14. März 2015
Je schwerer der Kampf, desto ehrenvoller der Triumph.
Thomas Paine
Coos Bay, Oregon
Gordon trat wieder aufs Achterdeck des Schiffs. Gestern war er davon ausgegangen, es sei das letzte Mal, dass er dies tat, jetzt hatte er es aufgegeben zu spekulieren. Unten an der Anlegestelle stand der Humvee mit dem Anhänger, die ihm von Barone zugesichert worden waren. Nachdem er sich von den Soldaten und Matrosen an Deck verabschiedet hatte, ging er von Bord der Makin Island.
Der Humvee vom Typ M-1123 besaß ein Faltverdeck, vier Sitze und eine kleine Ladefläche. Der hinten angekoppelte, geschlossene Hänger enthielt die zusätzlichen Lebensmittel und Kraftstoff. Gordon überprüfte den Wagen und den Inhalt der Kisten. Für ihn war es wie Weihnachten. Barone überließ ihm 3.500 Portionen gefriergetrockneter Nahrung, jeweils 5.000 Patronen zu 5,56mm und 9mm sowie 1.500 für Kaliber 12. Auf seinem Sitz lagen eine M4 mit Zielfernrohr und Laservisier, eine Beretta 9mm-Pistole und eine Flinte vom Typ Remington 870 mit verlängertem Rohr. Der Sprit würde ausreichen, um ihn bis nach Cheyenne zu bringen. In einer Kiste lagen verschiedene praktische Dinge, angefangen bei einem Nachtsichtgerät nebst Kompass über Ponchos, Plastikplanen und Armee-Ersthilfesets bis zu zusätzlicher Kleidung in verschiedenen Größen und anderen ausgesuchten Kleinigkeiten. All dies zu sehen, ließ Gordons Aufregung vor der anstehenden Reise noch steigen.
»Verzeihung«, bemerkte jemand hinter ihm.
Als er sich umdrehte, sah er einen schlanken, durchschnittlich großen Mann mittleren Alters. Er hatte schwarzes Haar, das knapp über seine Ohren hing. Seine stechend hellblauen Augen erinnerten Gordon an einen Schlittenhund.
»Mr. Van Zandt?«
»Der bin ich, genau.«
»Christopher Hicks. Ich arbeite für die Bürgermeisterin. Sie sollen mich mit nach Cheyenne nehmen.« Der Mann bot ihm die Hand an.
»Hi, Christopher. Nennen Sie mich Gordon. Ihre Sachen können Sie hinten hineinwerfen.«
Christopher tat es und fragte nervös: »Wann fahren wir los?«
»Sobald alle da sind.«
In dem Moment fuhr ein anderer Humvee vor. Drei Türen gingen auf. Ein Marine stieg aus, Cruz und Bethany Wilbur folgten hinterdrein. Der Soldat kam zu Gordon und Christopher. »Ist jemand von Ihnen beiden Gordon Van Zandt?«, fragte er.
»Ich.«
»Das sind sie.« Der Mann zeigte auf Cruz und Wilbur.
»Alles Weitere übernehme dann ich«, erwiderte Gordon. Die zwei sahen müde, in die Mangel genommen und abgemagert aus.
Er rief sich vor Augen, wie seltsam diese Situation war: Er würde den Vizepräsident und die Staatssekretärin der USA chauffieren. Wenn das nicht zu einer Geschichte gereichte, die er seinen Enkeln erzählen konnte … »Mr. Vice President, Madam, Sie werden hinten sitzen.«
Cruz kam mit ausgestreckter Hand auf Gordon zu. »Danke dafür, dass Sie uns mitnehmen. Wie heißen Sie noch gleich?«
»Gordon Van Zandt.«
»Mr. Van Zandt, danke für Ihr Entgegenkommen.«
»Selbstverständlich, nicht der Rede wert. Ich möchte gleich aufbrechen, sobald meine beiden anderen Fahrgäste eintreffen.«
Es fing zu regnen an.
»Mist. Hoffentlich bleibt es bei diesen milden Temperaturen.« Gordon blickte zum Himmel. »Ich will mich nicht mit Schnee herumschlagen müssen.«
Cruz, Wilbur und Christopher machten sich miteinander bekannt, bevor sie schnell in den Geländewagen stiegen, da die ersten Tropfen auf sie fielen. Gordon schaute auf seine Uhr. Er befürchtete, Brittany und Tyler kämen zu spät. Da auch er nicht mit nassen Klamotten fahren wollte, setzte er sich hinters Steuer.
Während der nächsten halben Stunde schwatzte Gordon mit seinen Begleitern über dies und das. Mitten in seinem Bericht über seine Odyssee von Kalifornien aus klopfte jemand an sein Türfenster. Es war Brittany. Er entschuldigte sich und stieg wieder aus.
»Brittany, du bist spät an!« Er schaute sich nach ihrem Sohn um, sah ihn aber nicht. »Wo ist Tyler?«
Sie kam einen Schritt auf ihn zu. Es regnete mittlerweile kräftiger; ihre Haare und Kleider waren klatschnass.
»Meine Güte, du wirst dich erkälten.«
Sie hielt ihm sanft eine Hand an die Wange und sagte: »Wir fahren nicht mit. Tut mir leid.«
»Was? Warum nicht?«
»Diese Stadt soll unsere neue Heimat sein. Hier ist es sicher, und wir haben eine realistische Chance, uns etwas aufzubauen. Ich kann Tyler einfach nicht noch einmal mit auf Reisen nehmen. Du weißt selbst, wie gefährlich es da draußen ist. Das Risiko will ich nicht auf mich nehmen.«
»Das verstehe ich nicht. Ich dachte, du wolltest mit mir kommen.« Gordon war merklich aufgewühlt. Wenngleich der Umstand, keine Verantwortung für die beiden übernehmen zu müssen, die Reise unter praktischen Gesichtspunkten für ihn erleichterte, hatte er sie liebgewonnen. Sie auf dem Weg und später in Idaho um sich zu wissen, wäre ihm eine Freude gewesen. Er hatte sich bereits ausgemalt, wie Haley und Tyler gemeinsam aufwachsen würden. Auf Brittanys Entscheidung war er nicht vorbereitet. Sie mochten einander zwar noch nicht sonderlich lange kennen, hatten aber schon so viel gemeinsam durchgestanden. Zwischen Brittany und ihm bestand eine Verbindung, und obwohl er sich niemals von Samantha getrennt hätte, wäre es für ihn nicht ausgeschlossen gewesen, in einem anderen Universum mit Brittany zusammen zu sein.
»Du siehst verärgert aus. Ich dachte, du seist froh darüber, uns los zu sein«, sprach sie leise. Sie hatte ihre Hand die ganze Zeit über nicht von seiner Wange genommen.
»Ich ärgere mich wirklich. Wo steckt nun Tyler?«
»Mein Gott, er ist untröstlich.« Sie lachte. »Er hat mir förmlich erklärt, dass er mich hasst.«
Gordon lächelte. »Ich weiß, wie Kinder sind«, entgegnete er. »Er wird darüber hinwegkommen.«
»Es gibt da noch etwas: Bevor du letztens aufgebrochen bist, um deinem Vorsatz nachzugehen, habe ich das eine oder andere gesagt. Ich empfinde etwas für dich, und es ist weder für mich noch dich fair, wenn wir einander so nahe sind. Du hast eine wunderbare Frau und ein kleines Mädchen, die dich lieben. Du musst zu ihnen zurückkehren. Ich werde hier neu anfangen.«
Gordon nickte. Was sie sagte, passte zu jenem für sie charakteristischen Pragmatismus, den er kennen und schätzen gelernt hatte. »Tut mir leid, dass ich mich nicht freuen kann, aber ich respektiere und verstehe deinen Beschluss. Du musst tun, was am besten für dich und Tyler ist.«
»Ich möchte dir vielmals dafür danken, dass du uns gerettet hast. Du hast Ty und mir eine neue Chance gegeben, deshalb hast du auf ewig einen Stein bei mir im Brett. Ich kann es nicht oft genug wiederholen: Du bist ein guter Mensch.« Sie neigte sich ihm zu und küsste ihn auf den Mund.
Gordon hielt sie nicht davon ab, erwiderte den Kuss aber nicht. Als sie von ihm abließ, schaute er ihr ins Gesicht; er war sich nicht sicher, ob nur Regentropfen oder auch Tränen an ihren Wangen hinunterliefen. Dann zog er sie noch einmal zu sich, drückte sie fest und gab ihr einen Kuss auf das regennasse Haar.
»Gib auf dich Acht, Brittany. Ich werde dich nie vergessen«, sagte er und ließ los. Sie drehte sich um und ging zügig zurück in die Stadt.
Er blieb im strömenden Regen stehen und schaute ihr nach, bis sie nicht mehr zu sehen war.
Eagle, Idaho
»Also nur wir drei, so sieht dein Plan aus?«, fragte Mack sarkastisch.
»Machst du mit oder nicht?«, schoss Nelson zurück.
»Natürlich. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass dein Plan beschissen ist, aber wenn es darum geht, ein paar Arschlöchern Kopfschmerzen zu bereiten, bin ich dabei.« Mack grinste und spuckte Tabaksaft in einen Plastikbecher.
»Eric, was meinst du?«, fuhr Nelson fort.
»Ich würde sie nicht bei Tag überfallen. Wir sollten die Vorteile nutzen, die wir haben: Autos. Wir können schnell aufkreuzen und genauso flink wieder verschwinden. Nachdem wir vorgefahren sind, postieren wir je einen Schützen vor und hinter dem Haupthaus. Der dritte wird herumlaufen und die anderen Gebäude bewerfen. Feuer und Rauch zwingen sie zum Herauskommen, und sobald sie das tun, erschießen wir sie. Wir bleiben so lange, bis alle tot sind, ganz einfach.«
Nelson hörte Eric in seinen Ausführungen genau zu. Sie klangen wasserdicht.
»Das hört sich für mich viel besser an«, bemerkte Mack.
»Für mich auch«, gestand Nelson.
»Eric, du bereitest die Brandbomben mit Mack vor, ich ziehe Dad hinzu und weihe die Frauen in unser Vorhaben ein. Für heute Abend wurde unsere Gruppe zur Wache eingeteilt, also sorgst du, Mack, dafür, dass Seneca die Schicht desjenigen übernimmt, der gerade an der Reihe ist. Nehmt Gewehre, Pistolen und Munition satt mit.«
Samantha betrat das Wohnzimmer. »Entschuldigt die Störung; habt ihr Haley gesehen?«
Nelson blickte ruckartig auf und antwortete: »Schon länger nicht mehr, nein. Sie kam vor ungefähr einer Stunde herein und bat mich, zum Stall mitzugehen.«
»Dorthin wollte ich als nächstes, danke«, erwiderte Sam. Sie nahm ihre Jacke und verschwand.
Nelson machte weiter: »Hat noch jemand irgendwelche Fragen?«
»Ich. Wer übernimmt den Beschuss?«, wollte Mack wissen.
»Ich und Daddy. Er ist ein guter Schütze, und euch beiden fällt es leichter als ihm, von Gebäude zu Gebäude ziehen«, erklärte Nelson.
Die Männer gingen noch kleinere Details durch, als die Hintertür aufflog. Samantha stürmte herein. »Sie ist weg!«
Die Männer blickten zu ihr auf.
»Was meinst du damit? Wenn sie nicht im Stall ist, dann vielleicht drüben bei Scott und Lucy«, sagte Nelson.
»Nein, im Stall ist etwas passiert. Er stand offen; Macintosh ging frei darin herum. Der Wassereimer gleich vor seiner Box ist auf den Boden gefallen und …« Samantha war aufgelöst und den Tränen nahe.
Nelson erhob sich erschrocken nach dem, was sie erzählt hatte.
»… und der hat dort gelegen. Er gehört Haley!«, schrie Samantha und hielt einen Silberkompass hoch.
***
Nelson hatte die anderen über Haleys Verschwinden informiert. Sie kamen rasch zusammen, um Suchtrupps zu bestimmen. Nelson und Welk schauten sich rings um den Stall nach weiteren Hinweisen um, wurden aber nicht fündig. Die Luft blieb frisch und eiskalt, doch Schnee fiel schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Der wenige, der noch am Boden lag, war derart festgefroren, dass unmöglich Spuren darin zurückbleiben konnten. Mack schlug sich mit mehreren Nachbarn gen Süden, um Bachläufe wie Straßen zu durchkämmen. Eric hingegen nahm ein paar andere mit zu den Hügeln im Norden.
Gegen Mittag standen sie immer noch ohne Anhaltspunkt da.
Nelson rief alle zusammen, um sich kurz auf den neusten Stand zu bringen, bevor sie wieder auseinandergingen. Samantha bot an zu helfen, musste aber jedes Mal feststellen, wenn sie sprach, dass ihr die Tränen kamen. Lucy nahm sie beiseite und lud sie auf eine warme Tasse Tee zu sich ein, während sich die anderen um alles kümmerten. Als sich Nelson an die Gruppe richtete, kam er nicht umhin, sich daran erinnert zu fühlen, wie Hunter vermisst wurde. Welche Qualen Samantha gerade ausstand, konnte er sich gar nicht vorstellen.
Nelson hegte einen Verdacht bezüglich dessen, was mit dem Kind passiert sein mochte. Deshalb wollte er als nächstes mit einem Aufgebot an Männern Trumans Gelände absuchen.
»Danke an alle, die gekommen sind und sofort bereit waren, uns bei der Suche nach Haley zu unterstützen. Bislang haben wir noch keine zusätzlichen Hinweise gefunden.«
»Ich weiß, wo sie ist!«, platzte Eric heraus. »Holen wir sie zurück.«
»Sie wissen nicht, wo sie ist«, hielt Barbara dagegen.
»Wo soll sie sonst stecken?«, beharrte Eric. »Es ist ja nicht so, dass sie von selbst abgehauen wäre; es gibt Hinweise darauf, dass sie sich zur Wehr setzte.«
»Dass kleine Kinder davonlaufen, wenn sie wütend sind, ist nicht ungewöhnlich«, bekräftigte Barbara nachdrücklich.
»Sie sind fürwahr eine dumme Person«, erwiderte Eric.
»Ich halte es wie Nelson; das Gelände dort zu durchstreifen ist sinnvoll«, bemerkte Scott. »Wir schauen uns auch noch anderswo um, aber ich schlage vor, dass eine Gruppe dorthin geht, und zwar bewaffnet. Meldet sich jemand freiwillig?«
Eric, Mack, Seneca und Nelsons Vater hoben ihre Hände.
»Wir ziehen jetzt los«, sprach Nelson. »Einer von Ihnen muss das Tor bewachen, der Rest sucht bitte hier weiter nach ihr.«
Wie am vorangegangenen Abend redeten alle durcheinander und immer lauter.
Da donnerte Welk: »Tut mir leid, Barbara, wir werden jetzt genau das tun, was wir angekündigt haben, Punkt. Wir statten Truman keinen Besuch ab, um ihn zu töten, sondern um zu erfahren, ob das Kind dort ist, mehr nicht.«
»Schauen wir uns weiter hier um, bevor …« hob Barbara an, doch dann brüllte Eric: »Halten Sie einfach den Rand. Hier geht es um ein junges Mädchen. Wir gehen, und es gibt nichts, das uns daran hindern wird!«
Barbara bekam den Mund nicht mehr zu angesichts des Tons, den Eric ihr gegenüber anschlug.
Nelson wollte nicht noch mehr Zeit damit vergeuden, seine Schritte zu rechtfertigen. Sie mussten aufbrechen, und zwar bald, noch vor Sonnenuntergang.
»Gehen wir! Wer auch immer mich begleiten möchte, sofort!«
Im Norden Utahs an der Interstate 84
Annalieses Gesicht fror bei schwachem Westwind. Die Temperatur war zweistellig ins Minus gefallen, was den Schlaf in dieser Nacht äußerst unbehaglich machte. Die Jungen fielen ihr gewaltig auf die Nerven, weshalb sie sich nicht nur einmal dabei ertappte, dass sie sich wünschte, sie seien nicht da. Allerdings fühlte sie sich dennoch dazu verpflichtet, sich zu vergewissern, dass es den beiden gutging. Mitten in der Nacht brachte sie ihnen eine Decke, die sie beiseite gelegt hatte, um sie Sebastian für seine Wache frühmorgens am Feuer zu geben.
Als es wieder hell wurde und Sebastian die Jungs unterrichtete, wie sie richtig mit den Revolvern umgingen, beobachtete sie ihn mit Stolz. Sie liebte ihn aus unterschiedlichen Gründen, etwa weil er eine Engelsgeduld mit anderen Menschen an den Tag legte und sehr einfühlsam war. Für sie vereinte er alles in Perfektion: ein Mann, auf dessen Schutz sie sich verlassen konnte, sowohl was körperliche Unversehrtheit als auch starken emotionalen Rückhalt betraf.
Das Grundlagenwissen für Scharfschützen vermittelte er äußerst ausführlich, indem er auf Zielangleichung, Fokus und Atmung einging, den natürlichen Bewegungsbogen, die korrekte Waffenhaltung und mechanische Funktionsweise von Pistolen sowie den erwarteten Rückstoß erklärte, nicht zu vergessen das Nachladen. Brandon hatte bereits im Rahmen seiner wüsten Schießerei auf dem Gelände in San Diego eine angeborene Gabe im Umgang mit Handwaffen hervorgekehrt, also stellte Sebastian ihm an diesem Morgen die Aufgabe, sich mit dieser spezifischen Waffe und ihrer Führung anzufreunden. Auch wollte er ihm durch diese Übung Verantwortungsbewusstsein beibringen. Schusswaffen wohnte eine gewisse Macht inne, doch alles in allem waren sie nichts als Mittel zum Zweck und konnten wie jedes Werkzeug auch missbraucht werden. Er fand es am wichtigsten, Brandon begreiflich zu machen, wie er sie sinnvoll einsetzte.
Luke andererseits hatte in seinem jungen Leben noch keine Pistole in der Hand gehalten. Der Unterricht diente dazu, ihn mit einer Waffe vertraut zu machen. Sobald es ihm nicht mehr unangenehm war, so rechnete sich Sebastian aus, würde er mehr Selbstbewusstsein an den Tag legen. Er wollte, dass Luke zu der Erkenntnis gelangte, zu schießen war in Ordnung, so lange es darum ging, sich selbst oder andere in der Gruppe zu verteidigen. Er wusste, Luke fehlte das Zeug zum Killer, doch eines Tages mochte seine Hilfe gebraucht werden, um sie alle zu schützen.
»Das war nun die wesentliche Theorie; jetzt will ich, dass ihr ein paar Schüsse abgebt«, sagte Sebastian.
»Endlich!«, seufzte Brandon.
»Du zuerst, Luke.«
»Ach, komm schon«, meckerte Brandon.
»Du hast schon geschossen; um deine Fähigkeiten mache ich mir keine Gedanken, doch Luke ist noch nie dazu gekommen. Er muss mir zeigen, dass es ihm nichts ausmacht.«
Luke sagte kein Wort dazu, sondern stand nur da und schaute Sebastian nervös an. Dieser reichte ihm den alten Colt Detective. »Hier. Das ist ein sehr verlässliches Modell; mit diesem Ballermann wirst du nie Probleme haben. Die Trommel fasst sechs Patronen. Was ich an Revolvern wie diesem mag, ist die Tatsache, dass ich nicht hektisch werden muss, wenn kein Schuss fällt, sondern einfach noch einmal abdrücke. Fehlerbehebung könnte sich wirklich nicht leichter gestalten als bei diesen Pistolen.«
Luke nahm sie entgegen und hielt sie, wie Sebastian ihm gezeigt hatte.
»Nimm Haltung an, wie ich es dir zeigte. Steh nicht da wie in den Filmen, das ist alles Unsinn. Denk daran: Ausfallsschritt vorwärts, Arme strecken – die Kampfhaltung, die ich dir vorgemacht habe.«
Luke ahmte selbige nach: Er verlagerte sein Gewicht gleichmäßig und beugte sich mit leicht angewinkelten Beinen nach vorne. Sebastian stellte sich hinter Luke auf. Indem er sich ihm zuneigte, fuhr er mit gesenkter Stimme fort: »Erinnere dich daran: zuerst abgleichen, dann fokussieren und Feuer. Nicht verkrampfen; dein Körper bewegt sich von Natur aus fließend, also ziel’ einfach nur auf die Flasche und übe langsam Druck aus.«
Als der Schuss fiel, zuckte Luke zusammen. Anscheinend hatte sich sein kurzes Training schon ausgezahlt: Er traf sein Ziel, eine Milchflasche aus Plastik, die sie unter anderem Müll auf dem Boden gefunden hatten. Er drehte sich um und schaute Sebastian voller Erwartung an.
»Guter Schuss! Wie hat es sich angefühlt?«
»Gut – nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt habe«, antwortete Luke breit grinsend.
»Anfängerglück!«, schnaubte Brandon.
Sebastian warf ihm einen Blick zu und schüttelte den Kopf.
»Versuch es wieder, Luke. Fünf Schüsse hast du noch. Tu es genauso wie vorhin, aber vergiss eines nicht: Mach dir nie Gedanken um deine vorige Kugel. Sobald du abgedrückt hast, ist sie vertan. Konzentriere dich immer nur auf den jeweiligen Schuss, den du abgeben wirst. Wieder angleichen, fokussieren und Feuer.«
Luke hielt sich daran, wie er es zuvor getan hatte. Er traf sein Ziel fünf weitere Male. Sebastian war mehr als nur zufrieden mit der Leistung des Jungen, dämpfte seinen Enthusiasmus aber insgeheim, weil er wusste, dass sich das Feuern auf ein unbewegliches Ziel ohne Stress vom eigentlichen Gefecht unterschied. Was er jedoch erreicht hatte, durfte als leiser Schub für Lukes Selbstbewusstsein erachtet werden.
Als sich Brandon mit seiner Smith & Wesson anschloss, traf er viermal und feuerte einmal daneben. Sebastian wollte ihm Rat geben, doch der Bursche erwies sich als widerborstig.
»Weißt du, warum du diesmal verfehlt hast?«, fragte er ihn.
»Ich dachte, du hättest gesagt, wir sollen uns hinterher keine Gedanken um unsere Schüsse machen.«
»Schon, ihr sollt euch nicht deswegen ärgern, aber jeder Schütze muss wissen, warum eine Kugel so oder so geflogen ist. Kritische Analyse ist wichtig – sie vereinfacht es euch, falls nötig, Anpassungen vorzunehmen. Sich zu ärgern, ist eine emotionale Reaktion; ich will, dass ihr euren Kopf analytisch einsetzt.«
»Ich weiß nicht, es war sowieso die letzte Patrone. Wäre das ein Mensch gewesen, hätte ich ihn mit den ersten vier Schüssen getötet.«
»Du verstehst mich nicht. Ich bin nicht kritisch zum Selbstzweck; ich will, dass du extrem gut vorbereitet bist.«
Der Junge hörte Sebastian nicht richtig zu. Er klappte den Zylinder auf und ließ die Hülsen auf die Erde fallen.
»Brandon, sieh mich an, wenn ich mit dir spreche«, mahnte Sebastian.
Der Kleine tat es und schnitt dabei eine Grimasse.
»Ich weiß, wovon ich rede. Ich schieße schon mein ganzes Leben lang mit Pistolen. In deinem Alter habe ich an Schützenturnieren teilgenommen. Ich bin Marinesoldat und Kundschafter-Scharfschütze. Hiermit verdiene ich meinen Lebensunterhalt, und ich bin sehr gut darin. Wenn du auf mich hörst, mache ich dich nicht nur zu einem Schützen, sondern zu einem herausragenden.«
Luke meldete sich wieder: »Ich will noch einmal schießen; ich will ein herausragender Schütze werden.«
Sebastian ließ seinen Blick nicht von Brandon ab, der schließlich leicht nickte, um zu zeigen, dass er es begriffen hatte.
»Okay, verschleudern wir mehr Pulver. Luke, du bist dran. Nachladen.«
Cheyenne, Wyoming
Baxter genoss die Freiheit außerhalb des Bunkers. Er mochte die bittere Kälte nicht sonderlich, aber Frischluft und Sonnenschein trösteten ihn darüber hinweg. Das Quartier, das seiner Familie und ihm zugeteilt worden war, vermittelte ihnen das Gefühl, wieder ein Zuhause zu haben. Sich in einer solchen Umgebung wiederzufinden, versetzte ihn mental in eine angenehmere Lage, um sich den schwierigen Problemen zu stellen, die sich überall ringsum ergaben.
Die morgendlichen Lagebesprechungen mit den verschiedenen Gouverneuren und anderen bürgerlichen Führern überall in den USA setzten sich mit den gleichen betrüblichen Berichten über zunehmende Hungersnöte, Erfrierungen und außer Kontrolle geratene Gewalt fort. An diesem Morgen kam noch etwas Neues hinzu: eine Grippeepidemie, die in Nebraska ausgebrochen war. Dies bereitete ihm Sorgen. Andere Menschen zu bekämpfen war eine Sache, doch jetzt ging Mutter Natur auf breiter Ebene mit dem Tod um. Die Zahl der Teilnehmer an Massenwanderungen hatte abgenommen, weil immer mehr Menschen starben. Die Wege, denen sie dabei folgten, waren jetzt mit den Leichen Zehntausender übersät. Als wäre all dies nicht schon schlimm genug gewesen, befand sich eine feindliche Streitkraft im Anmarsch – und nun auch noch die versuchten Attentate. Baxter versuchte sein Bestes, alles zusammenzuhalten, auch wenn dies ein überwältigendes Unterfangen war.
Er war froh darum, dass Conner die Notwendigkeit erkannt hatte, mit Barone zu verhandeln. Auf seine Männer und Betriebsmittel zurückgreifen zu können, sollte einige ihrer Probleme ausräumen. Dem Colonel zu erlauben, sich den Nordwesten einzuverleiben, war nicht ideal, doch dadurch verkleinerte sich das geografische Gebiet, um das sich die Vereinigten Staaten kümmern mussten.
Die Idee, Kernwaffen gegen das panamerikanische Imperium einzusetzen, legte Conner schnell ad acta. Er hatte aus der jüngeren Vergangenheit gelernt. Obwohl er den Einsatz der Bomben nicht zu 100 Prozent bereute, würde er nicht zulassen, sie über amerikanischem Grund abzuwerfen.
Die Frühbesprechung, die er mit dem Präsidenten und den anderen Stabsmitgliedern aufsuchte, diente einem Ziel: eine endgültige Stoßrichtung für den Umgang mit dem panamerikanischen Imperium festzulegen. Baxter holte tief Luft, während er den Weg zum Versammlungsraum zurücklegte.
***
Conner war erstaunlich gutgelaunt, was seine Kollegen verwunderte. Seine Ausgelassenheit übertrug sich auch auf andere Teilnehmer – zumindest gaben sie sich betont locker.
»Bevor wir uns ans Eingemachte wagen, wollte ich Ihnen allen eine gute Nachricht überbringen: Vizepräsident Cruz und Staatssekretärin Wilbur werden Coos Bay bald verlassen. Ich habe vor weniger als einer Stunde einen persönlichen Anruf von Colonel Barone erhalten – und es gibt noch mehr Positives zu vermelden: Wie es scheint, hält sich Barone an unser Abkommen. Ich weiß, einige unter Ihnen stimmten meiner Entscheidung, ihm einen Vertrag anzubieten, nicht im vollen Umfang zu, aber jetzt haben wir einen Verbündeten im Kampf gegen das panamerikanische Imperium. Als ich mit dem Colonel sprach, hatte er sich schon auf seine Grenzen festgelegt, die ich für vernünftig halte.« Conner stand auf und trat vor eine große Karte. Dann begann er, die Staaten Washington und Oregon zu umreißen. »Das ist alles, was er will, also stimmte ich zu. Ich entschuldige mich dafür, Sie nicht zurate gezogen zu haben, aber meiner Meinung nach war das in Ordnung. Er hat uns freien Zugang zum Hafen von Portland zugesichert. Natürlich ziehen wir daraus einen erhofften Vorteil.«
»Mr. President, ich möchte der Erste sein, der Ihnen zu dieser Entwicklung gratuliert«, sagte Baxter. »Ich hatte gewisse Vorbehalte, aber dieser Vertrag ist solide.« Andere im Raum sprachen ebenfalls Glückwünsche betreffs der diplomatischen Arrangements aus.
Baxter schlug einen anderen Ton an. »Eines möchte ich Sie noch fragen: Was tun wir mit dem nächsten Barone? Was geschieht, wenn sich – ich weiß nicht – Norddakota abspalten will?«
Conner ließ sich wieder nieder und dachte nach, bevor er diese berechtigte Frage beantwortete. »Alles, was wir tun können, General, beschränkt sich darauf, ein Problem nach dem anderen zu stemmen. Ich kam nicht gänzlich damit überein, Colonel Barone zu gestatten, einfach zu nehmen, was er will, aber die Wahrheit ist: Wir brauchen ihn, und er braucht uns. Ich konnte keinen Druck auf ihn ausüben, wohingegen er sich anmaßte, der Vizepräsident gehöre ihm. Ich sage Ihnen dies und möchte nicht missverstanden werden: Keine Einzelperson ist eine gesamte Nation wert, auch ich nicht. Mir ging es vor allem darum, über seine Truppen verfügen zu können. Es klingt vielleicht harsch, aber Cruz zurückzugewinnen diente nur zum Ausgleich dessen, was er gewonnen hat. Ich weiß nicht, was die Zukunft für unsere gefährdete Nation bringt. Nichts wird mehr so werden, wie es einmal war, doch sie sterben zu lassen, steht für mich außer Frage. Stellen Sie mir diese Frage noch einmal, wenn wieder so etwas geschieht. Ergibt das Sinn für Sie?«
Baxter nickte. Er begriff die schwierige Lage, in der sie sich befanden. »Tut es, Sir, danke sehr.«
»Gut, nun da wir die guten Neuigkeiten abgehakt haben, kommen wir auf das panamerikanische Imperium zu sprechen«, kündigte Conner an.
Während der folgenden Stunde ließen sie nichts aus, was sie über ihren Gegner wussten. Ein Teil ihrer wichtigsten Informationen stammte aus dem Inneren der Armee selbst. Diese neue Quelle, ein Mann namens Jordan, hatte sich wie ein Geschenk des Himmels für sie aufgetan. Jordan war der Anführer einer Rebellengruppe in Sacramento. Er wollte ihnen nicht mehr preisgeben, als dass er in Verbindung zu einem Internen stand, der ihn mit Informationen fütterte.
»Wie Sie wissen«, begann Baxter, »haben wir gerade begonnen, über eine Notruffrequenz mit Jordan zu kommunizieren. Was er zu berichten hat, ist interessant, aber ich würde vorschlagen, wir genießen es mit Vorsicht.«
»Ich verstehe Ihre Bedenken. Wie verifizieren wir, dass seine Aussagen legitim sind?«, fragte Conner.
»Es gibt keine Möglichkeit, irgendetwas zu belegen«, erwiderte William Fillmore, der Kommandant der Nationalgarde in Wyoming, »solange wir nicht selbst dort unten Fuß gefasst haben. Wir müssen ihn persönlich treffen; erst dann können wir unsere Schritte anpassen und anhand seiner Kenntnisse Beschlüsse über unseren Einsatz fassen.«
»Meine Rede«, pflichtete Baxter bei. »Kann ich eine Spezialeinheit dorthin schicken?«
»Ja, wir müssen sichergehen. Lassen Sie uns jedoch zusammenfassen, was laut diesem ominösen Jordan in dem Gebiet vor sich geht«, schlug Conner vor.
»Von dort gibt es neben guten auch schlechte Nachrichten zu vermelden. Wir wissen, der Drahtzieher hinter diesem Imperium ist ein selbsternannter Imperator. Es handelt sich um einen jungen Staatsbürger Mexikos, den Sohn von Alfredo Juarez, dem größten Kartellführer im Land. Gemäß den Personen, die wir festgenommen haben, und anhand der Kampfmittel, die Barone, wie er erzählte, sichergestellt hat, dürfen wir darauf schließen, dass Pablo Juarez von Venezolanern unterstützt wurde, aber ob der Staat selbst dahintersteckt, bleibt offen.«
Conner übernahm das Wort von Baxter, indem er fragte: »Besteht denn daran überhaupt ein Zweifel? Natürlich steckt er dahinter. Ich hätte das Land dem Erdboden gleichmachen sollen, als es mich in den Fingern juckte. Unsere diplomatischen Beziehungen zu Venezuela sind schon vor Jahren eingeschlafen. Dass wir dort nicht beliebt sind, ist offensichtlich, und zu einem bestimmten Preis würden sie nicht zögern, einen Teil ihres Militärs zu veräußern. Ich glaube, wir können allmählich eine Verbindung dahingehend herstellen, dass dieser Pablo und Venezuela diejenigen sind, die alles koordiniert haben.«
Baxter tat sich hervor und warf lapidar ein: »Dann berechtigt uns dies, mit Atomwaffen gegen Venezuela vorzugehen.«
»Nein, wir stehen kurz davor, uns die Unterstützung Australiens zu sichern«, widersprach Conner. »Ich möchte die dortige Regierung nicht wieder von uns entfremden.«
»Aber sagten Sie nicht, der venezolanische Premierminister habe im Gespräch mit Ihnen beteuert, nicht daran beteiligt zu sein?«, fragte Fillmore.
»Doch, sie behaupten, ihr Verteidigungsminister sei in die direkte Transaktion involviert gewesen«, entgegnete Baxter. »Er verschleierte die Massenbewegung ihrer Truppen als humanitäre Unterstützung für Mexiko. Natürlich finden wir ihn nirgendwo; er wird vermisst.«
»Wir müssen durchweg mit Caracas in Kontakt bleiben und ihnen auf die Finger schauen«, verlangte der Präsident. »Kommen wir auf das Imperium zurück.«
»Ach, wo waren wir stehengeblieben?«, fragte Baxter. »Ach ja, hier. Pablo befehligt eine gewaltige Armee von über 25.000 Mann. Sie besteht aus leichter Infanterie und Panzergrenadieren. Er verfügt über keinerlei Luftunterstützung, und seine Marine wurde dank Ihnen, Colonel Barine, zerstört. Die Situation vor Ort in Sacramento liest sich wie ein Kapital aus den Geschichtsbüchern über Paris, als die Nazis die Stadt besetzten. Pablo riss das Kapitol im Zuge eines massiven Bodenangriffs an sich. Der Gouverneur ist verschwunden, und sein Vize wurde gefangengenommen. Jordan gibt des weiteren an, seine umstürzlerischen Bemühungen hätten der panamerikanischen Armee durch Anschläge auf Versorgungslinien und Ausgangslager einigen Schaden zugefügt. Allerdings hat das Imperium einen Plan in die Wege geleitet, um dies zu unterbinden, nämlich indem es direkte Maßnahmen gegen die Zivilbevölkerung ergreift. Die Kommandanten haben unter den Bürgern eine paramilitärische Streitkraft namens – Sie werden den Namen bereits gehört haben – Villistas gegründet. Diese wird momentan unters Volk gemischt. Sie tyrannisiert und tötet willkürlich jeden, der sich widersetzt oder auch nur anderen hilft. Ihre Vorgehensweise ist erbarmungslos. Sie stellen mithilfe alter Registrierpapiere Listen Ortsansässiger zusammen, die in Besitz von Schusswaffen sind, und ziehen um die Häuser, um sie zu entwaffnen beziehungsweise ihre Kanonen zu konfiszieren. Ferner erhielten die Villistas im städtischen Krankenhaus für Veteranen Zugang zu alten Akten, um ehemalige Soldaten im Gebiet aufzuspüren. Diesen statten sie Besuche ab, um sie zu zwingen, sich ihnen anzudienen, und sie andernfalls zu töten.«
»Diese Dreckschweine!«, schimpfte Fillmore.
»Sagen Sie nichts. Das ist alter Amtsschimmel. Ein wenig Trost gewinnen wir dadurch, dass die Aufständischen den Vorstoß des panamerikanischen Imperiums aufgehalten haben. Es sendet zwar weiterhin gepanzerte Späher aus, doch ihre hauptsächliche Truppenbewegung ist zum Erliegen gekommen. Es heißt, sobald die Villistas vollständig eingebunden seien, beginne ihr Marsch Richtung Norden.«
»Und wohin genau?«, hakte Conner nach.
»Das wissen wir nicht.«
»Kann Jordan es herausfinden? Bringen Sie ihn dazu, seinen Informanten darauf anzusetzen«, drängte der Präsident.
»Jawohl, Sir«, bestätigte Baxter.
»Meine Herren, wie sieht nun unser nächster Schritt aus?« Conner beugte sich nach vorne und stützte seine Ellbogen auf den Tisch.
»Wir haben eine Luftwaffe, er nicht« erinnerte Baxter. »Da wir keine organisierten Bodentruppen auf ihn hetzen können, wäre es denkbar, den Rebellen, falls es sie wirklich geben sollte, Rückendeckung zu geben. Wir würden dann sofort alle Spezialeinheiten in den Süden schicken, die wir nicht unbedingt hier brauchen, und Angriffe lancieren, die Pablos Armee erheblich dezimieren und hindern wird.«
Fillmore warf ein: »Wir zerstören alle Straßen, die nach Norden führen, aus der Luft, sprengen jede Brücke und so weiter. Dies wird sein Heer dazu zwingen, querfeldein zu marschieren. Da der Frühling naht, wird uns der weichere Boden in die Hände spielen und ihn langsamer machen, egal welchen Weg er als nächstes einschlägt.«
»Mir gefällt, was Sie mir da erzählen«, bemerkte Conner mit einem Lächeln.
»Wir können ihn besiegen«, skandierte Baxter. »Alles, was er hat, ist eine Armee. Die mag imposant sein, doch er kann weder auf Schiffe zurückgreifen, noch ist er weiterhin in der Lage, sich mit Nachschub einzudecken. Was mich gegenwärtig vor allem beschäftigt, ist die Frage, ob er hinter den Elektromagnetpuls- beziehungsweise Atomanschlägen steckt, und falls ja, ob er weitere Waffen dieses Typs in der Hinterhand hält. Ich weiß, Sie haben die Option eines nuklearen Gegenschlags ausgeschlossen, aber wir sollten sie nicht per se außer Acht lassen.«
»Keine Kernwaffen auf unserem Boden – ohne mich«, stellte Conner eindeutig klar. »Kennen wir sein übergreifendes Motiv für seinen Angriff?«
»Darüber gibt es einige Informationen, Sir. Dieser Pablo geriert sich gerne zu einem neuen Napoléon.«
»Also haben wir es mit einem ausgemachten Psychopathen zu tun?«, fragte der Präsident.
»Ja, Sir, mit einem völligen Geistesgestörten, der allerdings über eine Armee verfügt.«
Sacramento, Kalifornien
»Wo ist er hingegangen?«, fragte Pablo einen jungen Mann, der vormals zum Stab des Gouverneurs gehört hatte. Die beiden spazierten durch den Garten von Aguilars Anwesen. Der Mann stotterte wiederholt, während er Pablo über Pasquals Bewegungen in Kenntnis setzte.
»Sie haben also beobachtet, wie er in das Haus gegangen ist?«, fuhr Pablo fort. Wie es aussah, hatte Pasqual einen Wagen genommen und war in einen Wohnbezirk Sacramentos gefahren. Vor dem Hintergrund seiner Unterhaltung mit Isabelle interessierte ihn dies besonders.
Der Mann bejahte.
»Wissen Sie, mit wem er sich getroffen hat? Irgendetwas?«
»Nein, Sir. E-er ging hinein und b-b-blieb etwas eine h-ha-halbe Stunde, bevor er herauskam. I-ich sah sonst niemanden.«
»Ihnen ist nichts Merkwürdiges an seinem Umgang mit anderen Offizieren aufgefallen?«
»Nein, Sir. Er benahm sich, äh … ganz normal«, führte der Mann aus. »Hat geplänkelt und gelacht.«
»Was können Sie mir über die Siedlung sagen?«
»Was meinen Sie genau, Sir?«
»War sie nett, war sie ein Ghetto?«, präzisierte Pablo.
»Gewöhnlich. Es gibt schönere, aber es war kein Elendsv-v-v- … Ghetto«, stammelte der Spitzel.
»Fein, machen Sie weiter so. Ich will alles erfahren, was er tut. Sie müssen herausfinden, mit wem er sich abgibt, und beim nächsten Mal bringen Sie die Adresse in Erfahrung. Seien Sie schlau, indem Sie auf ein Namensschild achten oder sich den Briefkasten anschauen.« Pablo klopfte dem Mann auf den Rücken und schickte ihn fort.
Daraufhin ging er allein über den Schotterweg, der durch den nunmehr toten Garten mäanderte. Wo Rosensträucher und andere Blumen geblüht hatten, standen jetzt nur noch braune, ausgedörrte Pflanzen. Als er eine abgestorbene Rosenblüte von einem Zweig pflückte, stach er sich in den Finger.
»Mist!«, fluchte er.
»Hast du dir wehgetan?«, fragte Isabelle, die hinter ihm näherkam.
»Ja, dieser Strauch mag mich nicht«, erwiderte er und steckte sich den blutenden Finger in den Mund.
»Schon traurig, aber schöne Pflanzen wie diese Rose brauchen Dornen, um sich zu schützen«, bemerkte sie, als sie ihn umarmte.
»Vielleicht dienen sie auch nur dazu, uns darauf hinzuweisen, dass selbst Dinge, die wir für schön halten, hässliche Seiten haben.«
»Du bist unheimlich zynisch.«
»Mag sein, aber mit diesem Zynismus bin ich soweit gut gefahren. Aufzugeben liegt mir fern.«
»Wer war da gerade eben bei dir?«, fragte sie neugierig.
»Niemand.«
»Sehr wohl jemand, denn ansonsten hättest du nicht geredet«, beharrte Isabelle.
»Das geht dich nichts an. Warum willst du es überhaupt wissen?« Er klang leicht gereizt.
»Du kennst uns Frauen doch, wir sind naseweis. Ich habe ihn vorher eben noch nicht gesehen.«
»Kann aber sein, dass du ihn häufiger zu Gesicht bekommen wirst. Er hilft mir im Zusammenhang mit einer Sache, nichts von großartiger Bedeutung.« Pablo sprach nun mit herber Stimme. »Generell solltest du mich aber nicht mit Fragen löchern, die meine Angelegenheiten betreffen.«
»Jawohl, mein Imperator«, antwortete sie gefügig, um seinen aggressiveren Ton aufzuweichen. Sie traf ihn unvorbereitet, indem sie ihm in den Schritt fasste. »Darf ich dem Imperator einen Dienst erweisen?«
Er zog ihre Hand weg und entgegnete: »Nicht jetzt.«
Sie schmiegte sich an ihn und versuchte es erneut: »Bist du sicher?«
Diesmal konnte er ihrer starken sexuellen Anziehungskraft nicht widerstehen. Wenn er bei ihr war, konnte er an nichts anderes als sie denken. Er wusste das und versuchte für gewöhnlich, sich darüber hinwegzusetzen, doch wenn sie es herausforderte, knickte er ein. Nun nahm er ihre Hand und verschwand mit ihr in einem kleinen Gewächshaus im hinteren Teil des Grundstücks.
Eagle, Idaho
Nelsons Truck rollte vor dem Gatter aus, hinter dem Trumans lange Einfahrt lag. Angesichts der Schneemassen, die komprimiert davor lagen, war es lange nicht geöffnet worden.
Nelson spielte mit dem Gedanken, es zu rammen, wollte den Wagen aber nicht beschädigen. Er schaute nach links und rechts, doch zu beiden Seiten verlief ein breiter Entwässerungsgraben, der die Möglichkeit ausschloss, das Gatter zu umfahren. Folglich mussten sie die Viertelmeile bis zum Haus zu Fuß zurücklegen.
Nelson stieg aus und knallte frustriert die Tür zu. »Shit!«
»Rammen wir es einfach!«, rief Mack von der Ladefläche.
»Zu riskant; das untere Drittel des Gatters ist mit gefrorenem Schnee bedeckt«, antwortete Eric.
»Keine Zeit für Diskussionen, weder ramme ich es, noch kann ich von der Straße hinunterfahren«, setzte Nelson fest. »Nehmen wir die Beine in die Hand.«
Die Männer schnappten ihre Waffen und setzten zu einem leichten Lauf durch die Einfahrt an. Nelson führte die Gruppe an, zu der neben Eric und Mack auch Frank und Scott zählten. Sie brauchten nur wenige Minuten, bis sie die Gebäude sahen.
»Mack, Scott, ihr geht zum Trailer. Eric, du siehst dir die Scheunen dort hinten an. Dad, wir beide bleiben beim Haupthaus.« Die Gruppe teilte sich auf.
Nelson behielt das Haus im Auge und achtete dabei auf etwaige Bewegungen. Nichts. Gemeinsam mit seinem Vater betrat er den hölzernen Vorbau. Frank scherte rechts aus, er selbst links. Als Nelson in ein schmutziges Fenster schaute, erkannte er wenig, obwohl die Rollläden und Vorhänge geöffnet waren. Anhand dessen, was er ausmachte, schloss er auf eine relativ gewöhnliche Einrichtung, eben Möbel und Lampen sowie allerlei Nippes.
»Dad, siehst du was?«
Frank schaute angestrengt durch ein Fliegengitter, um etwas zu erkennen. »Nichts. Sieht so aus, als sei niemand zu Hause.«
»Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden«, erwiderte Nelson, ging vorsichtig zur Eingangstür und klopfte wiederholt an.
Eric kam von einer Seite her auf die Vorterrasse. »Nichts, weder in den Scheunen noch den anderen Gebäuden!«
Zuletzt kehrte Mack von der mobilen Wohneinheit zurück. »Bin auch nicht fündig geworden. Die sind augenscheinlich schon eine ganze Weile weg.«
Nelson, der über alle Maßen enttäuscht war, trat mit Anlauf gegen die Tür. Sie brach ein und flog weit nach innen auf. Nachdem er sein Gewehr hochgenommen hatte, ging er hinein.
Die Wucht seines Tritts hatte offensichtlich Monate alten Staub und Schmutz aufgewirbelt, der jetzt in der Luft schwebte und Nelson die Luft raubte. Er ging weiter durch das Wohnzimmer im vorderen Teil des Hauses, wobei er sich gründlich nach verdächtigen Hinweisen umschaute. Zu dem dichten Dunst, der ihn zum Husten zwang, kam ein strenger, widerwärtiger Gestank, der seinen Geruchssinn überwältigte.
»Heilige Scheiße, was ist das?«, fragte Mack beim Betreten der Wohnung.
»Ich wage zu behaupten, eine Kombination aus schwärenden Fäulniserregern, Müll, verdorbenem Essen und dem Loch einer Redneck-Schlampe«, zählte Eric auf, der hinter Mack folgte.
Nelson hörte nicht, was seine Begleiter sagten, sondern sah sich weiter nach irgendeinem Zeichen, einem Indiz für etwas um, das ihm bewies, das Haley hier gewesen war. Mit jeder Ecke aber, um die er bog, wurde ihm klarer, dass er sie nicht hier finden würde und dass Biggs schon seit einer Weile nicht mehr vor Ort gewesen war.
»Hier ist niemand, wir müssen wieder zurück«, rief Nelson, als er das Gebäude verließ. Er hatte sich nicht die Mühe gegeben, das ganze Haus zu durchforsten; er sah genug, um zu wissen, dass Haley nicht da war.
»Wir haben aber noch nicht alles durchsucht«, beschwerte sich Eric von oben.
»Sie ist nicht hier, fahren wir wieder!«, drängte Nelson.