständigen Menschen«, bekräftigte Annaliese.
Unter den gegebenen Umständen war Misstrauen nicht verkehrt, doch die Vernunft sagte Sebastian, dass nicht jeder Fremde Böses im Schilde führte. So nahm er die Pistole herunter und trat hinter den Truck, um sich genau anzusehen, was Jed zuwege gebracht hatte.
Die Karosserie war aufgebockt, das Ersatzrad abgenommen und bereit für den Wechsel.
»Wo ist Brandon?«, fragte Sebastian.
»Er sitzt drinnen«, erwiderte Annaliese.
»Während der Wagen auf dem Heber steht?«
Kaum dass er ausgesprochen hatte, rief der Junge irgendetwas Unverständliches von der Rückbank.
Die Tür ging auf, und ein zweiter, der ungefähr so alt wie Brandon war, sprang heraus. »Hab ich nicht!«
»Doch, hast du«, gab Brandon zurück. »Ich zeigte ihn dir, und jetzt ist er nicht mehr da. Wo steckt er? Er stieg hinter dem anderen Jungen aus.
»Ich habe ihn nicht gestohlen!«, beharrte dieser.
»Gib mir den Ring zurück«, verlangte Brandon.
Sebastian lenkte ein: »Hey, hey, was geht hier vor sich?«
»Er hat mir den Ring meiner Mutter weggenommen. Ich zeigte ihm ein paar meiner Sachen, auch den Ring. Als ich wieder danach schaute, war er nicht mehr da. Er hat ihn geklaut!«
Der Knabe, Jeds Enkel Flynn, lief vor Brandon davon zum Wagen seines Großvaters. Brandon setzte nach und stürzte sich auf seinen Rücken. Die beiden fielen auf den Boden und fingen an, miteinander zu ringen. Flynn überwältigte Brandon und drosch auf ihn ein. Sebastian eilte hinzu und zog ihn herunter. Flynn fuchtelte erbittert mit den Armen, während er ihn hoch in die Luft hielt.
Brandon kroch ein Stück weit davon und stand dann auf. Nachdem er sich Blut aus dem Gesicht gewischt hatte, lief er zurück zum Truck.
Sebastian stellte Flynn ab, gerade als Jed zu ihnen kam.
»Alles in Ordnung, mein Junge?«, fragte er den Kleinen.
Sebastian wollte ihn zur Rede stellen: »Hast du den Ring gestohlen?«
»Nein!«, fuhr Flynn ihn an.
»Brandon, oh mein Gott!«, rief Annaliese.
Der Junge war wieder ausgestiegen, in der Hand hielt er seinen kleinen Revolver. Damit zielte er nun auf Flynn, und eine Sekunde später barst dessen Hinterkopf. Er sackte tot zusammen.
Sebastian geriet ins Taumeln angesichts dessen, was passiert war, und drehte sich zu Brandon um. Dieser zielte nun auf Jed und schoss ihm in die Brust.
Der alte Mann beugte sich vornüber und ging zu Boden, noch während er sein Letztes aushauchte.
»Brandon! Was hast du getan?«, fragte Sebastian. Er zog nun seine Waffe und hielt sie dem jungen Teenager vor, der die Augen weit aufgerissen hatte.
Annaliese war hinterm Wagen hervorgetreten und näherte sich ihm, da fasste er sie als Ziel ins Auge. Sie blieb stehen, als sie sah, dass er sie bedrohte. »Brandon, nimm die Pistole herunter!«
»Ich hasse dich!«, schrie der Junge. »Ich habe dich davor gewarnt, dass diese Typen nichts Gutes heißen. Wir können niemandem trauen – ich werde niemals irgendwem trauen!«
Sebastian schaute beklommen zu, wie Brandon den Revolver, den er ihm wenige Tage zuvor gegeben hatte, mit zittrigen Händen hielt.
»Nimm sie herunter, Brandon, wir können über alles sprechen!«, flehte Annaliese.
»Dir fällt nichts besseres ein, als mich ständig zu provozieren«, erging er sich weiter, »und hässliche Dinge zu mir zu sagen. Ich habe gehört, wie du mich vorhin Nervensäge genannt hast. Ich hasse dich!«
Sebastian sah, wie sich der Hahn der Waffe langsam spannte. Auch er begann nun, Druck auf den Abzug seiner Pistole auszuüben, als plötzlich noch ein Schuss losging. Brandons Schädel platzte mit dem Austritt der Kugel aus Lukes kleinem Colt Detective an der Seite auf. Die Waffe fiel ihm aus der Hand, dann brach er ebenfalls leblos zusammen.
Der Knall ließ Sebastian zusammenzucken, woraufhin er sich zu Luke umdrehte. Er visierte den Knaben an, weil er sich nicht sicher war, ob er nicht auch durchdrehen würde.
Luke ließ den Colt los und sagte: »Er wollte Annaliese erschießen, das konnte ich nicht zulassen, nein!«
Sie lief nun zu ihm und nahm ihn in die Arme. Sebastian raufte sich die Haare; er konnte nicht fassen, welchen Verlauf dieser Tag nahm.