22. Februar 2015

Wer nicht weiß, woher er kam, wird sein Ziel nie erreichen.

José Rizal

Klamath Falls, Oregon

»Verdammt!«, donnerte Gordon.

Massenweise Schnee kam herunter. Er sah allmählich so gut wie nichts mehr, und der Wagen, den er fuhr, war nicht für diese Witterung gerüstet. Ihm blieb nichts anderes übrig, als die Straße zu verlassen und einen Platz zu finden, an dem sie ihr Lager aufschlagen konnten.

Brittany schaute ihn von der Seite an. »Wie wäre es, wenn du langsamer fahren würdest, Gordon? Rasen bringt bei diesem Wetter nichts.«

Er warf ihr einen zornigen Blick zu, der jedoch rasch aufweichte. Immer wieder dachte er an jenen Tag vor Wochen, als er Tyler um Hilfe rufen gehört hatte. Zuerst wäre er am liebsten weitergezogen, doch nach dem, was Hunter passiert war, konnte er ein Kind in Not nicht im Stich lassen. Gordon und Brittany hatten jeweils ihre eigenen egoistischen Gründe dafür, gemeinsame Sache zu machen. Sie besaß ein funktionierendes Fahrzeug, und er konnte sie mit Tyler an einen sicheren Ort bringen. Aus diesem Schulterschluss war im Laufe mehrerer Wochen gemeinsam auf Reisen mehr als eine einfache Zweckgemeinschaft geworden; sie sorgten wirklich füreinander. Eine Situation, in der es um Leben oder Tod ging, konnte Menschen zu einem solchen Verhalten bewegen.

Jeder Morgen unterwegs brachte neue Herausforderungen mit sich, doch Gordon erkannte schnell, dass Brittany in der Lage war, genau das zu tun, was notwendig war, und zwar zum jeweils richtigen Zeitpunkt. Einen Eindruck ihrer Standhaftigkeit hatte er erhalten, als sie so weit gegangen war, einen Mann zu töten, der Tyler bedroht hatte, und jeder weitere Tag bestätigte, wie viel sie wegstecken konnte. Gordon war froh, seinen Instinkten vertraut und den beiden gestattet zu haben, mit ihm zu kommen. Brittany kannte sich nicht nur hervorragend mit den Grundlagen des Überlebens aus – sie konnte aus Speiseresten genießbare Mahlzeiten zaubern und wusste mit einer Waffe umzugehen – sondern hatte sich auch als großartige Gefährtin herausgestellt. Sie war ebenso intelligent wie gelassen und eine ausgezeichnete Beobachterin, wenn es darum ging, rasch auf bestimmte Umstände zu reagieren, vor allem aber gut darin, mit seinem zuweilen unberechenbaren Benehmen umzugehen.

»Wir müssen einen Platz finden, wo wir im Freien übernachten können«, sagte er lapidar.

»Eben sah ich ein Schild, ungefähr eine Meile hinter uns«, erwiderte Brittany. »Wir kommen gleich an einem Rastplatz vorbei.«

»Rastplatz? Hm …«, brummte Gordon. Er fuhr langsam weiter, während er die Optionen gegeneinander abwog. »Also, wir müssen von der Straße runter, aber der Gedanke an einen Rastplatz beruhigt mich nicht unbedingt.«

»Wir können nicht schon wieder im Wagen schlafen. Außerdem gibt es dort vielleicht etwas zu essen«, stellte Brittany in Aussicht.

Sie hatte Recht. Sie hatten die vergangenen paar Nächte in dem engen Auto verbracht, und sich einmal beim Schlafen ausstrecken zu können, würde ihnen allen gut tun.

Im Rückspiegel sah Gordon, wie Tyler aus dem Fenster starrte und an seinen Fingernägeln kaute. Er war ein stiller Junge, der ohne Widerrede tat, was seine Mutter ihm sagte. Hunter mochte etwas älter gewesen sein als er, doch obwohl Gordon versuchte, auf Abstand zu bleiben, ertappte er sich oft dabei, mit Tyler zu sprechen wie ein Vater mit seinem Sohn.

»Hey, Kumpel, falls du hungrig bist, haben wir einen Müsliriegel, den du knabbern kannst«, scherzte Gordon.

Da zog der Knabe schnell die Hand von seinem Mund weg und schaute in Gordons Augen im Spiegel. Er lächelte kurz und tat gleichmütig.

»Der Kleine ist nervös; das tut er dann nämlich immer«, entschuldigte Brittany ihren Sohn.

»Schon gut, ich habe das auch oft getan, als ich jünger war. Zählte zu meinen Lastern. Hey, Tyler, tut mir leid, ich wollte dich nicht bloßstellen.« Bevor der Junge antworten konnte, klopfte seine Mutter gegen die Windschutzscheibe. »Gleich dort ist die Ausfahrt! Siehst du sie?«, fragte sie aufgeregt.

Gordon lehnte sich weiter nach vorne und kniff die Augen zusammen. Durch die schnell eingestellten Scheibenwischer konnte er sie kaum ausmachen. Er nahm den Fuß vom Gas, bis der Wagen regelrecht dahinkroch. Auf dem Weg die Ausfahrt hinunter fiel ihnen ein großer Sattelschlepper auf, der den Eingang zu den Gebäuden versperrte.

»Du weißt, was ich von Situationen wie dieser halte«, sprach Gordon.

»Das tue ich, aber habe ich mich bisher auf dieser Fahrt geirrt?«

»Nein, hast du nicht, und ebendeshalb ist es einen Blick wert.«

Brittany grinste.

Wegen des dichten Schneefalls und langen Lasters sah Gordon zu wenig, als dass er hätte sagen können, ob sich schon jemand in den Gebäuden verschanzt hatte. Es gab nur eine Möglichkeit, sich zu vergewissern, ob es dort sicher war. Er wendete und parkte rückwärts ein, sodass der Wagen mit der Schnauze zur Straße zeigte – nur für den Fall, dass sie flugs die Flucht ergreifen mussten.

»Brittany, ich will, dass du dich hinters Steuer setzt. Stell deine Uhr auf 15 Minuten«, bat Gordon. »Wenn ich dann nicht …«

»Verstanden, verstanden: Wenn du dann nicht wieder hier bist, soll ich abhauen. Los, los, geh schon, es ist kalt.« Sie bedeutete ihm, die Tür zu schließen.

Brittany rutschte auf den Fahrersitz. Sie zog eine halbautomatische Pistole und prüfte, ob sie schussbereit war, wie Gordon es ihr gezeigt hatte. Dann steckte sie sie wieder in ihren Halfter und blieb nachdenklich sitzen.

»Mom, wie lange dauert es noch, bis wir in Idaho ankommen?«

Sie drehte sich zu ihrem Sohn um und antwortete: »So lange, wie wir brauchen werden, Ty.«

***

Gordon schlich zum Führerhaus des Sattelschleppers und spähte daran vorbei. Er sah drei kleine Gebäude. Auf dem Parkplatz davor stand eine Handvoll Autos, ausnahmslos Modelle jüngeren Baujahrs. Er versuchte, sich einen möglichst guten Überblick zu verschaffen. Niemand in Sicht, nichts rührte sich.

Nachdem er seine Sig Sauer gezückt hatte, lief er aufs mittlere Gebäude zu, bei dem es sich anscheinend ums Besucherzentrum handelte. Der einzige Eingang war eine gläserne Doppeltür. Durch seine Jacke fühlte sich die Mauer eiskalt an, als er sich gegen sie drückte. Dabei lief ihm ein Schauer über den Rücken, und er bekam eine Gänsehaut. Er beugte sich nach vorne und schaute hinein: nichts. Er stieß die Tür auf und schlüpfte mit vorgehaltener Waffe ins Innere. Keine Taschenlampe blendete ihn, niemand feuerte – ein gutes Vorzeichen. Die Pistole in der rechten und seine eigene Taschenlampe in der linken Hand haltend, orientierte er sich im Raum. Er war verlassen, und zwar, wie es aussah, schon seit den Anschlägen. Davon konnten sie profitieren, was umso mehr feststand, als sein Lichtkegel auf zwei unversehrt aussehende Verkaufsautomaten fiel.

Er schritt ohne Zögern zu ihnen hinüber. Hinter der dicken Glasscheibe des einen lockte eine Tüte Doritos. Er konnte kaum erwarten, den beiden anderen zu erzählen, was er gefunden hatte, wenn er zurückkam. Als ihm einfiel, dass Brittany die Idee zu diesem Zwischenstopp gekommen war, musste er schmunzeln. Sie schien intuitiv zu erkennen, ob sie sich irgendwo sicher wähnen durfte – und falls nicht, wusste sie, wie sie darauf zu reagieren hatten. Dann kam ihm selbst eine Idee: Er steckte die Pistole ein und nahm seinen ausziehbaren Schlagstock heraus.

***

Brittany schaute ständig auf ihre Armbanduhr, während das Ende der Viertelstunde zusehends näher rückte. Sie wusste, wozu sie gezwungen war, wenn die Zeit ablief, doch die Vorstellung, Gordon alleinzulassen, versetzte ihr einen Stich.

»Wo ist er, Mom?«, fragte Tyler unruhig.

»Er kommt gleich«, beschwichtigte sie mit einem neuerlichen Blick auf die Uhr.

Es wurde rasch dunkel, weil das Schneegestöber von Minute zu Minute zunahm. Falls sie fliehen musste, würde sie quasi überhaupt nichts sehen.

»Mach schon, Gordon«; flüsterte sie bei sich, während sie mit einem Arm über die beschlagene Scheibe wischte. Als sie wieder hindurchschauen konnte, sah sie ein Paar Scheinwerfer auf sie zukommen.

Sie gehörten zu einem Ford-Kleinlaster aus den 1990ern.

»Duck dich!«, befahl sie Tyler.

Als der Wagen näherkam, zogen sie die Köpfe ein, sodass sie nicht mehr durch die Fenster zu sehen waren. Brittanys Herz klopfte heftig. Jedes Fahrzeug, jede fremde Person stellte eine mögliche Bedrohung dar. Sie schloss die Augen und betete darum, dass er einfach nur vorbeifuhr.

Das tat er, wenn auch langsam. Gerade als sie leise vor Erleichterung aufatmete, drehte er unvermittelt und blieb auf der Höhe ihres Autos stehen. Brittany lag mit dem Gesicht zur Fahrertür gedreht auf dem Rücken und hielt sich die Pistole vor; sie war bereit, sie einzusetzen, wenn es nötig wurde.

Eine Tür des Ford ging auf, dann eine zweite.

Was sie dann hörte, klang nach einem Mann und einer Frau, die sich unterhielten. Er lachte – mit tiefer, kehliger Stimme – und dann wurde draußen alles still, während die beiden aufs Auto zukamen, wohingegen Tylers hektisches Keuchen Brittany Schwierigkeiten bereitete, sich zu konzentrieren.

Auf einmal fielen ihr die hinteren Türen ein. Sie riss die Augen auf, als sie sich umdrehte und sah, dass die Seite ihres Sohnes nicht verriegelt war. »Ty, sichere die Tür«, zischte sie kaum lauter als im Flüsterton.

»Mom, ich kann nicht, ich hab Angst«, wisperte er im Gegenzug.

Jetzt hörte sie Eis knirschen, als eine der beiden Personen zur hinteren Tür auf der Beifahrerseite trat. Wohl wissend, dass sie nur noch wenige Schritte voneinander trennten, fuhr sie hoch und wollte die Zündung betätigen – doch bevor sie das schaffte, wurde die Tür zur Rückbank aufgezogen.

»Sieh an, was haben wir denn da?«, fragte der Mann, packte Tyler an den Schultern und versuchte, ihn aus dem Auto zu zerren.

»Pfoten weg von ihm!«, schrie Brittany. Sie drehte sich mit ihrer Pistole um, konnte aber nicht ungehindert schießen, solange er den Knaben an sich drückte. Mit einem Mal knackte es, und ihre Windschutzscheibe platzte, woraufhin Splitter gegen die eine Seite ihres Gesichts spritzten. Benommen drehte sie sich wieder um und schaute in die Mündung einer Flinte, die von der Frau gehalten wurde. Ihr Gesicht war ausgezehrt und verschmiert, ihr langes, fettiges Haar hing unter einer dreckigen Wollmütze heraus. Als sie den Mund aufmachte, offenbarten sich gelbe Zähne mit Essensresten dazwischen.

»Knarre runter und raus aus dem Wagen, verdammt!«, brüllte sie.

***

Als Gordon auf die Packung Doritos in seiner Hand schaute, lief ihm das Wasser im Mund zusammen, voller Vorfreude auf den Käsegeschmack der knusprigen Tortilla-Chips. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er zum letzten Mal welche gegessen hatte. Während er sich die Arme mit Schokoriegeln und Chipstüten volllud, ließ Gordon die bisherige Zeit mit seinen Mitreisenden Revue passieren. Er war froh, über seinen Schatten gesprungen zu sein und Brittany und ihrem Sohn geholfen zu haben. Hätte er das nicht getan, wären sie gestorben, und er müsste nun ohne verlässliche Hilfe auf der Suche nach Rahab auskommen. Dabei spielte es keine Rolle, dass die beiden nicht wussten, worauf sie sich einließen.

Mittlerweile nagten Zweifel an Gordon, was sein neues Ziel betraf. Samantha und Haley fehlten ihm sehr, auch weil er mit jedem weiteren Tag weniger überzeugt davon war, dass er dem richtigen Plan folgte. Außerdem plagten ihn Gewissensbisse, weil er Brittany nicht gestanden hatte, wohin er sie in Wirklichkeit brachte. Wenngleich er sie nicht direkt anlog, schenkte er ihr aber auch keinen reinen Wein ein: Sie fuhren nach Idaho und in Sicherheit, das stimmte, doch zuerst würde er Rahab aufspüren und umbringen. Obschon Brittany unverblümt und von sich selbst überzeugt war, stellte sie nicht allzu viele Fragen und vertraute Gordon grundsätzlich. Allerdings war sie auch eine smarte Frau, und er wusste, bald würde der Moment kommen, da sie erfahren wollte, wieso sie nach Westen statt gen Norden Richtung Idaho fuhren. Er hatte sich seine Vorwände wiederholt im Kopf vorgesagt, doch jetzt klangen sie leer für ihn. Während er einsah, dass es unfair war, sie in seinen Rachefeldzug hineinzuziehen, fiel ihm nicht ein, wie er es vermeiden sollte.

Als er das Gebäude verließ, waren die Schneeflocken dicker, und noch kälterer Wind wehte sie ihm entgegen. Auf dem Rückweg zum Wagen kicherte er in sich hinein, weil er sich die vielen Unterhaltungen und Streitgespräche vor Augen hielt, die er mit den Jahren über potenzielle Szenarien im Rahmen einer Apokalypse geführt hatte. Wer hätte geahnt, dass er einmal freiwillig eine ehemalige Kellnerin und ihren jungen Sohn aufnehmen würde, während er ums Überleben kämpfte? So oft hatte er jene Schreibtischhengste und Korinthenkacker als zukünftige Opfer einer Welt wie dieser gesehen, in der er jetzt lebte. Er bildete sich zu Recht etwas auf seine Fertigkeiten ein, begriff jetzt aber auch, dass mehr zum Überdauern gehörte als eine Reihe von Kompetenzen oder ein bestimmtes Kontingent an Vorräten. Genauso wichtig waren gewisse geistige Qualitäten, die gerne übersehen wurden, die aber gebraucht wurden, um für den Ernstfall auch ohne Probe oder sonstige Vorkehrungen gewappnet zu sein. Davon hing letztlich ab, wer durchkam und wer auf der Strecke blieb. Brittany zählte zum geistig starken Schlag, war eine besonnene, ausgeglichene Person in allen Lagen.

Ehe die Lichter ausgegangen waren, hatte Brittany zu Hause Mutter gespielt, und ihre einzige berufliche Erfahrung als Kellnerin ging auf eine noch frühere Zeit zurück. Ihr verstorbener Ehemann war LKW-Fahrer gewesen. Sie hatten sich von einem Gehaltsscheck zum nächsten gehangelt, und war einmal etwas übrig geblieben, hatte er es in das Auto gesteckt, mit dem sie jetzt fuhren. Bislang hatte Brittany ohne Ausbildung oder Ressourcen überlebt. Natürlich war es mit ihrem Glück nicht mehr weit her gewesen, als sich jene Männer vor so vielen Wochen auf sie und ihren Wagen gestürzt hatten, doch seit nicht allzu langer Zeit staunte Gordon immer wieder über ihre Fähigkeit zu überleben. Wenn sie die Gelegenheit zum Auftrumpfen bekam, verblüffte sie jedes Mal, behauptete sich als leistungsfähig und gerissen. Sie ergänzte ihn, worin sie Samantha nicht unähnlich war. Brittany überlegte bewusst, hörte aber auch auf ihren Bauch und handelte, wenn Ärger im Verzug war.

In Gordons Augen gab es drei Typen von Menschen: aktive, passive und Zauderer. Bei einem traumatischen Ereignis liefen die aktiven der Gefahr entgegen, wohingegen die passiven wie erstarrt stehenblieben und die Zauderer, so schnell sie konnten, in die entgegengesetzte Richtung Reißaus nahmen. Brittany hatte sich als aktive Person erwiesen. Obwohl ihr die Ausbildung fehlte, fürchtete sie sich nicht davor, in die Schusslinie zu treten. Er respektierte das und konnte nach mehreren gemeinsamen Wochen behaupten, er sei bereit, sein Leben in ihre Hände zu legen.

Brittany zeigte sich außerdem als fähige Pflegekraft. Die Schnittwunde in seinem Gesicht, die ihm Rahab zugefügt hatte, verheilte noch, und Brittany sah zu, dass dies so gut wie möglich geschah. Nelsons hatte sie zwar zweckmäßig genäht, doch eine Entzündung war nicht ausgeblieben, also hatte sie die Wunde desinfiziert und wieder sauber verschlossen. Wenn sie endgültig verheilt war, würde eine lange, dicke Narbe zurückbleiben, ein ewiges Andenken an jenes fürchterliche Ereignis. Er musste Brittany zugutehalten, dass sie nicht einmal nach dem Ursprung fragte, und Gordon gab diese Information auch nicht von sich aus preis, weil er jene schreckliche Zeit nicht noch einmal durchleben wollte.

Jetzt stürmte es so heftig, dass Gordon beim Gehen unter sich schauen musste. Er hob jedoch den Kopf, als er glaubte, einen Schrei inmitten des pfeifenden Windes gehört zu haben. Dann blieb er stehen; ein zweiter Schrei bestätigte seinen Verdacht.

Gordon ließ Schokolade und Knabbereien fallen, um zum Auto zu rennen. Als er hinter dem Sattelschlepper hervorkam, machte er einen Kleinlaster, den Wagen und vier Personen aus. Er stürmte mit gezogener Pistole auf sie zu.

Der Mann und die Frau merkten nichts, bis er nur noch zehn Fuß entfernt war. Ersterer schaute wie vom Blitz getroffen drein, als Gordon gelaufen kam, zog Tyler näher an sich und hielt ihm einen Revolver an die Schläfe. Die Frau richtete ihre Flinte auf Brittanys Rücken.

Gordon schätzte die Szene rasch ein und gelangte zu dem Schluss, dass diese zwei zu keiner Bande gehörten, also war wohl auch keine Verstärkung für sie im Anmarsch. Er schaute zu Tyler, dem die Furcht in die grünen Augen geschrieben stand.

Hätte das Paar Tyler und Brittany umbringen wollen, wären sie längst tot. Gordon schlussfolgerte daraus, dass sie keine Killer von Natur aus waren, aber zu töten imstande, wenn es sein musste. In diesen verzweifelten Zeiten vermochte der Bedarf an Nahrung, Obdach oder einem Fahrzeug so manchen zum Mörder zu machen.

Gordon besaß wenig Handlungsspielraum. Sein Instinkt riet ihm, den Mann zuerst zu erschießen, woraufhin die Frau, so er sie richtig einschätzte, zögern und ihm damit Zeit geben würde, auch sie niederzustrecken. Er war sich aber nicht sicher – ein unvertrautes Gefühl für jemanden, der geradezu übertrieben entschlussfreudig war. Was, wenn die Frau, nachdem er den Mann gefällt hatte, kein Halten mehr kannte und auf Brittany feuerte?

»Waffen runter! Ich werde Ihnen nichts tun, wenn Sie sofort Ihre Schießeisen niederlegen«, rief Gordon. »Sie und wir beide, jeder darf frei seiner Wege gehen.«

»Sie legen Ihr Schießeisen nieder!«, brüllte der Mann.

»Genau, wir sind zu zweit! Ich bring die Schlampe hier um!«, drohte die Frau.

Gordon wagte es, ein paar Schritte weiterzugehen, um herauszufinden, wie sie sich verhielten.

Der Mann beschränkte sich darauf, Tyler noch fester zu packen. Die Frau machte große Augen, als Gordon ebendiese paar Schritte ging, als wäre ihr nicht ganz klar, was sie von ihm erwarten sollte.

Diese Reaktionen zeigten Gordon alles, was er zu wissen brauchte. Er ging sein letztes Risiko ein und begann, den Abzug zu betätigen.

Der Schuss aus der Pistole klang fast gedämpft bei all dem Schnee und Wind rings um die vier. Gordon hatte zielgenau auf den Mann angelegt und ihn direkt unter der Nase getroffen. Er brach sofort zusammen, Blut quoll aus seinem Hinterkopf und färbte den weißen Schnee dunkel ein.

Die Frau heulte laut auf, als sei sie selbst angeschossen worden. »Du Bastard!«, fuhr sie Gordon an.

Brittany witterte ihre Chance: Sie entzog sich der Frau prompt, wirbelte herum und umfasste zugleich den Lauf der Flinte – ein Trick, den ihr Gordon beigebracht hatte.

Er selbst zielte dann auf die Frau und drückte ab, verfehlte jedoch.

Sie machte einen Satz auf Brittany zu und rang mit ihr um die Waffe.

Gordon lief hinüber. »Lassen Sie das Gewehr los, und Sie dürfen verschwinden!«, bellte er.

Die Frau zog kräftig, sodass der Lauf Brittany entglitt.

Gordon richtete seine Pistole erneut aus und feuerte schnell zweimal hintereinander.

Beide Kugeln trafen, eine in ihre Brust, die andere in den Bauch. Die Frau stöhnte und kippte aufgrund der Wucht des Aufpralls rückwärts gegen den Ford. Infolge der kräftigen Erschütterung gab sie einen Schuss ab, als die Flinte direkt auf Brittany zeigte.

Diese schrie vor Schmerz auf und sackte zusammen. Gordon lief hin und ging mit leidvoll verzerrtem Gesicht neben ihr auf die Knie. Tyler blieb steif vor Schock stehen, wo er die ganze Zeit über verharrt hatte.

Brittany hatte arge Mühe, Luft zu holen. Sie war schwer getroffen und blutete stark, während sie ausdruckslos in den grauen Himmel über ihr starrte.

»Ich bin bei dir; alles wird gut, versprochen!«, sagte Gordon. Als er die Wunde untersuchte, stellte er fest, dass der Großteil der Ladung den oberen Bereich ihrer Schulter erwischt hatte, obwohl sich auch mehrere kleine Löcher am Hals und rechten Arm sowie an der Brust abzeichneten.

Sie war mit Vogelschrot der Kugelgröße Nummer 7 angegriffen worden, aber aus unmittelbarer Nähe, also mit geringer, konzentrierter Streuwirkung. Das hatte ihre rechte Schulter schwer in Mitleidenschaft gezogen, doch sie konnte es überleben, wenn sie schnell behandelt wurde.

»Tyler«, wisperte sie. Wie sehr sie litt, ließ sich an ihrer zittrigen Stimme erahnen.

Gordon blickte über seine Schulter und sah, dass der Junge immer noch wie angewurzelt dastand.

»Tyler, ich brauche deine Hilfe! Komm zu mir; wir müssen deine Mutter hineinbringen, damit ich das behandeln kann!«

Tyler bewegte sich nicht, sondern starrte nur an Gordon vorbei.

»Bitte kümmere dich um meinen Sohn«, flüsterte Brittany.

»Pst! Du kommst wieder auf die Beine. Ich muss dich nur irgendwie nach drinnen schaffen«, sagte Gordon leise zu ihr. Er übte mit der linken Hand Druck auf die Wunde aus. Dann drehte er sich wieder nach dem Kleinen um und rief: »Tyler, kommt jetzt hierher!« Der Junge zeigte mit fahriger Hand auf etwas auf der Straße.

Gordon fuhr mit dem Kopf in die Richtung herum, in die Tyler den Arm ausstreckte. »Shit!« Mehrere Paar Scheinwerfer näherten sich. Er richtete Brittany an den Schultern auf und fing an, sie zum Auto zu ziehen.

Sie schrie auf, als er Hand an sie legte.

Endlich reagierte Tyler, indem er auf die offene hintere Tür des Wagens zulief, aber noch bevor sie die Verletzte überhaupt hineinheben konnten, waren sie von drei Fahrzeugen umgeben, und mehrere Männer stiegen aus. Einer rief laut: »Nehmen Sie die Waffe herunter, wir sind Marines!«

Sandy, Utah

Sebastian betrachtete sich im Badezimmerspiegel. Alle paar Tage heiß duschen zu können, war ein Luxus, den nur noch wenige kannten, und er wusste ihn zu schätzen. Er kraulte sich den schon recht dichten Bart, den er sich stehen ließ. Obwohl er die Mittel hatte, sich zu rasieren, war er dazu übergegangen, sein Gesichtshaar mit einer Schere zu stutzen. Zudem gefiel Annaliese sein Bart, und dieser Grund wog alle anderen Argumente auf. Während er sich mit den Fingern durchs Gesicht fuhr, funkelte der goldene Ehering an seiner linken Hand im Badezimmerlicht.

Im Lauf der vergangenen Wochen seit ihrer Ankunft in Utah hatten sich die Ereignisse überschlagen. Dass sich Annaliese und er liebten, war endlich publik geworden, und er hatte um ihre Hand angehalten. Ihr Onkel Samuel war gegen die Hochzeit gewesen, ihre Mutter zunächst ebenfalls. Letztlich hatte sie sich aber besonnen und Samuel davon überzeugen können, dass Sebastian, wenngleich kein Mormone, ein verantwortungsvoller Mann war. Sie kannten einander noch nicht so lange, wie es früher üblich gewesen sein mochte, aber diese Zeiten waren keine gewöhnlichen. Niemand wusste, was die Zukunft brachte, also hatten sie beschlossen, umgehend zu heiraten. Samuel war bereit gewesen, die Zeremonie durchzuführen, obschon sich Sebastian geweigert hatte zu konvertieren. Diese Beharrlichkeit von seiner Seite aus führte dazu, dass sich die Kluft zwischen den beiden Männern vergrößerte.

Annaliese hatte viel Zeit damit verbracht, Samuel begreiflich zu machen, dass ihre Liebe zu Sebastian mehr war als der Feuereifer eines jungen Mädchens, so ihre Ausdrucksweise zunächst. Sicherlich fühlte sie sich auch körperlich zu ihm hingezogen, doch ihre Zuneigung füreinander war aufrichtig und innig. Sie hatten in so kurzer Zeit so viel gemeinsam durchgestanden und so viel mitgemacht, dass es gewissermaßen für mehrere Leben reichte. Im Zuge der Schicksalsschläge, die sie zusammen bewältigen konnten, war ihr offenbar geworden, mit was für einer Art von Mann sie zu tun hatte. Sie konnte ihm nicht nur ihr Leben, sondern auch ihr Herz anvertrauen. Sebastian hatte ihr bewiesen, dass er ein Mensch war, der seine Menschlichkeit in dieser neuen Welt zu bewahren wusste, ein wichtiger Wesenszug. So viele kamen davon ab, doch er bewährte sich als Mann, mit dem sie gerne zusammenblieb.

Vor dem Zusammenbruch hätte Annaliese niemanden wie Sebastian kennengelernt, geschweige denn sich in einen solchen Mann verliebt. Die herben Umstände dort draußen veränderten ihren Blickwinkel und stellten ihren Glauben auf die Probe. Während andere ihr Heil in der Religion suchten, um Antworten darauf zu finden, warum ihre Welt untergegangen war, kam sie zu dem Schluss, dass Gott sein Volk im Stich gelassen hatte. An sich schwor sie ihm nicht ab, nur war sie von der dogmatischen Überzeugung einer Glaubensrichtung abgefallen, die sich bereits auf einen unantastbaren Gott versteift hatte.

Sebastian nahm sich Zeit im Bad, genoss die warmen Dämpfe, nachdem er geduscht hatte, und das Gefühl, sauber zu sein. Bald war er wieder unterwegs, um seinen Bruder zu suchen. Annaliese und er unterhielten sich oft über seinen Aufbruch. Wenngleich sie sich wünschte, er würde bleiben, wusste sie, dass er seine Familie unbedingt wieder zusammenbringen wollte. Die letzten paar Wochen auf Onkel Samuels Anwesen hatten ihm die Zeit gegeben, sein Bein so weit ausheilen zu lassen, dass er wieder ohne Krücken gehen konnte. Es war immer noch bandagiert, woran sich in den nächsten sechs Wochen nichts ändern würde, aber er konnte nicht mehr dasitzen und die Hände in den Schoß legen.

Sie hatte darum gebeten, ihn begleiten zu dürfen, doch er wollte das Risiko, sie mit auf die Reise zu nehmen, nicht eingehen. Dies war der einzige Punkt, in dem er mit ihrem Onkel einer Meinung war, doch Annaliese bezeugte einen starken Willen und brachte ihren Begehr, die Suche mit ihm anzutreten, jeden Tag aufs neue zur Sprache. Allerdings ließ sich Sebastian nicht ohne weiteres umstimmen, sondern weigerte sich kategorisch, seine frischgebackene Ehefrau unmittelbarer Gefahr auszusetzen.

Er hatte das Areal nach seiner Ankunft vor Wochen nicht wieder verlassen, aber über Samuels Amateurfunkgerät Berichte von außerhalb mitbekommen. Diese stammten von überall im Land und zeichneten ein trostloses Bild. Die Katastrophenschutzbehörde pferchte viele der Menschen, die vom Osten her auf Wanderschaft gingen, in großen Lagern ein. Den Überlebenden wurde jedoch schnell bewusst, dass sie dort nicht sicher waren, sondern in einer Todesfalle steckten. Die Regierung hatte ihre Versorgungsmittel im Nu aufgebraucht, woraufhin sich die Lagerinsassen gegenseitig und auch den wenigen noch übrigen Streitkräften an die Gurgel gegangen waren. Die Obrigkeit ergriff nur schwache Gegenmaßnahmen oder überhaupt keine. Jedes Mal, wenn sich per Funk ein Hoffnungsschimmer auftat, wurde er vom nächsten Bericht über Massenausschreitungen und Hinrichtungen erstickt. Allmählich breiteten sich auch bundesweit Seuchen und Krankheiten in Dörfern wie Städten aus. Sebastian lag jeden Abend im Bett und fragte sich, wann die schlechten Meldungen aufhörten.

Die Informationen, die Sebastian täglich erhielt, bestärkten ihn in seinem Entschluss, so schnell wie möglich aufzubrechen. Sein Plan war schlichter Art: nordwärts nach Idaho fahren, Gordon finden und ihn zu Annaliese mitnehmen. Er musste einfach wissen, dass es seinem Bruder und dessen Familie gutging, wollte das Leben seiner Frau aber nicht beim ersten Abstecher nach draußen aufs Spiel setzen. Samuel hatte Kontrollpunkte entlang der Strecke festgelegt; an jedem von ihnen weilte eine freundliche Gruppe, auf die Verlass war. Diese würde dafür sorgen, dass Sebastian es schaffte, und ihm, falls nötig, Unterstützung geben. So gründlich er es sich auch zurechtgelegt hatte, deckte es den Weg nicht vollständig ab, weshalb er viele Meilen zurücklegen musste, ohne ihm gegenüber wohlgesonnene Personen in der Nähe zu wissen. Beim Gedanken daran begann er, den Goldring an seinem Finger nervös zu drehen. Er hatte Bischof Sorenson gehört, war ein Geschenk von Annalieses Mutter Sariah gewesen. Diese hieß die Ehe der beiden zwar nur oberflächlich gut, war aber froh darum, dass Sebastian ihre Leben gerettet hatte, und dies sorgte für ein relativ ausgeglichenes Verhältnis zwischen ihnen.

Ein Klopfen an der Tür zerstob seine Gedanken über die Reise.

»Ja?«, sagte er.

»Darf ich reinkommen?«, fragte Annaliese.

»Sicher.«

Die Tür ging knarrend auf, Annaliese trat ein und schloss sie gleich wieder. Sie trug ein langes Nachthemd.

Sebastian verfolgte im Spiegel, wie sie sich ihm näherte. Er grinste breit, als sie ihn von hinten umarmte.

»Du riechst … sauber«, bemerkte sie, bevor sie anfing, seinen Hals und seine rechte Schulter mit Küssen zu bedecken.

»Ich habe nachgedacht«, erwiderte er. Sein Lächeln verschwand.

»Du denkst ständig nach«, frotzelte sie kichernd, während sie mit dem Küssen fortfuhr.

Der Satz ließ ihn wieder strahlen. »Ich habe beschlossen, dass ich will …«

Sie drehte ihn um, damit sie einander in die Augen schauen konnten. »Pst.« Sie hielt ihm einen Zeigefinger vor den Mund. Mit der anderen Hand zog sie sein Handtuch weg und ließ es auf den Boden fallen. »Ich will nur, dass du hieran denkst«, sprach sie und drückte ihren warmen Körper gegen seinen.

Sebastian gab seiner Begierde nach und küsste sie leidenschaftlich. Über den logistischen Gesichtspunkten konnte er später brüten – alles, was er jetzt wollte, war das Vergnügen, mit seiner hübschen Frau zusammen zu sein.

Eagle, Idaho

»Nein, nein, nein!«, schrie Haley. Sie wandte sich von Samantha ab und knallte die Tür zu ihrem Schlafzimmer zu.

Ihre Mutter blieb stehen und starrte auf den verschlossenen Durchgang. Sie wusste nicht, was sie mit Haley anstellen sollte. Nicht lange nach ihrer Ankunft in Idaho hatte das Kind begonnen, Theater zu machen. Ohne den Vater an ihrer Seite war sich Samantha bei ihren elterlichen Pflichten allein vorgekommen. Nelson und ein paar andere ihrer Mitreisenden hatten geholfen, doch nichts konnte Haleys Schmerzen lindern, zuerst einen Bruder und dann auch noch ihren Vater verloren zu haben.

Nachdem sie Hunter beerdigt hatte, war die Gruppe weitergefahren, um ihr Ziel in Idaho zu erreichen. Beim Überqueren der Staatsgrenze von Utah hatten andere gejubelt und gefeiert; für Samantha gab es keinen Grund mehr, ausgelassen zu sein. Ihr einziger Sohn war tot, und dass Gordon die Familie unerklärlicherweise verlassen hatte, machte es umso schwieriger, mit der Trauer umzugehen. Sie lebte schon lange genug mit ihm, um zu wissen, dass er in Krisenzeiten Hilfe leistete und nicht davonlief. So schwankte sie zwischen Mitleid für und Wut auf ihren Ehemann. Sie verfluchte ihn dafür, nicht zurückzukommen, wo Haley und sie ihn so dringend brauchten, doch in schlaflosen Nächten schmolz ihr Groll zu Verständnis. Hatte er mitangesehen, was Hunter zugestoßen war? Ständig kamen ihr Schreckensvisionen, in denen Gordon dazu gezwungen wurde, Hunters Tod zu bezeugen, weshalb er seiner Frau vermutlich nicht entgegentreten konnte, bis er den Jungen gerächt hatte. So war Gordon geeicht, doch sie wünschte sich nichts so sehr, als ihn wiederzusehen – hier bei Haley und ihr.

Die Gruppe hatte es bis nach Idaho geschafft, allerdings nicht in die Stadt McCall wie vorgesehen. Die verschneiten Bergstraßen zwangen sie dazu, in Eagle am Fuß des Gebirges zu bleiben. Ohne Räumdienste zum Freischaufeln der Straßen würden sie bis zum Ende des Frühlings warten müssen, bevor sie ihre Fahrt zur Hütte fortsetzen konnte. Samantha war der Gedanke gekommen, falls Gordon auf dem Rückweg zur Familie sei, werde er nicht imstande sein, sie zu finden, und das erschwerte ihre Niedergeschlagenheit zusätzlich.

Nelson hatte die Leitung der Reisenden übernommen, und dafür waren ihm alle dankbar. Er erwies sich als besonnener Anführer und verbreitete eine gute Stimmung. Als sie erkannt hatten, dass sie nicht nach McCall gelangen würden, war er flugs mit Eric losgezogen, um einen Fleck in Eagle zu finden, an dem sie bleiben konnten. Zum Glück waren die zwei auf eine Schar Menschen gestoßen, die in einer kleinen Gemeinde zusammenlebten und sich bereit gezeigt hatten, sie aufzunehmen. Scott Welk war der Mann, der in Eagle’s Nest den Ton angab und den beiden beim Herumschnüffeln an der Grenze zur Siedlung begegnet war. Nach einem kurzen, angespannten Moment hatten sie Scott ihre Absichten glaubhaft vermitteln können und versichert, dass sie als Gruppe keine Bedrohung darstellten. Indes besaß alles einen Preis, weshalb ein Teil ihrer Munition, Nahrungsmittel und Nelsons medizinische Fähigkeiten im Austausch gegen eine dauerhafte Bleibe veranschlagt worden waren.

Innerhalb der Grenzen von Eagle’s Nest standen nur ein Dutzend Häuser und die Hälfte davon leer. Scott hatte ihnen Einlass gewährt und ihnen zwei davon überlassen. Ihre Integration war glatt verlaufen, und abgesehen von einigen nebensächlichen Zwistigkeiten untereinander hatte es keinerlei Probleme zwischen den beiden Gruppen gegeben. Für die größte merkliche Unruhe sorgten hingegen Samantha und Haley. Nelson, der sich ein Haus mit Mutter und Tochter teilte, bekam das Gros ihres Konflikts zu spüren. Er zeigte Verständnis für Samanthas Kummer, doch ihre Ungeduld, was Haley betraf, und ihre seither auftretenden Gemütsschwankungen brachten ihn oftmals in eine Zwickmühle. Das Kind ergriff häufig Partei für Nelson, was Samantha umso mehr verärgerte. Dies war gerade wieder der Fall, als sie versuchte, Haley aus ihrem Zimmer zu locken.

Sie stand dort und starrte auf die dicke Tür aus Erlenholz; sie hörte ihre Tochter dahinter schreien. Samantha zuckte zusammen, als er ihren Arm berührte.

»Alles okay?«, fragte Nelson.

»Klingt das denn, als sei alles okay?«, gab Samantha zurück. Frustriert drehte sie sich auf der Stelle um und verzog sich in ihr eigenes Zimmer.

Nelson trat zur Tür und horchte mit einem Ohr daran. Haley war vom Schreien zum Schluchzen übergegangen. Er klopfte an.

»Geh weg!«, jammerte sie.

»Haley, ich bin es, Nelson. Lässt du mich rein?«

»Ich will allein sein!«

»Ich komme jetzt rein, aber bewirf mich nicht mit irgendetwas«, bat er und öffnete sachte die Tür.

Die Kleine lag mit angezogenen Knien auf ihrem Bett und weinte. Nelson ging zu ihr und setzte sich auf die Kante. Sie trat nach ihm. »Lass mich allein!«, kreischte sie.

»Haley, ich bin hier, weil ich deine Hilfe brauche.«

Sie hörte zu weinen auf, vergrub ihr Gesicht aber weiterhin im Kissen.

»Macintosh braucht dich.«

Macintosh war ein Palomino Quarter Horse und stand im Stall, der zu ihrem Haus gehörte. Haley hatte das Pferd liebgewonnen und umsorgte es jeden Tag, doch jetzt war Macintosh krank; an seinem linken Vorderhuf hatte sich ein Abszess gebildet.

Haley hob den Kopf vom Kissen und schaute Nelson an. Ihre Augen waren vom Weinen rot aufgequollen. Sie wischte sich die Tränen mit der Hand ab und fuhr sich mit dem Ärmel über ihre triefende Nase. Die Erwähnung von Macintosh hatte ihre Raserei beschwichtigt. »Geht es ihm gut?«

»Ja, nichts Ernstes, aber er und ich, wir beide brauchen deine Unterstützung. Ich gehe jetzt dorthin, und ohne dich kann ich das nicht«, erklärte Nelson ruhig.

Mit entschlossenem Blick rutschte Haley von der Matratze und rannte aus dem Zimmer. Als er sie verschwinden sah, musste Nelson schmunzeln.

***

»Hier, nimm«, bat Nelson das Kind und reichte ihm einen Beutel Bittersalz. »Gib ein paar Schaufeln hinein.«

Er richtete gerade ein Salzbad für Macintoshs Huf her; Scott behauptete, es fördere den Abfluss des Eiters. Haley befolgte Nelsons Anweisungen behutsam und sorgfältig.

»Gut, das genügt. Komm, jetzt holen wir Big Mac«, sagte Nelson.

Sie entriegelte die Box und öffnete das Gatter. »Hallo Großer«, grüßte sie das Pferd.

Nelson ließ Macintosh aufstehen und stellte seinen Huf in die Wanne mit dem Wasser. »Danke, dass du mir hilfst«, bemerkte er.

Haley streichelte das Tier zärtlich. »Alles wird gut, wir pflegen dich gesund«, flüsterte sie ihm zu.

Nelson schaute dabei zu, wie sie mit dem Pferd umging. Er war froh, dass sie sich dazu durchgerungen hatte, mit ihm herunterzukommen. Ob das, was sie taten, Macintosh helfen würde, wusste er nicht genau; er führte nur aus, was ihm Scott empfohlen hatte. Ohne Erfahrung im Umgang mit Pferden blieb er skeptisch. Obwohl er kein frommer Mensch war, betete er darum, dass das Bein des Tiers wieder heilte. Falls das, was Haley und er gerade machten, wesentlich zu seiner Genesung beitrug, würde sie selbstbewusster daraus hervorgehen.

»Nelson, glaubst du, mein Daddy kommt wieder zurück?«

Die Frage erschreckte ihn, also antwortete er zaghaft: »Natürlich wird er zurückkommen. Er ist gerade um unsertwillen da draußen.«

»Ich bin mir da nicht so sicher«, entgegnete sie plump, ohne von Macintosh abzulassen.

»Ich schon, er wird zurückkommen. Er erledigt nur das eine oder andere.»

Sie blickte zu ihm auf. »Du hast auch gesagt, Hunter würde wieder zurückkommen, aber er ist gestorben.«

Cheyenne Mountain, Colorado

»Was tun wir also jetzt?«, fragte Conner ruhig.

Baxter und die anderen Amtsträger im Raum sahen ihn beklommen an.

Conner hatte erst kürzlich mit seiner selbstauferlegten Isolation gebrochen. Nach seiner Befreiung hatte er die Nachricht vom Selbstmord seiner geliebten Ehefrau Julia verwinden müssen. Er war allein dadurch über die Folter der Aufrührer hinweggekommen, dass er sich in der Hoffnung, seine Frau und ihr neugeborenes Kind eines Tages wiederzusehen, auf seine Stärke besonnen hatte. Als ihm die Botschaft von Baxter überbracht worden war, hatte er sich zwei Wochen lang in seinem Quartier eingeschlossen.

Nachdem er herausgekommen war, hatte er sich bereit gezeigt, seine Arbeit wieder aufzunehmen. Er wurde mit endlosen Berichten von Massensterben, weiteren Atomschlägen, äußerstem Chaos und der nahezu vollständigen Auflösung jeglicher Regierungsmacht auf allen Ebenen konfrontiert. Zu erfahren, dass Cruz als Geisel festgehalten wurde, hatte ihn besonders schwer getroffen. Ihm kam es vor, als würden ihm alle Menschen entrissen, die ihm etwas bedeuteten.

Für Baxter bestand kein Zweifel daran, dass Conner unter Depressionen und posttraumatischer Belastungsstörung litt. Er hatte während seiner Gefangenschaft fürchterliche Qualen ausgestanden und nach seiner wundersamen Rückkehr mit so vielen schlechten Neuigkeiten klarkommen müssen, dass es jeder hätte nachvollziehen können, wenn er sein Zimmer gar nicht mehr verlassen hätte. Baxter hatte das Kommando übernommen und sein Möglichstes getan. Die Verhandlungen mit Australien waren vorangeschritten, aber die dortige Regierung zeigte sich noch nicht einverstanden, den USA Beistand zu leisten, zumal sie jetzt ohnehin nur wenig bieten konnte, da sie so viele andere Nationen unterstützte, die von den Elektromagnetwellen betroffen waren. Es gab unheimlich viel zu tun, und Baxter hoffte, allmählich stelle sich eine Wende zum Positiven ein.

»General, ich muss es wissen! Was sollen – was können wir tun? Wie stehen wir für über 300 Millionen Menschen ein?« Conner klang aufgekratzt.

»Sir, vielleicht sollten wir eine Pause machen«, schlug Baxter mit einem Hauch von Besorgnis in der Stimme vor. »Wir haben sie mit einer Fülle von Informationen überhäuft.»

Conner schaute nacheinander in die Gesichter aller Anwesenden. Dann schlug er einen sanfteren Ton an. »Meine Herren, mir ist klar, dass ich länger von der Bildfläche verschwunden war. Mit mir ist einiges passiert – verdammt, wir alle haben eine ganze Menge erlebt. Wir wollen das Beste für unser Land, doch ich weiß nicht, was wir unternehmen können. Die Situation dort draußen hat eine Eigendynamik entwickelt. Ich verbrachte Wochen außerhalb und sah mit eigenen Augen, was vor sich geht. Wir sind in eine unhaltbare Position geraten.« Daraufhin lehnte sich Conner gedankenverloren zurück.

»Sir, wir sind hier, um zu tun, was wir können, um die Vereinigten Staaten wiederaufzubauen«, gab Dylan als Antwort auf Conners erste Frage.

»Schon, doch was ist, wenn uns das nicht gelingt? Was, wenn es einfach zu viel ist?«, entgegnete Conner.

»Mr. President, nicht alle unsere Bemühungen sind gescheitert. Wir haben Erfolge gesehen …«, begann Baxter, wurde aber unterbrochen.

»Definieren Sie Erfolg«, brauste Conner auf. »Wenn ein Mann einen Herzinfarkt bekommt und in einen Strauch fällt, rettet man sein Leben nicht, indem man ihm die Dornen aus dem Fleisch zieht – er stirbt immer noch an seinem Infarkt! Während ich fort war, wurde alles nur noch schlimmer. Eine unbekannte Streitmacht hat das Gros unserer Untergrundbasen zerstört, es gab Komplikationen mit Kernkraftwerken, unsere Städte fallen der Anarchie anheim, und Notlager, die wir errichtet haben, verwandeln sich in Todeszellen, weil wir nicht über die nötigen Mittel verfügen, sie angemessen zu versorgen und zu bemannen. Der Vizepräsident wurde von einem abtrünnigen Colonel entführt, eine Armee ist in Südkalifornien gelandet und marschiert Richtung Norden, und die einzige erfreuliche Entwicklung? Australien ist einer Entscheidung zu unseren Gunsten nähergekommen und wird uns vielleicht Nahrung und Hilfsmittel schicken.« Er schlug mit einer Faust auf den Tisch.

»Was sollen wir dann Ihrer Meinung nach tun – aufgeben?«, fragte Baxter eindeutig wütend.

»Wir geben nicht auf, sondern treten hier auf der Stelle. Sie wollten auf etwas hinaus, als Sie diese Linien einzeichneten.« Conner zeigte auf ihre Karte, die neue Grenzen für die Vereinigten Staaten zeigte. Dann stand er auf und ging zu ihr hinüber. »Was hat sich hier abgespielt?«

»Der Plan sah vor, Portland zur neuen Hauptstadt zu machen«, erwiderte Baxter.

Conner blieb vor der Karte stehen und begutachtete sie. »Wir müssen einsehen, dass die USA, wie wir sie begreifen, nicht mehr existieren. Texas ist verloren, Alaska und Hawaii ebenfalls, denn Barone beansprucht diese Staaten für sich.« Er zeigte jeweils darauf, während er die Gebiete aufzählte. »Was wir tun können: ein neues Land gründen, das auf den Prinzipien des alten fußt. Wir müssen selbständig nach einem Ort suchen, den wir Zuhause nennen können, statt die wenigen Ressourcen, die wir noch haben, mit Anstrengungen zu vergeuden, das Verlorene wiederzugewinnen.«

»Verzeihung, Sir, doch das klingt für mich nach Aufgeben«, warf Baxter deutlich betont ein.

»Im Gegenteil, wir räumen mit Barone, der panamerikanischen Armee und allen anderen dort draußen auf, doch lassen Sie uns zuerst einen sicheren Platz für uns selbst einrichten – Grüne Zonen als Ausgangspunkte für weitere Handlungen.«

»Was ist daran so großartig anders im Vergleich zu unseren Operationen von hier aus?«, wollte Dylan wissen. Manche am Tisch schauten hin und her, wechselten befangene Blicke.

»Wir folgen weiter dem Plan, den Sie und Cruz umrissen haben, wählen aber eine Stadt, in der wir uns unter minimalem Widerstand einnisten und unsere Arbeit anpacken können«, setzte Conner fest. Ihre Mienen zeigten ihm, dass sie verwirrt waren. »Verstehen Sie, ich heiße Ihren Plan gut, doch er berücksichtigt bislang weder Barone noch die panamerikanische Gruppe. Wir dürfen uns gewiss sein, dass die Berge und zentralen Staaten immer noch sicher in unserem Einzugskreis liegen. Schlagen wir also dort auf und hissen unsere Flagge, werfen alles in die Waagschale, was wir haben, und geben der Welt zu erkennen, was wir tun. Wenn wir uns zur Wehr setzen müssen, werden wir es tun; wir geben nicht auf, sondern passen unsere Marschroute an.«

»Und wohin führt sie uns?«, fragte Baxter.

Conner drehte sich zur Karte um und zeigte. »General, stellen Sie Kontakt zum Gouverneur von Wyoming her; wir ziehen nach Cheyenne!«

Coos Bay, Oregon

»Bitte beruhigen Sie sich«, sagte Barone. »Ich kann nicht auf Ihre Anliegen eingehen, solange Sie mir keine Chance geben zu antworten, also bitte: Jetzt einer nach dem anderen.« Er saß vor den Bürgermeistern, Stadtdirektoren und Ratsmitgliedern von Coos Bay und North Bend.

»Colonel, Berichten zufolge soll die US-Regierung immer noch aktiv sein. Das widerspricht dem, was Sie uns erzählten«, sprach Cynthia Brownstein, die Bürgermeisterin von Coos Bay.

»Ich hörte das Gleiche«, pflichtete Roger Timms bei, ihre rechte Hand.

Die Versammelten ergingen sich wieder in lautem Geschnatter, indem sie Barone mit strengen Fragen und Vorwürfen bombardierten.

Bei seiner Ankunft hatte er der Bevölkerung gesagt, die Regierung der Vereinigten Staaten habe sich unter der Belastung im Zuge der Anschläge aufgelöst. Seine Meuterei und die fortlaufenden Gefechte zwischen seinen Streitkräften sowie den verbliebenen der USA waren verschwiegen worden. Er wusste, dass er sich mit seinen Lügen auf dünnem Eis bewegte und den Tag erleben würde, an dem er die Rechnung bekam. Die Entwicklung zu dieser Konfrontation hatte eine Woche zuvor begonnen, als zwei Matrosen an die Öffentlichkeit getreten waren, um jedem die Wahrheit zu unterbreiten, der ihnen zuhörte.

Barone widerstand dem Drang aufzustehen und ihnen allen zu sagen, sie mögen zur Hölle fahren. Ihm war klar, dass er, so er ein neues Land aufbauen und treue Bürger haben wollte, ihre Herzen und Gedanken für sich gewinnen musste.

Oberfeldwebel Simpson rief: »Meine Damen und Herren, es reicht! Schweigen Sie, damit der Colonel Ihre Fragen beantworten kann. Er hat diese Ratsversammlung einberufen, um jene Falschinformationen zu dementieren!«

Barone hob ihm eine Hand entgegen. »Master Sergeant Simpson, schon gut.«

Ruhe kehrte erst ein, als sich Barone von seinem Stuhl erhob, hinter seinem Schreibtisch hervortrat und sich vorne gegen die Tischkante lehnte, um sich den Vertretern der Zivilbehörden zu stellen.

»Ich möchte Ihnen noch einmal dafür danken, dass Sie gekommen sind. Gerne beantworte ich alle Ihre Fragen, doch dazu brauche ich Zeit, in der ich nicht gestört werde. Werden Sie mir die gewähren?«, fragte Barone bedächtig.

»Colonel, mir sind ganz üble Gerüchte zu Ohren gekommen, Sie müssen Klartext mit uns reden«, verlangte Barry Milford, ein Mitglied des Stadtrats von North Bend. »Warum sind Sie hier?«

Zwei weitere Anwesende bewarfen Barone mit Fragen, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen. Die Stimmung erhitzte sich wieder, und abermals sprachen alle durcheinander.

»Warum sind Sie hier?«, wiederholte eine Stimme von hinten.

»Stimmt es, dass Sie und Ihre Soldaten gemeutert haben?«, wollte jemand wissen.

»Ja! Jawohl, das stimmt!«, donnerte Barone.

Mit dieser Antwort brachte er den Raum endlich zum Schweigen.

»Wenn Sie die Wahrheit hören wollen, müssen Sie mir auch gestatten, alles zu erklären. Ich werde Ihnen erzählen, was ich weiß. Hoffentlich sind Sie darauf gefasst, denn es ist hässlich.«

Niemand entgegnete etwas; die bislang so schlagfertige Gruppe war nun still vor Bestürzung.

»Wir kamen her, um Zuflucht zu suchen; wir kamen her, weil wir ein neues Zuhause möchten. Wochenlang sind wir schon hier, und während dieser Zeit haben Sie nichts als Hilfe und Beistand von uns erhalten. Wir sind nicht hier, um irgendjemandem Schaden zuzufügen.«

»Warum haben Sie uns belogen?«, fragte Brownstein.

»Wäre ich mit unseren Schiffen hier aufgelaufen«, erwiderte Barone, »von wegen ›Bitte helfen Sie uns, dann helfen wir Ihnen, und übrigens, wir haben gegen die alten Vereinigten Staaten gemeutert‹, hätte das, glaube ich, keinen großen Anklang gefunden.«

»Warum die Meuterei?«, schob Barry nach.

»Ich habe Ihnen nur die halbe Wahrheit erzählt. Tatsächlich ist es so, dass die USA quasi das Zeitliche gesegnet haben. Washington D.C. wurde zerstört, New York gibt es nicht mehr, die Vereinten Nationen ebenfalls, und der Präsident mitsamt dem Kongress – alle tot. Es ist richtig, dass die Bomben, derentwegen unsere Infrastruktur hinfällig ist, auch über Europa und Asien gezündet wurden. Australien ist neben einigen Gebieten in Südamerika und Afrika das einzige unberührt gebliebene Land. Was Sie hier erlebt haben, ist überall auf dem Kontinent geschehen. Viele Städte sind dem Chaos anheimgefallen; diese Fakten habe ich weder verdreht noch beschönigt.«

Jemand anders meldete sich: »Woher wissen wir, dass wir Ihnen vertrauen können?«

Barone hob wieder eine Hand und bat um Geduld, ehe er fortfuhr. »Ich mache Ihnen nichts mehr vor, sondern packe alles aus. Sollten Sie verlangen, dass wir verschwinden, werden wir das tun, aber lassen Sie mich zuerst meinen Punkt klarmachen.« Er war bereit, die Konsequenzen zu tragen, und hatte nun das Gefühl, sich durchsetzen zu können, falls er es schaffte, den Menschen seine Situation zu schildern. Als er mit seinem Heer gelandet war, hatten die Städte Coos Bay und North Bend angesichts der Lage relativ gut dagestanden, wenn auch nicht ohne Herausforderungen. Was seine Militärs ihnen bieten konnten, waren Sicherheit und Hoffnung. Deshalb wusste er, dass er einen gewissen Spielraum genoss, wenn er damit drohte, wieder aufzubrechen.

Das Geplapper und unkoordinierte Tuscheln wurde lauter.

Schließlich stand Roger Timms auf und richtete sich an die Gruppe: »Der Colonel hat sich für unsere Gemeinden als hilfreich erwiesen, also würde ich sagen, wir lassen ihn ausreden. Später können wir uns immer noch darüber beratschlagen. Bringen wir ihm den Respekt entgegen, den er verdient.« Damit wandte er sich wieder zu dem Angesprochenen herum. »Fahren Sie fort, Colonel.«

»Danke sehr, Roger.« Barone lächelte ein wenig. Dann hob er zu seiner umfassenden Erklärung an, beginnend mit dem Moment, als er, in Afghanistan stationiert, von den Anschlägen erfahren hatte. Danach führte er seine Zuhörer an die Küste Südkaliforniens und beschrieb, worauf seine Truppe dort gestoßen war, fasste die Gespräche zusammen, welche er mit Vertretern der US-Obrigkeit – unter anderem auch Conner – geführt hatte, und sparte nichts aus, nur die Vorfälle in Salem und Portland. Ihm war bewusst, dass sie nicht ins Bild der Erzählung passten, die er strickte. Damit wollte er sich als Führungskraft darstellen, die gewillt war, sich dem System zu entgegenzustellen und Gefahr zu laufen, alles zu verlieren, um ihre Familie und Mitbürger zu schützen. Als er auf seine Wahl zu sprechen kam, Coos Bay anzusteuern, betonte er auch, sie hätten andere Orte außerhalb der USA in Betracht gezogen, doch seine Liebe zu Amerika habe ihn dazu getrieben, sich hier einzufinden. Er schloss seinen langen Monolog ab, indem er sagte: »Ich weiß zu schätzen, dass Sie mir Ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben. Meine Männer und ich, wir wünschen uns nichts inniger, als weiter zusammenzuarbeiten, um uns einen Platz aufzubauen, an dem wir sesshaft werden können. Wir haben etwas zu bieten, genauso wie Sie. Um dies zu überstehen, brauchen wir einander, also berücksichtigen Sie das, wenn Sie sich später alle besprechen.«

Die meisten im Raum nickten, als er fertig war. Roger stand wieder auf und sagte: »Meine Damen und Herren, lassen Sie uns im Stadthaus von Coos Bay zusammenkommen, um darüber zu diskutieren.«

Daraufhin erhoben sich auch alle anderen und gingen. Ein paar traten zu Barone und schüttelten ihm die Hand.

Als nur noch er, Simpson und Roger Timms im Saal waren, nutzte letzterer die Gelegenheit, sich persönlich an den Colonel zu wenden.

»Danke dafür, dass Sie so freimütig und ehrlich waren. Ich wünschte, Sie hätten sich uns gegenüber von Anfang an so verhalten, doch jetzt, da ich gehört habe, was Sie durchmachen mussten, kann ich nachvollziehen, warum Sie es nicht taten. Ich möchte mich Ihnen noch einmal erkenntlich zeigen für all die Hilfe, die Sie hier geleistet haben. Ungeachtet dessen, was in der Vergangenheit geschehen ist, würde ich unsere Partnerschaft gerne fortsetzen. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht.«

»Vielen Dank, Roger. Gut zu wissen, einen Freund vor Ort zu haben.«

»Verlassen Sie sich darauf«, bekräftigte Timms und bot ihm seine Hand an. Der Colonel schüttelte sie, dann drehte sich der Stadtdirektor um.

Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte, richtete sich Barone an Simpson und fragte: »Nun, Sergeant, sagen Sie mir, was Sie denken.«

»Hätten Sie mir nur gesagt, dass Sie mit der Wahrheit herausrücken würden. Ich habe keine Ahnung, wie es nun weitergehen wird, und glaube nicht, dass die uns zum Verschwinden auffordern werden. Falls doch, können wir aber wohl schwerlich einfach unsere Sachen packen und in See stechen, ohne Probleme in unseren eigenen Reihen zu bekommen. Nicht wenige unserer Männer haben hier schon eine neue Heimat gefunden.«

»Ich gebe Ihnen Recht, das ist nicht leicht. Wir haben uns ziemlich gut eingelebt – deshalb müssen wir dafür sorgen, dass es glatt geht.« Barone zog einen Stuhl zur Tafel, wo sich Simpson wieder hingesetzt hatte.

»Sergeant, Sie sind ein guter Beobachter. Wem aus dieser Gruppe können wir Ihrer Einschätzung nach trauen – und umso wichtiger: wem nicht?«

»Gute Frage, Sir. Wenn ich einen nennen müsste, den wir im Auge behalten sollten, dann wäre das Barry Milford.«

»Warum das?«

»Gleich nach unserer Ankunft war er derjenige, der uns die Hölle heißmachte. Ich schwöre Ihnen, diese Plage hat jeden Tag bei mir angeklopft.«

»Hm, auf mich wirkt er wie ein Wichtigtuer. Ich weiß nicht, ob er uns irgendwelchen Ärger bereiten könnte«, erwiderte Barone leicht abfällig.

»Außerdem würde ich Brownstein beobachten. Sie ist eine ausgemachte Unruhestifterin. Ich höre mich um und achte besonders auf jegliche Form von verdächtigem Verhalten.«

»Tun Sie das. Jetzt würde ich gerne wissen, wie die Langstrecken-Erkundungsmissionen vorangehen.«

»Soweit gut. Ab und an kam es zu kleinen Zwischenfällen, aber das war nichts Ernstes. Insgesamt betrachtet nahm man uns in vielen Städten zuvorkommend auf. Zivilisten gemeinsam mit Marines gehen zu lassen, hat sich bezahlt gemacht. Dadurch integrieren wir uns noch fester in der Region und erschweren es ihnen, uns anzufechten.«

»Das hört sich alles prima an. Weiter so«, sagte Barone und stand wieder auf.

Gerade als er hinausgehen wollte, rief Simpson ihm nach: »Sir, eines hätte ich fast vergessen – Cruz verweigert wieder die Nahrungsaufnahme.«

»Sie wissen, was zu tun ist, füttern Sie ihn. Wir können uns nicht leisten, ihn zu verlieren«, entgegnete Barone süffisant.

Während die Tür zufiel, bestätigte Simpson mit einem »Roger!«

Sacramento, Kalifornien

Pablo weidete sich am Anblick seines Trupps, der die letzte Brücke nach Sacramento zerstörte. Auf seinem T-72-Panzer hockend, fühlte er sich wie ein Kriegsherr, der seine Männer in die Schlacht führte. Während er ihr Vorgehen durch einen Feldstecher beobachtete, umspielte ein Lächeln seine Mundwinkel. Der Einsturz der Brücke der Interstate 5 bedeutete, dass er jetzt alle Zu- und Ausfahrten der Stadt kontrollierte. Seine Streitkräfte hatten das gesamte Gebiet umzingelt und hielten sich angriffsbereit.

Oben auf dem Fahrzeug genoss er einen weiten Ausblick auf die Silhouette der Innenstadt. Die Strahlen der untergehenden Sonne warfen Schatten auf die Gebäude. Es war still – so still, dass er hörte, wie der Wind trockenes Laub über die Straße wehte. Er nahm sich einen Augenblick, um die Einsamkeit zu genießen, denn bald würden seine Geschütze und Mörser die friedliche Ruhe brechen. Er hatte versucht, mit dem Gouverneur zu verhandeln, doch diese Bestrebungen waren zwei Tage zuvor zum Erliegen gekommen. Daraufhin hatte er seinen Männern befohlen, Kontrollpunkte zu errichten und alle Straßen abzusperren, die in die Stadt hinein- beziehungsweise herausführten.

Wie weit seine Armee innerhalb weniger Wochen seit ihrer Ankunft gekommen war, verblüffte ihn. San Diego hatte als erste Stadt kapituliert, doch sie einzunehmen, war nicht besonders schwierig gewesen, da die Villistas die Bevölkerung bereits länger terrorisiert hatten. Die Eroberung besaß eher symbolischen als strategischen Wert. Er hatte Aufklärer nach Los Angeles geschickt, doch diese Stadt erwies sich bis auf weiteres als uneinnehmbar. Gangs, die den Gesetzesapparat vor dem Ausfall der Lichter geplagt hatten, waren fortan eine nicht zu unterschätzende Macht geworden. Sie gingen organisiert vor und wussten, wie sie auch ohne moderne Technik Kommunikation und Strukturen aufrechterhielten. Nur eine Gruppe von Pablos Kundschaftern war zurückgekommen, und mit Hinblick auf deren Informationen betrachtete er Los Angeles als Ziel, das vorerst verschont blieb. Die kleinen Städte auf dem Weg hierher waren unterdessen ohne großen Aufwand gefallen. Örtliche Behörden oder überschaubare Angehörige der Nationalgarde hatten dem schwerbewaffneten und voll ausgerüsteten 25.000 Mann starken Heer nichts entgegensetzen können. Das ist es, was man kriegt, wenn Venezuela seine Zweite Infanteriedivision für 20 Milliarden in Gold verkauft, dachte er kichernd bei sich.

Pablo schaute auf seine Uhr; die Zeit nahte.

»General Pasqual, kommen Sie her!«, rief er seinem stellvertretenden Offizier zu.

»Sofort, Sir.« Der General kam zum Panzer gelaufen und salutierte.

»Ist alles bereit zum Beschuss?«

»Jawohl, Sir. Alle Geschütze und Mörser-Einheiten stehen mit ihren Koordinaten in Position.«

»Gut. Sagen Sie mir Bescheid – ich möchte den Angriffsbefehl selbst erteilen.« Pablo winkte Pasqual, er möge wieder gehen.

Als er sich mit dem Rücken an die Drehkuppel des Panzers lehnte, dachte er darüber nach, dass sein Plan bisher in allen Einzelheiten fast zu leicht aufgegangen war. Er wusste, dass er sich über kurz oder lang von einer richtigen Militäreinheit der USA auf die Probe stellen lassen musste. In seinen Eroberungsfantasien deckte das panamerikanische Großreich ein Gebiet von der Südspitze Panamas über die südliche Grenze von Oregon hin bis in den Osten nach Oklahoma und Texas ab. Allerdings war er ein Realist und wusste, dass er dazu eine gewaltige Armee und sehr viel Zeit benötigte. Vorrang hatte momentan das Ziel, den amerikanischen Südwesten zu annektierten, dann in Mexiko einzufallen und sein Volk mit dem Versprechen zu befreien, eine neue Ära einzuläuten.

Ehe er sich versah, war Pasqual zurückgekehrt. »Imperator, es ist soweit.«

Pablo richtete sich auf und streckte sich. Noch einmal fasste er die Landschaft ins Auge, bevor er sein Funkgerät verlangte.

General Pasqual trat vor den Panzer und hielt ihm ein Gerät hin.

Ohne ein weiteres Wort schnappte Pablo es ihm weg. Kurz vergegenwärtigte er sich noch einmal, was er nun tun würde. Dies sollte der erste groß angelegte Angriff auf eine Stadt sein, ein Meilenstein für ihn. Er strahlte; er war drauf und dran, die Zerstörung der Hauptstadt von Kalifornien zu veranlassen.

»Wer hätte vor einem halben Jahr gedacht, dass ich hier sitzen würde?«, fragte er selbstgefällig.

General Pasqual lächelte nur und nickte.

»Hier, machen Sie einen Schnappschuss, ich möchte diesen Moment in Erinnerung behalten.« Pablo gab ihm eine Kompaktkamera. Dann posierte er mit dem Funkgerät, indem er auf die Stadtkulisse von Sacramento zeigte.

»Wie ist es geworden? Lassen Sie mal sehen.« Pablo prüfte das Foto. »Schönes Bild. Also gut, fangen wir an.« Er drückte die Sprechtaste am Gerät. »Alle Einheiten, hier spricht Ihr Imperator. Zum Angriff.«

Klamath Falls, Oregon

»Sir, lassen Sie die Waffe fallen!«, verlangte einer der Marines.

Gordon wusste nicht, was er tun sollte. Mitten in Oregon von einem Soldatenverband umringt zu werden, zählte zu den Dingen, die er nicht erwartet hatte.

»Verdammt, Mann, nehmen Sie das Ding runter, oder wir legen Sie um«, drohte ein älterer Marine, der gerade aus seinem Humvee stieg.

Eine Sekunde lang glaubte er, den Kerl zu kennen. Er blinzelte schnell und kniff die Augen zusammen, um das Gesicht des Soldaten im herumwirbelnden Schnee irgendwie zu fokussieren.

»Legen Sie die Waffe auf den Boden, damit wir Ihnen mit der Verletzten helfen können!«, rief der ältere Marine.

Gordon schaute hinunter auf Brittany, die zusammengekrampft in ihrem Blut zu seinen Füßen lag. Ihm war klar, aus einem Schusswechsel würde er in dieser Situation nicht als Sieger hervorgehen, doch sein Misstrauen allem und jedem gegenüber machte es schwierig, sich zu fügen.

»Wollen Sie uns wirklich zwingen, Ihnen Ihre dämliche Rübe wegzuschießen? Verlassen Sie sich darauf, dass wir das tun werden, es ist arschkalt hier draußen«, schimpfte der ältere Soldat sarkastisch.

Da ging Gordon ein Licht auf; er kannte diese Stimme.

Der andere trat aus dem Schatten hervor, sodass Gordon endlich sein Gesicht sah.

»Smitty?«, fragte er.

Der Ältere näherte sich auf weniger als zehn Fuß Abstand und blieb stehen. »Wer sind Sie?«

»Smitty!«, wiederholte Gordon, diesmal mit einem Ausdruck freudiger Überraschung angesichts dieses seltsamen Zufalls. »Gunny Smith!«

»Also, Sie scheinen meinen Namen zu kennen, aber wer zum Henker sind Sie?«

»Van Zandt. Sergeant Van Zandt«, antwortete Gordon, während er seine Pistole herunternahm.

»Van Zandt? Das darf nicht wahr sein! Du bist der letzte Mensch, mit dem ich hier draußen gerechnet hätte.«

Der Schneesturm war noch schlimmer geworden. Die dicken, schweren Flocken schmolzen jetzt nicht mehr auf Brittany, die reglos am Boden lag. Tyler kauerte neben ihr und hielt ihren Kopf. »Mama, Mama, bleib wach«, bettelte er.

Gordon fand sich schlagartig in die Gegenwart zurückgeholt. »Smitty, sie braucht Hilfe. Sie hat eine Schrotladung in die Schulter bekommen.«

»Männer! Legt sie hinten in meinen Wagen und nehmt sie mit zurück in die Stadt«, befahl Gunny. Mehrere Marines kamen sofort an ihre Seite. Brittany stöhnte laut, als die Männer ihren erschlafften Leib hochhoben.

»Mama!« Tyler hielt ihre Hand, während die Soldaten sie hinter den Geländewagen trugen. Er stieg mit ihnen ein.

Gunny sah an Gordons Gesichtsausdruck, dass er sich vor Sorge verzehrte. »Sie wird es überstehen, wir kümmern uns um sie«, versicherte er.

Gordon nickte.

»Das ist alles so unwirklich; was treibst du in Oregon?«

»Das Gleiche könnte ich dich fragen. Wie wäre es, wenn wir das alles bei einem Drink in der Stadt besprechen?«

Als sich Smith umdrehte, musste er feststellen, dass seine Männer wendeten und ohne ihn losrasten.

»Tja … sieht so aus, als bräuchte ich eine Mitfahrgelegenheit«, bemerkte er grinsend.

»Nehmen wir meine Mühle«, scherzte Gordon.

»Wir haben eine Menge nachzuholen«, sagte Gunny und klopfte ihm auf die Schulter.