15. März 2015

Hüte dich vor den Ideen des März.

William Shakespeare

Östlich von Bend, Oregon

Gordon brauchte eine Pause, um sich nach so langer Fahrt zu dehnen. Er wusste nicht, ob seine Beine und sein Rücken vom Sitzen oder immer noch infolge der Explosion wehtaten. Die Sonne war gerade am östlichen Horizont aufgegangen, und mit ihr, so hoffte er, würde ein weiterer Tag ohne Zwischenfälle anbrechen. Jedes Mal, wenn er einem Sonnenaufgang beiwohnte, sprach er ein kurzes Gebet, auf dass er auch erlebe, wie sie wieder unterging.

Die ersten 24 Stunden der Fahrt lagen hinter ihnen, wobei sie mühelos 300 Meilen zurückgelegt hatten. Dessen ungeachtet kamen sie in der neuen Welt langsamer mit dem Auto voran. Das Wetter und die Beschaffenheit der Straßen waren bereits zuvor Faktoren gewesen, doch hinzu kamen jetzt liegengebliebene Fahrzeuge und Wegelagerer, weshalb sie nicht einfach überall anhalten konnten. Der schwere Regen zu Beginn hatte sie ausgebremst, war aber zu ihrem Glück in Schnee übergegangen, die Temperatur jedoch nicht unter den Gefrierpunkt gefallen. Wenn es so weiterging, schaffte er es vielleicht in drei bis vier Tagen bis nach Cheyenne.

Christopher fing an, sich zu regen, wachte aber nicht richtig auf. Er hatte angeboten, einen Teil der Strecke als Fahrer zu übernehmen, was ihm Gordon dankte. Er freute sich schon darauf, von seiner Pflicht als Chauffeur entlastet zu werden. Weil er nicht länger warten wollte, fuhr er über einen Haufen Schutt, sodass der Humvee ruckelte. Mit einem Mal waren alle hellwach.

Auch Christopher, der hastig fragte: »Alles in Ordnung, ist uns etwas passiert?«

»Nein, alles bestens, ich bin nur versehentlich über etwas gefahren«, log Gordon. »Da Sie schon wach sind: Ich bräuchte eine Pause und etwas Ruhe. Darf ich bitten?«

»Aber sicher doch, halten Sie an, sobald Sie denken, es sei sicher«, erwiderte Christopher und streckte sich.

»Wo sind wir?«, fragte Cruz von hinten.

»Irgendwo östlich von Bend«, antwortete Gordon. »Wir kommen gut voran.«

Normalerweise wäre er gar nicht nachts gefahren, aber dann hätte die Reise dreimal so lange gedauert, und Gefahren taten sich auf der Straße sowieso rund um die Uhr auf.

»Ich sehe schon eine ganze Zeit lang überhaupt nichts weit und breit. Wahrscheinlich ist es sicher, egal, wo ich haltmache.« Gordon bremste langsam.

»Könnten wir keine richtige Toilette suchen?«, fragte Cruz weiter.

»Meinen Sie das ernst?«, erwiderte Gordon.

»Jawohl. Ich muss dringend«, sagte Cruz schlicht.

»Ich fürchte, Sie müssen es so tun wie die Tiere. Ich habe aber Klopapier und Schanzzeug im Laderaum.«

»Was ist Schanzzeug?«, fragte Christopher.

»Ein Klappspaten. Den nehme ich gerne mit, wenn ich in der Natur unterwegs bin. Ich benutze ihn, um in der Hocke mein Gleichgewicht zu halten.«

»Sind Sie sicher, dass es hier in der Nähe keinen Rastplatz oder andere Gebäude gibt?«, beharrte der Vizepräsident.

»Sir, sollten wir an einem Gebäude vorbeikommen, kann ich Sie nicht einfach hineingehen lassen, bevor ich es nicht gesichert habe, und das könnte eine Menge wertvoller Zeit kosten. Sie dürfen nicht davon ausgehen, jeder Bau, den Sie sehen, sei sicher. Die Welt hier draußen ist tückisch, falls Sie es noch nicht wissen.«

»Mr. Van Zandt, mir missfällt Ihr herablassendes Benehmen.«

Gordon ließ den Wagen im Leerlauf rollen und lenkte ihn zum Fahrbahnrand.

»Tut mir leid, wenn Sie sich beleidigt fühlen« sagte er, »aber ich kann Ihr Genörgel nicht ernst nehmen. Sie sind bestimmt ein gescheiter Kerl; ich fahre nicht an einem beliebigen Haus vor, solange ich nicht dazu gezwungen bin. Es ist einfach das Beste, wenn wir jeglichen Gebäuden fernbleiben.«

Cruz überlegte, bevor er etwas entgegensetzte. Er fühlte sich nicht wohl. Ihm tat alles weh, und bei ihm bahnte sich – so kam es ihm vor – ein Fieber an.

»Hier werden wir eine Pause einlegen. Mr. Vice President, die Schaufel liegt hinten rechts. Sie gehen zuerst, suchen Sie sich irgendeinen Baum aus. Christopher, macht es Ihnen etwas aus, den Tank zu füllen? Ist ganz egal, welchen der Kanister im Laderaum Sie nehmen. Ich werde solange wachen.« Damit stieg Gordon aus.

Dass er sich ausgiebig ausstrecken konnte, tat ihm gut. Er beugte sich weit vornüber und ließ den Oberkörper hängen, sodass sein Gewicht allein den unteren Rückenbereich dehnte. Er hatte einen einsam gelegenen Straßenabschnitt ausgesucht. Die hügelige, zerklüftete Landschaft war mit zahllosen Kiefern und gewaltigen Sträuchern gespickt. Nach Osten hin war die Straße über Meilen hinweg zu sehen, im Westen verlor sie sich irgendwann am Horizont. Die Temperatur war niedrig, aber erträglich. Der graue Himmel mochte alles Mögliche in Aussicht stellen – nur bitte keinen Regen, wie Gordon hoffte.

Wilbur kam zu ihm und fragte: »Können Sie mir helfen? Vice President Cruz fühlt sich unwohl.«

»Sicher.« Gordon folgte ihr auf die andere Seite des Geländewagens. Dort saß der Patient geknickt am Boden und lehnte mit dem Rücken am rechten Radkasten.

»Ist es schlimm?«, begann Gordon, doch was er sah, gab ihm bereits die Antwort, und diese lautete ja.

Cruz’ Haut war fahl und feucht. Er schaute mit aufgequollenen, blutunterlaufenen Augen zu ihm hoch.

»Er ist jetzt richtig krank. Schon vor unserer Abfahrt beklagte er sich, doch ich dachte, er sei nur erschöpft«, erklärte Wilbur.

»Schaffen wir ihn in den Wagen«, sagte Gordon und nahm einen von Cruz’ Armen. Die Staatssekretärin packte den anderen, und gemeinsam zogen sie ihn hoch, um ihm zurück auf seinen Sitz zu helfen. Dort sackte er zusammen und stützte den Kopf gegen eine Kiste.

»Was ist los mit ihm?«, fragte Wilbur.

»Weiß nicht, aber Sie waschen sich besser die Hände«, erwiderte Gordon und schaute auf seine eigenen. »Wenn ich eines nicht will, dann dass wir uns einfangen, was er hat.«

***

Sobald er sich auf dem Beifahrersitz niederließ, verlor Gordon vor lauter Müdigkeit das Bewusstsein. Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte, als Christopher ihn rüttelte.

»Gordon, wachen Sie auf!«, drängte er.

»Hä? Was … was ist los?« Gordon rutschte hoch und besann sich.

»Es ist wegen Cruz; ihm geht es noch schlechter.« Christopher zeigte auf die bemitleidenswerte Gestalt auf dem Rücksitz. Er hatte am Straßenrand angehalten.

»Wo sind wir jetzt?« Gordon schaute sich um. Die Sonne stand noch hoch am Himmel, also konnten sie nicht allzu weit gekommen sein. »Wir sind vor einer Meile an einem Schild vorbeigekommen, auf dem stand, bis Hines seien es noch sieben Meilen«, gab Christopher an.

»Hines? Wo ist die Karte?«, fragte Gordon und fing an, im vorderen Sitzbereich zu stöbern.

»Wir müssen einen Arzt aufsuchen!«, brauste Wilbur auf.

Gordon drehte sich um und schaute zuerst sie, dann Cruz an. Dieser sah halbtot aus. Er war reglos geblieben, seit sie ihn zurück auf den Sitz gehievt hatten. Er schwitzte noch stärker, und als er die Augen öffnete, war das Weiße darin fast gänzlich gerötet.

»Major, im Laderaum liegen auch Erste-Hilfe-Koffer. Bringen Sie einen nach vorne, vielleicht finden wir etwas darin, das ihm hilft«, bat Gordon.

Sie stieg aus und eilte nach hinten.

»Hier ist die Karte!«, rief Christopher aufgeregt und gab sie Gordon.

Er dachte laut nach, nachdem er sie aufgefaltet hatte: »Hines … wir müssen immer noch in Oregon sein. Da ist es ja!« Er wurde laut und zügelte sich gleich wieder. »Zu dumm, es handelt sich um eine Kleinstadt, und wer weiß, ob uns dort jemand helfen kann.«

Wilbur kam mit dem Ersthilfeset zu Gordons Tür gelaufen und hielt es ihm hin. Er riss es ihr aus der Hand und kramte darin, bis er ein Fiebermittel in der Hand hielt.

»Das wird seine Temperatur bis auf weiteres senken«, sagte er, entnahm zwei Kapseln und reichte sie Wilbur.

Cruz dazu zu bringen, die Medizin aufzunehmen, war nicht leicht. Erst nach mehreren Versuchen schaffte er es, sie zu schlucken. Seine Symptome ließen auf Grippe schließen, doch ließ sich das ohne Untersuchung durch einen Arzt nicht genau bestimmen, und einen solchen aufzutreiben, war praktisch ausgeschlossen.

Gordon musste einen sicheren Platz finden, an dem Cruz zur Ruhe kommen konnte. Sie fuhren weiter Richtung Hines, Oregon. Immer wieder stellte Gordon sich innerlich dieselbe Frage: Verdammt, warum kann nicht ein einziges Mal etwas reibungslos funktionieren?

Eagle, Idaho

Als Nelson ins Haus zurückkam, fühlte er sich wie erschlagen.

Der Knall der zugefallenen, schweren Tür schreckte Samantha auf. Sie stürmte zu ihm, doch als sie sah, dass er allein war, gingen die Emotionen mit ihr durch.

»Es darf nicht schon wieder passieren. Das kann nicht sein!«

Nelson wusste nicht, wie er reagieren sollte. Er hatte die ganze Nacht kein Auge zugetan. Gemeinsam mit Eric war er eine gefühlte Ewigkeit gelaufen, viele eiskalte Meilen weit auf der Suche nach Haley, ohne dass sich eine Spur offenbart hätte. Als sich Samantha weinend hinsetzte, ging Nelson an ihr vorbei in die Küche. Es gab nichts, was er sagen oder tun konnte, um ihr Leid zu lindern, außer er brachte ihr Haley zurück.

Samantha warf Nelson nichts vor, doch das war auch gar nicht nötig; sein eigener Selbsthass reichte aus, um ihn davon zu überzeugen, er sei ein Versager. Wieder und wieder ließ er vor seinem geistigen Auge ablaufen, was im Stall geschehen sein mochte. Dabei sah er, wie Haley Macintosh fütterte und ihm mit ihrer lieblichen Stimme ein Ständchen brachte. Die Sorgfalt, mit der sie darauf achtete, dass keine der Karotten, mit denen sie ihn fütterte, zu groß war … Dann ihre Angst, das blanke Entsetzen, das sie gepackt haben musste, als sich wer auch immer ihr genähert hatte. Nelson fragte sich, ob der Angreifer ihr aufgefallen war. Hatte sie sich vor ihm versteckt, oder hatte er sie überrascht? Die Vorstellung, sie sei jetzt irgendwo eingesperrt, fürchte sich zu Tode und rufe nach Sam oder ihm, höhlte Nelson von innen aus.

Über einen vollen Tag lang nicht geschlafen zu haben, verursachte ihm ein Gefühl von Benommenheit, doch sich ein paar Stunden Ruhe zu gönnen, würde bedeuten, ein paar Stunden nicht nach ihr zu suchen. Fest entschlossen, sie zu finden, raffte er sich auf, wieder zum Stall zu gehen und dort nach dem leisesten Anhaltspunkt zu fahnden. So erhob er sich mühevoll und ließ Samantha nebenan in ihrem Schmerz schluchzend allein. Seine Lider waren schwer, und seine Gedanken gerieten zusehends durcheinander. Er schlug sich selbst ins Gesicht, um wach zu bleiben.

Als er den Stall betrat, ging er gleich wieder zu Macintoshs Box. Das Pferd war vergnügt und wusste nicht, dass seine Freundin vermisst wurde.

»Hey, Junge«, sagte er und tätschelte den Kopf des Tiers. »Was ist passiert? Wo steckt sie? Gott, ich wünschte, du könntest mir erzählen, was hier vorgefallen ist.«

Hines, Oregon

»In der Gegend gibt es ein Krankenhaus namens Burns«, rief Gordon aus, nachdem er ein Symbol auf der Karte entdeckt hatte, das für ein Hospital stand. »Sind nur wenige Meilen.«

»Gut, beeilen wir uns«, entgegnete Wilbur.

»Freuen Sie sich nicht zu früh«, mahnte er. »Die Chancen, dass es geöffnet hat, sind gering, aber vielleicht können wir uns dort mit Medikamenten eindecken.«

»Gordon, da gibt es wohl noch ein Problem«, warf Christopher mit leicht beunruhigter Stimme ein. »Vor uns!«

Eine bemannte Straßensperre trennte sie von der Einfahrt in die Stadt.

»Christopher, bremsen und wenden!«, bellte Gordon.

Der Fahrer widersetzte sich: »Nein, wir müssen weiter zum Krankenhaus!«

»Wir wissen nicht, ob uns diese Menschen wohlgesinnt sind. Ich will nicht herausfinden müssen, dass das Gegenteil der Fall ist, dann brauchen wir alle ein Krankenhaus.« Gordon schrie Christopher an: »Wenden Sie sofort!«

Der Mann gab der Erfahrung des Soldaten gegenüber jener von Wilbur den Vorzug, bremste und drehte um.

»Wohin jetzt?«

»Keine Ahnung, vielleicht gelangen wir auf einem anderen Weg hinein.« Gordon widmete sich wieder der Karte, um eine Alternativroute zu bestimmen.

»Hey, wir werden verfolgt«, bemerkte Christopher.

Als Gordon in den Seitenspiegel schaute, sah er einen Wagen, der den Abstand zwischen ihnen verringerte.

»Biegen Sie dort ab!«, befahl er. »Jetzt dort ran.«

Christopher folgte seinen Anweisungen genau, wohingegen Wilbur in einem fort plapperte und jede Order hinterfragte.

»Major, bitte halten Sie verdammt noch mal den Mund und bereiten Sie sich darauf vor, sich wehren zu müssen!«, fuhr Gordon sie an. »Nehmen Sie die«, sagte er zu Christopher und gab ihm eine Pistole.

Die Staatssekretärin nahm ihn wieder ins Gebet: »Ich verstehe nicht, warum wir anhalten! Falls Sie glauben, dass die uns etwas Böses wollen, sollten wir versuchen, sie abzuhängen!«

»Ich habe keine Zeit für Erklärungen.«

Christopher lenkte ein und blieb stehen.

Nicht eine Sekunde, nachdem der Humvee gehalten hatte, sprang Gordon mit dem M4 im Anschlag hinaus.

»Ich habe die Schnauze voll von alledem!«, fluchte er, als er die Tür zuknallte, ging in Position und wartete darauf, dass der Wagen, der sie verfolgte, um die Ecke bog.

Es handelte sich um einen Ford Falcon Baujahr 1960. Er nahm die Kurve mit hoher Geschwindigkeit, drosselte dann aber merklich, als der Fahrer sah, dass der Humvee stand.

Gordon war müde und entnervt. Er wollte nichts weiter, als dass einmal etwas glatt ging. »Ich habe wirklich keine Zeit für diesen Bockmist!«

Er zielte auf die Windschutzscheibe und eröffnete das Feuer. Nach etwa einer Handvoll Schüsse geriet das Auto ins Schlingern und rammte einen Leitungsmast. »Da seht ihr, was passiert«, sagte er laut. »Ihr konntet es nicht lassen, uns zu folgen, wie? Musstet uns unbedingt auf den Sack gehen, ihr Deppen!« Er schoss noch ein paar Mal auf das Fahrzeug. Rauch quoll aus der eingedrückten Schnauze, als sich das Kühlwasser über den heißen Motor ergoss. Gordon hielt inne, um herauszufinden, ob sich noch jemand bewegte. Nachdem er näher herangegangen war, schaute er hinein und sah zwei Männer, beide tot. Da er sich auferlegt hatte, nichts auszuschlagen, öffnete er die Tür und nahm ihre Waffen an sich, eine Mossberg-Flinte Kaliber 12 und ein Winchester-Gewehr Model 70 mit Kammerverschluss. Kurz suchte er nach weiteren Dingen von Wert, fand aber nichts. Er trat einen Schritt zurück, um das Auto zu besehen. »Woher bekommen die diese Mühlen?«

Als er zurück zum Humvee lief, kamen ein paar Anlieger aus ihren Häusern, die wissen wollten, was passiert war. »Verkriecht euch wieder, oder ich erschieße euch!«, drohte Gordon ihnen. Er meinte es nicht ernst, doch andererseits: Wer wusste schon, was dieser Tag ihm noch bescherte?

Nachdem er die Waffen in den Anhänger geworfen hatte, stieg er wieder auf der Beifahrerseite ein. »Weiter, los!«

Wilbur und Christopher starrten ihn nur an.

»Geben Sie Gas, sofort!«

»Wohin wollen Sie?«

»Sie fahren geradeaus, biegen links ab und bleiben ungefähr zwei Häuserblocks auf diesem Weg. Wir werden uns durch die Nebenstraßen schlagen, das geht schon irgendwie.«

»Glauben Sie nicht, die könnten uns noch jemanden auf den Hals hetzen?«, fragte Christopher.

»Doch, das glaube ich, und deshalb will ich auch, dass Sie Gas geben, jetzt!«

Christopher legte den ersten Gang ein und trat kräftig aufs Pedal.

Eagle, Idaho

Nelson war aus reiner Erschöpfung am Boden im Stall zusammengebrochen und eingeschlafen. Macintoshs kalte, feuchte Nüstern an seinem Gesicht weckten ihn wieder. Er setzte sich prompt aufrecht hin. Als er sah, dass es draußen dunkel wurde, sprang er auf, klopfte sich die Kleider ab und ging zum Haus zurück.

Drinnen stieß er neben Samantha auch auf Lucy, die gerade von ihrer Suche nach Haley gekommen war.

»Hi«, grüßte er die beiden mit verlegener Miene.

»Was ist mit dir passiert?«, fragte Sam.

»Tut mir leid, ich bin tatsächlich im Stall in Ohnmacht gefallen. Ich wollte nachsehen …«

»Du musst dich nicht rechtfertigen«, unterbrach sie. »Ich weiß, dass du fertig bist. Irgendwann spielen unsere Körper einfach nicht mehr mit. Denk daran, ich kenne mich aus, was das betrifft.«

»Nein, Sam, dass ich dich enttäuscht habe, tut mir wirklich leid«, beteuerte er im düsteren Ton.

»Nelson, keine Entschuldigungen. Es liegt an dieser Welt, diesem Ort, mir … Ich weiß es nicht. Ich wünschte, es wäre anders.« Ihre Stimme brach.

»Irgendetwas Neues?«, fragte er.

»Nichts. Es ist, als habe sie sich … in Luft aufgelöst«, antwortete Lucy.

Draußen hupte ein Auto, sodass die drei zusammenzuckten. Nelson lief zum Fenster und schaute vors Haus. Dort saß Eric hinterm Lenkrad des alten Trucks und winkte. Samantha sprang auf und rannte hinaus. Nelson folgte gleich hinter ihr.

Eric rief aus dem Türfenster: »Kommt beide, schnell!« Samantha und Nelson stiegen ein, woraufhin er ohne ein weiteres Wort losraste und die Haupteinfahrt zur Siedlung ansteuerte. Beim Näherkommen konnte Nelson eine große Menge Menschen davor sehen. Gleich darauf machte er ein kleines Mädchen aus, das in der Mitte des Auflaufs stand. »Das ist Haley, ich sehe sie!«

»Oh mein Gott«, stöhnte Samantha. »Sie haben die Kleine gefunden. Oh Gott, danke, ich danke dir.« Sie blickte zum Himmel auf.

Irgendetwas stimmte jedoch nicht. Eric sagte nichts; er fuhr einfach und bemerkte kein Wort. Nelson fand das ungewöhnlich. Er beobachtete die Menge weiter und versuchte zu erkennen, was los war. Eric bremste dicht hinter Macks Auto, und alle stiegen aus.

Mack stand an der Einfahrt und richtete eine Flinte auf die Gruppe. Davor stand mit den Händen auf Haleys Schultern Truman. Samanthas Freude verging, als sie sah, wer ihre Tochter festhielt. »Geben Sie mir mein Kind zurück!«

Truman lächelte. »Ein hübsches kleines Mädchen haben Sie da, so höflich und freundlich. Sie sind bestimmt eine gute Mutter.«

»Lassen Sie sie los! Geben Sie sie zurück, sie ist nur ein Kind!«, schrie Sam.

»Das will ich auch, weil ich kein so guter Elternteil wäre wie Sie. Ich will ihr ja nicht wehtun, verstehen Sie?«

Nelson zählte zehn Mann in Biggs’ Gruppe. Er sah sich nach weiteren um. Falls der Kerl nur annähernd so tickte wie er selbst, hatte er versteckte Schützen mit auf die Gemeinde gerichteten Gewehren postiert.

»Tun Sie ihr etwas zuleide, und ich bring Sie um. Sie ist nur ein kleines Kind!«

»Mama, ich hab Angst!«, schluchzte Haley.

»Schatz, alles wird gut, ich komm dich holen.«

»Klartext: Wir haben etwas, das Sie wollen, und Sie haben etwas, das wir wollen; wie wäre es also mit einem Tausch?«

»Was wollen Sie?«, fragte Nelson.

Truman lachte. »Na, wenn das nicht der Spanner von neulich ist!«

Nelson verzog verständnislos sein Gesicht.

»Ich habe Sie vor zwei Wochen auf Ihrem lauschigen Ausguck in den Hügeln gesehen. Sie glauben, wir seien nur ein Haufen dämlicher Hinterwäldler! Tja, falsch gedacht.« Der Mann lachte weiter.

Nelson ignorierte seine Worte und wiederholte seine Frage: »Was wollen Sie?«

»Das Problem ist, ich will etwas, das Sie mir möglicherweise nicht geben können: Ich will meinen Bruder zurück!«

»Wir sagten Ihnen doch, dass wir Ihren …«

»Schweigen Sie! Wir sind keine Idioten. Er kam hierher, das wissen wir. Sie und ich, wir haben das bereits durchgekaut.«

»Es war ein Unfall!«, behauptete Samantha in der Hoffnung, Raymonds Tod nicht ganz wahrheitsgetreu wiederzugeben, gereiche zu Biggs’ Überzeugung.

»Samantha, nicht«, flüsterte Nelson.

»Sagen Sie mir, was passiert ist, Blondie«, drängte Truman.

»Er ist die Treppe hinuntergefallen; er war stark betrunken und stürzte. Da wir nicht wussten, was wir tun sollten, haben wir ihn begraben. Dass jemand nach ihm suchen würde, hätten wir nicht erwartet.«

»Warum haben Sie mir das nicht neulich gesagt, als wir vorbeikamen? Das alles hätte vermieden werden können.« Truman warf seine Arme hoch.

»Tut mir leid«, jammerte sie. »Wir hatten Angst, Sie seien wütend auf uns und würden versuchen, es uns heimzuzahlen. Ich habe nicht … äh, ich wollte ihm helfen, aber er rutschte aus, fiel die Stufen hinunter und brach sich dabei das Genick.«

»In meinen Augen haben Sie ein vertrauenswürdiges Gesicht. Wenn Sie sagen, es sei ein Unfall gewesen, werde ich den Leichnam meines Bruders nehmen und Sie alle in Ruhe lassen.«

Samantha hatte sich nun in eine Zwickmühle bugsiert. Sie wusste nicht, wie sie zurückrudern sollte, um Haley heil zurück zu bekommen. Wenn Truman die Wahrheit über den Tod seines Bruders herausfand, würde er das Kind niemals herausgeben. Sie konnte dieses Risiko einfach nicht eingehen.

»Lassen Sie meine Tochter zu mir kommen, und ich führe Sie an sein Grab«, bot sie an.

»Warum gehen wir nicht alle zusammen? Ein kleiner Gruppenausflug!«, belustigte sich Biggs.

Als sich Nelson an den Rücken seiner Weste fasste, griff er ins Leere. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wo er seine Pistole abgelegt hatte. Sie nicht bei sich zu tragen, verunsicherte ihn zutiefst.

Trumans Angebot stellte Samantha unter Zugzwang. Sie wollte Haley zurück, doch was würde geschehen, sobald er sah, dass Raymond Verletzungen davongetragen hatte, die ihre Tat verdeutlichten? Er konnte gar nicht übersehen, dass es kein Unfall gewesen war. Sie wünschte, sie hätte ihm etwas Anderes erzählt, und verfluchte sich insgeheim selbst. Ihr war, als spränge ihr das Herz gleich aus der Brust, und sie kämpfte dagegen an, sich übergeben zu müssen.

Niemand setzte sich in Bewegung. Sie alle warteten darauf, dass Sam etwas sagte, doch ihr fehlten die Worte. Sie wollte verhindern, dass es in einen Schusswechsel ausartete, weil Haley dann zwischen die Fronten geraten würde. Ihre Gedanken rasten.

»Also was ist, darf ich die Leiche meines Bruders mitnehmen?«, drängte Truman.

»Mama, ich hab Angst«, jammerte Haley wieder.

Truman beugte sich nach vorne und wisperte etwas in ihr Ohr. Der erschrockene Ausdruck, den ihr Gesicht daraufhin annahm, vermittelte ihnen allen eine Ahnung von dem, was er ihr gesagt haben mochte.

»Ja, wir lassen Sie herein, aber nicht alle!«, stellte Nelson klar.

»Ich schlage Ihnen was vor: Die kleine Haley hier und ich, wir gehen jetzt gemeinsam zu ihrem neuen Zuhause zurück. Ich bin mir sicher, dass ich ein paar Bücher habe, aus denen ich ihr vorlesen kann.« Er grinste niederträchtig.

»Truman, bitte tun Sie ihr nichts. Wir überlassen Ihnen den Leichnam Ihres Bruders, falls es das ist, was Sie unbedingt wollen«, flehte Samantha. »Geben Sie mir einfach nur meine Tochter wieder.«

»Teure Lady, das war von Anfang an alles, was ich wollte. Ich habe schon als Knabe auf meinen kleinen Bruder aufgepasst. Er ist oder besser gesagt war ein wenig seltsam, verstehen Sie? Mit anderen Worten: Er hatte einen an der Waffel, und ich musste alles für ihn tun, weil unsere Eltern im Gegensatz zu Ihnen nicht gerade mustergültige Erziehungsberechtigte waren. Ich musste ihn füttern, mich für ihn prügeln und einstehen, wenn er schikaniert wurde.«

»Truman, lassen Sie Haley bitte jetzt zu mir kommen, ich verspreche, Ihnen zu zeigen, wo er ist«, bat Samantha.

Der Aufruhr hatte die übrigen Bewohner von Eagle’s Nest angelockt. Viele brachten Waffen mit und waren bereit, sie zu verwenden. Seneca kam zu Samantha und versuchte, sie zu beruhigen, doch sie achtete auf niemand anderen als Truman und Haley.

Er schaute auf. »Es wird dunkel und ist verdammt kalt hier. Ich würde meinen Bruder gerne nach Hause bringen und dort begraben.«

Samantha suchte erneut Nelsons Blick und sah sich dann unter all ihren Nachbarn um. Zahlenmäßig waren beide Gruppen nun gleichauf, doch wer in einer Auseinandersetzung die Oberhand gewinnen würde, blieb ungewiss. Sie hatte keine andere Wahl, als ihn hereinzulassen.

»Haley, hast du einen Bruder oder eine Schwester?«, fragte Truman laut, sodass alle es hörten.

»Hören Sie auf, sie zu ärgern!«, schrie Samantha.

»Mama, bitte! Bitte!«

»Truman, Sie hatte einen Bruder, der kürzlich umgebracht wurde, bitte nehmen Sie mir nicht mein einziges Kind weg!«

»Ist es hier passiert? Wer war der Täter?«, fragte Biggs, und es klang nach aufrichtigem Interesse. Doch Sam wollte sich nicht weiter mit ihm darüber unterhalten. Genau genommen wollte sie ihm ins Gesicht brüllen, dass sein Bruder ein Stück Dreck gewesen war und seinen grausamen Tod verdient hatte.

»Was ist mit der Person geschehen, die Ihren Sohn umgebracht hat?«, beharrte Truman, dessen Neugier auf ihre Geschichte nicht nachließ.

»Daddy ist fortgegangen, um sie zu töten«, bemerkte Haley. Dadurch versuchte sie, Truman Angst einzujagen.

»Ist er, ja? Das heißt also, der Mann dort ist gar nicht dein Daddy?« Er zeigte auf Nelson. Das Kind schüttelte den Kopf.

»Aha, nichts als Drama und Intrigen hier … Ich hielt Sie beide für ein Paar. Ihr Gatte ist also ausgezogen, um den Mörder Ihres Sohnes zu stellen. Ich muss gestehen, er und ich sind uns dahingehend einig, dass Gerechtigkeit stets Vorrang genießt – Auge um Auge, wie es heißt.«

Bei seiner Wortwahl drehte sich Sams Magen um.

»Also gut, das reicht jetzt, lassen Sie uns hinein, oder soll ich Prinzessin mit zu mir nehmen?«, fragte er, nun wieder mit bedrohlicher Stimme.

»Truman, ich habe gelogen!«, platzte Samantha heraus.

Er zog die Augenbrauen hoch. »Schon wieder?«

»Es geschah anders …«, hob sie an, doch dann wurde Nelson laut.

Er hatte genug. Sein Zorn war hochgekocht, und er wusste, worauf Truman hinauswollte. »Ich habe ihn getötet! Er schlug auf sie ein. Ich habe ihn ertappt, totgeschlagen und dann ins Auge gestochen!«

»Sie haben meinen Bruder auf dem Gewissen?«, donnerte Biggs. Er fasste sich ans Kreuz, zückte ein Messer und hielt es Haley an die Kehle.

»Gott, nein! Nein!«, kreischte Samantha.

Beide Parteien erhoben die Waffen gegeneinander, nachdem Truman die Anspannung gesteigert hatte.

»Sollte ich also ihr Leben für das meines Bruders nehmen? Auge um Auge?«

»Wenn Sie jemandes Leben wollen, nehmen Sie meines!«, rief Nelson.

Da lächelte Truman ihn an und erwiderte. »Sie liefern sich freiwillig aus?«

»Ja, aber Sie müssen sie loslassen. Übrigens bekommen Sie seine Leiche nicht, weil auch das mit der Beerdigung gelogen war: Ich habe sie verbrannt!«

»Nelson, nein!« Seneca kam zu ihm gelaufen.

Samantha starrte ihn fassungslos an. »Nelson, was hast du vor?«, flüsterte sie.

»Ich tue, was ich tun muss. Ich habe Gordon versprochen, alles zu geben, um euch beide zu beschützen.«

»Es muss einen anderen Weg geben«, warf Seneca ein.

»Hey, Bruder, ich verpasse diesem Wichser eins zwischen die Augen, wann immer du willst«, posaunte Mack.

»Hör auf!«, bat Samantha.

»Töten Sie mich ruhig, aber ich garantiere Ihnen, dass ich dieses kleine Mädchen mitreißen werde.« Truman grinste wie ein Irrer. Samantha sah aus, als falle sie jeden Moment in Ohnmacht. Er fuhr fort. »Aber wissen Sie was? Ich bin als Mensch zu gut für so etwas. Geben Sie mir irgendjemand anderen, und Sie bekommen Ihren süßen Engel zurück«, bot er an.

Nelson trat vor. »Nehmen Sie die Finger von ihr weg. Ich komme.«

»Nelson, nicht!«

»Ich habe mir das lange genug angesehen. Du kennst mich, ich winde mich heraus«, versprach er leise.

»Wir kommen dich holen; wir stellen eine Mannschaft zusammen und finden dich«, versicherte Samantha.

»Nein, tut nichts. Die Straßen werden bald wieder frei sein. Ihr müsst weiter nach McCall fahren. Gordon ist vielleicht schon dort.«

»Wir werden dich retten.«

»Spart eure Energie. Wenn ihr aber schon das Gefühl habt, etwas unternehmen zu müssen, so stellt ein Schild auf den Highway 55, damit ich den Weg zurück finde. So verrückt mag die Idee gar nicht sein; nicht weniger verrückt als diese«, sagte Nelson im Scherz; selbst wenn sein Leben auf dem Spiel stand, fand er eine Möglichkeit, sich darüber lustig zu machen.

»Mir sind die Zehen eingeschlafen, also was ist?«, fragte Truman salopp.

»Ich komme!«, rief Nelson.

»Zuerst legen Sie all Ihre Waffen ab!«

Nelson kam der Aufforderung nach und ließ seine beiden Messer zurück.

»Wie, keine Pistole?«, spöttelte Truman. »Sie sind mit Messern zu einer voraussichtlichen Schießerei angetreten; ha, bestimmt halten Sie sich für besonders hart!«

Nelson umarmte Seneca und verabschiedete sich von ihr, dann drückte er Samantha besonders fest. »Tut mir leid, dass es so kommen musste. Pass auf die Kleine auf. Ich liebe sie.«

»Nelson, wir lieben dich«, wisperte Samantha und klammerte sich an ihn. Sie wollte ihn nicht gehen lassen.

»Mach’s gut, Sam. Wenn Gordon zurückkommt, sag ihm, er soll nicht wieder abhauen; in seine Fußstapfen zu treten, ist sehr anstrengend.« Nelson zwinkerte ihr zu. Dann befreite er sich aus ihrer Umarmung und ging zur Einfahrt. »Bringen Sie sie her!«

Truman näherte sich mit Haley und ließ sie los, als er vor Nelson stand.

Statt jedoch zu ihrer Mutter zu laufen, hielt sie sich beharrlich an Nelson fest. »Geh nicht mit ihm, Nelson. Bitte bleib bei uns!« Sie vergrub ihre Fingerchen verzweifelt in seiner Jacke. In Gordons Abwesenheit hatte er die Rolle des männlichen Vorbilds übernommen, dessen Schutz und Stärke sie suchte. Nelson kniete nieder und zog sie zu sich. »Ach, Maus, ich liebe dich. Von jetzt an wird es dir gutgehen. Onkel Nelson muss sich auf die Socken machen. Denk einfach daran, dass ich dich liebe, ja?« Ihm kamen die Tränen, weil er überzeugt war, er würde sie nie wiedersehen. »Sei brav und hör auf deine Mama. Bitte – sie braucht dich. Und wenn dein Daddy zurückkommt, drückst du ihn auch ganz fest von mir.« Schon liefen Tränen an seinen Wangen hinunter.

Haley wimmerte: »Bitte geh nicht; ich brauch dich doch!«

Samantha trat vor und versuchte, sie von ihm loszumachen, doch das Kind widersetzte sich und hielt an Nelson fest.

»Bitte, Haley, komm jetzt«, drängte sie.

»Haley, Maus, hör auf deine Mutter«, wiederholte Nelson zärtlich. Da gab das Mädchen widerwillig nach und ließ sich von seiner Mutter in die Arme schließen.

Nelson erhob sich und trat in die Mitte von Trumans Gruppe. Samantha widerstand dem Drang, Truman Knall auf Fall zu erschießen. Diese Welt war ungerecht. Der Kerl zwinkerte ihr ein letztes Mal zu, ehe er sich umdrehte und gen Sonnenuntergang verschwand.

Fünf Meilen östlich von Hines, Oregon

Der Versuch, durch die Nebenstraßen von Hines voranzukommen, schlug fehl. Die Anlieger hatten an allen Zugängen zur Innenstadt Absperrungen errichtet. Christopher fand eine schmale, unbefestigte Landstraße, die geradewegs Richtung Osten aus der Stadt führte. Sie beschlossen, diese zu nehmen. Dabei kamen sie an einer Reihe Industriegebäude vorbei. Cruz sollte nicht im Humvee schlafen, sondern sich gründlich ausruhen. Sein Zustand hatte sich nicht weiter verschlimmert, aber auch nicht gebessert. Falls dieser Komplex verlassen war, würde er sich perfekt dazu eignen, den Vizepräsidenten vorübergehend zu beherbergen. Christopher bog ein.

Er stieg gemeinsam mit Gordon aus, beide mit gezogenen Waffen. Die Gebäude sahen so aus, als sei schon lange niemand dort gewesen. Nach einem zügigen Durchgang hatten sie sie gesichert und kehrten zurück, um den Humvee mit dem Anhänger durch ein breites Rolltor zu fahren. Wilbur richtete ein Bett für Cruz her, in das sie ihn mit vereinten Kräften legten. Der Kranke kuschelte sich hinein, wobei er etwas Unverständliches murmelte. Er fühlte sich glühend heiß an, doch sie wussten nicht, was sie ihm außer Fiebermittel und viel Wasser geben sollten.

Gordon hatte versucht, Funkkontakt sowohl mit Coos Bay als auch mit Cheyenne herzustellen, aber beide Städte befanden sich außer Reichweite.

»Nichts. Wir sitzen genau dazwischen und sind von der einen wie der anderen zu weit entfernt«, klagte er und ließ sich nieder. Alle drei saßen sehr lange schweigend da und überlegten, wie sie weitermachen sollten.

Wilbur brach die Stille schlussendlich: »Also … wie lautet Ihre Geschichte?«

»Jeder von uns hat eine, nicht wahr?«, erwiderte Gordon spöttisch.

»Wie kommt es, dass Sie bei alledem den neutralen Dritten spielen?«, fragte sie, ohne sich Mühe zu geben, ihre Geringschätzung zu verhehlen.

»Neutraler Dritter?«

»Ja doch, Colonel Barone hat Sie so bezeichnet«, erklärte sie. »Wie kann es demnach sein, dass Sie seiner Weisung folgen?«

»Ich folge niemandes Weisung. Er half mir schon mehrmals in meinem Leben, weshalb ich ihm einen Gefallen schuldig bin.«

»Der Mann ist ein Verräter und verdient ebendeshalb ein Gerichtsverfahren!«, fuhr Wilbur auf.

»Sie sollten vorsichtig damit sein, wie Sie das Wort Verräter gebrauchen«, mahnte Gordon. »Mir fallen viele Politiker ein, die ihr Vaterland verraten haben und dafür belohnt wurden.«

»Er schwor den Vereinigten Staaten Treue», argumentierte Wilbur. »Er stand in der Pflicht, den Befehlen des Präsidenten zu gehorchen.«

»Major, ich lasse mich nicht auf diese unsinnige Diskussion mit Ihnen ein. Er hat getan, was er getan hat, und deshalb sind wir hier.« Gordon blieb sachlich.

»Wie können Sie nur so gelassen bleiben?«, echauffierte sich die Staatssekretärin.

»Major, ich bin ganz ehrlich zu Ihnen: Ich habe aufgehört, irgendjemandem treu zu sein außer meiner Familie, nachdem Ihre geliebte Regierung auf mich geschissen hat.«

»Ich kenne Ihren Hintergrund nicht, aber jeder, der sich auf die Seite eines Mannes wie Barone stellt, ist in meinen Augen auch ein Verräter!«

»Ganz genau, Sie kennen meinen Hintergrund nicht, aber im Rahmen dieser Sache bin ich unabhängig. Ich werde niemals irgendeine Regierung oder Institution über meine Familie heben. Hier bin ich nur, weil ich mich einem Mann, der mir geholfen hat, erkenntlich zeigen will; danach kehre ich zu meinen Angehörigen zurück.«

»Und wo sind Ihre Angehörigen?«, wollte sie wissen.

»In Idaho. Sie warten auf mich.

»Wo in Idaho?«, warf Christopher ein.

»In einer zentral gelegenen Region«, antwortete Gordon vage. Er wollte nicht zu viele persönliche Informationen preisgeben.

Wilbur gab weiterhin den Ton der Konversation vor: »Sie haben, bevor wir aufgebrochen sind, eine andere Frau geküsst. Wie würde sich Ihre Gattin fühlen, wenn sie das wüsste?«

»Halten Sie verdammt nochmal den Mund. Ich muss weder vor Ihnen noch sonst irgendwem Rechenschaft ablegen. Ich habe jene Frau vor einer Bande hungriger Männer gerettet; wir beide haben eine Menge zusammen durchgemacht.«

»Zusammen ist hier das Schlüsselwort«, versetzte sie, indem sie Christopher zuzwinkerte. Dieser schluckte den Köder, mit dem sie Gordon reizen wollte, jedoch nicht.

»Brittany und ich waren niemals in diesem Sinn zusammen. Sie empfand etwas für mich, was vorkommen kann, wenn zwei Menschen gemeinsam etwas Traumatisches erleben. Sie ist eine integre Frau, eine Mutter und verlässliche Freundin, nichts weiter«, führte er zwanglos aus.

»Wie sind Sie in Coos Bay gelandet?«, fragte Christopher unvermittelt.

»Was soll dieses Verhör?«

»Ich denke, wir werden einander eine gewisse Zeit lang Gesellschaft leisten, also würde ich gerne wissen, mit wem ich es zu tun habe«, entgegnete Wilbur schlicht.

»Ich habe in San Diego gewohnt.«

»Oh mein Gott, ich habe gehört, die Stadt soll vollständig zusammengebrochen sein«, bemerkte Christopher. »Einfach das totale Chaos.«

»San Diego ist nur eine von vielen Städten, über die wir die Kontrolle verloren haben«, fügte Wilbur an.

»Na dann, Frau Staatssekretärin«, hob Gordon an, »sagen Sie mir doch, wo die Reaktion der Bundesregierung darauf bleibt?«

»Wo soll ich anfangen? Es war einfach zu überwältigend«, entgegnete sie. »Ich weiß nicht, wie irgendjemand so etwas Gewaltiges in den Griff bekommen könnte.« Daraufhin detaillierte sie einiges von dem, was sie über die jüngsten Anstrengungen wusste, ohne streng vertrauliche Informationen aufs Spiel zu setzen. Dabei brachte sie ihr Leben im Cheyenne Mountain zur Sprache, Conners Atomschläge, den versuchten Staatsstreich und zuletzt sein Verschwinden. Sie erzählte den beiden Männern von den Schwierigkeiten der Regierung, das überbordende Durcheinander in geordnete Bahnen zu lenken, von den Massenwanderungen, den weitflächigen Hungersnöte und zahlreichen Unfällen in Kernkraftwerken.

Gordon beeindruckte ihre Offenheit. Das hätte er nicht von einer Regierungsangestellten erwartet und zollte ihm umso mehr Respekt für sie ab. Christopher und er stellten ihr viele Fragen, die sie so gründlich beantwortete, wie sie konnte. Sie erläuterte die Entscheidung, den Osten aufzugeben, und neue Grenzen für den Einfluss des Bundes zu bestimmen. Als sie die Abspaltung von Texas, Alaska und Hawaii erwähnte, konnten die zwei es kaum glauben. All die Nachrichten muteten schlicht zu unwirklich an, um sie für voll zu nehmen.

Danach setzte Wilbur sie ins Bild darüber, wie sie selbst in diese Situation geraten war, beginnend mit den Nuklearangriffen auf die anderen Staatsbunker bis zu ihrer Gefangennahme gemeinsam mit Cruz in Portland.

Gordon hatte geahnt, die Umstände im Rest des Landes seien nicht mehr unter Kontrolle zu halten, aber nicht gewusst, wie schlimm es aussah. Jetzt bezweifelte er nicht mehr, dass die alte Welt und das Leben in seiner bisherigen Form unwiederbringlich verschwunden waren. Er hätte Wilbur gern zu verstehen gegeben, dass das, was sie gerade versuchten, zwar ehrenhaft war, aber nahezu unmöglich. Eine Normalität, wie sie alle sie von früher her kannten, ließ sich nicht wiederherstellen.

»Und jetzt bin ich mit Ihnen beiden hier.« So beendete sie ihre lange Erzählung.

»Meine Geschichte ist nicht so aufregend«, meinte Christopher.

»Sie würden nicht tauschen wollen, glauben Sie mir«, bemerkte Gordon spöttisch.

Wilbur lächelte. »Oh, ich stimme Ihnen ausnahmsweise bei etwas zu!«

»Hey, tut mir leid, falls ich zu grob mit Ihnen umgesprungen bin«, entschuldigte Gordon sich aufrichtig. »Die Gegebenheiten machen es mir wirklich nicht leicht.«

»Schon gut, ich habe damit angefangen«, erwiderte sie. »Auch mir tut es leid. Wir alle haben viel erlebt, das erhitzt die Gemüter. Verständlich.«

Nun da das Eis gebrochen war, begannen sie, miteinander in Nostalgie zu schwelgen. Besonders Christopher wusste Episoden zum Besten zu geben, die unheimlich lustig waren. Ihr Gegacker schallte inmitten der Stahlblechwände der Lagerhalle. Dies war das erste Mal seit langem, soweit sich Gordon erinnerte, dass er so herzhaft lachen musste.

»Jetzt Sie, los«, drängte Christopher. »Wie sind Sie zu dieser garstigen Narbe im Gesicht gekommen – als waschechter kalifornischer Junge durch einen Haibiss?«

Diese unschuldige Frage zerstörte die heitere Stimmung. Gordon beantwortete sie nicht, sondern starrte nur zu Boden. Weil Christopher die Atmosphäre umkippen sah, schob er hinterher: »Sorry, ich wollte Sie nicht auf etwas Schmerzliches stoßen.«

»Nicht schlimm. Wir sollten nach dem Vizepräsidenten sehen«, empfahl Gordon.

Wilbur nickte, stand auf und ging fort.

Auch Gordon erhob sich. »Würden Sie eine Weile Wache halten? Ich schaue mir das Gelände ein wenig genauer an.«

»Klar doch«, versicherte Christopher. Gordon verließ ihn. Die Halle schien früher zu einer Fabrik gehört zu haben. Gelbe Rautenzeichen markierten Stellen, an welchen vormals Maschinen gestanden haben mochten, und an den Wänden hingen noch Hinweisschilder. Auf einem stand ZAHL DER UNFALLFREIEN TAGE, und die Leerstelle dahinter füllte eine große Null, derweil jemand handschriftlich darunter vermerkt hatte: Keine Unfälle, keine Jobs – Danke an China und das Amerika der Konzerne.

Gordon folgte einem Pfeil, der zum Büro eines Abteilungsleiters führte. Als er die Tür öffnete, sah er nur Müll, Papierberge und einen alten Metallschreibtisch, dahinter jedoch einen großen, gepolsterten Arbeitssessel. Er ging hinüber und nahm darin Platz.

Er musste sich ausruhen, also konnte er es ebenso gut hier wie anderswo tun. Nachdem er sein Gewehr gegen die Wand hinter sich gestellt hatte, legte er die Beine auf den Tisch und schloss die Augen.

Sacramento, Kalifornien

»Sir, da ist ein Mann, der Sie sprechen möchte. Er sagt, es sei dringend.« Mit diesen Worten störte ein Wächter Pablo und Isabelle beim Abendessen.

»Wer ist er?«

Der Wächter sah nervös aus. Er hatte vergessen, sich nach dem Namen des Mannes zu erkundigen. »Tut mir leid, aber ich weiß es nicht, Sir. Er besteht darauf, es sei ungeheuer wichtig.«

»Gibt es denn niemanden, der seine Arbeit sorgfältig macht?«, nölte Pablo. Verärgert wegen der Störung fuhr er sich durchs Gesicht und stand vom Tisch auf. »Verzeih, meine Liebe.«

Er marschierte aus dem Raum und begleitete den Wachmann ins Foyer der Villa. Selbiges, ja eigentlich das gesamte Gebäude erstrahlte hell wie ein Weihnachtsbaum. Pablo hatte dafür gesorgt, dass seine Bedürfnisse vor jenen aller anderen befriedigt wurden, und ließ rund um die Uhr Generatoren laufen, um Strom für sich nutzen zu können.

Beim Betreten des Empfangssaals sah er den Informanten, der die Aufgabe hatte, ihn täglich über Pasquals Ein- und Ausgehen auf den neusten Stand zu setzen. Pablos Überraschung stand ihm ins Gesicht geschrieben, ging aber bald in Zorn unter.

»Lassen Sie uns allein!«, fuhr er den Wächter an. Dann ging er zu dem Spitzel hinüber, packte ihn an einem Arm und zog ihn unwirsch über den Flur bis in einen kleinen Gesellschaftsraum.

»Imperator, ich habe einige sehr wichtige Informationen, die Sie, glaube ich, unbedingt erfahren wollen!«, begann der Mann laut.

»Ich sagte Ihnen: Kommen Sie nie abends her – niemals! Wir haben abgesprochen, uns jeden Tag zur gleichen Zeit im Garten zu treffen. Sie sollen in keinem Fall das Haus betreten!«

»Sir, i-i-ich weiß, mit wem sich der General trifft. »I-i-ich kenne den Namen!«

Pablo, der ihn weiter festgehalten hatte, ließ nun los. »Raus damit!«

»Ich sah eine Frau, die ungefähr in seinem Alter ist. Oh, und sie sieht m-m-mexikanisch aus.«

»Der alte General Pasqual besucht also das schwache Geschlecht. Das ist es; er hat ein Techtelmechtel!«

»N-nein, Sir. Ein Mann war auch dabei, und er ist j-jü-jünger.«

»Na und? Wahrscheinlich ihr Sohn.« Pablo trat vor dem Mann zurück und ging lachend im Raum hin und her. »So, so, der General ist also hinter einer Braut her.«

»N-n-nein, Sir. Der jüngere Ma-m-mann trug eine Uniform.«

»Eine Uniform? Eine von unseren?«

»N-nein, Sir.«

»Sie meinten, einen Namen zu kennen; wie lautet er.«

»J. Ortiz.«

»Haben Sie diesmal auch eine Adresse in Erfahrung gebracht?«

»J-j-ja.«

Pablo ging zu einem kleinen Beistelltisch, auf dem Stift und Papier lagen. »Was Sie tun: Den Namen und die Adresse für mich aufschreiben.«

Der Mann tat, wie ihm geheißen. Pablo fragte ihn, ob er noch mehr Hörenswertes wisse; der Informant verneinte. Pablo schlug einen freundlicheren Ton an, um ihn zu danken, aber nicht ohne ihn daran zu erinnern, nie mehr abends zum Haus zu kommen. Der Mann nickte und machte sich eilig davon.

Pablo las den Zettel: J. Ortiz, Cloverfield Drive 5632 in Folsom. Er steckte ihn in seine Tasche.

Als er wenige Minuten später wieder beim Abendessen saß, fragte Isabelle: »Ist alles in Ordnung? Du bist so still und hast keinen Bissen mehr zu dir genommen, nachdem unser Besucher verschwunden ist.«

»Ich bin nur nicht sonderlich hungrig. Außerdem ist dieses Hühnchen trocken.«

»War es General Pasqual mit einer weiteren „dringenden“ Nachricht?«, hakte Isabelle scherzhaft nach.

Pablo schlug mit einer Faust auf den Tisch. »Sei still! Kümmre dich um deinen eigenen Kram! Was ich tue und mit wem ich mich treffe, geht dich nichts an!« Er stand ruckartig auf, sodass sein Stuhl nach hinten umkippte. Ohne ein weiteres Wort stürmte er aus dem Speisesaal.