Das Gelände des Reliant Stadium in Houston, Texas, ist eines der größten seiner Art, wie eigentlich alles in Texas größer ist als irgendwo sonst. Alleine das Stadium fasst 70 000 Menschen, das Astrodome daneben noch einmal 50 000; davor liegt der größte Parkplatz der USA. Hier wurde erstmals Astroturf ausgerollt, dieses künstliche Rollgras, das beinahe echt aussieht und das zum Synonym für die Tea Party geworden ist. Der Footballclub der Houston Texans spielt hier, die »WrestleMania« wurde im Stadion ausgetragen, die Rolling Stones und Metallica traten hier auf. Im Frühjahr findet hier die »Houston Livestock Show and Rodeo« statt, die größte Viehschau der Welt. Hunderte von Kühen, Schafen und Pferden stehen in den Hallen, bestaunt von Kindern und Ranchern. An den Ständen gibt es Lederjacken und Indianerschmuck. Bloß Indianer sind keine zu sehen.
Am Abend galoppieren, zur Volksbelustigung, Cowboys aus Texas, Nebraska, South Dakota und Wyoming durch die Manege. Sie schwingen das Lasso, fangen bockende Pferde und ringen Stiere nieder. Cowgirls treten zum barrel racing an, wo sie ihre Vollblüter schnell und scharf um Fässer treiben, die nicht umfallen dürfen. Danach fangen sie eine Schar Kälber ein, die erschreckt durch die Manege sprinten. Alle sind Profis, auch die Pferde, die auf die Sekunde so lange bocken, wie der Auftritt dauert. Zwischendurch rollt ein Rodeoclown herein, der uns bespaßt. Draußen drehen sich Riesenräder; Imbissstände verkaufen mountains of fries, Berge von Pommes frites, »Outlaw Burgers«, gegrillte Truthahnbeine von der Größe eines Kinderschenkels und den größten Hotdog der Welt, zu Preisen, die ebenfalls rekordwürdig sind.
Houston ist eine moderne Großstadt, mit Hochhäusern, Highways und dem Kontrollzentrum der NASA, oder – wie es korrekt heißt – dem Lyndon B. Johnson Space Center, benannt nach dem aus Texas stammenden Präsidenten, das allein so groß ist wie eine Kleinstadt. Aber Texas hat auch eine andere Seite. Im Reliant Stadium treffen sich am 6. August 2011 mehr als 30 000 Christen zu »The Response«, einem Tag des Betens und des Fastens für eine »Nation in der Krise«. Rick Perry hat dazu eingeladen, der Gouverneur. Schon frühmorgens strömen Familien auf das Gelände, mit Bibeln bewaffnet und mit iPhones, mit denen sich Kerzenschein simulieren lässt. Christliche Rockbands spielen und Johnny Fernandez singt ›Hear us from Heaven‹. Der Anheizer ist Luis Cataldo vom International House of Prayer in Kansas City, Missouri, einer Kirche, die dem New Apostolic Movement nahesteht. Deren Anhänger glauben, so erklärte das Radio KUT aus Austin, dass Gott ihnen Prophezeiungen über Erdbeben oder Terrorattacken zukommen lasse. Deshalb meinen sie, Unglücke verhindern zu können. So behauptete ein Pfarrer der »Neuapostolen« einmal, dass ihre Gebete den Rinderwahnsinn in Deutschland beendet hätten. Manche glauben gar, dass Freimaurer – oder Mormonen – der Hexerei fähig oder dass Demokraten von vier Dämonen besessen seien, einer davon heiße Jezebel. Auch einer der Redner gehört dem New Apostolic Movement an: Mike Bickle. Er hat ein paar Wochen zuvor die populäre schwarze Showmasterin Oprah Winfrey eine »Vorbotin des Antichristen« genannt.
Die Gläubigen stehen dicht an dicht in der Manege, wo sonst die Cowboys reiten und die Pferde ausschlagen, während vor dem Stadion Männer das Schofar blasen, das traditionelle jüdische Horn. Die meisten sind leger gekleidet, in Jeans und T-Shirts, oft in Stars-and-Stripes-Outfit. Manche tanzen oder singen oder heben die Hände. Nicht alle sind weiß, aber viele. Pfarrer streifen herum und halten die Besucher zum Beten an. Der Event ist ökumenisch, aber in der Mehrheit sind Evangelikale. Alles wird auf riesigen Bildschirmen simultan übertragen, nicht nur im Stadion, sondern in mehr als tausend Kirchen in ganz Texas. Für Perry ist es eine unbezahlbare Reklame.
Um 10:27 Uhr erscheint der Superstar: Rick Perry; auf der gigantischen Leinwand ist er immens vergrößert. Stehende Ovationen. »Das Einzige, was wir mehr lieben als unser Land, ist Christus«, ruft er. Dann fängt er an, aus der Bibel zu zitieren. Das Buch Joel: »Kehrt um zu mir von ganzem Herzen, mit Fasten, Weinen und Klagen.« Er sieht »Angst in den Märkten und in den Hallen der Regierung« und er betet für Obama, für alle Gouverneure, das Militär, die Generäle und noch eigens für ein paar Soldaten in Afghanistan, die erst ein paar Tage zuvor gefallen sind. »Unsere Nation hat vergessen, wer uns erschaffen hat und wer uns beschützt!«
Auch Gouverneur Sam Brownback aus Kansas ist hier, während Rick Scott, Staatschef von Florida, Videogrüße sendet. Mehr Gouverneure kommen nicht. Dafür aber Pastor John Hagee, dessen Cornerstone Church in einem Vorort von San Antonio liegt. Sie zählt zu den megachurches, in die Zehntausende von Gemeindemitgliedern passen. Hagee, der Amerika eine »jüdisch-christliche Nation unter Gott« nennt, betet für die »Führer in Washington« und darum, dass die »Wolke aus Chaos und Konfusion«, die Washington verdunkelt habe, verfliege. Er betet auch für Gouverneur Perry, der den Mut habe zu beten, »so wie Abraham Lincoln in den dunkelsten Zeiten des Bürgerkrieges« (allerdings auf der anderen Seite).
Hagee ist ein christlicher Zionist, dessen Kirche viel Geld für Israel spendet. Aber er hat auch einmal gesagt, Gott habe Hitler gesandt, um die Juden zu zwingen, nach Israel zurückzukehren. Die Evangelikalen des Südens, von denen viele aus den segregationists, den Befürwortern der Rassentrennung, erwachsen sind, sind heute die eifrigsten Unterstützer von Israel. Das liegt daran, dass sie die Bibel wörtlich nehmen, vielleicht aber auch – so vermutet Walter Russell Read vom Council on Foreign Relations –, weil sie in den Israelis ihre Großväter wiedererkennen, die gegen die Indianer gekämpft haben. Umgekehrt solidarisieren sich viele Indianerstämme mit den Palästinensern. Derweil gibt es draußen vor dem Stadion Proteste, schwule Aktivisten sind darunter und Mitglieder der Bürgerrechtsorganisation ACLU (American Civil Liberties Union), deren Cessna mit dem Banner »Gouverneur: Halte die Trennung zwischen Staat und Kirche aufrecht« über dem Gelände kreist. Die Veranstaltung drinnen wird von der American Family Association (AFA) mit einer Million Dollar finanziert. Die AFA setzt sich mit allen Mitteln gegen Abtreibung, Pornographie und Schwulenrechte und eigentlich gegen Sex überhaupt ein; den Kampf führt sie über das Radio, das Internet, das Fernsehen (sogar mit Auftritten bei einem verhassten Feind wie CNN) und auf DVDs, die sie verteilt. Das Southern Poverty Law Center in Alabama hat die AFA als hate group aufgelistet, denn sie ist selbst für eine konservative christliche Organisation extrem. AFA hat gefordert, strafrechtlich gegen einen schwulen Abgeordneten von Arizona vorzugehen, sie hat behauptet, die Verfassungsrichterin Elena Kagan sei lesbisch, und sie hat zum Boykott von Pepsi, McDonald’s, Ford und Disney aufgerufen, weil die schwulenfreundlich seien. Ihr kalifornischer Direktor Scott Lively behauptet in seinem Buch ›Pink Swastika‹, Rosa Hakenkreuz, Hitler und viele Nazis seien schwul gewesen. Und: Die NSDAP sei in einer Schwulenbar in München gegründet worden. Diese kruden Thesen werden über die Website WorldNetDaily. com eifrig weiterverbreitet. Die AFA hat aber auch gegen einen öffentlichen Auftritt von Hindus protestiert – da in der Verfassung stehe, Amerika sei eine Nation unter Gott, nicht unter mehreren Göttern – und gegen Moslems. Bei den Tea Party Rallys am Tax Day 2009, wo auch Perry auftrat, war die AFA einer der Sponsoren.
Perry, ein gebürtiger Methodist, ist heute Evangelikaler, und er soll der noch extremeren New Apostolic Reformation nahestehen. Im Juni 2009, so berichtete der Reporter Forrest Wilder, sei Perry von zweien ihrer Pfarrer besucht worden, die mit ihm gebetet hätten. Seitdem sei der Gouverneur »ihr Gefäß«. Eines ihrer beliebtesten Bibelstücke sei das alttestamentliche Buch Joel. Darin geht es um eine Krise und eine Dürre im alten Israel, verursacht durch eine »rebellische Nation«, die bereuen müsse. Das Ziel der New Apostolic Reformation sei – so Wilder weiter –, die Regierung zu infiltrieren.
Fünf Tage nach dem Bet-Marathon erklärte Perry sein Interesse an der Präsidentschaft. Er sagte, Gott habe ihn berufen; und er überholte die ebenfalls von Gott berufene Michele Bachmann rasch in den Umfragen als Liebling der Tea Party. Aber seine zur Schau gestellte Frömmigkeit täuscht. Er ist ein eiserner Verfechter der Todesstrafe. Er hat fast 240 Menschen exekutieren lassen, auch dann, wenn die Beweislage fragwürdig war. Darunter waren Frances Newton, eine schwarze Frau aus Houston, die ihre Familie umgebracht haben soll, und Cameron Todd Willingham, der für den Feuertod seiner drei Kinder verurteilt wurde. Perry lässt auch Ausländer hinrichten, ohne vorher deren Konsulat zu benachrichtigen und die Inhaftierten über Rechtsbeistand aufzuklären. Der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag hat 2004 gerügt, dass dies internationalen Abkommen widerspricht; es ging dabei um 51 Mexikaner, die in US-amerikanischen Todeszellen sitzen. Obama will darüber mit Mexiko verhandeln, aber Perry findet das empörend – und mit ihm die Tea Party, die darin den Vorboten für die New World Order wittert. Texas hat schon mal angefangen und 2011 bereits einen dieser Mexikaner exekutiert.
Auch nachdem er seine Kandidatur angekündigt hatte, blieb Perry der texanische Haudrauf. Er sagte, falls Notenbankchef Ben Bernanke in der Budgetkrise auf die Idee komme, frisches Geld zu drucken, dann wäre er ein Verräter, schob allerdings ein »beinahe« hinterher. Deshalb solle sich Bernanke hier bloß nicht sehen lassen, die Texaner würden ihn sonst »ziemlich hässlich« behandeln. Das letzte Mal hatten Politiker in Texas solche Drohungen ausgesprochen, als John F. Kennedy nach Dallas reiste. Das brachte Perry eine vorsichtige Kritik von Abraham Foxman ein, dem Vorstand der Anti-Defamation League (Bernanke ist Jude). Schon zuvor hatten jüdische Organisationen es Perry übel genommen, dass er im Reliant Stadium gesagt hatte, »ganz Texas« werde Jesus folgen. Andererseits ist auch Perry ein Verteidiger von Israel. Er war im September 2011 sogar eigens zur UN-Generalversammlung nach New York gereist, um der Presse mitzuteilen: Sollten die Palästinenser versuchen, einen eigenen Staat zu gründen, dann solle Israel ihr Gebiet annektieren. Und so wird ihm von jüdischer Seite einiges nachgesehen, was solche Sprüche anbelangt.
Perry, Texaner in der fünften Generation, ist tatsächlich der Cowboy, der George W. Bush zu sein vorgab. Nachdem er als Kandidat angetreten war, ließ er verbreiten, er habe beim Joggen einen Kojoten erschossen – er wollte seine Wähler wissen lassen, dass er selbst in der Trainingshose noch bewaffnet ist. Anders als der vier Jahre ältere Bush, der in Connecticut in eine Patrizierfamilie geboren wurde, stammt Perry von einer Ranch in Paint Creek, einem winzigen Dorf im fast menschenleeren Nordwesten von Texas. Sein Vater Joseph Ray, ein Weltkriegsveteran, züchtete Vieh und pflanzte Baumwolle; nebenbei war er Landrat. Die Familie war so arm, dass sie lange Zeit nur ein Plumpsklo hatte; Perrys Mutter Amelia nähte die Unterhosen selbst.
Während Bush in Yale und Harvard Jura studierte, belegte Perry Tierzucht an der A&M University, einer ländlichen Uni in der texanischen Tiefebene. Danach ging er als Pilot zur Airforce und flog – anders als George W. Bush – tatsächlich Einsätze in Europa und im Mittleren Osten, wenn auch keine Kampfeinsätze. Er verschwand auch nicht lautlos von der Bildfläche, als die Armee verpflichtende Drogentests einführte. Bush begann als Ölmanager, dann wechselte er in den Aufsichtsrat der Ölfirma Harken Energy, deren Aktien er rechtzeitig verkaufte, als er erfuhr, dass die Firma Verluste machen würde. Perry kehrte zur Farm seines Vaters zurück, um dort zu arbeiten, erst 1984 ging er in die Politik. Er wurde als Abgeordneter für Texas gewählt, als Demokrat, so wie sein Vater, sein Großvater und sein Ururgroßvater D. H. Hamilton, ein Soldat der Konföderierten. Er unterstützte Al Gore in den Vorwahlen von 1988 und wurde sogar Chairman von dessen Wahlkampfteam in Texas.
Als George W. Bush in die Politik ging und Abgeordneter in Texas werden wollte, verlor er, weil sein Gegenkandidat ihn als »Ostküstler« darstellte. Das könnte Perry nicht passieren. 1990 wechselte Perry zur GOP und kandidierte als Landwirtschaftsminister gegen den populären demokratischen Amtsinhaber Jim Hightower – und gewann. Er gewann auch die Wiederwahl, wurde Lieutenant Governor, also Stellvertreter des Gouverneurs George W. Bush, und schließlich, als Bush nach Washington ging, trat er dessen Posten an. Heute, elf Jahre später, regiert er Texas noch immer.
Viele sehen Perry als grobschlächtige Version von George W. Bush. Beide haben den gleichen Akzent und den gleichen Cowboygang, beide haben mit Abstand die meisten Gefangenen exekutieren lassen. Und sie haben politisch viel gemeinsam: Bush, angetreten als Präsident, den Außenpolitik nicht interessiert, führte Amerika in zwei Kriege – unter dem Motto: »Erst schießen, dann fragen.« Das ist auch Perrys Agenda, der bereits vor einem »aggressiven« Russland, einem zu erfolgreichen China und Indien, einem gefährlichen Iran und Nordkorea und vor Venezuela gewarnt hat, das kommunistische Rebellen beherberge. Beide sind Lieblinge der Southern Baptists und der Tea Party, Perry sowieso, aber auch Bush wurde von der Tea Party nie für das Staatsdefizit kritisiert, das er aufgetürmt hat. Noch mehr ähneln sie einander in den Methoden: Beide haben ein loyales Netz von Unterstützern gewebt, das sie belohnen. Beide sind rachsüchtig und kämpfen mit harten Bandagen. Bush etwa wurde Gouverneur, nachdem über die Amtsinhaberin Ann Richards Gerüchte verbreitet worden waren, sie sei lesbisch.
Ob die Bush-Familie Perry unterstützt, ist umstritten; immerhin hat Perry einmal öffentlich gesagt, George W. Bush gebe Steuergelder mit vollen Händen aus. Klar ist nur, wen die Bush-Familie nicht mag, der hat es in Texas nicht leicht. Ross Perot, der 1992 als texanischer Libertärer gegen George Bush sen. kandidiert hatte, sagte, das Bush-Wahlkampfteam habe ihm gedroht, mit retuschierten Fotos die Hochzeit seiner Tochter zu sabotieren. Zudem habe ihm ein CIA-Agent in Dallas erzählt, das Bush-Team wolle seinen Computer hacken. Bush, der zuvor Direktor des CIA gewesen war, stritt alles ab. Aber Perot verlor die Wahl.
Nicht nur Perry wechselte von den Demokraten zu den Republikanern. Viele Southern Baptists, die während der Präsidentschaft von Jimmy Carter noch demokratisch gewesen waren, liefen zur GOP über. Dabei hatte sich die alte Garde der Evangelikalen wie der heute 93-jährige Billy Graham, Prediger an mehreren christlichen Universitäten und einer der einflussreichsten christlichen Führer der USA, parteipolitisch noch nicht festgelegt. Graham war zwar als Demokrat registriert, unterstützte aber auch gelegentlich republikanische Präsidenten, jedoch nicht die GOP als Partei, schon gar nicht bedingungslos. Zwölf Präsidenten suchten seinen Rat, auch Obama.
Das änderte sich mit Jerry Falwell, wie Graham TV-Evangelist aus dem Süden, der einer Kirche in Lynchburg, Virginia, vorstand. Falwells Aufstieg begann in den sechziger Jahren, als er sich gegen die Bürgerrechtsbewegung wandte. In seiner TV-Show interviewte er Segregationisten wie George Wallace, er unterstützte das Apartheid-Regime in Südafrika und lehnte schwarze Pfarrer wie Desmond Tutu und Martin Luther King ab. Zeit seines Lebens stand er den Birchern nahe, die vor der »Schattenregierung« und der New World Order warnten; nach dem Anschlag auf das World Trade Center erklärte er, New York habe das Attentat verdient, weil dort so viele Schwule, Feministinnen und Heiden lebten.
1979 gründete Falwell mit Morton Blackwell die Moral Majority (die von Graham nicht unterstützt wurde), eine der wichtigsten christlichen Lobbys der USA. Die Moral Majority trat gegen Abtreibung und Homosexualität, für eine starke Landesverteidigung und für Israel ein. Trotzdem unterliefen Falwell gelegentlich Ausrutscher; so sagte er einmal, ein Jude sei imstande, nebenbei so viel Geld zu verdienen wie ein Christ, der sich anstrenge. Falwell war immer mehr Politiker als Pfarrer. Er wollte, so wie später die Tea Party, politisch ihm genehme Abgeordnete und Senatoren in Ämter bugsieren und die Republikaner unterwandern. Er schaffte es, zwei Drittel der weißen Evangelikalen im Süden, die zuvor den Demokraten nahegestanden hatten, von Ronald Reagan zu überzeugen.
Genauso wie Falwell sich für Reagan engagiert hatte, kämpfte er als Vorstand der Organisation Citizens for Honest Government, dem auch ›NewsMax‹-Chefredakteur Chris Ruddy angehörte, gegen Clinton. Die Organisation streute Gerüchte, Bill Clinton sei in den Kokainhandel verwickelt. Aus diesem Dunstkreis stammt die apokalyptische Romanserie ›Left Behind‹ des Evangelikalen Tim LaHaye, wo der Antichrist die Macht in den USA an sich gerissen hat – eines der einflussreichsten Bücher in der Szene. Es ist letztlich eine christliche Version der »Turner Diaries«.
Zehn Jahre später trat die nächste Generation der Religiösen Rechten an, deren Führer Ralph Reed wurde. Reed war von vornherein ein Machtpolitiker, der sich das Pfaffenmäntelchen nur umhängte. Als zwanzigjähriger Student war er nach Washington gegangen, um für das College Republican National Committee zu arbeiten. Dort verbündete er sich mit zwei republikanischen Lobbyisten, Grover Norquist und Jack Abramoff, der eine ein Agnostiker, der andere ein orthodoxer Jude, die beide mit Ronald Reagan und Newt Gingrich aufsteigen sollten. Sein christliches Erweckungserlebnis hatte Reed zwei Jahre später, im September 1983, nachts in einem Pub. Er besuchte gleich am nächsten Tag eine Kirche und ward ein »wiedergeborener Christ«.
Reeds Durchbruch kam 1989, als er von Pat Robertson angeheuert wurde, dem Gründer der Christian Coalition. Robertson ist, wie alle bekannten Gesichter der Religiösen Rechten, ein TV-Evangelist und Republikaner, der aus einer Familie von Dixiecrats stammt. Er hat das Christian Broadcasting Network gegründet, wo er selbst auftritt, und den Bestseller ›The New World Order‹ geschrieben, wo er gegen Freimaurer, Illuminati und internationale Banker wettert. Aus der Politik hat er sich 1988 zurückgezogen, nachdem er als Präsidentschaftskandidat gegen George Bush sen. unterlag. Bald übertrug Robertson dem jüngeren Reed die Leitung der Christian Coalition. Anders als Falwell holte Reed auch Katholiken und schwarze Pfarrer in seine Organisation. 1997 machte er den offiziellen Schritt vom Lobbyisten zum Politiker, als er als Gouverneur von Georgia kandidierte. Aber er scheiterte an negativen Schlagzeilen. Sein Freund Abramoff war wegen Betrugs verurteilt worden: Er hatte Lobbygelder von Indianerstämmen, die einander wegen ihrer Casinopläne bekriegten, an Reed weitergeleitet, der wiederum im Wahlkampf Glücksspiele als »unchristlich« gebrandmarkt hatte. Nicht seine einzige Heuchelei: Er hatte vom Flugzeugbauer Boeing Wahlkampfspenden bekommen und mit diesen Geldern eine christliche Grassroots-Bewegung finanziert, die forderte, freien Handel mit China zuzulassen – im Interesse von Boeing.
Selbst vereint hatten Falwell, Robertson und Reed es nicht vermocht, dem aus Arkansas stammenden Clinton, der den reuigen Predigerton der Southern Baptists trifft, die Mehrheit dieser Wähler abzunehmen. Der erste republikanische Präsident, der die Demokraten in diesem Wählersegment abhängte, war George W. Bush. Diesen Erfolg würden die Evangelikalen gerne bei den kommenden Wahlen wiederholen. Dazu aber brauchen sie eine starke Lobby in Washington. Doch die gibt es nun. 2009, mit dem Aufkommen der Tea Party, entstand eine christliche Dachorganisation, die sich für Familienwerte und eine starke Landesverteidigung einsetzt und die Republikaner unterstützt, insbesondere wenn sie der Tea Party nahestehen: die Faith and Freedom Coalition. Deren Mantra lautet: Amerika ist das großartigste Land der Welt. Gründer und Chairman ist der wieder-wiedergeborene Ralph Reed.
Die Religiöse Rechte ist nicht deckungsgleich mit der Tea Party, aber rund die Hälfte der Tea Partier stimmen mit ihren Wertvorstellungen überein. Auch mögen beide Gruppierungen dieselben Politiker: Rick Santorum, Mike Huckabee, Sarah Palin, Michele Bachmann, vor allem aber Perry. Dem raubeinigen Cowboy wird am ehesten zugetraut, sich in Washington durchsetzen zu können. Noch haben die christlichen Rechten keine Wahlempfehlung ausgesprochen, aber wenn sie sich zwischen Obama, Romney und Perry entscheiden müssen, wird Letzterer das Rennen machen.
Texas hat drei große Städte, in denen mehr als die Hälfte der 25 Millionen Texaner wohnen: Houston, Dallas Fort Worth und San Antonio. Die drei bilden das Texas Triangle, ein Dreieck in der grünen Tiefebene, mit Dallas Fort Worth im Norden, Houston im Südosten und San Antonio im Südwesten. Fort Worth ist eine alte Cowboystadt mit Grillrestaurants und Viehauftrieben für Touristen, während Dallas eine moderne Metropole mit Hochhäusern und Sportstadien ist. Die größte Attraktion von Dallas ist das Texas School Book Depository, ein Ziegelbau, von dessen 6. Stock aus John F. Kennedy erschossen wurde. Nahebei befand sich hier bis vor einigen Jahren das Conspiracy Museum. Dort erfuhr man, dass sich das Zentrum der Weltverschwörung in – wo sonst – New York City befinde, und zwar an der 345 East 46th Street (dort residierten damals das American Jewish Committee, die Anti-Defamation League, die Trilateral Commission und die Friedrich-Ebert-Stiftung). Der geheime Weltherrscher sei David Rockefeller. Auch Perry hat einmal, im Jahr 2007, eine Konferenz der »Bilderberger« in Istanbul besucht, das beschert ihm unter Verschwörungstheoretikern nicht viele Freunde. Vor den Toren der Stadt liegt die Ranch des berühmtesten, wenngleich fiktiven Sohnes von Dallas: J. R. Ewing, Ölbaron aus der TV-Serie ›Dallas‹.
Von Dallas aus führt die Interstate 45 gen Südosten nach Houston. Nach Südwesten verläuft die I-35 nach San Antonio. Neben der Interstate zockelt auf ausgeleierten Bahngleisen der Texas Eagle, der aus Chicago kommt. Die I-35 und der Texas Eagle passieren Waco. Hier haben im Februar 1993 FBI-Agenten sieben Wochen lang die Sekte der Davidianer belagert, deren Führer David Koresh sich einen Harem von 12- bis 14-jährigen Mädchen hielt. Nach einer Schießerei stürmte das FBI auf Befehl von Bill Clinton das Gelände mit CS-Gas, Panzern und Granatwerfern. Feuer brach aus und 76 Sektenmitglieder verbrannten, darunter zwanzig Kinder, zwei schwangere Frauen und Koresh selbst. Nicht weit weg davon liegt Crawford mit der Ranch, auf der George W. Bush lebte, bevor er nach Dallas zog. Knapp hundert Meilen weiter südlich befindet sich Austin, mit dem prächtigen Texas State Capitol im Stil der italienischen Renaissance, wo Rick Perry regiert, und dem Herrenhaus Governor’s Mansion, in dem er wohnt – oder vielmehr wohnen sollte, denn der Bau brannte 2008 bei einem Feuer ab und wurde noch nicht wieder gänzlich restauriert.
Die nächste Stadt an der I-35 ist New Braunfels, die Gründung eines deutschen Adeligen aus Mainz, wo es einen historic district mit vielen alten Häuschen, einer »Wursthalle«, einer »Musikhalle«, einer »Schlitterbahn« und einer traditionellen Gastwirtschaft gibt sowie sehr viel Kunstgewerbe. New Braunfels liegt kurz vor San Antonio, der ältesten Stadt von Texas, hundert Meilen nordöstlich der Grenze zu Mexiko. Am 2. März, dem Texas Independence Day, wird hier die »Schlacht um Alamo« gefeiert, die 1836 stattfand. Das Alamo ist eine rund 300 Jahre alte, weiß gekalkte Mission mitten in der Stadt, die im Krieg zwischen Texas und Mexiko als Fort diente; heute befindet sich ein Museum in dem Gebäude. Vor dem Museum steht eine kleine Bühne, Schauspieler in historischen Kostümen reden auf Spanisch und Englisch und spielen mexikanische Volksmusik. Es ist heiß. Neben mir sitzt ein bulliger Mann mit einem T-Shirt, auf dem steht: »My kid died for your freedom«, mein Kind starb für deine Freiheit.
Texas war im damaligen Krieg noch Teil von Mexiko, wie auch Kalifornien und das riesige Land dazwischen. Mexiko war ursprünglich eine spanische Kolonie gewesen, aber 1821 rebellierten die Mexikaner unter General Antonio López de Santa Anna gegen Spanien und gewannen. Die Spanier hatten die Amerikaner ermutigt, Texas zu besiedeln, um die Apachen zu bekämpfen. Aber nun war General Santa Anna Herrscher von Mexiko, und er stellte Forderungen an die Siedler: Sie sollten sich den Immigrationsgesetzen unterwerfen, Spanisch lernen, katholisch werden und Steuern zahlen – also ungefähr das Gleiche, was die USA heute von ihren Immigranten verlangen. Außerdem verbot Mexiko die Sklaverei. Im Jahr 1832 probten die Texians, wie sie genannt wurden, unter Sam Houston den Aufstand. Houston, ein schottisch-irischer Einwanderer, war der erste Gouverneur von Texas gewesen. Nachdem ihm seine Frau davongelaufen war, trat er zurück, ging zu den Cherokee, mit denen er früher schon gelebt hatte, und heiratete eine Cherokee-Frau. Aber drei Jahre später kehrte er nach Texas zurück, wo er zum Oberbefehlshaber der Texians gewählt wurde.
Die Schlacht um Alamo gilt als Wende im Krieg: Hier hatten sich im März 1836 hundert texanische Soldaten verbarrikadiert, gegen den Befehl von Houston übrigens, der glaubte, Alamo sei nicht zu halten. Und so war es auch: Mexikanische Soldaten unter Santa Anna, der die Armee anführte, stürmten das Alamo und metzelten fast alle Texaner nieder, darunter Davy Crockett, einen Politiker, Waldläufer und Volkshelden. (Über Crockett hat Hollywood mehr Filme gedreht als über die Titanic; in denen wurde er unter anderem von John Wayne, Johnny Cash und Billy Bob Thornton dargestellt.)
Nun schworen die Texaner Rache unter dem Motto: »Remember the Alamo!« Sechs Wochen nach der Schlacht sammelte Houston seine Armee zur Offensive. In der »Schlacht von San Jacinto«, an der Grenze von Louisiana, schlug Texas die Mexikaner. Santa Anna wurde gefangen genommen und gezwungen, Texas abzutreten. Erst ein Jahr später wurde er nach Mexiko zurückgeschickt; er zog sich auf seinen Landsitz in Veracruz zurück. Sam Houston, der die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet hatte, wurde zum Präsidenten der Republic of Texas gewählt. Houston hatte von Anfang an vor, Texas an die Vereinigten Staaten anzuschließen, es gab jedoch starke innenpolitische Gegner, die lieber autonom bleiben und die Indianergebiete im Südwesten erobern, Kalifornien annektieren und das Gebiet von Texas bis zum Pazifischen Ozean ausdehnen wollten. Letztlich setzte sich Houston aber durch. Unter Präsident James Polk, einem Demokraten, wurde Texas 1845 der 28. Staat der USA. Aber noch heute fühlt sich Texas im Herzen unabhängig.
Mexiko jedoch sah den Anschluss als Affront, es brach die diplomatischen Beziehungen zu den USA ab. Aber Polk hatte ohnehin vor, den ganzen Westen zu erobern, nach der Doktrin des »Manifest Destiny«, wonach es die göttliche Bestimmung der USA sei, sich über den gesamten Kontinent bis zum Pazifischen Ozean auszudehnen, eine Philosophie, aus der sich der American Exceptionalism herleitet.
Polk sandte Trüppchen von Aufklärern und Soldaten in den Wilden Westen und nach Kalifornien; gleichzeitig drängte er Mexiko, alle Gebiete nördlich des Rio Grande abzutreten. Dafür wollte er 25 Millionen Dollar zahlen. Mexiko war damals politisch instabil und Regierungen wechselten einander ab; aber keine davon wollte Territorium aufgeben. 1846 griff die mexikanische Kavallerie einen Stoßtrupp der US Army im Tal des Rio Grande an. Am 13. Mai erklärte Polk Mexiko den Krieg, wegen des »Angriffs auf amerikanischem Boden«, wie Polk sagte, obwohl es umstritten war, zu welchem der beiden Länder das Gebiet gehörte. Klar war, dass Polk die Provokation gesucht hatte.
Der Kongress hatte dem Mexikanisch-Amerikanischen Krieg zwar zugestimmt – der letztlich ein Angriffskrieg war, um das Territorium zu erweitern –, aber die Repräsentanten waren sich darüber lange nicht einig gewesen. Die Demokraten hofften, bei einem Sieg mehr Sklavenstaaten in der Union zu haben, was ihre Position gestärkt hätte. Die Whigs waren aus diesem Grund dagegen. Es dauerte nur zwei Monate, bis die US Army in das damals noch mexikanische Kalifornien vorgestoßen war. Als sie zwei Jahre später, im Februar 1848, Mexico City erobert hatte, kapitulierte Mexiko und verlor danach mehr als die Hälfte seines Territoriums.
Die USA gewannen dadurch alles Land westlich von Texas mit Ausnahme einiger weniger Indianerterritorien, darunter das spätere Oklahoma. Damit setzte sich ein Treck von landsuchenden Siedlern in Planwagen nach Westen in Bewegung. Washington schloss nun mit den Südstaaten den Compromise of 1850: Texas gab ein großes Areal an die Bundesregierung ab, das Teile des heutigen New Mexico einschloss (mit Ausnahme von El Paso), auch Teile von Colorado, Wyoming, Kansas und Arizona. In diesen Gebieten war Sklaverei nicht erlaubt – anders als in Texas, in dem schwarze Sklaven dreißig Prozent der Bevölkerung ausmachten. Dafür erließ Washington Texas alle Schulden. Aber die Texians sollten sich nicht lange an der neuen Freiheit erfreuen: Nur elf Jahre später, im Jahr 1861, nachdem Abraham Lincoln als Präsident gewählt worden war, erklärte Texas den Austritt aus der Union und schloss sich den Confederate States of America unter Jefferson Davis an. Sam Houston, der seine Loyalität zur Union wahrte, trat als Gouverneur zurück und Texas rüstete für den Bürgerkrieg auf.
Das Städtchen Madisonville liegt an der I-45, zwischen Dallas und Houston. Hier, am Lake Madisonville, stellt eine kleine Schar von Texanern eine Schlacht des Bürgerkriegs nach: den Kampf um El Camino Real, den Weg des Königs, einen alten Indianerpfad, der von Louisiana durch Texas bis nach Mexico City führt und heute besser bekannt ist unter dem Namen »Old San Antonio Road«. Die Schlacht um El Camino Real hat es nicht wirklich gegeben. Anders als im Old South spielen die Texaner eine fiktive Schlacht nach, nämlich: was gewesen wäre, falls die Unionstruppen im Bürgerkrieg in Texas einmarschiert wären. Die Feds wären, da sind sich die Texaner sicher, zurückgeschlagen worden. Bei ihrem re-enactment, sagt Major Dyson Nickle, der die Schlacht leitet, gewinnen am Samstag die Yankees, am Sonntag, also im entscheidenden Kampf, wird natürlich Texas siegen.
Die »Re-enacter« haben ihr Lager direkt am See aufgeschlagen. Zelte stehen hier, Kinder rennen herum und Hunde, vom Schäferhund bis zum Dackel. Dyson hat sein Pferd mitgebracht: Midnight, ein großer schöner Rappe, der nur auf ihn hört. Er lässt eines der Mädchen mal reiten. »Das Pferd muss wissen, wer der Boss ist«, mahnt Dyson. Midnight wirft sie nach zehn Minuten ab. Für das Civil War re-enactment kleiden sich die Freizeitkämpfer in historische Uniformen. »Natürlich wird nicht scharf geschossen«, erklärt Dyson. Die Pistolen seien nur mit Pulver geladen, nicht mit Kugeln. »Und wir schießen in die Luft, weil auch ein Pulverschuss aus nächster Nähe Verbrennungen verursachen kann.« Einer von Dysons Soldaten, ein junger Mann, hat ein großes, scharfes Messer dabei, ebenfalls ein historisches Design. Ich darf es anfassen, aber bitte vorsichtig!
Dyson interessiert sich für Geschichte. In Texas, erzählt er, gab es während des Bürgerkriegs zwar keine Scharmützel, aber Texas hat Truppen nach Georgia und Tennessee geschickt, um gegen die Yankees zu kämpfen. »Dabei wollten die meisten einfachen Leute im Süden die Sezession gar nicht, das haben ihnen die Sklavenbesitzer eingeredet, vor allem die in South Carolina.« Warum haben dann so viele mitgekämpft? »Weil sie den armen Weißen gesagt haben, wenn die Sklaven frei werden, dann ziehen sie in dem Häuschen neben euch ein.« Es habe übrigens damals einen reichen Texaner gegeben, der im Vertrauen auf den Sieg des Südens schon mal ein paar Dutzend Sklaven gekauft und sie nach Texas gebracht habe, weil er dachte, nach dem Krieg seien sie viel wert. »Das war natürlich eine Fehlkalkulation.«
Nach dem verlorenen Bürgerkrieg durchlebte Texas eine anarchische Phase, in der Veteranen die Dörfer plünderten. 1870 wurde der Staat als einer der ersten wieder in die Union aufgenommen. Kurz darauf beschloss Texas die Segregation der öffentlichen Schulen und erließ eine poll tax, was hieß, nur wer Steuern zahlte, durfte wählen. Bis weit ins 20. Jahrhundert blieben Demokraten an der Macht.
Viele Texaner haben deutsche Vorfahren, und nach dem Zweiten Weltkrieg kam nochmals ein Schub. »In vielen Kriegsgefangenenlagern gab es deutsche Soldaten, die arbeiteten dann hier auf den Farmen«, erzählt Dyson. »Man dachte damals erst, das seien Monster, aber dann haben wir gemerkt, das sind nur junge Soldaten.« Ein paar von denen seien geflüchtet und hätten texanische Frauen geheiratet. »Ich kenne ein paar Familien, die wie aus dem Nichts erst 1946 aufgetaucht sind, mit Namen, die es vorher nicht gab.« Fast 80 000 deutsche Kriegsgefangene waren nach dem Zweiten Weltkrieg alleine in texanische Lager gebracht worden, mehr als 400 000 waren es insgesamt.
Inzwischen dämmert es. Ein paar Frauen kochen Abendbrot am offenen Feuer, danach wird das Geschirr in Holzbottichen abgewaschen. Es soll ja authentisch sein (oder zumindest fast: auch Männer waschen ab). Es gibt Rippchen, Brot, Kartoffeln und Suppe. Ich sitze neben einem von Dysons Freunden, der mir erzählt, dass seine größte Sorge die derzeitige Lage in Mexiko ist. »Dort herrschen Mord und Totschlag«, sagt er. »Es gibt Städte, die gänzlich von Drogenbaronen regiert werden, die entführen sogar kleine Kinder und hängen sie als Warnung auf.« Deshalb seien auch viele von der Immigration von Mexikanern nicht so begeistert.
Dyson ist kein Tea Partier, aber er ist Republikaner, wenngleich kein überzeugter. »Ich wähle den Politiker, der am wenigsten Schaden anrichtet«, sagt er und fügt hinzu, das sei nicht Obama. Rick Perry findet er aber auch nicht so toll. »Der hat in seiner unendlichen Weisheit zugesicherte Bundesmittel für die Infrastruktur verfallen lassen«, sagt er. Dann steht Dyson auf, denn es kommen noch mehr Freunde, mit Pferden, die sie auf Anhänger geladen haben. »Jetzt, wo es mit der Wirtschaft so schlecht läuft, ist es für viele schwer, bei uns mitzumachen«, sagt Dyson. »Es gibt welche, die versetzen den Schmuck ihrer Frau, damit sie sich das Benzin leisten können.«
Jobs sind auch für Perry ein wichtiges Thema. Er sagt gerne, dass in seiner Zeit als Gouverneur in Texas mehr als eine Million neue Jobs entstanden seien, während überall sonst Arbeitsplätze verloren gegangen seien. Und das liege daran, dass Texas wenig Bürokratie und geringe Steuern habe. Texas hat zwar tatsächlich geringe Gewerbesteuern und keine staatliche Einkommenssteuer. Aber trotzdem sind die meisten dieser Jobs, so schrieb die ›Washington Post‹, im öffentlichen Dienst oder beim Militär entstanden – Texas hat immer noch viele Militärbasen. 2009 etwa bekamen das Militär und die NASA der ›Washington Post‹ zufolge allein in Texas 227 Milliarden an Bundesmitteln. Andere Jobs wurden mithilfe der Stimulus-Gelder aus Washington geschaffen, von denen Texas 25 Milliarden Dollar erhielt. Und während die Zahl der texanischen Jobs im öffentlichen Sektor um 6,4 Prozent stieg, ging sie im privaten Sektor um 0,6 Prozent zurück. Die Arbeitslosigkeit in Texas liegt bei über acht Prozent.
Ein Gutteil dieses Wachstums liegt an der Immigration. In den letzten zehn Jahren kamen fünf Millionen Einwanderer, meist aus Mexiko, weshalb der Staat Stellen für Lehrer, Polizisten und Verwaltungsangestellte schuf. Und von den Jobs im privaten Sektor sind viele im Mindestlohnbereich; hier liegt Texas (mit Mississippi) an erster Stelle, auch deshalb, weil Arbeitgeber nicht verpflichtet sind, Gewerkschaftler einzustellen. Ein Viertel aller Texaner ist nicht krankenversichert. Texas hat innerhalb der USA eine der höchsten Raten an Kinderarmut und Teenager-Schwangerschaften und es hat das ineffizienteste food stamps program (staatliche Essensmarken für Arme).
Perry findet, dass Texas damit auf dem richtigen Weg ist. Seinem Buch ›Fed Up!‹ zufolge ist Amerika bereits im New Deal entgleist. Damals hätten ein »arroganter Präsident Roosevelt, ein dreister Kongress und ein gefügiger Supreme Court« dafür gesorgt, dass die Bundesregierung Mindestlöhne und Kontrollen für die Industrie einführte, die Gewerkschaften schützte, die Wall Street regulierte und die Renten für ältere Amerikaner garantierte. Dabei sei die Social Security, die Rente, ein »Ponzi scheme«, ein betrügerisches Pyramidensystem, das auf ganzer Linie versagt habe und abgeschafft gehöre oder wenigstens in die Hände der Bundesstaaten. Starker Tobak, aber erst, als Perry seine Kandidatur erklärte, gab es einen Aufschrei – viele Wähler der Republikaner, und gerade die, die bei den Vorwahlen ihre Stimme abgeben, sind Rentner. Seine Konkurrenten, allen voran Bachmann, schlachteten den Fauxpas gründlich aus. Perry ruderte schnell zurück: Er habe das eher theoretisch gemeint. Sollte er Präsident werden, werde er die Rente nicht abschaffen.
Aber Perry hat durchaus auch gute Jobs geschaffen – für gute Freunde. In Texas gibt es, so berichtet die ›New York Times‹, über 600 Agenturen, Kommissionen und Behörden, viele davon eigentlich unnütz, aber wichtig für den Gouverneur, der auf diese Weise Förderer seiner politischen Karriere mit Posten versorgen kann. Fast ein Viertel der 81 Millionen Dollar, die Perry für seinen letzten Wahlkampf als Gouverneur eingesammelt habe, stamme von Leuten, die er in Aufsichtsräte und in staatliche Kommissionen gesandt habe, so die ›Times‹. 150 Großspender, die ihm insgesamt 37 Millionen Dollar gegeben haben, hätten anschließend entweder Steuernachlässe, staatliche Aufträge oder eine Ernennung durch Perry erhalten. Darunter war beispielsweise Harold Simmons, ein Milliardär aus Dallas, der Perry etwas mehr als eine Million Dollar gab und der vom Gouverneur die Genehmigung für eine Atommülldeponie bekam – ohne Ausschreibung. Eine Ingenieursfirma aus Houston, die Perry über 320 000 Dollar spendete, erhielt mehrere Verträge vom Staat, außerdem wurde ihr Chef James Dannenbaum von Perry in den Aufsichtsrat der University of Texas berufen.
Der Gouverneur schuf auch zwei staatliche Töpfe für die Wirtschaftsförderung. Mehr als ein Viertel der Firmen, die daraus Gelder von insgesamt 16 Millionen Dollar bekamen, haben ihrerseits an Perry oder die Republican Governors Association gespendet, deren Vorsitzender er ist. Dabei trifft der Gouverneur selbst die Entscheidung über diese Förderung, nicht etwa ein unabhängiges Gremium, wie es in anderen Staaten üblich ist. Am liebsten aber vergibt Perry Posten bei der Texas A&M University, deren Absolvent er ist. So hievte er Wendy Lee Gramm sowohl in die Texas Tax Reform Commission als auch in den Aufsichtsrat der A&M – beides gut bezahlte Posten. Ihr Gatte Phil Gramm, Senator in Washington, hatte von seinen Spendengeldern 610 000 Dollar für Perrys Wahlkampagne im Jahr 2002 abgegeben.
Was gerade konservative Texaner ihrem Gouverneur Perry besonders übel nehmen, ist ein Gesetz von 2007, das Schulmädchen ab dem Alter von zwölf Jahren zu einer Impfung mit dem umstrittenen Medikament »Gardasil« verpflichtete, das gegen Gebärmutterhalskrebs helfen soll. Der Lobbyist des Impfstoffherstellers Merck, Mike Toomey, ist ein früherer Mitarbeiter von Perry und heute laut ›Wall Street Journal‹ dessen Spendensammler für seine Präsidentschaftskandidatur. Nach einem öffentlichen Aufschrei kassierte das Parlament in Austin das Gesetz wieder. Perry entschuldigte sich dafür: Ihm sei nicht klar gewesen, dass die Bürger bei der Vorsorge gefragt werden wollten. Bachmann machte dies Perry in einer der Debatten zum Vorwurf, aber der Gouverneur reagierte patzig: Er habe von Merck 5000 Dollar für den Wahlkampf erhalten, wer glaube, dass er dafür käuflich sei, beleidige ihn. Wie zu erwarten, wurde er dafür mit Hohn übergossen: »Wie teuer ist er denn?«, fragten Ron-Paul-Anhänger auf dessen Foren. Dabei stimmt die Zahl noch nicht einmal: Fox News zufolge waren es mindestens 29 500 Dollar.
Eine noch größere Nähe pflegt Perry zur Ölindustrie. Die hat in Texas allein im Jahr 2006 Subventionen von 1,4 Milliarden Dollar erhalten, wie das dafür zuständige Amt für Rechnungsprüfung ausrechnete. In seiner Zeit als Gouverneur hat Perry rund elf Millionen Dollar an Wahlkampfspenden von Ölbaronen eingenommen – dafür tut er ihnen den Gefallen und nennt den Klimawandel eine »komplett unbewiesene Theorie« mit gefälschten Beweisen, so ähnlich wie die Evolution. Wahrscheinlich sind da dieselben Fälscher am Werk, die heimlich Dinosaurierskelette im Grand Canyon vergraben haben (wie manche Evangelikalen glauben). »Perry«, meint Leon Smith, der Chefredakteur des ›Iconoclast‹ aus Crawford, der langjährigen Heimat von George W. Bush, »ist in der Hand der Konzerne und der Ölindustrie«, Perry wusste immer schon, wo der Speck hängt. Als er noch Demokrat war, stimmte er für eine Steuererhöhung von 5,7 Milliarden Dollar, die größte in der Geschichte von Texas, und versuchte, ein Gesetz durchzubringen, das die Saläre der Abgeordneten und Senatoren verdreifachte.
Aber Perry kann nicht nur geben, sondern auch nehmen: Er hat in Texas eine Initiative durchgesetzt, die sich gegen trial lawyers, Anwälte in Zivilverfahren richtet, die er für Jobkiller hält. Die Gesetze wurden so geändert, dass der Verlierer eines Prozesses die Kosten für das Gericht und den gegnerischen Anwalt übernehmen muss. Damit will Perry Schadensersatzprozesse gegen Firmen, vor allem aber gegen Ärzte eindämmen. Praktischer Nebeneffekt: Trial lawyers gehören, neben Gewerkschaften und den Hollywood-Studios, zu den treuesten Spendern der Demokraten.
Perry geriert sich als der eigentliche Kandidat der Tea Party, und tatsächlich erfreut er sich dort vieler Sympathien. Aber er hat auch Feinde. Wes Benedict, der Washingtoner Direktor der Libertären Partei, hält den früheren Al-Gore-Wahlhelfer für einen Demokraten im Wolfspelz, während Doug Bandow vom gleichfalls libertären Cato Institute ihn die »Reinkarnation eines Know-Nothing Neokonservativen« nennt. In seinem Heimatort Paint Creek mögen sie ihn nicht mehr, weil er, der Karriere wegen, zu den Republikanern gewechselt ist. Und das Tea-Party-Fußvolk fürchtet, dass er ihnen als Präsident die Rente kürzen wird – was er bestritten hat –, und mehr noch kritisieren sie seine Haltung zur Immigration. Perry hat sich gegen den Grenzzaun zu Mexiko ausgesprochen, er unterstützt Einwanderung generell und er lässt die Kinder von illegalen Einwanderern in Texas studieren – zu den gleichen Gebührensätzen wie amerikanische Texaner. Er warf Kritikern gar vor, die hätten »kein Herz«.
Auch das republikanische Establishment ist skeptisch; Washington befürchtet, dass der texanische Cowboy keine Wählermehrheit bekommen könnte. Karl Rove, ein führender republikanischer Stratege, ebenfalls aus Texas, der lange als »Bushs Gehirn« galt, findet den Gouverneur »nicht präsidiabel«, besonders nach dessen Bemerkungen über Fed-Chef Bernanke. Bei der GOP gucken sich manche nach anderen Kandidaten um. Jeb Bush war im Gespräch, der Bruder von George W. Bush, Marco Rubio, ein Senator aus Florida, Paul Ryan, der Wisconsin im Repräsentantenhaus vertritt und der bei den Budgetverhandlungen des Sommers führend war, Mitch Daniels, der Gouverneur von Indiana, und Chris Christie, der Gouverneur von New Jersey.
Christie gilt seit Anfang 2010 als republikanischer Hoffnungsträger, seit er den Demokraten Jon Corzine abgelöst hat, einen früheren Goldman-Sachs-Banker, der nach einer auch für die Staatskasse kostspieligen Liebesaffäre abgewählt worden war. Christie, der zuvor Generalstaatsanwalt war, trat in New Jersey als Anti-Korruptions-Kämpfer an. Der recht übergewichtige Politiker, dessen vorderstes Anliegen die Bekämpfung der Gewerkschaften im öffentlichen Dienst ist, hat das robuste Auftreten und die klare Sprache, die Konservative mögen. Er ist das Ostküstenäquivalent zum texanischen Cowboy: der Tough-Talker im Tony-Soprano-Stil. Und als Gouverneur eines großen Staates hat er Regierungserfahrung. Aber auch er hat Schwachpunkte. Ihm wird vorgeworfen, dass er als Generalstaatsanwalt zu milde gegenüber Wirtschaftskriminellen war, wenn die den Republikanern nur hinreichend nahestanden. Und seine Beliebtheit in New Jersey hat schwer nachgelassen, nachdem er knapp drei Milliarden Dollar an Bundesgeldern für einen dringend benötigten Eisenbahntunnel von New Jersey nach Manhattan zurückgegeben hat. Zur Realisierung des »Hudson River Rail Tunnel Projekts« hätte Christie aber für den Straßenbau vorgesehene Komplementärmittel des Staates umlenken müssen, und das wollte er nicht.
Damit dürfte er auf der Linie der eisenbahnfeindlichen Tea Party liegen, nicht aber mit seinen Bemerkungen zu den Anti-Scharia-Gesetzen, die er für »schwachsinnig« hält und für »unamerikanisch«; er hat sogar einen Richter ernannt, der Moslem ist. Er glaubt auch nicht, dass die globale Erwärmung von liberalen Klimaforschern erfunden wurde, um Autofahrer zu ärgern. Und was Immigration angeht, ist er fast auf der Linie von Perry: Auch er findet, dass die Kinder illegaler Immigranten studieren dürfen sollten, nur eben ohne staatliche Studienzuschüsse. Einer Klage von 26 Staaten gegen ObamaCare vor dem Supreme Court hat er sich ebenfalls nicht angeschlossen.
Christie wird von vielen Republikanern bedrängt, die Angst haben, mit Perry oder Romney gegen Obama zu verlieren. Einer davon ist Michael Gerson, Redakteur des Murdoch-eigenen ›Weekly Standard‹ und Kolumnist bei der ›Washington Post‹ – übrigens einer derer, die auf jener Kreuzfahrt im Sommer 2008 Sarah Palin in Alaska besuchten. Manche einflussreichen Republikaner fragen sich, was sie denn noch tun müssten, um Christie zu überzeugen, doch anzutreten. In New Jersey hat sich – so berichtete die ›New York Times‹ – eine informelle Gruppe gegründet, »Draft Christie«, rekrutiert Christie, die den Gouverneur bewegen will, mit ihrer finanziellen Unterstützung gegen Obama zu kandidieren. Deren enthusiastischster Vertreter ist der ›Times‹ zufolge Kenneth G. Langone, der Gründer der Baumarktkette Home Depot, der wie Christie Italo-Amerikaner ist und zuvor schon Rudy Giuliani unterstützt hat, außerdem gehören dazu die Hedgefonds-Manager Paul E. Singer, David Tepper und Daniel S. Loeb sowie Charles Schwab, Vorstand der gleichnamigen Investmentberatung, der Investor Stanley F. Druckenmiller und – wer hätte das gedacht? – David H. Koch. Christie selbst allerdings betonte immer wieder, er habe kein Interesse an der Präsidentschaft, zuletzt bei einem Auftritt in Kalifornien im September 2011, wo er sagte, er habe es »nicht in sich«. Allerdings: Es ist durchaus möglich, dass einer der anderen Kandidaten ihn bittet, sein Vizepräsident zu werden.
Die A&M University, Agricultural and Mechanical University, ist ein heller, großer Campus in College Station, einer Kleinstadt fast in der Mitte des Texas Triangle, am George Bush Drive (benannt nach dem Älteren). Hier befinden sich auch das Barbara Bush Parent Center und die George Bush Presidential Library in einem vergleichsweise schlichten, aber formschönen Gebäude aus hellem Marmor. Zu den Förderern der Bücherei gehören die Herrscher von Kuwait und die Familie von Bandar bin Sultan bin Abdul-Aziz Al Saud, dem früheren saudischen Botschafter in den USA. In einem Saal laufen Filme über das Leben von Bush. In einer Ausstellung über chinesische Kunst hängen Plakate, welche die »ewige Freundschaft mit China« preisen.
Die A&M wurde 1876 für die Söhne von Farmern und Ranchern eröffnet, die dort Viehzucht, Landwirtschaft und Militärwesen studierten. Seit den sechziger Jahren sind Schwarze und Frauen zugelassen, aber die A&M blieb konservativ. Über die Aggies, ihre Studenten, werden gerne Witze gemacht (»Warum tragen Aggies Schuluniformen aus Polyester? Weil es weit und breit keine jungfräuliche Schafwolle mehr gibt.«).
Auch Perry ist ein Aggie. 1968, während Schwarze um ihre Rechte kämpften und die Innenstädte brannten, war er Yell Leader an der Uni, eine Art männlicher Cheerleader bei Sportwettkämpfen, der mit Gebrüll das Team anfeuerte. In den Semesterferien ging er Bibeln verkaufend von Tür zu Tür. Er war auch Mitglied des universitätseigenen Corps of Cadets, einer Art paramilitärischer Truppe der Uni. Beim Corps habe er jene Disziplin gelernt, die ihm geholfen habe, das Studium zu beenden und zur Airforce zu gehen, sagte er bei seiner Antrittsrede als Gouverneur: »Ich war nicht besonders geeignet für ein Leben außerhalb des militärischen Apparats.« Denn Perry schlug gerne über die Stränge, vor allem, wenn er sich an jemandem rächen wollte: Einmal – so berichtete die ›Texas Tribune‹ – sperrte er in den Weihnachtsferien Hühner in die Stube eines Kommilitonen, über den er sich geärgert hatte. Der Gestank blieb wochenlang in den Räumen. Ein anderes Mal warf er wasserfeste Feuerwerkskörper in die Toiletten, die explodierten, sobald ein Erzfeind das WC benutzte. »Perry suchte sich die, die er nicht mochte, sorgfältig aus«, sagte John Sharp, ein Kommilitone und späterer Senator, der ›Texas Tribune‹. »Wenn es dich traf, dann konntest du sicher sein, dass dich jeder andere ebenfalls hasste.«
Ich wohne bei Patrick und David, zwei Professoren, die an der A&M lehren und im nahen Städtchen Bryan wohnen. Heute ist hier eine Gallery Night, wo Galerien in alten Lofts ausstellen und Wein ausschenken. Texas hat auch eine liberale, manchmal gar anarchistische Tradition. Ann Richards, als Gouverneurin die Vorgängerin von George W. Bush, war liberale Demokratin. Janis Joplin kommt aus Texas, der Musiker Woody Guthrie, der Sänger Kinky Friedman, der Journalist Dan Rather und die Kolumnistin Molly Ivins, die Bush den Spitznamen »shrub« verpasste, Gebüsch. Houston hat sogar eine offen lesbisch lebende Bürgermeisterin, Annise Danette Parker.
David versucht, für mich einen Republikaner zum Gespräch aufzutreiben, aber hier im Szeneviertel findet er nur einen Libertären, den er kennt, Brad. Brad sagt, er sei gegen die Demokraten, weil die für big government stünden. David meint, Bush habe den Regierungsapparat doch noch viel mehr aufgeblasen. Brad verzieht das Gesicht, als habe er Zahnschmerzen, und sagt, ja, das habe ihm an Bush auch nicht gefallen. Wer sein Lieblingspräsident war, interessiert mich. »Bill Clinton.« Dann schneit Andy herein, der aus Deutschland emigriert ist und Biologie lehrt. »Wir haben hier viel Lebensqualität, ein schönes, großes Haus, aber die Religiosität geht mir auf den Keks«, sagt er. So gebe es Kollegen, die in ihren Dissertationen Jesus für seine Hilfe dankten. »Und einige A&M-Professoren akzeptieren die Evolutionstheorie nicht.« Sie verlangten, dass in den Lehrbüchern an der Uni und in Schulen die biblische Schöpfungsgeschichte als gleichwertig dargestellt werde. »Für einen Wissenschaftler ist das unmöglich.«
Nicht in Texas. Im September 2009 hat das zuständige Board of Education tatsächlich angefangen, eine Überarbeitung der Schulbücher zu diskutieren. Und während Tea Partier und Waffen tragende NRA-Mitglieder in Austin draußen vor der Tür demonstrierten, setzte sich drinnen, im Capitol, die Mehrheit der Republikaner durch. Nun wird die nächste Generation von Schulbüchern den texanischen Kindern die Überlegenheit des Kapitalismus beibringen und die gloriose Rolle der Konföderation im Bürgerkrieg; dafür wird der Atheist Thomas Jefferson weggelassen. Der Sklavenhandel sollte sogar in »Atlantic triangular trade« umbenannt werden (das geschah dann aber doch nicht). Texanische Schüler sollen auch die Kehrseite der Bürgerrechtsbewegung kennenlernen, wie die gewalttätigen Black Panther. Hingegen darf die positive Rolle von Joseph McCarthy nicht zu kurz kommen, zu würdigen ist aber auch die Reagan Revolution, die Heritage Foundation, die Moral Majority und, natürlich, die NRA.
Was Texas tut, wirkt sich in ganz Amerika aus, denn Schulbuchverlage drucken nur Bücher, die ihnen große Staaten mit vielen Schulen abnehmen. Das heißt, Oklahoma oder Nebraska kaufen texanische Schulbücher. Dabei ist Texas nicht gerade ein Vorbild, was die Schulbildung angeht. Der ›Washington Post‹ zufolge steht der Staat an letzter Stelle, was die Zahl der Erwachsenen mit Highschool-Abschluss angeht, und an 44. Stelle – von fünfzig –, was die staatlichen Ausgaben pro Schüler anbelangt.
Am liebsten würden die christlichen Rechten, aber auch die Tea Party, das Department of Education in Washington ganz abschaffen und christliche Privatschulen fördern, was schon Jerry Falwell forderte. Eines der Vehikel dazu sind vouchers, vom Staat oder der Kommune ausgegebene Gutscheine, mit denen begabte, aber finanziell schlecht gestellte Schüler auf private Schulen gehen können oder auch auf sogenannte charter schools, öffentliche Schulen, bei denen die Eltern den Lehrplan und die Klassenbelegung mitbestimmen können. De facto geht es um verdeckte Segregation, denn auf diese Weise hält man arme schwarze Kinder von solchen Schulen fern.
Am nächsten Morgen besuche ich eine megachurch, die Central Baptist Church. Da Bryan klein ist, hat die megachurch hier nur 4000 Plätze und sie ist sogar halb leer – aber immerhin hochmodern ausgerüstet. Der Pfarrer läuft in Jeans und T-Shirt auf einer Art Bühne auf und ab, ein Mikrofon in der Hand, und wird dabei auf einen großen Bildschirm projiziert; so wirkt er mehr wie ein Conferencier in Las Vegas als ein Mann Gottes. Seine Predigt ist aber streng konservativ: Er redet erst über das Militär – gut! –, dann über Sex mit jungen Mädchen – nicht so gut! – und dann über Homosexualität – gar nicht gut, das sei eine Sünde, denn die verstoße gegen die Gebote Gottes. Man müsse aber Gott gehorchen, sonst ergehe es einem wie den alten Israeliten, die von Gott abgefallen und dafür bestraft worden seien. Eine Frau, die mich als »gefallene Seele« erkennt, ergreift während des Gottesdienstes meine Hand. Auf dem Rückweg höre ich im Radio einen der vielen christlichen Sender; der Pfarrer schimpft über CNN und nennt es »Chicken Noodle Network«.
Weil die Kirche in Texas schon um zehn anfängt, bin ich vor dem Mittagessen wieder bei Patrick und David. David erzählt mir, dass er im Gemeinschaftsraum der Uni CNN nicht laufen lassen kann, weil seine Studenten den Sender für linksradikal halten. Wenn es nach denen ginge, würden sie Fox News gucken, das will er aber nicht – und so schaltet er Bloomberg TV an. »Das ist zwar langweilig, aber da werden sie wenigstens nicht indoktriniert.« David findet, dass die Religiöse Rechte viel zu viel Einfluss auf die Politik habe. Perry habe beispielsweise ein »Sonogramm-Gesetz« verabschiedet, wonach Frauen vor einer Abtreibung gezwungen würden, sich ein Ultraschallbild des Fötus anzusehen und sich dessen Herzschlag anzuhören. Dazu wird – ohne Betäubung – eine Sonde in die Vagina geschoben. Das soll auch bei Opfern von Vergewaltigung und Inzest gemacht werden. »Er will Frauen bestrafen«, sagt David. »Er ist einfach nur ein Sadist.« Schon zuvor hatte Perry die Abtreibungsgesetze in Texas verschärft und die Mittel für die Organisation Planned Parenthood gestrichen. Denn Planned Parenthood, sagte der republikanische Abgeordnete Jon Kyl, verwende neunzig Prozent seiner Mittel, um Abtreibungen zu finanzieren. Als ihm vorgehalten wurde, dass dies weit übertrieben sei, meinte er, dies sei nicht als »faktisches Statement« gemeint gewesen.
Perry steht in der Abtreibungsfrage nicht allein. Alle Politiker, welche die Stimmen der Tea Party abgreifen wollen, versuchen, derartige Gesetze durchzusetzen, in den Bundesstaaten und in Washington. Das sind vor allem Rand Paul, Ron Paul und Michele Bachmann sowie Jim DeMint, Senator aus South Carolina, der für ein Verbot der Abtreibung ist, selbst wenn das Leben der Mutter in Gefahr ist. Zudem haben mehr als zwanzig Staaten – von Iowa bis Florida – Abtreibungen nach der zwanzigsten Woche verboten und gleichzeitig eine obligatorische Beratung und längere Wartezeiten eingeführt. Für Frauen auf dem Land heißt das, sie müssen mehrmals in die nächste Großstadt fahren, womöglich Hunderte von Meilen.
In Alaska, Mississippi, Oklahoma, South Dakota und West Virginia müssen die Berater den Frauen erzählen, Abtreibung verursache Brustkrebs. In Oklahoma, North Dakota, Idaho, Missouri, Kentucky und Utah dürfen private Krankenversicherer keine Abtreibung mehr bezahlen. Virginia will 17 von 21 Abtreibungskliniken schließen, angeblich aus baurechtlichen Gründen. Und auch Scott Walker in Wisconsin lehnt Abtreibung kategorisch ab. Er will es außerdem Apothekern freistellen, ob sie die Pille verkaufen, und er will die Abgabe von Verhütungsmitteln an Minderjährige verbieten.
Doch der konservative Rollback der Tea Party beschränkt sich nicht nur auf Verhütung und Abtreibung. Mississippi hat Sexualerziehung in den Schulen eingeführt, die bei der Aufklärung in Fragen der Verhütung einzig auf Abstinenz setzt. In Georgia wird gar ein Gesetz debattiert, wonach nicht nur illegale Abtreibungen, sondern auch Fehlgeburten, bei denen »menschliches Zutun« im Spiel war, mit dem Tod oder lebenslanger Haft bestraft werden sollen. Und selbst wenn Frauen Kinder bekommen, passt das manchen christlichen Politikern nicht: Mike Huckabee kritisierte die Schauspielerin Natalie Portman, weil sie mit dem Vater ihres Kindes nicht verheiratet ist.
Gegen die Schwulenehe ziehen die Tea Partier und die Religiösen Rechten genauso zu Felde, am liebsten wollen sie die bundesweit verbieten. Dazu soll ein Verfassungszusatz dienen, den auch Rick Perry unterschreiben will. Plötzlich spielen also Schwüre, für states’ rights einzutreten, keine Rolle mehr. Dabei haben gerade Republikaner in dieser Hinsicht mit vielen Skandalen zu kämpfen: Da gab es Larry Craig, Senator aus Idaho, der auf einer Flughafentoilette beim »Füßeln« mit einem Zivilpolizisten erwischt wurde; dann den Evangelikalenführer Ted Haggard, der sich von einem Mann »massieren« ließ; Bob Allen, einen Abgeordneten aus Florida, der einem Zivilpolizisten im Park anbot, ihn gegen Entgelt oral zu befriedigen; sowie Mark Foley, der anzügliche SMS an junge männliche Büroboten im Kongress sandte. Und im Weißen Haus arbeitete unter Bush ein Reporter mit Pseudonym Jeff Gannon, der nie so recht nachweisen konnte, wo er veröffentlichte, aber gleichzeitig Callboy war.
Auch über Perry heißt es immer mal wieder, er sei schwul und überkompensiere nur. Ein anonymer Aktivist – womöglich einer seiner Konkurrenten – hat per Anzeige jedem Mann Geld geboten, der von einer sexuellen Begegnung mit Perry berichten könne.
Es ist gut möglich, dass Perry gar nicht so fromm ist. Bis 1995 besaß er Anteile an einer Videofirma, die Hardcorepornos herstellt. Es gibt Gerüchte, dass seine Frau gedroht habe, ihn wegen Untreue zu verlassen (was Perry bestreitet). Und Fred Zeidman, ein Anwalt aus Houston, der Perry lange kennt, meinte, als er nach dessen Frömmigkeit befragt wurde: »Von uns kann sich keiner daran erinnern, dass er jemals besonders gläubig war.« Er fügte milde hinzu: »Aber vielleicht ist es uns bloß nicht aufgefallen.«
Und auch die »Civil War re-enacter« in Madisonville sind nicht sonderlich beeindruckt von den Kreuzzügen ihres Gouverneurs. »Wieso verbringen unsere Politiker so viel Zeit damit, die Schwulenehe zu bekämpfen?«, fragt Dyson spitz. »Wie viele Jobs schafft das eigentlich?« Dann muss er los, um gegen die Feds zu Felde zu ziehen. Ich ärgere mich später, dass ich ihn nicht gefragt habe, ob ich mal auf seinem Pferd Midnight reiten darf, aber wer weiß, ob ich in Texas überhaupt krankenversichert wäre.