18. März 2015

Sieg um jeden Preis, Sieg trotz aller Schrecken, Sieg, wie lang und mühsam der Weg dorthin auch sein mag, denn ohne Sieg gibt es kein Überleben.

Winston Churchill

Sacramento, Kalifornien

»Aufwachen«, raunte Pablo zärtlich, während er Isabelles Arm streichelte.

Als sie die Augen öffnete, sah sie sein Gesicht über sich. »Wie spät ist es?«

»Noch früh. Ich wollte mich dafür entschuldigen, dass ich dich gestern Abend angebrüllt habe. Ich muss jetzt für eine Weile weg; zum Dinner bin ich wieder da. Falls du etwas brauchst, ruf einfach …«

»Ich weiß, ruf einfach General Pasqual an.«

»Nein, nicht ihn, sondern Major Alejandro.«

»Was ist los? Du wirkst angespannt.« Sie setzte sich im Bett auf.

»Mir geht es gut, ich habe nur viel um die Ohren.«

»Stimmt etwas nicht mit General Pasqual?«

Pablo missfiel zutiefst, dass sie ständig in offiziellen Angelegenheiten herumschnüffelte, wollte sie aber diesmal einweihen, wenn auch nur deshalb, weil sie mit ihrer Ahnung bezüglich des Generals anscheinend richtig gelegen hatte.

»Was ihn betrifft, warst du womöglich auf dem richtigen Dampfer. Ich glaube, auf Informationen gestoßen zu sein, die beweisen könnten, dass er hinter meinem Rücken intrigiert.«

Seine Aussage weckte Isabelles Interesse; sie neigte sich ihm dichter zu.

»Er hat sich schon mehrmals mit Rebellen getroffen, wie es aussieht.«

»Was? Wieso?«, fragte sie ernsthaft neugierig.

»Das hoffe ich, bald herauszufinden.«

»Oh, ich wäre so gerne dabei, um seinen Gesichtsausdruck zu sehen. Wo wirst du ihn zur Rede stellen?«

»Im Keller des Kapitols«, antwortete Pablo. »Dort ist es sicher, und ich habe meine Ruhe.«

»Du gehst selten vor die Tür, also pass auf dort draußen«, erwiderte sie und drückte ihm einen Kuss auf den Mund. »Wann gehst du?«

»Jetzt sofort. Ich wünsche dir einen schönen Tag, bis später.«

***

Die alte, viktorianische Villa war seit Jahren unbewohnt, Pablo hatte sich vorwiegend wegen der Historie dort eingenistet. Da er sich für Geschichte erwärmte, konnte er sich die Gelegenheit, an einem Ort zu leben, der so viel zu erzählen hatte, nicht entgehen lassen. Als er Richtung Staatskapitol aufbrach, weidete er sich noch einmal am Anblick seines neuen Wohnsitzes. Es entsprach exakt der Art von Anwesen, die sich für einen großen Machthaber schickte.

Zu den wenigen Anlässen, für die Pablo das Grundstück verlassen hatte, war er nie zu Fuß gegangen, doch heute machte er eine Ausnahme. Seine Armee hatte eine Sicherheitszone rings um das Kapitol aufgebaut, die 20 auf 14 Blocks abdeckte. Alle Einfahrten wurden streng bewacht, und sowohl Familien- als auch Apartmenthäuser waren ausnahmslos geräumt und ihre Bewohner umgesiedelt worden.

Pablo nahm den Hinterausgang der Villa und ging zu mehreren Männern, die neben seinem Konvoi ausharrten.

»Sie drei begleiten mich«, befahl er. »Wir gehen zu Fuß hinüber.«

Die Wächter gehorchten und bezogen Positionen rings um ihn.

»Lassen Sie den Konvoi dort vorfahren, damit er verfügbar ist, sollte ich ihn in Anspruch nehmen wollen, wenn ich fertig bin. Ich habe das Gefühl, heute Abend werde ich sehr müde sein.«

Ein Offizier kam aus dem Haus und rief: »Imperator!«

Pablo blieb stehen. »Was ist, Captain?«

»General Pasqual lässt wissen, er sei gerade am Kapitol eingetroffen. Ich sagte ihm, Sie kämen zu Fuß, doch er bestand darauf, dass Sie fahren.«

»Ich lasse mir nichts von ihm sagen«, stellte Pablo klar und ging mit seinen Männern durchs Tor.

Der Wagenzug setzte sich gleich darauf in Bewegung und beschleunigte im Vorbeifahren; auf der Fifteenth Street bogen die Autos links ab und brausten gen Kapitol davon.

Die leeren Straßen muteten unwirklich an. Der Konvoi verursachte die einzigen Geräusche, noch als er mehrere Blocks weit entfernt war. Folglich überraschte das Zischen einer Rakete Pablo umso mehr. Bevor er überhaupt sehen konnte, woher sie kam, zischte es erneut, und ein Knall folgte: Seine Wagen waren getroffen worden und explodierten.

Er kauerte nieder, als der erste Einschlag die Stadt erzittern ließ, und lief auf den zweiten hin los, um in Deckung zu gehen. Seine Männer rannten hinterher, während er hinter einer Mauer, die zu einem Gebäude gehörte, Schutz suchte.

Eine dritte Rakete ließ das letzte Fahrzeug in einem Feuerball aufgehen. Pablo sah mit an, wie die Flammen auf den Autos züngelten und tanzten. Er konnte nicht glauben, was gerade geschehen war, und noch weniger, dass er noch lebte. Dies erweckte in ihm den Eindruck göttlicher Fügung. Er trat mit einem Gefühl von Unbesiegbarkeit zurück auf die Straße und erachtete die brennenden Wagen als weiteres Zeichen dafür, dass er auf dem richtigen Weg war.

Eagle, Idaho

»Mama, Mama!«, rief Haley.

Samantha rannte so schnell, wie ihre Beine sie tragen konnten, über den Flur ins Zimmer der Kleinen.

»Ich bin hier, Schatz. Mama ist ja da«, beschwichtigte sie, während sie Haley umarmte. Dann fing sie an, sich mit ihr zu wiegen.

»Ich hab schlecht geträumt – von Nelson, und er war tot«, jammerte das Kind.

»Nur ein Albtraum, Schatz, mehr nicht. Nur ein Albtraum.«

»Aber er wirkte so echt!«

»Es war nur ein Albtraum«, beharrte Samantha im Flüsterton.

»Wird er je wieder zurückkommen?«

Haley stellte Samantha diese Frage schon seit dem Tag, da Nelson mitgenommen worden war. Den eigenen Nachkommen reinen Wein einzuschenken, wenn es um heikle Themen ging, konnte Eltern nur schwerfallen. Sie und Gordon hatten stets geglaubt, es sei in Ordnung, die Wahrheit zu verdrehen, damit ihre Kinder möglichst lange ahnungslos unschuldig blieben.

»Eines Tages wird er zurückkommen. Er erledigt nur etwas mit diesem Mann, dann ist er wieder bei uns.«

»Der Mann war gemein, Mama.«

»Ich weiß.«

»Er hat fiese Sachen zu mir gesagt und behauptet, dass er mich und dich töten will.«

Dies aus Haleys Mund zu hören, brach Samantha das Herz. Die Unschuld, die sie zu schützen suchte, war in dieser neuen Welt schwerlich aufrechtzuerhalten. Die beiden redeten, bis Haley in ihren Armen wieder einschlief. Auch Samantha versuchte, Ruhe zu finden, schaffte es aber nicht. Sie schlich leise aus dem Zimmer und ging nach unten, um Tee zu kochen. Am Fuß der Treppe erinnerte ein Blutfleck wie ein finsteres Mahnmal daran, was kürzlich vorgefallen war.

Als sie die Küche betrat, begab sie sich zum Fenster und schaute hinaus. Die Sonne ging auf, ein neuer Tag war angebrochen. Sie achtete darauf, ob ihr irgendetwas Ungewöhnliches auffiel, und überprüfte, ob die Tür verschlossen war. Nie wieder, so schwor sie sich, würde sie sich überrumpeln lassen. Ohne den Rückhalt von Gordon und Nelson war sie auf sich allein gestellt.

Die Petroleumbrenner, mit welchen sie das Haus trotz klirrender Kälte draußen warm hielten, markierten nur einen zeitweiligen Luxus. Bald würde ihnen der Kraftstoff ausgehen, und dann mussten sie ausschließlich auf Holz zum Heizen zurückgreifen. Nahrungsvorräte besaßen sie noch zur Genüge, und auch Medikamente stellten kein Problem dar. Gordons schnelle Fassungsgabe vor Monaten war es, deretwegen sie überlebt hatten.

Sam fuhr auf, als es laut an der Haustür klopfte. Sie eilte mit gezückter Pistole aus der Küche.

Ein Blick durch den Spion gab Entwarnung: Eric.

»Was ist los?«, fragte sie, nachdem sie ihm geöffnet hatte.

»Sie sind wieder da!«, entgegnete er aufgeregt.

Südlich von Boise, Idaho

Cruz’ Zustand hatte sich immens verbessert – so weit, dass er darum bat, früher als geplant weiterzufahren. Um diese Fügung zu ihrem Vorteil zu nutzen, nahmen Gordon und seine Schützlinge ihre Reise nach Osten in Windeseile wieder auf.

Als sie die Grenze nach Idaho passierten, konnte er nicht anders, als mit dem Gedanken zu spielen, gen Norden einzulenken und geradewegs Richtung McCall zu fahren. Diesem Wunsch zu widerstehen, wurde zusehends schwieriger, da immer mehr Straßen ausgeschildert wurden, die er kannte.

Als er den Namen Eagle Road las, setzte sein Herz einen Schlag lang aus. Bis nach McCall waren es nur noch zwei Stunden. Er hätte nur einmal links abfahren und sich dann strikt nördlich halten müssen, um alsbald an seiner Hütte einzutreffen und Samantha in die Arme zu fallen. Dann sah er einen Wegweiser nach Mountain Home und bekam eine Idee.

»Christopher, schalten Sie das Funkgerät ein und richten Sie es auf diese Frequenz aus«, bat er.

»Mit wem werde ich dann sprechen?«, fragte sein Beifahrer.

»Mit der Mountain Home Air Force Base.«

»Gordon, was bezwecken Sie damit?«, versetzte Wilbur.

»Mich interessiert, ob sie noch in Betrieb ist«, gab er an. Dies war nur die halbe Wahrheit. Obwohl er versprochen hatte, sie bis nach Cheyenne zu bringen, sah er vor, falls der Stützpunkt noch intakt war und mit Cheyenne Kontakt aufnehmen konnte, sie schlicht dort abzusetzen.

»Gut, wie wechsle ich nun die Frequenz?«, wollte Christopher wissen, der verwirrt aussah.

Gordon sagte es ihm nicht, sondern nahm prompt die Ausfahrt Eagle Road und trat gleich wieder aufs Gas.

Wilbur wunderte sich. »Was tun Sie? Ist irgendetwas im Busch?«

»Nein, alles okay«, versicherte er.

»Werden wir verfolgt?«, beharrte sie. »Was ist es?« Sie befürchtete, was in Hines geschehen war, könne sich wiederholen.

»Nichts dergleichen«, beteuerte er mit begeisterter Stimme, als er hart links auf Eagle Road einlenkte.

»Stimmt etwas nicht?« Dies war Cruz, dem die Besorgnis ins Gesicht geschrieben stand.

»Ich weiß nicht, aber wenn ich ein Schild mit meinem Namen und einem Pfeil darauf sehe, neige ich dazu, ihm zu folgen!«

Sacramento, Kalifornien

»Imperator, bitte, er ist der Sohn meiner Cousine«, klagte Pasqual. »Er hat nichts Falsches getan.« Der General saß an einen Stuhl gefesselt in einem der Lager des feuchten Kellers unter dem Kapitol.

In dem engen Raum mit seinen Betonwänden waren einst Betriebsmittel verwahrt worden, jetzt fungierte er als Pablos Folterkammer. Auf einem kleinen Tisch neben Pasqual lagen verschiedene Werkzeuge und Waffen – Messer, ein Beil, Schraubenzieher, Hämmer und eine Zange.

»Ich würde ihn ja gerne für sich sprechen lassen«; erwiderte Pablo lachend, nachdem er auf den anderen Mann im Raum verwiesen worden war: Jorge Ortiz, der Sohn von Pasquals Cousine. Ihn hatte der Spitzel neulich vor dem Haus in Folson identifiziert. Im Zuge seiner Gefangennahme war er aufsässig und übel dafür geschlagen worden. Seine Wangen- und Kieferknochen waren zertrümmert, und jetzt dämmerte er zwischen Ohnmacht und Bewusstsein vor sich hin.

Pablo fand Gefallen daran, Menschen zu foltern; ihm gefiel es besonders gut, wenn sie ihn anflehten. Winselten sie um Gnade, war er umso grausamer zu ihnen.

Eines konnte er soweit belegen: Paquals Cousine – Maria Ortiz – war die Frau, die der Informant bei Jorge gesehen hatte, eine venezolanische Auswanderin, die seit zwölf Jahren, nachdem sie in die Vereinigten Staaten gekommen war, in Sacramento lebte. Im Zuge der Übernahme der Stadt durch das panamerikanische Imperium hatte Pasqual sie regelmäßig besucht, um sich um ihre Bedürfnisse zu kümmern. Ihr Sohn diente als Gefreiter in der kalifornischen Nationalgarde und war Wochen zuvor von seinem Posten abgerückt.

Der General bekniete Pablo nachgerade. »Imperator, er kämpft nicht mehr für die Amerikaner. Es ist gut einen Monat her, dass er ihre Streitkräfte verließ. Ich wollte ihn für die Villistas rekrutieren, das ist alles. Während ich den beiden Lebensmittel brachte, lotste ich sie auf unsere Seite.«

Pablo hatte ihn bereits verprügelt, sodass sich Schweiß und frisches Blut in seinem Gesicht vermischten. Es quoll aus seinen Lippen und der Nase, außerdem aus einem Schnitt an der Wange.

»Eins muss ich sagen, Maria behauptete das Gleiche, also decken sich Ihre Aussagen. Selbst nach ihrer Vergewaltigung hielt sie weiter dicht. Sehr beeindruckend. Als nächstes möchte ich die ganze Kompanie Alpha über sie rutschen lassen, es sei denn, Sie sagen mir, was Sie bei den beiden gemacht haben.«

»Nicht Maria, nein, sie hat sich nichts zu Schulden kommen lassen!«, fuhr Pasqual auf.

»Wie sah Ihr Plan aus – mich zu töten und meine Nachfolge anzutreten? Sie wollten heute Morgen unbedingt, dass ich mit dem Konvoi kam, dann wurde er angegriffen und zerstört.«

»Sir, wir fingen einen Funkspruch ab, demzufolge ein Anschlag auf Sie bevorstand. Wir fanden eine offene Frequenz, auf der die Aufständischen miteinander kommunizieren. Außerdem hat jemand sie dazu benutzt, um in Kontakt mit der US-Regierung zu bleiben. Sie kennt somit vertrauliche Einzelheiten zu unseren Truppenbewegungen und Vorhaben. Von dem geplanten Attentat auf Sie hörten wir zufälligerweise weniger als zehn Minuten, bevor es geschah. Es gibt einen Maulwurf in unseren Reihen.«

»Dass Sie so etwas sagen würden, war klar«, sprach Pablo, ehe er zu Jorge ging und auch ihm mit einem Messer ins Gesicht schnitt. Der Mann kam vor Schmerz zu sich und schrie.

»Imperator, bitte. Die Funksprüche, die wir eingefangen haben, kamen vor jemandem aus Ihrer Nähe. Ich weiß, es sieht so aus, als könnten sie von mir stammen, aber das stimmt nicht, ich schwöre. Ich bin Ihnen treu ergeben, darauf habe ich einen Eid abgelegt.«

»Wer sonst könnte es sein?«, fragte Pablo. »Wer kennt sich noch eingehend mit meinen Plänen aus?«

»Die Tochter des Vizegouverneurs«, antwortete Pasqual wie aus der Pistole geschossen.

Daraufhin stürzte Pablo zurück zu ihm und versetzte ihm eine Ohrfeige.

»Wenn Sie schon wussten, dass ich jeden Augenblick angegriffen wurde, warum sollte ich dann den Konvoi nehmen?«

»So habe ich das nicht weitergegeben, Sir. Ich sagte dem Captain, Sie müssten im Haus bleiben!«

Pablo wusste nicht, was er glauben sollte. Die Intrige gegen ihn zog weite Kreise, falls das, was der General von sich gab, der Wahrheit entsprach. Um sicherzugehen, dass er die Verräter ausmerzte, gab es nur einen Weg: Er musste in seiner Armee aufräumen, und der Mann, bei dem er am besten damit anfing, war Pasqual.

»General, vielleicht haben Sie Recht, aber dieses Risiko kann ich nicht eingehen. Ich muss diese Untersuchung schneller vorantreiben, nun da Sie mir weitere Namen genannt haben.«

Pablo ging wieder zu Jorge, packte ihn beim Schopf und schlitzte seine Kehle auf. Blut quoll dick und rot aus seinem Hals sowie über sein Hemd. Pasqual heulte auf, doch Pablo brachte ihn zum Schweigen, indem er das Beil nahm und seinen Schädel spaltete.

Südlich von Boise, Idaho

Als sie an den Schildern vorbeifuhren, die den Flughafen auswiesen, nahmen Erinnerungen Sebastian in Beschlag. Zuletzt war er vor mehreren Jahren in Boise gewesen. Er hatte sich über Weihnachten freigenommen, um Gordon und seine Familie in McCall zu besuchen. Jene Zeit zählte zu den schönsten, die er je mit seinem Bruder verlebt hatte. Tagsüber waren sie zum Snowboarden an den Brundage Mountain gefahren, abends hatten sie, im Kreis um ein großes Feuer sitzend, kaltes Bier getrunken und Zigarren geraucht. Gebirge wirkten seit je beruhigend auf Sebastian und entkoppelten ihn von den Belastungen seines Alltags. Hoffentlich, so dachte er, übten sie diesen zauberhaften Einfluss nach wie vor auf ihn aus, denn nach den vergangenen paar Monaten brauchte er dies unbedingt.

Die letzten zwölf Stunden waren turbulent vorbeigerauscht. Dass Luke Brandon getötet hatte, entsetzte ihn genauso wie Annaliese. Nach dem Schusswechsel hatten sie seinen Leichnam rasch begraben, Jed und Flynn jedoch nur mit einer Plane zugedeckt auf der Ladefläche des Wagens des Alten zurückgelassen.

Sebastian war versucht gewesen, das Fahrzeug mitzunehmen, doch sein Gewissen sagte ihm, es sei das einzige Transportmittel von Jeds Angehörigen. Es mochte über Leben und Tod entscheiden, also wollte er, dass sie es weiter verwenden konnten, wenn sie die Leichen fanden. Er hatte mit Annaliese darüber diskutiert, ob sie zur Ranch fahren und die Nachricht vom Tod der beiden überbringen sollten, hielt es aber für zu heikel. Ungern hätte er sich auf eine Schießerei eingelassen, und dass Jeds Familie aggressiv auf den Tod ihrer Verwandten angesprungen wäre, war sehr wahrscheinlich.

Luke wirkte ruhig und schien hinter dem zu stehen, was er getan hatte. Annaliese versuchte, mit ihm darüber zu reden, aber er wiederholte stets jene Worte, die er gleich nach Brandons Ermordung gesprochen hatte: »Er wollte Annaliese erschießen, das konnte ich nicht zulassen.«

Eines war gewiss: Brandon wäre an dem Tag gestorben, wer auch immer den Schuss zuerst ausgeführt hätte. Sebastian sorgte sich nur um Lukes geistige Verfassung. Jemanden zu töten, war leicht, doch die Tat innerlich zu verarbeiten, zählte zum schwierigen Teil. Letztlich kam er mit Annaliese überein, ihn in Ruhe zu lassen und einen weiteren Anlauf zu wagen, mit ihm darüber zu sprechen, wenn der richtige Zeitpunkt dazu kam.

»Die günstigste Route verläuft auf dem Highway 55 geradeaus nach Norden«, sagte Sebastian. »Ich möchte dem Ballungsraum fernbleiben, also nehmen wir Eagle Road.«

»Was du für das Beste hältst«, erwiderte Annaliese, während sie aus dem Fenster starrte. »Hast du schon an die Bergpässe gedacht? Glaubst du, sie sind frei?«

»Ich weiß es nicht und hoffe es zumindest, aber wir stoßen so weit vor, wie wir können.«

»Bringst du mir das Skifahren bei?«, fragte Luke.

Sebastian schaute in den Rückspiegel. »Sicher, allerdings fahre ich nicht Ski, sondern Snowboard.«

»Das wäre sogar noch cooler«, entgegnete Luke mit einem Grinsen. Es war das erste Mal seit mehreren Stunden, dass er redete.

»Sebastian, dein Bruder heißt Gordon, richtig?«, hakte Annaliese nach.

»Ja, wieso?«

Sie zeigte aus dem Fenster. »Sieh mal.«

Als er in die Richtung schaute, die ihr Finger vorgab, staunte er nicht schlecht: Unter einem Schild, auf dem EAGLE ROAD stand, war ein Holzbrett mit Gordons Namen darauf angeschlagen.

»Ist das für deinen Bruder gedacht?«

»Keine Ahnung, aber ich werde dem auf den Grund gehen.«

Er bog auf Eagle Road ab und fuhr weiter nach Norden. Alles, woran er denken konnte, waren die Schilder. Er empfand es als höchst seltsam, dass jemand solche Schilder aufhängte. Dies warf Fragen auf: Galt es seinem Bruder oder jemand anderem, und war ersteres der Fall, was hatte es zu bedeuten?

Coos Bay, Oregon

Barone hatte veranlasst, dass Bürgermeisterin Brownstein für den Tod des Soldaten vor Gericht kam. Er machte sich Hoffnungen darauf, zeigen zu können, dass er vernunftbegabt und bereit war, nach den Regeln zu verfahren, welche die amerikanischen Bürger gewohnt waren. Die Demonstranten hatten sich nur wenige Stunden nach Brownsteins Festnahme wieder vor dem Rathaus und den Schiffen versammelt. Die Zahl der Teilnehmer war zwar niedriger als zuletzt, aber immer noch beachtenswert hoch. Der allgemeine Tenor lautete, die Angeklagte solle freigelassen werden, und wenngleich der Tod des Marine eine Tragödie darstelle, habe sie schließlich nicht abgedrückt. Sogar Verschwörungstheorien waren aufgekommen, wonach Barone die Schützen selbst angestiftet hatte, um einen Grund für Brownsteins Gefangennahme zu finden. Allmählich beschlich ihn das Gefühl, er könne es den Personen, die sich gegen ihn stellten, in keiner Weise recht machen.

Simpson und Roger Timms hatten ihn daran erinnert, dass ihn mindestens 80 Prozent der Bevölkerung unterstützten beziehungsweise nicht wollten, dass er verschwand oder verurteilt wurde. Obwohl sie nicht mit dem konform gingen, was er getan hatte, zeigten sich viele bereit, ihm zu vergeben.

Halbernst hatte er zu Simpson gesagt, könne er nur die 20 Prozent loswerden, werde alles gut, und dieser Scherz war zu einer konkreten Idee geworden: Was, wenn er imstande gewesen wäre, einfach alle unter Arrest zu stellen, sie an den Stadtrand zu bringen und auszusetzen? Problem gelöst. Natürlich konnte er diese Holzhammermethode nie im Leben anwenden, denn falls er sich in Coos Bay etablieren wollte, musste er diplomatischer vorgehen. Schwierig erwies sich dabei seine Ansicht, Diplomatie sei etwas für Politiker, und der Colonel gerierte sich gerne zu einer unpolitischen Person. In ihm schwelte das Verlangen, seine militärische Macht zu missbrauchen, um das Ruder an sich zu reißen; er musste fast seine ganze Disziplin aufbringen, um dagegen anzukämpfen. Sollte Brownstein auch noch im Zuge des Gerichtsprozesses Widerstand leisten, wusste er nicht, ob er seiner natürlichen Neigung weiterhin Einhalt gebieten konnte.

Roger machte dann den Vorschlag, mit den anderen um ihre Freilassung zu feilschen, um zu verhindern, dass sich die Lage verschärfte. Der Ausgang des Verfahrens war vorherbestimmt, und Barone hatte für den Fall, dass Brownstein schuldig gesprochen wurde, darum gebeten, für die Todesstrafe zu plädieren. Ihr Leben zu bedrohen erwog er, um ihr Angst einzuflößen und sie dazu zu zwingen, ihre Stoßrichtung zu ändern.

Nach reiflicher Überlegung nahm er Rogers Idee an: Ein Treffen mit den Amtsträgern, die gegen ihn waren, sollte umgehend im Rathaus stattfinden.

***

Barone zog es üblicherweise vor, sehr früh zu wichtigen Besprechungen einzutreffen, tat jedoch in diesem Fall das genaue Gegenteil. Er wollte, dass sie auf ihn warten mussten.

Als er voller Selbstbewusstsein in den Raum stolzierte, warf er jedem einzelnen Anwesenden einen finsteren Blick zu. Die Opposition unter den Drahtziehern vor Ort war nunmehr auf sieben angewachsen, Brownstein eingeschlossen. Sie selbst saß an vorderster Front und sah dabei zu übermütig aus.

Nachdem er sich vor der Gruppe aufgestellt hatte, begann er: »Vielen Dank dafür, dass Sie so kurzfristig kommen konnten. Ich werde nicht noch einmal aufrollen, was geschehen ist; das wäre Zeitverschwendung.«

»Sie haben Recht, und das hier ist ebenfalls Zeitverschwendung.« Brownstein schöpfte gleich wieder aus den Vollen. »Egal welch cleveren Hintergedanken Sie vielleicht haben, es wird nicht funktionieren.«

»Warten Sie doch zuerst ab, Madam. Ich möchte, dass wir uns alle einig werden. Hier die Fakten: Ich habe ein Abkommen mit den USA unterzeichnet. Sie erlauben, dass wir damit fortfahren, unser eigenes Land aus der Taufe zu heben, die Pazifischen Staaten von Amerika. Im Gegenzug werden wir gemeinsam mit ihnen gegen das panamerikanische Imperium vorgehen.«

»Das einzige Land, zu dem wir gehören, sind die Vereinigten Staaten von Amerika«, stellte sie klar. »Ich glaube kein einziges Wort mehr, das aus Ihrem Mund kommt.«

»Madam, können wir uns auf zivilisierte Umgangsformen einigen?«, fragte Barone. Er wollte wirklich, dass sie auf einen Nenner kamen, doch ihr Ton regte ihn allmählich auf, sodass er zusehends damit haderte, sein Temperament zu zügeln.

»Colonel Barone, wir verhandeln nicht mit Terroristen, und nichts weniger als das sind Sie. Weder werden wir einen Vertrag mit Ihnen abschließen, noch Ihnen gehorchen. Vielmehr hören wir nicht auf, uns Ihnen zu widersetzen. Das sind die Fakten.«

Barones Zorn stand kurz vorm Überkochen, doch es gelang ihm noch einmal, sich zusammenzureißen.

»Frau Bürgermeisterin, ich schlage Folgendes vor: Wir stellen das Verfahren gegen Sie ein und lassen Sie frei, wenn Sie diese Proteste abbrechen. Die Fortschritte, die wir in der Stadt gemacht haben, stehen jetzt auf dem Spiel. Wir müssen uns wieder als geschlossenes Volk finden und diese Sache gemeinsam zum Gelingen führen. Wir dürfen nicht noch länger gespalten bleiben.«

»Wir werden uns nie mit Ihresgleichen zusammentun, Sie Verräter!«

»Jetzt reicht es!«, brauste Barone voller Wut auf.

Brownstein erhob sich und blaffte zurück: »Wir geben niemals Ruhe; wir werden kämpfen, bis wir sterben. Sie müssen uns alle umbringen, falls Sie uns aufhalten wollen!« Die anderen sechs nickten zustimmend.

»Also gut, Konversation beendet, schätze ich. Wenn Sie mich bitte entschuldigen.« Damit trabte Barone davon. Sein Gesicht war rot vor Ärger, und mehrere Schweißperlen hatten sich an seiner Stirn gebildet, als er zum Ausgang stapfte. Er konzentrierte sich nur noch auf eine Sache; ihm schwebte nichts anderes mehr vor, als diese Angelegenheit ein für alle Mal zu Ende zu führen.

Die sechs Ratsmitglieder beglückwünschten Brownstein für ihre Standhaftigkeit. Sie hatten keine Notiz von Barones stechendem Blick genommen, während er an ihnen vorbeigegangen war.

»Wir sind unheimlich stolz auf Sie«, meinte einer.

Ein anderer sagte: »Sie sind der tapferste Mensch, den ich kenne.«

Die Bürgermeisterin genoss die positiven Resonanzen. Sie spuckte gerade große Töne mit den anderen, als die Tür aufging. Barone war zurück. Sie schaute zu ihm auf, doch dann verwandelte sich ihr frech überzeugter Gesichtsausdruck in eine Schreckensmiene.

Der Colonel kam mit einem M-16 herein. »Sie wollen nicht reden, macht nichts. Sie erklärten mir, was zu tun sei, also bekommen Sie, was Sie wünschen. Sie alle werden sterben!« Jener Drang, das brennende Verlangen, das er hatte unterdrücken können, war jetzt zu stark, um es zurückzuhalten.

Brownstein sah ihn an, bewegte sich aber nicht, weil sie vor Furcht erstarrt war. Drei ihrer Gruppe rannten auf andere Ausgänge zu, die zweite Hälfte duckte sich hinter Stühlen.

Er legte auf die Bürgermeisterin an und drückte ab. Das Gewehr knatterte los, eine Salve von drei Schüssen. Die erste Kugel traf ihren Unterbauch, die zweite in die Brust, und die dritte in den Hals. Sie fiel rückwärts und stürzte in ein paar Stühle. Noch ehe sie am Boden aufschlug, war sie tot.

Daraufhin spritze er Blei in die Richtung derer, die sich auf den Weg zu den anderen Türen gemacht hatten. Als der Verschluss wieder einrastete, lebten sie nicht mehr. Da er kein frisches Magazin hatte, ließ er das Gewehr fallen und zog seine Pistole. Die übrigen drei waren nicht von der Stelle gewichen, nachdem er das Feuer eröffnet hatte. Er ging sie geruhsam an, einen nach dem anderen.

So erbittert sie auch um Gnade flehten, er gewährte ihnen keine. Jedem verpasste er einen Kopfschuss.

Als er fertig mit ihnen war, verließ er die Ratskammer. Simpson wartete mit verstörter, fassungsloser Miene im Flur auf ihn.

»Was jetzt?«, fragte er, auch weil er nichts anderes zu sagen wusste. Die Angst, etwas Falsches zu äußern, packte ihn, also wählte er seine Worte mit Bedacht.

»Wir zerschlagen diesen Zwergenaufstand heute. Sie sagte, es würde nicht enden, solange wir sie nicht umbringen, also bringen wir sie um. Wir töten sie alle!«

»Danach gibt es kein Zurück, Sir«, mahnte Simpson. »Sind Sie sich dessen bewusst?«

»Voll und ganz. Leiten Sie es in die Wege! Rufen Sie Timms an; lassen Sie ihn wissen, dass ich die städtischen Regierungen auflöse. Von jetzt an unterliegt alles unserer militärischen Kontrolle!«

»Verstanden, Sir«, bestätigte der Feldwebel. Er trat vor Barone zurück und betätigte die Sprechtaste seines Funkgeräts. »An alle Kommandanten, hier Charlie Actual. Sie haben Schießbefehl, ich wiederhole: Sie haben Schießbefehl. Brechen Sie die Menge auf, egal mit welchen Mitteln, tödlicher Gewalt inklusive, over.«

Nichts geschah. Dann knisterte es in der Leitung, und eine Stimme entgegnete: »Charlie Actual, hier Charlie Two, over.«

»Sprechen Sie, Charlie Two«, bellte Simpson ins Gerät.

»Erbitten Bestätigung des letzten Befehls, over!«

Simpson schaute den Colonel zaudernd an. Da marschierte dieser auf ihn zu, entriss ihm das Funkgerät und brüllte hinein: »Alle Einheiten, hier Colonel Barone. Eröffnen Sie das Feuer gegen alle Demonstranten. Es werden keine Gefangenen gemacht. Ich sage es noch einmal: Töten Sie alle Demonstranten!«

Eine kurze, unangenehme Pause folgte, doch bald brach draußen Maschinengewehrfeuer los, kurz darauf flankiert von Schreien. Barone trat vor ein breites Fenster und blickte hinaus auf die Straße vor dem Gebäude. Die Aufrührer rannten in der Hoffnung, entkommen zu können, in alle Richtungen davon. Einige Soldaten schossen nicht, die meisten aber schon. Dass seine Order nicht einhellig ausgeführt wurde, war augenfällig. Andererseits gehorchten genügend Männer, um zu gewährleisten, dass keine Menschenseele überleben würde.

Barone hatte das Diskutieren über, genauso wie die Politiker, genauso wie die Demokratie. Er war jetzt ein Diktator und würde mit eiserner Faust herrschen.

Eagle, Idaho

So viele unterschiedliche Szenarien waren Samantha durch den Kopf gegangen, als Eric ihr mitgeteilt hatte, Trumans Schergen seien zurückgekehrt. In vielen dieser Vorstellungen waren Kämpfe zwischen den Parteien ausgebrochen. Darauf lief es wahrscheinlich hinaus, und diesmal würde sie nicht zulassen, dass Haley es auch nur aus der Ferne mitbekam. Auf dem Weg zum Haupttor setzte sie das Mädchen bei Eric im Haus ab.

Als sie zum Tor kam, war die erste Person, die Sam ins Auge fiel, Nelson. Er sah übel zugerichtet aus, lebte aber noch. Sie schloss die Augen und dankte Gott dafür, ihre Gebete erhört zu haben. Dass er noch lebte, bedeutete wohl, dass Truman und die anderen seinen Wert erkannt hatten, also waren sie hergekommen, um irgendetwas auszuhandeln.

Beim flüchtigen Durchzählen kam sie auf zehn Personen, sieben Männer und drei Frauen. Der Einzige, der fehlte, war Biggs selbst. Auf ihrer Seite des Tors stand sie mit Eric, Mack, Frank und Scott.

»Nelson, wie geht es dir?«, fragte Sam.

Er strahlte und fing wieder zu feixen an: »Oh mein Gott, ich hatte einen Höllenspaß. Jeden Morgen wurde ich massiert, und abends bekam ich Filet Mignon oder Hummer.«

Sie erwiderte sein Lächeln. »Wo ist Truman?«, fuhr sie fort.

Ein Mann, den sie nie zuvor gesehen hatte, trat vor und ergriff das Wort. »Truman ist tot. Ich habe ihn umgebracht.«

Dies zu hören, stieß Samantha vor den Kopf.

»Es stimmt, sie haben ihn vergangene Nacht kaltgemacht«, bestätigte Nelson.

»Truman war ein intelligenter Mensch«, führte der Mann aus, »ließ sich aber zu stark von seinen Emotionen leiten. Wir brauchen jemanden an der Spitze, der klar denken kann. Ihr Freund hier ist eine Bereicherung. Tot nützt er uns nichts, weshalb wir gekommen sind, um über sein Weiterleben zu verhandeln.«

»Was wollen Sie?«, fragte Eric.

»Zwei Fahrzeuge und Nahrung.«

Samantha war bereit, ihnen ohne Bedenken nachzukommen, als Nelson dazwischenfunkte: »Tu es nicht, Sam. Du brauchst sowohl das Essen als auch die Wagen. Gibst du ihnen zwei fahrbare Untersätze, beschneidest du uns in unserer Fähigkeit, weiter zu überleben.

»Er hat Recht«, pflichtete Eric bei.

Samantha fuhr ihm über den Mund: »Hier geht es um ein Leben – Nelsons Leben.«

»Auch ich spreche von Leben – von deinem, von Haleys und meinem!«, konterte Eric.

»Wir können es uns leichtmachen oder auf die harte Tour abwickeln«, warf der Unbekannte ein. »Wir händigen Ihnen Ihren Freund aus, und Sie geben uns, was wir verlangen, oder wir werden es uns einfach nehmen.«

»Gib ihnen nichts«, rief Nelson. »Wenn ihr kämpft, hat ihr wenigstens eine Chance!«

Da baute sich der Mann vor ihm auf und schlug ihn mit geschlossener Faust.

»Wir werden es tun!«, gab Samantha kund.

»Nein, werden wir nicht«, insistierte Eric.

Das Brummen eines Autos lenkte sie alle ab. Trumans Gruppe schaute in die Richtung, aus der das Geräusch kam, und ging in Erwartung eines Kampfes auseinander.

»Rechnen Sie mit Besuch?«, fragte ihr Wortführer.

Samantha wechselte Blicke mit den anderen, bevor sie antwortete: »Nein, und wir hier sind vollzählig.«

»Himmel, Sam, gibt es noch etwas, das du ihnen unter die Nase reiben willst?«, schimpfte Eric.

Der Motorenlärm schwoll an. Trumans Gruppe wurde unruhiger, als das Fahrzeug in Sicht kam. Eine hoben ihre Waffen an und zielten darauf.

»Greift an!«, befahl der Mann.

Während die ganze Rotte von dem Wagen abgelenkt war, ergriff Eric die Initiative: Er legte an und feuerte auf den Sprecher. Nelson, dem sie die Hände auf dem Rücken gefesselt hatten, rannte aufs Tor zu. Samantha eilte ihm entgegen. Eric fasste eine zweite Person ins Auge und fällte sie. Im Nu hatten einige andere aus der Gruppe ihre Waffen auf Eric und seine Leute gerichtet.

Mack schaffte es, mehrmals abzudrücken, bevor ihn drei Kugeln trafen, eine in den Bauch, die zweite an der Hüfte und die letzte ins linke Bein. Er fiel auf den Boden und grunzte vor Schmerz. Eric blieb ruhig und zielte ohne Zittern auf die Frau, die Mack niedergestreckt hatte. Er drückte im selben Moment ab, in dem seine Schulter getroffen wurde.

Samantha öffnete das Tor für Nelson, jedoch leider nicht rechtzeitig. Mehrere Kugeln schlugen in seinen Rücken, sodass er in ihre Arme stürzte. Aufgrund der Wucht kippte sie rückwärts um, und er blieb auf ihr liegen.

Scott hatte eine Flinte und ließ sie nun krachen. Er erwischte einen der Männer, doch mehrere andere visierten ihn an und ließen Salven los. Eine der Kugeln besiegelte sein Ende; er schluchzte überrascht auf und sackte zusammen.

Frank lief hinüber zu Nelson, um ihm zu helfen, wurde aber kräftig unter Beschuss genommen. Auch ihn traf es mehrmals, unter anderem tödlich in den Kopf.

Mack heulte vor Schmerz, feuerte aber im Knien auf den Mann, der Frank umgebracht hatte.

Da griffen alle verbliebenen aus der Gruppe ihn an. Er schrie auf, ehe er tot nach vorne umfiel.

Sechs von Trumans Truppe lebten noch und waren unverletzt. Da keiner ihrer Gegner mehr stand, stellten sie das Feuer ein.

»Wir haben sie alle!«, freute sich eine Frau.

Einer der Männer ging durchs Tor und auf Samantha zu, die sich unter Nelsons leblosem Körper wand. Er richtete sein Gewehr auf sie. Sie versuchte, ihre Pistole zu erreichen, schaffte es aber nicht. Schicksalsergeben schloss sie ihre Augen.

Ein weiterer Schuss fiel.

Als sie die Augen wieder öffnete, fiel der Mann vornüber.

Der Schütze musste hinter ihr stehen; sie schaute zurück und sah Seneca. Jetzt hatte sie Zeit gewonnen, um unter Nelson herauszurutschen und ihre Pistole zur Hand zu nehmen.

Trumans Gruppe wollte Seneca erschießen, doch sie ergriff die Flucht und verschwand so schnell, wie sie aufgetaucht war, indem sie von der Einfahrt aus zu einem großen Felsen in etwa 15 Fuß Entfernung rannte.

Samantha setzte sich auf und richtete zwei weitere der Angreifer hin.

Über die heftige Schießerei hatten alle das rätselhafte Fahrzeug vergessen.

Dieser Humvee nun raste unvermittelt in die übrigen drei, und zwar so schnell, dass ihre Leiber wie Stoffpuppen durch die Luft geschleudert wurden.

Nelson war zu sich gekommen und hustete. Er stöhnte gequält und wälzte sich auf seine zusammengebundenen Hände. Seneca kam wieder zu ihm gelaufen, während sich Samantha anschickte, seine Blutung zu stillen.

Eric stand auf und rief: »Wer ist das?« Er zeigte auf den Wagen.

Die Fahrertür ging auf, und heraus kam Gordon.

Sacramento, Kalifornien

Als Pablo endlich Feierabend machte, hatte sein Blutrausch 13 Menschen das Leben gekostet. Mit jeder weiteren Person, die er gefoltert hatte, waren mehr Informationen und Namen durchgesickert. Die Rebellen hatten einige seiner Männer bestochen und dadurch seine Ränge unterwandert. Er wäre nie darauf gekommen, doch die Tatsache, dass er in der Lage gewesen war, eine Armee anzuheuern, zog nach sich, dass sich diese Armee erneut von jemandem kaufen ließ. Söldner waren stets dem Höchstbietenden ergeben. Diese Männer kämpften nicht für ihr Land, weder für Ehre noch etwas, an das sie glaubten, sondern allein für Geld. Diese neue Einsicht machte Pablo bewusst, dass er im Zuge seines Aufstiegs niemandes Loyalität einfordern konnte; vielmehr musste er dafür zahlen.

Als er den Speisesaal betrat, rechnete er damit, Isabelle zu sehen, doch sie war nicht da. Er griff zu einer Karaffe Wein und einem Glas, bevor er am Kopfende der Tafel Platz nahm.

Nachdem er sich etwas von dem Cabernet eingeschenkt hatte, frönte er seinem Trinkritual. Er schwenkte das Glas und roch daran. Dann betrachtete er die Tränen des Weines und zeigte sich fasziniert davon. Der letzte Teil dieser Gewohnheit bestand darin, dass er einen Schluck nahm. Als er das Bukett zum ersten Mal schmeckte, spülte er seinen Mund mit der Flüssigkeit und schluckte sie schließlich hinunter.

»Erlesen!«, sagte er an niemanden gerichtet. Er schaute auf seine Uhr. Isabelle war ungefähr zehn Minuten zu spät.

Auf dem Tisch stand ein Glöckchen zum Rufen des Personals. Er nahm es in die Hand und läutete. Sofort eilte ein Diener herbei und fragte: »Ja bitte, Imperator?«

»Ist die besondere Mahlzeit angerichtet und bereit zum Servieren?«

»Jawohl, Sir.«

»Gut, ich klingle noch einmal, wenn ich möchte, dass Sie sie hereinbringen.«

»Sehr wohl, Sir«, erwiderte der Diener und verließ den Raum.

Im gleichen Augenblick ging die Haupttür in den Saal auf, und Isabelle trat ein. »Tut mir schrecklich leid, dass ich mich verspäte, aber du kennst uns Frauen ja.«

»Ich verstehe, sich schön zu machen braucht Zeit«, entgegnete er sanft.

»Oh, ist das der Paso Robles?«, fragte sie, als sie die Karaffe sah.

»Genau, aber ich habe noch etwas, das du probieren musst; es ist eine Überraschung. Außerdem habe ich den Koch ein außerordentliches Dinner zubereiten lassen.«

»Aus welchem Anlass?«, wollte sie wissen, nachdem sie ihn geküsst und sich niedergelassen hatte.

»Heute war ein magischer Tag!«

»Mein Gott, ich habe gehört, was mit deinen Wagen passiert ist. Ich machte mir große Sorgen, bis ich endlich erfuhr, du seist wohlauf.« Sie streckte sich aus und nahm seine Hand.

»Bist du hungrig? Ich hab ein riesiges Loch im Bauch«, sagte er, griff wieder zur Glocke und läutete.

Da kam der Diener mit einer großen, zugedeckten Platte herein und stellte selbige vor Isabelle auf die Tafel. »Madam, möchten Sie einen Wein?«

»Gerne, das wäre wunderbar.«

Der Mann nahm eine zweite Karaffe von einer Anrichte hinter ihr und füllte ein Glas.

Sie hatte Pablos Vorliebe für Wein übernommen und sich sogar ein eigenes Ritual angewöhnt, das seinem ähnelte.

»Salud«, sprach er und hob sein Glas. Sie stießen an und nahmen jeweils einen Schluck.

»Oh, der schmeckt so gut – wirklich vollmundig mit einem Hauch von … ach, ich weiß nicht. Hier, koste selbst.« Sie reichte ihm ihr Glas.

»Nein danke, meine Liebe. Ich bin mit meinem mehr als zufrieden. Willst du wissen, wie mein Tag war?«

»Natürlich, ich interessiere mich sehr für das, was du tust! Dadurch fühle ich mich umso fester mit dir verbunden.«

»Ja, ich weiß, dass du alles haarklein wissen willst, was ich tue oder mit wem ich spreche.« Sein Tonfall hatte sich ein wenig verändert; er klang nicht mehr so gefällig.

»Was soll denn das heißen?«, fragte sie, indem sie seinen aggressiveren Duktus aufgriff.

»Mein Tag begann damit, dass ich General Pasqual und zwei Mitglieder seiner Familie folterte, eine reizende Dame namens Maria und deren Sohn Jorge. Nachdem mir der General erzählt hatte, was ich wissen musste, brachte ich ihn, Jorge und die holde Maria um. Oh ja, die holde Maria … Wie drücke ich das jetzt am besten aus? Sagen wir einfach, sie wurde zu Tode gevögelt.«

Isabelles Lächeln verschwand, und Furcht ergriff sie.

»Dann hatte ich das Vergnügen, den Captain zu quälen, der die Stabsoperationen voraussieht. Er hatte so viel zu erzählen, war wirklich von allen am geschwätzigsten. Von ihm erfuhr ich eine ganze Menge Namen, und als ich mir sicher war, dass er alles gesagt hatte, spaltete ich seinen Schädel. Danach wurde es aber erst richtig interessant! Die Namen, die er herausgegeben hatte, führten mich zu diesem tollen jungen Kerl Jordan.« Pablo stand auf und hob den Deckel von der Platte. Auf ihr lag der Kopf des Besagten.

Isabelle kreischte auf, als sie ihn sah.

»Soviel ich weiß, kanntet ihr zwei euch recht gut. Schau dir an, wie sie den Kopf dekoriert haben.«

Sie hielt sich die Augen mit beiden Händen zu. Das abgetrennte Haupt des Anführers der Aufständischen zu sehen – ihres Geliebten Jordan DeMint – konnte sie nicht ertragen. Die Informationen, die er Conner und den USA gemeinsam mit Isabelle gegeben hatte, waren wertvoll gewesen.

»Schau ihn dir an!«, schrie Pablo.

Sie begann zu heulen und zu zittern.

»Der gute Jordan, er war sehr zäh, weshalb ich ihm nicht viel entlocken konnte. Selbst nachdem ich ihm den Schwanz abgeschnitten und in den Mund gesteckt hatte, wollte er nichts preisgeben. Ich kann von Glück reden, dass dein Vater wenigstens Klartext redete.« Pablo klingelte abermals.

Der Diener kam mit einer weiteren zugedeckten Platte und stellte sie vor Isabelle ab. Pablo nahm den Deckel herunter und offenbarte den Kopf ihres Vaters.

»Nein! Nein!«, schluchzte sie.

»Vor Wochen hast du mich um Gnade gebeten. Ich zeigte sie sowohl dir als auch ihm; ich nahm dich mit in mein Bett; ich habe dir vertraut, doch du bist mir in den Rücken gefallen. Du hast mich verraten!«

Sie machte sich klein und wollte aufstehen, doch dann wurde ihr schwindlig, und sie fiel zu Boden.

»Ich habe dir etwas in den Wein gegeben. Wenn du in ein paar Stunden aufwachst, wirst du unten in meinem Spielzimmer sein. Ich weiß nicht, was ich mit dir tun werde; vielleicht gehst du den gleichen Weg wie Maria, oder ich stutze dich langsam zurecht, ein Körperteil nach dem anderen. Ich weiß es noch nicht.«

Sie kroch auf allen Vieren Richtung Tür.

»Ich muss gestehen, dir ist es gelungen, mich zu linken, wirklich«, fuhr er fort, als er sich neben sie auf den Boden legte, um ihr ins Gesicht zu schauen. »Bevor du also deine hübschen, kleinen Augen schließt, will ich dir erzählen, was mit deinem Heimatland geschehen wird: Ich werde es schänden, ausplündern, niederbrennen und Zerstörung zurücklassen, wohin ich gehe, und da du und dein Präsident meinten, mich verarschen zu können, knöpfe ich mir ihn als nächstes vor.« Er drehte sich auf den Rücken und schaute hinauf an die weiße Decke des Saales, die gemustert war wie poröser Stein. »Ich habe mehrere Killer auf ihn angesetzt, die ihn erschießen sollen, aber das kommt mir mittlerweile so – wie sagt man? – trivial vor. Stattdessen werde ich nun die Berge überqueren wie Hannibal die Alpen. Ich mache meine Armee mobil und marschiere nach Cheyenne; ich rode die Stadt aus und stecke Präsident Conners Kopf auf einen Pfahl.« Er rutschte näher und gab ihr einen Kuss auf die bebenden Lippen. »Jetzt schlaf schön, Liebling. Wir sehen uns bald wieder.«

Coos Bay, Oregon

Als die Nachricht von dem Massaker vor dem Rathaus bis zu Gunny Smith durchdrang, konnte er sie nicht glauben. Er zählte schon seit Jahren zu Colonel Barones Team. Sicher, er kam nicht immer mit seinen Entscheidungen überein, aber das war nun wirklich zu viel. Innerhalb der Ränge waren an dem Tag, da Barone zur Meuterei aufgerufen hatte, leiser und lauterer Widerstand aufgekommen. Das hatte sich größtenteils wieder gelegt, als sie in Coos Bay eingetroffen waren. Viele Soldaten und Matrosen fühlten sich der Stadt und ihren Bewohnern mittlerweile zugetan. Sie wussten, dass es Barone unter politischen Gesichtspunkten schwergefallen war, die jüngsten Einwände von Seiten der Bürgermeisterin zu zerschlagen, doch sie alle zu ermorden – Männer, Frauen und sogar Kinder auf der Straße niederzuschießen – schlug dem Fass den Boden aus.

»Lance Corporal Jones, schieb deinen Arsch hierher!«

Der Gerufene betrat das teilweise beleuchtete Wohnzimmer des kleinen Hauses, das Smiths Scharfschützen als städtische Kaserne benutzten.

»Jawohl, Gunny?«

»Trommle den Rest des Teams zusammen, sie sollen sich sofort hier melden.«

»Das könnte schwierig werden; draußen herrscht ziemliches Chaos«, klagte Jones.

»Ich will keine Ausflüchte hören, Lance Corporal!«

»Jawohl, Gunny«, sagte Jones wieder, drehte sich um und wollte gehen.

»Moment, eine Sekunde!«, bellte Smith.

Der Soldat blieb abrupt stehen und machte wieder kehrt. »Ja?«

Gunny atmete lange aus, ehe er fragte: »Wie lautet deine Meinung zu diesem ganzen Scheiß?«

Jones wirkte erstaunt und hakte nach. »Sie fragen nach meiner Meinung?«

»Richtig.«

Jones sah nervös aus; er fürchtete sich davor auszusprechen, was er dachte. Die früheren Geschehnisse hatten Spannungen unter den Marines aufkommen lassen, und niemand wusste mehr, wem er trauen durfte.

Da er mit seiner Antwort auf sich warten ließ, fügte Gunny an: »Ich werde niemandem erzählen, was du sagst, wir sind hier nicht bei der Gestapo. Du kannst freiweg erzählen, was du auf dem Herzen hast.«

Jones rückte betreten mit der Sprache heraus: »Nun ja, ich halte das, was der Colonel getan hat, für falsch. Genau genommen wundere ich mich darüber, dass er Soldaten dazu gebracht hat, für ihn zu töten.«

»Ich mich nicht. Denk daran, dass wir letzten Endes auch nur Menschen sind, keine Roboter. Wir alle haben Gefühle und unsere eigenen Vorstellungen.«

»Gunny, was denken Sie über das, was heute passiert ist?«

»Jones, hier wird es noch viel ungemütlicher werden. Was der Colonel heute getan hat, schafft die Zerwürfnisse nicht aus der Welt, sondern macht sie nur schlimmer. Wir stehen vor einer Wahl – du auch – doch bevor irgendjemand von uns aufsteht und etwas Überhastetes tut, möchte ich das Team zusammenbringen. Ihr alle seid meine Familie, also sollten wir auch wie eine Familie über diese Sache sprechen.«

Jones nickte und trat ab. Als er die Tür geschlossen hatte, lehnte sich Gunny entspannt in einem breiten Ledersessel zurück. Er dachte gründlich über alles nach. Als sie in Coos Bay angekommen waren, hatte es sich angefühlt wie Nachhausekommen. Jetzt war diese friedliche, intakte Stadt auf den Kopf gestellt worden. Er konnte sich Barones neuer Vorgehensweise nicht anschließen, wusste aber auch nicht genau, in welche Richtung er gehen wollte. Er mochte sich auf die Zunge beißen und den Kopf einziehen, aber zu schweigen, bedeutete nichts weiter als zuzustimmen. Gegenwind würde zweifellos aufkommen, doch um irgendetwas zu bewirken, bedurfte es der Unterstützung der Marines. Also stellte Smith sich die Frage, ob er sich solchen Bestrebungen andienen konnte oder sich besser gemeinsam mit seinem Team heraushielt? Wohin würden sie gehen, falls sie von hier verschwanden? Ihm fiel das Gespräch ein, das er mit Gordon in Klamath Falls geführt hatte.

»Idaho. Vielleicht ziehen wir nach Idaho.«

Eagle, Idaho

»Gordon!«, rief Eric.

Samantha drehte sich um, als sie seinen Namen hörte. Sie stand auf und starrte ihren Ehemann wie vom Donner gerührt an.

»Sam!« Er kam zügig auf sie zu.

»Oh mein Gott, Gordon!«, schluchzte sie und flog in seine Arme.

Die beiden hielten einander sehr lange. Er bedeckte sie mit Küssen und sagte immer wieder: »Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich.«

»Warum? Warum bist du nicht zurückgekommen?«

»Es tut mir so leid, Baby; es tut mir so leid, dich im Stich gelassen zu haben. Ich habe euch alle im Stich gelassen, besonders Hunter.« Er fing zu weinen an.

»Ich bin so böse auf dich, aber auch so froh, dich wieder hier zu haben.« Sam schluckte ihre Tränen hinunter.

»Wo ist Haley? Geht es ihr gut?«

»Sie hat dich sehr vermisst; sie hat eine Menge durchgemacht und braucht dich.«

Seneca, die neben Nelson kauerte, blickte auf und rief. »Hey, ihr zwei, wir müssen Nelson helfen!«

Gordon und Samantha liefen hinüber.

Nelson öffnete die Augen und fragte: »Bin ich tot?«

»Nein, Kumpel, du kommst wieder auf die Beine«, versicherte Gordon, während er seine Hand hielt. »Wir müssen ihn ins Warme bringen und behandeln!« Sie brachten Nelson und Eric rasch in den Humvee und fuhren sie zu Lucys Haus.

Vom Tod ihres Mannes zu erfahren, war ein Schock für Lucy, doch sie wahrte ihre Fassung soweit, um Nelson und Eric zu verarzten. Ihre Prognose für Eric klang gut, aber ob Nelson durchkommen würde, konnte sie nicht genau sagen. Es gelang ihr, die Kugeln aus seinem Rücken zu entfernen, doch er hatte eine Menge Blut verloren. Jetzt hieß es Abwarten und Zusehen, ob er überlebte.

Christopher, Cruz und Wilbur wollten ebenfalls helfen, mussten aber feststellen, dass sie eher im Weg standen, als behilflich zu sein. Sie verließen das Haus und stiegen wieder in den Humvee. Er bot ihnen einen vertrauten Platz, um sich zurückzuziehen, während sie darauf warteten, was auch immer als nächstes geschehen mochte.

Während sie ihre weiteren Schritte besprachen, gelang es Christopher, per Funk Verbindung mit der Kommandozentrale des Luftwaffenstützpunktes Mountain Home aufzunehmen. Prompt nahm ihm Wilbur das Gerät aus der Hand. Nach einigem Hin und Her mit einem Offizier konnte sie schließlich ihre Lage beschreiben. Offensichtlich war die Basis noch besetzt, aber in ihrem Betrieb stark eingeschränkt. Sie wollten Cheyenne über Cruz’ Position und Situation in Kenntnis setzen und zurückrufen, sobald der Kontakt hergestellt war. In der Zwischenzeit würden sie Schutztruppen zu ihren Koordinaten schicken.

Wilbur warf das Funkgerät tief zufrieden beiseite. Dass sie sich zuletzt so hoffnungsfroh gefühlt hatte, war lange her.

»Sollen wir ihnen einfach entgegenfahren?«, fragte Christopher sie.

Die Staatssekretärin gab die Frage an Cruz weiter, der auf dem Rücksitz ausruhte. »Mr. Vice President?«

»Halten wir uns bereit, bis wir wieder von Cheyenne hören. Außerdem glaube ich, wir schulden es Mr. Van Zandt, für den Fall hierzubleiben, dass wir irgendwo behilflich sein können.«

»Wenn man vom Teufel spricht«, kicherte Christopher, als Gordon die Haustür öffnete und heraustrat. Er sah die drei und nickte ihnen zu. Sein Shirt war voller Blutflecke. Er schaute auf seine Hände; auch sie waren stark rot verschmiert. Cruz stieg aus dem Wagen und kam zu Gordon.

»Mr. Van Zandt?«

»Ja?«, entgegnete er. Gerade besah er seine Kleider.

»Wir sind vorhin zu Mountain Home durchgekommen. Dort wissen sie nun Bescheid und schließen sich zwecks weiterer Anweisungen mit Cheyenne kurz.«

»Man versaut sich echt alles damit«, bemerkte Gordon, während er sich mit seiner Hose befasste.

»Was meinen Sie?«, fragte Cruz verwirrt.

»Das Blut, es gelangt überallhin, gewissermaßen wie Sand.«

»Ach so«, erwiderte der Vizepräsident. »Mr. Van Zandt, ich möchte Ihnen dafür danken, dass Sie mich so weit gebracht haben. Ich weiß, die Umstände waren nicht ideal, aber Sie haben gute Arbeit geleistet, vielen Dank.« Cruz bot ihm seine Hand an.

Gordon schaute ihm in die Augen und dann auf die Hand. Dann hielt er seine beiden hoch, an denen Blut klebte.

»Schon gut«, sagte Cruz, ohne seinen Arm zurückzuziehen.

So packte Gordon die Hand kräftig und schüttelte sie. »War mir eine Freude, Mr. Vice President.«

»Sekretärin Wilbur erzählte mir Ihre Geschichte, zumindest einen Teil davon.«

»Ich weiß nicht, ob ich das gut oder schlecht finden soll«, witzelte Gordon.

»Wie dem auch sei, wir beide haben mehr gemeinsam, als Sie glauben.«

Gordon starrte ihn nur an, weil er nicht wusste, was er dem folgen lassen sollte.

»Sie tun genauso wie ich Ihr Möglichstes, um Ihre Familie zu beschützen. Ich bin nur überzeugt davon, dass uns dies am besten gelingt, indem wir alles in unserer Macht stehende tun, um unserem Land wieder aufzuhelfen. Ich wünschte, ich könnte Sie davon überzeugen.«

Gordon betrachtete den Vizepräsidenten weiter, der nunmehr mitgenommen und abgehärmt aussah. In vielerlei Hinsicht war es eigenartig, dass das stellvertretende Oberhaupt der Vereinigten Staaten vor ihm stand und sich mit ihm unterhielt. Er öffnete den Mund, um etwas zu entgegnen, wusste aber nicht, was er Konstruktives sagen sollte, und jetzt war der falsche Zeitpunkt, um eine Diskussion vom Zaun zu brechen.

Cruz wartete auf noch auf eine Antwort, sah aber schließlich ein, dass er keine erhalten würde. »Lassen Sie mich wissen, wenn wir Ihnen in irgendeiner Weise helfen können, in Ordnung?«, endigte Cruz und wandte sich ab, um zum Wagen zurückzukehren und auf die Ankunft der Truppen zu warten.

»Mr. Vice President«, rief Gordon ihm nach.

Cruz hielt inne und drehte sich um.

»Es gibt etwas, das Sie für mich tun können.«

Cruz kam wieder zu ihm. »Worum geht es?«

Gordon zögerte.

»Sagen Sie schon.«

»Wenn Sie in Cheyenne sind, können Sie von dort aus für mich in Coos Bay anrufen?«

»Natürlich, das ist nicht zu viel verlangt. Wen meinen Sie?«

»Ihr Name lautet Brittany McCallister. Ich weiß nicht, wo sie wohnt, aber Gunnery Sergeant Smith vom STA-Platoon, zweites Bataillon, Fourth Marines wird wissen, wo Sie sie finden, falls Sie es nicht allein schaffen. Sagen Sie ihr, dass ich es bis nach Hause geschafft habe.«

»Mehr nicht?«

»Nein, das ist alles, sagen Sie ihr das.«

»Sicher doch«, versprach Cruz und drehte sich abermals um.

Gordon schaute zu, wie er zurück zum Humvee ging. Dann betrachtete er einmal mehr seine blutbesudelten Hände. Dies erinnerte ihn an jenen Tag in Falludscha, nachdem er von Splittern getroffen worden war. Er wusste noch, wie er auf seine roten Hände geschaut und sich gefragt hatte, ob er lebendig hinauskommen würde.

»Daddy, Daddy!«, quiekte Haley hinter ihm.

Ihre liebliche Stimme zerstob seine finsteren Gedanken. Er kehrte sich seinem geliebten Töchterchen zu.

»Daddy!«, schrie sie und lief auf ihn zu. Als er sie sah, wurde er erneut von Tränen überwältigt. Er spürte, wie seine Knie weich wurden, ließ sich darauf fallen und nahm sie in seine Arme. »Kleiner Schatz, komm zu mir!«

Sie rannte geradewegs in seine Arme und herzte ihn. Gordon konnte seine Emotionen nicht mehr kontrollieren und fing laut zu weinen an. »Oh Schatz, du hast mir so sehr gefehlt«, flüsterte er, während er ihr Küsse ins Gesicht und auf den Kopf gab.

»Daddy, ich hab dich ganz doll vermisst!«

»Ich dich auch, Liebes.«

»Warum bist du nicht früher zurückgekommen? Ich habe dich gebraucht!« Sie legte ihm ihre zierlichen Hände an die Wangen.

»Tut mir leid, Süße, aber Daddy hatte etwas zu erledigen«, entschuldigte er mit sanfter Stimme, während seine Tränen flossen. Sie fuhr über die werdende Narbe in seinem Gesicht und fragte: »Was ist da passiert, Daddy?«

»Ach, ich wurde geschnitten, das ist alles.«

Die Erwähnung der Wunde holte die schmerzhafte Erinnerung an Hunter zurück. Er zog sie wieder an sich und weinte weiter. Die Tür ging auf, und Samantha platzte in die rührselige Szene hinein. Sie ging noch einen Schritt, hielt sich aber dann zurück. Gern wäre sie zu den beiden gegangen, doch sie wusste, dass Gordon und Haley diesen Augenblick für sich allein brauchten. Auch ihr kamen die Tränen, während sie zuschaute, wie die zwei einander festhielten.

»Daddy, wie ist Hunter gestorben?«

Die Frage erschütterte ihn, war aber gerechtfertigt und verlangte nach einer Antwort. Samantha hörte sie ebenfalls und nutzte diesen unbequemen Moment, um sich bemerkbar zu machen. »Haley, Schatz, es ist kalt, und du trägst keine Jacke.«

»Nein, Sam, lass mich ihr ruhig antworten.«

»Wirklich?«

»Bitte, sie hat ein Recht darauf«, beharrte Gordon.

»Das Thema ist unangemessen für sie«; mahnte Samantha.

Er ging nicht auf sie ein, sondern schaute seine Tochter an und sprach: »Haley, Liebes, dein großer Bruder starb tapfer. Er war sehr stark.«

»Ich denke jeden Tag an ihn«, jammerte die Kleine und bekam feuchte Augen wie er.

»Ich auch«, entgegnete Gordon und drückte sie abermals. Zugleich streckte er einen Arm aus und umschloss eine von Sams Händen. Zunächst zuckte sie davor zurück. Als er es wieder versuchte, ließ sie es geschehen und kniete nieder.

Er schaute ihr in die Augen und sagte: »Ich liebe dich, Samantha; ich liebe dich so sehr. Ich kann das Leid, das ich dir zugefügt habe, nie wiedergutmachen.«

Sie streichelte seine Wange, wobei seine warmen Tränen zwischen ihren Fingern hindurchliefen. »Ich liebe dich auch, Gordon.«

Cheyenne, Wyoming

Dylan rannte unangekündigt in Conners Büro.

»Mr. President, gute Neuigkeiten!«

»Das hoffe ich, so wie Sie hier hereinstürmen.«

»Vice President Cruz lebt und ist unverletzt. Er befindet sich in Boise, Idaho.«

»Boise?«

»Ich kenne die Zusammenhänge nicht, habe aber gerade mit dem Gouverneur von Idaho telefoniert, der mir sagte, er schicke Truppen an seinen Aufenthaltsort.«

Conner ließ ihn nicht weitersprechen. »Mir sind die Details egal, lassen Sie ein paar Hubschrauber losfliegen, um die beiden herzuholen. Tun Sie es sofort!«

»Ich dachte mir schon, dass Sie das sagen würden, und beauftragte Baxter damit. Die Hubschrauber sind unterwegs, Sir!« Dylan rief diese Worte aus und verließ den Raum dann so schlagartig, wie er ihn betreten hatte.

Conner drehte sich in seinem Sessel um und stand auf. Er ballte eine Faust und reckte sie. »Ja!«

Es waren wirklich sehr gute Neuigkeiten. Cruz wieder mit an Bord zu haben, würde die Moral deutlich anheben. Er vermisste seinen alten Freund und sah der Zukunft freudig entgegen. Gemeinsam, das wusste er, konnten sie von Cheyenne aus ganz neu anfangen.

Ihre größte Hürde dabei war das panamerikanische Imperium, doch mit Barone in den Startlöchern und zusätzlichen Bodenelementen in der Nähe sollten sie in der Lage sein, Pablo und seinem Söldnerheer die Stirn zu bieten. Heute indes war keine angemessene Gelegenheit, um über diese Herausforderungen nachzudenken; heute war ein Tag zum Feiern, und nichts weniger stand in seiner Absicht. So sprang er auf, schnappte sich sein Jackett und ging zur Tür hinaus.

Er stieß auf Dylan, der gerade eine Telefonnummer wählte, unterbrach ihn und sagte: »Wenn Sie diesen Anruf getätigt haben, sehen wir uns unten. Lassen Sie uns feiern; ich hörte, Pat macht einen verdammt guten Irish Coffee!«

Dylan antwortete begeistert mit breitem Grinsen: »Ich bin gleich unten, Sir!«

Conner betrat den Flur und boxte noch einmal voller Freude senkrecht in die Luft. Nach Woche um Woche voller schlechter Nachrichten war dies endlich ein Lichtblick. Nach Cheyenne zu gehen, hatte sich soweit als mutiger, aber richtiger Schritt erwiesen, jetzt stand ihm sein Freund und Kollege wieder zur Seite. Er war nicht so übermütig, um zu glauben, dass jetzt alles gut werden würde, beschloss aber, den kurzen Aufschub zu genießen, den er heute erhielt.

Eagle, Idaho

»Was zur Hölle ist hier passiert?«, fragte Sebastian erschrocken, als er vor dem Tor von Eagle’s Nest vorfuhr.

»Ich glaube, wir sollten draußen bleiben«, sagte Annaliese zögerlich.

»Das letzte Schild, auf dem Gordons Name stand, verwies genau an diesen Ort. Ich muss ihn mir genauer ansehen. Rutsch rüber und übernimm das Steuer«, bat Sebastian, nachdem er ausgestiegen war.

Überall lagen Tote.

Er besah sie alle einzeln, um sich zu vergewissern, dass sich weder Gordon noch sonst jemand, den er kannte, unter ihnen befand. Dann zog er mehrere aus dem Weg, damit Annaliese hereinfahren konnte, ohne die Leichen zu überrollen. Sobald sie wieder zum Stehen kam, stieg Sebastian schnell wieder ein. »Fahren wir herum.«

Die Siedlung wirkte verlassen, doch dann entdeckten sie eine kleine Gruppe von Personen, die gebeugt rings um einen Humvee standen.

»Dort drüben, das sieht aufschlussreich aus«, bemerkte er, während sie sich Lucys Haus näherten.

Alle, die an dem Wagen standen, schauten erwartungsvoll drein, als der Ford zu ihnen einlenkte. Da Gordon nicht wusste, wer es war, machte er sich auf alles gefasst. Sie rechneten nicht mit weiteren von Trumans Handlangern, aber möglich war alles. Sicherheitshalber hielt er seine Waffe griffbereit.

Sebastian sah seine Frau an und sagte: »Bleib hier und lass den Motor an.«

Gordon packte seine Pistole fester, als er beobachtete, wie die Beifahrertür aufging. Auch Wilbur hatte ihre Waffe im Anschlag.

Als der Beifahrer ausstieg, traute Gordon seinen Augen nicht: Direkt vor ihm stand sein Bruder.

»Sebastian?«, fragte er erleichtert. Seine Augen leuchteten auf.

Sebastian kniff die Augen zusammen, bis er seinen Bruder erkannte. »Gordon!«

»Das kann nicht sein!«, rief dieser.

Cruz blickte verwundert drein angesichts dieser, wie es ihm vorkam, endlosen Folge von Wiederbegegnungen.

Sebastian lief los und nahm seinen Bruder in die Arme.

»Was tust du hier?«, fragte Gordon.

»Ich fuhr Richtung McCall, als ich die Schilder sah.«

»Ich genauso! Ich sah Schilder mit meinem Namen darauf.«

»Was meinst du damit?« Die letzte Bemerkung machte Sebastian stutzig.

»Ich bin nur kurz vor dir hier angekommen.«

»Das verstehe ich nicht.« Sebastian schaute ihn schief an.

»Ist eine lange Geschichte, aber wir haben eine Menge Zeit zum Erzählen.«

Annaliese öffnete ihre Tür und stieg ebenfalls aus.

»Wer ist das?«, fragte Gordon.

Sie kam auf ihn zu, und Sebastian sagte, kurz bevor sie ihn umarmte: »Gordon, das ist Annaliese, meine Frau. Annaliese, mein Bruder Gordon.«

»Frau?«

»Du bist nicht der einzige mit einer langen Geschichte«, scherzte Sebastian.

»Onkel Sebastian!«, quietschte Haley, die ihn vom Haus aus sah. Sie kam gelaufen und stürzte sich in seine Arme.

Sebastian hielt sie fest und drückte sie. Er wollte sie nicht mehr loslassen. Wie er sie so umarmte, wurde ihm bewusst, wie schmerzlich er sie und ihren Bruder vermisst hatte. »Wo ist Hunter?«, fragte er mit Blick auf das Haus, aus dem Haley gekommen war. Gordon schaute nach unten und brachte es nicht so recht über die Lippen.

Diesen Zwang tat sich das Kind nicht an. »Hunter ist tot«, sagte es.

Sebastians Freude war wie weggewischt . »Was? Wie ist das passiert? Oh Gott, Gordon. Das tut mir so leid, Bruder.«

Gordon antwortete nicht sofort. Dann brachte er mit leicht zittriger Stimme hervor: »Reden wir später darüber.«

»Natürlich.«

Sie alle hatten einander viel mitzuteilen.

***

Den Rest des Tages verbrachten sie damit, die Leichen von Trumans Gruppe aus dem Weg zu räumen und jene aus ihren eigenen Reihen für eine Bestattung herzurichten. Weil die Erde gefroren war, hatte Gordon angewiesen, die Fremden zu verbrennen. Mack, Scott und Frank wurden provisorisch beerdigt. Die zahllosen Granitfelsen in der umliegenden Gegend eigneten sich dazu, ihre Leichname bis zum Frühjahr zu bedecken.

Die Einheiten aus Mountain Home waren in weniger als einer Stunde eingetroffen und nahmen Wilbur, Cruz sowie Christopher mit. Gordon verabschiedete sich vom Vizepräsidenten und erinnerte ihn noch einmal daran, seine Nachricht zu übermitteln.

Nun da sie den Abend für sich allein hatten, kamen Gordon, Samantha und Haley mit Sebastian, Annaliese und Luke zum Essen und Trinken in Sams Haus zusammen. Dutzende Kerzen tränkten das dunkle Esszimmer in gelbes Licht. Gordon stand vom Kopfende des Tischs auf und hob sein Glas Wein. »Ich möchte einen Toast aussprechen.«

Die anderen taten es ihm gleich, nahmen ihre Gläser und warteten darauf, dass er fortfuhr. »Auf alle unsere Lieben hier und jene, die nie wieder mit uns bei Tisch sitzen können.«

Nach diesem Satz schwiegen sie. Jeder von ihnen dachte an die Angehörigen, die er verloren hatte.

Bei Gordon, Samantha, Haley und Sebastian war dies Hunter. In Annalieses Fall waren es Vater und Mutter. Luke dachte an seine Eltern und sogar an Brandon.

Gordon blieb stehen und schaute geruhsam in alle Gesichter, bevor er sich setzte. Als er Samantha ansah, zwinkerte er lächelnd. Sie erwiderte beides und hauchte ihm einen Kuss zu. Es gab viel zu diskutieren, aber nicht jetzt. An diesem Abend feierten sie, weil sie einander wiedergefunden hatten.

***

»Ich kann nicht glauben, dass du verheiratet bist«, bemerkte Gordon und nippte an seinem Wein.

»Manchmal glaube ich es auch nicht so recht«, erwiderte Sebastian.

»Sei’s drum, sie scheint eine gute Frau zu sein, und ich schätze, Mom und Dad wären stolz auf dich.«

»Ich denke nicht allzu oft an unsere Eltern. Traurig, nicht wahr? Ist irgendetwas mit mir falsch gelaufen?«, fragte Sebastian.

»Überhaupt nicht, Bruder, das ist buchstäblich eine Ewigkeit her. Ich vermisse sie schon, weiß aber auch, dass Mom nicht gerne so leben würde, und Dad wäre …«

»Ein Nervenbündel«, unterbrach Sebastian.

»Genau, das wäre er ganz bestimmt«, lachte Gordon.

»Jetzt sag, was ist passiert?«

»Womit?«, fragte Gordon, obwohl er ahnte, worauf sein Bruder hinauswollte.

»Mit Hunter.«

»Ich habe einen schweren Fehler begangen, schlicht und ergreifend«, erwiderte Gordon betrübt.

»Ich gehe doch davon aus, dass es nicht ganz so einfach ist«, versetzte Sebastian.

»Doch. Wie mir jemand sagte, habe ich eine Wahl getroffen, und diese Wahl erwies sich als falsch. Hunter und andere sind deshalb ums Leben gekommen.«

»Ich kann nicht oft genug sagen, wie leid mir dieser Verlust für dich tut.«

Gordon starrte nur in die glühenden Kohlen im Kamin. Erinnerungen an Hunter blitzten in seinem Kopf auf.

»Wo bist du überall herumgekommen?«, fuhr Sebastian fort.

»Frag lieber, wo ich nicht gewesen bin. Übrigens lief ich deiner ehemaligen Einheit in Oregon über den Weg.« Damit versuchte Gordon eindeutig, ein anderes Thema zur Sprache zu bringen.

»Ohne Scheiß?«

»Ja, ich hatte sozusagen einen Streit in Oregon, und rate mal, wer wie aus dem Nichts aufgekreuzt ist? Gunny Smith!«

»Im Ernst? Das ist irre!«

Gordon und Sebastian lachten ob der Ironie jener Begegnung in sich hinein.

»Er erzählte mir, wie es dir ergangen ist. Sie hatten dich als vermutlich tot abgeschrieben, aber ich wusste in meinem Herzen, dass das nicht sein konnte; ich weigerte mich, es zu glauben. Ich dachte über das nach, was du getan hast, und muss sagen: Du bist tapferer als ich«, gestand Gordon. »Ich persönlich wäre vermutlich nicht aus der Reihe getanzt.

»Das liegt daran, dass du dein Land schon vor langer Zeit aufgegeben hast«, entgegnete Sebastian.

»Tja, wie ich es schon hundertmal sagte: Mein Land hat mich aufgegeben. Mach dir nichts vor, Sebastian, diese Bastarde kümmern sich jetzt nur um sich selbst, während der Rest von uns jeden Tag ums Überleben kämpft.«

»Ich wäre an deiner Stelle nicht so zynisch. Meiner Ansicht nach sind die meisten Menschen, die dieses Land in den Dreck gefahren haben, jetzt tot. Ich habe mit dem Vizepräsidenten gesprochen, und der wirkte eigentlich recht anständig auf mich.«

»Natürlich tat er das, er ist ein Politiker«, hielt Gordon dagegen.

»Schätze, ich kann dich nicht davon überzeugen, dass unser Land mehr bedeutet als die Politiker, die es führen. Du hast einmal geglaubt, wir selbst würden unser Land durch unsere Glaubensvorstellungen und Werte definieren.«

»Tja, ich war ein Trottel, das zu glauben, und sieh nur, was es mir gebracht hat – beinahe den Tod.«

»Du warst kein Trottel. Du hast mich dazu inspiriert, etwas in Angriff zu nehmen, das größer ist als ich selbst. Sogar Mom und Dad waren stolz.«

»Können wir über etwas Anderes sprechen?«, bat Gordon.

»Ich hau mich aufs Ohr«, sagte Sebastian und erhob sich.

»Hey, lauf nicht weg«, lenkte Gordon ein, »nur weil ich mich wie ein Arschloch verhalte. Bitte bleib, es ist so lange her, dass wir einfach nur … gequatscht haben.«

»Dazu kommen wir wieder, versprochen. Ich werde nirgendwohin verschwinden. Ich bin müde, und es ist … Scheiße, es ist fast drei Uhr.«

Gordon nahm einen kräftigten Schluck Wein und stellte das Glas neben sich ab. Er schaute zu Sebastian auf, lächelte und sprach: »Gute Nacht, Bruder. Es tut richtig gut, die Familie wieder zusammenzuhaben.«

»Das tut es«, stimmte Sebastian zu und ging ins Haus

Gordon lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und schaute an den funkelnden Sternenhimmel. Die Unendlichkeit des Raumes hatte ihn von jeher gleichzeitig fasziniert und verstört. Was ihn daran so bezauberte, war die Vorstellung, wie viel dort draußen existieren mochte, all die unterschiedlichen Welten und befremdlichen Orte; was ihn ängstigte, war die Beschaffenheit des Universums: chaotisch und unsicher. Er entsann sich, Fernsehsendungen über das Sonnensystem geschaut zu haben. Alle Astronomen wiesen darauf hin, wie perfekt die Erde platziert sei; sie halte innerhalb des Sonnensystems eine paradiesische Position inne. Es war weder zu heiß noch zu kalt, und ihre Bahn stellte sich als genau die richtige heraus, um für so ausgeglichene Temperaturen zu sorgen. Dieser vollkommene Platz im Sonnensystem machte sie zu einer Welt, auf der Leben möglich war – eine Welt, die der Hort Tausender unterschiedlicher Spezies war, alle einzigartig an diesem spezifischen Ort, zu dieser spezifischen Zeit. Gordon musste seine Familie und sich zu ihrem ureigenen Paradies führen. Er stellte sich McCall als solchen Ort auf dieser Wert vor. Dort lebten nicht allzu viele andere Menschen, dort waren die natürlichen Ressourcen unerschöpflich – dort stimmte einfach alles. Ferner wusste er, dass sein sicherer Hafen mehr als nur ein geografischer Ort war; er drückte sich auch in denjenigen aus, die er Freunde und Verwandte nannte.

Wenn der Tau im Frühling einsetzte, würde er sich mit Samantha, Haley, Sebastian, Annaliese, Eric, Melissa, Beth, Nelson, Seneca, Gretchen und Luke auf den Weg zu ihrem Zufluchtsort machen, um ein neues Leben zu beginnen. Sie würden mit den Lektionen dort ankommen, die sie in der Vergangenheit gelernt hatten. Gordon betete darum, dass ihnen diese Lektionen dabei halfen, eine sicherere, hoffnungsvolle Zukunft aufzubauen.