18. Oktober 2066

Olympia, Washington, Republik von Kaskadien

»Es dauerte eine Weile, aber schlussendlich erreichten wir McCall. Dort nahm mein Leben eine Wendung zum Guten«, schloss Haley.

»Also brauchte Ihre Familie über fünf Monate, um von San Diego dorthin zu gelangen?«, fragte John, um sicherzugehen.

»Das dürfte ungefähr stimmen.«

»Sie erwähnten, Ihre Jahre in McCall hätten zu den schönsten gehört, an die Sie sich erinnern können. Woran lag das?«, so John weiter.

»Daddy nannte es unser kleines Refugium, und in gewisser Weise war es das auch wirklich. Dort befanden wir uns in Sicherheit.«

»Doch kurz darauf brach der Krieg aus, richtig?«

»Sie kennen die Geschichte des Krieges so gut wie ich«, bemerkte Haley.

»Aber wie verstrickte sich Ihr Vater in die Kämpfe, und warum?«

Die Haustür ging auf, womit den beiden eine Bö kühler Luft entgegenwehte. Hunter kam herein und klopfte sich Schnee von der Jacke.

»Verzeihung«, sagte Haley im Aufstehen. Sie trat auf die Diele und umarmte ihren Sohn.

Der Reporter folgte ihr. »Hallo, ich bin John von der Cascadian Times.« Er wollte ihm die Hand geben.

»John, das ist mein Ältester, Hunter Nelson Rutledge.«

»Ich habe viel von Ihnen gehört, Hunter«, versicherte John.

»Ach was?«, fragte der junge Mann mit strahlendem Lächeln.

»Hätten Sie Interesse daran, sich mit mir zusammenzusetzen und auch Ihre Geschichte zu erzählen? Den Blickwinkel einer anderen Generation des Van-Zandt-Klans zu erhalten wäre ein spannender Coup.«

»Vielleicht ein andermal, aber es hat mich gefreut, Sie kennenzulernen. Wenn Sie mich bitte entschuldigen würden …« Hunter zog sich in den hinteren Teil der Wohnung zurück.

»Können wir später fortfahren?«, bat Haley. »Ich möchte etwas Zeit mit meinem Sohn verbringen.«

John schaute auf seine Uhr und antwortete: »Sicher, das dürfte kein Problem sein. Wir machen dann dort weiter, wo wir aufgehört haben.«

Er ging alleine zur Haustür und nach draußen. Haley trat vor das Schlafzimmer, in dem Hunter über Nacht blieb, und klopfte an.

»Ist offen!«, rief er.

Sie drückte die Tür auf und fragte: »Wie war dein Tag?«

»Mom, ich glaube, ich sollte dir das sagen, bevor es jemand anders tut.«

Haley verschränkte ihre Arme, als wolle sie sich gegen schlechte Neuigkeiten schützen.

»Ich muss weg …«

»Ich weiß, das hast du heute Morgen schon angekündigt«, warf sie ein.

»Ich muss nach McCall.«

»McCall?«

»Genau, Sebastian hat angerufen. Er ist dort.«

»Sebastian ist in McCall?«, hakte Hakey besorgt nach.

»Er meinte, ich solle zu ihm kommen, es sei wichtig.«

»Was meinte er noch?«

»Nichts. Er betonte nur, dass es dringend ist, denn er müsse mir etwas zeigen.«

Haley ärgerte sich über Hunters Reisepläne, versuchte aber, es herunterzuspielen, indem sie Müdigkeit vorschützte. »Darf ich dir einen Kaffee bringen? Ich selbst brauche eine Tasse.«

Er schüttelte den Kopf, sie lächelte und schloss die Tür.

Haley kehrte auf den Flur zurück und ging Richtung Küche. Dabei blieb sie vor einem Bild ihres Onkels Sebastian gemeinsam mit ihrem Vater stehen und betrachtete es lange. Es war, als wolle sie sich jeden Umriss, jedes Detail ins Gehirn einbrennen. Das Foto war an dem Tag entstanden, als sie in McCall angekommen waren, irgendwann im späten Frühjahr 2015.

Sie vermisste ihren Onkel Sebastian jeden Tag. Was mit ihm geschehen war, hatte ihre Sichtweise auf ihren Vater für immer verändert. So oft sie ihn darauf ansprach: Nie wollte er mit ihr darüber sprechen. Vielleicht fand Hunter den Grund dafür heraus, nun da er bald in McCall sein würde.

Sie betrat die Küche. Während sie Wasser in ihre Stempelkanne goss, kehrte die Erinnerung zurück, und einmal mehr ließ Haley sich in die Vergangenheit zurückversetzen.

E N D E

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