Kapitel 4
Zwischen Dienen und Herrschen
Es ist wieder einmal spät geworden in der großen Wohngemeinschaft in der Kieler Innenstadt. Bis tief in die Nacht hinein haben die Studenten in der Küche der geräumigen Altbauwohnung diskutiert und dabei wie üblich einiges an Bier und Wein verbraucht. Man streitet zwar häufig über ernste Themen und tritt gelegentlich auch als Weltverbesserer in Erscheinung, aber Kinder von Traurigkeit sind die WG-Genossen nicht. Im Gegenteil: Bei allem politischen Idealismus wollen sich die jungen Leute vor allen Dingen amüsieren und das freie Studentenleben an der Universität Kiel genießen.
Peer Steinbrück, der hochgewachsene Student der Volkswirtschaftslehre, ist wie üblich Moderator, Ideengeber und Wortführer der nächtlichen Diskussionsrunde. Wenn der Hamburger mit dem trockenen und gerne auch deftigen Humor in Stimmung gerät, kann er die gesamte Runde mit allerlei Geschichten unterhalten. Bei den Pointen lacht er dann dröhnend mit und steckt alle anderen an. Sarkastisch ist er oft, der Peer, dabei immer gut informiert und rhetorisch geübt, das merken seine Kommilitonen schnell.
Allerdings war ihm bei den vielen Debatten nicht der intellektuelle Austausch wichtig. »Er wollte die Diskussionen immer gewinnen«, erinnerte sich später eine Mitbewohnerin, »und möglichst jede Streitfrage zu seinen Gunsten entscheiden.« Dabei überließ der Student Steinbrück nichts dem Zufall. In einem Zettelkasten sammelte er in kurzen Stichworten alles, was er zu einzelnen politischen Themen für relevant hielt. Wurde dann am Küchentisch der Wohngemeinschaft etwa über das militärische Wettrüsten in Ost und West gestritten, konnte er seine Mitbewohner mit der genauen Anzahl der russischen und amerikanischen Atomsprengköpfe konfrontieren und durch profundes Detailwissen glänzen.
So ging es ständig, denn Steinbrück erweiterte und perfektionierte das Zettelkastensystem kontinuierlich. Er las viel, redete, diskutierte und schrieb alles gleich auf, was ihm wichtig erschien. Seine Bereitschaft, sich überall zu informieren und unablässig Wissenswertes aufzusaugen, führte dazu, dass er die anderen WG-Bewohner nach kurzer Zeit in Grund und Boden argumentierte. Er liebte diesen Augenblick, wenn er als Einziger die entscheidenden Fakten wie ein Trumpfass präsentieren und so die Debatte für sich entscheiden konnte, erzählt später ein Studienfreund. An diesem unbedingten Willen, gut vorbereitete Arbeitssiege zu erringen, sollte sich fortan nichts mehr ändern. Auch in seinem Berufsleben machte Steinbrück es sich zum Prinzip, besser informiert zu sein als andere, die Materie tiefer zu durchdringen und so Anerkennung und Erfolg vor allem über die Kraft des Arguments zu erringen.
Politisch radikal ist keiner der acht Studentinnen und Studenten, die sich in der weitläufigen Altbauwohnung unweit der Kieler Förde die acht Zimmer sowie Küche und Bad teilen. »Ich war von allen noch die linkeste Bazille«, hat Steinbrück einmal schmunzelnd erwähnt. In der WG hängen weder Che-Guevara-Plakate, noch finden sich Mao-Bibeln oder Aufrufe zur Unterstützung irgendeiner radikalen Splittergruppe. Man hat sich auch nicht zusammengefunden, um eine Kommune zu gründen oder alternative Lebensformen auszuprobieren, sondern um Geld zu sparen und gemeinsam eine schöne Zeit zu verbringen. Während sich in anderen WGs der Abwasch auftürmt, lösen Steinbrück und seine Mitbewohner das Problem auf höchst konventionelle Weise: Die Studenten kaufen eine Spülmaschine der Marke Bauknecht. Ansonsten gilt nur eine eiserne Regel: das Rotationsprinzip beim Kochen. Anfang der Siebzigerjahre sind davon inzwischen Männer wie Frauen gleichermaßen betroffen, zumindest in linksliberalen Studentenkreisen. Steinbrück mogelt sich allerdings gerne mit Toast Hawaii an seiner wöchentlichen Kochpflicht vorbei – die Definition eines »warmen Abendessens« ist fließend. Die WG-Bewohner sind klug, aber nicht intellektuell verstiegen. Neben ihrer Fachliteratur lesen sie Romane oder Krimis und gelegentlich ein paar Sachbücher über aktuelle Zeitfragen. Nur in Steinbrücks Zimmer stapeln sich dicke Bände über Philosophie, Politikwissenschaften und Marinegeschichte. Ansonsten gibt es nichts Auffälliges in der Achter-WG. Seine vier Wände hat Steinbrück mit klassischen Schiffsmotiven verziert – keine besonders extravagante Dekoration für einen gebürtigen Hamburger mit Wohnsitz in Kiel. Wenn er sein Zimmer reinigt, schiebt er den Staubsauger in parallelen Linien vor und zurück, einmal längs und einmal quer. So, wie er staubsaugt, wird Steinbrück später Politik machen: effizient, schnörkellos und systematisch.
Erschöpft von der langen nächtlichen Diskussion und müde vom Wein schlafen die Studenten der Wohngemeinschaft noch tief und fest, als am 31. Mai 1972 gegen sechs Uhr morgens heftig an der Tür geklingelt wird. Schlaftrunken steht Veronique Lundgren, eine der Mitbewohnerinnen, auf. Als sie die Tür öffnet, stürmen zwei Dutzend bewaffnete Polizisten in die Wohnung, begleitet von Beamten des Verfassungsschutzes und der Staatsanwaltschaft. Einer der Uniformierten hält Steinbrück die Maschinenpistole vor den Bauch. Bei einem ähnlichen Einsatz wenige Wochen zuvor in Hamburg ist ein Polizist ums Leben gekommen. Deshalb ist die Stimmung bei der Aktion in der Kieler Studentenwohnung recht angespannt. Die Beamten sind nervös, die WG-Bewohner völlig überrumpelt. Steinbrück fängt sich nach kurzer Zeit wieder. »Haben Sie überhaupt einen Durchsuchungsbefehl?«, fragt er den Leiter des Trupps. Doch der lässt sich nicht stören. Die Polizisten stellen in der Wohnung alles auf den Kopf, schauen in Schränke, Schubladen und Regale. Am Ende finden sie nichts – bis auf ein Morsealphabet, das dem Marineliebhaber Steinbrück gehört. Das Buch wird kurzerhand beschlagnahmt. Offenkundig dachte der Verfassungsschutz, wenigstens ein Beweismittel für illegalen Funkkontakt nach Moskau oder Ostberlin gefunden zu haben.
Als die Durchsuchung beendet ist und die Polizisten abziehen, vergisst einer der Beamten seine Aktentasche in der Wohnung. Den Studenten steckt der Schreck noch in den Gliedern, als sie die Tasche entdecken. Was fängt man jetzt damit an? Möglicherweise, meint einer, sei ein Abhörgerät darin versteckt. Steinbrück zuckt mit den Schultern. »Ich wäre für aufmachen«, erklärt er und hat die Tasche schon in der Hand. Die anderen stimmen nach kurzer Beratung zu. In der Mappe finden sie den richterlichen Durchsuchungsbefehl für ihre Wohnung sowie die ausführliche Begründung.
Nach der Lektüre wussten die Studenten, was Sache war. Die ganze WG stand im Verdacht, in ihren Räumen eine Terroristin der RAF versteckt zu halten. Auslöser dafür war offenbar eine Nachbarin, die sich schon öfters über Lärm seitens der Studenten beschwert hatte. Eines Tages ging die verärgerte Frau schließlich zur Polizei und gab dort zu Protokoll, dass eine häufige Besucherin der WG starke Ähnlichkeiten mit einer steckbrieflich gesuchten Terroristin aufweise. Weil zuvor eine Gruppe radikaler Vertreter des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) genau diese Wohnung angemietet hatte, war vom Verfassungsschutz nach Eingang der Meldung eine dreimonatige Observation angesetzt worden. Danach erfolgte die überfallartige Durchsuchung, obwohl sich der Verdacht auf Unterstützung einer terroristischen Organisation durch die verdeckte Beobachtung nicht hatte erhärten lassen.
Steinbrück und seine Mitbewohner beschwerten sich anschließend vergeblich bei der Polizei über die Durchsuchungsaktion. Sie wurden als Zeugen vernommen, erhielten jedoch nie eine befriedigende Antwort auf ihre Fragen. So verlief die merkwürdige Aktion des Verfassungsschutzes schließlich im Sand. Die WG-Bewohner setzten unterdessen ihr Studium fort und bereiteten sich nach und nach auf ihre Examen vor.
Auch Steinbrück kniete sich in den Stoff. Wenn er nicht gerade Wirtschaftswissenschaften büffelte oder politische Debatten führte, verdiente er sich etwas dazu. Wählerisch konnte er nicht sein in einer relativ kleinen Stadt wie Kiel, wo viele Studenten händeringend einen Nebenverdienst suchten. Mal arbeitete er auf dem Bau, mal bei einem Eheanbahnungsinstitut, half bei einer Lotto-Annahmestelle aus und jobbte als Parkwächter. Das lockere Leben eines Bummelstudenten führte er nie. Im Gegenteil: Mit jedem Semester spürte er, wie ihm die Zeit durch die Finger rann. Er wollte sein Examen in Volkswirtschaftslehre mit Nebenfach Soziologie möglichst zügig ablegen. Durch seine Schulwechsel und »Ehrenrunden« hatte er schließlich einiges an Zeit verloren, und das bedrückte ihn. Hinzu kamen die zwei Jahre als Offizier bei der Bundeswehr. Im Vergleich zu anderen fühlte Steinbrück sich fast schon alt. Er fürchtete Nachteile beim späteren Berufseinstieg und gab ordentlich Gas. Mit Erfolg: Nach acht Semestern stellte er seine Diplomarbeit über das Für und Wider von Kosten-Nutzen-Analysen bei Stadtentwicklungsprojekten fertig und schloss das Studium im Dezember 1974 als Diplom-Volkswirt ab – mit einer Prädikatsnote.
Es dauerte nicht lange und Steinbrück erhielt ein erstes Jobangebot. Der renommierte Kieler Ökonom Herbert Giersch schlug dem frisch diplomierten Studenten vor, beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel als wissenschaftlicher Mitarbeiter einzusteigen. Steinbrück, der gerne promovieren wollte und bereits eine Doktorarbeit begonnen hatte, überlegte sich das Angebot des Professors gründlich. Giersch galt als Kapazität, hielt im Audimax der Universität Vorlesungen über weltökonomische Fragen und war in der Politik glänzend vernetzt. Gerne flocht er in Vorlesungen seine prominenten Gesprächspartner ein, unter anderem Helmut Schmidt. Der Spitzname des weltläufigen Ökonomieprofessors lautete denn auch »Peter Stuyvesant«, was auf den Werbeslogan der Zigarettenmarke vom »Duft der großen weiten Welt« anspielte.
Giersch hatte sich im Laufe seiner Lehrtätigkeit deutlich vom damals vorherrschenden Geist der Kieler Ökonomen gelöst. Sein Vorgänger Erich Schneider galt noch klar als keynesianisch orientierter Wirtschaftstheoretiker und lehrte das Modell des Ökonomen John Maynard Keynes als mathematisch beweisbare Theorie. Der Staat solle sich eben nicht nur als neutraler Rahmensetzer betätigen, wie die ordoliberalen Theoretiker das forderten, sondern die Wirtschaft aktiv steuern und lenken. Vor allem in der SPD fand und findet dieses Modell bis heute viele Anhänger. Karl Schiller, der ebenfalls in Kiel ausgebildete legendäre Wirtschaftsminister der ersten Großen Koalition, schaffte es denn auch, die damalige Konjunkturkrise der Bundesrepublik mit klassischen keynesianischen Methoden in den Griff zu bekommen, was jahrelang als eine Art historischer Beweis für deren Tauglichkeit galt.
Schneiders Nachfolger Giersch wiederum setzte sich nach und nach von der Idee der dirigistischen Staatsrolle im Wirtschaftsleben ab. Die Rezession 1973 war mit der Lehre von Keynes nicht mehr zu bekämpfen. Giersch wendete sich stärker den globalen Wirkungsmechanismen der zunehmend verflochtenen Weltökonomie zu und entwickelte daraus eine strikt an marktwirtschaftlichen Grundsätzen ausgerichtete Wirtschaftstheorie. Auf Steinbrück hatte Giersch sicherlich mehr Einfluss als der Keynes-Anhänger Schneider. Den hatte der Student Steinbrück nämlich nicht mehr in Vorlesungen gehört, sondern nur noch nachlesen können.
Das Angebot, als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Giersch zu beginnen, war also verlockend. Aber Steinbrück wand sich. Dafür gab es mehrere Gründe. So hatten sich seine beruflichen Ziele im Laufe der letzten Jahre immer wieder verändert. Als er das Studium begann, wollte er noch Journalist werden. Die Arbeit an der Schülerzeitung hatte ihm gefallen, das Schreiben, das Politische, daneben die Aufmerksamkeit, die man als Autor bereits in jungen Jahren für provokante Artikel erzielen konnte. Auch während des Studiums schrieb er. Seine Gedanken verarbeitete er in essayistischen Splittern, fasste seine politischen oder wirtschaftlichen Überlegungen in Notizen oder Aufsätzen zusammen, veröffentlichte jedoch nie etwas davon. Irgendwann im Laufe der eilig absolvierten Studienzeit kam ihm der Berufswunsch des Journalisten wohl abhanden. Jedenfalls bemühte er sich nie darum, seine Texte an Zeitungen zu verkaufen oder sich durch andere Veröffentlichungen eine publizistische Tür zu öffnen. Auch Ferienpraktika oder einen Job als freier Mitarbeiter bei der Presse strebte er nicht an. Und nach dem glänzend bestandenen Examen verspürte Steinbrück sowieso keine Lust mehr, noch ein Volontariat zu durchlaufen oder sich als journalistischer Anfänger bei einem Medienunternehmen ganz hinten anzustellen.
Der wirkliche Dreh- und Angelpunkt für alle weiteren beruflichen Überlegungen war jedoch höchst menschlicher Natur: Auf der Party eines Freundes in der Eifel hatte Steinbrück nämlich eine junge Dame kennengelernt. Sie hieß Gertrud Isbary und wurde später seine Ehefrau. Die Studentin der Universität Bonn war nicht auf den Mund gefallen und ließ sich von dem wortgewandten Norddeutschen nicht so leicht einwickeln. Steinbrück gefiel das. »Wir hatten einen regelrechten Schlagabtausch«, erinnert er sich mit einem Schmunzeln. Gertrud wurde 1949 in einem Nest namens Hohenberg-Krusemark in Sachsen-Anhalt geboren. Ihr Vater war Professor für Geografie und zog 1952 mit seiner Familie ins Rheinland. Seine Tochter wollte ursprünglich Ärztin werden, schaffte aber den strengen Numerus clausus für Medizin nicht und schrieb sich schließlich an der Universität Bonn für Biologie ein.
Als sie Peer Steinbrück in der verschneiten Eifel traf, promovierte sie gerade und verspürte keinerlei Interesse, der Liebe wegen von Bonn aus in den hohen Norden zu ziehen. Gertrud fühlte sich wohl in der beschaulichen Stadt am Rhein, in der die Familie Steinbrück bis heute wohnt. Als sie schließlich im Begriff standen, ein Paar zu werden, machte sie Peer unmissverständlich klar, dass es eine gemeinsame Zukunft entweder in Bonn oder gar nicht geben würde.
Steinbrück stand also vor einer schweren Wahl. Der angebotene Einstieg beim Kieler Institut für Weltwirtschaft reizte ihn, doch andere Reize erwiesen sich schließlich als stärker. Also verließ der Hanseat die vertraute norddeutsche Heimat und zog Anfang 1975 ins Rheinland. Dass er dort für Jahrzehnte bleiben und später sogar einmal Ministerpräsident und »Landesvater« der Rheinländer und Westfalen werden sollte, hätten damals weder er noch seine Frau Gertrud gedacht.
Für den Neuankömmling Steinbrück eröffnete sich in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn ein beruflicher Einstieg beim Bundesbauministerium. Zwar handelte es sich nicht um eine feste Stelle, sondern nur um eine freiberufliche Tätigkeit. Aber ein Anfang war immerhin gemacht mit einem Werkvertrag über 20 000 DM. Gegenstand der Vereinbarung war die Erstellung eines volkswirtschaftlichen Gutachtens zu Raumordnungsfragen binnen 14 Monaten. Die größte Arbeit bestand in der Erhebung statistischer Daten – schließlich gab es noch keine Computer. Die Honorierung war nicht üppig, aber zusammen mit dem Assistentengehalt, das seine Frau von der Universität Bonn erhielt, kam das junge Paar ganz gut über die Runden.
Als Steinbrücks Werkvertrag auslief, waren die Herren im Bauministerium so zufrieden mit der abgelieferten Arbeit, dass sie ihm eine feste Anstellung bieten wollten. Allerdings unter dem Vorbehalt einer winzigen Kleinigkeit, nämlich der bei Bundesbehörden und Ministerien üblichen Sicherheitsüberprüfung. Reine Routine, dachten alle, doch wenige Tage später wurde Steinbrück zu einem dringenden Gespräch ins Ministerium einbestellt. Anstatt des erhofften Dauervertrags erhielt er eine Absage. Zwei Herren in grauen C&A-Anzügen erklärten dem völlig verdutzten Volkswirt, dass er die avisierte Stelle leider nicht erhalten könne. Die Regelanfrage beim Verfassungsschutz habe nämlich ergeben, dass er ein Sicherheitsrisiko für die Bundesrepublik Deutschland darstelle. Als Steinbrück empört nachfragte, wie sie zu diesem Befund gekommen seien, hüllten sich die beiden Herren in Schweigen. »Wir sind nicht befugt, Ihnen Auskunft zu geben.«
Von einer Minute auf die andere ist Steinbrück wieder draußen. Abserviert. Arbeitslos. Ende der Karriere, bevor sie überhaupt begonnen hat. Als amtlich festgestelltes Sicherheitsrisiko gibt es keine Chance mehr für ihn, zumindest nicht im öffentlichen Dienst. Und erst recht nicht im Herzen der politischen Administration der Bonner Bundesregierung. Steinbrück ist verzweifelt. Erinnert sich wieder an die völlig überzogene Durchsuchungsaktion des Verfassungsschutzes in der Kieler Studenten-WG und fühlt Ohnmacht und Wut gleichermaßen in sich aufsteigen.
Zwei Umstände machen das Unglück zusätzlich schlimmer, als es ohnehin schon ist. Mit der Doktorarbeit, die er aus Kiel mitgebracht hat, kommt er seit Monaten nicht mehr so richtig voran. Es ist unendlich mühsam, neben der anspruchsvollen Tätigkeit für das Bauministerium nach Feierabend noch wissenschaftlich zu arbeiten und die Promotion voranzutreiben. Im Stillen gesteht er sich sogar ein, dass er diesem Kraftakt nicht gewachsen ist. Das hohe, selbst gesteckte Ziel, nach dem Prädikatsexamen den eigenen Namen noch mit einem Doktortitel zu schmücken, gerät in akute Gefahr. Das ist Gift für seinen Ehrgeiz und für sein bis dahin ungetrübtes Selbstbewusstsein. Zum anderen erfolgt die Ablehnung durch das Bauministerium zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt, denn seine Frau Getrud ist schwanger und steht kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes.
Verzweifelt versucht Steinbrück, sich gegen das existenzgefährdende Stigma des Verfassungsfeinds zur Wehr zu setzen. Er schreibt an die zuständige Staatsanwaltschaft in Kiel und schafft es immerhin, sich einen »Persilschein« zu besorgen. Schließlich wurde er damals nur als Zeuge vernommen und nie als Beschuldigter erwähnt. Darüber hinaus blieb die Observierung und Durchsuchung ohne jedes Ergebnis. Doch alle rationalen und juristischen Argumente führen nicht weiter. Er wendet sich an andere Behörden, an die Staatsanwaltschaft in Bonn und sogar direkt an den Verfassungsschutz. Doch trotz aller Bemühungen scheint er in einen Wattesack zu boxen.
Steinbrück fühlt sich bald wie der unglückliche Bankprokurist Josef K. in dem unvollendeten Roman Der Prozess von Franz Kafka. Darin wird ein junger Mann angeklagt, ohne dass er sich irgendeiner Schuld bewusst wäre. Der Mann gerät immer tiefer in das albtraumhafte Labyrinth einer surrealen Justizbürokratie und eines nie erkennbaren Gerichts, das ihn am Ende gleichwohl verurteilt. So sehr sich die Romanfigur auch wehrt, jede Gegenwehr ist zwecklos.
In seiner Not mobilisierte Steinbrück schließlich einflussreiche Leute in Wissenschaft und Politik, die ihm helfen sollten, dem kafkaesken Kreis aus Verdacht, Ablehnung und Schweigen zu entfliehen. Es war Anfang der Siebzigerjahre nämlich äußerst schwierig, gegen die einmal getroffene amtliche Feststellung vorzugehen, man sei ein Verfassungsfeind oder stelle zumindest ein »Sicherheitsrisiko« für die Bundesrepublik Deutschland dar.
Hintergrund war der sogenannte »Radikalenerlass«. Damit wollten Bund und Länder damals verhindern, dass Angehörige oder Anhänger verfassungsfeindlicher Organisationen in den Staatsdienst aufgenommen wurden. Dass ausgerechnet der von Steinbrück so verehrte Willy Brandt diesen Extremistenbeschluss als Bundeskanzler 1972 herbeiführte, sieht Steinbrück auch heute noch kritisch. Obwohl seinerzeit die RAF ihr Unwesen trieb und den Rechtsstaat in der Tat herausforderte, zielte der Radikalenerlass in erster Linie auf die Deutsche Kommunistische Partei (DKP). Das Problem für die Betroffenen bestand darin, dass bereits »Zweifel an der Verfassungstreue« genügten, um ihnen den Zugang zum öffentlichen Dienst zu verwehren.
Die Beurteilung einer tadellosen demokratischen Gesinnung erfolgte eben durch den Verfassungsschutz. Dort mussten alle Behörden vor der Übernahme eines Bewerbers eine entsprechende »Regelanfrage« stellen. Das größte Problem bei diesem Verfahren lag in der mangelnden Transparenz. Es war kaum nachvollziehbar, wie eventuelle Zweifel an der Grundgesetztreue eines Aspiranten zustande gekommen waren und mit welchen Fakten sie begründet wurden.
Sehr viele angehende Lehrer waren von der überaus kritisch diskutierten Maßnahmen betroffen. Da sie praktisch nur als Beamte eine Stelle fanden, wurde die Regelung auch als »Berufsverbot« bezeichnet. Als sich in der Folge die grotesken Fälle häuften, beschlichen die Regierungsfraktionen von SPD und FDP wachsende Zweifel an der Rechtmäßigkeit ihres Erlasses. Nachdem selbst ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts 1975 keine Klarheit brachte, setzte die Bundesregierung den Radikalenerlass ein Jahr später für ihre Behörden einseitig außer Kraft. Willy Brandt bezeichnete den Extremistenbeschluss später offen als »Fehler«.
Bis zur endgültigen Abschaffung der Regelanfrage in den Ländern Ende der Achtzigerjahre wurden beim Verfassungsschutz insgesamt 1,4 Millionen Personen überprüft, und es gab 11 000 Verfahren. In rund 1100 Fällen verwehrte man Bewerbern den Zugang zum öffentlichen Dienst beziehungsweise entfernte sie aus dem Beschäftigungsverhältnis. Helmut Schmidt räumte später als Kanzler ein, man habe »mit Kanonen auf Spatzen geschossen«.
Steinbrück aber steckt 1975 mittendrin in dem Schlamassel. Da er sich nicht mehr anders zu helfen weiß, spielt er jetzt die politische Karte und bittet einflussreiche Sozialdemokraten um Hilfe. Der erste ist Reimut Jochimsen, den Steinbrück schon lange kennt. Er hatte bereits als Student Vorlesungen bei ihm gehört, als Jochimsen noch Dekan der Rechts- und Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Kiel war. Danach wurde der Wissenschaftler Leiter der Planungsabteilung im Kanzleramt und Staatssekretär im Bundesbildungsministerium.
Der zweite wichtige Helfer ist Klaus Matthiesen, der spätere Landwirtschafts- und Umweltminister in Nordrhein-Westfalen. 1975 hat er gerade als SPD-Spitzenkandidat knapp die Wahl in Schleswig-Holstein verloren und sitzt nun im Kieler Landtag als Fraktionschef und Oppositionsführer. Der dritte im Bunde der Steinbrück-Helfer schließlich ist Norbert Gansel, der langjährige Kieler Bundestagsabgeordnete und spätere Oberbürgermeister der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt.
Die drei Parteifreunde sind strategisch geschickt ausgesucht. Alle drei verfügen über beste Beziehungen in Kiel, wo das ganze Unglück begonnen hat. Aber auch in Bonn bei der Bundesregierung und in der Fraktion der regierenden Sozialdemokraten kann jeder aus dem Trio seinen Einfluss geltend machen. Obwohl Steinbrück damals nur ein arbeitsloser Referent mit einem ausgelaufenen Werkvertrag ist, stellt er schon eine erstaunlich prominente Riege aus Fürsprechern zusammen. Jedenfalls hilft die Partei, zu der Steinbrück später oft demonstrative Distanz halten sollte, dem jungen Genossen bereitwillig aus der Patsche. Die Herren Jochimsen, Matthiesen und Gansel machen ordentlich Dampf. Das wirkt. Sie wenden sich mit präzisen und unbequemen Fragen an den Verfassungsschutz in Schleswig-Holstein, an das Bundesamt in Köln, an die Justiz- und Innenministerien sowie an die entsprechenden Dienststellenleiter in Kiel. Wie es denn sein könne, dass der unbescholtene Zeuge Steinbrück aus einer völlig ergebnislosen Ermittlungssache plötzlich als Staatsfeind und »Sicherheitsrisiko« hervorgehe? Vor allem Matthiesen hat als Mitglied der PKK, der Parlamentarischen Kontrollkommission zur Überwachung der Geheimdienste, direkten Zugang zu den Akten. Da die ganze Geschichte ohnehin hanebüchen gelaufen ist und bei Licht betrachtet eine ziemliche Blamage für den Verfassungsschutz und die Staatsanwaltschaft darstellt, wird die Angelegenheit irgendwann diskret bereinigt.
Das dauert allerdings einige Monate, und in dieser Phase der Ungewissheit leidet Steinbrück fürchterlich, ist so niedergeschlagen, dass seine Frau sich schon ernste Sorgen macht. Er bangt um seine Karriere, sieht seine Rolle als Ernährer der jungen Familie gefährdet und spürt erstmals so etwas wie nagende Selbstzweifel.
Mitten in dieser unglücklichen Lage meldet sich ein Kollege des Bundesministeriums für Forschung und Technologie bei ihm. Das BMFT, wie das Haus im Amtsdeutsch heißt, suche noch einen tüchtigen Volkswirt für die Planungsabteilung. Ob er sich da nicht einmal vorstellen wolle? Ohne große Hoffnung dreht Steinbrück seine Runden durch die Ministerialbürokratie des Forschungsressorts, bis er am Ende im Büro des damaligen Parlamentarischen Staatssekretärs Volker Hauff sitzt. Dem Parteifreund schüttet Steinbrück sein Herz aus, berichtet, dass er beim benachbarten Bauministerium gerade aus Gründen der nationalen Sicherheit abgelehnt worden sei und deshalb jetzt nicht wisse, wie er das Angebot des Forschungsressorts bewerten solle.
Hauff denkt eine Weile nach und sagt dann zu Steinbrück: »Ich stelle Ihnen jetzt nur eine einzige Frage. Überlegen Sie sich die Antwort sehr gut, denn davon hängt viel ab für Sie und auch für mich: Ist da etwas dran, was der Verfassungsschutz Ihnen vorwirft, oder ist da nichts dran?«
Wie aus der Pistole geschossen antwortet Steinbrück, dass da »null Komma nix« dran sei. Schnell will er zur Illustrierung seiner Unschuld noch die Geschichte von der ergebnislosen Durchsuchung in der Kieler Studenten-WG erzählen, doch Hauff winkt bereits ab. Sein Wort genüge ihm, sagt der Staatssekretär. »Sie haben den Job.«
Noch heute ärgert sich Steinbrück, wenn er von seinen Erlebnissen mit dem Verfassungsschutz erzählt. Nicht nur ihm wäre es beinahe an den Kragen gegangen damals. Auch einige seiner früheren Mitbewohner bekamen erheblichen Ärger. Ihnen erging es wie Tausenden anderen, die beim Start ins Berufsleben zu Unrecht in irgendeinen Verdacht gerieten und diesen verhängnisvollerweise nicht mehr loswurden. Einer der Kieler WG-Genossen wäre um ein Haar nicht als Amtsarzt im Kreis Lauenburg eingestellt worden wegen dieser »dämlichen Sache«, erinnert sich Steinbrück. Und er weiß auch, dass er sich ohne die Hilfe der drei einflussreichen Parteifreunde und ohne den couragierten Volker Hauff damals kaum aus der ganzen Verstrickung hätte lösen können. Steinbrücks Meinung über die Fähigkeiten des Verfassungsschutzes steht seitdem fest. Er gebraucht dafür Worte, die allerdings nicht zitierfähig sind.
Mit dem neuen Job im Forschungsressort fasste Steinbrück schnell neuen Mut. Er freute sich über sein gelungenes Comeback im Bonner Ministerialdienst, auch wenn er zunächst nur als Hilfsreferent anfing. Entscheidend für ihn war, dass er die erste Niederlage oder, besser gesagt, den ersten wirklichen Rückschlag in seinem Leben überwunden hatte. Er musste kämpfen, ja, auch leiden, aber er gab nie auf und stand jetzt als Sieger da. Diese Erfahrung sollte er nie wieder vergessen. Sie stärkte auch bei späteren Rückschlägen seinen unbedingten Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen und so lange weiterzukämpfen, bis aus den Niederlagen irgendwann wieder Siege wurden.
Im Planungsstab des Bundesforschungsministeriums feilte Steinbrück ab 1975 an Strategievorschlägen und Redeentwürfen für die Hausleitung. Eines der Topthemen, damals wie heute, war der Stellenwert der forschenden Unternehmen für die industrielle Entwicklung in Deutschland. Steinbrück arbeitete viel, doch es waren nicht die sorgfältig formulierten Vermerke, die den Blick des damaligen Forschungsministers Hans Matthöfer auf den neuen Hilfsreferenten lenkten. Vielmehr fiel Steinbrück erst auf, als er bei einer voll besetzten Veranstaltung in der Friedrich-Ebert-Stiftung seinen Minister in aller Öffentlichkeit mit sachkundigen und wohl auch recht unbequemen Fragen nervte. Nach der dritten Wortmeldung beugte sich Matthöfer stirnrunzelnd zu einem Referenten hinüber und fragte, wer denn um Himmels willen dieser hartnäckige Fragesteller im Publikum sei. »Das ist ein Mitarbeiter aus Ihrem Ministerium«, lautete die Antwort. »Dann will ich den in meinem Stab haben«, ordnete Matthöfer kurz entschlossen an. »Holt ihn ins Zelt, damit er künftig rauspinkelt und nicht rein.«
Und so geschah es. Kurz darauf wurde Steinbrück persönlicher Referent des Ministers und rückte damit in den innersten Kern der politischen Machtausübung vor. Von allen Spitzenpolitikern, denen Steinbrück fortan dienen sollte, hat er Hans Matthöfer vermutlich am meisten geschätzt. Der gebürtige Bochumer kam aus einfachen Verhältnissen, war Soldat im Weltkrieg gewesen, machte danach über den zweiten Bildungsweg seine Ausbildung als Ökonom, fügte ein englisches Übersetzerdiplom hinzu und arbeitete lange für die Gewerkschaftsbewegung, ehe er 1961 in den Bundestag einzog. Im Gegensatz zu vielen Genossen schaute Matthöfer aufgrund mehrjähriger Tätigkeit auch in Washington und Paris über den heimischen Tellerrand hinaus. Das imponierte Steinbrück, dem die Neigung der deutschen Politik zur nationalen Nabelschau schon früh aufgestoßen war. Matthöfer stand nicht zuletzt auch wegen seines Weitblicks und seiner Integrität bei den Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt hoch im Kurs.
Allerdings dauerte die Zusammenarbeit nicht lange, denn bei der Kabinettsumbildung im Frühjahr 1978 übernahm Matthöfer auf Wunsch von Kanzler Schmidt das Finanzressort. Obwohl Matthöfer Peer Steinbrück schätzte, nahm er ihn nicht mit in das neue Ministerium, sondern setzte dort auf Leute, die das Haus schon besser kannten. So blieb Steinbrück im Forschungsressort und wurde als persönlicher Referent von dem neuen Minister übernommen. Der hieß Volker Hauff, war zuvor Staatssekretär gewesen und hatte seinem Adlatus Steinbrück bereits vertraut, als an diesem noch der Makel des »Sicherheitsrisikos« haftete.
Der Job eines persönlichen Referenten, den Steinbrück über Jahre hinweg bei drei Ministern ausübte, ist eine spannende, mitunter jedoch sehr undankbare Aufgabe. Man ist von morgens früh bis abends spät mit dem Minister unterwegs, bekommt hinter den Kulissen der großen Politik viel mit, muss aber immer im Hintergrund bleiben und wird trotzdem für alles verantwortlich gemacht. Zusammen mit dem Ministerbüro koordiniert man die vielen Gesprächs- und Rückrufwünsche, die so im Laufe des Tages eintreffen, und wimmelt alle ab, die nicht als wichtig genug erscheinen. Außerdem muss täglich ein nicht enden wollender Strom von Akten und Nachrichten aufbereitet werden und auch auf Reisen quer durchs Land stets verfügbar sein.
Spitzenpolitiker verlangen eine perfekte Organisation von ihrem Stab. Ihre Terminkalender sind vollgepresst bis oben hin. Schon bei einer unvorhergesehenen Verzögerung oder Abweichung kann der ganze Tagesplan durcheinandergeraten. Zudem stehen die meisten Minister unter Daueranspannung. Störungen jedweder Art werden in der Regel nicht besonders freundlich aufgenommen. Der persönliche Referent ist derjenige, der am nächsten dran ist und den Unmut des Chefs als Erster zu spüren bekommt. Man ist in einer solchen Funktion alles: Ratgeber und Vertrauter, Blitzableiter und Problemlöser, Kummerkasten und Kofferträger. Dabei muss »der Persönliche«, wie diese Leute intern verkürzt genannt werden, äußerst klug sein, fleißig und stressresistent. Und ständig den Überblick behalten, sonst geht er unter. Vor allem aber braucht er eine hohe Frustrationstoleranz und darf nur geringe Ansprüche an die eigene Freizeitgestaltung stellen. Anrufe und Aufträge am Wochenende bilden die Norm und nicht die Ausnahme. Das CSU-Urgestein Michael Glos hat die Anforderungen an einen persönlichen Referenten in seiner unnachahmlichen Art einmal so beschrieben: »Für den Job brauchen Sie ein Gemüt wie ein Fleischerhund.«
Die nötige Energie und Nervenstärke hat Steinbrück seit jeher besessen, und offenbar brachte er die anderen erforderlichen Eigenschaften ebenfalls mit, um als langjähriger »Persönlicher« den hohen Ansprüchen der Spitzenpolitiker zu genügen. Als ein »Diener« seiner Minister will er sich allerdings nie gesehen haben, auch später nicht als Büroleiter des NRW-Ministerpräsidenten Johannes Rau. Auf die Frage »Können Sie dienen?« schüttelt Steinbrück heute noch entschieden den Kopf. Nein, er hat sich nie als Diener gesehen, das entsprach offenbar zu keiner Zeit seinem Selbstverständnis. Er war zwar Bundeswehroffizier und hat Befehle befolgt, und er war auch lange persönlicher Referent und Büroleiter, aber das Wort »dienen« mag Steinbrück trotzdem nicht, das klingt ihm zu servil. Ebenso kann er der Wortkombination »Staatsdiener« für Beamte nur wenig abgewinnen. Das würde ja bei strenger Auslegung bedeuten, völlig unkritisch zu sein, ohne eigene Meinung und ohne eigenen Kopf zu arbeiten. Nein, so hat er seine Karriere im Staatsdienst nie verstanden, und so hat er es selbst nie gehalten. Wenn Steinbrück rückblickend auf seine Jahre als Beamter schaut, dann ordnet er sich eher als sachkundigen Helfer ein, als Zuarbeiter und gelegentlichen Ratgeber. Natürlich habe er sein gesamtes Zeitbudget nach dem jeweiligen Minister ausgerichtet und bis in die Nacht hinein geschuftet, ja, das stimme. Doch so wenig er sich damals als Mitarbeiter des inneren Machtzirkels in der Rolle eines »Mitregierenden« oder gar als Teil der Herrschenden gefühlt hat, so wenig verstand er sich in dieser Zeit auch als bloßer Diener.
Bei Volker Hauff blieb Steinbrück bis Juni 1978. Dann wurde er ins Kanzleramt entsandt, um dort im »Spiegelreferat« des Bundesministeriums für Forschung und Technologie zu arbeiten. Man kann diesen Wechsel durchaus als eine Art Beförderung verstehen, denn die jeweiligen Ressorts schicken nur ihre besten Leute in die Schaltzentrale des Regierungschefs. Das Kanzleramt ist so organisiert, dass es alle Fachministerien der Bundesregierung vom Familien- bis zum Finanzressort »widerspiegelt«. Deshalb werden die jeweiligen Abteilungen auch »Spiegelreferate« genannt. Durch diesen Verwaltungsaufbau verfügt der Regierungschef in allen Politikbereichen über eigene Beamte und damit über eigene Expertisen, die ihn unabhängig machen von der Zuarbeit der Ministerien. Helmut Kohl hat zwar einmal darüber geklagt, dass die Ministerialräte bei der Umsetzung politischer Ideen die schlimmsten Widersacher seien. In Wahrheit jedoch ist das Kanzleramt eine gut geölte Machtmaschine, in der nur die besten Leute der jeweiligen Administration arbeiten.
Als Steinbrück sein Büro im Kanzleramt einrichtete, hieß der Hausherr dort Helmut Schmidt. Der Hamburger war wegen seiner ungeheuren Energie, Detailkenntnis und Akribie beim Aktenstudium zwar geachtet, aber bei den Mitarbeitern des Amtes auch gefürchtet. Es dauerte ein gutes halbes Jahr, bis Steinbrück Anfang 1979 das erste Mal persönlich bei Schmidt vorsprechen musste. Zuvor hatte er bereits an einigen Vermerken mitgearbeitet, die auf dem Tisch des Kanzlers landeten. Und auch bei Kabinettssitzungen konnte er Schmidt schon erleben, wenn er dort Protokoll führen musste. Jetzt wollte der Chef jedoch persönlich Rücksprache halten, und das ist ein besonderer Moment für jeden Mitarbeiter des Kanzleramts.
Richtigen Bammel habe er nicht gespürt, versichert Steinbrück rückblickend, wohl aber »gehörigen Respekt«. In seinem Spiegelreferat für Forschung und Technologie ging es damals unter anderem um die Themen Kernenergie, Hochtemperaturreaktoren sowie um die Entsorgung des Nuklearabfalls – eine bis heute ungelöste und höchst kontroverse Frage. Schmidt brauchte von Steinbrück eine fachliche Vorbereitung für eine Bund-Länder-Konferenz der Regierungschefs, bei der unter anderem die Entsorgungsfrage auf der Tagesordnung stand. Der Widersacher des Kanzlers in dieser brenzligen Sache war zu jener Zeit der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht, der Vater der heutigen Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen. Der CDU-Politiker nutzte wegen des Standorts Gorleben jede Chance, um sich mit dem sozialdemokratischen Kanzler öffentlich zu streiten, was dem wiederum ziemlich auf die Nerven ging.
Schmidt war also nicht gerade bester Laune, als er sich auf den Weg zur Bund-Länder-Konferenz nach Niedersachsen machte. Er studierte das Briefing erst im Flugzeug, und Steinbrück saß in gehörigem Abstand ein paar Reihen weiter und wartete. Als der Kanzler ihn rief und gezielte Nachfragen zum Entsorgungsthema stellte, fühlte Steinbrück sich arg auf die Probe gestellt. Schmidt machte seinem legendären Ruf als detailbesessener Aktenfresser wieder einmal alle Ehre. »Er hat mich regelrecht examiniert«, berichtete Steinbrück später über diese erste Begegnung. Er habe sich bemüht, die Fragen des Kanzlers so knapp und präzise wie möglich zu beantworten. Langatmige Ausführungen, so hatte man ihn vorher gewarnt, könne Schmidt nicht ausstehen. Als der Regierungschef dann eine längere Zeit schwieg, dachte Steinbrück, die Unterredung sei zu Ende. Er erhob sich, um zu gehen, doch Schmidt blickte nur kurz von der Akte auf und fragte: »Wer hat Ihnen gesagt, dass Sie aufstehen können?«
Die zweite Begegnung fand im Büro des Kanzlers im Beisein ausländischer Gäste statt. Wahrscheinlich ging es um forschungspolitische Fragen, Steinbrück weiß es heute nicht mehr. Woran er sich hingegen noch genau erinnert, war, wie gut Schmidt improvisieren konnte. Der Kanzler hatte aus Zeitmangel das Briefing für den Besuchstermin nicht lesen können. Das Papier lag unberührt vor ihm auf den Tisch. Schmidt umsorgte seine Gäste mit großer Freundlichkeit, ließ sie reden und vermittelte ihnen das Gefühl, den Lauf des Gesprächs zu bestimmen. In der Zwischenzeit überflog der von Tabakqualm umhüllte Kanzler, wie Steinbrück beobachten konnte, unauffällig mit einem halben Auge das Briefing. Als er damit fertig war, stellte er die zwei, drei entscheidenden Fragen, gab sein Statement ab und dann – zack, zack – waren die Besucher schon wieder draußen. Da Steinbrück die Leute zum Ausgang begleitete, erhielt er ein unmittelbares Feedback. Man war tief beeindruckt, wie gut der deutsche Regierungschef über alles informiert war und wie liebenswürdig er doch die ausländischen Besucher empfangen hatte.
Nach knapp vier Jahren im Kanzleramt ereilte Steinbrück, der 1978 in das Beamtenverhältnis übernommen worden war, die sogenannte »Kinderlandverschickung«. Damit wird im Beamtenjargon ironisch die zeitweilige Versetzung auf einen anderen Dienstposten beschrieben, weil es eine befristete Vakanz zu füllen gilt. Für Steinbrück bedeutete das 1981 eine halbjährige Entsendung nach Ostberlin in die Ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland. Viel ist ihm aus dieser grauen Zeit in der tristen »Hauptstadt der DDR« nicht mehr in Erinnerung geblieben. An den Wochenenden flog er, wann immer es ging, zurück nach Bonn zu seiner Familie.
Einmal während seiner Zeit in der DDR besuchte er, weil in der Wirtschaftsabteilung der Ständigen Vertretung eingesetzt, die Leipziger Messe. Der Rückstand der Ostblockwaren gegenüber den Westangeboten fiel ihm sofort ins Auge. Man müsse blind gewesen sein, um das zu übersehen, behauptet er heute. Im Gegensatz zu manchen linken Sozialdemokraten in Westdeutschland zeigte sich Steinbrück jedenfalls seit seinem Einsatz in Ostberlin völlig desillusioniert von der Fortschrittsfähigkeit des Sozialismus. Eindrücklich spürte er auch die bleierne Stimmung bei den DDR-Bürgern. Der gesellschaftliche und wirtschaftliche Mehltau, der sich unter der Altherrenriege der SED mit Erich Honecker an der Spitze über das Land gelegt hatte, verfehlte seine Wirkung auf den Bonner Beamten nicht. Wenn Steinbrück heute die Politikunfähigkeit der SED-Nachfolgepartei »Die Linke« in scharfen Worten geißelt und jedes rot-rote Gedankenspiel ablehnt, dann hat das auch mit seinen deprimierenden Erfahrungen in Ostberlin zu tun.
Im Herbst 1981 erhielt er dann den Rückruf in sein »Stammhaus«. Der neue sozialdemokratische Forschungsminister Andreas von Bülow wollte erfahrene Mitarbeiter um sich scharen und bat Steinbrück darum, erneut als persönlicher Referent in das BMFT zurückzukehren. Die vorausgegangene Bundestagswahl im Oktober 1980 hatte in einem emotionsgeladenen Wahlkampf gegen den Unionsspitzenkandidaten Franz Josef Strauß zwar zu einer Bestätigung der sozialliberalen Koalition geführt, doch es knisterte bereits hörbar im Gebälk des rot-gelben Regierungsbündnisses.
Steinbrück arbeitete noch gut eineinhalb Jahre für Andreas von Bülow bis zum Ende der Regierung Schmidt im Spätsommer 1982. Dem Spross eines mecklenburgischen Adelsgeschlechts gelang in dieser Zeit nicht mehr viel. Das lag zum einen daran, dass die auseinanderdriftende Koalition mehr und mehr mit internen Streitigkeiten beschäftigt war und sachpolitische Entscheidungen kaum noch getroffen wurden. Zum anderen konnte in einem politischen Querschnittsthema wie Forschung und Technologie nur dann etwas bewegt werden, wenn die für die Bildungs- und Wissenschaftspolitik zuständigen Länder mitzogen. An ihnen hängen nämlich in aller Regel auch die Hochschulen, ohne deren Kooperation wiederum kein Bundesforschungspolitiker etwas in Gang setzen kann. Dem Minister von Bülow blieb da nur wenig Spielraum: Gegen Ende der sozialliberalen Koalition war eine fruchtbare Zusammenarbeit des Bundes mit den unionsgeführten Ländern kaum noch möglich.
Außerdem lag Andreas von Bülow das neue Ressort nicht wirklich. Der promovierte Jurist hatte zuvor das Verteidigungsministerium geführt und interessierte sich wesentlich mehr für Außen- und Sicherheitspolitik und später für die Geheimdienste. So veröffentlichte er nach seinem Ausscheiden aus der Politik mehrere Sachbücher über verdeckte Operationen von BND, CIA und anderen Diensten. Eines der Bücher gipfelt in der These, die US-Regierung habe die Anschläge auf das World Trade Center am 11. September 2001 geplant und vom CIA und Mossad ausführen lassen. Seitdem gilt von Bülow als sensationsheischender Verschwörungstheoretiker.
Steinbrück fühlte in jener Zeit als von Bülows persönlicher Referent schon, dass es mit der Regierung Schmidt allmählich bergab ging – nicht nur weil im eigenen Ministerium nicht mehr viel passierte. In den Reihen der Sozialdemokraten mehrten sich Anfang der Achtzigerjahre laute Klagen über den liberalen Koalitionspartner, der unverkennbar die Auseinandersetzung mit der SPD suchte. Bereits 1981 sorgte ein Brief von Außenminister Hans-Dietrich Genscher an die FDP-Mitglieder für Aufregung. Darin stimmte er die Liberalen unverblümt auf bevorstehende Konflikte mit der SPD in wirtschafts- und sozialpolitischen Fragen ein. Mit dem berühmten Lambsdorff-Papier, das am 6. September 1982 in Auszügen in der Bild-Zeitung erschien, wurde dann die Trennung eingeleitet. In seinem »Konzept für eine Politik zur Überwindung der Wachstumsschwäche und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit« hatte der damalige FDP-Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff in plakativer Form einen wirtschaftsliberalen Forderungskatalog zusammengestellt, der von der SPD als gezielte Provokation verstanden wurde. Letzten Endes ging das vom damaligen Abteilungsleiter und späteren Bundesbankpräsidenten Hans Tietmeyer konzipierte »Lambsdorff-Papier« als Scheidungsurkunde der sozialliberalen Koalition in die Geschichte ein.
Es lohnt sich durchaus, das Papier heute noch einmal zu lesen und mit Passagen aus Peer Steinbrücks Buch Unterm Strich zu vergleichen. Dabei merkt man schnell, dass die Problemanalyse sowie die Lösungsempfehlung von Lambsdorff 1982 und Steinbrück 2011 gar nicht so weit auseinanderliegen: Eine zunehmende Verschuldung des Staates, die Ausweitung der Sozialleistungen bei gleichzeitiger Anhebung der Tarifgehälter, die Steigerung der Lohnnebenkosten, die wachsende Bürokratisierung und die Vernachlässigung des investiven Anteils der Staatsausgaben galten damals wie heute als Grund für vermindertes Wachstum und steigende Arbeitslosigkeit. Auch die Gegenrezepte ähneln sich: Stabilisierung der Lohnnebenkosten, Absenkung der Zumutbarkeitsgrenzen für Arbeitslose, Erhebung eines Eigenanteils der Versicherten an den explodierenden Gesundheitskosten, Verlängerung der Lebensarbeitszeit, Anpassung der Rentenformel an die steigende Zahl der Rentner, Flexibilisierung der Arbeitszeit, Konsolidierung der Staatsfinanzen und Verringerung der Staatsquote – all diese Empfehlungen des »Lambsdorff-Papiers« von 1982 waren auch Bestandteil der rot-grünen Agenda 2010 sowie der Regierungspolitik der Großen Koalition unter Mitwirkung von Peer Steinbrück. Der Ökonom und Publizist Albrecht Müller, einst Redenschreiber von Karl Schiller und dann SPD-Bundestagsabgeordneter, kam schon 2004 im Streit um die Agenda 2010 bei der neuerlichen Lektüre des »Lambsdorff-Papiers« zu dem Schluss, dass »unsere heutigen Modernisierer die eigentlichen Traditionalisten sind« (Albrecht Müller/Wolfgang Lieb, Nachdenken über Deutschland). Steinbrück würde dieser Auffassung heute allerdings energisch widersprechen. Damals jedoch verstand und empfand er die Streitschrift von Lambsdorff als Kriegserklärung an die SPD.
Als im Spätsommer 1982 die sozialliberale Ära schließlich zu Ende geht, landet der Referent Steinbrück mit dem SPD-Parteibuch »postwendend in der Tiefgarage«, wie er sich knurrend erinnert. Wirklich erstaunlich ist das nicht: Nach der Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler veranstalten die neuen Amtsinhaber in den übernommenen Bundesministerien erst einmal eine »Nacht der langen Messer«. Sämtliche sozialdemokratischen Abteilungsleiter werden ohne weitere Begründung in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Auch die Referenten der früheren Minister und Staatssekretäre und andere politisch exponierte Mitarbeiter können nicht auf Gnade hoffen. Das ist zwar nicht ungewöhnlich bei Regierungswechseln, jedoch wird nach der Wende 1982 seitens der Union besonders gründlich aufgeräumt. Die lange, karge Wartezeit in der Opposition hat offenkundig einen wahren Heißhunger auf die Fleischtöpfe der Macht entfesselt.
Steinbrück steht wieder einmal vor der Tür. Das bisherige Büro wird von seinem Nachfolger besetzt, und die neue Hausleitung hat »vergessen«, ihm einen anderen Arbeitsplatz zuzuweisen. Drei Monate lang kümmert sich niemand um ihn. Er könnte genauso gut zu Hause Däumchen drehen – den neuen Führungsleuten im Ministerium scheint das egal zu sein. Die haben einfach kein Interesse mehr an ihm.
Was für andere in seiner Lage Anlass für eine Zäsur wäre, nimmt Steinbrück zähneknirschend hin. Acht Jahre lang hat er als Referent gearbeitet, ja geschuftet, sich viele Abende und Wochenenden mit drei Ministern um die Ohren geschlagen. Eine besondere Beförderung ist nicht dabei herausgesprungen. Sein Parteibuch hat ihm geholfen, gewiss, aber eine Blitzkarriere sieht anders aus. Und jetzt ist er wieder bei null angelangt. Zudem ahnt Steinbrück, dass die SPD so schnell nicht wieder aus der Opposition herausfinden wird. Und als Sozialdemokrat kann er kaum auf einen weiteren Aufstieg hoffen – zumindest nicht im Bonn von Helmut Kohl.
Was also tun? Etwas Neues versuchen außerhalb der Politik? Er ist ja erst 35 Jahre alt, hat ein glänzendes Diplom in der Tasche und gilt als heller Kopf. Warum nicht bei einer Bank oder Versicherung anheuern oder bei einem der großen Beratungsunternehmen? Viele in seiner Situation würden wohl darüber nachgedacht haben, nicht so Steinbrück. Er habe keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, etwas anderes zu machen, versichert er später. Ganz im Gegenteil: Die Politik hat ihn gepackt, und er ist bereits so tief in diese Leidenschaft eingetaucht, dass er sich dazu überhaupt keine Alternative vorstellen mag.
Also schaut er sich während seiner wochenlangen Zwangspause nach einem neuen Job in der Politik um. Er hat schließlich gelernt, dass es selbst nach Niederlagen immer irgendwie weitergeht. Aufgeben – nein, undenkbar. Schließlich kommt er Anfang 1983 in der SPD-Bundestagsfraktion unter. Er wird wieder als Referent eingestellt und koordiniert in der Folge einen Arbeitskreis, der sich um Wirtschaft und Technologiefragen kümmert. Schnell aber merkt Steinbrück, dass eine andere Zeit begonnen hat. »Opposition ist Mist« – dieses schnörkellose Bekenntnis von Franz Müntefering gilt auch 1982 für die von der Regierungsbank vertriebene SPD. Ohne wirkliche Macht lässt sich eben keine einzige der vielen klugen Ideen umsetzen, die Steinbrück und andere in ihren Papieren für die Fraktion entwickeln. Auf Dauer arbeitet man in der Opposition für den Papierkorb. Für einen Machertypen wie ihn wirkt das frustrierend. Außerdem ist Steinbrück dem Rang nach immer noch Referent, obwohl er seine Beamtenlaufbahn eines Tages mit der höchstmöglichen Dienststufe zu krönen beabsichtigt und als Staatssekretär in Pension gehen will. Doch alle seine schönen Pläne scheinen mit einem Mal weit weg und lösen sich in Luft auf. Die politische Perspektivlosigkeit in Bonn nagt an dem ehrgeizigen Sozialdemokraten.
Also hörte er sich in den Regionen um, in denen die SPD noch regierte. Die einfachste Möglichkeit stellte Nordrhein-Westfalen dar. Zum einen war die Politik im bevölkerungsreichsten Bundesland nicht ganz so provinziell wie in den kleinen Ländern oder gar in den Stadtstaaten, wo sich das Regieren zumeist auf die Lokalpolitik beschränkte. Zum anderen lag die Landeshauptstadt Düsseldorf fast vor der rheinischen Haustür. Da die Familie Steinbrück sich im Laufe der Jahre in Bonn eingelebt hatte und dort auch bleiben wollte, spielte die Entfernung zum neuen Dienstort eine große Rolle. Nach gut eineinhalb Jahren in der SPD-Bundestagsfraktion quittierte Steinbrück seinen Dienst, um ein Angebot im Düsseldorfer Landesministerium für Umwelt, Raumordnung und Landwirtschaft anzunehmen. Jetzt war er wenigstens wieder in der Regierung angelangt und schmorte nicht länger in der Opposition.
Im sozialdemokratisch regierten Nordrhein-Westfalen nahm seine Karriere Fahrt auf. Die auf der Bundesebene gesammelten Erfahrungen kamen Steinbrück im etwas weniger hektischen Landesdienst sehr zupass. Er hatte auf dem glatten Bonner Parkett eine Menge gelernt und fiel damit in Düsseldorf, wo nicht ganz so scharf geschossen wurde, sofort als Überflieger auf. Nach nur einem Jahr hatte sich das bis zum Ministerpräsidenten herumgesprochen. Johannes Rau, eher Seelenleser und Menschenfänger als Administrator und Politikmanager, suchte 1986 händeringend einen Büroleiter, der ihm den Laden organisierte und den Rücken freihielt. Das war auch bitter nötig. Zum einen war Rau neben seinem Amt als Ministerpräsident lange Jahre stellvertretender Bundesvorsitzender der SPD. Zum anderen fuhr »Bruder Johannes« am liebsten kreuz und quer durch das weitläufige Land und sprach wie ein Prediger zu den Leuten. Das Aktenstudium am Schreibtisch schätzte der Landesvater alten Stiles weit weniger, was allerdings seiner enormen Popularität keinen Abbruch tat.
Jemand wie Steinbrück kam dem Büroflüchtling und Aktenhasser Johannes Rau deshalb gerade recht. Mit seinen Erfahrungen als persönlicher Referent von drei Bundesministern und als Mitarbeiter des Kanzleramts hatte der effiziente und fleißige Hamburger das Büro des Ministerpräsidenten in Düsseldorf schnell auf Vordermann gebracht.
Fast vier Jahre lang blieb Steinbrück bei Rau, bis 1990. Für einen Beamten eigentlich keine große Zeitspanne, doch in Steinbrücks Karriere stellte es die bislang längste Verwendung dar. In der Rückschau ist das eher erstaunlich, denn Rau und Steinbrück waren vom Charakter her gänzlich unterschiedliche Typen. In Düsseldorf lernte der kühle und distanzierte Norddeutsche, wie man als Politiker an Rhein und Ruhr auf die Menschen zugeht. Er sah, dass ein paar persönliche Worte, ein freundliches Lachen und ein fröhlich erzählter Witz politische Anliegen oft besser rüberbringen konnten als ein perfekt ausgearbeiteter Aktenvermerk.
Rau war, wie Steinbrück sagt, ein »begnadeter Witzeerzähler«. Er arbeitete wie kaum ein anderer die Pointen heraus und verfügte über einen unendlichen Fundus. Der Ministerpräsident benutzte Witze im Übrigen auch, um seinen Gesprächspartnern etwas zu signalisieren, zu übermitteln. Etwa was man in bestimmten Situationen tun oder besser lassen sollte. Er liebte diese Art von pädagogischer Unterweisung. Es waren kleine Botschaften, fein verpackt in Humor.
Nicht jeder allerdings verstand seine Art. Mancher Besucher von Rau klagte später, dass er lieber Klartext mit ihm gesprochen hätte – ein Wunsch, den der Klartext-Liebhaber Steinbrück gut nachvollziehen konnte. Die Neigung von Rau, sich in offenen Situationen ins Ungefähre zu flüchten oder in ausführlich erzählte Anekdoten auszuweichen, war im Arbeitsalltag nicht immer leicht zu ertragen. Außerdem hatte die ständige Nähe zu Rau für seinen Büroleiter den Nachteil, dass er nach und nach die meisten Witze des Chefs kannte. Zudem konnte der Ministerpräsident »sich dranhalten«, wie man im Rheinland sagt. »Er fand beim Witzeerzählen gelegentlich nur schwer ein Ende«, räumte Steinbrück einmal ein.
Zur echten Belastungsprobe entwickelte sich der Ausflug des Ministerpräsidenten in die Bundespolitik. Steinbrück wurde Zeuge, wie sich ein chancenloser Johannes Rau bei der Bundestagswahl 1987 als Spitzenkandidat aufrieb und dennoch klar gegen Helmut Kohl unterlag. In seinem Buch schreibt Steinbrück, dass dieser Wahlkampf »an einer fehlenden konkreten Machtperspektive« gescheitert sei. Rau konnte nicht auf die FDP als Koalitionspartner zählen, da die Liberalen nach der Wende 1982 fest an der Seite der Union standen. Das Verhältnis der SPD zu den Grünen war zu der Zeit äußerst angespannt, an eine Koalition im Bund war nicht zu denken. Das Wahlziel, Bundeskanzler zu werden, ließ sich also nur erreichen, wenn Rau die SPD zur stärksten Partei gemacht hätte. Lediglich eine Legislaturperiode nach der Abwahl Helmut Schmidts ein unrealistisches Unternehmen.
Rau kämpfte also einen aussichtslosen Kampf – auch gegen Mutlosigkeit und Defätismus in den eigenen Reihen. Berühmt-berüchtigt wurde eine ebenso spöttische wie hilflose Bemerkung von Willy Brandt. Der formulierte mitten im Wahlkampf 1987 den verhängnisvollen Satz: »42 Prozent sind auch ein schönes Ergebnis.« Am Ende wurden es bloß 37 Prozent. Steinbrück fällt über Brandts Kommentar in seinem Buch ein vernichtendes Urteil. Damit »brach die Strategie, in Ermangelung einer realistischen Alternative hochstapelnd auf Sieg zu spielen, in sich zusammen«. Heute, so fügt Steinbrück hinzu, wären »42 Prozent in der Tat ein sehr schönes Ergebnis«. Damit macht er klar, dass die Wahl 2013 für die SPD nur zu gewinnen ist, wenn sie über eine echte Machtperspektive, sprich: über einen oder besser zwei potenzielle Koalitionspartner verfügt.
Darüber hinaus beging die SPD auch nach 1987 immer wieder den Fehler, Kanzlerkandidaten aus den Ländern aufzustellen, obwohl diese im Bund entweder nicht genügend Erfahrung besaßen oder wie Rau aus anderen Gründen keine Chance hatten. Bei der Wahl im Vereinigungsjahr 1990 trat der saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine an. Danach versuchte 1994 der rheinland-pfälzische Regierungschef Rudolf Scharping sein Glück, nachdem im Jahr zuvor der eigentlich designierte Björn Engholm von allen Ämtern zurückgetreten war. Keiner erreichte sein Ziel. Mit Ministerpräsidenten als Kanzlerkandidaten war der SPD nach Willy Brandt lange kein Erfolg mehr beschieden. Erst der Niedersachse Gerhard Schröder konnte 1998 das Blatt wieder wenden. Auch diese Erfahrung mag ein Grund dafür sein, dass sich die heutige Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, Hannelore Kraft, und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, nach Kräften bemüht haben, nicht ernsthaft in die Debatte um die Kanzlerkandidatur für 2013 hineingezogen zu werden.
Nach der verlorenen Bundestagswahl 1987 kehrte Rau wieder nach Nordrhein-Westfalen zurück und widmete sich der Landespolitik. Er war enttäuscht, konnte aber nicht lange seine Wunden lecken. Die Krisen in der Montanindustrie, der Strukturwandel der Industrie und die schwierige Lage des hoch subventionierten Steinkohlebergbaus an der Ruhr forderten seine ganze Aufmerksamkeit. Steinbrück verharrte in dieser Zeit als Büroleiter wie gewohnt in der zweiten Reihe. Er lernte das Land kennen und knüpfte innerhalb der SPD viele Kontakte, dabei seiner angestammten Rolle als Ratgeber und Zuarbeiter treu bleibend. Noch.
Der lange erhoffte Anruf, der ihn endlich auf die oberste Karrierestufe befördern wird, erreicht ihn 1990 und kommt ausgerechnet aus Kiel. Zu jener Zeit regiert dort noch Björn Engholm als sozialdemokratischer Ministerpräsident. Die Welle des Barschel-Skandals von 1987 rollt zwar schon wieder auf die SPD zurück, aber die sogenannte »Schubladenaffäre«, die Engholms politische Laufbahn 1993 beenden sollte, ist noch nicht in Sicht. Die Kieler Landesregierung bietet Steinbrück an, Staatssekretär im Ministerium für Natur, Umwelt und Landesentwicklung zu werden.
Steinbrück nimmt das Angebot sofort an, muss gar nicht erst überlegen. Lange genug hat er zugearbeitet, beraten, sich im Hintergrund gehalten und als Beamter seine Pflicht getan. Jetzt ist er 43 Jahre alt und will endlich selbst entscheiden, selbst Politik machen und nicht nur die politischen Entscheidungen anderer umsetzen. Steinbrück sagt freudig zu – und beginnt einen neuen Lebensabschnitt. Aus dem Staatsdiener ist ein Politiker geworden.