5

Den Anstoß zu der Reise gab ein Traum.

Die Affäre mit Stefan ging weiter – oder soll ich sagen, das Dreiecksverhältnis zwischen Stefan, Regina und mir? Denn Regina blieb als Dritte anwesend. Ich fuhr an den Wochenenden in den Sausal, Stefan kam nie nach Wien. Die Person Regina war untrennbar mit dem alten Winzerhaus verbunden, dem Ort, wo sie die letzten zwei Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Sie hielt uns dort fest. Hätten wir das Haus, das Dorf verlassen, wären wir aus dem Schatten getreten, den sie auf uns warf, dann hätte sich unsere Beziehung wahrscheinlich in nichts aufgelöst. Es war die Erinnerung an sie, ständig neu angeregt durch Gegenstände im Haus, durch Gespräche, die diese Verbindung ermöglichte und aufrechterhielt, ihr Spannung verlieh. Der immer wieder aufkommende Schmerz, den ihr Verschwinden, aber auch meine Eifersucht auf sie hervorrief, das Gefühl, so gar nicht an ihre geistigen, emotionalen und sexuellen Dimensionen heranzureichen, eine untergeordnete Rolle in diesem Terzett zu spielen – dieser Eindruck des Ungenügens vertiefte meine Empfindungen. Eine solche Art der Intensität war neu für mich.

»Masochismus«, hätte Emma gesagt, wenn sie davon gewusst hätte. »Typisch Frau. Du bist eine Masochistin, ganz klar.«

In diesem Urteil wäre sie noch durch die Tatsache bestärkt worden, dass Stefan mich weiterhin mit wenig schmeichelhaften Bezeichnungen bedachte, während wir miteinander schliefen. Falls seine wie im Traum hingemurmelten, zweideutigen Benennungen sich tatsächlich auf mich bezogen. Da ich unsere Sexualität mehr und mehr zu genießen begann und sie auch weiterhin genießen wollte, sah ich davon ab, ihn darauf anzusprechen. Vielleicht hatte Emma ja recht, und die abwertenden Bemerkungen erregten mich wirklich. Bis zu einem gewissen Grad.

Überhaupt redeten wir nicht sehr viel miteinander. Es war nicht nötig. Unsere Gespräche drehten sich meist um Medizin und um Regina. Sie wurde ausschließlich von Stefan erwähnt, aber auch in diesem Punkt unterdrückte ich meinen Unmut, zeigte mich aufmerksam und unterbrach ihn nicht.

Etwa einen Monat nach dem Weinlesefest fand ich einen Brief – genauer gesagt, die obere Hälfte eines Blattes aus cremefarbenem Büttenpapier. Die untere fehlte, sie war abgerissen worden. Während Stefan an einem nebligen Samstagmorgen damit beschäftigt war, die vielen roten Äpfel von dem kleinen, fast schon unbelaubten Apfelbaum hinter dem Haus zu pflücken, stieß ich auf der Suche nach Lektüre auf ein Buch, ein zerlesenes, staubiges, vergilbtes altes Taschenbuch hoch oben in einem seiner Bücherregale. Ein Roman von Patricia Highsmith, einer Schriftstellerin, von der Regina fasziniert gewesen war. Ich stand auf einer Leiter, und als ich das Buch in die Hand nahm und aufschlug, glitt das halbe Blatt aus den Seiten und fiel zu Boden. Ich stieg die Sprossen hinunter und hob es auf. Die Handschrift war klein und stark nach rechts geneigt, die Abstände zwischen den Wörtern auffallend weit. Der Brief war mit Tinte geschrieben.

Zürich, im Dezember 2000, stand in der rechten oberen Ecke. Ich las weiter.

Regina, meine Königin, mein Engel.

Hatte Stefan ihr den Brief von einer Tagung im Ausland geschrieben? Nein, ich kannte seine Schrift, das war sie nicht.

Zürich ist kalt und abweisend. Du fehlst mir. Immerhin sind die Konzerte in der Tonhalle ausverkauft. Teresa ist musikalisch nicht ganz auf der Höhe, sie sorgt sich um Leo, was verständlich ist. Du weißt ja, wie sensibel sie auf jede Störung reagiert. Jakob spielt wie ein Gott, er liebt die Métamorphoses nocturnes.

Ich hörte ein Klopfen. Stefan stand hinter dem geschlossenen Fenster und zeigte stolz auf den großen Korb voller Äpfel, der an seinem Arm hing. Ich beeilte mich, weiterzulesen. Die Schrift war nicht einfach zu entziffern.

Wie geht es Dir, meine Göttin? Wenn ich im Schneeregen durch die Altstadt spaziere, stelle ich mir vor, dass Du mir entgegentrittst, aus der Tiefe einer Gasse, aus dem Schatten eines Haustores. Der Gedanke, dass Du in wenigen Tagen mit Stefan auf dem Land Weihnachten feiern wirst, macht mich traurig und wütend. Ich hasse diesen

Hier war das Schreiben zu Ende. Ich faltete das halbe Blatt rasch zweimal zusammen. Stefan trat ins Zimmer. Sein Blick fiel in dem Moment auf mich, als ich es in die Tasche meiner Jeans steckte.

»Ich hab fast alle Äpfel geerntet«, sagte er, nahm einen aus dem Korb und bot ihn mir an. »Ganz schön viel Arbeit. Hier sind die schönsten. Nimm.«

»Jetzt nicht«, sagte ich. »Ich koste später einen.«

Er warf einen Blick auf das Buch in meiner Hand.

»Was hast du dir da ausgesucht?«, fragte er. »Ach, Patricia Highsmith. Eine gute Wahl.« Er blickte genauer hin. »›Der süße Wahn‹. Ein großartiger Roman über die Eifersucht.«

Er schaute mir direkt ins Gesicht. Dann biss er in den für mich bestimmten Apfel.

»Süß, die Äpfel …«, sagte er. »Diese alten Sorten sind unübertroffen.«

Ein paar Tage später hatte ich einen Traum.

Ich sah die Vorderfront eines Hauses. Ein altes Gebäude. Der Putz war abgeblättert, unter dem neueren, weißen waren alte Farbschichten erkennbar, ockerfarben und türkis. Eine Steintreppe, überwölbt von einem Torbogen, führte steil hinauf und hinein in das Haus. Rechts neben der Treppe war ein kleines Schild angebracht, in Weiß auf dunkelblauem Grund, offenbar eine Hausnummer, die Nummer 14. Darunter lehnte ein violettes Fahrrad mit einem rosa Sattel an der schmutzigen Wand. Über eine Mauer links vom Torbogen hingen Zweige, schwer von großen Zitronen. Eine mediterrane Landschaft. Plötzlich stand eine Frau auf der Treppe. Regina. Ich kannte das Kleid, das sie trug, ein enges schwarzes Kleid mit rechteckigem Ausschnitt, das sie zu besonderen Gelegenheiten angehabt hatte. Sie blickte ernst, hob langsam die rechte Hand und winkte mir. Dann drehte sie sich um und ging die Treppe weiter hinauf, bis ihre Gestalt verblasste und verschwand.

Ich wachte auf, agitiert, da die Traumszenerie und Regina selbst einen so lebendigen, wirklichkeitsnahen Eindruck gemacht hatten, und lag lange wach. Mir war unbegreiflich, wie Stefan sich mit der Ungewissheit zufriedengeben konnte, die über Reginas Verschwinden lag, mit der wenig zufriedenstellenden Bilanz der Ermittlungen der italienischen Polizei. Wie konnte er leben, ohne weiter nachzuforschen? Bis er Gewissheit hatte.

Auch die Bedeutung des Brieffragments, das ich gefunden hatte, verstand ich nicht. Regina sollte einen Geliebten gehabt haben? Das war unvorstellbar. Ich kannte die beiden nur als heiteres, verliebtes Paar, als zwei Menschen, die einander in Zuneigung und Loyalität verbunden gewesen waren, deren harmonische Ausstrahlung alle, mich eingeschlossen, stark angezogen und in deren Gegenwart sich jeder wohlgefühlt hatte.

In dieser Nacht erwachte eine Neugier.

Am folgenden Tag setzte ich mich nach der Arbeit an meinen Laptop und tippte das Wort Procida in die Suchmaschine ein. Google kam auf knapp über eine Million Ergebnisse, in der Hauptsache auf Deutsch, Italienisch, Englisch und Französisch. Isola di Procida. Von einer bezaubernden kleinen Insel war die Rede, die wie ein unentdeckter schwimmender Garten neben ihren großen Schwestern Ischia und Capri lag, vom betörenden Duft der Zitronen- und Orangenblüten, der sie einhüllte, von Regisseuren, deren Schönheit sie zu Filmen, von Schriftstellern, die sie zu Romanen inspiriert hatte. Ich klickte mehrere Websites an, betrachtete Fotos. Immagini di Procida. Aus der Vogelperspektive sah die Insel aus wie ein seine Fangarme nach allen Seiten ausstreckender Kraken. Kleine Häuser in Rosa, Weiß, Terrakotta, Dunkelrot und Hellblau mit flachen Dächern und Rundbögen; archaisch wirkende Kuppeln, vergitterte Fenster, halb offen stehende Türen, den Blick auf üppige Gärten freigebend; weiße und gelbe Kirchenfassaden an kleinen, mit abgeschliffenen schwarzen Steinen gepflasterten Plätzen; bunte Fischerboote, bunte Netze; eine riesige, ummauerte Abtei auf dem höchsten Punkt der Insel; Pinien, Palmen, Kaskaden von Bougainvillea und immer wieder Zitronen- und Orangenbäume; steile Abbrüche aus vulkanischem Gestein bis hinunter zu einem blauen, mit weißen Segelbooten getüpfelten Meer; verborgene Strände, Wege zwischen hohen Mauern; und überall Treppen.

Treppen. Eine Steintreppe auf einem Foto. Ich klickte darauf, vergrößerte es. Oberhalb der Stufen, die in ein Haus hineinführten, ein Torbogen, daneben ein violettes Fahrrad mit einem rosa Sattel. Zitronen, über eine Mauer hängend. Und die Zahl 14 in Weiß auf einem dunkelblauen Schild an der Hausmauer.

Ich beschloss, nach Procida zu reisen. Die Insel war offenbar sehr schön, und Süditalien gehörte zu meinen Lieblingsgegenden. Ich beherrschte die Sprache gut und hatte Lust, sie wieder einmal im Land selbst zu sprechen. Dazu liebte ich die italienische Küche. Außerdem hatte ich in den Monaten zuvor viel gearbeitet und sehnte mich nach ein paar Tagen Ferien, nach einem Ortswechsel, nach Sonne und Wärme.

In Wahrheit war natürlich keiner dieser Gründe ausschlaggebend für meinen Entschluss. Ich handelte aus einem Impuls, einer Intuition heraus. Es ging mir einzig und allein um den Traum, um das Foto. Um die Zahl 14. Es ging um Regina.

Da ich schon lange keinen Urlaub mehr genommen hatte, wurde mein Ansuchen umgehend und anstandslos bewilligt. Auch war es kein Problem, zu dieser Jahreszeit ein Zimmer mit Frühstück und Blick auf den Golf von Neapel in der Pensione Paradiso zu buchen. Ich hatte nicht vor, Stefan von meinem Vorhaben zu erzählen, da ich sicher war, dass er es missbilligen würde. Also rief ich ihn an und sagte ihm, man habe mich eingeladen, auf einer internationalen Konferenz einen Vortrag über forensische Toxikologie zu halten.

»Wo?«, fragte er.

Ich hatte mir keinen Ort überlegt. Auf meinem Tisch lag aufgeschlagen die Zeitung. Mein Blick fiel auf einen Artikel über den finnischen Architekten Alvar Aalto.

»Helsinki«, sagte ich.

»Helsinki! Da ist es jetzt doch schon eiskalt! Und die Tage sind so kurz. Wann fliegst du?«

Unwillkürlich lächelte ich. Für das blitzartige Erfinden von Unwahrheiten zeigte ich eindeutig Begabung.

»Kommenden Montag.«

»So bald schon? Weshalb hast du mir das nicht früher gesagt?«

»Die Finanzierung der Reise und des Aufenthalts war lange unsicher, ich habe erst heute die offizielle Genehmigung erhalten.« Spontan lügen machte Spaß. »Es ist eine große, renommierte Konferenz über Rechtsmedizin, ich treffe dort auch einige Kollegen aus dem Ausland, mit denen ich bisher nur telefoniert und E-Mails ausgetauscht habe. Wahrscheinlich werde ich sehr beschäftigt sein. Sei mir also bitte nicht böse, wenn du eine Woche lang nichts von mir hörst.«

Stefan seufzte. »Du wirst mir fehlen, Prinzessin.«

»Du mir auch.«

Ich nahm den Zug nach Rom mit Kurswagen nach Neapel, ein Liegewagenabteil für zwei Frauen, recht geräumig, und hoffte, ein gnädiges Schicksal würde mir keine oder wenigstens eine angenehme, wenig mitteilsame Reisegefährtin bescheren. Das obere Bett war noch nicht ausgeklappt, und ich setzte mich auf das untere, ans Fenster. Eine große Frau mit fuchsrot gefärbten, toupierten Haaren um die fünfzig schob die Abteiltür mit Wucht zur Seite. Sie trug einen voluminösen Mantel aus Kunstpelz mit Leopardenfellmuster und war ganz außer Atem.

»Ein schrecklicher Bahnhof, der Südbahnhof!«, stöhnte sie und schob, stieß und zerrte einen Koffer nach dem anderen ins Abteil. Nun wirkte es schon weniger geräumig. »Finden Sie nicht? Der Westbahnhof ist nicht viel besser, das einzig Ästhetische daran ist die Statue der Kaiserin Sisi in der Halle. Und erst der Franz-Josephs-Bahnhof! Grauenhaft. Von Wien Mitte ganz zu schweigen. Man bekommt es mit der Angst zu tun, wenn man abends wegfährt. Sie nicht? Als Frau allein, meine ich. Und ich bin nicht furchtsam von Natur. Das Gesindel, das sich hier herumtreibt! Finden Sie nicht auch?«

Sie legte den Pelzmantel ab und hängte ihn an einen Haken. Darunter trug sie weiße Jeans, die einen Hintern von beachtlichen Ausmaßen und kolossale Oberschenkel einquetschten, so gut sie es vermochten, und ein enges, langärmeliges T-Shirt mit einem schwindelerregenden Muster in Pink, Blitzblau und Gelbgrün, unter dem ein Fettwulst den anderen überlappte. Dann stellte sie sich vor mich hin und stützte die Arme in die Hüften. Ihr über dem breiten goldfarbenen Gürtel mit strassbesetzter Schnalle gefährlich weit vorspringender Bauch war wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Sie roch intensiv nach Haarspray. Solche Pflanzen wuchsen und gediehen nur in Wien, die Stadt war das ideale Habitat für diesen Typus. Ich drückte mich in die Ecke neben dem Fenster.

»Finden Sie nicht auch?«, wiederholte sie drohend und neigte sich noch näher zu mir.

Ich wich zurück, so weit ich konnte: »Ach, ich weiß nicht, ich –«

»Sie finden es auch, ich dachte es mir.« Mein Ansatz einer Antwort hatte sie offenbar zufriedengestellt, denn sie richtete sich wieder auf und zog die Lippen auseinander, sodass eine Reihe solider falscher Zähne sichtbar wurde. Dann ließ sie sich neben mich auf das Bett fallen, schlug die Beine in den hochhackigen, beigefarbenen Stiefeln übereinander, deren Schaft mit mehreren Reihen fröhlich wippender Lederfransen geschmückt war, und nahm ein Päckchen Parisienne und ein Plastikfeuerzeug aus ihrer gleichfalls goldfarbenen Handtasche.

»Das ist ein Nichtraucherabteil«, sagte ich.

Sie ignorierte diese Bemerkung, zündete sich eine Zigarette an und machte einen langen, genussvollen Zug. »Endlich weg von Wien!«, sagte sie dann. »Eine furchtbare Stadt. Ordinäre Leute.« Sie blickte neckisch und näherte ihren Mund meinem rechten Ohr. Die Duftmelange aus billigem Haarspray und Nikotin war überwältigend, und ich hielt den Atem an. »Ich fahre zu meinem Freund«, flüsterte sie. »Wollen Sie seinen Namen wissen?«

»Ehrlich gesagt –«

»Ercole. Herkules! Dabei ist er nur einen Meter einundsechzig groß und achtundfünfzig Kilo schwer!« Sie lachte laut. »Und was glauben Sie, wie er mit Familiennamen heißt?«

»Keine –«

»Caruso!« Sie lachte noch lauter, die soliden falschen Zähne blinkten. »Es stimmt, Ehrenwort. Natürlich ist er jünger als ich, für ältere Männer habe ich nie viel übriggehabt. Er hat ein Schuhgeschäft in Neapel, ich decke meinen Bedarf bei ihm. An Schuhen und – na ja, Sie wissen schon.« Sie stieß mich mit dem Ellbogen in die Seite und zwinkerte. »Ich sage Ihnen, der Mann ist ein Vulkan! Bricht aus wie der Vesuv anno vierundvierzig. Jedes Mal. Verlässlich.« Sie kicherte wie ein Schulmädchen. »Sie werden begreifen, dass ich nach Neapel fahre, sooft ich kann. Ein jüngerer Mann ist ein Geschenk des Himmels. Finden Sie nicht auch? Ercole ist ausgesprochen unglücklich verheiratet. Seine Frau arbeitet auch im Schuhgeschäft. Medea.« Ein Wiehern. »Ehrlich, so heißt sie. Man glaubt es nicht. Hässlich wie die Nacht.« Die dralle Wienerin streckte ein Bein aus. »Ich habe diese Stiefel im Geschäft anprobiert, und sie ist vor mir gekniet, hat sie mir übergestreift und nicht den blassesten Schimmer gehabt, dass ich mit ihrem Mann seit zwei Jahren –« Wieder zwinkerte sie. »Sie verstehen schon.«

»Also, ich möchte –«

Die Dame war nicht zu bremsen.

»Na ja, zum Trost hat sie schließlich den Sohn. Er ist achtzehn, ein unglaublich gutaussehender Kerl. Und sportlich! Spielt beim SSC Napoli. Ehrenwort. In der Jugendmannschaft. A-Junioren. Ich sage Ihnen, wenn ich nicht schon mit dem Vater – Sie wissen, was ich meine. Und was denken Sie, wie der heißt? Der Sohn? Sie glauben es nicht. Enea. Das heißt Äneas. Äneas!«

Erneut ein Wiehern. Dann rückte ihr Kopf abermals bis auf wenige Zentimeter an mein Ohr heran. »Und die Schuhe«, flüsterte sie, »also, die Schuhe, das ist feinste italienische Markenware, Ferragamo, Pollini, Brunate, Alberto Gozzi, Forzieri –«

»Ich würde jetzt gern –«

»Selbstverständlich schenkt er sie mir. Ercole. Aber wissen Sie was?«

Sie sah mich erwartungsvoll an.

»Was?«, fragte ich, um ihr einen Gefallen zu tun.

»Es sind Imitationen. Produktpiraterie! Täuschend echt. Sehen Sie sich meine Stiefel an.« Wieder streckte sie ein strammes Bein in die Höhe, diesmal das andere. »Sergio Rossi. Kein Mensch kann sie vom Original unterscheiden. Die Camorra hat die Hand im Spiel, wer sonst? Die Clans beherrschen so gut wie alles. Regieren über ganz Kampanien. Ich weiß es von Ercole persönlich. Drogen, Waffen, illegale Müllentsorgung, Designermode, Zement.« Sie sah mich an. »Weshalb eigentlich Zement?«

»Ich glaube –«

Meine Antwort interessierte sie nicht.

»Wie auch immer. Er hat Kontakte zu ein, zwei Leuten. Nicht ungefährlich, kann ich Ihnen sagen.«

Sie dehnte und räkelte sich.

»Ach, Italien! Das pralle Leben!«, rief sie dann. »Passione! Pericolo!«

Die Liegewagenschaffnerin schob die Tür zur Seite und blickte beunruhigt ins Abteil. Sie war jung, hatte das blonde Haar unter der Uniformmütze zu einem Pferdeschwanz gebunden und sah müde aus.

»Was ist hier los?«

»Was soll denn los sein?«, sagte meine Mitreisende gereizt. »Man plaudert ein bisschen. Man unterhält sich.«

»Außerdem ist Rauchen im Abteil verboten.«

»Haben Sie nichts Besseres zu tun, als zu spionieren? Machen Sie wenigstens die Betten, wenn Sie schon hier sind.«

Ich tat die ganze Nacht kein Auge zu. Die redselige Wienerin redete auch im Schlaf. Sie murmelte, raunte, klagte, jammerte, seufzte, stöhnte, schnatterte, brabbelte, nuschelte, schrie. Ich verstand kein Wort.

Am Morgen wirkte sie erschöpft und mürrisch und sagte nichts. Keine Silbe. Am Hauptbahnhof in Neapel trennten wir uns stumm.

Ich nahm die Straßenbahn zum Hafen. Vor mir stieg ein sehr großer, magerer Mann mit schmächtigen Schultern in einem abgeschabten hellbraunen Ledermantel ein und versuchte einen gleichermaßen hellbraunen und abgeschabten Lederkoffer mit vielen Aufklebern über die Stufen ins Wageninnere zu befördern, was ihm Mühe machte, da er zudem einen riesigen schwarzen Rucksack umgeschnallt hatte. Er kippte nach hinten, und ich streckte automatisch die Arme aus, um zu verhindern, dass der offensichtlich schwere Rucksack auf mich traf. Von meinen Armen aufgehalten und angestoßen, nahm der Mann einen zweiten Anlauf. Diesmal schaffte er es. Er wandte sich um und lächelte freundlich. Ein langes Gesicht, ein breiter Mund, schmale Augen. Blau? Grau? Grün? Hell jedenfalls.

»Danke, Fräulein«, sagte er auf Italienisch, »tausend Dank.« Eine überraschend tiefe, heisere Stimme.

»Nichts zu danken. Was ist denn in dem Rucksack? Steine?«

Er lachte. Eine Art Grollen, Husten, Krächzen. Ein starker Raucher?

»Nein, Bücher.«

Jedenfalls stieg der Typ auch am Hafen aus. Die Fähre, die nach Procida und weiter nach Ischia fuhr, hatte noch nicht angelegt, und ich setzte mich an ein Tischchen vor einem eher schäbig aussehenden Café und bestellte bei einem missmutigen alten Kellner mit langen, strähnigen grauen Haaren in einer unbeschreiblich schmutzigen weißen Kellnerjacke einen Espresso und ein Cornetto. Bis auf zwei abgekämpft aussehende, schweigende Männer in blauer Arbeitsmontur, die einander am Nebentisch gegenübersaßen, war ich der einzige Gast. Während ich meinen Espresso trank, schaute ich mich nach dem Mann aus der Straßenbahn um, aber er war nirgendwo zu sehen. Ich fragte mich, was für Bücher es waren, die er in seinem Rucksack trug. Ein kalter Wind wehte, das Meer war aufgewühlt und grau, der Himmel hatte dieselbe Farbe. Ich zog meine Jacke über der Brust zusammen und verschränkte die Arme. Hinter mir, nur durch die Fahrbahn vom Wasser getrennt, erhob sich ein eindrucksvolles Bauwerk, eine alte Burg. Das musste das Castel Nuovo sein. Ich war zwar schon in Neapel gewesen, aber nie am Molo Beverello, von wo aus die Fähren und Schnellboote nach Procida fuhren, nach Casamicciola Terme auf Ischia, nach Capri und noch weiter, bis zu der kleinen Insel Ustica im Tyrrhenischen Meer nördlich von Sizilien. Im Hafen, an und auf den anderen Molen, war viel Bewegung, riesige orangefarbene, blaue und gelbe Kräne drehten sich langsam, ergriffen ihre Last, hoben sie hoch und setzten sie wieder ab. Möwen schrien, Fährschiffe legten an und fuhren weg, man hörte das langgezogene, dumpfe Geräusch der Schiffshörner, weiter draußen ankerten große Frachtschiffe. Nicht weit von mir entfernt lagen nebeneinander zwei kleine schwarze U-Boote, und ich dachte an Emma und ihren Vater, der solche Schiffe maßstabgetreu nachbaute, wenn auch die der deutschen Wehrmacht. Emma wusste, dass ich nach Italien gefahren war, auf eine Insel, ich hatte ihr gesagt, ich sei überarbeitet und wolle mich ein paar Tage entspannen. Sie hatte mich von der Seite angesehen.

»In der Tat?«, hatte sie gesagt. »Fährst du allein?«

»Ja, klar. Schließlich möchte ich mich erholen.«

»Tatsächlich«, hatte sie wiederholt, und das zweite Mal hatte es eher wie eine Feststellung denn wie eine Frage geklungen.

Auf der Fähre sah ich den hageren Italiener mit dem schweren Gepäck wieder. So wie ich saß er trotz des kühlen Windes an Deck und unterhielt sich mit zwei jungen Frauen. Ich konnte nicht hören, was sie sagten, aber sie lachten viel, und tatsächlich rauchte er ununterbrochen, zündete sich die neue Zigarette am Stummel der alten an. Die Überfahrt dauerte etwa eine Stunde. Nach einer Weile stand ich auf, ging nach vorne zum Bug und stellte mich an die Reling. Der Großteil der Wolken hatte sich verzogen, die Sonne zeigte sich, und die Schönheit der Insel, welcher wir uns rasch näherten, war atemberaubend – die Pastellfarben der Häuserfront am Pier, die Gebäude der Altstadt weiter oben, linker Hand die Festung auf einem steilen Felsen, die vielen großen und kleinen Boote im Hafenbecken und auf der bewegten, glitzernden Meeresoberfläche, alles unter einem nun hohen, klaren Himmel. Plötzlich empfand ich eine Gespanntheit, eine Aufgeregtheit, eine Art Vorfreude, und zog unwillkürlich die Luft ein. Da sprangen nicht weit von der Fähre drei Delfine in elegantem Bogen aus dem Wasser, einer knapp nach dem anderen.

»Wunderbare Tiere, die Delfine, nicht wahr?«, sagte jemand. »Ein Symbol für Christus, unseren Herrn. Wenn sie schlafen, bleibt ein Auge immer geöffnet. Haben Sie das gewusst?«

Ich wandte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Ein kleiner, kahlköpfiger Mann mit einem erstaunlicherweise wie Australien geformten Feuermal mitten auf der Stirn war neben mich getreten. Naevus flammeus, angeboren. Zur Illustration seines Kommentars hielt er ein Auge zugedrückt. Es sah aus, als zwinkere er mir zu. Als sei er mein Komplize. Er war mir nicht sympathisch.

»Nein«, sagte ich.

»Delfine nähern sich den Schiffen, um auf den Wellen zu reiten. Sie hören und sehen sehr gut.« Er machte das Auge wieder auf, legte den Kopf schief und musterte mich. »Sie sind eine große Frau. Ein bisschen zu groß. Ein bisschen zu dünn, wenn ich das sagen darf. Keine Italienerin, Italienerinnen sind kleiner. Aber sie verstehen Italienisch. Sind Sie Engländerin?«

Jetzt wurde er auch noch unhöflich.

»Nein«, sagte ich und richtete den Blick nach vorn, auf die Insel.

»Deutsche?«

»Nein«, wiederholte ich, ohne ihn anzusehen.

»Holländerin?« Er kicherte.

Ich schüttelte den Kopf. Ärgerlich, dieses Ratespiel, zu dem man in Italien ständig genötigt wurde. Der Mann streckte mir die Hand hin. Ich nahm sie nicht. Es schien ihn wenig zu stören.

»Gestatten, Filippo di Natale. Ich bin Zeuge Jehovas. Unser Missionsgebiet ist Neapel, aber mein junger Kollege Fulco und ich kommen öfter nach Procida, um auch hier unseren Predigtdienst zu versehen.« Er wies auf einen jungen Mann, der nicht weit entfernt mit angezogenen Knien auf einer langen Bank lag und schlief. »Wir Zeugen Jehovas sind der Ansicht, auch die Inselbewohner haben ein Anrecht zu erfahren, dass die furchtbare Schlacht von Armageddon unmittelbar bevorsteht und dass danach das Tausendjährige Reich endlich anbrechen kann.«

»Ach, das Tausendjährige Reich? Davon habe ich gehört, allerdings in anderem Zusammenhang. Entschuldigen Sie, ich muss zu meinem Gepäck zurück, wir kommen gleich an«, sagte ich und ließ den Mann mit dem Naevus in der Form Australiens stehen.

»Ausgezeichnet, Ihr Italienisch!«, rief er mir nach. »Wir sehen uns in Procida!«

Das hoffte ich nicht. Der Zeuge Jehovas hatte mir den Anblick der Delfine, dieser freien, verspielten Lebewesen, verleidet.

Wenig später stand ich neben meinem kleinen Koffer am Fährhafen Marina Grande auf Procida und versuchte die Fahrerin des einzigen Taxis, das weit und breit zu sehen war, durch lautes Rufen und heftiges Winken auf mich aufmerksam zu machen. Doch die beiden Zeugen Jehovas kamen mir zuvor, und im Vorbeifahren lächelte Signor di Natale mich schadenfroh durch das Seitenfenster an. Sein Feuermal leuchtete. Ich beschloss, zu Fuß zu meiner Pension zu gehen, weit konnte sie nicht sein. Da trat der Mann mit dem abgeschabten hellbraunen Ledermantel aus der Straßenbahn in Neapel rauchend auf mich zu.

»Mit den Taxis ist das hier so ein Problem«, sagte er. »Es gibt nur wenige. Wohin wollen Sie?«

»Zur Pensione Paradiso.«

Er krümmte sich und hustete lange. Raucherhusten.

»Ich habe meinen Wagen zwei Minuten von hier geparkt«, sagte er dann. Für einen Italiener aus der Gegend sprach er langsam. »Wenn Sie möchten, bringe ich Sie hin.«

Er erschien mir vertrauenswürdig, also sagte ich ja und blieb beim Gepäck stehen, während er das Auto holte, einen roten Fiat 500. Der Italiener bewegte sich auch langsam. Da er Mühe hatte, den Rucksack und die beiden Koffer auf dem Rücksitz zu verstauen, half ich ihm dabei. Kein starker Mann. Es war amüsant zu sehen, wie der lange Mensch, die Zigarette in der Hand, sich mehrmals zusammenfaltete und es schließlich schaffte, seinen dünnen Körper hinter dem Steuer des kleinen Wagens unterzubringen. Die eckigen Knie befanden sich auf Lenkradhöhe. Ich hatte wenig Platz neben ihm. So langsam, wie er sprach und sich bewegte, fuhr er auch, zunächst die Mole entlang. Dann bog er rechts in eine Straße ein, die leicht aufwärts führte.

»Machen Sie hier Ferien?«, fragte er schließlich.

»Ja«, sagte ich.

Er dämpfte die Zigarette im Autoaschenbecher aus, zog eine neue aus einem der fünf Päckchen Lucky Strike, die ordentlich aufgereiht auf dem Armaturenbrett lagen, und zündete sie an. Im Zuge dieses Manövers, das eine ganze Weile dauerte, geriet er zu weit nach rechts und streifte heftig am Randstein an.

»Hoppla«, sagte er und lachte sein heiseres Lachen. »Sie werden sehen, Ihre Pension ist angenehm. Wenn auch ein bisschen seltsam. Kommen Sie aus Rom?«

Das beliebte italienische Ratespiel begann von vorne. Ich beschloss, es abzukürzen.

»Nein«, sagte ich. »Aus Wien.«

Er blickte mich überrascht von der Seite an. Interessanter Blick. Hell. So hell. Wie Wasser.

»Sie sind Wienerin?«

»Sozusagen. Ich lebe in Wien. Und die nächste Frage stelle ich.«

Er lächelte.

»Nur zu.«

»Was sind das für Bücher in Ihrem Rucksack?«

»Solche, die ich aus dem Italienischen ins Deutsche übersetze. Und noch ein paar andere.« Plötzlich sprach der Mann Deutsch, mit norddeutschem Einschlag. »Außerdem schwere Wörterbücher, die ich aus Hamburg mitschleppe.« Er verfiel wieder ins Italienische. »Auf der Insel gibt es ein internationales Kollegium für literarische Übersetzer, in dem man gut arbeiten kann. In einem schönen alten Gebäude, dem Palazzo Catena. Ich komme oft hierher, auch im Spätherbst und Winter. Da gefällt mir die Insel besonders gut.«

»Dann sind Sie Deutscher? Aber Sie haben nicht den leisesten Akzent!«

»Danke für das Kompliment. Sie auch nicht, nebenbei bemerkt. Sollen wir Deutsch sprechen?«

»Nein«, sagte ich schnell. »Nein, bleiben wir beim Italienischen.«

»Hier sind wir«, sagte er, fuhr an den Straßenrand und hielt an, machte jedoch keine Anstalten auszusteigen.

Ich öffnete die Beifahrertür, trat auf die Straße und blieb unschlüssig stehen.

»Passen Sie bloß auf die Motorinos auf!«, sagte er. »Die jungen Leute hier fahren wie die Wilden.«

Ich nahm meinen Koffer vom Rücksitz, stellte ihn auf den Gehsteig und beugte mich zum Fahrerfenster hinunter.

»Also dann«, sagte ich. »Vielen Dank.«

»Ciao, bella«, sagte der Mann aus Hamburg und zog kräftig an der Zigarette. »Bis irgendwann.«

Mit dem Koffer in der Hand ging ich durch ein halb offen stehendes hohes Tor aus dunkelblau gestrichenem Holz, neben dem auf einem ovalen, türkisfarbenen Schild aus Keramik in verblasster, von angedeuteten Meereswellen und Seesternen umrahmter rosa Schrift Pensione Paradiso stand, und betrat einen schmalen, schlecht gepflasterten Weg, der kerzengerade durch einen verwilderten Garten führte und an dessen Ende man das Meer sah. Die Pension, ein großes altes, einladend wirkendes Haus, lag gleich zur Linken, auch das Haustor war nur angelehnt, und aus dem Spalt drangen stockend die melancholischen Klänge eines Akkordeons. Ich stieß das Tor auf und überschritt die Schwelle. Der Spieler saß hinter der Rezeption, ein gebrechlich wirkender alter Mann in weißem Hemd und schwarzer, ärmelloser Weste. Als ich eintrat, schob er das Instrument, das einen Misston von sich gab, wie einen Blasebalg zusammen, nahm die Gurten von den Schultern und stellte es auf einen Stuhl.

»Guten Tag – Sie wünschen?«

»Schön, die Musik!«

»Ach, Sie müssen entschuldigen, Sie müssen entschuldigen«, sagte der alte Mann, »aber im November ist nicht viel zu tun, da spiele ich ab und zu ein bisschen, zum Zeitvertreib.« Er blickte sich vorsichtig um und senkte die Stimme. »Das heißt, wenn die Chefin nicht in der Nähe ist. Das Akkordeon ist noch von meinem Vater, eine Victoria. Galliano spielt auf einer Victoria, Frank Marocco auch.« Die Namen sagten mir nichts. Seine dünnen lila Lippen verzogen sich zu einem schüchternen Lächeln. Auf seinem vorspringenden Kinn prangte eine große Warze, aus der ein langes weißes Haar spross.

»Ich habe ein Zimmer gebucht«, sagte ich. »Sissi Fux aus Wien. Mit Meerblick.«

»Ja, natürlich, natürlich«, sagte der Alte und schlug sich mit einer ausgemergelten, von Pigmentflecken übersäten Hand an die Stirn. »Entschuldigen Sie. Entschuldigen Sie. Mit Frühstück, nicht wahr? Wir haben telefoniert, nicht wahr? Ich habe mich noch gewundert, dass Sie unsere Sprache so gut sprechen. Das Hochzeitszimmer ist für Sie reserviert. Unser schönstes Zimmer. Mit Himmelbett.« Wieder das scheue Lächeln. »Um diese Jahreszeit kommen keine frisch verheirateten Paare vom Festland, sie kehren erst im Mai wieder. Warten Sie, warten Sie, ich schaue gleich nach.«

Schließlich händigte der alte Mann mir den Schlüssel für Zimmer neun aus, einen großen, ziemlich kalten Raum im ersten Stock mit einem goldbraunen, teilweise von abgetretenen, ausgefransten dunkelroten und blauen orientalischen Teppichen bedeckten Fliesenboden, leicht vergilbten Tapeten und einem offenen Kamin. Auf dem Bett lag eine aus vielen bunten, offenbar handgestrickten Wollquadraten zusammengesetzte Decke, und am Kopfende saß zwischen roten Seidenkissen eine große, pausbäckige Plastikpuppe mit steifen, glänzenden schwarzen Haaren und Augenwimpern und einem grünen, weiß gepunkteten weiten Rock mit Volants und dazupassendem Bolero. Das linke Augenlid der Puppe hing herab, es sah aus, als sei sie meine Komplizin, als zwinkere sie mir zu. Das Bett hatte an den Ecken vier Pfosten, die in etwa zweieinhalb Meter Höhe durch einen quadratischen Holzrahmen miteinander verbunden waren. Dieser Rahmen war jedoch nicht mit Stoff bespannt, weshalb die Liegestatt irgendwie spartanisch wirkte, obwohl sie sehr breit war. Ein riesiger, dunkler alter Schrank mit einem großen ovalen Spiegel füllte den Großteil einer Wand aus.

Ich trat an eines der drei großen, nach Süden ausgerichteten Fenster, öffnete es und atmete tief ein. Der Blick auf das Meer war nicht völlig frei, er wurde durch die teils immergrünen, teils spärlich belaubten Bäume und Sträucher des Gartens etwas beeinträchtigt. Aber man konnte die blaue Wasserfläche hinter den Ästen, den Zweigen, dem Laub sehen, man hörte und roch das Meer.

Plötzlich überkam mich eine große Müdigkeit, und ich ging zurück zum Bett, schlüpfte aus den Schuhen und legte mich angekleidet unter die Decke. Ich war erschöpft von der Reise, hatte wegen der fortwährend im Schlaf sprechenden Wienerin eine unruhige Nacht verbracht. Die Meeresluft tat das Ihre. Das Letzte, was ich vor Augen hatte, bevor ich einschlief, war das Gesicht des alten Mannes an der Rezeption, lächelnd und überzogen von einem Raster unzähliger feiner Fältchen.

»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, entschuldigen Sie, aber ich bestehe darauf, Ihr Komplize zu sein«, sagte er auf Deutsch und zwinkerte mir zu.