2

Der zweite Fehler war es, das Erbe meines Vaters anzutreten.

»Ich habe eine Mühle geerbt«, sagte ich zu Emma, nachdem ich vom Notariatstermin in der Südsteiermark zurückgekommen war.

»Wie bitte?«, fragte sie und legte Messer und Gabel beiseite. Wir saßen beim Essen. Ich hatte Kalbszunge zubereitet, Lingua in salsa piccante, ein köstliches Gericht aus dem Aostatal. Dazu tranken wir einen Pinot Grigio aus dem Trentino. Die italienische Küche ist meine Spezialität, und ich behaupte, Emma nicht zuletzt mit meiner Kochkunst erobert zu haben.

Dass ich einen Vater gehabt hatte und dass dieser gerade gestorben war, war ihr nun bekannt. Davon abgesehen, wusste sie aber noch immer nichts über mich und meine Familie. Ich beschloss, sie über ein paar Details in Kenntnis zu setzen.

»Ja, die alte Mühle, in der er während der letzten paar Jahre gewohnt hat. Meine Großeltern haben sie ihm zu Lebzeiten übertragen. Eine Schenkung. Ich war nie dort, hatte kaum noch Kontakt zu ihm. Ab und zu hat er mich angerufen, immer mitten in der Nacht. Aber ich verstand wenig von dem, was er sagte – erstens, weil er jedes Mal betrunken war, und zweitens wegen der lauten Rockmusik im Hintergrund. Geweint hat er auch häufig.«

»Geweint? Weshalb denn?«

»Ach, vor allem wegen meiner Mutter.«

»Was ist mit ihr?«

»Sie war seine große Liebe, und sie hat ihn verlassen. Mich übrigens auch.«

»Wann?«

»Als ich ein halbes Jahr alt war.«

»Was!« Emma riss ihre schmalen, graublauen Augen mit diesen atemberaubenden jadegrünen Einsprengseln darin auf, so weit es ging. »Erzähl mir!«

Also erzählte ich.

Nachdem meine Mutter meinen Vater verlassen hatte und zurück nach Brasilien gegangen war, vernichtete er alle Fotos, auf denen sie zu sehen war. Und das waren nicht wenige, da er stolz auf ihre Schönheit gewesen war und sie oft fotografiert hatte.

»Ich habe alle Bilder zerstört, alle!«, hatte er mir mit schwerem Zungenschlag am Telefon erzählt. »Ich habe sie in die Häckselmaschine geworfen, zusammen mit den Rüben.« Ein Schluchzen. »Ich habe sie zerhackt, Sissi, zerhackt, nichts ist übrig geblieben von Olinda!«

Aber meine Großmutter hatte noch ein Hochzeitsfoto, das sie mir zeigte, als ich ein Kind war. Ich wollte es behalten, doch sie gab es mir nicht. Später habe ich es ihr gestohlen.

»Das ist deine Mutter, die Ausländerin«, hatte sie gesagt. »Ein hübsches Lärvchen, aber hochnäsig. Du schlägst nach ihr, man merkt es schon. Kaum achtzehn, die verwöhnte Gans, als Caspar mit ihr daherkam, aber sie hat alle im Dorf von oben herab behandelt. Als ob sie etwas Besseres gewesen wäre als wir Weinbauern, nur weil ihr Vater Besitzer einer Schnapsfabrik war. Zuckerrohrschnaps. Zur Hochzeit haben sie ein paar Flaschen mitgebracht, ein fürchterlicher Fusel, kann ich dir sagen. Da lobe ich mir unseren Tresterbrand. Dein Vater war schwer betrunken von dem Zeug, schon vor der Trauung, eine Schande für die Familie. Beim Ringwechsel konnte er kaum stehen. Und wie sie angezogen waren, unfassbar! Eine peinliche Hochzeit. Hochnotpeinlich, die ganze Geschichte, von Anfang bis Ende. So etwas hat es nie im Dorf gegeben, vorher nicht und nachher auch nicht. Ich habe es Caspar niemals verziehen. Caspar, habe ich gesagt, du warst immer ein stures Kind, und ich habe dir vieles verzeihen müssen. Aber das, Caspar, das verzeihe ich dir nicht!«

Auf dem Foto stehen meine Eltern nebeneinander vor dem Tor der Kirche, in deren Friedhof mein Vater jetzt begraben liegt. Sie sehen linkisch aus, wie schüchterne Halbwüchsige. Viel älter waren sie auch nicht. Beide sind sehr groß und dünn, meinem Vater reichen die dunklen Haare bis auf die Schultern, er hat einen Schnurrbart und Koteletten und trägt eine John-Lennon-Brille, ein bis zum Brustbein offenes, loses weißes Hemd und eine Glockenhose in Grün, Blau und Violett mit Paisley-Muster.

»Ein solcher Aufzug«, sagte meine Großmutter, »wie die Zigeuner! Aber wir mussten einwilligen, sonst hätten sie nur standesamtlich geheiratet, und das hätte mir das Herz gebrochen. Natürlich hat es uns einige gute Flaschen gekostet, den Pfarrer zu überzeugen. Ein Karneval in der Kirche!«

Meine Mutter hat das lange, glatte blonde Haar offen und in der Mitte gescheitelt und ein buntes Tuch um die Stirn geschlungen, dessen Zipfel über eine Schläfe herabfallen. An ihren Ohren hängen große dünne goldene Creolen, sie trägt einen fließenden Hosenanzug aus einem dünnen Material mit Rüschen und Volants und einem Muster aus roten und orangefarbenen Kreisen, dazu sonnengelbe Schuhe mit hohen Plateauabsätzen. Sie sieht aus wie Joni Mitchell, nicht so, wie man sich eine Brasilianerin aus Pernambuco vorstellt.

»Sie war so schön, Sissi«, sagte mein Vater am Telefon. »So schön, unvorstellbar. Blond, aber kohlschwarze Augen, eine Seltenheit. Das Blonde kam von den Holländern, weißt du, die Holländer waren eine Zeitlang in der Gegend, aus der sie stammt. Ein Hexenblick – wenn sie mich ansah …« Er begann laut zu weinen.

Wegen der Holländer hieß meine Mutter Olinda mit zweitem Vornamen Saskia. Die Stadt, aus der sie kam, hieß ebenfalls Olinda.

»Es heißt: O, wie schön!«, erklärte mir mein Vater. »Verstehst du? Das sagt alles: O, wie schön!«

»Sympathische junge Leute«, sagte Emma, nachdem ich ihr das Foto gezeigt hatte. »Sei stolz auf deine Eltern. So fein und zart. Wie anmutige Tiere. Rührend. Du hast die Figur deiner Mutter. – Wie haben sie sich kennengelernt? Erzähl!«

Und ich erzählte.

Meinem Vater war das Dorf immer zu klein.

»Schon bei seiner Geburt wusste ich, dass es mit diesem Kind nichts als Schwierigkeiten geben würde«, sagte meine Großmutter zu mir. »Noch bevor die Nabelschnur durchtrennt war. Es war die Art, wie er schrie. Und ich hatte recht. Er war von Anfang an obstinat. Vom allerersten Schrei an.«

Mein Vater sah es anders.

»Ich hatte keine Lust, Weinbauer zu werden, so wie alle im Dorf. Mir war langweilig hier, ich wusste nicht, was ich mit mir anfangen sollte. Das änderte sich mit der Kawasaki.«

Ach, die Kawasaki. Ich erinnere mich noch an die Ausfahrten mit meinem Vater. Ich war keine drei Jahre alt, da setzte er mich schon vor sich auf den Tank und brauste auf den kurvenreichen Straßen im Sausal dahin, hügelauf und hügelab. Es gefiel mir nicht, mir wurde übel. Später dann saß ich hinter ihm und hielt mich in panischem Entsetzen an ihm fest, wenn er beschleunigte. Er verstand meine Reaktion nicht.

»Sei doch nicht so verkrampft, Sissi! Lehn dich in die Kurve hinein, so weit du kannst. Ganz locker. Du musst mit der Maschine mitgehen, dich anpassen, mit ihr verschmelzen. Nein, nicht hinaus, hinein! Ja, so ist es besser – ein herrliches Gefühl!«

Die Kawasaki Samurai, die ihm seine Eltern widerwillig schenkten, machte einen Mann aus ihm, noch vor meiner Mutter.

»Was hätten wir tun sollen, dein Großvater und ich?«, sagte meine Großmutter. »Monatelang lag er uns in den Ohren mit seinem Gejammer, er bat und bettelte und drängte, drohte, nach Kanada auszuwandern, wenn er die Maschine nicht bekam. Der Starrsinn in Person, dein Vater. Und unbescheiden, genau wie du. Er hat kein gutes Haar am Dorf gelassen, hat gespottet über die Leute hier, uns als Hinterwäldler bezeichnet. Also haben wir sie ihm schließlich gekauft. Wir hofften, durch das Motorradfahren würde sich seine Widerborstigkeit etwas legen. Die Kawasaki kostete ein Heidengeld. Wir mussten uns sehr einschränken, dein Großvater und ich. Aber was hätten wir machen sollen?«

Laut meinem Vater, der mich mit technischen Einzelheiten nicht verschonte, war die Präsentation der Kawasaki A1 Samurai im Jahre 1966 eine Sensation.

»Sie schlug ein wie eine Bombe«, erzählte er mir. »Den Motorradfans auf der ganzen Welt stockte der Atem. Ich war damals siebzehn und setzte mir die Maschine in den Kopf. Ein Jahr später hatte ich sie. Die Kawasaki hat mein Leben verändert. Eine echte Zweitakt-Rakete. Praktisch eine Rennmaschine mit Straßenzulassung. Einunddreißig PS und eine Spitzengeschwindigkeit von sagenhaften einhundertsiebzig Stundenkilometern. Der Motor kam bis auf zehntausend Umdrehungen pro Minute.«

»Tatsächlich«, sagte ich.

»Tatsächlich. Dank der zuverlässigen Frischölschmierung.«

»Ah.«

»Die Samurai war leicht, handlich und spritzig«, fuhr mein Vater fort. »Man nannte sie auch den Kleinen Ritter.« Er seufzte. »Ein Fahrgefühl, unwahrscheinlich! Kannst du dich noch an unsere Ausfahrten erinnern?«

»Ja«, sagte ich. »Unvergesslich.«

»Nicht wahr? Candy Red, das war die Farbe. Ein kräftiges, lebhaftes Rot. Doppelschleifenrahmen, Telegabel für die Führung des Vorderrades und Stahlrohrschwinge mit zwei Federbeinen zur Hinterradführung. Die Fahrerfußrasten waren hochklappbar. Weißt du noch?«

»Ja«, sagte ich. »Weiß ich noch.«

»Eine Legende, das Bike. Du verdankst ihm dein Leben, Sissi. Ohne die Samurai wäre ich deiner Mutter nie begegnet, und es gäbe dich nicht.«

Meinen Vater hätte es wegen der Kawasaki Samurai und wegen meiner Mutter um ein Haar auch nicht mehr gegeben. Nachdem Olinda ihr Abitur gemacht hatte, fuhren ihre Eltern mit ihr nach Europa.

»Ihr Vater, also dein Großvater, wollte sie ihren Wurzeln näher bringen«, sagte mein Vater. »Er war Italiener, aus Spoleto gebürtig, und ist nach Brasilien ausgewandert, kurz nachdem Mussolini erschossen worden war. Ein überzeugter Faschist, er hatte Angst vor den Amerikanern, und das zu Recht. Das habe ich anfangs natürlich nicht gewusst. Das und noch so einiges.«

Spoleto war das erste Ziel der Reise, doch meine brasilianische Großmutter war von Italien im Allgemeinen und von Spoleto im Besonderen nicht sonderlich begeistert und wollte so schnell wie möglich nach Wien.

»Olindas Mutter war eine ganz ordinäre Person und eine Hexe obendrein«, behauptete meine Großmutter, die Hexe, »man sah es auf den ersten Blick. Eine Aufsteigerin, die Tochter von Plantagenarbeitern. Kaffee. Sie war mindestens zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, der aussah wie eine Erdkröte, dick und voller Warzen. Dass sie ihn seines Geldes wegen geheiratet hatte, war mir sofort klar, mich täuscht man nicht so leicht. Ordinär, aber arrogant, so wie es oft der Fall ist. Olinda hatte die Arroganz von ihr, und du hast sie von Olinda, das muss leider gesagt werden. Und überheblich und vulgär, wie sie war, wollte sie natürlich nach Wien und mit der Erdkröte in die Oper, ins Konzert, ins Theater, in die Kaffeehäuser, was weiß ich. Ich war ja noch nie in Wien. Wozu auch? Die Wiener sind unehrliche Menschen und schenken in ihren vielgerühmten Kaffeehäusern schlechten Wein aus. Außerdem hat der Steirer in seiner Heimat alles, was er braucht.«

Meine Mutter und ihre Eltern fuhren also mit einem Mietauto von Italien nach Norden und über Venedig und Ljubljana in Richtung Wien. Kurz nach Leibnitz blieben sie an einer Tankstelle stehen. Während ihr Vater volltankte, stieg Olinda kurz aus, um sich ein bisschen die Beine zu vertreten. Da sah sie das goldene Gefieder eines Fasans in einem Feld auf der anderen Seite aufglänzen und lief über die Straße. In diesem Augenblick kam mein Vater mit seiner Kawasaki A1 Samurai aus Richtung Graz angefahren.

»Das musst du dir vorstellen, Sissi«, erzählte er mir. »Ich fahre mit über hundert Sachen dahin, genieße die Geschwindigkeit, den Fahrtwind, und da rennt plötzlich etwas vor mir über die Straße, etwas Großes, Langes. Ich sehe nicht einmal genau, ob es ein Mensch oder ein Tier ist. Ich bremse wie verrückt, das Vorderrad bockt, ich verliere die Herrschaft über den Lenker, das Ding rutscht unter mir weg, und es katapultiert mich in ein Maisfeld. Ich liege also auf dem Bauch mitten im hohen Mais, im Dunkeln. Da höre ich ein Rascheln, dann eine Stimme, eine helle Stimme:

Mister, Mister, are you all right?

Ich versuche den Kopf zu drehen, es funktioniert, und ich begreife, dass ich mehr Glück als Verstand gehabt habe. Ich sehe einen Schatten über mir, eine lange, schmale Silhouette. Und habe mich augenblicklich in sie verliebt. In die Silhouette deiner Mutter.«

Die Sichtweise meiner Großmutter war weniger sentimental.

»Diese magere brasilianische Ziege hat ihm nichts als Unglück gebracht. Im Grunde wollte sie ihn umbringen, das hat sich gleich zu Anfang gezeigt. Und es ist ihr fast gelungen. Sieh ihn dir doch an! Ein Säufer, der zu nichts mehr taugt. Man ist wirklich geschlagen mit einem solchen Sohn.«

»Was für eine Begegnung!«, sagte Emma. Du bist ein Kind der Liebe, so viel steht fest. Erzähl weiter.«

»Ein andermal. Hast du Lust, am kommenden Samstag mit mir in den Sausal zu fahren und die Mühle zu besichtigen?«, fragte ich.

»Warum nicht?«

»Ich mag das Land nicht«, sagte ich, während wir die Staubstraße zum Hof meiner Großeltern hinauffuhren. »Es langweilt mich. Man fühlt sich ständig überwacht. Die Bauern sind heimtückisch. Sie reden nicht viel und schauen einen scharf an. Im Grunde denken sie nur ans Geld.«

»Und jetzt erbst du ein Haus hier«, sagte Emma und lachte. »Was wirst du damit machen?«

»Weiß ich noch nicht. Verkaufen vielleicht. Aber wer will schon eine alte Mühle mitten im Wald?«

Meine Großeltern saßen in der Stube. Ich erkannte meine Großmutter nicht sofort, denn sie trug die Perücke, die sie sich nach dem Blitzunglück zugelegt hatte. Offenbar hatte man sich bei der Bestellung geirrt, denn die Perücke war blond und die Frisur wie die von Doris Day. Meine Großmutter stand auf, kam mit ausgestreckten Armen in ihrer blauen Kleiderschürze auf uns zu und musterte Emma dabei ebenso misstrauisch wie unverhohlen.

»Das ist also deine Bekannte aus Wien«, sagte sie mit einem gekünstelten Lächeln. Ich erschrak, denn meine Großmutter lächelte selten. »Willkommen im Sausal, Frau Emma!«

Sie sprach sehr laut, und wenn man mit ihr redete, musste man ebenfalls die Stimme erheben. Seit dem Trommelfellriss hörte sie schlechter.

Mein Großvater, der die steirische Ausgabe der Kleinen Zeitung las, schaute kurz auf und nickte uns zu.

»Sie werden hungrig sein, Toni!«, rief er.

Meine Großmutter setzte uns eine typische südsteirische Jause vor: Roggenbrot, Bauernbutter, geräucherte Rohwurst und Rohschinken, Leberwurst, einen Aufstrich aus gehacktem Räucherspeck mit viel Knoblauch, einen zweiten, vegetarischen, Essiggurken und scharfe Pfefferoni und dazu einen Krug Weißwein. Ziemlich schwer verdaulich, das meiste.

»Iss ordentlich, Sissi« sagte meine Großmutter. »Du siehst aus wie ein Skelett. Nichts als Haut und Knochen.« Und, zu Emma gewandt: »Das Kind war immer spindeldürr, wissen Sie. So wie ihre Eltern. Guten Appetit, Frau Emma!«

Das Kind, das im Mai vierunddreißig geworden war, begnügte sich mit etwas Brot und Liptauer. Emma dagegen hatte ich noch nie mit so großem Genuss essen und trinken sehen, nicht einmal, als ich mir mit dem ligurischen Fischeintopf solche Mühe gegeben hatte. Das enttäuschte mich ein bisschen.

»Herrlich!«, sagte sie und bestrich noch eine Scheibe Brot fingerdick mit diesem unsäglichen Aufstrich aus fettem Speck. »Ich liebe bodenständige Kost!« Und nach einem schuldbewussten Seitenblick auf mich setzte sie hinzu: »Deine italienischen Spezialitäten natürlich auch. Man kann das nicht vergleichen.«

»Übrigens haben wir in der Mühle schon aufgeräumt, deine Tanten und ich«, sagte meine Großmutter.

»Das hätte ich ja selber machen können!«, rief ich. »Mit Emma!«

»Du? Mit deinen zwei linken Händen? Und weshalb schreist du so?«, fragte meine Großmutter und zog ihre grauweißen, leicht zerzausten Augenbrauen hoch. »Wissen Sie, Frau Emma, das Kind hat sich von Anfang an ungeschickt angestellt, wahrscheinlich mit Absicht. Um sich vor der Arbeit zu drücken, genau wie ihre Mutter, die Ausländerin.« Sie drehte sich zu mir. »Die Räume waren in einem unvorstellbaren Zustand, Sissi. Und ein Gestank! Wir haben mindestens hundert leere Schnapsflaschen gefunden.« Und wieder zu Emma gewandt: »Eine Prüfung des Schicksals, ein solcher Sohn. Sissi hat Ihnen sicher von Caspar erzählt.« Sie wischte sich mit einem Zipfel der blauen Kleiderschürze über die Augen. »Schlimmer als die zehn Plagen Ägyptens. Gottlob erlegt einem der Allmächtige nie mehr auf, als man tragen kann.«

Der Großvater schaute über seine Zeitung.

»Jetzt hör aber auf, Toni!«, rief er.

»Wenn es doch wahr ist«, sagte meine Großmutter.

Später gingen wir zu Fuß zur Mühle. Die Großeltern hatten uns den Weg beschrieben. Es war ein klarer, warmer Tag im Frühherbst, an den Bäumen hingen die ersten Äpfel und Zwetschken. Im Obstgarten neben einem Haus waren zwischen den Stämmen Wäscheleinen gespannt, die weißen Betttücher blähten sich im leichten Wind. Eine Frau mit einem Kopftuch und einer Schüssel im Schoß saß auf den steinernen Eingangsstufen und säuberte Pilze. Sie sah uns nicht. Neben ihr stand ein großer Topf mit Geranien. Ein alter, gebeugt gehender Mann mit einem dicken Stock und einem dunkelblauen Arbeitskittel kam uns entgegen. Ein Schäferhund lief hinter ihm her. Der Mann schaute nicht auf, als er an uns vorüberging. In den Feldern leuchteten gelb die Kürbisse. Bis zu ihrer Ernte würde es noch einige Wochen dauern.

»Es ist schön hier«, sagte Emma. »Aber ich kann verstehen, dass du weggegangen bist.«

Ich schlug den Weg in den Wald ein. An den Zweigen der Holundersträucher hingen schwarze Dolden. Ich zeigte auf eine Eberesche mit orangefarbenen, fast roten Beeren.

»Mit dem Schnaps, den man daraus gewinnt, hat sich mein Vater gern betrunken«, sagte ich. »Vogelbeerschnaps. Am liebsten war es ihm, wenn ich mit ihm trank.«

Wir gingen eine Weile den Bach entlang. Beim alten Wehr zweigten wir ab und betraten den schattigen Hohlweg, der zur Mühle hinunterführt. Gleich war es kühler. Wir kamen am Haus des Forstgehilfen vorüber. Niemand schien zu Hause zu sein, nichts rührte sich.

»Hier möchte ich nicht leben. So tief im Graben, ohne Sonne«, sagte Emma. »Weißt du, wer hier wohnt?

»Der Forstgehilfe mit seinem Bruder. Ich kenne sie nicht, aber meine Großmutter hat mir erzählt, dass sie meinen Vater gefunden haben.«

»Du meinst, als er –

»Ja, da war er schon tot.«

Der Weg wurde schmaler, während es tiefer in den Graben ging. Ich schob ein paar Erlenzweige beiseite. Eine schwarzweiße Bachstelze trippelte am Rand des Rinnsals dahin, das früher der Mühlbach gewesen war. Ihr Schwanz wippte, sie zwitscherte leise. Als sie uns bemerkte, flog sie in einer langen Wellenbewegung auf.

Emma umfasste sich mit den Armen.

»Es ist kalt hier.«

»Wir sind da«, sagte ich und nahm den großen eisernen Schlüssel für die Eingangstür aus meiner Handtasche. Neben mir verlief das baufällige, aus Holzbrettern bestehende Mühlgerinne, in dem kein Wasser floss. Es endete auf dem Rad, dem einige Sprossen fehlten. Die Mühle war seit Jahren nicht mehr in Betrieb. Ein kleines Gebäude aus verwittertem Holz, an dessen Rückseite Schnittholz aufgeschichtet war. Damit hatte mein Vater wahrscheinlich geheizt. Wir bogen um die Hausecke und standen vor dem Eingang. In einem Hackstock neben der Tür steckte eine Axt.

Als ich den Schlüssel im großen Schlüsselloch drehte, merkte ich, dass die Tür offen war, und stieß sie auf.

»Sie haben vergessen, die Tür zuzusperren«, sagte ich.

Wir gingen ins Haus. Emma betrat die Stube zur Linken und fuhr zurück.

»Hier ist jemand«, sagte sie.

In einem Lehnstuhl, über den eine zerschlissene graubraune Decke geworfen war, saß der junge Mann mit dem Mondgesicht und den gepiercten Augenbrauen, der mir am Tag der Beerdigung begegnet war. Er hatte das violette T-Shirt mit dem auf dem Kopf stehenden roten Kreuz an und ein Buch in der Hand. Als er mich sah, grinste er und brachte mehrmals mit Anstrengung einen Laut hervor, der wie ein langgezogenes I klang. Vielleicht versuchte er meinen Namen zu sagen.

»Was machst du hier? Wer hat dich eingelassen?«, fragte ich.

Er deutete auf die Tür und sagte etwas.

»Die Tür war offen?«, fragte ich. Er nickte.

»Wer ist das?«, flüsterte Emma. »Frankensteins Butler? Und dieses umgedrehte Kreuz – ist das nicht ein satanistisches Symbol?«

»Wie heißt du?«, fragte ich.

»Oian«, sagte er.

»Florian?«, riet Emma. Er nickte wieder. »Und wo wohnst du?«, fragte sie weiter. Er wandte sich um und deutete zu dem Fenster hin, das auf die Rückseite des Hauses hinausging.

»Oon«, sagte er.

»Oben? Im Haus da oben?«, fragte ich. Er nickte rasch. »Wo der Forstgehilfe wohnt?« Er lachte, nickte noch heftiger.

»Uda«, sagte er und stieß sich mit dem Zeigefinger mehrmals in die Brust.

»Sein Bruder bist du?«

Wieder lachte er und nickte.

»Du musst jetzt gehen«, sagte ich. »Wir haben hier viel zu tun.«

Er blieb sitzen und schaute finster.

»Du kannst ein andermal wiederkommen«, sagte ich.

Er blickte auf.

»Ida omen?«, sagte er.

»Ja, ein andermal.«

Er stand auf, legte das Buch auf die Sitzfläche des Lehnstuhls und ging langsam rückwärts zur Tür. Bevor er sich umdrehte und hinausging, lächelte er breit.

»Ida omen«, wiederholte er.

Emma ging zum Stuhl hin und nahm das Buch in die Hand.

»Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten«, las sie. »Merkwürdiger Titel.«

Wir übernachteten in der Mühle, in dem breiten, frisch bezogenen Bett in einem der beiden Zimmer im ersten Stock. Ich fragte mich, ob mein Vater in diesem Bett geschlafen hatte. Wir nahmen Kerzen mit hinauf, elektrisches Licht gab es nur im Erdgeschoß.

Emma stellte sich ans Fenster und schaute hinaus in die Schwärze. »Hier braucht man keine Vorhänge«, sagte sie. »Und wie still es ist.«

Ich erinnerte mich daran, wie mein Vater mitten in der Nacht stockbetrunken seinen CD-Player auf volle Lautstärke gedreht hatte, an sein heiseres Grölen zur Musik von Colosseum, Led Zeppelin, Cream, Deep Purple, Black Sabbath und wie seine Erlöser alle geheißen hatten. Wie er irgendwann halb bewusstlos auf dem Fußboden liegen geblieben war. Das alles kannte ich aus den Jahren, in denen ich mit ihm zusammengewohnt hatte, in einem Haus, das nie fertig geworden war. I was her love / She was my queen / And now a thousand years between. Olinda, die Königin. Es war immer schlimmer geworden mit ihm. Ich stellte ihn mir vor in dieser Mühle, allein, alkoholsüchtig, halb verrückt. Hush, hush / I thought I heard her calling my name now / Hush, hush / She broke my heart but I love her just the same now.

»Unheimlich«, sagte Emma und kam zu mir ins Bett. »Aber romantisch. Hat was, die Mühle. Wenn man von deinem seltsamen Nachbarn absieht. Igor, meine ich. Aber wohnen könnte ich hier nicht. Viel zu einsam, und so dunkel. Ist dir nicht kalt?«

Sie schlang die Arme um mich und zog mich an sich. Ich drückte meine Nase in die Vertiefung zwischen ihren weichen, schweren Brüsten und atmete tief ein. Ein wunderbarer Ort, diese Mulde. Ich liebte Emmas Geruch.

»Morgen würde ich gern einen alten Freund besuchen, der sich hier in der Gegend niedergelassen hat«, sagte ich. »Kommst du mit?«

»Warum nicht?«

Der Sonntag war ebenso blank und sonnig wie der Tag davor. Als wir aus dem Wald traten, kniff ich unwillkürlich die Augen zusammen, so hell war das Vormittagslicht. Ein kleines Mädchen in einem karierten Kleid stand gebückt in einer Wiese und streichelte versunken eine weiße Katze mit schwarzen Flecken. Ein Lastwagen, der Holz geladen hatte, fuhr an uns vorüber, die beiden Männer, die darin saßen, lachten uns zu. Ihre Gesichter waren dunkel, und einer hatte nur noch wenige obere Schneidezähne.

»Wir haben Chancen«, sagte Emma und kicherte wie ein Mädchen. »Also, wer nimmt den Satansjünger mit den Reinkarnationsschwierigkeiten im Graben und wer den zahnlosen Herrn hier? Knobeln wir?«

Wir kehrten zu meinem Wagen zurück, der vor dem Hof der Großeltern stand, und fuhren los, ohne das Haus zu betreten. Vor uns am Straßenrand gingen schweigend ein älterer Mann und ein kleiner Bub, die gemeinsam einen grünen Eimer trugen. Eine Frau in ländlicher Sonntagstracht mit einem schwarzen Kopftuch und einer großen, blitzblauen Sonnenbrille kam uns auf einem roten Moped entgegen. Emma schaute aus dem Fenster.

»Was um Himmels willen ist das für ein Bauwerk?«, fragte sie und deutete auf ein großes, verwahrlost wirkendes und kompliziert konstruiertes Gebäude neben der Straße. Es hatte ein rotes Dach, mehrere Türmchen, Balkons und Terrassen sowie von Säulen getragene Arkadengänge im Erdgeschoß und wirkte in dieser Umgebung grotesk. Die Mauern waren nicht verputzt, die Ziegel grau. »Da hat sich jemand nach einem Urlaub in Mallorca seinen Traum von einer Finca erfüllt.« Sie lachte.

Ich fuhr an den Straßenrand und schaltete den Motor aus. Ein hohes Tor aus verschnörkeltem Schmiedeeisen bot Zugang zu dem eher kleinen Grundstück. Es gab keinen Zaun, der es umschloss, nur das Tor. Um das Haus herum stand vertrocknet das hohe Gras. Ein paar verdorrte Agaven säumten das lange Schwimmbecken an der Seite des Hauses, das statt mit Wasser mit toten Blättern gefüllt war. Zwischen zwei gedrechselten Steinsäulen hing eine verblichene, zerfetzte Hängematte.

»Weshalb bleibst du stehen?«, fragte Emma. »Und warum sagst du nichts?«

»Das, meine Liebe, ist keine Finca, es ist eine Estancia, in Brasilien Fazenda genannt«, erklärte ich. »Es ist das Haus, das meine Mutter sich gewünscht hat und das mein Vater mit dem Geld seiner Eltern für sie erbauen ließ. Sie kehrte zurück nach Pernambuco, bevor es fertig war. Und dann ging meinen Großeltern das Geld aus.«

»Was?«

»Meine Mutter war eine anspruchsvolle junge Frau aus einer gutsituierten Familie, und mein Vater wollte ihr imponieren und um jeden Preis ein standesgemäßes Zuhause bieten, eines, in dem sie sich wohlfühlen und um das sie von allen anderen Frauen im Dorf beneidet werden sollte, ein Haus, geräumig genug für ein glückliches Paar mit vielen Kindern. So war es geplant. Aber so kam es nicht. In diesem Haus bin ich aufgewachsen, als Einzelkind, hier habe ich jahrelang allein mit meinem Vater gewohnt.«

»Ist ja sagenhaft. Langsam begreife ich, weshalb du schon so lange bei dieser Therapeutin für katathymes Bilderleben bist«, sagte Emma. »Erzähl weiter.«

Ich erzählte weiter. Während wir über die Weinhügel fuhren, zu Stefan.

Nach der Hochzeit stellten meine Eltern ihr Glück zur Schau, die sicherste Methode, binnen kürzester Zeit den Neid aller auf sich zu ziehen. Doch das wussten sie nicht, jung und naiv, wie sie waren. In ihren weiten, bunten Hippiegewändern spazierten sie Hand in Hand durchs Dorf und blieben alle paar Meter stehen, um sich zu küssen. Zunächst bewohnten sie zwei Zimmer im Haus meiner Großeltern. Das ging nicht lange gut.

»Der kleinste Handgriff war dem verzogenen Ding zu viel«, sagte meine Großmutter zu mir. »Dein Großvater und ich, wir hätten uns natürlich eine aus dem Dorf als Schwiegertochter gewünscht. Aber nein, eine Brasilianerin muss es sein, eine Dahergelaufene mit langen Fingernägeln, die vom Weinbau keine Ahnung hat! Jeder Nagel war in einer anderen Farbe lackiert, das musst du dir vorstellen. Ein verspieltes Ding ohne Ernst und Verstand, deine Mutter, du bist ihr nicht unähnlich. Und dein Vater fällt darauf herein. Nie hat er sich benommen wie ein normaler Mensch, immer musste er alles anders machen als die Leute hier. Na ja, wohin das führt, hat sich gezeigt, man spottet nicht ungestraft über seine Heimat.«

»Deine Großmutter und Olinda haben sich auf den ersten Blick gehasst«, erzählte mir meine Tante Beate. »Eine Herrschsüchtige erkennt die andere, und zwei Herrschsüchtige unter einem Dach, das geht nicht gut. Olinda hat sich ihrer Schwiegermutter nie untergeordnet, es gab ständig Streit. Schließlich hat sie Caspar vor die Wahl gestellt: Entweder wir ziehen aus, oder ich gehe zurück nach Brasilien, hat sie gesagt, ich weiß es noch genau, ich war dabei. Na ja, und dann haben sie dieses Haus gebaut, aber damit wurde nichts besser, im Gegenteil, es war der Anfang vom Ende.«

»Eine einzige Katastrophe, der Hausbau«, sagte meine Großmutter. »Aber wenn Olinda sich etwas in den Kopf setzte, konnte niemand sie davon abbringen, auch nicht Caspar. Ihre ausgefallenen Wünsche trieben deinen Großvater und mich an den Rand des finanziellen Ruins. Es waren bittere Zeiten. Nichts war ihr recht. Unsere soliden steirischen Dachziegel waren ihr nicht gut genug, sie versteifte sich auf brasilianische. Im letzten Augenblick konnte dein Vater sie zu spanischen überreden, ich weiß noch, sie wurden von einem Betrieb mit Sitz in den Pyrenäen geliefert. Engobiert, ich erinnere mich, deine Mutter wollte engobierte Ziegel und nicht glasierte. Rot geflammt, mit zweifacher Wölbung. Die beiden Musterziegel im Farbton Encarnado trafen zerbrochen aus den Pyrenäen ein, kein Wunder bei dem langen Weg. Unsere braven südsteirischen Dachdecker hatten größte Mühe mit der Dachdeckungstechnik, die im Mittelmeerraum üblich ist. Mönch und Nonne, so heißt diese Bauweise. Keiner der hiesigen Handwerker hatte je etwas davon gehört. Oben der Mönch, unten die Nonne. Und das war längst nicht alles. Für die Terrasse wollte Olinda blauen Quarzit aus ihrer Heimat, gab sich aber schließlich mit italienischem zufrieden. Die graugrünen Platten der Marke Gran Paradiso, bruchrauh mit naturbelassenen Kanten, kosteten deinen Großvater und mich ein Vermögen. Ein Betrieb aus der Nähe von Turin, die reinsten Halsabschneider, diese Welschen. Und das sind nur zwei Beispiele, Sissi, zwei von vielen. Ein Desaster, der Hausbau.«

Meine Mutter fand im Sausal keine Freunde. Sie hatte Heimweh. Das steirische Essen schmeckte ihr nicht, sie aß immer weniger und wurde noch dünner, als sie ohnehin schon war.

»Olinda war nur noch ein Schatten ihrer selbst. Und dann, als deine Großmutter schon mit einem siegessicheren Zug um den Mund durchs Dorf ging, weil die Staribacherin, die damals im Reisebüro in Leibnitz arbeitete, ihr zugeflüstert hatte, ihre Schwiegertochter habe einen Flug nach Recife gebucht –«, sagte Tante Beate und legte eine Pause ein, »– ja, dann wurde deine Mutter schwanger.«

»Endlich«, seufzte Emma und schloss die Augen. »Und weiter?«

Ich erinnere mich. Ich erinnere mich an die erste, die früheste Zeit. Daran, dass ich herumgetragen wurde, an eine schaukelnde Bewegung, einen weichen Stoff, der mich einhüllte, an ein helles Orange, einen festen Bauch, eine warme Brust, an einen Duft, von dem ich heute denke, dass es ein Geruch nach Fisch und Zitronen war, an eine hohe Stimme, die manchmal leise auf mich einsprach, manchmal sang und manchmal klagte. Ich mochte es nicht, wenn ich weggelegt wurde, denn dann veränderte sich alles. Es wurde kalt, alles um mich herum war weiß, und es roch unangenehm nach etwas, das wohl Farbe und Lack gewesen war.

»Schon im ersten Schwangerschaftsmonat stolzierte deine Mutter triumphierend, mit herausgestrecktem Bauch durchs Dorf«, erzählte meine Großmutter. »Aber Gott straft die Überheblichen, wir wissen es alle«, fuhr sie mit einem boshaften Lächeln fort und legte den Kopf schief. »Deine Mutter wurde hässlich, Sissi, das muss gesagt werden. Praktisch über Nacht.« Ihr Lächeln vertiefte sich. »Und sie gewann ihre Schönheit auch nach der Geburt nicht zurück. Ihre Haut wurde fleckig, das Gesicht aufgedunsen, die Haare fielen ihr aus, und sie verlor einen oberen Schneidezahn. Sie, die kaum etwas zu sich genommen hatte, aß jetzt Unmengen von schwarzen Bohnen und nahm rasch sehr viel zu, was unseren Doktor Wohlmuth, der vierzig Jahre lang praktischer Arzt in Kitzeck war, zunächst zu der Prophezeiung veranlasste, es handle sich um Zwillinge.« Das Lächeln verschwand, sie sah mich missbilligend an. »Zum Glück hat er sich geirrt, eine halbe Ausländerin in der Familie ist genug. Und dann der Kaiserschnitt! Olinda hätte dem Arzt in Leibnitz, der die Wunde nähte, am liebsten das Gesicht zerkratzt, doch es war zu spät. Er hat tatsächlich schlampig gearbeitet, das muss gesagt werden, die Narbe war lang und breit und blutrot – aber deine Mutter war hoffärtig, und der Allmächtige, dem alles Dünkelhafte ein Dorn im Auge ist, hat an ihr ein Exempel statuiert.«

Meine Großmutter schüttelte den Kopf und schwieg eine Weile.

»Ach, Sissi«, seufzte sie dann, »sei froh, dass deine Mutter dorthin zurückgekehrt ist, wo sie hingehört. Das dumme Ding hatte nicht die geringste Ahnung von Kindererziehung. Dieses grellorange Tuch, das sie sich aus ihrer Heimat kommen ließ und in dem sie dich trug! Ich war krank vor Sorge, sie könnte dich damit ersticken. Oder zumindest deine Wirbelsäule ruinieren. Und wie sich herausgestellt hat, war meine Befürchtung nicht grundlos.« Wieder bedachte sie mich mit einem abfälligen Blick. »Sieh dir deine Haltung an, wie eine Trauerweide stehst du da. Das ist das Ergebnis. Ich weiß noch, unser Herr Doktor Wohlmuth hat entsetzt den Kopf geschüttelt, als er deine Mutter so mit dir im Dorf herumgehen sah. Das arme Kind, hat er gesagt, ohne Bandscheibenschaden kommt dieses Kind nicht davon, eine Skoliose ist vorprogrammiert.«

»Olinda hat sich fast nur von einem unappetitlichen Eintopf aus schwarzen Bohnen ernährt«, verriet mir Tante Dagmar. »Und dich auch. Unsere Käferbohnen waren ihr nicht gut genug. Es war das einzige Gericht, das sie zubereiten konnte. Abgesehen von Stockfisch. In der halbfertigen Küche der halbfertigen Villa Olinda, dieser Ausgeburt ihres Größenwahns, standen ständig Bottiche mit Stockfisch herum. Olinda wässerte den getrockneten Fisch tagelang, aber wenn man ihn aß, war er noch immer fürchterlich salzig. Beides ließ sie sich aus Pernambuco kommen. Ihre Eltern müssen Unsummen für das Porto ausgegeben haben. Kein Wunder jedenfalls, dass Caspar irgendwann beschloss, sich wieder von seiner Mutter verköstigen zu lassen.«

»Was soll ich dir sagen«, seufzte meine Großmutter. »Binnen kürzester Zeit war dein Vater ein Skelett. Er kam zu mir zurück, wie zu erwarten war. Ich musste ihn aufpäppeln wie einen Schwerkranken. Gottlob hat er sich allmählich erholt, unser goldgelber steirischer Kürbis, der nahrhafte Heidensterz und das gesunde Kernöl haben Wunder gewirkt. Deine Mutter hat es nicht verkraftet, sie wurde durch seine Weigerung, ihre Bohnen und den stinkenden Fisch zu essen, noch verrückter, als sie es schon war. Ich sehe sie vor mir, wie sie, dich auf den Rücken gebunden, im leeren Haus von einem Zimmer ins andere läuft, mit wirrem Haar und verstörtem Blick. Als wäre es gestern gewesen. Sie murmelte, lachte, sang, weinte, kein Mensch verstand sie. Und eines Tages war sie weg. Du warst fünf Monate und zwei Wochen alt.«

Emma sah mich mitfühlend an und fuhr mir übers Haar.

»Ein hilfloser Säugling«, hauchte sie, »von der Mutter im Stich gelassen. Was für eine traurige Geschichte.«

Es war nicht schwer, Stefans Haus zu finden. Als ich mir an einer Weggabelung nicht sicher war, welche Richtung ich einschlagen sollte, sprach ich eine große, grauhaarige Frau in einem blau-weiß geblümten, kurzärmeligen Kleid an, die in schmutzigen weißen Nike-Laufschuhen ohne Socken vor einem Bildstock stand und rosa Astern in einer zitronengelben Plastikvase anordnete.

»Zum Herrn Doktor König wollen Sie?«, sagte die Frau und hob einen dünnen, einem gerupften Hühnerflügel nicht unähnlichen Arm. »Sehen Sie das Haus auf dem Hügel? Dort wohnt er. Wenn Sie hier nach links fahren, können Sie es nicht verfehlen, die Straße führt direkt daran vorbei.« Sie bückte sich und sah Emma und mich durch das offene Autofenster hindurch scharf an. Ihre Augen waren hellblau. »Der arme Herr Doktor König«, sagte sie dann, »er bekommt nicht oft Besuch in letzter Zeit. Ganz allein wohnt er in dem schönen Haus, seitdem seine Frau –« Sie richtete sich wieder auf und blickte zum Hügel hoch, auf dessen Kuppe das Haus lag. »Ein bewundernswerter Mensch, unser Herr Doktor König. Tut alles für seine kranken Kinder. Unermüdlich. Er hat es nicht verdient. Seine Frau und er, sie waren ein so sympathisches Paar. Und er hat sie dermaßen –«

»Vielen Dank. Auf Wiedersehen«, unterbrach ich sie.

Sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.

»Er hat sie so geliebt«, sagte sie. »Abgöttisch.«

Wir fuhren auf einer Staubstraße weiter.

»Abgöttisch!«, rief sie uns nach.

»Was ist mit seiner Frau passiert?«, fragte Emma.

»Sie ist gestorben. Vor zwei Jahren.«

»Ist ja schlimm. Woran denn?«

Ich gab keine Antwort. Emma schaute mich von der Seite an.

»Du willst nicht darüber reden«, sagte sie und verschränkte die Arme über der Brust. »Auch gut.«

»Wenn das Wetter so bleibt, kann ich in zwei Wochen ernten«, sagte Stefan, schnitt zwei schwere gelbe Trauben mit einer großen spitzen Schere ab, reichte mir eine und Emma die zweite. Ich aß ein paar der fast durchsichtigen Beeren.

»Nicht schlecht«, sagte ich. »Sehr süß.«

Emma steckte eine Beere in den Mund, verzog das Gesicht und schwieg.

»Nicht wahr?«, sagte Stefan. »Der Weinberg ist ideal gelegen. Südhang, vierzig Prozent Neigung. Aber das Ernten ist anstrengend bei dem steilen Terrain.«

»Ach«, sagte ich, »der Weingarten ist doch nicht groß.«

Stefan sah mich an.

»Du kannst mir ja helfen, wenn du möchtest.«

Wir spazierten weiter durch die Rebzeilen. Emma und Stefan hatten seit unserer Ankunft kaum ein Wort miteinander gewechselt.

»Ich liebe meine Rebstöcke. Dabei waren wir anfangs überhaupt nicht daran interessiert, Regina und ich. Aber wenn wir das Haus wollten, mussten wir den Weingarten mit in Kauf nehmen, der frühere Besitzer bestand darauf.«

Regina und ich.

»Es ist viel Arbeit, vor allem der Schnitt. Man muss die jungen Triebe regelmäßig anbinden, sonst werden die Stämme krumm. Überflüssige Sprossen müssen entfernt werden, die verholzten zurückgeschnitten, die ohne Blüten ausgebrochen. Und dann das Lockern des Bodens, das Düngen, das Jäten. Ich bin ständig beschäftigt.«

Er blieb stehen, hielt die Hand über die Augen und schaute in die Richtung, wo das Blaugrau der Hügel und der hellgraue Horizont ineinanderflossen.

»Ich glaube, da kommt ein Regen«, sagte er und blickte zum Haus zurück. Der Weinberg war nicht Teil des Grundstücks, auf dem das Bauernhaus stand, sondern etwa fünf Minuten Fußweges davon entfernt. Ich sah Stefans kurze Bartstoppeln, den kleinen Ansatz des Doppelkinns, das vertraute Profil mit der langen, geraden Nasenlinie, und plötzlich fiel mir der Abend ein, an dem wir ihn in diesem verrauchten und lauten Studentenlokal kennengelernt hatten. Regina und ich. Dass er um vier Uhr früh ziemlich betrunken mit ihr und nicht mit mir nach Hause gegangen war, war klar. Ich war das Mauerblümchen. Regina bezauberte jeden.

»Gehen wir zurück?«, fragte Stefan.

»Mein Riesling vom vorigen Jahr«, sagte er etwas später und hob ein tulpenförmiges Weinglas gegen das Licht. »Eine schöne Farbe, ganz hell, mit einem Stich ins Grünliche. Der Wein ist noch jung, später wird er goldgelb.«

Wir saßen auf einer hölzernen Eckbank an einem großen quadratischen Tisch im geräumigsten Zimmer des kleinen, niedrigen Gebäudes. Auf der Tischplatte lag die gestreifte Decke, die ich vor Jahren aus Marokko mitgebracht hatte. Die Fenster standen offen, man hörte das gleichförmige Geräusch des Regens, der seit einer Viertelstunde niederging. Es duftete frisch nach Gras, nach Laub.

Stefan neigte das Glas und roch am Wein. »Wie grüne Äpfel, das Bouquet«, sagte er, nahm einen Schluck und behielt die Flüssigkeit lange im Mund. »Wirklich nicht schlecht für einen Amateur, ich bin stolz darauf.« Dann hielt er mir das Glas entgegen. »Trinken wir auf unser Wiedersehen, Sissi.« Emma ignorierte er.

Wir stießen miteinander an. Wie ein Heiligenschein umrahmten die vielen Fotos, die an der Wand hinter ihm hingen, Stefans Kopf. Regina und er in dicken weißen Pullovern und mit Sonnenbrillen vor einer ausgedehnten Eisfläche, dahinter ein schneebedeckter Vulkan. Das musste auf der Reise nach Island gewesen sein, zu der sie sich spontan in einem ungewöhnlich heißen August entschlossen hatten. Regina im Bikini an einem Strand, ein langes Bein ausgestreckt, das andere angezogen, die Arme hinter sich im Sand abgestützt, den Kopf in kokett schräger Haltung. Regina und Stefan eingehängt und lachend in roten Windjacken mit übergezogener Kapuze im Sprühregen eines Wasserfalls, über ihnen im Dunst ein Regenbogen. Regina, die schwarzen Haare ins gebräunte ovale Gesicht mit der schönen hohen Stirn geweht, in einem leichten, hellen Sommerkleid, an eine Steinbrüstung am Wasser gelehnt, hinter ihr Holzpfähle und jenseits der Wasserfläche die Silhouette der Giudecca. Regina und ich an einem Holztisch mit Essensresten auf einer mit groben grauen Steinplatten ausgelegten Terrasse sitzend, den Fotografen anlächelnd. Korsika.

Stefan bemerkte meinen Blick.

»Weißt du noch?«, fragte er. »Das Dorf auf dem Hügel in der Nähe von Calvi? Wir hatten dieses wunderbare alte Steinhaus gemietet, mit dem weiten Blick auf die Berge und das Meer. Sobald es dämmerte, kamen die Fledermäuse.«

»Ja«, sagte ich. »Weiß ich noch.«

Emma stand auf und ging zu einem Regal, das an einer Schmalseite des Zimmers über einem CD-Player an der Wand angebracht war. Sie verschränkte die Hände auf dem Rücken und betrachtete die Reihen der CDs.

»Deine Freundin langweilt sich«, stellte Stefan leise fest.

»Wundert dich das?«, fragte ich. »Du beachtest sie überhaupt nicht.«

Er überging meine Bemerkung, wandte sich halb um und deutete auf ein Foto.

»Und das hier? Kannst du dich daran erinnern?«

Regina und ich nebeneinander in einem Ruderboot auf einem See. Sie sitzt kerzengerade auf der Ruderbank und lässt die rechte Hand ins Wasser hängen. Ihr langes Haar ist im Nacken zusammengefasst, die sehr hellen Augen blicken in die Kamera. Ich habe den Arm um ihre schmalen Schultern gelegt und schaue sie an. Die Sonne steht schräg, das Licht ist goldgelb, erleuchtet unsere Gesichter, macht sie fremd.

»Das war am Ortasee«, gab er sich selbst die Antwort, »nach der Wanderung im Aostatal, wir ruderten auf diese kleine Insel hinaus. Wo wir den Flötenspieler hörten. Erinnerst du dich?«

»Natürlich«, sagte ich. »Natürlich erinnere ich mich.«

Emma hatte eine CD aus dem Regal gezogen und drehte sich um.

»Darf ich?«, fragte sie.

»Klar«, sagte Stefan, ohne den Blick von mir abzuwenden. Dann strich er leicht über das Tischtuch.

»Dein Hochzeitsgeschenk«, sagte er. »Ich habe es zur Feier des Tages aufgelegt.«

»Ja«, sagte ich. »Es ist mir nicht entgangen.«

Plötzlich war der Raum von Reginas Stimme erfüllt, ihrem eher dunklen, vibrierenden Timbre. Es verstörte mich, ich begriff nicht sofort, woher die Stimme kam. Stefan fuhr hoch und hielt sich am Tisch fest. Das halbvolle Glas vor ihm fiel um, der Wein breitete sich in einer länglichen dunklen Figur über die bunte Tischdecke in meine Richtung aus.

»Was –«, flüsterte er.

»In dämmrigen Grüften träumte ich lang«, sang Regina. Es war die CD mit Liedern von Richard Strauss, ihr erster Erfolg. Ihr Gesang war gleichzeitig angestrengt und mühelos, gespannt und schwebend, befangen und frei.

Emma stand mit der CD-Hülle in der Hand neben dem Player, ihr Blick ging zwischen Stefan und mir hin und her.

»Ich wollte nur –«, sagte sie.

»Machen Sie die Musik aus!«, rief Stefan.

Wir hatten das Erscheinen der CD zu dritt mit einem Essen im Oswald & Kalb in der Bäckerstraße in Wien gefeiert. Regina hatte ein enges schwarzes Kleid mit rechteckigem Ausschnitt und die Halskette mit dem großen ovalen, milchig weißen und zart bläulich schimmernden Mondstein getragen, die Stefan ihr zu dem Anlass geschenkt hatte. Wir waren bester Stimmung gewesen und hatten auf unsere Freundschaft getrunken.

»Liebe macht die Herzen krank«, sang Regina mit ihrem unverwechselbaren Mezzosopran.

»Auf das Vertrauen!«, hatte sie damals mit leuchtenden Augen und geröteten Wangen gesagt und ihr Glas erhoben. »Und auf uns! Auf die Unzertrennlichen!«

»Ruhe, ruhe, meine Seele, deine Stürme gingen wild …« Eine Stimme, subtil und direkt, zärtlich und gefährlich.

Emma machte keine Anstalten, das Gerät auszuschalten, und Regina sang weiter. Wir waren wie erstarrt, ein Standbild, herausgenommen aus der Bildfolge einer Filmsequenz.

»… ruhe, ruhe, meine Seele, und vergiss, was dich bedroht.«

»Ausschalten, habe ich gesagt!«, schrie Stefan. Er klammerte sich noch immer am Tischrand fest.

Ich stand auf und ging über den leuchtend blauen Teppich, um den wir auf einer Reise zu dritt im Bazar in Izmir gefeilscht und für den wir einen viel zu hohen Preis bezahlt hatten, zu Emma hin. Als ich mich bückte, um den CD-Player auszuschalten, der auf einem niedrigen Tischchen stand, fiel mein Blick auf einen Rahmen an der Wand, in dem auf schwarzem Samt die silberne Kette mit dem Mondstein aufgezogen war.

»Wie sind wir wandermüde – ist dies etwa der Tod?«, sang Regina.

Richard Strauss. Vier letzte Lieder.

Ich berührte die Taste. Die Musik verstummte.

»Er kann mich nicht leiden«, stellte Emma fest, während wir zurückfuhren.

»Du ihn auch nicht«, sagte ich.

Emma streckte sich und drückte mit den Handflächen gegen das Innere des Autodaches. Wir waren hastig aufgebrochen, und Stefan hatte uns nicht zurückgehalten.

»Hm«, sagte sie dann, »er ist merkwürdig. Und er war wirklich unhöflich. Zuerst nimmt er kaum Notiz von mir, und dann schreit er mich an. Schließlich konnte ich nicht ahnen, dass ich eine CD seiner verstorbenen Frau aufgelegt hatte, ich wusste nicht einmal, dass sie Sängerin war. Du wolltest mir ja nichts über sie erzählen.« Sie sah mich von der Seite an. »Er hatte nur Augen für dich. Vielleicht war er eifersüchtig auf mich?«

»Bist du verrückt?«, sagte ich und wunderte mich über meinen heftigen Ton. »Regina war die Liebe seines Lebens, er hat ihren Verlust nie verwunden, hast du das nicht bemerkt? Sie war sein Ideal. Sie war unser Ideal!«

»Tatsächlich?« Sie blickte skeptisch. »Auf jeden Fall war sie sehr schön. Wenn es sich um die Frau auf all den Fotos handelt, wie ich stark annehme. Das Haus ist eine einzige Erinnerungsstätte.«

Bevor wir nach Wien zurückfuhren, verabschiedeten wir uns von den Großeltern. Meine Großmutter wusste bereits Bescheid über unseren Besuch bei Stefan, was mich nicht erstaunte. Hier ließ sich nichts verheimlichen, die Leute langweilten sich zu Tode, ihre Gier nach allem, was von außen kam, war unersättlich.

»Wie geht es dem Doktor König?«, fragte sie unverblümt und setzte, ohne meine Antwort abzuwarten, hinzu: »Schlecht natürlich. Wie soll ein Mensch sich von einem solchen Schlag erholen, frage ich dich. Schwer geprüft, unser Doktor König.« Sie wandte sich an Emma. »Eine Tragödie, diese Geschichte, Frau Emma«, sagte sie. »Furchtbar, furchtbar. Da führt der Allmächtige zwei Menschen zusammen, die füreinander geschaffen sind wie kaum ein anderes Paar, und ein erbarmungsloses Schicksal reißt sie auseinander, viel zu früh, viel zu früh. Ach ja, mitten im Leben sind wir vom Tode umgeben, ich sage es immer wieder, nicht wahr, Ägyd?«

Sie blickte meinen Großvater an, der, die steirische Ausgabe der Kleinen Zeitung auf dem Schoß, mit offenem Mund in seinem Sessel schlief.

»Er schläft schon wieder, er schläft ununterbrochen«, sagte sie, dann schrie sie unvermittelt: »Sage ich es nicht ständig, Ägyd!«

Mein Großvater fuhr aus seinem Sessel hoch.

»Was?«, fragte er.

»Dass wir mitten im Leben vom Tode umgeben sind!«

»Ja, ja, Toni!«, rief mein Großvater.

Die Großmutter wandte sich wieder an Emma.

»Ich schwöre Ihnen, Frau Emma, eine Liebe, eine Hingabe, ein Glück, unvorstellbar! Frau Regina war ein Engel in Menschengestalt, und das ist keine Übertreibung. Eine Zartheit, eine Anmut – und diese Stimme! Überirdisch. Wenn sie die Messe gesungen hat, hat die halbe Gemeinde geweint. Sie hat nie auch nur einen Groschen für ihren himmlischen Gesang genommen, obwohl sie sogar im Grazer Stefaniensaal gesungen hat. Vor ausverkauftem Haus.«

Sie drehte sich um.

»Sage ich die Wahrheit oder nicht, Ägyd? – Man glaubt es nicht, er ist schon wieder eingeschlafen.« Und erneut zu Emma: »Frau Regina war die Güte in Person. Sie hat auch unentgeltlich Orgel gespielt und notleidende Pfarrmitglieder finanziell unterstützt. Die Fleisch gewordene Barmherzigkeit, man kann es nicht anders ausdrücken. Und dann ertrinkt sie, von einem Tag auf den anderen!«

Emma sah mich an. Meine Großmutter bemerkte den Blick.

»Ja, so war es. In Italien. Ich sage es immer wieder, den Welschen ist nicht zu trauen. Nicht wahr, Ägyd?«

Mein Großvater schreckte erneut aus seinem Schlummer auf.

»Was hast du gesagt, Toni?«

»Dass den Welschen nicht zu trauen ist.«

»Was?«

»Den Italienern!«

»Ach, die Italiener.« Er formte mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand ein Loch, fuhr mit dem Zeigefinger der rechten schnell darin hin und her und lachte laut. »Die Italiener!«

»Hör auf, du ordinäres Mannsbild!«, rief meine Großmutter, die Hexe. »Mich bringt jedenfalls kein Mensch nach Italien, nicht einmal der Papst. Schließlich hat der Steirer in seiner Heimat alles, was er braucht.«