27. Februar 2015

Schau niemals zurück, es sei denn, das ist der Weg, den du einschlagen willst.

Henry David Thoreau

Cheyenne, Wyoming

Conner stieg vor Pats Coffee Shop aus dem Humvee. Nachdem er erfahren hatte, dass das Café auf der Straße zum Kapitol offengeblieben war, während der Besitzer maßgeblich dazu beigetragen hatte, die Ordnung aufrechtzuerhalten, war er erpicht darauf, ihm einen Besuch abzustatten.

Pat’s galt seit fast 20 Jahren als einer der Treffpunkte schlechthin in Wyoming. Pat Coldwell, ein ehemaliger Pilot der Air Force, hatte das Etablissement während der Pionierzeit von Starbucks eröffnet. Er war in den 1990ern als Sicherheitsbeamter auf dem Stützpunkt Francis E. Warren stationiert gewesen, um die Raketensilos zu bewachen, und am Ende seiner Dienstzeit in Cheyenne geblieben. Er liebte die Menschen, das Land und – was am wichtigsten war – die Stadt selbst. Sie war seine neue Heimat geworden. Ursprünglich stammte er aus Seattle, doch dorthin zurückzukehren, hatte er kategorisch ausgeschlossen. Er war mit dem Konzept eines Edelcafés nach Cheyenne gekommen und erfolgreich geworden. Nach dem Zusammenbruch hatte er beschlossen, es nicht zu schließen. Selbst während der anfänglichen Panikwellen war er nicht bereit gewesen nachzugeben. Als immer mehr Randalierer in die Innenstadt vorgestoßen waren, hatte er sich mit den Betreibern einiger anderer Geschäfte zusammengetan und sie mithilfe der Stadtverwaltung bezwungen. Sein Durchhaltevermögen machte sich bezahlt; Cheyenne war wieder im Aufstieg begriffen, und er wurde als Lokalheld gefeiert.

Conner betrat das Café und wurde mit lautem Jubel vom Personal hinter der Theke begrüßt. Der Strom für die Beleuchtung wurde von Generatoren erzeugt, die wiederum von einem auf dem Dach des Gebäudes montierten Windrad am Laufen gehalten wurden.

»Guten Morgen! Ich habe gehört, hier bekomme ich den besten Kaffee der Stadt«, rief Conner.

Auch Pat stand hinter der Theke und goss gerade Wasser in einen kleinen Espresso-Kocher aus Edelstahl. Als er aufschaute, sah er den Präsidenten, gefolgt von einer langen Reihe bewaffneter Männer. Er war diesem Mann noch nie begegnet, doch sein Gefolge deutete darauf hin, dass es sich um eine wichtige Persönlichkeit handelte.

»Dann haben Sie richtig gehört, Sir. Was darf ich Ihnen anbieten?« Pat wischte sich die Hände ab und trat näher an die Theke.

»Einfach nur einen Becher, groß«, antwortete Conner.

»Haben Sie Ihren eigenen dabei?«, fragte Pat.

»Ach nein, leider nicht.«

»Mir gehen die Pappbecher allmählich aus, also kostet Sie das einen Aufpreis.« Der Mann hielt einen weißen mit Plastikdeckel hoch.

»Kein Problem«, versicherte Conner.

Pat kippte heißes Wasser aus einem Kessel, der auf einem Campingkocher gestanden hatte, in eine Stempelkanne, und stellte diese beiseite. »Wird einen Moment dauern.«

»Schon gut. Pat, darf ich mich kurz mit Ihnen unterhalten?«, bat der Präsident.

Der Betreiber sah sich um und entgegnete. »Natürlich, hab ja keine Eile.«

Da streckte Conner eine Hand über den Tresen aus und stellte sich vor: »Mein Name ist Brad Conner. Ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten.«

Pat sah schockiert aus, nahm Conners Hand aber entgegen und schüttelte sie kräftig. »Na, wenn das keine Überraschung ist. Freut mich, Ihnen zu begegnen, Sir.«

»Ich bin hergekommen, weil ich von Ihren Taten hörte und Ihnen persönlich dafür danken will. Sie gehen anderen Amerikanern mit gutem Beispiel voran.« Conner schaute sich kurz um, bevor er sich ihm wieder zuwandte und zu Ende sprach: »Dieses Café weiterhin zu öffnen, bedeutet eine Menge; es ist ein Symbol der Hoffnung.«

Pat konnte nicht fassen, dass der Präsident vor ihm stand, und umso weniger, dass er ihm für etwas dankte, das seiner Meinung nach jeder hätte tun sollen. »Sir, es kam mir einfach richtig vor, das war alles.«

»Wie dem auch sei, wir brauchen mehr Bürger wie Sie. Vor uns liegt ein steiniger Weg, doch mit Menschen von Ihrem Schlag können wir ihn zurücklegen.«

Pat errötete vor so viel Lob. Nervös drehte er sich um und sagte: »Ihr Kaffee ist fertig.« Nachdem er den Stempel hinuntergedrückt hatte, schenkte er ein. »Schuss Sahne gefällig?«

»Oh, Sie haben Sahne?«, fragte Conner verwundert.

»Ach nein, tut mir leid, keine echte, sondern noch etwas Pulver, dort drüben.« Er zeigte auf einen kleinen Tisch vor einer Wand und reichte Conner den Becher.

»Danke. Was schulde ich Ihnen?«

»Geht aufs Haus, Sir.«

»Nein, Sie haben ihn gekocht, und er besitzt einen Wert. Ich bestehe darauf, ihn zu bezahlen.»

»Na ja, das läuft jetzt ein wenig anders; ich kann ein Ei nehmen, einen Schokoriegel, etwas Ähnliches im Austausch.«

Da fiel Conner ein, dass er sowieso keine Brieftasche mehr hatte, aber natürlich genauso wenig gerade ein Ei oder Schokolade bei sich trug. »Entschuldigen Sie, aber ich bin gekommen, ohne etwas in der Tasche zu haben, mit dem ich zahlen könnte.« Er drehte sich zu einem seiner Leibwächter um, der jedoch mit den Schultern zuckte. Bargeld war nichts mehr wert.

»Nicht schlimm, Sir. Wie ich gleich sagte: Er geht aufs Haus.«

»Pat, ich schicke einen meiner Männer zurück, um Sie zu entlohnen. Ich stehe zu meinen Worten und werde für den Kaffee zahlen. Nochmals danke; Sie endlich zu treffen, war mir ein Vergnügen.« Pat nickte zur Antwort, immer noch verdattert wegen dieser Begegnung.

Der Präsident ging zur Tür zurück. Auf dem Weg nippte er einmal und drehte sich nach hinten um: »Ihr Kaffee schmeckt verdammt gut.« Da strahlte Pat.

Conner stieg in den Geländewagen. Dylan, der hinten saß, führte gerade ein Gespräch per Satellitentelefon zu Ende.

»Zum Büro«, befahl Conner.

Gerade als sich das Fahrzeug in Bewegung setzte, strömte eine Traube von Menschen an seine Seite.

»Mr. President, vielen Dank, vielen Dank!«, riefen sie.

»Warten Sie einen Moment! Stopp!«, verlangte er.

Seine Sicherheitsmänner stiegen aus dem Wagen hinter ihm aus und kamen mit gezogenen Waffen auf die Zivilisten zu. Conner verließ den Humvee erneut und wies sie zurecht: »Halt, hören Sie auf!«

Vor ihm standen zwei Männer und eine Frau mit einem Kleinkind. Sie alle sahen mitgenommen und müde aus. Die Frau streckte einen Arm aus und fasste ihn an. »Mr. President, vielen Dank dafür, dass Sie nach Cheyenne gekommen sind. Sie hier zu haben, stimmt uns zuversichtlich!« Die zwei Männer drückten sich ähnlich aus. Conners Männer zogen sich zurück, woraufhin die Gruppe wieder vortrat.

»Wie lautet Ihr Name?«, fragte er die Frau.

»Ich heiße Belinda.«

»Und du, Kleines?«

»Faith«, gab das Mädchen an. Die blonden Locken hingen ihr in die Augen.

»Was für ein schöner Name für ein so schönes Kind«, sagte Conner und berührte ihre Hand. Langsam kamen auch andere Personen auf der Straße hinzu. Bald stand er einer Gruppe von über 20 Personen gegenüber und witterte eine Gelegenheit. »Bürger von Cheyenne, ich bin gekommen, um zu bleiben«, proklamierte er. »Ihr Land ist besteht immer noch, und Ihre Regierung ist auch weiterhin für Sie da. Wir werden mit dem Wiederaufbau unserer Nation beginnen – einen Stein auf den anderen setzen – und alles wird von Ihrer großartigen Stadt ausgehen. Vielen Dank dafür, dass Sie in diesen harten Zeiten stark sind!«

Die Menge johlte.

Er schloss seine Rede ab, indem er sagte: »Bitte bleiben Sie so stark. Ich möchte, dass jeder einzelne von Ihnen das tut. Wir sitzen alle im selben Boot. Danke sehr!« Daraufhin schüttelte er ein paar Hände und stieg wieder in den Geländewagen.

»Klasse gemacht, Sir«, lobte Dylan, der über beide Ohren grinste. »Das war der Brad Conner, an den ich mich aus dem Kongress erinnere.«

»Das tat richtig gut. Wissen Sie, Dylan, dies war in vielerlei Hinsicht ein geschickter Schachzug.« Er winkte freudestrahlend aus dem Fenster. »Oh, und stellen Sie mir Verpflegungspakete zusammen, auch Milch oder Sahne. Die brauche ich für morgen. Jetzt muss ich aber einen Anruf tätigen.«

Coos Bay, Oregon

»Gestern Abend haben wir noch ein Ratsmitglied verloren«, berichtete Roger Timms Simpson.

»Das wird der Colonel ungern hören.«

»Ich weiß nicht, was ich sonst sagen soll – das lässt sich unmöglich beschönigen. Die Bürgermeisterin hat es geschafft, diese Menschen davon zu überzeugen, es sei das Richtige, Sie zum Abrücken zu zwingen.«

Simpson schaute auf seine Uhr. »Verzeihung, dass ich Sie warten lasse, aber er führt noch ein wichtiges Telefongespräch.«

»Ein Telefongespräch?« Roger schaute überrascht drein, als er dieses einst alltägliche Wort hörte. Ihm kam es vor, als habe er zuletzt vor einer Ewigkeit telefoniert.

»Ja, er ist unten in der Operationszentrale.«

»Mit wem redet er?«, fragte Roger neugierig.

Simpson legte seine entgegenkommende Art ab und entgegnete kurz angebunden: »Das braucht Sie nicht zu bekümmern.«

»Entschuldigung«, murrte Roger kleinlaut und fühlte sich wie ein Hund, der gerade getreten worden war.

Plötzlich flog die Tür auf, und Barone rauschte schwungvoll herein.

»Tut mir leid, ich bin spät dran, aber das musste erledigt werden«, begann er, während er zu den beiden kam, und sich gegenüber Roger hinsetzte.

»Wir stehen vor einem erheblichen Problem.«

»Himmel, bekomme ich denn nie eine Pause?«, blaffte der Colonel.

»Die Bürgermeisterin hat ein weiteres Ratsmitglied umgepolt.«

»Wie soll ich mit ihr verfahren?«, fragte Barone ganz direkt. »Sie weigert sich, mit mir zu sprechen; angeblich brächte das nichts.«

»Zudem ist noch etwas passiert, von dem ich hoffte, es werde nicht eintreten.«

»Und zwar?«

»Sie wendet sich im Rahmen der gemeinsamen Versammlung im Rathaus heute Nachmittag an die Öffentlichkeit. Das Volk soll alles erfahren, damit es ihr seine Unterstützung gibt.«

Barone schaute Simpson mit einem abfälligen Ausdruck an. »Politiker, was für ein Gesocks!«, polterte er. »Die lassen aber auch nichts aus!«

Roger rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum.

»Danke für die Information, Mr. Timms. Wir sehen uns später bei der Versammlung.«

Roger schaute den Colonel stutzig an, weil ihre Unterhaltung so abrupt endete. »Ja, bis dahin, danke.« Er stand auf und ging hinaus.

Barone wandte sich an Simpson und fragte: »Wo sollen wir ansetzen?«

»Was wollen Sie gegen die Bürgermeisterin unternehmen?«

»Sie ist das kleinste Problem, mit dem ich mich gerade herumschlage. Gerade hat Präsident Conner angerufen und mir einen Handel vorgeschlagen.«

Simpson riss aufgeregt die Augen auf. »Einen Handel?«

»Ich musste lachen; ich dachte, Cruz sei der Präsident. Das ist ein einziges Durcheinander; die haben sich in diesem Berg verschanzt. Anscheinend ist Cruz Präsident und Vize zugleich. Mich verwirrt diese Sache zutiefst, aber sei es drum: Conner verpflichtet sich zu einem Vertrag mit uns, wenn wir Cruz und seine Angehörigen freilassen. Dieser Vertrag sichert uns eine festgesetzte Region zu, die wir die Pazifischen Staaten nennen dürfen.«

»Das ist alles?«, fragte Simpson weiter.

»Nein, es gibt noch mehr. Er strebt einen Schulterschluss mit uns an. Wir erhalten die Erlaubnis, hier draußen ein Land zu etablieren. Er schwört, uns frei walten zu lassen; was er dafür verlangt, sind Cruz und ein Bündnis, um diese Wilden aus dem Süden zu bekämpfen.«

»Hm, interessant«, sann Simpson.

»Definitiv interessant. Ich muss gestehen, ich glaube, ich bin bereit dazu. Wir müssen uns nur noch auf ein Gebiet festlegen, das wir als neue Heimat haben möchten. Dann gilt es, gemeinsam mit ihnen einen Plan gegen das panamerikanische Imperium auszuarbeiten.«

»Panamerikanisches Imperium? Was um alles in der Welt ist das? Spielen wir jetzt irgendein mittelalterliches Rollenspiel?«

»Erinnern Sie sich noch an jenes Kartell, das wir in San Diego beschossen haben? Es ist genau diese Gruppe, allerdings mit Verstärkung durch die Venezolaner.« Simpson nickte, während Barone fortfuhr. »Alles hängt miteinander zusammen: die Infanterie Venezuelas, die beflaggten Schiffe, die die USS Topeka neulich versenkte, alles ein und dasselbe.«

»Jetzt brauchen Sie sich nicht mehr über White aufzuregen«, bemerkte Simpson scherzhaft.

Captain White und die Besatzung der USS Topeka waren mit dem U-Boot entlang der Küste von Oregon und Kalifornien auf Patrouille gewesen. Barone wusste zu schätzen, dass er ihn und ein Kriegs-U-Boot zur Verfügung hatte. Seit ihrer Begegnung mitten im Pazifik vor Wochen war seine Einheit wiederholt ausschlaggebend gewesen, erst gegen die USS Denver und jetzt gegen die venezolanischen Schiffe.

»Seine Vermutungen haben sich als berechtigt herausgestellt. Das müssen die amphibischen Einheiten dieser selbsternannten Konquistadoren gewesen sein.«

»Soll ich den Stab einberufen?«, bot Simpson an.

»Ja, aber es gibt noch etwas, das ich wirklich besorgniserregend finde und mit Ihnen besprechen möchte. Conner erzählte mir, fünf weitere Atombomben seien gezündet worden.«

»Oh Gott, wo?«

»Er braucht unsere Hilfe, weil fünf der wesentlichen Bunkerkomplexe zerstört wurden.«

»Sir, glauben Sie, dahinter stecken die Venezolaner oder dieses Kartell ebenfalls?«

»Könnte sein. Die Signatur der Bombe, die vor Denver detonierte, konnte ermittelt werden. Es handelte sich um ein russisches Modell.«

»Also steckt Russland mit drin?«

»Das denke ich nicht; auch die Russen sind von diesem ganzen Elend nicht unbescholten geblieben, also gehe ich davon aus, dass sie hiermit nichts zu tun haben. Ihre Regierung ist laut den Australiern zu zerrüttet. Ich vermute, wer auch immer es war, hat sich die Bomben von Russland besorgt.«

»Falls Venezuela das abgezogen hat: Hut ab vor einem solchen Unterfangen. Wie konnten sie es unter Verschluss halten?«, fragte Simpson ehrfürchtig. »Ich meine, da mussten doch eine Menge unterschiedlicher Strippenzieher involviert gewesen sein, Schurkenstaaten, Terrororganisationen. Stellen Sie sich vor, so einen Plan zu entwerfen … unglaublich!« Wenngleich er das Ergebnis katastrophal fand, zollte er der Umsetzung Respekt.

»Ist es in der Tat – und umso mehr, dass wir bald wieder in der Gunst der Vereinigten Staaten stehen. Schon seltsam, wie sich der Kreis zuweilen schließt.«

Simpson nickte und stand vom Tisch auf. »Sir, falls das alles ist, gehe ich jetzt und trommle den Stab zu einer außerordentlichen Sitzung zusammen.«

»Tun Sie das. Halten wir sie um 14:30 Uhr hier.«

»Roger.«

»Fast hätte ich es vergessen: Ich weiß, Sie haben das auf dem Schirm, aber wie geht der Rückruf unserer Truppen voran?«

»Gut. Ich werde mich freuen, alle meine Männer zurück zu haben.« Simpson nickte und verschwand.

Barone fühlte sich zufrieden wie lange nicht mehr. Er hatte sich weit aus dem Fenster gelehnt mit seiner Meuterei, und jetzt bekam er die Möglichkeit, einen eigenen Staat zu gründen. Hoffentlich war Conner auch ein Mann, der zu seinem Wort stand.

Sacramento, Kalifornien

»Ich habe Sie nicht herbestellt, damit Sie sich beschweren! Sie sind hier, um mir zu sagen, was wir tun sollen, und nicht, um mir einzureden, dass wir nichts tun können!« Pablos Schimpftirade, die sich an seine Kommandanten richtete, hallte von den Wänden des Senatssaals wider.

Die schlechten Neuigkeiten hinsichtlich seiner Armee und Mission rissen nicht ab. Sie hatten all ihre Schiffe verloren. Zwei ihrer Patrouillen waren weiter nördlich unter Beschuss geraten – von US-Streitkräften, wie sie vermuteten. Die bürgerlichen Unruhen in Sacramento hatten rasch zugenommen. Gelegentlicher Widerstand ließ sich bisher leicht zerschlagen, doch dieser nun war besser organisiert. Während der beiden vorangegangenen Tage hatte es fast ein Dutzend Angriffe auf seine Streitkräfte gegeben, und zwar nicht nur von willkürlichen, bewaffneten Zivilisten. Mehrere ihrer Konvois waren mit improvisierten Sprengkörpern aufgehalten, und eines ihrer Lager von einer großen Schar, ausgestattet mit Maschinengewehren, Raketenwerfern sowie Granaten, in die Mangel genommen worden. Pablo wusste, dass alles irgendwann einmal auf einen Aufstand hinauslaufen würde, doch da es schon so früh passierte, fiel es ihm schwer zu bestimmen, wie er am besten dagegen vorging. Seine Truppen verfuhren nach konventioneller Kriegsführung, und ihm war klar, dass im Umgang mit Untergrundkämpfern andere Strategien gefragt waren. Pablo arbeitete gerne nach gründlich ausgearbeiteten Plänen; ohne einen solchen kam er vom Hundertsten ins Tausendste und ließ sich überwältigen. Nach außen hin wahrte er Zuversicht, doch insgeheim erschütterte ihn der Umstand, dass sich der Wind so schnell gedreht hatte und ihm entgegenwehte.

Seine Kommandanten traten mit Nachrichten unterschiedlicher Art an ihn heran. General Pasqual und die Hälfte seines Stabes wollten den momentanen Schwung nutzen und rasch das nächste Ziel in Angriff nehmen. Die andere Hälfte wollte bedachtsamer und vorsichtiger fortfahren. Pasqual legte Pablo nahe, den zivilen Widerstand rigoros zu unterbinden, und schlug Massenhinrichtungen aller in den jeweiligen Gebieten vor, darunter Frauen und Kinder. Vertreter der gegensätzlichen Meinung sahen voraus, diese Taktik werde nach hinten losgehen und nur weiteren, tiefer sitzenden Hass schüren.

»Sir, wir müssen allen demonstrieren, die wir unterwerfen, dass sie mit schweren Konsequenzen rechnen müssen, wenn sie aufbegehren«, beharrte Pasqual. »Falls Sie sich zu gnädig zeigen, erwachsen daraus nur Geringschätzung und noch stärkere Gegenwehr.«

Colonel Gutierrez legte eine Zigarre nieder, die er geraucht hatte, und sagte: »General, Sie und ich, wir beide haben auf der Militärakademie gelernt, was geschieht, wenn man die Zivilbevölkerung gegen sich aufbringt.«

»Colonel, haben wir das nicht bereits dadurch getan, dass wir in ihr Land eingedrungen sind?«, hielt Pasqual dagegen. Die zwei lieferten sich einen Schlagabtausch mit spitzen Bemerkungen. Pablo erkannte, dass sie einander nicht grün waren, weder mit Hinblick auf ihre Profession noch auf persönlicher Ebene.

»Meine Herren, wir sind hier nicht auf dem Schulhof!«, bellte Pablo. »Ich brauche Erwachsene, die mir einen Wegweiser geben, damit ich mich inmitten der Herausforderungen, die auf uns warten, zurechtfinden kann!«

Pasqual und Gutierrez verstummten, um ihrem Anführer Aufmerksamkeit zu schenken.

»Ich habe sowohl etwas von Kampfstrategien als auch aus der Geschichte gelernt. Wir können die Abenteuer der Amerikaner im Irak und in Afghanistan als Beispiele dafür nehmen, wozu es kommt, wenn sich Militärstreitkräfte mit Zivilisten herumschlagen müssen, die sich in zunehmendem Maße gegen ihre Vorherrschaft stellen. Zudem gab es in Amerika auch einmal einen Bürgerkrieg, den wir in Betracht ziehen sollten, um daraus zu lernen. Die Unionsarmee war drauf und dran, jenen Krieg zu verlieren, bis Ulysses S. Grant die Kontrolle übernahm. Er änderte die Richtlinien zur Einordnung von Zivilpersonen. Er hatte einen intelligenten Rat, der mir anscheinend fehlt, verstehen Sie? Sein alter Freund und Vertrauter, ein Mann namens Francis Lieber, half ihm beim Entwurf eines Gesetzes, das er dann Präsident Lincoln vorlegte. Selbiges berechtigte ihn dazu, gewaltsam gegen jede Privatperson vorzugehen, die der Armee der Konföderierten Beistand leistete und den Rücken stärkte. Die Bereitstellung von Nutzmitteln, Beihilfe, Verköstigung und so weiter wurden als gleichbedeutend mit Kampfhandlungen auf dem Schlachtfeld erachtet.«

Alle Männer am Tisch glotzten mit offenem Mund, einige sahen dabei besonders verdutzt aus, während Pablo mit seinem Geschichtsunterricht fortfuhr. Wie ein Professor in einer Vorlesung erging er sich im Einzelnen in historischen Fakten, die dazu führten, dass Grant so gegen die Konföderierten vorgegangen war, wie es nun geschrieben stand.

Pablo beendete seine Rede auf einer entschlossenen Note. »Meine Herren, die Moral dieser Erzählung ist folgende: Lincoln konnte den Krieg einzig dadurch gewinnen, dass er den Kampfgeist der Konföderation brach. Damit wir nun den Sieg davontragen, müssen wir unsere Gegner vernichtend schlagen. Die Zivilbevölkerung braucht eine klare Ansage: Widersetzt euch, und wir werden sowohl euch als auch eure gesamte Familie umbringen. Wir werden den Lieber-Code als Vorlage verwenden und darauf aufbauen. Zuerst dachte ich, wir müssen uns etwas gnädiger zeigen – und ja, das dürfen wir auch weiterhin tun, nämlich denjenigen gegenüber, die gewillt sind, uns zu helfen. Wenn allerdings jemand nur einen kleinen Finger gegen unseren Feldzug erhebt, werden wir ihn ausrotten. So erhalten alle die eindeutige Botschaft, jegliche Opposition habe ein herbes Nachspiel. Leider benötigen wir zur Verwirklichung einer solchen Art von Kriegsführung die entsprechenden Mittel. Ich möchte meine Villistas wiederauferstehen lassen – sie sollen diejenigen sein, die diesen Plan in die Tat umsetzen. Jedoch brauchen wir in jeder Region mehr Zeit, um sie auszubilden und auszurüsten, damit sie in der Lage dazu sind. Die Frage, die ich nun an Sie alle richte, lautet: Sind Sie bereit, für unseren Erfolg zu tun, was auch immer nötig ist?«

Einige der Anwesenden konnten anhand ihrer Gesichter nicht verhehlen, dass sie Pablos neue Weisung nicht guthießen. Alle Militärs waren mit dem Kriegsvölkerrecht vertraut und entsprechend ausgebildet. Was ihr Anführer vorschlug, war die Aufhebung dieser Richtschnur; was er in Aussicht stellte, konnte zum Genozid führen.

Pablo entging nicht, wie jeder Einzelne seiner Kommandanten zunächst reagierte. Der letzte, den er anschaute, war Pasqual. Der General stammte aus einer Militärfamilie; sein Vater und sein Großvater waren beide Offiziere gewesen. Als er zum ersten Mal davon gehört hatte, seine Armee und er seien an Pablo verkauft worden, war er angewidert gewesen, im Lauf der Wochen aber dazu übergegangen, die Siege und das intensive Kampfgeschehen mehr als alles andere zu lieben. Beides hatte das Suchtpotenzial einer Droge, und er war jetzt abhängig. Als er Pablos Blick begegnete, strahlte er.

»General, wie lange wird es dauern, ein Bataillon Villistas zu trainieren und darauf vorzubereiten, sich der Aufstände anzunehmen?«

»Sir, wir brauchen mindestens zwei Monate, um genügend Männer zu finden, die sich unserer Sache bereitwillig anschließen, und diese zu wappnen. Was aber das Training angeht, glaube ich nicht, dass es schwierig wird. Sie geben ihnen einfach den Befehl, Aufwiegler zu jagen, und lassen sie gewähren. Belaufen sich die Einsatzregeln darauf, kein Erbarmen zu zeigen, gibt es nicht viel, was wir ihnen noch beibringen müssen.«

»Zwei Monate? Ich hasse es, mir vorstellen zu müssen, hier zu sitzen und …« Pablo unterbrach sich, als ihm einfiel, dass er dabei Zeit finden würde, um Isabelle zu hofieren. »Na gut, General, tun Sie es, egal wie lange es dauert. Wenn wir das schon durchziehen, dann richtig.«

Andere im Raum behielten ihre Meinungen für sich. Sie wussten jetzt, dass es einem offen ausgesprochenen Todeswunsch gleichkam, sich gegen Pablo und seine Direktiven zu richten, also wagten sie es nicht, von seiner Order abzuweichen.

In einem Hubschrauber über Zentraloregon

Gordons Augen brannten, als er sie öffnete. Die Sonne zwang ihn zum Blinzeln, doch die Schmerzen und das Tränen kannte er bereits von anderswoher: Falludscha, dachte er. Der Rauch und die darauffolgende Feuersbrunst, nachdem sich Rahab selbst sowie den gesamten Nordflügel des Obergeschosses in die Luft gesprengt hatte, hatten seine Augen in Mitleidenschaft gezogen.

Von dem, was geschehen war, nachdem er Lexi gepackt und aus dem Zimmer gezogen hatte, wusste er nicht mehr viel. Sie waren nur bis auf den Flur gelangt, ehe es geknallt hatte. Langsam klarte sein Sichtfeld auf, und er erkannte, dass er sich nicht mehr auf dem Gelände befand. Genauer gesagt schien er dem Lärm nach zu urteilen in einem Helikopter zu sitzen. Er war desorientiert und versuchte, sich umzuschauen, aber dann durchfuhr ihn ein Schmerzensschub.

Als er sich bewegen wollte, hielten ihn die Gurte eines Wirbelsäulenbretts zurück. Das versetzte ihn in leichte Panik, weil er nicht wusste, wer ihn beförderte und wohin. Indem er den Kopf weiter anhob, sah er jemanden, vermutlich den Besatzungschef. Beim Blick nach rechts tat sich ein bekanntes Gesicht auf, das des kleinen Mädchens aus Rahabs Lager. Es saß in eine Decke gewickelt neben einem Sanitäter.

Dieser bemerkte Gordons Unruhe und kam an seine Seite. »Sir, Sie müssen stillhalten.«

»Wo sind die anderen, mit denen ich zusammen war?«, fragte Gordon, während er das Gesicht vor Schmerz im Zuge der Kopfbewegung verzog.

»Sir, bitte bleiben Sie flach liegen. Ihr Rückgrat wurde womöglich verletzt. Wir dürfen nicht Gefahr laufen …«

»Mein Kopf bringt mich um, oh mein Gott, er tut so furchtbar weh«, ächzte Gordon und versuchte zugleich, sich von den Gurten zu befreien.

»Sir, hören Sie mit dem Herumrutschen auf«, ermahnte ihn der Sanitäter mit grober Stimme.

»Ist Corporal Rubio hier?«

Der Mann schüttelte den Kopf.

»Eine Frau, haben Sie eine Frau in meiner Nähe gefunden? Sie heißt Lexi.« Er fasste sich an den Schädel. »Verdammt, ich halte das nicht aus!«

»Sie und das Kind waren die einzigen, die unser Team lebendig geborgen hat.«

»Was ist mit Jones und McCamey passiert?« Gordon delirierte.

»Sir, Sie brauchen unbedingt Ruhe und müssen aufhören, sich zu bewegen. Bitte entspannen Sie sich einfach.«

Gordon nahm die Anweisungen des Sanitäters machtlos zur Kenntnis. Er legte seinen schweren Kopf wieder auf das dünn gepolsterte Brett. Seine Gedanken rasten, als er sich vergegenwärtigen wollte, was gleich im Anschluss an den Moment geschehen war, da er Lexi festgehalten hatte, und nachdem die Bombe hochgegangen war. Er wusste noch, dass sie sich ihm dabei widersetzt hatte und dass ein Schuss gefallen war. Er hatte sie hinaus auf den Gang gezogen und während dessen nichts außer der Tür, Wänden sowie dem Boden gesehen – Rubio nicht, soweit er sich erinnerte. Er entsann sich der schier gewaltigen Wucht, mit der die Druckwelle ihn erfasst hatte. Bruchstückhafte Eindrücke kehrten zurück und verschwanden wieder, während er zu entschlüsseln suchte, ob es sich wirklich so zugetragen hatte oder ob ihm seine verwischte Erinnerung einen Streich spielte. Er dachte an das Gefühl zu fallen, jedoch nicht nur auf den Boden, sondern weit in die Tiefe. War das Gebäude eingestürzt? War er aus der oberen Etage ins Erdgeschoss gefallen? Überleg, sagte er sich. Nichts fiel ihm ein, nur die Explosion, und nun lag er hier in einem Hubschrauber auf dem Weg an einen unbekannten Ort.

Gordon dämmerte weg. Er wachte wieder auf, als der Sanitäter seine Gurte anpasste und ihn untersuchte. Da packte er ihn am Ärmel und fragte: »Wohin fliegen wir?«

»Wir sind auf dem Rückweg nach Coos Bay.«

Eagle, Idaho

Samantha saß im leeren Esszimmer und versuchte, eine Tasse heißen Tee zu genießen, als Nelson auf dem Weg zu seinem Raum vorbeikam. Er war gerade von seinem planmäßigen Wachdienst zurückgekehrt.

»Falls du Zeit hast, könnte ich ein wenig Gesellschaft vertragen. Ich hab heißen Tee«, sagte Samantha mit einladendem Tonfall. Ihr Vorschlag ließ ihn auf der Stelle stehenbleiben. Sam ging seit ihrer Entschuldigung im Stall mehr oder weniger auf Distanz – nicht abweisend, aber wie im Wissen darum, dass sie sich zu viel herausgenommen hatte. Er betrachtete sie, wie sie so alleine dasaß, und erwiderte: »Sicher, klingt nett. Ein kräftiger, heißer Tee ist jetzt genau das, was ich brauche.« Er streifte seine dicke Jacke ab und hängte sie über einen Stuhl.

Samantha schenkte ihm eine Tasse ein und schob sie ihm über den Tisch zu.

»Du hast mich echt zum Teetrinker gemacht. Du weißt ja, eigentlich habe ich immer eine Menge Kaffee in mich hineingeschüttet.« Er gab einen Löffel Zucker hinein.

»Solche Wirkung übe ich auf die Menschen aus«, sinnierte Samantha. »Falls du dich erinnerst, Gordon hatte nie Sushi gegessen, bis er mich kennenlernte.« Sie lächelte ein wenig.

»Wusste ich gar nicht. Wir Männer – oder besser gesagt, Männer wie ich – achten nicht auf so etwas. Schon seltsam: Ich bin praktisch auf dem Wasser groß geworden und jeden Tag zum Surfen gegangen, aber die Vorstellung, rohen Fisch zu essen, stieß mich immer ab.«

»Es bedurfte einiger Überzeugungsarbeit, aber Gordon ließ sich bekehren.« Ihre Stimme nahm einen feierlichen Ton an. »Übrigens auch in anderen Belangen.«

»Du hast Gordon sozusagen gerettet. Nachdem er eine Weile mit dir zusammen war, wurde er zu einem besseren Menschen im Vergleich zu dem unbesonnenen Raufbold, den ich bis dahin gekannt hatte. Klar, er konnte, wenn er wollte, immer noch ein gemeiner Hund sein, und jawohl, ein bisschen schroff blieb er immer noch.« Nelson strahlte, während er über seinen Freund sprach. »Dann bist du in sein Leben getreten, hast dich dieser rauen Kanten angenommen und sie geglättet.«

Tränen begannen, an Samanthas Wangen hinunterzulaufen. Sie wischte sie weg und sagte: »Tut mir leid, dass ich so aufgewühlt bin. In letzter Zeit muss ich ständig heulen.«

Nelson streckte einen Arm aus und drückte ihre Hand. »Sam, dir ist so viel passiert, in das ich mich nicht hineinversetzen kann. Du hast so viel verloren …«

»Ich komme langsam wieder auf den Damm. Mir ist bewusst, dass ich Haley vernachlässigt habe, und nach dem, was neulich passiert ist, weiß ich, dass ich mir nicht erlauben kann zu trauern. Ich muss meiner Verantwortung für sie und unsere Gruppe nachkommen. Endlich habe ich verstanden, dass der Tod zum Leben gehört, auch und gerade der Tod geliebter Menschen. Ich kenne keinen Grund dafür, dass dies irgendjemandem von uns passieren musste, verspreche dir aber, dass die Samantha, mit der du während der letzten paar Wochen gekämpft hast, nicht mehr existiert.«

Nelson drückte ihre Hand fester und erwiderte: »Ich bin da, um dir zu helfen und Beistand zu leisten, bis Gordon zurückkommt.«

»Danke, Nelson. Er macht mich rasend. Wäre er jetzt hier, würde ich ihn schlagen, aber Gott, wie ich ihn liebe … Ich weiß, in seinem Herzen tut er das Richtige für uns, aber ich hätte ihn so gerne bei mir, um mir erklären zu lassen, was genau das ist.«

Nelson spürte, dass die Unterhaltung auf jene Themen hinauslief, die er meiden wollte.

Sie sah ihn an und platzte plump heraus: »Was geschah an dem Tag, als du sie gefunden hast?«

Nelson hatte stundenlang darüber nachgedacht, wie er auf diese Frage von Samantha antworten sollte. Ihm war klar, dass die Art und Weise, wie er es ausdrückte, einen schwerwiegenden Einfluss auf ihrer beider Leben üben würde.

»Willst du wissen, was ich sah, oder was er gesagt hat?«

»Sag mir alles. Wie hast du sie gefunden? Was war passiert?«

Er holte lange und tief Luft, bevor er zu seinen Schilderungen anhob, die er mehrmals gründlich im Kopf durchgespielt hatte. Sie begannen damit, wie er auf Gordon am Kreuz gestoßen war und beinahe im gleichen Augenblick auch Hunter gesehen hatte. Nelson wollte die blutigen Einzelheiten des Todes von Samanthas Sohn nicht erörtern; er wusste, sie hätten jede Mutter ins Bodenlose stürzen lassen. Stattdessen beschrieb er Gordons Verfassung und seine schwere Verletzung im Gesicht, bevor er besonders ausführlich auf die seelischen Schmerzen ihres Mannes einging. Er betonte, wie lange Gordon Hunter festgehalten hatte, wobei Sam die Züge entglitten, weshalb er dachte, sie breche gleich wieder in Tränen aus. Diese schluckte sie jedoch angestrengt hinunter, und Nelson glaubte, fortzufahren sei in Ordnung. Schließlich legte er dar, wie Gordon ihn in seine Rachepläne eingeweiht hatte.

»Hast du ihm nicht ins Gewissen geredet?« Sie schaute ihm direkt in die Augen.

»Natürlich habe ich das. Ich unterstellte ihm, er könne gerade keinen vernünftigen Gedanken fassen. Wir stritten dann darüber, dass er sich dazu entschieden hatte, nicht mit zurückzukommen, und du kennst ihn ja: Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, gibt es nichts mehr daran zu rütteln.

»Oh ja, das tue ich. Diese verdammte Van-Zandt-Ader.«

»Er gab an, Hunters Mörder laufe weiterhin frei herum und umgebe sich mit einem engen Kreis von Personen, die immerzu weitere Morde begingen. In diesem Zusammenhang hatte er zwei Vorsätze: diesen Mann aufhalten und Rache zu üben.«

»Hast du ihn nicht darauf hingewiesen, dass wir ihn hier brauchen?«

»Auch das habe ich«, versicherte Nelson und klang dabei ein wenig abwehrend.

»Wenn du mir seine Beweggründe so aufzählst, höre ich Gordon, den Idealisten; ich höre seinen Kopf, aber wo steckt sein Herz bei alledem?«

»Ich sehe es so: Er konnte dir nicht entgegentreten. Am Grunde seiner Seele glaubt er, dich und Haley enttäuscht zu haben, weil er sich gefangennehmen ließ und danach, indem er Hunters Ermordung nicht verhindern konnte.«

»Gordon, Gordon, Gordon … Er ist so ein stolzer Mann. Er wollte stets eines: uns beschützen. Dies war jetzt das eine Mal, das ihn glauben lässt, versagt zu haben. Er begreift nicht, dass wir …« Sie brach ab und kämpfte wieder mit den Tränen. »… dass Haley und ich ihn mehr als alles andere hier brauchen. Unsere seelischen Narben können ohne ihn nicht heilen.«

Nelson nickte. »Was soll nun werden, wenn er zurückkommt?«

»Ich bin mir nicht sicher, ob er zurückkommt. Wie lange ist er schon weg?« Ein Anflug von Resignation brach sich in Sams Stimme Bahn.

»Er wird zurückkommen.»

»Dort draußen lauern Gefahren, und er könnte umgebracht werden. Andererseits ist Gordon findig und leistungsfähig … wie niemand anders, den ich kenne. Nicht die Welt wird ihn davon abhalten, zu uns zurückzukehren; er selbst steht sich im Weg.»

Damit stellte sie ihre Teetasse ab.