Iowa liegt mitten in Amerika. Es ist ungefähr so groß wie Süddeutschland, und die Landschaft erinnert auch an schwäbische Hügel, bayerische Wiesen und Pfälzer Landstraßen. Hier leben Pietisten, die aus Hessen kommen, Lutheraner aus Schwaben und Mennoniten aus der Schweiz, auch Immigranten aus Irland, England und Norwegen. Drei Millionen Einwohner hat Iowa, davon sind 95 Prozent weiß. Selbst die Hauptstadt Des Moines hat nur 200 000 Einwohner. Iowa ist malerisch. Durch grüne Auen mäandert der Iowa River. Ein paar Dutzend Städtchen gibt es hier, mit Kirchen und Freilufttheater im Park, Cafés, diners, Imbissstuben und Lädchen für Prager Christbaumkugeln, holländische Fliesen und deutsches Bier. Dazwischen erstrecken sich Felder über Felder. Mais wird hier angebaut, auch Kartoffeln und Sojabohnen, Schweine werden gezüchtet und auf den satten Wiesen stehen Kühe wie in einem deutschen Heimatfilm aus den fünfziger Jahren.
Im Westen von Iowa, am Missouri, liegt Sioux City; hier fangen die Great Prairies an, die Prärien. Dubuque, ein Fort aus der Zeit, als Iowa noch französisches Territorium war, liegt im Osten, am Mississippi. Eine Bahnlinie durchquert das Land und zwei Interstates; die I-35 verläuft vom Lake Superior, einem der Großen Seen, bis nach San Antonio, Texas. Die I-80 kommt von New York und Chicago, kreuzt Iowa City und die I-35 in Des Moines und endet in San Francisco. Deshalb hat man in Iowa das Gefühl, mitten in Amerika zu sein, auch wenn das geographisch nicht so ganz stimmt.
Von Iowa City führt ein Highway nach Südwesten, vorbei an einer VW-Niederlassung und einer Aldi-Filiale, ins Land der Amish, die noch den Lebensstil der alten Heimat pflegen. Sie fahren in Pferdekutschen gleich neben dem Highway, hängen ihre Wäsche im Hof auf die Leine, statt sie in den Trockner zu packen, die Frauen und auch die kleinen Mädchen tragen Hauben. Sie verkaufen Erdbeeren, Pfirsiche, Kohlrabi, Rhabarber und Eier direkt von der Farm, ganz frisch und bio. Ein Körblein Erdbeeren kostet fünf Dollar. Es gibt auch die Beachy Amish, die eher wie »klassische« Amerikaner leben, das heißt, sie fahren Autos und tragen Jeans. Generell scheint sich der Traktor aber auch bei den Amish durchgesetzt zu haben, die nicht so beachy sind.
Nördlich von Amish Country wohnen die Amana in Dörfchen mit roten Ziegelhäuschen. Ihre Vorfahren waren bibeltreue deutsche Pietisten. Bis zur Großen Depression stellten sie alles selbst her, was sie brauchten, von der Wolldecke bis zur Wachskerze. Heute verkaufen sie Kühlschränke und Mikrowellengeräte. In Middle Amana gibt es eine deutsche Bäckerei, die aber hat ausgerechnet an dem Tag geschlossen, als ich die Landstraße entlangrolle. Ich fahre einen Toyota Prius, ein Hybridauto, das mit Ethanol betankbar ist. Ethanol, das aus Mais hergestellt wird, ist eines der wichtigsten Produkte aus Iowa. Die Bundesregierung in Washington bezuschusst Ethanol, und obwohl Iowa von den Republikanern regiert wird, die eigentlich gegen Subventionen sind, finden die meisten Iowans das richtig.
Ich bin auf dem Weg nach Waterloo, im Nordosten des Staates. Hier wird an diesem Abend Michele Bachmann erklären, dass sie Präsidentin der Vereinigten Staaten werden will. Sie spricht im Electric Park Ballroom, einer Festhalle auf dem Gelände des National Cattle Congress, des Viehzüchterverbandes. Sollte sie im Sommer 2012 nominiert werden, wäre sie die erste Frau, die für die Republikaner antritt. Bachmann ist der Superstar der Tea Party, einer rechtskonservativen Bewegung, die mit der Wahl von Barack Obama entstanden ist, dem ersten schwarzen Präsidenten der USA, und die erst die Republikaner und mit der Kongresswahl von 2010 das ganze Land aufgemischt hat.
Iowa ist ein kleiner, aber wichtiger Staat, denn hier findet, bislang im Februar, nun aber im Januar, traditionell der »Iowa Caucus« statt: die ersten Vorwahlen für die kommende Präsidentschaftswahl, zu denen sich Iowans im bitterkalten Winter, Schnee und Eis trotzend, in Schulen und Turnhallen treffen und in stundenlangen Debatten Delegierte auswählen. Diese fahren dann zu den nationalen Parteiversammlungen und stimmen für einen Kandidaten. Der Iowa Caucus bekommt viel Presse, deshalb geben sich alle Politiker Mühe, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Schon Monate vor dem Caucus reisen sie hierher, schütteln Hände, halten Reden und lauschen den Sorgen ihrer potenziellen Wähler.
So auch Bachmann. Die 55-jährige Kongressabgeordnete vertritt St. Cloud, Minnesota, einen ländlichen Distrikt nordwestlich von Minneapolis; sie lebt dort in der Kleinstadt Stillwater. Früher war ihr Distrikt von Feldern und Bauernhöfen geprägt, heute haben sich die wohlhabenden Suburbs von Minneapolis bis nach St. Cloud ausgebreitet. Auch hier leben mehr als 95 Prozent Weiße. Rund die Hälfte davon sind deutschstämmig, die zweitgrößte Gruppe sind Einwanderer aus Norwegen und Schweden, ähnlich wie im benachbarten Iowa. Bachmann stammt von Norwegern ab, während ihr Mann Marcus der Sohn eines Schweizer Paares ist, das auf seiner Hochzeitsreise beschloss, in Amerika zu bleiben. Aber Bachmann beginnt ihren Wahlkampf nicht in ihrem eigenen Wahlkreis, denn Iowa ist wichtiger für die Medienpräsenz. Immerhin kann Bachmann anführen, dass sie in Iowa geboren ist, sogar hier in Waterloo.
Der Electric Park Ballroom ist geschmückt wie für ein patriotisches Dorffest. Rot-weiß-blaue heliumgefüllte Luftballons schweben in Reih und Glied, an Tischen werden rot-weiß-blaue Aufkleber und Anstecker mit Bachmanns Gesicht darauf verkauft. Mollige Frauen servieren Cola und »Sloppy Joe’s«, Brötchen mit Hackfleischsauce und Käse, auf Papptellern. Ein paar Hundert Menschen warten, Journalisten und Bachmann-Anhänger. Sie sind gut zu unterscheiden; die Bachmann-Fans sind weiß, manche tragen T-Shirts mit der amerikanischen Flagge und Aufdrucken wie »Strong America«. Die Medienvertreter sehen ein bisschen städtischer aus, auch sind sie jünger und schlanker, und ein knappes Drittel von ihnen ist schwarz. Wann kommt sie denn? »Woher soll ich das wissen, ich bin doch bloß ein Reporter von den lamestream media«, sagt ein genervter Brillenträger vom Sender CBS und spielt damit auf Sarah Palins Verballhornung der mainstream media an.
Zwei Bühnen hat der Electric Park Ballroom, eine kleine in der Mitte, für Bachmann, und eine größere im Hintergrund, darauf drapieren die örtlichen Republikaner ein paar Kinder, weil das im Fernsehen gut aussieht. Ein »Anheizer«, der sagt, er sei ein Freund von Bachmann, erinnert uns alle an die Werte des Mittleren Westens, mit denen wir aufgewachsen seien: Redefreiheit, wenig Regierungsmacht, harte Arbeit. Er nennt Bachmann comrade in arms, Kampfgenossin. Und da kommt sie endlich, zu den Klängen von ›She’s an American Girl‹, läuft am Spalier der Fans vorbei, schüttelt Hände, wird fotografiert, tätschelt Kindern den Kopf, umarmt Frauen, lächelt, redet mit allen ein paar Worte. Sie ist sehr schlank und sehr klein – »so ist das, wenn norwegische Frauen älter werden«, wird sie nachher sagen, kaum zu sehen zwischen den vielen Menschen, dabei strahlt sie eine unermüdliche Energie aus. Marcus Bachmann, ihr grauhaariger, hochgewachsener, stämmiger Mann, der hinter ihr herläuft wie eine schwankende Eiche, bugsiert sie zur Bühne.
Dort steht sie nun und lächelt. »Entspannt euch, wir sind doch eine Familie«, sagt sie. Morgen werde sie ankündigen, dass sie als Präsidentin der Vereinigten Staaten kandidiere. Vor der Presse. Dieser Abend aber sei nur für uns, für Familie, Freunde, Nachbarn. Nun erzählt Bachmann von ihrer eigenen Familie, die aus Iowa stammt, in der siebten Generation. Die habe zu den Pionieren gehört, die 1850 gekommen seien, um Bäume zu fällen (und die Black Hawk und Sioux zu vertreiben). »Alles, was ich gelernt habe, habe ich in Iowa gelernt«, sagt sie. »Meine Wurzeln und mein Glaube an Gott stammen von hier.« Auch sie gehöre zu dem gottesfürchtigen Volk, das sich mehr um die Kinder und die Enkelkinder sorge als um sich selbst. Aber leider fehle die Stimme der Familie in Washington. »Wir brauchen mehr Waterloo, mehr Familie, mehr Iowa, mehr Liebe.« Vor allem bräuchten wir die alten amerikanischen Werte. »Aber es ist nicht zu spät, wir können wieder zu ihnen zurückkehren!«
Bachmann ist eine von hier. Als Kind, erzählt sie, habe sie die Lutherische Kirche in Waterloo besucht und die »Dairy Queen«, einen Eisladen, der heute noch aussieht wie in den fünfziger Jahren und den es überall im Mittleren Westen gibt. Und natürlich sei sie, Höhepunkt des Jahres, bei der Viehschau in ebendiesem Electric Park Ballroom gewesen, wo sie heute oder offiziell erst morgen ihre Kandidatur erklärt. Die Familie zog nach Minnesota, als sie noch ein Kind war. »Da habe ich lange geweint.« Das werden die Leute in ihrem Wahlkreis aber gar nicht gerne lesen.
Dann bittet sie ihre Familie auf die Bühne, zwei ihrer drei Brüder, einige ihrer fünf Kinder, bald ist die kleine Bühne mit Bachmann-Verwandten überfüllt. Keines ihrer 23 Pflegekinder ist hier, dafür aber zwei Stiefbrüder. Bachmanns Mutter hat nach ihrer Scheidung wieder geheiratet, einen Mann mit fünf Kindern, Michele war damals zwölf Jahre alt. Nicht anwesend ist ihre Stiefschwester Helen LaFave, die offen lesbisch lebt – und darüber hinaus Demokratin ist; sie war bei der Inaugurationsfeier von Barack Obama in Washington, zusammen mit ihrer Partnerin. Michael LaFave, ein gleichfalls nicht anwesender Stiefbruder, nimmt es Bachmann übel, dass sie den Kampf gegen die Schwulenehe anführt und sogar gesagt hat, Schwulsein bedeute »persönliche Unfreiheit«, »persönliche Verzweiflung« und »persönliche Versklavung«, und die Verhinderung der Schwulenehe sei das »Wichtigste, was das Schicksal unserer Nation in den nächsten dreißig Jahren bestimmen wird«. LaFave findet das abstoßend. »Michele redet so viel über Familienwerte, aber sie ist nicht ehrlich, was ihre eigene Familie angeht«, sagte er zu ›City Pages‹, einer Stadtzeitung in Minneapolis.
Auch manche Parteifreunde kaufen ihr die warmherzige Familienmutter nicht ab. »Sie ist eine eiskalte, kalkulierende Person«, meint Gary Laidig, der Republikaner, dem sie im Jahr 2000 den Sitz im Senat von Minnesota abnahm, indem sie den Veteran als »republikanisch nur dem Namen nach« denunzierte. Laidig wurde von seiner Niederlage, wie so viele ihrer innerparteilichen Gegner, kalt überrascht. »Ihre Wahlkampagnen sind immer gleich: Keiner weiß so genau, wer sie ist; sie wirkt wie eine zierliche, attraktive soccer mom«, meint Laidig. »Aber in Wirklichkeit gehört sie zu einer Gruppe, die absolut entschlossen ist, die Republikaner zu übernehmen. Die machen professionell Wahlkampf, das fängt damit an, Delegierte zu gewinnen, bis hin zum Abtelefonieren der Wähler.« Sie sagte damals, Gott habe ihr befohlen zu kandidieren, sie habe das nie geplant.
Heute gilt Bachmann als die Königin der Tea Party, während es bald klar wurde, dass sich Sarah Palin doch eher für Manolo-Blahnik-Schuhe und ihre neue Fernsehshow interessiert als für Politik. »Während Palin klar gelangweilt ist von den langwierigen, arbeitsintensiven Aspekten des Wahlkampfes und viel mehr daran interessiert, die Vorteile ihrer Reality-Show-Berühmtheit auszunutzen, ist Bachmann nachgerade skrupellos zielorientiert, eine nimmermüde Arbeitsbiene, die zudem auch über genug Energie verfügt, ihre Botschaft immer und zu allen Zeiten zu verbreiten«, schreibt Matt Taibbi in einem Bachmann-Porträt im Magazin ›Rolling Stone‹. Sie selbst sagt von sich, sie habe ein Rückgrat aus Titan.
Bachmann hat den »Tea Party Caucus« des Repräsentantenhauses und des Senats gegründet, den sie auch leitet, und sie hat sich damit an die Spitze der Tea Party in Washington gesetzt. Die Idee kam von Rand Paul, dem republikanischen Senator von Kentucky und Sohn von Ron Paul; Letzterer gilt als geistiger Vater der Tea Party. Der Caucus hat sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, dafür zu sorgen, dass alle neuen Gesetze der originalen amerikanischen Verfassung von 1787 entsprechen. Vor allem im 19. Jahrhundert wurden Verfassungszusätze verabschiedet, und einige davon möchten manche Tea Partier gerne abschaffen, allen voran das 14. Amendment, das jedem in Amerika geborenen Baby die Staatsbürgerschaft gibt, das 16. Amendment, das es Washington erlaubt, Einkommenssteuer zu erheben, und das 17. Amendment, das es erlaubt, dass Senatoren von der Bevölkerung gewählt werden statt von den staatlichen Legislatoren, weil das die Rechte der Staaten beschneidet. Außerdem sollen künftige Gesetze natürlich der Tea-Party-Linie folgen: schlanke Verwaltung, sparsame Haushaltsführung, keine neuen Steuern. Der Caucus wird von Spenden aus der Pharma-, Öl- und Gas- sowie der Immobilienindustrie finanziert.
Die Kandidatin ist eine Konservative wie aus dem Bilderbuch. Mit 16 Jahren hatte sie »Jesus gefunden« und kurz darauf auf dem College in Minnesota ihren Ehemann – wie sie ein »wiedergeborener Christ«. Sie habe – so erzählte sie später ihren christlichen Wählerinnen – von Gott den Auftrag bekommen, ihn zu heiraten, und er habe den gleichen Auftrag erhalten, Hunderte von Meilen entfernt. Nach dem College gingen beide auf eine private, christliche Universität in Oklahoma, die Oral Roberts University, benannt nach einem Evangelikalen. Hier studierte Bachmann Jura. Die juristische Falkultät von Oral Roberts ging in der Regent University School of Law auf, die der TV-Evangelist Pat Robertson gegründet hatte. Regent ist bekannt, weil George W. Bush hier viele seiner Justizbeamten rekrutierte.
Bachmanns Mentor, so schreibt Taibbi, war John Eidsmoe, ein Regent-Dozent, christlicher Extremist und Autor der rechtsradikalen John Birch Society. Er hatte in einem seiner Bücher vorgeschlagen, Blasphemie unter Strafe zu stellen. Er vertritt auch die Ansicht, Amerika sei als eine christliche Theokratie gegründet worden und solle dies wieder werden. Das glaubt auch Bachmann. Die Kandidatin gehört heute – so schreibt Michelle Goldberg in ihrem Buch ›Kingdom Coming: The Rise of Christian Nationalism‹ – einer christlichen Bewegung namens Dominionism an. Deren Standpunkt sei, dass Christen die »Verpflichtung, das Mandat, den Auftrag, eine heilige Verantwortung haben, das Land für Jesus Christus wiederzugewinnen und die Oberherrschaft über die zivilen Strukturen zu gewinnen«. Goldberg führt diese Lehre auf den calvinistischen Theologen R. J. Rushdoony zurück.
Ursprünglich war Bachmann Demokratin. Als Studentin hat sie für Jimmy Carter Wahlkampf gemacht. Davon kam sie aber ab; über die Gründe kursieren mehrere Versionen. Es heißt, dass sie fand, bei den Demokraten gebe es zu viele antiamerikanische Atheisten, aber auch, sie habe sich über ein Buch von Gore Vidal geärgert, ein Verwandter des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Al Gore, der darin die Gründungsväter beleidigt habe. Auf jeden Fall wechselten sie und ihr Mann Marcus schon bald zu den Republikanern.
Nach der Universität ging sie nach Minnesota zurück. Dort, in Stillwater, begann ihre politische Karriere, als sie sich in die Elternvertretung der örtlichen Schule wählen ließ (das war übrigens auch Sarah Palins erster Schritt in die Politik). Mit einer staatlichen Schule kam sie nur deshalb in Berührung, weil sie sich bei der Staatsregierung als Pflegemutter hatte registrieren lassen. Das hieß, sie durfte drei Pflegekinder gleichzeitig betreuen, die ein paar Wochen bei ihr blieben, manche auch ein paar Jahre. Aber sie mussten nach den Gesetzen von Minnesota in staatliche Schulen gehen, während Bachmanns eigene Kinder in ihren ersten Jahren zu Hause unterrichtet wurden und danach christliche Privatschulen besuchten.
So erfuhr Bachmann, was in staatlichen Schulen gelehrt wird, und sie war entsetzt. Sie versuchte, »biblische Prinzipien« im Curriculum festzuschreiben. Und sie setzte durch, dass der Disney-Film ›Aladdin‹ an der Schule nicht gezeigt werden durfte, weil er Hexerei glorifiziere. Das ist in den USA nichts Ungewöhnliches; konservative Eltern haben auch gegen die Harry-Potter-Bücher protestiert. Aber irgendwann wurde Bachmann den anderen Eltern unheimlich. Sie wurde abgewählt. Daraufhin schloss sie sich der Maple River Education Coalition an, der die Website EdWatch. org gehört. Die will durchsetzen, dass das Christentum an den Schulen und Colleges als eine Religion dargestellt wird, die allen anderen überlegen ist. Bachmann ist zudem der Meinung, Intelligent Design, eine Schöpfungslehre, die Gott als den »Designer« der Welt betrachtet, sollte gleichberechtigt mit der Evolutionstheorie an den Schulen gelehrt werden, zumal es »Aberhunderte von Wissenschaftlern, viele davon Nobelpreisträger« gebe, die an Intelligent Design glaubten.
Bachmann ist gegen Abtreibung und gegen Scheidung und hat den pledge, das Gelöbnis eines konservativen Familienverbandes, unterzeichnet, das sich für eheliche Treue und gegen Pornographie ausspricht (und selbstverständlich gegen die Schwulenehe). In dem Gelöbnis hieß es ursprünglich sogar, schwarzen Kindern sei es während der Sklaverei besser gegangen als unter Obama, weil sich ihre Eltern seltener trennten. Tatsächlich durften schwarze Sklaven gar nicht legal heiraten, und ein Paar blieb lediglich so lange zusammen, wie es der Plantagenbesitzer für richtig hielt. Darüber hinaus ist sie eine stramme Verfechterin der US-Militärmacht in der ganzen Welt; sie hat für mehr Truppen im Irak gestimmt, hat kein Problem damit, Atombomben auf den Iran zu werfen und die Militärhilfe für Israel beizubehalten.
Dass Michele Bachmann der Liebling der Religiösen Rechten ist, verwundert nicht, aber wie konnte ausgerechnet Bachmann zum Star der Tea Party aufsteigen? Die Tea Party startete keineswegs als Verein von Ultrareligiösen. Sie war ein Bündnis von Libertären und Konservativen, die gegen einen zu starken Staat protestierten, gegen die Gängelung durch zu viele Gesetze, die zurück zu den freiheitlichen Ursprüngen der amerikanischen Verfassung wollten – freie Religionsausübung, freie Rede, Waffenbesitz –, die sich darüber empörten, dass die Wall Street und die Immobilienversicherungen mit Unsummen von Steuergeldern gerettet wurden, und die nicht Abermilliarden für die Kriege im Irak und in Afghanistan ausgeben wollten. Wie ist daraus eine Bewegung von Washingtoner Insidern, Berufspolitikern und Lobbyisten geworden, zu deren Zielen es gehört, in amerikanischen Betten zu schnüffeln, den Militärhaushalt aufzuplustern und Zäune gegen Immigranten zu bauen?
Die Tea Party ist keine formale Partei, für die sich Wähler registrieren lassen können, was in den meisten Bundesstaaten notwendig ist, um wählen zu dürfen. Sie hat keine Parteistrukturen, keinen Vorstand und keine Delegierten. Sie ist ein loser Zusammenschluss regierungskritischer Gruppen, die den Republikanern nahestehen, zu denen aber auch politikverdrossene Demokraten gehören. Sie beruft sich auf die Gründungsväter der USA wie George Washington, Thomas Jefferson, Benjamin Franklin, Alexander Hamilton; ihren Namen hat sie von der legendären »Boston Tea Party«, als verärgerte Noch-nicht-Amerikaner, teilweise als Mohawk-Indianer verkleidet, in der Nacht vom 16. zum 17. Dezember 1773 insgesamt 342 Kisten mit Tee in den Hafen von Boston warfen. Das war der Startschuss zur Revolution gegen die britische Krone. Die Aufständischen protestierten gegen die Steuern auf britischen Tee. Aber eigentlich hatten sie grundsätzlich etwas dagegen, Steuern an die britische Kolonialmacht zu zahlen, obwohl die ihnen keinen Sitz im Parlament von London einräumte. Auch die Tea Party ist gegen Steuern, erst recht aber ist sie gegen einen Wohlfahrtsstaat, von dem, so glauben ihre Anhänger, vor allem Afroamerikaner und hispanische Immigranten profitieren. Und obwohl sich die Tea Party gegen einen starken Staat ausspricht, wollen ihre Anhänger trotzdem ein starkes Militär, eine allseits präsente Polizei und effizientere Kontrollen an der Grenze zu Mexiko.
Die allerersten Anfänge der Tea Party werden auf das Jahr 2007 zurückgeführt, zumindest von Anhängern des libertären Abgeordneten Ron Paul aus Texas. Damals liefen sich die potenziellen Nachfolger von George W. Bush warm. Paul war einer davon, und seine Fans veranstalteten am Jahrestag der Boston Tea Party eine große Spendenaktion. Der Texaner war schon immer dafür, den Einfluss von Washington einzudämmen, die Rechte der Bundesstaaten zu stärken und Steuern zu senken. Paul setzte sich aber bei der Nominierung nicht durch; stattdessen machte John McCain das Rennen als Kandidat, mit Sarah Palin, die eine ganz andere Richtung innerhalb der Tea Party vertritt.
Zum eigentlichen Startschuss für die Tea Party kam es aber erst nach der Wahl von Obama mit einem spektakulären Zornausbruch des Finanzjournalisten Rick Santelli im Februar 2009. Der echauffierte sich live im Sender CNBC auf dem Parkett der Chicagoer Börse darüber, dass Obama die Steuern der fleißigen Amerikaner verschwende, um Leute zu retten, die sich beim Hauskauf übernommen hatten. »Die Gründungsväter würden in ihren Gräbern rotieren!«, rief er. Die Tiraden machten auf einer Vielzahl konservativer Websites die Runde, angefangen mit dem ›Drudge Report‹, und wurden ein Hit auf YouTube. Binnen weniger Tage wurden in vielen Staaten Tea Partys gegründet, Tausende von Amerikanern gingen auf Demonstrationen, mit Hüten, an die sie Teebeutel getackert hatten. Republikaner verloren keine Zeit, auf diesen Zug aufzuspringen. Der Erste, der sich bei einer Demonstration in New York an die Tea Party richtete, war Newt Gingrich. Er ist ein erfahrener Politiker, in der Clinton-Ära war er Fraktionschef der Republikaner im Repräsentantenhaus, und er will ebenfalls Präsidentschaftskandidat werden.
Rasch wurde klar, dass es sich bei den Tea-Party-Demonstranten nicht um studentische Revoluzzer handelte. Die frühen Tea-Party-Demos in Washington, wo der erste schwarze Präsident der USA gerade ins Weiße Haus gezogen war, wirkten eher wie Treffen von Bewohnern eines weißen Altersheims, die sich darüber aufregen, dass die schwarzen Kinder aus dem Sozialprojekt nebenan zu laut Fußball spielen. Letztlich handelt es sich um erboste weiße Kleinbürger in einem Land, das schneller bunt und multikulturell wird, als es ihnen lieb ist. Ihr Motto ist: »Wir holen uns unser Land zurück.«
Natürlich besteht die Tea Party nicht ausschließlich und noch nicht einmal mehrheitlich aus Ku-Klux-Klan-Hauben tragenden Rechtsradikalen. Und viele ihrer Anliegen – die Kritik an den Milliardengeschenken für die Wall Street, an der unverändert hohen Arbeitslosenrate, an den Kosten und der fehlenden militärischen Fortüne bei den Kriegen in Afghanistan und im Irak sowie an einer Bundesregierung, die den Überwachungsstaat ausbaut und mehr Geld ausgibt, als sie hat – sind durchaus berechtigt und wohl sogar mehrheitsfähig. Aber der Rechten geht es, trotz ständiger Lippenbekenntnisse, nicht wirklich darum, den starken Staat abzuschaffen, sonst hätte sie sich schon zu Zeiten von George W. Bush artikuliert. Sie möchte selbst an der Macht sein.
Nach den neuesten Umfragen sind etwa zwanzig Prozent der Amerikaner Anhänger der Tea Party. Der überwiegende Teil davon ist weiß; sie sind deutlich älter, gebildeter und wohlhabender als der Durchschnittsamerikaner. Das ist nicht verwunderlich, denn die geistigen Paten der unzufriedenen Konservativen sind nicht unbedingt die Founding Fathers, die Gründungsväter in Washington, D.C. Es ist ein Konglomerat verschiedenster konservativer Gruppen, die einander manchmal spinnefeind sind oder die sogar gegensätzliche Ziele vertreten und die ihre Wurzeln in allen Teilen der amerikanischen Gesellschaft haben.
Die stärkste Strömung innerhalb der Tea Party ist heute die Dreieinigkeit von Evangelikalen, Neokonservativen und christlichen Zionisten. Dabei hatten die Gründungsväter, auf die sie sich berufen, mit Religion nicht viel am Hut, anders als die Pilgrim Fathers der Mayflower, die anderthalb Jahrhunderte vorher aus religiösen Gründen kamen. Evangelikale, zu denen die Southern Baptists gehören, sind »wiedergeborene« Christen, die durch ein Erweckungserlebnis zu Gott gekommen sind, in den Südstaaten sind sie eine quasi weiße Kirche. Ihre Wurzeln liegen im deutschen Pietismus und in englischen Freikirchen des 19. Jahrhunderts. Viele von ihnen sind bibeltreue Christen oder sie glauben (wie Bachmann) an Intelligent Design. Die Evangelikalen haben prominente TV-Prediger in ihren Reihen, die Millionen von Zuschauern auf eigenen Kanälen haben, die bekanntesten davon sind Billy Graham, Pat Robertson und der inzwischen verstorbene Jerry Falwell. Manche Evangelikale sind christliche Zionisten, die Israel unterstützen, das »Heilige Land«, wo, wie sie glauben, einmal das Armageddon, der Entscheidungskampf des »Jüngsten Gerichts«, stattfinden wird, mit der Wiederkehr Christi und der Überwindung des Weltreichs des Satans. Die Neokonservativen wiederum sind eher im intellektuellen Milieu angesiedelt und generell muslimfeindlich; sie waren schon unter Bush einflussreich.
Die Tea Party hat aber auch noch andere Wurzeln. Da gibt es vor allem die Anhänger der Konföderierten in den Südstaaten (von denen viele wiederum Southern Baptists sind), die erst im 19. Jahrhundert den Bürgerkrieg verloren haben und die sich dann, in den sechziger Jahren, der Bürgerrechtsbewegung beugen mussten, die die Rassentrennung beseitigte. Aber auch die libertären Cowboys und lone rangers aus dem Wilden Westen zählen dazu, deren Großväter gegen die Mexikaner und Indianer gekämpft haben. Heute kämpfen sie gegen illegale Einwanderung und sie haben Angst, dass »Multikulti-Großstädter« ihnen ihre Waffen wegnehmen wollen. Dann gibt es die militanten, ebenfalls bewaffneten Rassisten des pazifischen Nordwestens, die ein Amerika nur für Weiße wollen, und Verschwörungstheoretiker, die auf Politsekten wie die ultrakonservative John Birch Society zurückgehen. Sie warnen vor Ostküstenzirkeln wie den »Bilderbergern«, einem informellen Zusammenschluss von Politikern und Industrieführern; einige glauben gar, dass Washington zusammen mit den Vereinten Nationen geheime Lager für Regierungsgegner errichtet. Und sie lehnen die moderaten, transatlantischen Rockefeller-Republikaner ab; sie nennen solche Politiker RINOs, Republicans In Name Only. Es waren die Rockefellers, die die Vereinten Nationen nach New York geholt haben, die aus Sicht mancher Tea Partier die Verkörperung der »Neuen Weltordnung« sind. Innerhalb der Tea Party finden sich aber auch Klimaskeptiker, die meinen, die globale Erwärmung sei eine Erfindung liberaler Wissenschaftler, um den Amerikanern das Autofahren zu vermiesen, und Birther, die behaupten, Obama habe seine Geburtsurkunde gefälscht, tatsächlich sei er ein marxistischer Moslem arabischer Herkunft aus Kenia. Aber trotz aller Unterschiede verbindet die Tea Partier dreierlei: Sie wollen keinen Präsidenten, den sie für unamerikanisch und linksradikal halten. Sie mögen generell nichts, das fremd ist. Und sie sind – fast – alle weiß.
Nachdem Bachmann ihre Kandidatur erklärt hatte, nicht nur einmal, sondern gleich mehrfach – im Fernsehen, bei einer Debatte der Republikaner in New Hampshire, bei einem Parteitag der Republikaner in New Orleans und eben in Waterloo, Iowa –, schossen sich Demokraten und Linke auf sie ein. Und die Kandidatin bot mehr als genug Angriffsfläche: Sie erzählte Reportern in Waterloo, dass sie sich mit dem großen Sohn der Stadt identifiziere, John Wayne, dem Hollywood-Cowboy. Dieser wurde jedoch in Winterset, Iowa, geboren, während John Wayne Gacy, der tatsächlich in Waterloo gelebt hatte, ein pädophiler Massenmörder war, der als der verrückte »Killer-Clown« in die Annalen der Stadt einging. (Ohnehin verwechselte Bachmann den Schauspieler John Wayne, einen geschiedenen, kettenrauchenden, trinkenden Schürzenjäger, mit den Cowboys, die er in seinen Filmen darstellte.)
Sie begrüßte die Wähler in New Hampshire als die »Freiheitskämpfer von Lexington und Concord« (wo die ersten Schüsse im amerikanischen Unabhängigkeitskampf fielen) – Lexington und Concord liegen in Massachusetts. Sie verwechselte Elvis’ Geburtstag mit Elvis’ Todestag. Sie meinte, die Verfassungsväter hätten unermüdlich daran gearbeitet, die Sklaverei zu beseitigen, dabei besaßen Washington und Jefferson selbst Sklaven. Demokraten und die Medien, die ihnen nahestehen, drucken diese gaffes, Versprecher, oft und gerne nach, was Bachmanns Fans umso mehr dazu bringt, sich um die Abgeordnete zu scharen, die sie als Opfer einer elitären liberalen Verschwörung sehen. Matt Taibbi nannte sie im ›Rolling Stone Magazine‹ »verrückt«: »Allerdings nicht verrückt im Sinne einer Frau, die in der U-Bahn mit sich selbst spricht, sondern eher furchteinflößend verrückt, so wie Kim-Jong-Il im letzten Stadium.«
Ist sie das wirklich? Bachmann kann, wenn es um ihre Karriere geht, erstaunlich rasch ihre Prinzipien über Bord werfen. Als Zeitungen mutmaßten, die Salem Lutheran Church in Stillwater, die sie zehn Jahre lang besucht hatte, hänge der Doktrin an, dass der Papst der Antichrist sei, verließen sie und ihr Mann die Gemeinde von einem Tag auf den anderen. Ohne die hispanischen, italienischen und irischen Katholiken ist heutzutage in den USA kein Wahlsieg mehr möglich.
Auch ihre Sprüche haben Kalkül: Es geht immer darum, die Demokraten zu attackieren. Bei der Wahl von 2008 hatte Bachmann gefordert, die Medien sollten Kongressmitglieder und Senatoren auf antiamerikanische Ansichten hin überprüfen; sie meinte natürlich demokratische Senatoren. Nachdem sie ins Repräsentantenhaus gewählt worden war – auch dazu hatte Gott sie angeblich berufen –, behauptete sie, Obamas Dienstreise nach Indien koste den Steuerzahler 200 Millionen Dollar am Tag. Als in Obamas Amtszeit die Schweinegrippe ausbrach, bemerkte sie, das letzte Mal sei dies ebenfalls unter einem Demokraten geschehen, unter Carter. Als unter Obama die (anonymisierte) Volkszählung anstand, warnte sie davor mitzumachen, denn so seien die japanischstämmigen Amerikaner 1942 im Konzentrationslager gelandet. Immer wurde sie widerlegt, aber irgendetwas, so hofft sie, bleibt beim Wähler hängen. Manchmal geht sie zu weit: Als sie sagte, der Hurrikan Irene sei die Strafe Gottes für die Nettoneuverschuldung der USA, musste sie zurückrudern; sie behauptete nun, das sei ein Scherz gewesen.
Das wichtigste Ziel von Bachmann ist: Sie will Obama ablösen und Präsidentin werden. Aber zu Republikanern kann sie genauso bissig sein wie zu Obama: Sie beschuldigte Tim Pawlenty, den früheren Gouverneur von Minnesota, der ebenfalls kandidieren wollte, ein Marxist zu sein, der »staatliche Kontrolle« wolle. Rick Perry stellte sie als korrupten Kinderquäler dar, weil der Schulmädchen impfen ließ. Und sie legte genau auf den Tag, an dem Mitt Romney seine Bewerbung ankündigte, ihren Auftritt in New Hampshire.
Bachmann kann Menschen begeistern und elektrisieren, auch wenn das, was sie sagt, beim genaueren Nachdenken nicht so sehr viel Sinn ergibt. Bei einer Parteiversammlung der Republikaner in New Orleans im Sommer 2011 reißt sie die Delegierten zu minutenlangen Beifallsstürmen hin. »Ich liebe New Orleans!«, ruft sie. »Ihr habt Katrina überlebt und auch Obamas Ölmoratorium« – das kurzzeitig in Kraft war, als die Ölplattform Deepwater Horizon ein Loch in den Meeresgrund riss, sodass Milliarden von Litern Öl ausliefen. »Ihr könnt alles überleben.« Ein Statement, das Chuzpe beweist, sind doch mehr als 2000 Leute während des Hurrikans Katrina ertrunken, nicht zuletzt deshalb, weil die Bush-Regierung zu spät Hilfe sandte.
Aber Bachmann legt noch nach. »Ich werde Jobs schaffen, Obama vernichtet Jobs!«, ruft sie. Denn der Präsident habe 500 Milliarden Dollar aus Medicare, der Krankenkasse für Rentner und Frührentner, in seine Gesundheitsreform geleitet, die die Republikaner »ObamaCare« nennen – eine Behauptung, die sie nie belegen kann. Sie wird trotzdem bejubelt. »Aber habt Hoffnung! Ich werde dafür sorgen, dass ObamaCare beseitigt wird!« Außerdem entmachte Obama das Militär, »gerade jetzt, wo wir Osama Bin Laden gefangen und getötet haben!« Sie aber werde dafür sorgen, dass der Terror bekämpft werde: »Keine Schließung von Guantanamo! Keine Rechte für ausländische Terroristen, kein nuklearer Iran! Ich stehe an Israels Seite!« Dann redet sie noch über 9 - 1 - 1. Sie sagt nicht nine-eleven, 11. September, sondern nine-one-one, wie die Notrufnummer der Polizei.
Ihr wichtigstes Thema aber ist das »Billionenloch« im Haushalt. »Ich werde ernsthafte Einschnitte machen, damit wir nicht die Neuverschuldung erhöhen müssen!«, ruft sie und zählt dann auf, wo sie überall kürzen will, ist sie erst einmal Präsidentin. Planned Parenthood – ein Verein, der bei der Familienplanung und der Geburtenkontrolle berät – soll Mittel verlieren, auch das öffentlich-rechtliche Radio NPR. Die Umweltschutzbehörde EPA soll geschlossen werden, am besten werde auch das Department of Education abgeschafft, damit die Schulpolitik in der Hand der Bundesstaaten sei. Der geplante Hochgeschwindigkeitszug, der »bullet train to nowhere« solle noch vor Baubeginn gestoppt werden. Dann noch ein besonderes Schmankerl: Das Cowboy Poetry Festival in Nevada, das, den Demokraten sei Dank, einige Zehntausend Dollar bekommt, werde künftig in die Röhre gucken. Schützen will Bachmann dafür die herkömmliche Glühbirne. »Unter einer Regierung Bachmann werdet ihr jede Glühbirne kaufen dürfen, die ihr wollt!«
Selbst der dunkelsten Birne im Saal müsste klar sein, dass solche Einsparungen statistisch nicht messbar sind, aber die Menge tobt vor Begeisterung. Danach drängen sich Fans, viele davon ältere Frauen, um Bachmann, bitten um Autogramme, reichen Babys zum Küssen, posieren für Fotos und schenken ihr Schals und T-Shirts. Das dauert so lange, dass Rick Santorum, der nach ihr spricht, um einen Gutteil seiner Redezeit gebracht wird. Um ihren Vorteil noch auszubauen, lädt Bachmann die Reporter genau dann zum Gespräch ein, als Santorum mit seiner Rede beginnt.
Gegner werfen ihr vor, sie praktiziere nicht, was sie predige. So hat sie immer earmarks abgelehnt, Bundesgelder, die für bestimmte lokale Projekte reserviert sind, meist in Wahlkreisen, wo der Wahlausgang knapp ist. 2009 jedoch hat sie in Washington rund 40 Millionen Dollar an earmarks verlangt – sie sagte, es sei um wichtige Straßenbauvorhaben gegangen, weshalb sie eine Ausnahme für gerechtfertigt gehalten habe. Sie wettert gegen pork, ebenfalls meist unnütze Bundesausgaben, die einzelnen Wahlkreisen zugutekommen, hat aber, wie das libertäre Cato-Institut spitz bemerkte, das Landwirtschaftsministerium gedrängt, Schweinehälften und Milchprodukte in Minnesota zu kaufen. Sie will Subventionen abschaffen, aber die Farm ihrer Schwiegereltern, deren Mitinhaberin sie ist, hat zwischen 1995 bis 2008 rund 260 000 Dollar an Subventionen bekommen. Auch die christliche Beratungsstelle ihres Mannes, der auf Wunsch mit Schwulen betet, um sie zu Heterosexuellen zu machen, bekam rund 24 000 Dollar aus einem staatlichen Programm für die Weiterbildung von Angestellten. Sie sagte dazu, sie habe von dem Geld nicht profitiert, es sei im laufenden Betrieb verbraucht worden. Und auch für ihre 23 Pflegekinder ist der Steuerzahler aufgekommen: Der Staat Minnesota zahlte für jedes Kind mindestens dreißig Dollar am Tag, in manchen Fällen auch mehr.
Mehr noch stößt es Libertären auf, dass der einzige Job, den die Berufspolitikerin jemals ausübte, einer beim Internal Revenue Service (IRS), dem Finanzamt, war, wo sie für die Steuerfahndung arbeitete. Dort hat sie unwillige Steuerbürger verklagt; sie hatte eigenen Angaben zufolge in Hunderten von Fällen Erfolg. Zu den Fällen, die sie bearbeitet hat, gehört der von Marvin Manypenny, ein Chippewa-Indianer in Minnesota, der sich weigerte, Steuern zu zahlen, weil, wie er sagte, ein entsprechendes Abkommen zwischen Washington und seinem Stamm existiere. Bachmann verklagte die Indianer in zwei Instanzen und gewann. Als ihr das vorgehalten wurde, erklärte sie öffentlich, sie hasse Steuern; sie habe nur Steuerrecht studiert, weil ihr Mann ihr das befohlen habe, und der Bibel zufolge sollten Frauen ihrem Mann gegenüber submissive, unterwürfig, sein. Das empörte Feministinnen wie Atheisten gleichermaßen; tatsächlich aber ist Bachmann etwa so submissiv wie Arnold Schwarzenegger; sie hat einfach nur die alte »Ich-habe-nur-Befehle-befolgt«-Masche benutzt. Laut dem ›Wall Street Journal‹ hat sie danach als Abgeordnete dafür gestimmt, das Budget des IRS um 600 Millionen Dollar zu kürzen, davon 285 Millionen bei der Steuerfahndung.
Bachmann stilisiert sich als Kämpferin mit einem Rückgrat aus Titan, aber tatsächlich ist sie eine Opportunistin. Sie will einen Verfassungszusatz durchsetzen, die Schwulenehe zu verbieten, will aber die Bundesstaaten nicht dazu zwingen, den umzusetzen. Das macht nicht nur keinen Sinn, es widerspricht auch ihrem Bekenntnis zur originären Verfassung der USA. Mittlerweile redet sie gar nicht mehr so gerne über die Schwulenehe – die Ansicht darüber sei Privatsache. Sie tritt als erfahrene Politikerin auf oder als Washingtoner Outsider, je nachdem, mit wem sie spricht. Sie warnt vor kommunistischen Umtrieben und ausländischen Einflüssen, ist aber stolz darauf, als Jugendliche in einem Kibbuz gearbeitet zu haben. Sie will einen Staat mit weniger Regularien für die Wirtschaft, denn die Wirtschaft schaffe Jobs, nicht die Regierung; sie verspricht aber, als Präsidentin Jobs zu schaffen. Sie kämpft gegen eine Erhöhung der Staatsverschuldung unter Obama, hat sich aber, solange George W. Bush am Ruder war, keiner Ausgabenerhöhung widersetzt. Bush hat auch 2006 die Rede bei einem Fundraising, einer Spendensammelgala für Bachmann, gehalten. Auch Karl Rove, intern »Bushs Gehirn« genannt, und der damalige Vize Dick Cheney unterstützten schon früh die konservative Hoffnungsträgerin.
Als die ersten Tea Partier sich empörten, war die Stimmung noch ganz anders gewesen. In den letzten Tagen, in denen Bush im Amt war, hatten Republikaner und Demokraten gemeinsam Milliardengeschenke für die Wall Street beschlossen, nachdem Lehman Brothers Konkurs angemeldet hatte und andere Banken wankten. Hunderttausende von Wählern beschwerten sich in Anrufen, E-Mails und Briefen bei ihren Volksvertretern in Washington. Auf Partys traf man Menschen jeglicher politischer Couleur, die rot vor Wut über diese Geldverschwendung glühten. Noch größer wurde die Wut, als Amerika von den Immobilienwetten der Banker gegen Häuslebauer und absurd hohen Boni für Banker erfuhr.
Aber mit der Wahl von Obama war aus einem Volksaufstand gegen die Wall Street ein Kampf für mehr Laissez-faire-Kapitalismus und weniger Steuern für Reiche geworden. Und aus der libertären, staatsfernen Tea Party wurde eine schrille, ultrarechte, nationalistische Bewegung, die von Feindbildern lebt: »dekadente« Europäer, die für den Einsatz im Zweiten Weltkrieg nicht dankbar sind, Kommunisten und Liberale, die Amerika unter die Knute von Karl Marx bringen wollen, illegale Immigranten, die das Land unterwandern wollen, kurz, alles, was irgendwie »fremd« ist, »ausländisch« oder »unamerikanisch«.
Das liegt daran, dass die Bewegung von Neokonservativen, Evangelikalen, Reaganites, den Reagan-Republikanern und Paleocons, den paläokonservativen Republikanern alter Schule, infiltriert wurde, der alten Garde eben, die sich mit den rechtsradikalen, rassistischen Gruppierungen arrangierte und die echten Libertären ausgrenzte. Als Ron Paul im Sommer 2011 auf der Republican Leadership Conference in New Orleans die straw poll, die Mehrheit der anwesenden Delegierten, gewann, wurde er ausgebuht – von den gleichen Republikanern, die gerade noch betont hatten, wie sehr sie die Tea Party liebten.
Jake Shannon, ein libertärer Radiomoderator aus Utah, der für den Kongress kandidiert, nennt diese Leute in seinem Buch ›Tea-O-Conned‹ deshalb »Tea-O-Cons«, verkappte Neocons, die ihre »antifreiheitliche, kriegsfreundliche Agenda in libertäre Rhetorik kleiden, um von der Popularität der libertären Ideen zu profitieren und damit an der Macht festzuhalten«. Als die Tea Party noch libertär war, wollte sie die Federal Reserve, die Zentralbank, und das Finanzamt abschaffen. Heute unterstützen die Tea-O-Cons den Patriot Act, das Anti-Terror-Gesetz, das es möglich macht, Amerikaner zu bespitzeln, und die Kriege im Mittleren Osten, ärgert sich Shannon. Die echten grassroots seien durch Astroturf ersetzt worden, Kunstrasen, der nur zu Veranstaltungen ausgerollt wird.
Ähnlich sieht das Wes Benedict, der Vorsitzende der Libertären Party in Washington. »Die Tea Party hat zwar die Republikaner beeinflusst, aber das republikanische Establishment hat sich auch der Tea Party angedient, schon deshalb, damit sie an der Macht bleiben und ihre Posten behalten«, meint er. Und während die Reaganites mit der Tea Party wenigstens die Abneigung gegen Steuern gemeinsam haben, haben die Neokonservativen, die unter Bush den Ton angegeben haben, ganz andere Wurzeln. Sie stammen aus dem universitären Ivy-League-Milieu der Ostküste. Frühere Trotzkisten sind darunter, viele arbeiten in Washingtoner Think-Tanks, und sie wollen einen starken Staat und eine interventionistische Außenpolitik.
Inzwischen gehen Kandidaten der Tea Party mit Forderungen an die Öffentlichkeit, die der Konstitution der USA diametral entgegenstehen. So forderte Herman Cain, den Bau von Moscheen zu untersagen; Michele Bachmann will Pornographie verbieten; beides widerspricht dem First Amendment, dem ersten Artikel, der die Religions- und Veröffentlichungsfreiheit garantiert.
Wie die Anfänge der Tea Party aussahen, beschreibt ›New York Times‹-Reporterin Kate Zernike in ihrem Buch ›Boiling Mad‹. Sie hat eine der Demonstrationen nach der Wahl von Obama miterlebt, auf der Freedom Plaza in Boston. Ein paar Tausend Amerikaner hatten sich versammelt, um Michele Bachmann zu hören, die über die neue »Gangster-Regierung« schimpfte. »In zwei Jahren wird Barack Obama ein Präsident für nur eine Legislaturperiode gewesen sein!«, rief sie. Ein Rapper sang die Hymne der Tea Party, es wehte die Klapperschlangenflagge. Das Parteisymbol geht auf die erste Fahne zurück, die von Soldaten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg getragen wurde; die Schlange sollte den britischen Drachen bekämpfen. Der Krieg von 1775 bis 1783, in dem die Amerikaner unter George Washington gegen die Briten kämpften und gewannen, ist der Gründungsmythos der USA, der die Konstitution hervorbrachte und auf den die Tea Party sich beruft.
Dann wurde ›A Communist in the White House‹ gesungen und es wurden Schilder geschwenkt, auf denen stand: »BARACK HUSSEIN HITLER, GO BACK TO KENYA«. Auf der Bühne stand Brendan Steinhauser, ein Ron-Paul-Anhänger aus Texas. Er arbeitet für FreedomWorks, einen Verein, der von dem früheren republikanischen Fraktionsvorsitzenden Dick Armey gegründet wurde und der von Charles und David Koch unterstützt wird; die Brüder sind die wichtigsten Finanziers der Tea Party. Steinhauser war halb so alt wie die meisten Demonstranten, und während er erklärte, wie die Botschaft über YouTube verbreitet werden konnte, trugen viele Zuhörer noch analoge Wegwerfkameras bei sich. »Lasst uns Saul Alinskys Buch ›Regeln für Radikale‹ lesen und lasst sie uns gegen das Weiße Haus einsetzen«, rief Steinhauser. Saul Alinsky war zur Zeit des Vietnamkrieges ein linker Aktivist.
Ähnlich ging es in anderen Teilen des Landes zu. Im März 2009 organisierte der Tea Party Express eine Kundgebung in Searchlight, Nevada. Der Tea Party Express ist ein PAC, ein political action committee, das Wahlkampfspenden sammelt. Er wurde in Kalifornien von zwei Republikanern gegründet – einer davon ein früherer Helfer von Ronald Reagan. Der Tea Party Express unterstützt Kandidaten finanziell und schickt sie auf Bustouren. Die Menge in Searchlight war sichtlich radikalisiert, schreibt Zernike. An den Geländewagen klebten Schilder mit der Aufschrift »overtaxed«, zu hoch besteuert, die Klapperschlangenfahne wehte überall. Viele oath keepers waren hier, Soldaten und Juristen, die geschworen hatten, Befehle zu verweigern, die ihrer Ansicht nach der Verfassung entgegenstehen. Ein Mann verkaufte Mistgabeln aus Pappe – echte waren verboten. Viele waren empört über ObamaCare, weil sie meinten, damit würden die Krankenhausrechnungen illegaler Immigranten bezahlt. Obama war auf Plakaten als Teufel abgebildet, als afrikanischer Hexendoktor oder auch als »Joker«, einer der ganz bösen Bösewichte aus den Batman-Filmen. Auf einem Plakat stand »Karl Marx und Mao waren keine Gründungsväter«. Auf einem anderen hieß es: »Lügner, Schurke, Verräter, Kommunist, Umstürzler«.
Kurz darauf stellte sich Glenn Beck, ein Fernsehtalker, der gerade von CNN zu Fox gewechselt war, an die Spitze der Bewegung. Beck rief das 9 / 12 project aus, er bezog sich auf den 12. September 2001, den Tag nach dem Anschlag auf das World Trade Center, als Amerika einig hinter Bush stand. Der erste Grundsatz war: »Amerika ist gut.« Und der siebte: »Ich teile das, was ich hart erarbeitet habe, nur freiwillig, die Regierung kann mich nicht zur Wohltätigkeit zwingen.« Beck wollte, dass sich alle Amerikaner zusammenschlössen, für Amerika, für Gott, für die Familie – und gegen islamistische Terroristen, mexikanische Immigranten, somalische Piraten und hohe Steuern. Und so trommelte er auf Fox News für einen »Marsch der Steuerzahler« auf Washington am 12. September 2009, der ebenfalls von FreedomWorks unterstützt wurde. Der Höhepunkt war erreicht, als Beck am 28. August 2010 zur einer Großdemo in Washington aufrief, zu Füßen des Lincoln Memorials, an der Mall. Hier hatte auf den Tag genau vor 47 Jahren Martin Luther King, die Ikone der Bürgerrechtsbewegung, seine berühmte Rede »I Havea Dream« gehalten. Keine zufällige Wahl: Beck wollte sich als Führer einer neuen Bürgerrechtsbewegung gerieren.
Eine von denen, die Becks Sendung im Fernsehen verfolgten, war Jenny Beth Martin, eine Republikanerin aus Georgia, die ein landesweit beachtetes Blog hatte. Am 15. April 2009, dem Tax Day, an dem Amerikaner Steuern zahlen müssen, gründete sie die Tea Party Patriots, zusammen mit Mark Meckler, einem Libertären aus Kalifornien, der von der Tea Party begeistert war, seit er den Auftritt Rick Santellis gesehen hatte. Meckler sagt, er sei kein Republikaner, aber er sehe sich trotzdem in der Tradition von Ronald Reagan. Aus den Patriots wurde ein gemeinnütziger Verein mit einer unüberschaubaren Anzahl von kommunalen Untergruppen; sie sprechen sich für »fiskalische Verantwortung« aus; vor allem organisieren sie Proteste gegen ObamaCare. Es sind die Patriots, die bei der Tea Party das organisatorische Heft in der Hand halten.
Für die Republikaner ist es wichtig, die Tea Party ernst zu nehmen. Das letzte Mal, als unzufriedene Republikaner eine Alternative suchten, fand sich Ross Perot, ein texanischer Ölmilliardär, der genug Geld hatte, seinen Wahlkampf zu finanzieren. Perot kandidierte als Unabhängiger sowohl gegen Bill Clinton als auch gegen George Bush sen. Er bekam 19 Prozent der Stimmen, sodass Bush letztlich gegen Clinton unterlag. Deshalb wollen die Republikaner die Tea Party unbedingt unter ihrem Dach behalten. Und deshalb gibt es viele Washington-Insider, die entdeckt haben, dass sie im Herzen immer schon Tea Partier waren.
Michele Bachmann hat ihren nächsten großen Auftritt in Waterloo, am Morgen nach der Feier im Electric Park Ballroom. Sie spricht auf einer Bühne vor dem Snowden House, einer restaurierten Stadtvilla, die zum Heimatmuseum von Waterloo gehört. Im Haus befindet sich eine Ausstellung über die Sullivan-Brüder. Im Zweiten Weltkrieg haben die fünf Brüder alle zusammen auf einem Kriegsschiff gedient, der USS Juneau, die 1942 von einem japanischen Torpedo versenkt wurde. Es ist eine dieser heroischen amerikanischen Geschichten, aus denen Hollywoodfilme gemacht werden. Das Motto der Brüder war »Wir halten zusammen«, es wurde zum Motto der US Army. Amerika, sagt Bachmann, solle sich die Sullivan-Brüder zum Vorbild nehmen. »Wir Amerikaner halten zusammen. Das ist der Geist, der Amerika groß gemacht hat, den müssen wir wiederfinden.« Die Probleme, die Amerika heute habe, seien von beiden Parteien verursacht worden, deshalb müssten beide zusammenarbeiten. Und die Tea Party sei ohnehin für alle da, Republikaner und Demokraten, Libertäre und Konservative. Auch hier, auf dem Rasen, wird wieder ›She’s an American Girl‹ gespielt. Ein paar Tage später wird der Komponist des Liedes, Tom Petty, sich beschweren und Bachmann die Nutzung für Wahlkampfzwecke verbieten.
Inzwischen ist der ganze Bachmann-Clan da, auch ihre Schwiegermutter und ein paar Enkel. Nach der Rede wird sie ins Haus geführt, wo sie den wichtigen Medien der USA Interviews gibt: der ›NewYorkTimes‹, ABC und NBC. Anders als Sarah Palin pflegt Bachmann keine öffentliche Abneigung gegen die mainstream media. Vor dem Snowden House lungern die nicht ganz so wichtigen Medien herum, die hoffen, dass sie danach noch die eine oder andere Frage stellen können. Drei junge Schwarze stehen auf dem Rasen, ausgerüstet mit Kameras und Mikrofonen. Sind sie Republikaner? Die drei gucken mich an, als stamme ich von einem anderen Stern. Nein, sie arbeiten für die Website usdiversitytoday. com. Auch ein paar Lokalreporter sind hier. »Die Leute in Iowa sind frustriert, weil die Jobsituation so schlecht ist«, sagt einer. »Wenn das so weitergeht, wählen sie irgendwen, Hauptsache, nicht Obama.« Ein anderer meint besorgt, mit der Tea Party sei es wie mit den Faschisten, die auch mit der Weltwirtschaftskrise hochgekommen seien. Dann kommt ein Reporter, der eine neuartige digitale Kamera um die Stirn geschnallt hat, die alle paar Sekunden ein Bild schießt. Nun brechen alle Männer in wildes Fachsimpeln aus und die Debatte ist vorbei.
Vor dem Haus wartet auch Charlotte Niederhauser, Mutter von fünf Kindern, die allesamt in übergroßen roten Michele-Bachmann-T-Shirts herumlaufen. »Ich finde Bachmann gut, weil sie Klartext redet, so wie ich«, sagt sie. »Sie interessiert sich für das Land, die Menschen, Obama geht es nur um Macht.« Und Bachmann sei gebildet, viel mehr als Sarah Palin. Im ›Wall Street Journal‹ habe gestanden, welche Bücher sie lese, das fand Niederhauser beeindruckend. Ron Paul hingegen, der sei ihr ein bisschen zu extrem. Ich frage sie nach Bachmanns Kommentar über die Sklaverei – dass die Gründungsväter daran gearbeitet hätten, sie abzuschaffen –, da wird sie ärgerlich. Die Gründungsväter hätten wirklich die Sklaven befreien wollen und George Washington habe seine kurz vor seinem Tod auch freigelassen. »Aber denen ist es dort so gut gegangen, die sind geblieben.« John Eidsmoe, Bachmanns Mentor, vertritt eine ähnliche Ansicht; er glaubt, damals sei es für schwarze Sklaven zu gefährlich gewesen, frei herumzulaufen.
Neben Niederhauser steht Becky Borstwin, ebenfalls Mutter von fünf Kindern, die aus Montana kommt. Ihr Mann ist Reserveoffizier, außerdem arbeitet er für eine Firma, die Waffensysteme für die Air Force herstellt. Borstwin ist ein großer Fan von Iowa, wo so viele hart arbeitende Menschen leben, und von Bachmann. »She is me«, sagt sie. Sie ist ich. Borstwin will, dass Bachmann Präsidentin wird, hauptsächlich deshalb, damit ObamaCare wieder abgeschafft wird. Sie traut der Regierung nicht zu, eine Krankenversicherung zu führen. »Eines meiner Kinder ist auf einer NATO-Basis in Island krank geworden, und die staatlichen Ärzte dort konnten ihm nicht helfen. Wenn wir das Kind nicht nach Amerika geflogen hätten, wäre es gestorben.« Borstwin ist über die US Army versichert, damit ist sie sehr zufrieden, und sie möchte, dass das so bleibt. »Ich habe fünf Kinder und zwei alte Eltern, die versorgt werden müssen, das Geld wird nicht mehr, da sollten gesunde 25-Jährige zurückstehen. Warum soll die Regierung die versichern?«
Bachmann lässt immer noch auf sich warten, und so fahre ich zu dem Haus, in dem sie aufgewachsen ist, auf der anderen Seite des Iowa River. Es ist eines dieser mittelgroßen amerikanischen Holzhäuser mit Satteldach und Veranda, umringt von Bäumen, in einer ruhigen Seitenstraße. Heute wohnt dort eine mexikanische Familie. Und das Haus gehört auch einem Mexikaner, der nebenan lebt. Wer Bachmann ist, weiß er nicht. »Ist die von hier?«
Danach kehre ich im »Volkshaus« ein, an der Hauptstraße von Waterloo, wo es deutsches Bier zu moderaten Preisen gibt. Ob sie eine Radlerhalbe haben? Die Frage wird mit Staunen aufgenommen, aber da ich ja aus Deutschland komme, wird mir eine natürliche Autorität in Bierfragen zugestanden. Ich erkläre der Wirtin, wie sie ein Radler mischt: mit Zitronenlimo und Bier. Man soll ja der Community auch etwas zurückgeben. Das mit dem Radler werden sie vielleicht mal probieren, aber was die Zukunft der USA angeht, ist die Stimmung im »Volkshaus« nicht so enthusiastisch. »Wir Amerikaner sind so dumm«, sagt ein blonder Mann an der Bar. »Wir zanken uns dauernd untereinander, während sich die Chinesen die neueste Technik anschaffen.« Dann gibt er mir die Radlerhalbe aus.