Kapitel 3

Vom Bürgersohn zum Genossen

Als Peer Steinbrück 1968 sein Abitur machte, befand sich die Welt in Aufruhr. Die USA hatten sich in Vietnam in einen aussichtslosen und immer brutaleren Krieg verstrickt, gegen den in Amerika und Europa Millionen Menschen mit steigender Empörung demonstrierten. Gleichzeitig kämpfte die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten verzweifelt gegen Rassentrennung und Ausgrenzung und musste am 4. April ohnmächtig mit ansehen, wie ihr Anführer Martin Luther King seinen Kampf für einen gerechten Platz in der von Weißen dominierten US-Gesellschaft mit dem Leben bezahlte. Wenige Wochen später wurde Robert F. Kennedy erschossen. Im damaligen Ostblockland Tschechoslowakei blühte kurz der Prager Frühling, bevor die Panzer der Sowjetarmee die zarten Knospen der Freiheit ohne Vorwarnung niederwalzten. Nicht besser erging es den aufbegehrenden Studenten im Nachbarland Polen, nur dass hier eigene Milizen die sogenannten Märzunruhen beendeten. In Paris kam es im Mai 1968 zu Barrikadenkämpfen. Die Polizei wollte die Revolte niederschlagen, die mit Studentenunruhen begonnen hatte, einen Generalstreik nach sich zog und mit gewaltsamen Ausschreitungen in ganz Frankreich endete. Das alles passierte in einem Jahr.

Auch in Deutschland gingen die Studenten auf die Straße. Sie demonstrierten gegen die Notstandsgesetze, den Vietnamkrieg und die Ausbeutung der Dritten Welt. Immer lauter forderten die jungen Leute zudem eine Aufarbeitung der Nazizeit und die Entfernung belasteter Nationalsozialisten aus führenden Positionen im öffentlichen Leben der jungen Bundesrepublik. Mit dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke am 11. April radikalisierte sich der Protest. Die außerparlamentarische Opposition (APO) ging gewaltsam gegen den Axel Springer Verlag vor und versuchte mit massiven Aktionen, die Auslieferung der Bild-Zeitung zu verhindern. Ein anderer, kleiner Teil der Bewegung entschied sich für den bewaffneten Kampf im Untergrund – die Keimzelle der terroristischen Roten Armee Fraktion (RAF) war geboren.

Das aufgeheizte gesellschaftliche Klima spürte man auch im gutbürgerlichen Hamburg-Uhlenhorst. In der Familie Steinbrück wurde über Ostpolitik und die Frage diskutiert, ob die zunehmenden Demonstrationen nun »Rowdytum« seien, wie das damals hieß, oder ob es sich dabei um die legitime Wahrnehmung eines Verfassungsrechts handele. Desgleichen war die Frage nach dem Sinn bürgerlicher Lebensformen und gesellschaftlicher Konventionen wie in vielen anderen deutschen Familien zu dieser Zeit ein fester Bestandteil der Gespräche. Peer und der vier Jahre jüngere Bruder Birger nahmen nur allzu gerne das Vorrecht der Jugend wahr, Bestehendes infrage zu stellen oder gar offen anzuzweifeln. Ihre aufgeschlossene, dank ihres skandinavischen Erbes ohnehin freiere Mutter stand dabei oft auf der Seite der Söhne. Sie selbst akzeptierte längst nicht alles, was in Deutschland damals so gerne als »herrschende Verhältnisse« beschrieben wurde.

Wenn Steinbrück heute über die Jahre der Nach-Adenauer-Ära spricht, tauchen die Worte »Mief« und »Bigotterie« recht häufig auf. Die Widersprüche zwischen den gesellschaftlichen Moralansprüchen und dem tatsächlichen Leben traten in dieser Zeit für den Heranwachsenden immer offener zutage. Das rührte an seinem Gerechtigkeitssinn. Besonders empört hat ihn, dass in bürgerlichen Kreisen und Medien aggressiv über die demonstrierenden Studenten und die politische Linke gesprochen wurde, während man die Verfehlungen und Verbrechen der nationalsozialistischen Vergangenheit mit Nachsicht behandelte oder nach Möglichkeit sogar totschwieg.

Schon als Schüler zog es ihn immer häufiger zu politischen Veranstaltungen. Anders als heute lockten die Kundgebungen der Parteien und Gewerkschaften in den Sechzigerjahren noch Tausende Menschen an, sei es unter freiem Himmel oder in den großen Hallen der Städte. Der erste Spitzenpolitiker, den Steinbrück persönlich erleben wollte, war allerdings kein Sozialdemokrat, sondern Ludwig Erhard. Der Mann mit der Zigarre führte 1965 nach dem Ende der langen Regierungszeit Adenauers die Unionsparteien als Spitzenkandidat in den Bundestagswahlkampf. Steinbrück ging neugierig in die voll besetzte Hamburger Ernst-Merck-Halle, um den »Vater des Wirtschaftswunders« zu hören und sich ein eigenes Bild von dem berühmten Politiker zu machen. Doch Ludwig Erhard löste bei dem Schüler keine Begeisterung aus, er kam einfach nicht rüber, wie man salopp sagt. Zu groß war wohl der Generationenunterschied, zu sehr erinnerte Erhard mit seinem altväterlichen Auftreten an die üblichen Autoritäten, denen der Achtzehnjährige mit zunehmender Skepsis gegenüberstand. Ähnlich wie die meisten Lehrer oder der eigene Vater verkörperte das Zugpferd der CDU für Steinbrück keinen Aufbruch, sondern einen Kurs des »Weiter so«. Der äußerliche Frieden und die Selbstzufriedenheit der bürgerlichen Mehrheitsgesellschaft sollten möglichst nicht gestört werden.

Das erste eigene politische Engagement zeigte Steinbrück etwa zur gleichen Zeit in Beiträgen für eine Schülerzeitung, die er am Wirtschaftsgymnasium gemeinsam mit Freunden und Gleichgesinnten herausgab. Die Nachwuchsjournalisten bemühten sich dabei sehr um publizistische Ernsthaftigkeit. Unterhaltsames war eher verpönt. Auch Nützliches wie Tipps für Tanzkeller oder für Bands, die in Hamburg gastierten, interessierten die Redaktion kaum. Man war streng politisch – und stolz darauf. Gleich in der ersten Ausgabe gelang den Schülerredakteuren ein Coup, nämlich ein Interview mit einem echten Kommunisten. Steinbrück kann sich heute weder an den Namen des Mannes erinnern noch an den genauen Wortlaut des Gesprächs. Hingegen weiß er genau, welche Reaktionen das Interview auslöste. Der Innensenator persönlich regte sich nämlich darüber auf, dass der hoffnungsvolle Nachwuchs an einem Hamburger Gymnasium offenbar nichts Besseres zu tun wusste, als ein KPD-Mitglied, also einen erklärten Klassenfeind, zu interviewen. Es gab mächtig Ärger, was Steinbrück und der gesamten Redaktion allerdings nur recht war, denn genau das hatten sie von Anfang bezweckt: bei den Mitschülern auffallen und »die Alten« ordentlich provozieren.

Die Autoren des Interviews wurden sogar bei der Innenbehörde vorgeladen und mussten einige dämliche Fragen über sich ergehen lassen, wie Steinbrück mit nach wie vor erkennbarer Freude erzählt. Der Innensenator war damals übrigens kein Geringerer als Heinz Ruhnau, Sozialdemokrat vom rechten Parteiflügel und ein Freund klarer, gerne auch zackig formulierter Ansagen. Später, in der Regierungszeit von Helmut Schmidt, wurde er Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium und 1982, im Zuge der fortschreitenden Privatisierung der Lufthansa, schließlich deren charismatischer Vorstandsvorsitzender. Der Mann mit der rauen Stimme und dem norddeutschen Habitus hat es geschafft, nicht nur als Manager in Erinnerung zu bleiben, sondern ebenso als Politiker einen kleinen, aber festen Platz in der Geschichte der SPD einzunehmen. Gemeinsam mit Hans-Jochen Vogel, Georg Leber und Helmut Schmidt gründete Ruhnau den sogenannten »Godesberger Flügel«, einen Vorläufer des Seeheimer Kreises, in dem sich bis heute der eher rechts ausgerichtete Teil der Sozialdemokratie trifft, übrigens auch Peer Steinbrück.

Ruhnau und seine Mitstreiter wollten seinerzeit, als Ende der Sechzigerjahre die ideologischen Auseinandersetzungen innerhalb der SPD zunahmen, mit dem »Godesberger Flügel« einen Rückfall ihrer nach links driftenden Partei hinter das Godesberger Programm verhindern. Darin hatte sich die SPD 1959 von der Rolle der Arbeiter- und Klassenpartei verabschiedet und als neue Volkspartei ein ausdrückliches Bekenntnis zu Marktwirtschaft und Landesverteidigung abgelegt. Später, nach Ruhnaus Wechsel zur Lufthansa, trafen sich die rechten Genossen regelmäßig in einem Schulungszentrum der Airline in Seeheim an der Bergstraße, was ihnen schließlich den neuen Namen gab. Gefälligkeiten dieser Art könnte sich heute ein politisch engagierter Manager kaum noch leisten.

Steinbrück und seine Mitstreiter in der Schülerzeitungsredaktion hatten sich allerdings nicht aus Neigung zum Kommunismus für ihren Interviewpartner entschieden. Vielmehr ging es darum, ein Tabu zu brechen und etwas Staub aufzuwirbeln. In bürgerlichen Kreisen sprach man 1966 nämlich noch nicht mit Kommunisten. Die KPD-Anhänger wurden im Gegenteil als eine Art Unmenschen verteufelt, erinnert sich Steinbrück heute. Genau deshalb wollten die Schüler in Erfahrung bringen, ob diese Leute wirklich so schrecklich und gefährlich waren, wie von Eltern, Lehrern und Politikern immer behauptet wurde. Also brach man in das nicht ganz so feine Stadtviertel Altona auf, zu der Zeit noch eine Hochburg der Hamburger Kommunisten. Der Gesprächspartner war ein klassischer alter Parteikader aus den Zwanzigerjahren, nicht zu vergleichen mit diesen neumodischen Jungakademikern aus der DKP mit Hornbrille und Lehrerdiplom. Ein KPDler von echtem Schrot und Korn eben. Die erste Frage des Interviews lautete übrigens, ob er als Kommunist immer noch Maschinengewehre im Keller verstecke. Eine Erinnerung, bei der Steinbrück schallend zu lachen pflegt. Aber 1966 stellte sein Freund diese Frage ganz ernst und trocken – wahrscheinlich hatte er entsprechende Unterstellungen zu Hause vom Vater am Küchentisch gehört.

Einen bekannten Exkommunisten, der ebenfalls zu der Zeit in Hamburg lebte und schon lange zur SPD übergetreten war, traf Steinbrück allerdings erst Jahre später in Bonn: Herbert Wehner. Der knorrige Sozialdemokrat mit der Pfeife und der gefürchtet scharfen Zunge hatte von 1949 an über Jahrzehnte den Bundestagswahlkreis Hamburg Bergedorf-Harburg inne, bevor er ihn 1983 an Hans Ulrich Klose übergab. Klose, der frühere Erste Bürgermeister Hamburgs, ist bis heute Mitglied des Bundestags. Damit ist Bergedorf-Harburg der einzige Wahlkreis in der bundesdeutschen Parlamentsgeschichte, der von 1949 bis heute von nur zwei Politikern vertreten wurde.

Als Glücksfall für den politisch interessierten Schüler Steinbrück erwiesen sich zwei Lehrer, die sein Engagement früh erkannten und förderten. Da war zunächst eine für Englisch und Geschichte zuständige Studienrätin mit dem Namen Braun. Sie ist Steinbrück als aufgeschlossene und sehr couragierte Pädagogin in Erinnerung geblieben. Keine Feministin, wohl aber eine junge Dame, die viele Dinge hinterfragte und schon Ende der Sechzigerjahre nicht bereit war, das übliche männliche Dominanzstreben einfach hinzunehmen. Darin glich sie der Mutter von Steinbrück, die ebenfalls gewohnt war, Fragen zu stellen, anstatt Verhaltensweisen und Erklärungen einfach nur zu akzeptieren. Frau Braun diskutierte mit den Schülern, wollte deren Meinung hören und war aufklärerisch tätig – ein ungewöhnliches Profil für eine Lehrerin in dieser Zeit.

Damals stand das Gros des Lehrkörpers noch in der Tradition des berüchtigten Paukers und war ganz auf Frontalunterricht klassischer Prägung eingestellt. Man verstand sich weniger als Pädagoge, sondern eher als Respektsperson, die Wissen weitergab und den Stoff gegebenenfalls eintrichterte. Besonders auf die Nerven gingen dem Schüler Steinbrück die schauerlichen bis angeberischen Weltkriegserinnerungen mancher Lehrer, die gerne als verkappte Heldensagen erzählt wurden. Einer meinte sogar, den Kindern einmal in aller Ausführlichkeit beschreiben zu müssen, wie ihm im Ersten Weltkrieg eine Granate den ganzen Arm abgerissen hatte.

Der zweite Lehrer, der Steinbrück an die Politik heranführte und ihm die Kunst des Redens und Debattierens vermittelte, war ein Mann namens Heinz Winkler. Er unterrichtete Wirtschaftslehre und Wirtschaftspolitik – neben Geschichte die beiden Lieblingsfächer des jungen Peer. Winkler war den Beschreibungen nach sehr gut darin, den Schülern der Oberstufe das Argumentieren beizubringen. Er übte mit ihnen, wie man Reden und kurze Vorträge hielt. Die Schüler mussten nicht nur stur etwas auswendig lernen, sondern sollten anhand eines vorgegebenen Textes aus den Bereichen Wirtschaftspolitik und -geschichte eine eigene Rede erarbeiten, die dann vor der Klasse gehalten werden musste. Darin sollte der wesentliche Inhalt der Texte auftauchen und zugleich ein eigener Standpunkt erkennbar werden. In die Benotung der Vorträge floss ferner ein, ob der Redner über weite Passagen frei sprach oder ob er größtenteils vom Blatt ablas. Sogar auf Artikulation, Stimme und Körperhaltung wurde geachtet.

Steinbrück hat diesen Unterricht als optimale Vorbereitung für spätere Reden vor größerem Publikum empfunden. Seine Feuertaufe bestand er, als er am Ende der Schulzeit in der Aula vor zwei- bis dreihundert Zuhörern die Festansprache zur Abiturfeier hielt. Steinbrück weiß zwar nicht mehr genau, was er sagte, aber er erinnert sich daran, dass der Text den Erwartungen seiner Mitschüler entsprach – und das bedeutete, gegen den Stachel zu löcken und zumindest etwas Unruhe bei den Erwachsenen auszulösen.

Der Lehrer Winkler, der den Jungen das beibrachte, was man später »Debattenkultur« nennen sollte, war übrigens kein Weltverbesserer oder links gestrickter Lehrertyp, sondern eher ein Mann konservativen Zuschnitts. Er wollte die Schüler formen, sie im besten Sinne des Wortes bilden und ihnen nicht nur den Jahrgangsstoff einpauken. Dazu gehörte ebenfalls die Auswahl eher ungewöhnlicher Themen. So ging der Wirtschaftslehrer in der Oberstufe mit seinen Schülern Marxismus und Leninismus durch – nicht gerade ein konventionelles Unterrichtsthema für ein hanseatisches Gymnasium. Als Grundlage dienten die Werke von Iring Fetscher, den Steinbrück auch später in seinem Leben immer wieder gerne las. Fetscher, 1922 geboren, trat früh in die NSDAP ein, war Kriegsteilnehmer und rang nach dem Zusammenbruch 1945 sein Leben lang mit der Frage, warum es ihn anfangs so zu den Nazis gezogen hatte. Erst 1995 legte er unter dem Titel Neugier und Furcht – Versuch, mein Leben zu verstehen einen Lebensbericht vor. Berühmt wurde der Professor für Politikwissenschaft und Sozialphilosophie mit Arbeiten über Jean-Jacques Rousseau, Georg Friedrich Hegel und Karl Marx, ferner mit seinen Schriften über den Marxismus und seine fünfbändige Geschichte der politischen Ideen.

Neben diesen theoretischen Einführungen in die Welt der Politik unternahm Heinz Winkler mit seinen Schülern »politische« Klassenreisen. Man fuhr nicht zu den üblichen Zielen des deutschen Bildungsbürgertums, sondern besuchte das Europaparlament in Straßburg oder den Bundestag in Bonn. Das Anliegen des Lehrers bestand darin, Politik anschaulich, ja fassbar zu machen.

Die stärkste Faszination verspürt Steinbrück jedoch nicht im Politikunterricht, sondern wenn er dem jungen Willy Brandt zuhört. Der neue Vorsitzende der SPD trifft in den Sechzigern den Nerv vieler junger Leute und sorgt in den Siebzigern für eine regelrechte Beitrittswelle in die SPD. Auch zu Hause im Wohnzimmer der Familie Steinbrück wird intensiv über Willy Brandt und seine Politik geredet, ja gestritten. Vor allem die Art und Weise, wie Vertreter der CDU/CSU den aufstrebenden SPD-Politiker angehen, stößt Steinbrück sauer auf. Adenauer nennt seinen politischen Gegner gerne »Brandt alias Frahm«, womit er auf dessen uneheliche Geburt anspielt, was in dieser Zeit fast als unehrenhaft gilt. Und Franz Josef Strauß rückt Brandt wegen der Jahre im Untergrund und seiner Flucht ins Ausland während der Nazizeit sogar in die Nähe des Vaterlandsverrats.

Der junge Steinbrück ärgert sich über diese Art der subtilen Verunglimpfung. Ihm geht dieses »wohlanständige Bürgertum« gegen den Strich, das Brandt als »Exilanten« und als uneheliches Kind diffamiert. Die CDU, von Steinbrück als Altherrenpartei ohnehin kritisch beäugt, kommt ab diesem Zeitpunkt für ihn definitiv nicht mehr infrage. »Diejenigen, die von sich glaubten, sie würden in unserer Gesellschaft am ehesten den Ton angeben, waren diejenigen, die am bigottesten aufgetreten sind«, sollte er später einmal seine Ablehnung begründen (BR-Interview, 26.4.2011).

Auch Steinbrücks Mutter hält viel von Willy Brandt und räumt das in den Familiengesprächen offen ein, nicht immer zum Wohlgefallen ihres Ehemanns. Im Gegensatz zum konservativen Mainstream ihrer Kreise unterstützt sie die Strategie von Brandt, Schritt für Schritt auf die DDR und den Ostblock zuzugehen. Sie sieht darin keine vorschnelle Anerkennung, sondern die einzige Möglichkeit, endlich Bewegung in die Konfrontation der Blöcke zu bringen. Auch das Nachdenken über die deutsche Schuld in der Hitlerzeit hält sie für angebracht, ja überfällig. Und ganz im Sinne der protestierenden Studenten empfindet sie nicht zuletzt die Benachteiligung der Frauen im Deutschland der Sechzigerjahre als eine ärgerliche und dringend verbesserungsbedürftige Angelegenheit. Die Politik hat also einen festen Platz am Küchentisch der Steinbrücks eingenommen.

So dürften die mütterliche Begeisterung für Brandt und ihre kritische Sicht der Dinge mit dazu beigetragen haben, dass Peer Steinbrück von dem SPD-Politiker Brandt stärker in den Bann geschlagen wird als seinerzeit von Elvis Presley. Natürlich zieht der Schüler 1966 mit Tausenden anderer Hamburger auf die große Wiese vor dem Bahnhof Dammtor, als Brandt dort erstmals redet. Der Sozialdemokrat legt in der Hansestadt einen fulminanten Auftritt hin und begeistert die Zuhörer durch sein Charisma. Brandts Bereitschaft, Neues zu entwickeln, offen zu sein für Veränderungen und seine prägende Botschaft, in der verkrusteten deutschen Gesellschaft »mehr Demokratie wagen« zu wollen, überzeugen Peer Steinbrück. Von da an schlägt seine persönliche Kompassnadel eindeutig in Richtung Sozialdemokratie aus.

Umso erstaunlicher scheint es dann, dass sich der aufmüpfige Redner, der freche Schülerzeitungsredakteur und der autoritätsskeptische Brandt-Fan nach seinem Abitur 1968 nicht für die Verweigerung des anstehenden Wehrdienstes entschied, sondern gegen den vorherrschenden Zeitgeist der aufbegehrenden Jugend eine zweijährige Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr anstrebte. Wenn man mit Steinbrück heute darüber spricht, zuckt er nur mit den Schultern. Er sei immer dafür eingetreten, dass es ein Recht auf Verteidigung gegenüber einem anderen gebe, sagt er dann. Er habe nie eine pazifistische Einstellung vertreten, selbst als Jugendlicher und Student nicht. Deshalb kam es für ihn als Abiturienten auch nicht infrage, den Wehrdienst aus Gewissensgründen zu verweigern. Er habe das nie erwogen, keine Sekunde lang, wie er glaubhaft versichert. Die Bundeswehr und die Wehrpflicht waren für Steinbrück ein Faktum, das er akzeptierte und im Grunde seines Herzens richtig fand.

Hinzu kam bei einem so nüchtern abwägenden Menschen wie ihm die Erkenntnis, dass es sich durchaus lohnen würde, dem 18-monatigen Grundwehrdienst ein halbes Jahr hinzuzufügen und Offizier zu werden. Er sei recht schnell zu dem Ergebnis gekommen, wenn du schon gehst, dann mach es richtig und verdiene auch etwas Geld, sagt er heute. Zumal die Bundeswehr 1968 händeringend Offiziersnachwuchs suchte und man den Abiturienten dieser Jahrgänge für eine längere Verpflichtung fast den roten Teppich vor den Kasernentoren ausrollte. Steinbrücks Kalkül, als Jungoffizier außerdem ein weitaus bequemeres und angenehmeres Leben führen zu können als der übliche »Schütze Arsch« im Grundwehrdienst, ging vollständig auf. Unter der Woche versah er seinen Dienst in Oldenburg beim 314. Panzerbataillon, und am Wochenende fuhr er mit dem ersten eigenen Auto, einem klapprigen Volkswagen, nach Hause in Richtung Hamburg.

Während es bei den jungen Männern Mode war, auf »den Bund« zu schimpfen und das Ende der militärischen Dienstzeit herbeizusehnen, scheint Steinbrück seine zwei Jahre bei der Bundeswehr in recht guter Erinnerung behalten zu haben. Das Einzige, was ihn bei Dienstantritt wirklich wunderte, war die Tatsache, dass man ihn trotz seiner überdurchschnittlichen Körpergröße ausgerechnet in ein Panzerbataillon abkommandierte. Aber offenbar mangelte es dort ganz besonders an Nachwuchsoffizieren. Steinbrück war in seiner Kompanie der einzige Abiturient, ein Umstand, der viel dazu beitrug, den bisherigen Blick des Gymnasiasten auf die Welt etwas zu verändern. Zum ersten Mal war der Bürgersohn nämlich für längere Zeit von Menschen umgeben, die aus ganz anderen Sozial- und Bildungsschichten stammten als er. Zudem war auf den verschiedenen Oberschulen, die er bis dahin besucht hatte, der familiäre Hintergrund sehr homogen gewesen – Arbeiterkinder stellten zu dieser Zeit an Gymnasien noch eine verschwindende Minderheit dar.

Der Ton beim Bund war gelegentlich so rau wie die Stubensprüche und manche der Trinksitten, und trotzdem hat Steinbrück die neue Umgebung als Bereicherung empfunden. Er habe sehr viel gelernt in dieser Zeit, versicherte er später. Über Menschen, über Vorurteile und darüber, wie man sich in einem wilden Haufen Respekt verschafft. Deshalb haben ihn auch die ersten drei Monate Grundausbildung nicht gestört, in denen er durch den Matsch robben und anderen Unsinn machen musste.

Einer der verlässlichsten und interessantesten Menschen, die er bei der Bundeswehr kennenlernte, war ein Hamburger Maurer. Der Mann imponierte ihm, weil er trotz einfacher Bildung ein sehr differenzierter Gesprächspartner war. Im Gegensatz zum Abiturienten Steinbrück hatte er durchaus lange mit sich gerungen, ob er den Eintritt in die Bundeswehr verweigern oder den Dienst an der Waffe akzeptieren sollte – sie sprachen anfangs häufig darüber. Steinbrück freundete sich mit dem nachdenklichen Maurer an und gewann durch ihn einen Einblick in ganz andere familiäre und soziale Lebensumstände. Da der Kamerad am Wochenende immer mit ihm nach Hause fuhr, hatten sie im Auto auf dem Weg von Oldenburg nach Hamburg reichlich Zeit für ausgiebige Debatten.

Schnell bekam der Jungoffizier Steinbrück erste Führungsverantwortung übertragen. Schon als Zugführer hatte er den Befehl über rund 30 Leute und die Besatzung von fünf Leopard-Panzern. Steinbrück versichert, dass der martialisch anmutende Auftritt »seiner« Panzereinheit ihn nicht beeindruckt habe. Aber es blieb nicht ohne Einfluss auf seine persönliche Entwicklung, dass er im Alter von 21 Jahren plötzlich Befehle erteilen konnte – und umgekehrt Verantwortung dafür übernehmen musste, wenn etwas schiefging, vor allem beim Material und der Ausrüstung. Er war bei der Bundeswehr erstmals gezwungen, sich vor eine größere Gruppe von Leuten zu stellen und sich klar und verständlich auszudrücken, sonst hätte er sich blamiert. Vom Schüler zum Befehlshaber: Das war ein Rollenwechsel, der Steinbrück Auftrieb gab und sein Selbstbewusstsein weiter stärkte.

Nachdem er sich auf dem Gymnasium oft genug gegen die Allmacht der Lehrer aufgelehnt hatte, war er nun selbst zu jemandem geworden, der anderen Menschen etwas vorschreiben konnte. Er nahm die neue Rolle bereitwillig an, machte aber auch rasch die Erfahrung, dass die Befehlsgewalt als rein formale Autorität nicht ausreichte, um Anerkennung zu erwerben. Man konnte auf dem Kasernenhof zwar »Hacken zusammen« oder »Augen geradeaus« brüllen. Entscheidend war hingegen die menschliche, die informelle Autorität. Steinbrück hat sehr darauf geachtet, die Kameraden nicht nur anzuweisen, sondern zugleich zu überzeugen. Nichts wäre für ihn schlimmer gewesen, als in den Augen seiner Leute als Knallcharge oder Abiturientenschnösel dazustehen. Er wusste, dass man auf ihn, den jungen Offizier aus gutem Hause, besonders skeptisch schaute. Also bemühte er sich darum, den anderen das Gefühl zu vermitteln, den Durchblick zu haben und halbwegs sinnvolle Anordnungen zu geben.

An diesem unbedingten Willen, durch Kompetenz zu glänzen und nicht durch Gefälligkeit, hat sich bis heute nicht viel verändert. Auch der Politiker Steinbrück verzichtet darauf, sich bei potenziellen Wählern einzuschmeicheln. Er wirbt in der Regel nicht mit billigen rhetorischen Versprechen um Zustimmung, sondern achtet vielmehr darauf, beim Publikum Sachkenntnis und Durchblick zu demonstrieren. Wenn er schon nicht so viel Wärme und Empathie verströmen kann wie andere Politiker, dann will er umso mehr mit Kompetenz überzeugen.

Bei der Bundeswehr machte Steinbrück aus seiner Zuneigung für Willy Brandt und die SPD keinen Hehl. Damals wurde unter den Soldaten ebenfalls heftig über Politik diskutiert. Die Veränderungen im Land und der Geist der achtundsechziger Bewegung machten selbst vor den Kasernen nicht halt. Schon als Rekrut fiel Steinbrück seinem Zugführer als politisch engagierter Mensch auf. Der Vorgesetzte hieß Hittmeier und wurde recht schnell zum Oberleutnant befördert. Als solcher trat er dann einer Gruppe bei, die den Namen »Leutnant-70« trug, was auf die bevorstehenden Siebzigerjahre und die damit verbundenen gesellschaftlichen Reformhoffnungen hindeutete. Die Gründung dieser Bewegung war ein Ausdruck für die Unruhe, die damals auch die Wehrdienstleistenden und den Offiziersnachwuchs der Bundeswehr erfasst hatte.

Die jungen Männer verstanden sich nicht als Anführer für zivilen Ungehorsam beim Militär. Vielmehr wollten sie dem seinerzeit noch umstrittenen Konzept der »Inneren Führung« zum Durchbruch verhelfen, das darauf abzielte, eine moderne Armee in der Demokratie zu formen. Die Bundeswehr sollte sich eben nicht, wie einst die Reichswehr in der Weimarer Zeit, zum »Staat im Staate« entwickeln. Die neuen deutschen Streitkräfte wurden parlamentarisch kontrolliert und mussten sich in die Strukturen einer demokratischen Gesellschaft integrieren. Das alles setzte voraus, dass der Soldat nicht nur als Befehlsempfänger mit eingeschränkten Rechten diente, sondern als Staatsbürger ernst genommen wurde, der lediglich im militärisch begründeten Ausnahmefall auf einen Teil seiner Bürgerrechte verzichten musste. Aus diesem Reformkonzept entwickelte sich das Bild vom »Staatsbürger in Uniform«. Als Vordenker gelten neben den Generalleutnants Hans Speidel und Adolf Heusinger vor allem die Offiziere Johann Graf von Kielmansegg, Wolf Graf von Baudissin und Ulrich de Maizière, der spätere Generalinspekteur der Bundeswehr und Vater des heutigen Bundesverteidigungsministers Thomas de Maizière.

Was inzwischen als Selbstverständlichkeit wahrgenommen wird, war in der Bundeswehr der Sechzigerjahre eine höchst kontrovers diskutierte Angelegenheit. Zwar gab es viele Konzepte und Beschlüsse zum Thema Innere Führung, aber im Alltag der Truppe war von diesem fortschrittlichen Gedankengut oft wenig zu spüren. Die Nachkriegsstreitkräfte waren zu dieser Zeit noch durchsetzt von Wehrmachtsoffizieren, denen das neumodische Gerede über die Rechte der Soldaten als überflüssig erschien. Außerdem mache es die Mannschaftsgrade im Zweifelsfall aufsässig und verkompliziere den Dienstalltag, lauteten die Gegenargumente.

Es gab nach Steinbrücks Erinnerung eine ganze Reihe von Obersten und Majoren, die noch voll und ganz den alten Geist der Reichswehr verkörperten, der zu Teilen eben auch Hitlers Wehrmacht geprägt hatte. Gegen diese Offizierskaste traten die jungen Nachwuchskräfte der »Leutnant-70«-Bewegung an. Sie waren, anders als viele ihrer Altvordern, zutiefst überzeugt vom Leitbild des »Bürgers in Uniform«. Sie wollten mündige Soldaten, ein offeneres Klima und setzten sich dafür ein, den neuen republikanischen Geist in der Bundeswehr zu etablieren.

Steinbrück trat, als er den entsprechenden militärischen Rang erreichte, auf Betreiben seines unmittelbaren Vorgesetzten Hittmeier sofort der »Leutnant-70«-Bewegung bei. Zuvor hatte ihn Hittmeier noch zu einer anderen Gruppe eingeladen: der SPD. Der Leutnant war nämlich selbst ein überzeugter Genosse und hatte in vielen Gesprächen mit Steinbrück gemerkt, dass er den jungen Mann möglicherweise für die Partei gewinnen konnte. Also fragte er ihn, ob er nach Dienstschluss einmal mit zu einer politischen Veranstaltung kommen wolle. Steinbrück willigte ein und landete bei einer SPD-Versammlung. Die Diskussionen dort gefielen ihm ebenso wie die recht bunte Mischung von Leuten.

Die SPD begann sich in jener Zeit zu einer Volkspartei zu wandeln, die auch für Angestellte und Akademiker attraktiv wurde. Die Grundlage dafür war bereits im »Godesberger Programm« gelegt worden, mit dem die SPD Abschied von ihrer alten Rolle als Arbeiterpartei genommen und sich für neue Gruppen geöffnet hatte. Im Zuge des Wiederaufbaus nach dem Krieg setzte nämlich hinsichtlich der soziologischen Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung eine zunehmend stärker werdende Veränderung ein. Die Unterschiede zwischen Land und Stadt schwanden, die Zahl der Angestellten nahm zu, und die Bedeutung des Agrarsektors ging kontinuierlich zurück. Es gab immer weniger Bauern und Menschen, die noch in der Landwirtschaft beschäftigt waren. Die rückständige deutsche Provinz begann in der jungen Bundesrepublik den Anschluss an die Moderne zu finden. Die Unterschiede hinsichtlich Einkommen, Berufszugehörigkeit, Konsumgewohnheiten und Kleidungsverhalten verringerten sich erheblich. Die Massenmedien und hier vor allen Dingen das Fernsehen erreichten jeden Winkel des Landes. Zunehmend stieg auch in den Dörfern und Kleinstädten der Bildungsstand. Die Bedeutung der ländlichen Regionen als Bastion der Konservativen schwand damit zusehends.

Ebenfalls entscheidend für die Weiterentwicklung der SPD war die fortschreitende Gleichsetzung von Arbeitern und Angestellten in der boomenden Industrie der Aufbaujahre. Diese geschah durch Reformen der Arbeitsgesetze und vor allem durch neue Tarifverträge, die von den Gewerkschaften durchgesetzt wurden. Auch der rasch wachsende Dienstleistungssektor und die Technisierung der Arbeitswelt führten zu einem neuen Typus von Angestellten. Diese breite Mittelschicht ordnete sich selbst weder dem klassischen Bürgertum zu noch der Arbeiterschaft. In dieser »neu strukturierten Mitte der Gesellschaft«, wie der Politikforscher Franz Walter die soziologischen Veränderungen einmal genannt hat (Die SPD – Biographie einer Partei), konnte die vom Geruch des Klassenkampfs befreite SPD leichter an Einfluss gewinnen. Nicht zuletzt lösten sich auch die Facharbeiter und Meister von dem traditionellen Verständnis, Teil des Proletariats zu sein, und so zählte diese wichtige Gruppe fortan ebenfalls zur gesellschaftlichen Mitte.

Zudem veränderte sich die zunächst klare politische Orientierung der Angestellten in Richtung Union, als die Popularität des damaligen Bundeskanzlers Ludwig Erhard im Zuge des ersten Konjunktureinbruchs 1966 spürbar sank. Bei der darauffolgenden Bundestagswahl 1969 brach die Union in der Schicht der Angestellten erkennbar ein und verlor ihre traditionelle Vorherrschaft. Der bis heute andauernde Kampf um die wahlentscheidende Gunst dieser Gruppe war eröffnet, und seitdem steht die »neu strukturierte Mitte« im Zentrum beider großer Volksparteien. Willy Brandt und nach ihm Helmut Schmidt vermochten es 13 Jahre lang, die SPD an der Macht zu halten. Die Sozialdemokraten verloren schließlich, als es der von Heiner Geißler und Helmut Kohl reformierten CDU 1982 gelang, die Zustimmung der arbeitenden Mittelschicht mehrheitlich wieder auf die Union zu lenken.

Ende der Sechzigerjahre aber lag die SPD in der Gunst der Wähler gut im Rennen. Obwohl nur zweitstärkste Partei, stellten die Sozialdemokraten 1969 mit dem jungen Willy Brandt erstmals den Bundeskanzler. Diesem Sieg sollte dann bei der Bundestagswahl von 1972 mit 45,8 Prozent der Stimmen der bislang größte Triumph der SPD folgen. Sie hatte die CDU/CSU erstmals überflügelt – ein Erfolg, den sie nie mehr wiederholen konnte

Einer der Gründe für diese Siege war der durchschlagende Erfolg der sozialdemokratischen Leitfigur Willy Brandt bei den Erst- und Jungwählern. Diese Gruppe lief in Scharen zur SPD über. Es gab eine regelrechte »Willy-wählen«-Bewegung. Auch bei den Frauen, die bislang mehrheitlich konservativ und konfessionell orientiert waren, machte die SPD Boden gut und zog in den Siebzigerjahren mit den Unionsparteien gleich. Nicht zuletzt der starke Zuwachs der Sozialdemokratie bei den Bildungsschichten trug zum Erfolg bei. Wähler mit Abitur oder Hochschulstudium waren bis dahin eine feste Klientel der bürgerlichen Parteien CDU, CSU und FDP gewesen. Doch das hatte sich jetzt geändert: Die SPD war nicht länger allein die Partei der Volksschüler.

Je stärker die Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen in die Hochschulen und Hörsäle eindrang, desto mehr strahlten diese Debatten auf das akademische Bürgertum aus und erfassten wichtige Multiplikatoren wie Lehrer und Journalisten. Während die Union sich durch ihre pauschale, ablehnende Haltung gegenüber der aufbegehrenden Jugend immer stärker in die politische Defensive zurückzog, verstand es Brandt, durch seine differenzierten Positionierungen bei den jungen Leuten zu punkten. Damit schaffte er es, die SPD zunehmend für den akademischen Nachwuchs zu öffnen.

Willy Brandt wirkte wie ein Aufputschmittel – er verlieh seiner Partei Flügel. Nach der Analyse von Franz Walter stand die SPD in diesen Jahren offenkundig mit den Kräften der Zukunft im Bund – der Jugend, den neuen Mittelschichten und den jungen Frauen. Währenddessen schien sich die Union mit der sozialen Nachhut aus Bauern, Rentnern und Katholiken abzuplagen und der sozialdemokratischen Avantgarde hoffnungslos hinterherzuhinken. Allerdings darf man trotz der enormen Verschiebungen in der Wählergunst nicht übersehen, dass CDU und CSU mit Ausnahme von 1972 immer die stärkste politische Kraft blieben. Und die Wende von 1969 war nur deshalb möglich geworden, weil es den Genossen gelang, die FDP unter Walter Scheel zu einer sozialliberalen Koalition zu überreden.

In der Folge entwickelte sich bei den neuen Mittelschichten und großen Teilen der jungen Bevölkerung ein regelrechter Enthusiasmus für die SPD und Willy Brandt. Das blieb nicht ohne Wirkung auf Künstler und Kulturszene. Erstmals bekannten sich berühmte Schriftsteller wie Günter Grass oder der Publizist Günter Gaus offen zu Brandt. Es folgten Historiker wie Eberhard Jäckel oder Politikwissenschaftler wie Arnulf Baring und Kurt Sontheimer, die sich einer sozialdemokratischen Wählerinitiative anschlossen. Bald galt es in den Kulturkreisen als schick, SPD zu wählen und ein linkes oder besser gesagt fortschrittliches Lebensgefühl zu demonstrieren. Selbst Fernsehgrößen aus dem Unterhaltungsbereich wie die Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff und Peter Frankenfeld oder populäre Schauspieler wie Inge Meysel und Horst Tappert machten keinen Hehl aus ihrer Sympathie für Willy Brandt und die Sozialdemokratie.

Kein Wunder, dass diese SPD-Hegemonie in Kunst, Kultur und Wissenschaft auch den jungen Bundeswehroffizier Peer Steinbrück erfasste. Als ihn sein militärischer Vorgesetzter Hittmeier erstmals zu einer SPD-Versammlung mitnahm, fühlte sich Steinbrück sogleich gut aufgehoben, wie er in der Rückschau sagt. Von Arbeitern bis zu Ärzten, von Rentnern bis zu jungen Müttern, von normalen Angestellten bis zu Rechtsanwälten war alles vertreten, was man einen Querschnitt durch die Bevölkerung nennen würde. Das gefiel Steinbrück ebenso wie die offenen und kritischen Debatten, die bei den Versammlungen geführt wurden. Dass viele der damals noch lebendigen Ortsvereine später klassische Vereinsmeierei betreiben und eine durchaus piefige Atmosphäre ausstrahlen würden, konnte sich Steinbrück zu dieser Zeit nicht vorstellen. Als Kritiker seiner Partei ist er denn auch erst sehr viel später in Erscheinung getreten.

Jedenfalls dauerte es nicht lange, und die stürmische Aufbruchstimmung der späten Sechziger hatte aus dem politisch interessierten Bürgersohn und Bundeswehroffizier Steinbrück den Genossen Peer gemacht. 1969 trat er voller Überzeugung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bei. Wenn man heute mit ihm über die Gründe für seine Entscheidung spricht, nennt er mehrere Faktoren. Zum einen fand er sich gesellschaftlich und kulturell vollständig in dem Lebensgefühl wieder, das die SPD damals als fortschrittlich empfundene Partei ausstrahlte. Dazu gehörten die Offenheit Neuem gegenüber, der Wille zur Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit, das Hinterfragen bestehender gesellschaftlicher Normen und Regeln sowie die von Steinbrück schon sehr früh empfundene Distanz gegenüber Autoritäten. Der Geist, den die SPD zu der Zeit atmete, war ganz nach seinem Geschmack.

Der zweite Grund für seinen Parteieintritt bestand in der außergewöhnlichen Ausstrahlung und Anziehungskraft von Willy Brandt. Die Faszination, die der Regierende Berliner Bürgermeister und spätere Kanzler und SPD-Vorsitzende verströmte, hatte Steinbrück früh gepackt. Wichtig für seine Entscheidung zugunsten der SPD war nicht zuletzt das Eintreten Brandts für die Verständigung mit der DDR und Osteuropa. Der Kalte Krieg und die beängstigende Aufrüstung, die nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 eingesetzt hatte, wurden von der Bevölkerung als bedrohlich empfunden. Die Politik der strikten Nichtanerkennung, ja Ächtung der DDR, hatte inzwischen zu einer zunehmenden Verhärtung geführt. Darunter litten zuallererst jene Bürger in Ost und West, die jetzt ihre Verwandten oder Freunde nicht mehr sprechen, geschweige denn besuchen konnten. Verzweifelt hofften die durch die Kriegsfolgen auseinandergerissenen Deutschen auf ein politisches Tauwetter, um nach Jahren der Trennung wieder den Kontakt zu ihren Lieben aufnehmen zu können. Doch die konservativ geführten Bundesregierungen hatten sich seit den Fünfzigerjahren in der Deutschlandpolitik in eine Sackgasse manövriert. Daran war nicht zuletzt die sogenannte »Hallstein-Doktrin« schuld. Der nach seinem Verfasser, dem Staatssekretär im Auswärtigen Amt Walter Hallstein, benannte Kodex besagte, dass die Bundesrepublik eine Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der DDR und anderen Staaten als unfreundlichen Akt bewerten würde. Begründung für diese drohende Haltung gegenüber allen Drittstaaten war der strikte Alleinvertretungsanspruch Bonns, dem zufolge die Bundesrepublik die einzige demokratisch legitimierte Vertretung des gesamten deutschen Volkes darstellte.

Mochte diese Haltung auch völkerrechtlich begründbar sein, so übersah sie dennoch wichtige Tatsachen: Trotz der Doktrin hatten schon zahlreiche Staaten, vor allem im Ostblock, die DDR völkerrechtlich anerkannt. In diesen Fällen stand die Bundesrepublik vor dem Dilemma, darauf angemessen reagieren zu müssen. Übermäßig harte Reaktionen hätten leicht zu einer außenpolitischen Isolierung Bonns führen können, zumindest aber wären die Beziehungen zu einer Reihe von wichtigen Staaten nachhaltig erschwert worden. Blieb die Hallstein-Doktrin hingegen trotz erfolgter Anerkennung der DDR durch einen dritten Staat folgenlos, wäre die Formel als das entlarvt worden, was sie am Ende war: eine leere Drohung oder genauer gesagt ein diplomatischer Papiertiger.

Zudem ignorierte der Kodex, dass die DDR schlicht existierte und mit jedem weiteren Jahr ihres Bestehens eine nicht zu leugnende politische Realität darstellte. Ob die frühere sowjetische Besatzungszone nun als Staat anerkannt oder als unrechtmäßiges, quasi staatliches Gebilde verachtet wurde, war nachrangig für all jene Menschen in Ost und West, die unter der Trennung litten. Willy Brandt, der sich als Regierender Bürgermeister von Berlin bestens mit der Situation in der geteilten Stadt auskannte, suchte nach einem Weg, die Konfrontation zu verringern, ohne gleich alle Prinzipien der Deutschlandpolitik über Bord zu werfen. Er erreichte viel. Als Bundeskanzler schaffte er 1969 an der Spitze der sozialliberalen Koalition gleich zu Beginn seiner Regierungszeit die Hallstein-Doktrin ab – und den damit verbundenen bundesdeutschen Alleinvertretungsanspruch. In der CDU/CSU führte das zu einem Aufschrei. Die Empörung hielt allerdings nicht lange an, denn die Wirkungslosigkeit einer »Politik der Stärke gegenüber dem Osten« war täglich zu beobachten.

In den folgenden Jahren trotzten Brandt und sein Vertrauter Egon Bahr der DDR-Führung in Ostberlin in zähen Verhandlungen Stück für Stück wichtige humanitäre Zugeständnisse ab. Besuche von Westdeutschen in der DDR und in Ostberlin wurden gestattet, es gab wieder Telefonverbindungen für Normalbürger und in Härtefällen später auch Ausreisegenehmigungen. Dafür gaben Brandt und Bahr bei einigen Statusfragen nach. So wurde die DDR zwar nicht völkerrechtlich, aber staatsrechtlich als »einer der zwei Staaten in Deutschland« im Sinne einer gemeinsamen Nation anerkannt.

Steinbrück, der 1981 für kurze Zeit in der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ostberlin gearbeitet hat, stand der DDR und ihrem Herrschaftssystem von Anfang an ablehnend gegenüber. Die beklemmende Atmosphäre im grauen Osten der geteilten Stadt ist ihm als bedrückende Erinnerung an den »Arbeiter-und-Bauern-Staat« bis heute geblieben. Trotzdem hatte der Hamburger bereits sehr viel früher gespürt, dass beim Ost-West-Konflikt ein politisches Verharren in formalen Positionen zu nichts führen würde außer zu folgenloser Rechthaberei. Dass Brandt hier endlich die Erstarrungen aufbrach, war ebenfalls ein Grund für Steinbrück, der SPD beizutreten. Brandt habe damit in einer für Deutschland lebenswichtigen Frage eine Perspektive eröffnet und vielen Menschen Anlass zu Hoffnung gegeben, betont er noch heute.

Bestätigt in seiner Wahl fühlte er sich nicht zuletzt dadurch, dass Brandt und sein liberaler Außenminister Walter Scheel zusammen mit dem zum Bundesminister für besondere Aufgaben ernannten Egon Bahr ihre »Politik der Öffnung« auf den gesamten Ostblock übertrugen. Dahinter stand die Erkenntnis, dass Veränderungen nicht durch Konfrontation erzielt werden konnten. Im Gegenteil: Bereits die Kubakrise von 1962 hatte gezeigt, dass der Kalte Krieg rasch in einen heißen Konflikt, also in eine bewaffnete, womöglich sogar atomare Auseinandersetzung umschlagen konnte.

Stattdessen setzte Brandt auf Deeskalation, was sich schon in der Wahl seiner politischen Terminologie zeigte: Die sozialliberale Koalition entwickelte eine »Verständigungspolitik«, die später zu einer »Entspannungspolitik« ausgebaut wurde. Das grundlegende Prinzip dieser neuen Ostpolitik lautete »Wandel durch Annäherung«. Es wurde 1982 von der unionsgeführten Bundesregierung unter Helmut Kohl nahtlos fortgesetzt und blieb bis zum Fall der Mauer am 9. November 1989 gültig. »Das Konzept Wandel durch Annäherung hat mir imponiert, weil dadurch diese irrsinnige Konfrontation … im deutsch-deutschen Verhältnis, aber auch im innereuropäischen Verhältnis überwunden werden sollte«, begründete Steinbrück in dem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk seine frühe Unterstützung für die Ostpolitik Willy Brandts (26.4.2011).

Obwohl Steinbrück nie als besonders emotionaler Politiker galt, berührte ihn wie Millionen anderer Deutsche eine besondere Geste, die Brandts neue Politik der Verständigung und sein Bedürfnis nach Aussöhnung und Frieden symbolisierte: Als er am 7. Dezember 1970 unmittelbar vor der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags in der polnischen Hauptstadt die Gedenkstätte für die Opfer des Warschauer Ghettos besuchte, kniete er plötzlich und völlig unerwartet vor dem Denkmal nieder. Er habe dieses Zeichen der Demut nie geplant, versicherte Brandt später, aber gespürt, dass nach der Niederlegung des Kranzes das übliche Neigen des Kopfes nicht mehr genügen würde: »Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.« Das Bild des knienden deutschen Kanzlers ging um die Welt.

Ein Jahr später, am 10. Dezember 1971, erhielt Brandt für seine Ostpolitik in Oslo den Friedensnobelpreis. Nach Einschätzung vieler Zeithistoriker und Politologen brach damit endgültig die hohe Zeit der »Willy-Euphorie« in Deutschland an. Die SPD konnte nach ihrer Regierungsübernahme 1969, dem Jahr des Beitritts von Peer Steinbrück, allein 100 000 neue Mitglieder verbuchen. 1972 kamen sogar 150 000 Neuzugänge hinzu, 1976 überschritten die Sozialdemokraten die Millionengrenze. Gerne zeigte man sein politisches Bekenntnis nach außen. Populär waren Anstecker mit dem Slogan »Bürger für Brandt« oder »Willy wählen«. Vor allem bei der Jugend wehte der Zeitgeist kräftig aus der linken Richtung – Peer Steinbrück konnte sich also in guter oder zumindest in großer Gesellschaft fühlen.

Aber es war nicht nur die Faszination für die charismatische Figur Brandt, die Steinbrück zu den Sozialdemokraten gezogen hatte. Für ihn ist die SPD bis heute die einzige politische Kraft, die für die diversen Katastrophen der deutschen Geschichte in den letzten 150 Jahren nicht verantwortlich war, wie er betont. Die Konservativen, die Kommunisten und selbst liberale Kräfte waren in die beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts, das Dritte Reich und die DDR, verstrickt oder haben Kriege begonnen, findet Steinbrück. Diese sehr persönliche Sichtweise spielte für ihn eine erhebliche Rolle in einer Zeit, in der die Kinder ihre Eltern immer drängender nach ihrem Verhalten während der Nazizeit befragten. »Wie konnte das passieren, warum habt ihr nichts dagegen unternommen? Oder habt ihr am Ende sogar mitgemacht?« So oder so ähnlich wurde in den Sechzigerjahren gefragt. Vor allem die Vätergeneration stand im Verdacht der immer misstrauischer und bohrender nachfragenden Jugend: »Was habt ihr im Krieg getan, habt ihr auch mitgemacht bei der Verschleppung und Tötung von Juden, oder habt ihr euch in der Nazizeit sogar besonders engagiert?«

Für Steinbrück gab es persönlich zwar keinerlei Anlass, innerhalb der eigenen Familie Nachforschungen über eventuelle Verstrickungen anzustellen. Doch was ihn als jungen Mann bedrückte, war die Tatsache, dass damals immer mehr Fälle von alten Nazis bekannt wurden, die im Nachkriegsdeutschland nahtlos weiter Karriere gemacht hatten. Es sei empörend gewesen, dass sogar richtige Verbrecher offenkundig völlig unbehelligt von der Justiz über Jahre hinweg das Leben eines anständigen Bürgers führen konnten, erinnert sich Steinbrück. Auch die schleppenden Ermittlungen einer noch von NS-Juristen durchsetzten Justiz regten ihn mächtig auf. Mit dem Prinzip des Wegschauens und Verschweigens wollte er nichts zu tun haben. Und deshalb war es für ihn als jungen Mann sehr wichtig, sich für eine Partei engagieren zu können, deren Führungskräfte und Anhänger in der NS-Diktatur keinen Platz an der Sonne eingenommen hatten, sondern im Gegenteil verfolgt worden waren. Die SPD habe in ihrer langen Geschichte als älteste deutsche Partei seit 1863 sicher viele Fehler begangen, räumt Steinbrück ein. »Aber man kann ihr keine Schuld aufladen für die Katastrophen der deutschen Geschichte.« (BR, 26.4.2011)