10
»Schön, dich zu sehen«, sagte Emma. »Wie war es auf der Insel?«
Wir saßen am Esstisch in meinem Wohnzimmer in der Währinger Straße. Ich war entschlossen, meine kulinarische Mission fortzuführen und nicht aufzugeben, bevor ich Emma endgültig von den Vorzügen der italienischen Küche überzeugt hatte.
»Entspannend«, sagte ich. Dann schwieg ich. Ich hatte nicht vor, sie über meine Nachforschungen ins Bild zu setzen. Jedenfalls nicht im Augenblick, nicht während dieses ganz speziellen Essens, das ich für sie vorbereitet hatte. Emma schaute mich von der Seite an und sagte ebenfalls eine Weile nichts.
»Ein ausführlicher Reisebericht«, sagte sie dann. »In der Tat.«
»Es gibt nicht viel zu erzählen. Ich habe lange Spaziergänge gemacht, viel geschlafen und gut gegessen.«
»Gut gegessen …«, wiederholte Emma und schaute auf den Teller, den ich eben vor sie hingestellt hatte. Misstrauen lag in ihrem Blick. »Was ist das für ein Vogel, Sissi?«
»Das sind Piccioni alle olive.«
»Ich bitte dich zu berücksichtigen, dass ich kein Italienisch spreche.«
»Tauben. Tauben mit Oliven. In Butter und Olivenöl angebraten und mit Lorbeerblättern und Wacholderbeeren in Marsala geschmort.«
Emma fuhr zusammen. »Tauben? Die kann man doch nicht essen!«, rief sie entsetzt.
»Natürlich kann man das. Das Fleisch einer jungen Haus- oder Feldtaube ist sehr zart, nahrhaft und leicht verdaulich. Ich hatte das Glück, auf dem Naschmarkt welche zu finden.«
Emma war nicht zu beruhigen.
»Auf dem Naschmarkt? Womöglich sind es diese abstoßenden Tiere, die in den Wiener Hinterhöfen dahinvegetieren, sich von Abfällen ernähren, kaum noch fliegen können und Krankheiten übertragen!«
Dass meine Freundin so wenig Vertrauen in meine Kochkünste hatte, tat mir weh. Der Übersetzer Anders Herz hatte mir das Rezept verraten, auf unserem Spaziergang in Vivara. Eine apulische Köstlichkeit, Spezialität seiner ehemaligen Schwiegermutter. Ich versuchte, meine gekränkten Gefühle nicht zu zeigen.
»Es sind hübsche junge Masttäubchen, Emma. Aus Italien importiert. Nicht billig.«
Emma schüttelte den Kopf. »Wer weiß, ob das stimmt«, sagte sie. »Gerupft schauen alle Tauben gleich aus. Mehr oder weniger.« Sie schob den Teller von sich. »Nein. Niemand kann erwarten, dass ich dieses Federvieh zu mir nehme. Es tut mir leid.«
»Aber ich schwöre dir, es ist Delikatessgeflügel! Mit Zertifikat! Wie kannst du nur …«
Emma unterbrach mich. »Nein«, wiederholte sie entschieden und schob den Teller noch weiter weg. »Das kann niemand von mir verlangen.« Damit war das Thema für sie erledigt, sie wechselte es unvermittelt. »Hab ich dir eigentlich je erzählt, dass ich einen Sohn habe?«
Diese Mitteilung überraschte mich. Offenbar hatte sie mir noch weniger von sich erzählt als ich ihr von mir.
»Nein, hast du nicht. Warum nicht?«
»Es ist nicht so wichtig. Philipp. Er ist vierzehn und lebt bei meiner Mutter. Bis jetzt jedenfalls. Meine Eltern haben eine Villa in Pötzleinsdorf. Dort ist viel mehr Platz als in meiner Wohnung. Außerdem findet er, dass meine Mutter besser kocht als ich.« Sie machte eine kurze Pause und blickte leicht angeekelt auf die appetitlich mit Bratenfond übergossene Taube. Es war wirklich verletzend. »Er mag Hausmannskost, weißt du. Die traditionelle österreichische Küche. Unkompliziert und schmackhaft.«
Ich ließ diese Bemerkung durchgehen.
»Was ist mit deinem Sohn?«
»Ich wollte dir sagen, dass ich beabsichtige, mit seinem Vater zusammenzuleben. Ich habe Philipp allein großgezogen, ohne ihn. Alfred und ich waren nie ein Paar, ich dachte immer, er bevorzugt Männer. Offenbar hat sich das geändert.« Sie lehnte sich im Sessel zurück. »Wir werden in die Leopoldstadt ziehen. Er hat dort eine Abzeichenfabrik geerbt. Unser Sohn wird wahrscheinlich bei uns wohnen. Nur damit du weißt. Wir werden eine Familie sein.«
»So, wie es sich gehört?«, fragte ich.
»So, wie es sich gehört«, sagte Emma und lachte.
Am Wochenende darauf fuhr ich zu Stefan. Er war eine Spur enttäuscht, weil ich ihm kein Geschenk aus Helsinki mitgebracht hatte.
»Weißt du, so ein handgestrickter bunter Wollpullover hätte mir schon gefallen«, sagte er. »Mit einem Rentiermuster. Oder mit Elchen.«
Davon abgesehen, behandelte er mich zuvorkommender und liebevoller denn je.
»Ich hatte Sehnsucht nach dir«, sagte er und strich mir übers Haar. »Du hast dich kein einziges Mal gemeldet, wir haben nur einmal miteinander gesprochen. Als ich dich anrief.«
»Ach, du weißt ja, wie das ist auf Kongressen. Während des Tages hat man keine Minute Zeit, und abends ist man hundemüde.«
Es war frostig und feucht, wir wanderten lange Hand in Hand im Nebel durch die Weinberge, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Die Reben hatten bereits ihr Laub verloren. Stefan besichtigte seine Stöcke. »Mir fehlt die Arbeit im Weingarten«, sagte er, »aber im Augenblick gibt es nichts zu tun. Zum Schneiden der Reben ist es noch zu früh.«
Er wandte sich zu mir um.
»Wirst du mir dabei helfen, Prinzessin?«, fragte er ernst, drehte mich zu sich und legte mir die Hände mit festem Druck auf die Schultern. Er schaute mich direkt und liebevoll an, anders als vor meiner Reise, als er oft zerstreut und wenig interessiert an mir vorbeigeblickt hatte, in eine Vergangenheit, zu der ich im Grunde keinen Zugang, an der ich keinen Anteil hatte. »Wirst du mich im nächsten Jahr auch noch besuchen?«
Ich antwortete nicht. Wir standen auf der Hügelkuppe, die Sonne war am Untergehen, der östliche Teil des Himmels in diffuses rötliches Licht getaucht. Wie Blut, das sich in Wasser verliert, fiel mir ein, und ich erschrak über diesen Vergleich. Ich schaute zu Stefan auf und dachte an all das, was ich in Procida über ihn und Regina erfahren hatte. Dieser Mann mit dem zarten Gesicht, dem empfindsamen Ausdruck sollte ein Lügner, ein Betrüger, ein Gewalttäter sein? Es war absurd. Ich wusste nicht mehr, was ich glauben sollte, schob die Gedanken an die Woche auf der Insel, meine Zweifel, meine Ahnungen kurzerhand beiseite und schmiegte mich an seine Schulter. Stefans Gegenwart war mir angenehm. Ich atmete den Geruch seines Lodenmantels ein. Seinen Geruch. Das Verlangen nach seinem Körper schoss in mir hoch, heftig und plötzlich.
»Gehen wir zurück«, flüsterte ich.
Auf dem Weg zum Winzerhaus hielt Stefan meine Taille umfasst. Im Gehen küsste er mich auf die Schläfe.
»Ich glaube, in dieser Woche habe ich begriffen, wie viel du mir bedeutest«, sagte er. »An Regina denke ich kaum noch.« Er zögerte, dann sprach er langsam weiter. »Vielleicht habe ich sie idealisiert – wahrscheinlich neigt man dazu, wenn ein geliebter Mensch plötzlich nicht mehr da ist.« Wieder hielt er inne. »Unsere Ehe war nicht immer harmonisch, Sissi«, sagte er dann. »Ich habe übertrieben. Wir hatten auch Probleme.«
»Das ist normal«, sagte ich, vorsichtig, hellhörig.
»Regina konnte – manchmal konnte sie –«
Ich schwieg, wartete darauf, dass er den Satz fortsetzte. Aber er setzte ihn nicht fort, gab nur ein kurzes Ächzen von sich. Ein merkwürdiges Geräusch, eine Art Klagelaut, wie ein unterdrücktes Schluchzen.
Täuschte ich mich, oder wurde Stefan auch als Liebhaber aufmerksamer, ging mehr auf die Wünsche und Bedürfnisse ein, die ich andeutete? Ich hatte den Eindruck, als öffne er sich, als habe er stärkeres Zutrauen zu mir gefasst. Wenn er nachts leise sprach, wie im Schlaf, wie im Traum, so waren es keine beleidigenden Worte mehr, sondern zärtliche Äußerungen, kleine Kosenamen. Ich war überrascht und erfreut. Vielleicht trug ich ja mein Teil dazu bei, da ich mir nach der Lektüre von Reginas Journalen, die mir die Augen geöffnet und deutlich gemacht hatte, wie mitleidlos er von ihr hintergangen, gedemütigt und verspottet worden war, vorgenommen hatte, ihm mit mehr Rücksicht und Zuwendung zu begegnen? Ich beschloss, diese Intensivierung unserer Sexualität einfach zu genießen und die Befriedigung, die mit der innigeren Nähe einherging, nicht durch unnützes Grübeln über mir großteils unklare Vorfälle und Umstände zu schmälern. Procida schien sehr weit. Endlich war der Zeitpunkt gekommen, da ich keinen Grund mehr sah, mich Regina unterlegen zu fühlen. Sie mochte schöner, interessanter, verführerischer gewesen sein als ich: Es gab auch andere Qualitäten, die zählten.
Nicht einmal meine Großmutter war imstande, im Verein mit der Witwe Dirnböck mein neu gewonnenes weibliches Selbstbewusstsein zu untergraben. Mich um einen Besuch bei ihr herumzudrücken, hatte wenig Sinn, ich war davon überzeugt, dass sie spätestens eine halbe Stunde nach meiner Ankunft im Dorf bereits davon unterrichtet war, dass ich das Wochenende bei Stefan verbrachte. Also machte ich ihr meine Aufwartung. Wir saßen zu dritt am großen Tisch in der Stube, der Großvater schlief in seinem Ohrensessel in der Ecke. Die Kleine Zeitung lag auf seinen Knien, er schnarchte verhalten.
Die Großmutter und die Witwe Dirnböck blickten mich mitfühlend an. Das irritierte mich.
»Ist etwas?«, fragte ich.
Die Großmutter, die keine Doris-Day-Perücke mehr trug, da ihre Haare nachgewachsen waren, seufzte tief. Nun war ihr Haar wieder gefärbt, schwarz wie die Nacht.
»Du bist wahrlich nicht zu beneiden«, sagte sie dann.
»Wirklich und wahrhaftig nicht«, sagte die Witwe Dirnböck und wiegte ernst ihr grauhaariges Haupt mit der neuen Wasserwelle. Sie trug eine selbstgestrickte dunkelgraue Trachtenweste mit Zopfmuster und grüner Einfassung über dem blau-weiß geblümten Kleid, das sie fast immer anhatte, braune Wollstrümpfe und die üblichen, schmutzigen weißen Nike-Laufschuhe.
»Weshalb? – Ich meine, weshalb nicht?«, fragte ich.
Die Großmutter schaute mich teilnahmsvoll an.
»Ach, du weißt schon.«
»Ich weiß gar nichts«, sagte ich. Es war enervierend.
»Nicht, dass ich dir die Bekanntschaft mit unserem Doktor König missgönne«, meinte sie und bedachte mich mit einem schrägen Blick. »So bin ich nicht.«
»Nein, so sind wir nicht«, bekräftigte die Witwe Dirnböck und schüttelte emphatisch den Kopf. »Selbstredend gönnen wir sie ihr!«
»Aber es muss dir bewusst sein, dass du sie nie wirst ersetzen können. Keine Frau könnte das.«
»Was meinst du damit?«
»Na ja«, sagte meine Großmutter, »es war nicht zu übersehen, dass er seine Frau regelrecht angebetet hat.«
»Angebetet ist gar kein Ausdruck!«, rief die Witwe Dirnböck.
Der Großvater wachte auf und hustete kräftig und lange.
»Du hast deine guten Seiten, Sissi«, sagte die Großmutter, hielt inne und schaute mich prüfend an. »Nicht viele. Man muss gründlich danach suchen, dann findet man sie.« Sie seufzte erneut. »Wenn man Glück hat. Aber natürlich wirst du immer die Zweite bleiben. Ich hoffe, du bist dir darüber im Klaren.« Sie verzog die immer noch recht vollen Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln.
Die Witwe Dirnböck nickte bedächtig.
»Genau. Zweite Wahl. Man darf sich da keine Illusionen machen«, sagte sie.
»Lasst sie doch in Ruhe«, meldete sich der Großvater zu Wort.
»Sei still, Ägyd!«, fuhr die Großmutter ihn an. »Nichts liegt mir so fern, als das Kind zu entmutigen. Aber sie soll wissen, was ihr bevorsteht, wenn sie sich mit unserem Doktor König einlässt. Nach allem, was er durchgemacht hat, wird er kaum daran interessiert sein, vor Gott und den Menschen einen neuen Bund fürs Leben einzugehen. Schon gar nicht mit Sissi. Das ist alles. Schlaf weiter.«
»Ja, das ist alles«, wiederholte die Witwe Dirnböck und erhob den rechten Zeigefinger. Ihre kalten hellblauen Augen blitzten. »Man sollte sich nicht leichtfertig über den Platz erheben, den Gott einem zugewiesen hat. Das führt zu nichts Gutem.«
»Ach, ihr seid doch nur neidisch, ihr alten Weiber!«, sagte der Großvater. »Er ist jung, sympathisch, sieht gut aus und hat Geld.«
»Neidisch? Neidisch!«, entrüsteten sich die beiden Frauen im Chor.
Die Großmutter schnappte nach Luft wie ein Karpfen auf dem Trockenen.
»Das ist eine bösartige Unterstellung«, sagte sie dann. »Sag das noch einmal, Ägyd!« Sie wandte sich zu mir. »Wir wollten dich nur aufklären. Du sollst nicht blindlings in dein Unglück rennen.«
»Nein, sehend, sehend!«, rief die Witwe Dirnböck.
Ich stand auf.
»Also, ich gehe jetzt«, sagte ich.
»Recht hast du«, sagte der Großvater, legte den Kopf auf das bestickte Deckchen, das die Rückenlehne schonte, und schloss die Augen.
Als ich Stefan das nächste Mal besuchte, war es Anfang Dezember. Ich kam gegen Abend an, der Sonnenuntergang war spektakulär, blutrote Wolkenmassen zogen tief über dem Horizont dahin. Am Samstagmorgen lag Reif auf den Wiesen, den dunklen Schollen der Äcker wie ein weißlicher Schleier. Die Bäume und Weinstöcke waren mit Frostnadeln gespickt, eine schwarzweiße, gespenstische Landschaft, die im Lauf des Vormittags wieder Farbe annahm. Die Luft war scharf, der Wind trieb einem die Tränen in die Augen.
Über dem großen quadratischen Tisch in der Stube meiner Großeltern, denen ich die obligate kurze Anstandsvisite abstattete, hing ein Adventkranz von gewaltigen Ausmaßen mit voluminösen violetten Schleifen. Von den vier dicken gelben Kerzen war eine ein Stück niedergebrannt.
»Wie man hört, bist du schon bei unserem Doktor König eingezogen. Mit Sack und Pack. Du scheinst es eilig zu haben«, sagte meine Großmutter spitz und stellte, wie bei jedem meiner Besuche, einen mit fettigem Speck und geräucherten Würsten nebst weiteren deftigen südsteirischen Leckerbissen angehäuften Teller vor mich hin. Und wie bei jedem meiner Besuche rührte ich kaum etwas davon an, wofür ich normalerweise entsprechend gerügt wurde. Diesmal aber unterließ meine Großmutter die üblichen Maßregelungen, sie hatte Wichtigeres auf dem Herzen. »Na ja, schließlich bist du nicht mehr die Jüngste, das stimmt«, fuhr sie fort und strafte mich mit einem leicht verächtlichen Blick. »Zaundürr und ellenlang obendrein. Dass unser Herr Doktor König sich für dich erwärmt, ist, genau genommen, ein unerhörter Glücksfall. Du solltest täglich ein Dankgebet zu unserem Herrgott sprechen. Oder zwei.« Sie seufzte. »Caspar würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass dir sein Erbe vollkommen gleichgültig ist.« Sie stützte die dünnen Arme auf die breiten Hüften und erhob die Stimme. »Wann hast du die Mühle zum letzten Mal betreten, frage ich dich! Ginge es nach dir, sie wäre binnen kürzester Zeit komplett verfallen. Gottlob haben deine Tanten und ich mehr Familiensinn. Wenn schon du dich um nichts kümmerst, wir halten das geliebte alte Heim deines Vaters in Ehren!«
Meine Großmutter hatte ausnahmsweise recht. Im Prinzip. Aber ich fand es so viel angenehmer, mich im Winzerhaus auf der Kuppe des Hügels aufzuhalten, mit dem hohen Himmel darüber, dem weiten Ausblick nach allen Seiten, als in der alten Mühle tief im Graben, im Schatten. Ich hatte Mühlen immer als unheimlich empfunden. In den Märchen und Sagen, die ich in meiner Kindheit gehört und gelesen hatte, war häufig die Rede von Teufelsmühlen gewesen, von Mühlsteinen, die sich nachts mit Getöse drehten, ohne dass jemand sie in Bewegung gesetzt hätte, von habgierigen Müllern, die unter Bergen von gemahlenem Weizenkorn erstickten. Auch erinnerte ich mich noch an den von innen erleuchteten und später wie von Geisterhand mit der Axt gespaltenen Kürbis vor der Mühle meines Vaters. Emma hatte mich mit ihrer Furchtsamkeit angesteckt. Dennoch beschloss ich, meiner Großmutter keinen weiteren Grund zur Klage zu geben und die Mühle sogleich aufzusuchen.
»Dass ich nie in der Mühle bin, stimmt nicht. Ich übernachte manchmal im ersten Stock«, log ich. »Gerade jetzt bin ich auf dem Weg dorthin, um ein bisschen nach dem Rechten zu sehen.«
Plötzlich meldete sich der Großvater, der in seiner Ecke schlief, zu Wort. »Wer’s glaubt, wird selig«, sagte er mit geschlossenen Augen. »Steht in der Bibel, nicht wahr, Toni? So ähnlich jedenfalls.«
»Markus, Kapitel 16, Vers 16«, zitierte die Großmutter wie aus der Pistole geschossen.
Obwohl die Ebereschen, die Holundersträucher, die Erlen am Bachufer inzwischen keine Blätter mehr hatten, war es dunkel im Wald, auf dem Pfad, der zur Mühle hinunterführte. Dunkel, feucht und kalt. Es herrschte tiefe Stille. Im Haus des Forstgehilfen, an dem ich rasch vorüberging, brannte Licht. Kurz bevor ich zur Mühle gelangte, hörte ich hinter mir gedämpfte Tritte, ein Stolpern, leises Knacken. Erschrocken wandte ich mich um, doch niemand war zu sehen. Es musste ein Tier gewesen sein, das diese Geräusche verursacht hatte. Als ich im Begriff war, den großen eisernen Schlüssel ins Schloss zu stecken, legte mir jemand von hinten die Hände auf die Augen. Rauhe Hände, die nach Holz, Rauch und säuerlicher Milch rochen. Ich unterdrückte einen Ausruf, ergriff die fremden Hände mit meinen, drückte sie von mir weg und drehte mich um. Florian starrte mich böse an. Er hatte eine ihm viel zu große, schmutzige, mit ehedem wohl weißem, jetzt aber fleckigem grauen Plüsch gefütterte Fliegermütze aus braunem Wildleder mit Ohrenklappen auf dem Kopf. Eine Klappe bedeckte ein Ohr, die zweite stand nach der Seite ab, was ihn komisch aussehen ließ, wie einen großen Hund mit einem abgeknickten Lauscher. Wider Willen musste ich schmunzeln.
»Was ist, Florian?«, fragte ich. Ich hatte keine Angst vor ihm, dazu bestand kein Anlass. Florian war geistig zurückgeblieben, aber grundsätzlich gutartig und friedfertig, davon war ich überzeugt, selbst nachdem Stefan mir von seiner angeblichen Attacke auf meine Kusine Imelda berichtet hatte. »Was hast du denn? Du sollst mich nicht erschrecken, hörst du?«
Der junge Mann trat auf mich zu und stieß mir wütend seinen Zeigefinger vors Gesicht. »Ida omen!«, sagte er. Den Rest des Wortschwalls, der sich über mich ergoss, verstand ich nicht. »Ida omen! Ida omen!«, wiederholte er zum Schluss mit Nachdruck.
Ich erinnerte mich an das Versprechen, das ich ihm vor Monaten gegeben hatte, ohne es ernst zu meinen. Er hatte mich beim Wort genommen. Ich hatte nicht die mindeste Lust, mich an diese Zusicherung zu halten.
»Ja, natürlich«, sagte ich beschwichtigend. »Natürlich kannst du wiederkommen, ich habe es dir ja versprochen. Aber jetzt nicht, jetzt habe ich keine Zeit für dich. Ein andermal.«
Florian schüttelte finster den Kopf und trat noch näher an mich heran. Er riss mir den Schlüssel aus der Hand und presste mich grob gegen die Tür. Als ich merkte, dass er viel stärker war als ich und seine Kraft nicht unter Kontrolle hatte, wurde mir doch etwas beklommen zumute, und ich begann mich halbherzig zur Wehr zu setzen. In diesem Moment hörte ich jemanden weiter oben im Graben mehrmals Florians Namen rufen. Der Angerufene horchte auf, lockerte augenblicklich seinen Griff, und ich machte mich los und trat ein paar Schritte zur Seite. Da kam der Forstgehilfe um die Ecke gelaufen.
»Florian! Geh sofort nach Hause!«, rief er, packte seinen Bruder am Kragen seines dunkelblauen Anoraks und stieß ihn auf den Weg. Ohne ein Wort zu sagen, gab Florian mir den Schlüssel und trottete mit gesenktem Kopf davon.
»Er meint es nicht böse, ehrlich nicht«, sagte der Forstgehilfe, »es sind nur die Folgen seiner Krankheit, weißt du.« Er blickte mich beschwörend an. »Ich bitte dich, erzähl niemandem etwas von dem Vorfall! Die Leute im Dorf sind ohnehin schon gegen ihn aufgebracht, seit die junge Fux behauptet hat, dass er ihr – also, dass er sie sexuell bedrängt hat. Aber das ist nicht wahr! Auf diese farblose fromme Milchkuh hat es nicht einmal mein armer Bruder abgesehen!« Er schüttelte niedergeschlagen den Kopf. »Was ist, wenn sie tatsächlich erreichen, dass er in eine Anstalt gesteckt wird? Ohne mich kommt er nicht zurecht. Ohne mich geht er zugrunde!« Er schlug die Hände vors Gesicht.
»Nein, nein«, sagte ich, »ich erzähle es nicht weiter. Keine Sorge.«
Mir war die Lust vergangen, mich in der Mühle aufzuhalten, und ich ließ den Forstgehilfen stehen und ging den Weg zurück zu meinem grünen Polo, den ich am Waldrand abgestellt hatte. Als ich am Haus der beiden Brüder vorbeikam, sah ich Florians Kopf im Rahmen eines erleuchteten Fensters. Er hatte den Mund weit aufgerissen und die Nase an die Scheibe gedrückt.
Zu dieser Jahreszeit wurde es sehr früh dunkel. Schon am Nachmittag holte Stefan die erste Flasche aus dem Keller, und wir betranken uns planmäßig und ohne Eile. Er trank mehr als sonst. Gegen zehn Uhr abends war er stark alkoholisiert. Normalerweise wurde er, so wie die meisten, zunächst redselig und etwas kindisch, danach eher reizbar und rechthaberisch und später rührselig und weinerlich. Diesmal aber sprach er, selbst nachdem er zwei Flaschen Wein und einige Schnäpse konsumiert hatte, weder unklar noch zusammenhanglos oder stockend, sondern artikulierte besonders deutlich, und sein Gesicht rötete sich nicht, es wurde blasser. Je mehr er trank, desto beherrschter schien er und desto starrer wirkte seine Haltung. Er wurde immer einsilbiger, saß schließlich schweigend auf der Eckbank und starrte reglos auf seine Unterarme und Hände, die vor ihm auf der Tischplatte lagen. Diese ungewöhnliche Reaktion verunsicherte mich, und ich beschloss, mich zurückzuziehen, nahm ein Buch zur Hand, das ich aus Wien mitgebracht hatte, setzte mich ein kleines Stück von ihm entfernt in den Schaukelstuhl und schlug den Band auf. Das Werk befasste sich mit Viktimologie, einer Teildisziplin der Kriminologie. Nach einer Weile hob Stefan den Kopf und blickte auf den Umschlag.
»Das Verbrechensopfer in der Strafrechtspflege«, las er. »Theorie, Methoden und Empirie der Viktimologie.« Er bewegte den Kopf langsam hin und her. »Opfer und Täter«, sagte er nachdenklich, in leicht singendem Tonfall, »Opfer und Täter. Täter und Opfer.«
Ich blickte auf.
»Das Thema interessiert mich«, sagte ich, erleichtert darüber, dass er sich wieder äußerte. »Schon seit langem. Was macht jemanden zum Opfer? Weshalb werden manche Menschen eher Opfer von Straftaten als andere? Gibt es eine Wechselbeziehung zwischen Täter und Opfer?«
»Täter und Opfer. Opfer und Täter«, wiederholte Stefan und wiegte weiter den Kopf. »Ich und Regina. Regina und ich.« Er legte die Stirn auf seine Hände. Ich verstand ihn nur schwer, als er weitersprach. »Es war nicht das große Glück – das Eheglück –, es war das Unglück. Das große Eheunglück. Das Ehefiasko. Das Ehedebakel. Ich habe dich belogen, Sissi. Wir haben alle belogen, Regina und ich. Jahrelang. Wir waren perfekte Lügner. Perfekt. Keine Harmonie. Keine Harmonie … Nein … Das Gegenteil. Das Gegenteil!« Plötzlich stand er vom Tisch auf. »Ich zeig dir etwas«, sagte er. »Ich zeig dir etwas.«
Er verließ das Zimmer, aufrecht und ohne zu schwanken. Ich hörte, wie er die Treppe hinaufstieg, mit regelmäßigem, festem Schritt, hörte ihn im Dachgeschoß umhergehen. Nach einer Weile trat er wieder in die Stube. Er hatte ein Blatt Papier in der Hand.
»Ich zeige dir jetzt etwas«, sagte er wieder und legte das Blatt auf das Buch, das aufgeschlagen auf meinen Knien lag.
Auf dem dünnen, zartrosa Bogen, dem Briefpapier, das Regina verwendet hatte, standen Namen untereinander, eine lange Reihe, mit blauem Füllhalter geschrieben. Männliche Vornamen, auch einige Familiennamen. In Reginas Handschrift. Ihre Schriftzüge waren unverkennbar. Übertrieben groß, am Rande des Megalomanen, weit nach rechts geneigt, mit langen Ober- und Unterlängen, vielen Haken, spitz, harpunenartig.
Die Liste, fuhr es mir durch den Kopf. Das ist die Liste. Der eine oder andere Name war mir bekannt.
»Was sind das für Namen?«, fragte ich.
»Es sind Reginas Liebhaber«, sagte Stefan und lachte auf, freudlos. Er verwendete das Präsens, so als sei seine Frau niemals verschwunden, als könne sie im nächsten Augenblick den Raum betreten, heiter und selbstsicher, sich mit dieser für sie typischen, anmutigen Geste das schwarze Haar aus der schönen, gerundeten hohen Stirn streichen und am Tisch Platz nehmen. »Ein lückenloses Verzeichnis. Alle unsere ehemaligen männlichen Bekannten sind darunter, jeder einzelne. Meine Studienfreunde, meine Kollegen. Einer meiner Brüder. Mein Cousin. Ein Nachbar. Unser Trauzeuge.« Wieder lachte er, länger, lauter. »Und natürlich Musiker, jede Menge. Ich habe einige Leute auszuhorchen versucht, diskret. Regina hat ständig gelogen, allerdings nicht in diesem Punkt.« Er sah mich an, unbewegt. »Was sie tat, das tat sie gründlich, nicht wahr, Sissi? In diesem Punkt hatte sie ihren Ehrgeiz. Sie verabscheute halbe Sachen. Sie ging sorgfältig und methodisch vor. Ihre Untreue hatte System. Es war harte Arbeit. Regina hat sich nichts geschenkt.«
Ich schwieg. Diese Aufzählung war die größte aller Ungeheuerlichkeiten, die meine einstige Freundin sich erlaubt hatte. Aber was Stefan mir eben anvertraute, kam nicht ganz überraschend, Reginas Tagebücher hatten mich darauf vorbereitet.
Er stand vor mir, seine Arme hingen an den Seiten herab, sein Mund, sein Blick zeigten keine Regung.
»Sie hat mir die Aufstellung ein paar Monate vor ihrem – ihrem Ab… – ihrem Verschwinden präsentiert. Nach einem schrecklichen Streit. Mit einem selbstgefälligen Lächeln. Natürlich ging es ihr darum, mich zu erniedrigen, aber darüber hinaus war ihr der Stolz anzumerken – auf die Anziehungskraft, die sie auf Männer ausübte, auf die Mühelosigkeit, mit der sie sie alle, alle zu verführen vermocht hatte.«
Stefan stieß einen sonderbaren Laut aus, eine Art leises Brummen, und sank neben mir auf die Knie. Er legte den Kopf in meinen Schoß, auf das aufgeschlagene Buch, auf Reginas Liste, und umfasste meine Taille. »Ich habe sie gehasst, Sissi«, sagte er mit monotoner Stimme. »Ich habe diese Frau gehasst.«
Instinktiv setzte ich den Schaukelstuhl in Bewegung, wie eine Mutter, die ihr müdes, trauriges Kind in den Schlaf wiegen will. Ich streckte die Hand aus, beließ sie ein paar Sekunden über dem Kopf meines Freundes in der Schwebe, unschlüssig, und legte sie dann auf sein Haar.
In der Nacht, die wir nach Stefans Eröffnung im einstigen Ehebett des einstigen Ehepaares König miteinander verbrachten, riss mich seine Lust mit sich fort. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass er mich wirklich begehrte, keine Angst hatte, weder vor mir noch vor seinem eigenen Verlangen, dass er sich ganz auf mich konzentrierte und nichts und niemanden in Gedanken zwischen uns treten ließ. Er wagte es, aus sich herauszugehen. Ich verhielt mich passiv, fühlte mich mächtig, ganz als Frau. Die Barrieren, die Regina und unsere Erinnerung an sie errichtet hatten, waren gefallen. Ihre Herrschaft war zu Ende.
Während des Frühstücks am nächsten Morgen beobachtete ich Stefan heimlich. Er wirkte gelöst und heiter, lachte viel, erwies mir kleine Gefälligkeiten, berührte mich ständig, leicht, doch voll Wärme und Intimität. Noch nie hatte ich mich so wohl und entspannt, so unbeschwert mit ihm gefühlt. Etwas Neues, Unverfälschtes war im Entstehen. Es spielte keine Rolle, ob all das, was man mir auf der Insel Procida hinterbracht hatte, der Wahrheit entsprach oder nicht. Regina war die falsche Frau für ihn gewesen, eine fatale Wahl. Die Vergangenheit war nicht mehr von Bedeutung.
An diesem Sonntag fand ein Flohmarkt vor der Kirche statt. Der Erlös würde notleidenden Pfarrmitgliedern zugutekommen. Es war kalt und windig, aber da die Sonne schien, beschlossen wir hinzugehen. Die Auswahl war groß, es gab Kleidung aus zweiter Hand und gebrauchte Haushaltsartikel zu kaufen, Vasen, Geschirr, Porzellan, Besteck, Töpfe, Pfannen, alte Vinyl-Schallplatten, CDs, Videokassetten und DVDs, Bücher, Fotos, Poster und Gemälde, Bilderrahmen, abgenutztes Spielzeug, Werkzeug – alles Ausgediente, das die Leute nicht mehr brauchten, und darüber hinaus manches Neue. Auch Imbissbuden waren aufgestellt.
Der Stand der Freiwilligen Feuerwehr war beeindruckend, Oberfeuerwehrmann Kienreich und Probefeuerwehrmann Jauk machten gute Geschäfte mit dem Verkauf alter Helme, Kappen, Kragenspiegel und Uniformen. Vor allem aber waren es ihre Abzeichen, Medaillen und Orden, Anstecknadeln und Plaketten, darunter viele aus den Jahren 1938 bis 1945, die guten Absatz fanden. Eine Medaille des Reichsnährstandes mit den eingravierten Worten Blut und Boden wurde angeboten, ein sternförmiger Schützenorden am grün-weißen Band, diverses Eichenlaub, goldkoloriert, etliche Frontflugspangen, Verdienstmedaillen des Sängerbundes. Bücher und Fotos aus dieser Zeit fanden gleichfalls ihre Käufer, auch Liederbücher mit Melodien, wie sie von den Mitgliedern der Schutzstaffel intoniert worden waren. Ein reichhaltiges Sortiment. Mein Großvater stand vor all den Kostbarkeiten und ließ sinnend eine ovale Medaille am Band durch seine Finger gleiten. Als er mich sah, winkte er mich zu sich.
»Gut, dass du hier bist, Sissi«, sagte er. »Du hast studiert. Was meinst du, sind zwanzig Euro nicht zu viel für dieses Stück?« Er wandte sich an den Oberfeuerwehrmann. »Das sind Wucherpreise, Kienreich!«
»Hier handelt es sich um ein Sammlerobjekt«, sagte der Oberfeuerwehrmann ungerührt. »Dafür werden Liebhaberpreise bezahlt. In Wien kostet es das Vierfache.«
»Genau«, sagte Probefeuerwehrmann Jauk. »Wenn nicht mehr.«
Ich sah mir die Medaille an. Sie war aus Messing, wie mir schien. Blank die Wehr, rein die Ehr, stand darauf zu lesen. Mein Großvater sah mich unsicher an.
»Was dir das Stück wert ist, musst du schon selbst wissen«, sagte ich.
»Genau«, sagte Probefeuerwehrmann Jauk. »Diese Entscheidung kann ihm niemand abnehmen.«
»Du bist mir wirklich keine Hilfe«, sagte der Großvater missvergnügt. »So wie dein Vater. Der war mir auch nie eine. Dort drüben steht deine Großmutter, sei so freundlich und begrüße sie.«
Ich sah mich nach Stefan um. Er unterhielt sich mit meiner Tante Dagmar, die, wie es aussah, ziemlich ramponierte alte Puppen feilbot. Gleich neben der Feuerwehr hatte die Kirche ihren Verkaufsstand, gewissenhaft betreut von meiner Kusine Imelda mit dem leichten Kropf und der Witwe Dirnböck mit dem scharfen Blick. Davor stand meine Großmutter, die katholische Hexe, in ihrem dunklen Mantel aus gutem Wollstoff. Auf ihrem Kopf saß ein majestätisches topfartiges Gebilde aus dem Fell irgendeines exotischen Pelztieres. Ich stellte mich neben sie, doch sie sah mich nicht gleich, da sie gerade in einem ebenso zähen wie hitzigen Handel mit der Witwe begriffen war. Es waren wieder andere Devotionalien, die man hier erwerben konnte, andere Gesangbücher als am Stand der Freiwilligen Feuerwehr, auch Rosenkränze mit Holzperlen, Glasperlen, Keramikperlen, Broschen der Katholischen Jungfrauenvereinigung, Schlüsselanhänger aus Bronze in Schutzengelform, Briefbeschwerer aus Glas mit Kreuzsymbolik, eine Silberne Ehrennadel des Katholischen Gesellenvereins, Secondhand-Bücher mit Titeln wie Know-how für Ministranten oder Das Hosentaschen-Gebetbuch, Gebetswürfel aus Holz mit einem Tischgebet auf jeder ihrer sechs Seiten, ein kaum gebrauchter aufklappbarer Reisealtar aus Buchenholz, dreizehn mal dreizehn, Höhe viereinhalb Zentimeter, mit Teelicht und Reliefkreuz.
»Du musst sie alle nehmen, Toni«, sagte die Witwe Dirnböck gerade entschieden. »Ich verkaufe sie en gros oder gar nicht, und damit basta.«
»Aber ich brauche keine achtundvierzig Medaillen, eine müsste doch genügen für ein Wunder!« Meine Großmutter erblickte mich. »Findest du nicht auch, Sissi?«
»Worum geht es?«, fragte ich.
»Ach, grüß Gott, Frau Doktor Fux, wie schön, dass Sie an unseren dörflichen Aktivitäten Anteil nehmen!«, sagte die Witwe Dirnböck und lächelte zuckersüß, so wie es ihre Art war. »Ihre Großmutter interessiert sich für diese wundertätigen Medaillen aus Aluminium, achtundvierzig Stück zu fünf Euro«, setzte sie erklärend hinzu und wandte sich wieder an diese. »Fünf Euro sind eine lächerliche Summe! Du kannst ja verschenken, was du nicht brauchst. Über eine wundertätige Medaille der Madonna Immaculata Milagrosa, goldfarben eloxiert, freut sich doch jeder!«
»Lass mich nachdenken«, sagte meine Großmutter und überlegte. »Wenn du mir eine verkaufst, dann kostet sie … sie kostet – zehn Cent!« Im Kopfrechnen war meine Großmutter immer ausgezeichnet gewesen, selbst ihr fortgeschrittenes Alter beeinträchtigte diese Fertigkeit kaum. Zahlen lagen ihr. »Ich gebe dir fünfzig Cent dafür, Leni. Damit machst du einen Riesengewinn!«
In diesem Augenblick trat Stefan zu uns. Auf der Stelle war der Handel vergessen, die beiden Frauen würdigten einander keines Blickes mehr und schenkten dem Ankömmling ihr schönstes Lächeln.
»Ach, unser Herr Doktor König! Was für eine Überraschung! Was für eine Freude!«, flöteten sie im Duett.
»Schönen guten Tag, die Damen!«, sagte Stefan und zog mich mit sich weiter.
Wir schlenderten an den Ständen vorüber, nahmen diesen und jenen Gegenstand, der uns gefiel, in die Hand, überlegten, ob wir das eine oder andere Stück gebrauchen konnten. Stefan wurde immer wieder freundlich begrüßt, mich beäugte man eher diskret. Manche Verkäufer hatten einfach eine Decke auf dem Asphalt ausgebreitet und versuchten ihre Waren auf diese Weise abzusetzen. Eine dicke Frau mit einem imposanten Doppelkinn, die sich einen knallroten Wollponcho mit zahlreichen baumelnden Pompons übergeworfen hatte und einen Trachtenhut aus dunkelgrünem Loden mit einem kleinen Gamsbart trug, streckte Stefan freudestrahlend die Hand entgegen. Mich übersah sie.
»Lieber Herr Doktor, wie reizend von Ihnen, dass Sie gekommen sind! Schauen Sie sich um bei mir, vielleicht finden Sie etwas, das Ihnen zusagt. Sie werden sehen, ich habe viele schöne Artikel zusammengetragen und auch selbst einiges angefertigt.« Sie wies auf ihre nicht sehr ansprechenden Waren – Modeschmuck, billige Halsketten, Armreifen, Finger- und Ohrringe, wenig geschmackvolle Broschen, Hutnadeln, Manschettenknöpfe. »Sie selbst haben mir ja auch ein paar schöne Stücke gespendet, nochmals vielen Dank, das war wirklich großzügig von Ihnen. Na ja, schließlich ist es für einen guten Zweck, nicht wahr? Dieses kupferne Amulett zum Beispiel, erinnern Sie sich?« Sie deutete auf einen massiven Anhänger in der Form eines S, das wie eine Schlange gestaltet war, mit fein ziselierten Schuppen, einer vorschießenden gespaltenen Zunge und Augen aus winzigen grünen Steinen. Er hing an einem geflochtenen schwarzen Lederband. »Sie sehen, es ist noch hier – wenn Sie wollen, können Sie das Stück wieder erwerben!« Die Frau warf den Kopf in den Nacken und lachte herzlich, bevor sie weitersprach. »Die hübsche Schmuckschatulle mit der Dekoration aus Muscheln habe ich bereits verkauft, die kleine runde Spieldose mit der Einlegearbeit aus Holz auch, sie haben schon am frühen Vormittag eine Abnehmerin gefunden, eine sympathische Gymnasiallehrerin aus Radkersburg …«, fuhr sie fort. Ihre Stimme wurde immer leiser, bis ich nicht mehr hören konnte, was sie sagte, obwohl ihre Lippen sich bewegten. Ich bückte mich und griff nach dem Anhänger. Dabei wurde mir kurz schwarz vor den Augen, und ich schwankte. Ein kräftiger Arm kam mir zu Hilfe. Stefans Arm.
»Ist alles in Ordnung, Prinzessin?«, hörte ich ihn wie von weitem fragen. »Fühlst du dich nicht wohl? Du bist so blass.«
»Doch, doch«, sagte ich und richtete mich auf. »Es geht mir gut. Es ist nur der Wein von gestern Abend.« Ich ließ das Lederband durch meine Finger gleiten. »Ein hübscher Anhänger.«
Stefan nahm mir die kunstvoll geflochtene Schnur aus der Hand und legte sie mir um den Hals. Er trat zwei Schritte zurück und betrachtete mich, schaute mich aufmerksam an, prüfend, wachsam. So wie damals, als er mich mit dem halben Brief aus Zürich in der Hand überrascht hatte. Aber vielleicht bildete ich mir das nur ein, hatte es mir auch damals nur eingebildet?
»Ich schenke dir das Amulett«, sagte er dann und lachte. »Ich kaufe es tatsächlich zurück!« Die dicke Frau stimmte in sein Lachen ein, ihr Brustkorb wogte, die knallroten Pompons flogen. »Es ist für dich bestimmt. S wie Sissi.«
»Oder S wie Stefan«, sagte die dicke Frau und hörte auf zu lachen. »So heißen Sie doch mit Vornamen, nicht?« Sie schaute argwöhnisch von ihm zu mir, ließ ihren Blick wenig freundlich auf mir ruhen und dann wieder zu ihm zurückschweifen. »Es ist doch wohl kein Geschenk Ihrer verstorbenen Frau?«
Er antwortete nicht.
Während der restlichen Zeit, die ich an diesem Sonntag mit Stefan verbrachte, bemühte ich mich, die Fassung zu bewahren und gleichmütig zu erscheinen, zumal ich das Gefühl hatte, dass er mich genau beobachtete. Aber wahrscheinlich war auch das nur Einbildung. Als mir klar wurde, dass ich den Aufruhr in meinem Inneren nicht länger würde verbergen können, gab ich vor, mich am Abend noch auf eine Lehrveranstaltung für den nächsten Tag vorbereiten und deshalb früher als sonst losfahren zu müssen. Stefan zeigte sich freundlich und verständnisvoll. Als ich wegfuhr, stand er vor der Haustür und winkte mir nach.
Am Beginn der Fahrt nach Wien hätte ich zweimal um ein Haar einen Unfall verursacht, so unkonzentriert steuerte ich meinen VW. Mit zunehmender Dunkelheit ließ die Anspannung etwas nach, die Wärme der Autoheizung, der heimelige rote Schein der Rückleuchten der Wagenschlange vor mir beruhigten mich, auch die Regelmäßigkeit, mit der die Scheinwerferlichter der mir auf der anderen Richtungsfahrbahn entgegenkommenden Fahrzeuge aufleuchteten und wieder in die Finsternis eintauchten. Dass Stefan ein sehr feinfühliger Mann war, darüber bestand kein Zweifel. Er kannte mich seit Jahrzehnten und wusste mich ganz gewiss gut einzuschätzen. Natürlich war ihm das Entsetzen, das mich beim Anblick der kupfernen Schlange überkommen und sich als plötzliche Schwäche manifestiert hatte, nicht verborgen geblieben, ebenso wenig wie meine innere Erregung in den Stunden danach. Aber er konnte doch nicht im Entferntesten ahnen, dass ich über die Herkunft des Anhängers Bescheid wusste! Und es war unleugbar das Amulett, von dem Dante Gabriele und Salvatore gesprochen hatten, ein Irrtum war nicht möglich, dazu hatten die beiden das Objekt zu genau beschrieben.
Stefan hatte gelogen, das stand nun außer Frage. Er war nach dem Tag, an dem Regina angeblich ertrunken war, nach ihrem Ausflug nach Neapel, wieder mit ihr zusammengetroffen, und bei dieser Gelegenheit hatte sie ihm ihr Präsent offeriert, in einer beispiellos zynischen Geste. S wie Stefan.
Was war danach geschehen?
Und sein Geschenk an mich? Seine Geste? War nicht vielleicht auch sie beispiellos zynisch gewesen? S wie Sissi.
Weshalb musste der Anhänger in einem Augenblick auftauchen, da unser Verhältnis im Begriff war, sich zu vertiefen? Da wir unsere Ängste und Traumata ernsthaft zu überwinden versuchten und eine emotionale Annäherung riskierten? Zu einem Zeitpunkt, zu dem der Spuk, den das Phantom Regina mit uns getrieben hatte, endgültig vorüber zu sein schien? Das Vertrauen, das wir so langsam und zögernd zueinander gefasst, das Gefühl der Zuversicht, das wir so zaghaft und vorsichtig entwickelt hatten, beides war mit einem Schlag zerstört – zumindest, was mich betraf. Nun konnte ich die Einsichten, die ich auf der Insel gewonnen hatte, nicht mehr beiseiteschieben, ignorieren, verdrängen, die Begebenheiten, denen ich auf die Spur gekommen war, nicht mehr als Hirngespinste abtun. Nach der Entdeckung des aus Neapel stammenden Schmuckstücks auf dem Flohmarkt im Sausal war das nicht länger möglich.
Plötzlich war mir kalt, es schauderte mich, obwohl die Heizung mittlerweile auf Hochtouren lief.