13. März 2015
Das Schlachtfeld ist eine Szene des ständigen Chaos. Siegen wird derjenige, der dieses Chaos unter Kontrolle bringt, auf seiner Seite wie auf jener des Feindes.
Napoléon Bonaparte
Coos Bay, Oregon
Gordon packte seine wenigen Sachen zusammen. Der Arzt hatte ihn soeben als gesund entlassen. Er konnte kaum erwarten, von Bord zu gehen. Die vergangenen Wochen waren sehr anstrengend für ihn gewesen. Als sie ihn nach Coos Bay gebracht hatten, war er von Schmerzen zerrüttet worden. Er hatte sich mit einer stattlichen Liste von Gebrechen im Lazarett der USS Makin Island eingefunden. Die schrecklichen Kopfschmerzen, unter denen er gelitten hatte, waren einer Gehirnerschütterung infolge der Explosion geschuldet. Zu seinen anderen Verletzungen hatten ein leichter Bänderriss in einem Oberschenkel gezählt, wo er angeschossen worden war, eine Stauchung des linken Knöchels und eine ausgekugelte Schulter.
Letztere zwang ihn weiterhin zur Physiotherapie, die er jedoch angehen würde, wenn er nach McCall kam. Die Vorstellung, Samantha und Haley wiederzusehen, begeisterte ihn, doch er fürchtete sich davor, wie seine Frau ihn behandeln mochte. Viele Stunden verbrachte er brütend darüber, was er ihr sagen, wie er alles wiedergutmachen sollte.
Während seines Aufenthalts in Coos Bay war er einigen bekannten Gesichtern von früher begegnet. Barone hatte ihm während seiner Genesung einen Besuch abgestattet. Gordon hatte sich bei ihm für all die Hilfe bedankt, die geleistet zu haben dem Colonel jedoch zum Teil gar nicht bewusst gewesen war. McCamey und Jones hatten nach ihrer Rückkehr ebenfalls vorbeigeschaut und sich nach seinem Befinden erkundigt, stundenlang bei ihm gesessen und ihr Gefecht dort draußen in allen Details aufgerollt. Niemand unter Rahabs Anhängern war am Leben geblieben. Dass Gordon die Explosion überlebt hatte, verblüffte die beiden Soldaten. Der Boden war weggebrochen und hatte Rubio unter sich begraben. Auf Gordons Frage nach Lexi hatten sie geantwortet, sie hätten nichts mehr gefunden, was darauf hingedeutet hätte, dass sie überhaupt dort gewesen sei – kein Körperteil, kein Fetzen Kleidung, nichts. Es blieb ein Rätsel. Dann hatte er sich nach der Frau erkundigt, ihrer gefesselten Gefangenen; sie war tot aufgefunden worden, ihre Kehle durchschnitten. Gordon konnte sich gut vorstellen, dass Lexi sie kurz vor ihrem gemeinsamen Aufbruch umgebracht hatte, glaubte sich aber zu erinnern, die Frau noch lebendig gesehen zu haben, als sie losgefahren waren. Nichts ergab irgendeinen Sinn.
Die dritte Gruppe von Besuchern nach McCamey und Jones bestand aus Gunny, Brittany sowie Tyler. Die Wunden der Mutter verheilten gut, und ihr Junge freute sich, Gordon an einem Stück wiederzusehen. Er konnte über nichts anderes reden als ihre Flucht nach Idaho, aufgeregt wie ein Kind vor der Weihnachtsbescherung.
Gunnys erste Frage, als er vors Bett trat, betraf das Randall-Messer. Er stellte sie halb im Scherz, weil er Verständnis dafür hatte, dass Gordon schwerverletzt war, doch zu seiner Überraschung hatte die Waffe noch an seiner Montur gehangen, als er in den Helikopter verladen worden war. Gordon gab es ihm mit Worten des Dankes zurück. Obwohl er keine Gelegenheit dazu bekommen hatte, sich damit an Rahab zu vergehen, betrachtete er das Messer als einen Glücksbringer, der ihn beschützt hatte.
Jetzt stand er mit einem Rucksack an der Schulter da, ließ seinen Blick über den kleinen Liegeplatz schweifen und verabschiedete sich innerlich. Er trat hinaus und ging über die engen Korridore zum Achterdeck. Nachdem alle von ihren Patrouillen zurückgekehrt waren, brummte das Schiff wieder vor Leben. Die Gänge fungierten als seine Adern, die Besatzung waren das Blut, das sie durchströmte.
Als er nach oben kam und in die Mittagssonne trat, atmete er tief durch und genoss die frische Luft, die so viel angenehmer war als die muffige Luft unter Deck. Wie ein Marine im Dienst bat er um Erlaubnis, das Schiff verlassen zu dürfen, und tat es, als sie ihm erteilt wurde. Er kam nur langsam und unter großer Anstrengung voran. Selbst nach zwei Wochen wohlverdienter Ruhe und Genesung tat ihm alles weh.
Der Schnitt durch sein Gesicht musste nicht mehr verbunden werden. Eine schwarze Naht zeichnete sich entlang der wulstigen Narbe ab, die sich gerade bildete. Rahab behielt Recht: Jedes Mal, wenn Gordon sie berührte oder sah, fühlte er sich an Hunter und den langen Weg zur Rache für dessen Tod erinnert.
Barone hatte ihm bei seinem Besuch auch versprochen, noch einmal mit ihm zu sprechen, bevor er aufbrach. Gordon war sich nicht sicher, ob der Colonel einem persönlichen Grund folgte oder ein ernstes Anliegen vorbringen würde. Er selbst wollte nichts weiter, als sich wieder auf die Reise zu begeben und nach McCall zu gelangen, doch falls ihm Barone einen Auftrag zu geben gedachte, konnte er nicht einfach so verschwinden. Er schuldete ihm etwas dafür, dass er ihn im Zuge des Vorfalls in Falludscha vor so vielen Jahren vehement in Schutz genommen hatte. Verlangte der Colonel also, dass er von einer Brücke sprang, würde er blind gehorchen.
Die Kleinstadt Coos Bay beeindruckte ihn. Dort herrschte ein rechtes Getümmel; der Handel war wieder zum Leben erwacht, Geschäfte und Lokale geöffnet, überall auf den Straßen wurde irgendwas angeboten. Gordon sog all die Eindrücke, Düfte und Geräusche ein, die das beschauliche Örtchen bot. Als er in die Commercial Avenue gelangte, änderte sich die Geräuschkulisse: Er hörte Sprechchöre und Rufe, die von einem Gebäude mehrere Blocks entfernt widerhallten.
Er schlug einen schnelleren Schritt an, um herauszufinden, was los war. Als er in die Fifth Street einbog, sah er mehrere Hundert Demonstranten, die sich vor dem Rathaus versammelt hatten. Sie hielten Schilder mit Schlagworten wie HAUT AB!, KRIEGSVERBRECHER oder VERRÄTER hoch. Gordon vermutete, dies alles sei gegen Barone und die Marines gerichtet. Er wand sich durch die Menge bis zum Eingang. Dort hielten ihn zwei Soldaten an.
»Hi Männer, Colonel Barone wollte mich sehen«, sagte er zu ihnen.
»Wie lautet Ihr Name?«, fragte einer.
»Sergeant Van Zandt«, gab Gordon an. Er entschied, seinen alten Dienstgrad zu nennen, weil er glaubte, dies könne helfen.
»Warten Sie kurz, Sergeant«, bat der andere Marine. Er musste schreien, um die lauten Chöre und das Geschrei der Menge zu übertönen. Während der Soldat sein Funkgerät bemühte, drehte sich Gordon zu den Demonstranten um. Alt und Jung waren darin vertreten, Schwarz und Weiß, Männer wie Frauen. Wenn er den Augen des einen oder anderen begegnete, erntete er einen finsteren Blick.
Schließlich wandte er sich dem anderen Soldaten zu. »Sieht so aus, als würde Dummheit nie vergehen.«
Der Mann antwortete nicht auf die Bemerkung, schmunzelte aber.
Der Sprecher schaltete sein Funkgerät aus und sagte: »Folgen Sie mir.« Daraufhin drehte er sich um, öffnete die Tür und ließ Gordon hinein.
Im Rathaus herrschte Hektik. Menschen drängelten sich an den Fenstern und beobachteten die Szene draußen, während sie gedämpft miteinander sprachen. Der Marine führte ihn nach oben. Auf dem Weg begegneten sie Smith.
»Van Zandt, freut mich, dich wieder wohlauf zu sehen«, grüßte Gunny und klopfte ihm auf seine ramponierte Schulter.
»Autsch!«, entfuhr es Gordon.
»Sei kein Weichei, ist doch nur ein bisschen ausgerenkt. Da es dir wieder besser geht, lass uns heute Abend was trinken gehen.«
»Smitty, vergiss es. Ich verabschiede mich vom Colonel, dann bin ich weg. Ich muss zu meiner Familie.«
»Du hattest also vor, die Biege zu machen, ohne mir Lebewohl zu sagen?« Gunny sah leicht gekränkt aus.
»Oh … Hey, sei du kein Weichei«, spottete Gordon.
»Dann schätze ich, soll es das gewesen sein.« Smith hielt ihm eine Hand hin.
Gordon nahm und schüttelte sie herzlich. »Danke für alles, Smitty. Kaum zu fassen, was uns beiden alles passiert ist in der Ewigkeit seit Falludscha.«
»Oh ja, eine ganze Menge ist passiert. Du passt auf dich auf, ja? Und falls du deinen Bruder je findest, sag ihm, ich halte ihn immer noch für einen Schwachkopf.«
Gordon lachte. »Werde ich. Mach’s gut, mein Freund.«
Gunny winkte, ging die restlichen Stufen hinunter und verschwand in der Menge.
Als Gordon den oberen Absatz erreichte, nahm er im Wartebereich vor Barones Büro Platz. Hinter der geschlossenen Tür brüllte jemand etwas Unverständliches, zweifellos mit Bezug auf die Proteste vorm Haus. Dann ging die Tür auf, und mehrere Zivilisten verließen den Raum sichtlich aufgebracht.
»Hauen Sie ab. Ich werde den Teufel tun und meinen Arsch hier wegbewegen!«, schrie Barone, während sie davoneilten. Als Oberfeldwebel Simpson die Tür schließen wollte, bemerkte er, dass Gordon davor saß.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte er ihn unwirsch, weil er ihn für einen weiteren Bürger hielt.
»Ich bin Sergeant Van Zandt. Der Colonel verlangte, mich zu sprechen.«
»Ach ja, der Verletzte. Einen Moment.« Simpson trat zurück.
»Lassen Sie ihn herein. Ich will diesen Marine unbedingt sehen!«, rief Barone.
Simpson nahm Gordon mit in den Raum, ehe er selbst verschwand.
»Sergeant Van Zandt! Es tut verdammt gut, Sie wieder unter den Lebenden zu sehen. Wissen Sie, als Sie hergebracht wurden, sahen Sie aus wie das sprichwörtliche Häufchen Elend.«
»Glaub ich, Sir, mir wurde ziemlich übel mitgespielt.«
Barone betrachtete Gordons länger gewordenes Haar, das sich überall an den Kopfseiten kräuselte. »Van Zandt, Sie sehen allmählich aus wie ein Hippie. Ich hätte jemand mit einem Rasierer schicken sollen, als Sie noch im Lazarett lagen.«
Gordon fasste sich an den Kopf. Er hatte sich die Haare seit November nicht mehr geschnitten. Nach seiner Zeit beim Korps hatte er sein Haar zwar länger getragen, aber immer gepflegt. Jetzt sahen die braunen Locken ungekämmt und strubbelig aus.
»Setzen Sie sich.« Barone zeigte auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. »Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten – Whiskey?«
»Ja, Sir, gerne.«
Barone schenkte ein und ließ sich auf dem Stuhl neben Gordon nieder, nicht hinterm Tisch. Er wollte nicht, dass die Unterhaltung, die er zu führen gedachte, nüchtern oder offiziell wirkte.
»Van Zandt, ich komme gleich zur Sache: Was zur Hölle ist dort passiert?«
Gordon nahm einen kräftigen Schluck und fragte zurück: «Wie viel Zeit haben Sie zum Zuhören?«
Letztlich gab er ihm eine gekürzte Zusammenfassung seines Lebens nach seiner Zeit beim Militär und der Ereignisse im Zuge des Zusammenbruchs. Barone hörte aufmerksam zu, wenn er nicht gerade Bedauern ausdrückte oder an den entsprechenden Stellen aufrichtige Bemerkungen anderer Art machte. Gordon schloss alles mit dem Überfall auf Rahabs Lager ab.
»Nach dieser Geschichte brauche ich noch einen Drink«, sagte Barone im Scherz. Er nahm Gordons leeres Glas und füllte es neben seinem.
»Ich glaube nicht, dass ich der einzige war, der eine Menge erlebt hat, und übrigens: Gunny Smith erzählte mir von Ihrem Sohn. Tut mir furchtbar leid für Sie«, beteuerte Gordon.
»Danke«, entgegnete Barone. Er schluckte schwer. »Hören Sie, Ihnen ist klar, woher ich komme und was ich getan habe. Ich möchte mich nicht dafür rechtfertigen, aber was ich getan habe, geschah für meine Familie.«
Gordon sah es kommen: Dieses Treffen diente nicht dazu, sich zu verabschieden; Barone erwartete etwas von ihm.
»Ich musste Maßnahmen ergreifen, die unkonventionell waren, und wenn ich es Ihnen sage, auch unbequem.«
»Sir, mir steht es nicht zu, über Sie zu urteilen. Die Welt hat sich verändert – wir haben uns verändert. Ich verstehe das.«
»Ich weiß, Ihr Bruder vertrat nicht die gleiche Position wie ich, weshalb wir ihn gehen lassen mussten. Wir gaben ihm zwar ein ansprechendes Abschiedsgeschenk mit auf den Weg, aber soviel ich weiß, ging etwas schief. Tut mir leid.«
»Sir, falls Sie sich Sorgen machen, ich könnte Ihnen übel nehmen, was Sie mit meinem Bruder getan haben, so besteht kein Grund dazu. Ich bedaure zwar, dass es dazu kommen musste, kann es aber nachvollziehen. Was meine Meinung zu Ihrer Vorgehensweise mit den Schiffen und was nicht alles noch betrifft, lassen Sie mich versichern, dass ich aufgehört habe, an mein Land zu glauben, als es mir den Rücken zugekehrt hat. Ich opferte alles dafür, ihm zu dienen, und der Dank, den ich dafür erhielt, war ein Gerichtsverfahren, weil ich das Richtige getan hatte? Glauben Sie mir, ich hege keinerlei Sympathien mehr für die Regierung. Die Menschen dürfen mich zynisch nennen, aber ich weiß nicht, ob sie jemals unsere Interessen vertreten hat. Ich bin mir sicher, ein Großteil der Obrigkeit hat sich sicher verschanzt und lässt es sich gerade gutgehen, während der Rest von uns erbittert ums Überleben kämpft.«
»Ich war gemeinsam mit Ihnen in Falludscha und trat später für Sie ein, aber diese Arschlöcher in Washington brauchten einen Sündenbock – rotes Fleisch, das sie den Kriegsgegnern zum Fraß vorwerfen konnten. Unglücklicherweise waren Sie derjenige, den sie auf die Schlachtbank legten. Ich darf bemerken, dass sie vor kurzem eine kleine Retourkutsche erhielten.« Barone verzichtete darauf zu erklären, dass er damit seinen Einmarsch im Kapitol in Salem und die Ermordung von Gouverneur Pelsom meinte, den Vorsteher des Senatsausschusses, von dem Gordon vors Kriegsgericht gebracht worden war.
Gordon reckte seinen Hals, schaute Barone misstrauisch an und fragte: »Retourkutsche?«
»Machen Sie sich keinen Kopf darum. Passen Sie auf, ich wollte Sie aus gutem Grund noch einmal sehen: Wir sind in vielerlei Art geistesverwandt; Sie liebten den Grundgedanken hinter dem, was wir für unser Vaterland hielten, genauso sehr wie ich, ehe Sie die bittere Erfahrung machen mussten, dass es nicht das ist, was Sie dachten – dass es von korrupten Politikern geführt wird, die in ihre eigenen Taschen wirtschaften und ihre Posten nur zum Selbstzweck bekleiden.« Barone geriet allmählich in Fahrt, erlegte sich aber Ruhe auf. »Verzeihen Sie, ich schweife ab.«
Gordon trank sein zweites Glas leer und fing an, die Wirkung des Alkohols zu spüren.
»Van Zandt, ich habe Sie hierher eingeladen, weil ich Sie um etwas bitten möchte. Es ist keine leichte Aufgabe, doch Sie sind der richtige Mann dafür.«
Gordon hatte also richtig vermutet, dass es in diese Richtung verlaufen würde. Wie aber hätte er sich herauswinden können? Immerhin war Barone ihm eine große Hilfe gewesen.
»Es gibt da mehrere Pakete, die jemand für mich überbringen muss. Was ich Ihnen im Gegenzug dafür biete, wenn Sie es übernehmen, sind ein eigener Humvee, den Sie mit einem Anhänger voller Treibstoff, Munition und Nahrung, um Ihre Familie ein ganzes Jahr lang durchzubringen, behalten dürfen, nicht zu vergessen Rüstzeug und was auch immer Sie sonst von unseren Betriebsmitteln brauchen.«
Gordon lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. »Wow, was für ein Angebot … aber ich begreife nicht so ganz, weshalb Sie sich nicht selbst darum kümmern.«
»Ist eine heikle Angelegenheit. Bei den Paketen handelt es sich, sagen wir, um lebendige Ware; es sind Menschen.«
»Sir, ich will ehrlich sein: Ich möchte nichts lieber, als zu meiner Familie zurückkehren. Meine Frau und meine Tochter warten schon zu lange auf mich. Ich stehe in Ihrer Schuld, das ist mir bewusst, doch bevor ich überhaupt leise in Erwägung ziehe, diesen Auftrag auszuführen, brauche ich alle Informationen darüber«, betonte Gordon.
Barone nickte und begann, die jüngsten Entwicklungen darzulegen. Er erzählte Gordon, dass er Cruz und weitere Amtsinhaber der US-Regierung gefangen hielt. Dann streifte er das Abkommen, auf das sie sich festgelegt hatten, bislang jedoch ohne formelle Unterzeichnung. Dieser nämlich stand noch eines im Wege: Barone musste Cruz sowie die Staatssekretärin auf Treu und Glauben aushändigen.
»Ich begreife immer noch nicht, warum ich das tun muss. Sie haben Tausende Soldaten, die es übernehmen können. Wieso ich?«
»Ich brauche jeden verfügbaren Mann hier«, erkläre Barone. »Sie wollten ungefähr in die Richtung aufbrechen, also dachte ich, Sie würden es machen, wenn ich Ihnen etwas Nettes dafür biete. Streng genommen versuche ich, Ihnen zu helfen.«
»Wohin genau muss ich also?«
»Cheyenne, Wyoming.«
»Cheyenne? Das liegt weit von McCall entfernt, und außerdem …« Gordon wollte diskutieren, aber Barone fiel ihm ins Wort. »Van Zandt! Ich habe Ihnen aus der Klemme geholfen, Männer und Ausrüstung zur Verfügung gestellt«, echauffierte sich der Colonel. »Verdammt, Ihr Handeln hat einige von ihnen das Leben gekostet, und jetzt wollen Sie sich nicht erkenntlich zeigen?«
Der gefällige Ton ihrer Unterhaltung schwand zusehends. Gordon konnte nachvollziehen, weshalb sich Barone dermaßen aufregte.
»Also gut, ich mach’s«, fügte er sich. »Mir ist aber nach wie vor schleierhaft, warum Sie diese Menschen nicht einfach in einen Hubschrauber stecken und nach Cheyenne fliegen. Sie fahren zu wollen, ist eine ziemlich merkwürdige Lösung.«
»Lassen Sie mich weiter ausholen: Sie haben diese elende Rotte von Gutmenschen dort draußen gesehen, richtig? Die glauben, für Rechtschaffenheit einzustehen. Sie wähnen sich noch vor dem fünften Dezember und denken noch so, als gäbe es das alte System noch. Dabei vergessen sie, wer sie beschützte und für jenes System den Kopf hinhielt – wir. Sie und ich kämpften für das Gesindel da draußen, das jetzt aufmuckt und mich zum Abrücken zwingen will. Natürlich habe ich mich geweigert. Dann kam diese Schlampe von Bürgermeisterin in mein Büro und kündigte an, sie würde mich zur Verantwortung ziehen, mir als Kriegsverbrecher und Verräter den Prozess machen. Für wen hält sie sich?« Barone stand auf und fing an, im Raum auf- und abzugehen. Er hatte sich über die Lage in Rage geredet. »Sie hätten ihre Augen sehen sollen, als ich ihr sagte, dass der Präsident der Vereinigten Staaten einen Vertrag mit uns abschließt. Scheiße, sie ist ausgeflippt, als sie es erfuhr! Sie fragen nun, warum ich Sie brauche; ich suche jemanden, auf den Verlass ist. Sie haben einen ihrer Gehilfen auf Ihrer Seite.«
»Ich verstehe immer noch nicht.« Gordon machte ein verwirrtes Gesicht.
Auch bei Barone machte sich der Whiskey bemerkbar. Er fing an, beim Sprechen zu lallen.
»Ich muss sein, was ich am meisten hasse, ein verfluchter Politiker; ich muss ein Problem lösen, das die Bürgermeisterin verursacht hat, und zwar mit Samthandschuhen. Glauben Sie mir, ich würde am liebsten mit einem Vorschlaghammer reinhauen, um es zu beheben, aber das geht nicht. Heute Morgen habe ich mich deshalb mit ihr zusammengesetzt und geeinigt.«
»Das war eine Einigung?«, argwöhnte Gordon bezüglich des Geschreis, das er gehört hatte, als er hergekommen war.
»Ach, das war nur Bettgeflüster zwischen uns; Sie hätten früher da sein müssen, als sie herausfand, dass ich den Vizepräsidenten entführt hatte. Meine Güte, sie ist völlig ausgetickt. Schlussendlich willigte sie zähneknirschend ein, und wir arbeiteten die Einzelheiten aus. Was Sie vorhin hörten, waren ein paar abschließende Kommentare ihrerseits dazu, dass sie mich loswerden will. Eine harte Nuss, diese Lady.«
»Wie gesagt: Warum setzen Sie Ihre Geiseln nicht in einen Flieger, um sie auszuliefern?«, fragte Gordon noch einmal. »Immerhin ließe sich das im Handumdrehen erledigen, und ich könnte meiner Wege gehen. Sie wissen, wie schlimm es dort draußen aussieht.«
»Sie will mir nicht glauben, dass meine Männer anständig sind«, knarrte Barone.
»Dann lassen Sie den Präsidenten Hubschrauber aus Cheyenne schicken. Zu fahren ist idiotisch, um das Kind mal beim Namen zu nennen.«
Der Colonel blieb stehen und knallte sein Glas auf den Tisch. »Van Zandt, ich bestimme, wie diese Sache abgewickelt wird, und will keine US-Helikopter hier sehen. Ich muss die ganze Sache unter Kontrolle halten. Wenn Conner Hubschrauber kommen lässt, wird er mehr über das erfahren, was wir hier am Laufen haben, als mir lieb ist. Fakt bleibt: Ich weiß nicht, ob unser hübsches Abkommen Bestand haben wird, und möchte nicht, dass er etwas von unserer Operation hier sieht.«
»Dann verbinden wir beide Wege: Ich fahre sie anderswohin und …«
»Genug, Van Zandt! Werden Sie mir helfen, so wie ich es will, oder nicht?«
Gordon überlegte, bevor er antwortete. Für ihn stand dieser Plan auf tönernen Füßen, aber er wollte – er konnte nicht nein sagen.
»Ich tu’s, Colonel.«
»Gut.«
»Können wir alles noch einmal durchgehen? Sie will, dass mich jemand aus ihrem Kader begleitet?«
»Himmel, Van Zandt, muss ich Ihnen das in mundgerechten Häppchen eintrichtern? Die Explosion hat Ihre Birne weichgemacht, was?«, schimpfte Barone weiter. »Sie glaubt mir nicht; sie will es vom Präsidenten persönlich hören. Mir ist nicht danach, zum Hörer zu greifen und sie mit ihm sprechen zu lassen, weil … Sie kann mich mal. Wenn sie mit ihm reden will, soll sie nach Cheyenne fahren. Ich dachte, sie würde es sofort tun; dennoch sprang sie auf meinen Plan an. Jetzt schickt sie gerne einen Vertreter, um Conners Bestätigung einzuholen. Das wollte sie nur unter der Bedingung tun, dass wir einen unabhängigen Dritten finden, und dieser, mein Freund, sind Sie.«
»Aber wer bringt ihren Gesandten wieder zurück? Ich nehme den ganzen Weg nicht noch einmal auf mich.«
»Ich kümmere mich nur darum, dass Sie sie dort hinfahren; mein Wort, sie wieder herzuholen, habe ich nie gegeben«, versetzte Barone freudig.
»Sie verlangen im Ernst, dass ich sie auf sich allein gestellt verlasse?«
»Das ist mir offen gestanden scheißegal. Wahrscheinlich tun Sie ihm damit noch einen Gefallen.«
Gordon entgegnete: »Sie machen es mir wirklich schwer, indem Sie ihnen keinen Rücktransport ermöglichen.«
»Ist Ihr Problem.«
»Fein, von wie vielen Personen sprechen wir?«
»Drei. Cruz, ein Stabsmitglied und der Schützling der Bürgermeisterin.«
»Es gibt da einen Knackpunkt: Ich habe meiner Bekannten Brittany und ihrem Sohn Tyler versprochen, sie mitzunehmen. Ich brauche also ein Fahrzeug für sechs Personen.«
»Sollen Sie kriegen. Es wird kein Nobelschlitten sein, aber Sie werden heil dort ankommen.«
»Also gut, wann geht es los?«
»Morgen früh. Deshalb können Sie ruhig noch einen trinken!« Barone griff wieder zur Flasche auf dem Schrank hinter seinem Schreibtisch und reichte sie Gordon. Dieser seufzte tief und sagte: »Bei allem Respekt, Sir, Sie sind ein verrückter Teufelskerl.«
Cheyenne, Wyoming
»Guten Morgen, Pat!«, grüßte Conner unbeschwert, als er ins Café trat.
»Guten Morgen, Mr. President. Das Übliche?«
»Natürlich.«
Pat gab ihm seinen heißen Becher Kaffee und fuhr fort: »Recht herzlichen Dank für die Einmannpackungen und die Milch. Ein tolles Geschenk!«
»Keine Ursache! Sie haben es sich verdient.«
Dylan streckte den Kopf ins Café. »Mr. President, wir müssen los.«
Conner erkannte an seinem Tonfall, dass etwas nicht stimmte. Er dankte Pat noch einmal und ging schnell nach draußen. Kaum dass er eingestiegen war, fuhr der Humvee abrupt los, sodass er grob in den Sitz gedrückt wurde.
»Was zum Henker ist los?«, fragte er verärgert.
»Wir haben lediglich soeben aus verlässlicher Quelle erfahren, dass ein Attentat gegen Sie geplant ist«, antwortete Dylan.
»Was?«
»Ich wurde gerade verständigt; wir wollten Pat und seine Gäste nicht beunruhigen. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen.«
»Woher wissen Sie es?«
»Wir haben eine Gruppe festgenommen, die versuchte, vom Nordtor her aufs Regierungsgelände zu gelangen. Als einer der Wachhabenden fragte, was sie wollten, ergriff ein Mann die Flucht. Sie alle befinden sich in unserer Verwahrung. Während der Verhöre behauptete einer, sie seien gemeinsam mit zwei anderen Gruppen beauftragt worden, Sie zu töten.«
Conner atmete tief durch, ehe er fragte: »Wer sind sie?«
»Wir wissen noch nicht, zu wem sie gehören, werden es aber früh genug herausfinden. Sie wurden zwecks weiterer Befragungen auf den Luftwaffenstützpunkt verlegt.«
»Schätze, ich brauche mich nicht zu wundern.«
»Dies wird Diskussionen über einen möglichen neuen Vizepräsidenten heraufbeschwören.«
»Den brauche ich nicht, ich habe Cruz.«
»Aber …«
»Kein Aber, wir haben den Vertrag abgeschlossen; er wird bald wieder hier sein. Sind diese Attentäter also Amerikaner?«
»Nein, Sir, Venezolaner.«
Sacramento, Kalifornien
Als Isabelle aufwachte, sah sie, dass Pablo sie anstarrte.
»Hi«, schnurrte sie, während sie sich streckte.
»Guten Morgen, meine Liebe, wie hast du geschlafen?«, fragte er.
Ihre Beziehung war nach dem dritten gemeinsamen Dinner intim geworden. Isabelles Affäre mit dem »Schlächter von Sacramento«, wie der Gouverneur Pablo nannte, hatte einen Keil zwischen Vater und Tochter getrieben, die einander bis dato tief verbunden gewesen waren. Eine Menge von dem, was Pablo getan hatte, war ihr zuwider, aber ihre Entscheidung rechtfertigte sie dahingehend, dass sie ihr Überleben sicherstellte. Sie versuchte weiter, ihren Vater davon zu überzeugen, sich mit Pablo zu verbünden, biete ihnen beiden Schutz, doch davon wollte er nichts wissen.
»Ich habe sehr gut geschlafen«, raunte sie und schlang ihre langen, schlanken Arme um seinen Hals, um ihn dichter an sich zu ziehen.
»Ach, du quälst mich. Ich kann nicht; ich habe eine wichtige Besprechung mit General Pasqual.«
»Uh, General Pasqual«, stöhnte sie geziert und verdrehte die Augen.
Pablo rutschte von der Matratze, ging zu dem breiten Fenster und öffnete die Läden. Sonnenlicht flutete das geräumige Schlafzimmer, in dem sich einst der Gouverneur zur Ruhe gebettet hatte.
»Warum dieser abfällige Ton?«, fragte Pablo neugierig.
»Ich mag den General eben nicht«, antwortete sie, während sie mit einer Haarsträhne spielte.
Er verteidigte ihn. »Wieso? Als Kommandant ist er eine feste Bank. Ich habe ihn mir gezielt ausgesucht. Seine Akte ist makellos und er selbst blitzgescheit.«
»Ich traue ihm nicht. Sowieso halte ich es nicht für geraten, irgendjemandem zu trauen, aber ihm ganz besonders nicht.«
Pablo schaute sie verwundert an. Sein Vater hatte ihm stets vorgehalten, sich auf niemanden zu verlassen – wenn er bedachte, was er seinem eigenen Vater angetan hatte, konnte er nicht einmal Verwandten trauen. Wieder einmal beschlich ihn das Gefühl, Isabelle kenne ihn in- und auswendig.
»Warum traust du ihm nicht?« Er setzte sich auf die Bettkante.
»Ich bilde mir ständig ein, dass er mit anderen tuschelt, und wenn du nicht hinsiehst, wirft er dir böse Blicke zu.«
»Ich glaube wirklich, das bildest du dir ein. Ich verlasse mich auf ihn; er stellt einen wertvollen Teil meines Kommandos dar, aber mal davon abgesehen: Was denkst du, könnte er tun?«
»Mögen seine Männer ihn? Werden sie alles tun, was er anordnet?«, fragte sie.
Pablo dachte kurz darüber nach und winkte dann ab. »Er ist treu; nie würde er gegen mich arbeiten.«
»Wenn du ihn das nächste Mal unter anderen Offizieren siehst, achte darauf, wie er mit ihnen umgeht.«
Das ließ sich Pablo noch länger durch den Kopf gehen, ehe er sich vornahm, seinen Geist nicht von Zweifeln benebeln zu lassen. Er massierte sanft ihr Bein, das unter den Decken herausragte. »Ich habe vergessen, dass du eine Frau bist. Eure Gehirne sind andauernd mit düsteren, gemeinen Dingen beschäftigt. Ich glaube, du langweilst dich; du musst dir einen Zeitvertreib suchen, statt dir kindische Belanglosigkeiten auszudenken.«
»Vielleicht hast du Recht«, räumte sie gleichmütig ein. »Warum sollte er sich gegen dich auflehnen? Was würde es ihm bringen?«
Diese beiden Fragen fanden Anklang bei Pablo. Er brauchte Pasqual, aber brauchte Pasqual ihn? Angst packte ihn, als er diesen Faden weiterspann. Rasch stand er auf und verschwand im Bad, um sich zu waschen. Er knallte die Tür zu, schaltete eine batteriebetriebene Lampe ein und leerte eine Flasche Wasser ins Waschbecken, nachdem er es zugestöpselt hatte. Etwas davon spritzte er sich ins Gesicht, ehe er innehielt und sein Spiegelbild betrachtete.
Konnte er Pasqual trauen? Zwischen ihnen beiden stand nichts. Isabelle hatte Recht: Pasquals Männer liebten ihn, aber reichte ihre Liebe auch bis zum Imperator? Er kannte die Antwort auf diese Frage. Natürlich liebten sie ihn nicht, sondern fürchteten sich vor ihm. Reichte diese Furcht jedoch aus, um sie bei der Stange zu halten? Seine Gedanken überschlugen sich auf dem Weg zur Besprechung.
Im Norden Utahs an der Interstate 84
»Brandon, Luke, ich möchte mit euch sprechen«, sagte Sebastian.
Die Jungs kamen zu ihm herüber. Beide verschränkten ihre Arme, um sich warmzuhalten. Die Temperaturen waren deutlich unter Null gefallen und sanken weiter. Seit über einer Woche suchten sie Schutz unter der Überführung. Ein Schneesturm hatte sie dazu gezwungen, die Straße zu verlassen und ihre Reise gen Norden zu unterbrechen.
»Können wir warten, bis das Feuer an ist?«, fragte Brandon.
»Nicht nötig, es wird nicht lange dauern. Nach dem, was Brandon vor zwei Wochen passiert ist, habe ich mich dazu durchgerungen, euch beiden Pistolen zu geben.«
»Jawoll!«, jubelte Brandon begeistert.
»Nur damit das klar ist: Ich halte es für keine gute Idee«, warf Annaliese ein.
»Ich weiß, ihr habt das Schießen nicht gelernt, also halten wir es schlicht. Ich habe hier zwei Revolver, den und den.« Er gab Brandon einen Smith & Wesson 649 und Luke einen alten Colt Detective.
»Was ist denn das bitte?«, maulte Brandon zornig.
»Ein Revolver.«
»Schon klar, eine lahme Spielzeugknarre. Ich will eine Glock oder etwas, das genauso cool ist.«
»Solange du kein Schießtraining absolviert hast, bekommst du nicht mehr.«
Luke hielt seine Waffe in einer Hand wie ein Vogelküken. Er wusste nicht, was er damit tun sollte.
»Sebastian, sieh nur! Er fühlt sich eindeutig nicht wohl damit. Das ist eine ganz schlechte Idee, und der da …« Annaliese zeigte auf Brandon. »… wird uns vermutlich erschießen.«
Brandon richtete die Waffe prompt auf sie. Sebastians Miene verfinsterte sich vor Wut, als er dem Jungen die Pistole aus der Hand schlug und sich vor ihm aufbaute.
»Ziele niemals – nie wieder – auf irgendjemanden aus unserer Gruppe, hast du mich verstanden?«
»Tut mir leid, war nur ein Witz«, erwiderte Brandon betreten.
»Halte niemals jemandem eine Waffe vor, es sei denn, du willst sie auch benutzen!«
»Hey, es tut mir leid. Ich hab es nicht so gemeint!«
»Siehst du, was hab ich gesagt?«, rief Annaliese.
Sebastian hob den Revolver auf und steckte ihn wieder ein. »Du hattest Recht, es ist eine schlechte Idee.« Er langte nach der anderen Waffe und schnappte sie aus Lukes zittrigen Händen. Die Jungen standen da und wussten nicht so recht, wie sie sich verhalten sollten. Brandon, der immer so sehr von sich überzeugt war, schaute auf den Boden und murmelte etwas davon, wie dumm er gewesen sei, das zu tun.
»Geht Feuer machen«, befahl Sebastian.
Die beiden drehten sich um und fingen an, Material dafür zusammenzutragen.
Sebastian wandte sich unterdessen an Annaliese, die fragte: »Ist das jetzt der Moment, in dem ich sagen muss: Wusste ich’s doch?«
»Komm mir jetzt bitte nicht damit.«
Sebastian ging von ihr weg, um die Schlafsäcke aus dem Wagen zu nehmen.
Sie folgte ihm und streichelte seinen Rücken. »Hey, Entschuldigung dafür, dass ich es dir unter die Nase gerieben habe.«
Er drehte sich zu ihr um und erwiderte: »Ich trage hier große Verantwortung; ich muss dich und diese Kinder beschützen, nur ich alleine.«
»Ich nehme mir heraus, gut auf mich selbst aufpassen zu können.«
»Das stelle ich gar nicht in Abrede, aber mein Gefühl sagt mir, dass ich in der Pflicht stehe. Die zwei sind alt genug, um mit einer Kanone umzugehen.«
»Alt genug … aber nicht reif genug«, berichtigte sie.
Sebastian schaute sie an und dann hinüber zu den Jungen. Hiermit hatte sie nicht ganz Unrecht. In Brandons Alter hatte er selbst schon jahrelange Erfahrung mit dem Schießen gehabt. Sein Vater hatte ihm einst den Umgang mit Feuerwaffen beigebracht und dass man sie mit Respekt behandelte. Diese beiden Knaben waren anders erzogen worden, nicht besser oder schlechter, sondern einfach auf unterschiedliche Weise. Sie mussten sich weiterentwickeln. Brandon besaß durchaus den Willen und Wunsch, die Pistole zu verwenden, doch Sebastian konnte sich wegen der seelischen Abgründe des Jungen nicht auf ihn verlassen. Luke würde sie sicher nicht missbrauchen – es war wahrscheinlich, dass er überhaupt nichts damit anfangen würde, weil ihm davor graute.
»Warum unterrichtest du sie nicht ordentlich, wenn du es für nötig hältst, dass sie bewaffnet sind? Lass sie das Schießen üben, und zwar schon gleich morgen früh. Wenn du dann das Gefühl hast, sie seien bereit, sollen sie ihre Pistolen haben. Lass dir nur Zeit damit.«
Annalieses Vorschlag klang in seinen Ohren vernünftig und richtig. Er neigte sich ihr zu und nahm sie fest in die Arme. »Womit habe ich dich verdient?«
Sie flüsterte zur Antwort in sein Ohr. »Weißt du eigentlich, wie scharf du bist? Ich bin diejenige, die sich glücklich schätzen darf.«
»Feuer! Ich hab’s geschafft!«, rief Brandon.
Die beiden Erwachsenen drehten sich um und erkannten für einen Augenblick das begeisterungsfähige Kind, das der Junge unterdrückt hatte. Tief in seinem Inneren war er noch ein Zwölfjähriger, doch die neue Welt hatte ihn verdorben. Nicht auszudenken, zu welcher Art von Mann er heranwachsen würde.
Eagle, Idaho
»Scott, nur dass sie keine Fahrzeuge oder bestimmte anderen Dinge haben, macht sie nicht weniger gefährlich, sondern in Wirklichkeit noch gefährlicher!« Nelson war hörbar aufgebracht.
Er hatte die Gemeinde zusammengetrommelt, um über Truman zu sprechen. Die anderen leisteten teilweise entschiedenen Widerstand.
»Das ist nicht unser Problem«, beschwerte sich eine ältere Frau. »Wir leben schon seit Jahren hier! Jetzt sind Sie hier aufgetaucht, und plötzlich soll uns das Sorgen machen.« Sie zählte zu den ursprünglichen Hausbesitzern der Siedlung.
»Nelson, ich verstehe Ihre Bedenken, stelle mich aber auf Sadies Seite. Ich wüsste nicht, was uns das angehen sollte?«, fügte Barbara an, Sadies Nachbarin.
»Es geht uns alle etwas an«, insistierte Nelson im Versuch, es ihnen begreiflich zu machen. »Schließlich sind wir übereingekommen, uns als Gruppe zusammenzutun, um das hier zu überstehen.«
»Nelson, ich stimme dir in der Hinsicht zu«, sprach Welk, »dass wir wachsam sein und darauf achten sollten, ob uns Fremde gefährlich werden könnten, aber sie ohne triftigen Grund oder nur wegen einer Vermutung anzugreifen, sie könnten bald uns angreifen, ergibt keinen Sinn.«
»Scott – Sie alle«, fügte Eric inbrünstig an. »Diese Typen werden sich eines Tages auf uns stürzen, garantiert. Sie wissen, was wir haben, und jetzt kann sich Truman alles so zurechtlegen, als sei es Vergeltung für seinen Bruder.«
»Aber wir haben seinem Bruder doch nichts getan!«, brauste Sadie auf.
Von Raymonds Tod und Beerdigung wussten nur Scott, Nelson, Samantha und einige andere, die direkt daran beteiligt waren. Dem Rest der Gemeinde hatten sie nie etwas davon erzählt. Dies machte es jetzt umso schwieriger, sie davon zu überzeugen, dass Biggs wahrscheinlich Pläne schmiedete, um die Gruppe zu überfallen.
Nelson schaute zu Samantha hinüber, dann zu Eric und zuletzt auf Scott.
»Moment, Moment«, warf Sadies Ehemann Bob ein, als er ihre Blicke untereinander bemerkte.
Welk lebte am längsten in Eagle’s Nest und sah sich deshalb dazu verpflichtet, endlich die Wahrheit zu sagen. »Doch, Biggs’ Bruder Raymond wurde hier getötet. Er brach ins frühere Haus der Gallants ein und griff Samantha an. Sie brachte ihn um. Wir wollten niemanden beunruhigen, also blieb alles unter Verschluss. Ich versichere euch, es war Notwehr.«
Daraufhin redeten alle durcheinander. »Schenken Sie Truman einfach reinen Wein ein. Ich bin mir sicher, er wird Verständnis dafür haben«, schlug Barbara vor.
Nelson und Eric mussten sich anstrengen, nicht loszulachen. Sie wussten beide, dass Truman kein verständnisvoller Mensch war.
»Sicher, er wird zu dem Verständnis kommen, dass er eine Berechtigung hat, sich auf uns zu stürzen«, gab Eric zurück. Nelson warf ihm einen rügenden Blick zu. Mit einem solchen Gesprächston zogen sie niemanden auf ihre Seite. Das Geschnatter ging weiter, während die Hausbesitzer darüber debattierten, wie sie mit dem Konflikt umgehen sollten.
»Ruhe bitte!«, rief Nelson. »Wir müssen gemeinsam darüber sprechen.«
»Es betrifft uns nicht. Sie sind Truman eine Erklärung schuldig. Falls Sie glauben, dort einzufallen und sie alle zu töten, löse das Problem, haben Sie Ihre Menschlichkeit verloren. Wir klären unsere Zwistigkeiten nicht auf solche Weise!« Sadie richtete ihre Worte an die beiden.
»Alte, verstockte Narren!«, fuhr Eric auf.
»Wie soll es denn weitergehen, nachdem wir angegriffen und sie alle niedergemacht haben?«, wollte Barbara wissen. »Wann hört es auf? Vor wem werden wir nicht zurückschrecken?«
»Sie sind dämlich, einfach nur selten dämlich«, wetterte Eric respektlos.
»Eric, du machst es nicht besser, hör auf!«, bellte Nelson. Während weitere Schmähungen einander an die Köpfe geworfen wurden, verkamen Höflichkeit und nachbarschaftliche Zuneigung geschwind.
Schließlich stand Scott frustriert auf und stieß einen lauten Pfiff aus. Alle hielten inne und schauten ihn erwartungsvoll an.
»Das wird zu nichts führen, solange wir einander nicht ernst nehmen. Sadie, Bob, Barbara: Was in Eagle’s Nest geschieht, geht uns alle etwas an, da hat Nelson Recht, aber …«
Sadie murmelte irgendetwas, doch Welk hielt einen Zeigefinger hoch, um anzudeuten, dass er noch kurz überlegen musste.
»Nelson tut Truman Unrecht, wenn er ihn angreifen will. Ich stimme Sadie zu, wir tun so etwas nicht. Ich schlage deshalb folgendes vor: Wir halten die Augen offen, arbeiten weiter daran, unsere Grenzen zu schützen, und gehen unserem Alltag nach wie bisher. Falls etwas geschieht, ziehen wir an einem Strang – das ist unbedingt vonnöten – um es in Ordnung zu bringen.«
Nelson lehnte sich spürbar enttäuscht auf seinem Stuhl zurück. Ihr Treffen endete kurz darauf. Er blieb noch bei Scott, um über ihre Wehrhaftigkeit an den Grundstücksgrenzen zu sprechen.
Hinterher wartete Samantha auf Nelsons Rückkehr. Als er ins Haus kam, sah er sie an der Küchentheke sitzen, wo sie im gelben Schein der Öllampe eine Patience legte.
»Ich möchte etwas mit dir klären. Sicher, es ist spät, aber das muss jetzt sein.«
»Gut.« Nelson ließ seinen typischen Humor ein Stück weit wiederaufleben: »So muss sich Gordon wohl gefühlt haben, wenn er heimkam und seine häuslichen Pflichten vernachlässigt hatte, oder?«
»Wir haben zwei Möglichkeiten in diesem Fall: Entweder brechen wir unsere Zelte hier ab, oder du reißt die Gewalt über diesen Ort an dich und sorgst für unsere Sicherheit«, schilderte sie ohne Umschweife. »Wir haben schon lange genug getrödelt. Wenn du mich fragst, dürfen wir uns glücklich schätzen, dass noch nichts Schlimmeres passiert ist.«
Er staunte nicht schlecht ob ihres entschlossenen Tonfalls.
»Ich meine es ernst, Nelson. Scotts Plan ist unklug. Wir könnten nicht ruhig bleiben und warten, bis sie uns angreifen. Du musst etwas unternehmen!«
Er wusste nicht, wie er ihr antworten sollte. Sie hatte Recht, er musste etwas tun. Gewaltsam die Initiative zu ergreifen, entsprach jedoch nicht seinem Wesen; er zog es vor, Verantwortungen solcherart auszuschlagen.
Haley betrat die Küche, rieb sich die Augen und sagte leise: »Mama, ich habe schlecht geträumt.« Sam hob sie hoch und wiegte sie im Arm. Bevor sie aus der Küche ging, gab sie ihr einen Kuss auf den Schopf. Als er dem Mädchen nachsah, machte sich Nelsons Beschützerinstinkt vehement bemerkbar. Er bezweifelte nicht, dass er handeln musste, und falls er auf direkte Ergebnisse bedacht war, tat er gut daran, sofort etwas zu unternehmen.