Kapitel 11
Wieder ganz unten
Das zweite vorläufige Ende seiner politischen Karriere beginnt für Peer Steinbrück an einem strahlend schönen Sonntag. Noch als Bundesfinanzminister landet er am frühen Morgen dieses 27. September 2009 auf dem Flughafen Berlin-Tegel. Der Himmel über der Hauptstadt ist wolkenlos, es verspricht noch einmal spätsommerlich warm zu werden. Aber für den Sonnenaufgang und die heitere Morgenstimmung hat Steinbrück keinen Blick. Wie wird der Tag enden? Kann er weiter als Minister in der Regierung sitzen, oder steht er am Abend als Verlierer da?
Noch im Flugzeug verabschiedet er sich höflich von Bundeskanzlerin Angela Merkel, mit der er gerade den G-20-Gipfel im amerikanischen Pittsburgh absolviert hat. Keiner der beiden weiß, ob ihre gute und von Parteigrenzen ungetrübte Zusammenarbeit eine Fortsetzung finden wird. Merkel schüttelt ihrem loyalen Kassenwart die Hand. Egal wie die Bürger die Bundestagswahl im Laufe dieses Sonntags entscheiden, die Kanzlerin dankt Steinbrück ausdrücklich für seinen Einsatz und für die angenehme und konstruktive Regierungsarbeit während der letzten Jahre.
»Die beiden verstehen sich und würden wohl am liebsten zusammen weitermachen« – so eine häufig zu hörende Einschätzung in diesen Tagen. Dieser Eindruck ist nicht nur bei der Reisedelegation entstanden oder der Fantasie einiger Journalisten entsprungen, sondern wird jetzt am Ende der abgelaufenen Legislaturperiode vom gesamten politischen Berlin geteilt. Zu offenkundig ist die gegenseitige Wertschätzung. Die Härten des gerade beendeten Wahlkampfs und die unvermeidbaren Auseinandersetzungen haben daran nichts ändern können.
Nach der Landung steigt der noch amtierende Finanzminister und stellvertretende SPD-Vorsitzende in den gepanzerten Dienstwagen, der wie immer in den letzten vier Jahren am Rand des Rollfelds auf ihn wartet. Einem kurzen Impuls, vielleicht ein letztes Mal im Ministerium vorbeizufahren, gibt Steinbrück nicht nach. Zwar liegt in dem grauen Nazibau an der Berliner Wilhelmstraße genug Arbeit. Aber das hat Zeit bis morgen – wenn dann nicht sowieso jemand anderer dafür zuständig sein wird.
Vom Auto aus erledigt er einige Telefonate. Die Liste der Rückrufbitten ist lang. Sein Berliner Büro, die Helfer in seinem Wahlkreis Mettmann bei Düsseldorf und auch die Leute aus dem Willy-Brandt-Haus wollen mit ihm sprechen. Die Unsicherheit bei den Sozialdemokraten lässt sich mit Händen greifen. Zuletzt sind die Umfragewerte zwar wieder etwas gestiegen, doch die insgeheim erhoffte Fortsetzung der Großen Koalition erscheint inzwischen als sehr zweifelhaft. Und von mehr als einer Regierungsbeteiligung in der Rolle des Juniorpartners träumen die Genossen schon lange nicht mehr.
Von seiner kleinen Berliner Wohnung aus ruft Steinbrück seine Frau Gertrud in Bonn an. Er erzählt ihr kurz von der Reise in die USA und erkundigt sich, wie es »zu Hause« läuft. Zu Hause, das ist für den rastlosen Berufspolitiker der kaum genutzte Garten mit dem alten Kirschbaum und das geräumige Haus im beschaulichen Stadtteil Bad Godesberg. Hier am Rhein, in diesem früheren Diplomatenviertel der alten Bundeshauptstadt, zwischen Patriziervillen, Einfamilienhäusern und Gründerzeitbauten, hat die Familie Steinbrück Wurzeln geschlagen. Seit über 30 Jahren.
Schon seit geraumer Zeit überlegt das Ehepaar, wie es im Fall der Fälle nach der Wahl weitergehen soll. Gertrud Steinbrück, die promovierte Biologin, unterrichtet seit Langem an einem Bonner Gymnasium – als Frau eines Spitzenpolitikers hat sie sich ihr eigenes Leben eingerichtet. Sie ist zu klug und zu selbstbewusst, um sich von den kleinen Lücken im Terminkalender ihres Mannes abhängig zu machen. Dennoch hätte sie nach den vielen Jahren des ewigen Herumhetzens und der ständigen Abwesenheit nichts dagegen, wenn ihr Mann irgendwann einmal ein wenig zur Ruhe käme und sie beide etwas mehr Zeit miteinander verbringen könnten.
Vor allem die letzten beiden Amtsjahre während der Finanz- und Wirtschaftskrise waren fast unmenschlich. Nächtliche Krisensitzungen, an den Wochenenden Sondergipfel, Telefonkonferenzen, Koalitionsrunden und die häufigen Reisen verwandelten das ohnehin schwierige Amt des Bundesfinanzministers in eine zentnerschwere Bürde. Obwohl Steinbrück heute ungern darüber spricht, so schwebte doch über der kräftezehrenden Dauerbelastung die ständige Furcht, das instabile und taumelnde Weltfinanzsystem könnte von einem Augenblick auf den anderen vollständig kollabieren.
Monatelang gönnte Steinbrück sich keinen einzigen freien Tag, monatelang lastete ein ungeheurer Druck auf ihm. Schon eine einzige falsche Entscheidung würde ausreichen, um eine systemrelevante Bank in Schieflage zu bringen und damit die gesamte Finanzwelt zu erschüttern. Auch bei den hypernervösen Börsen konnte ein einziges unüberlegtes Wort jederzeit zu einer Panik führen und milliardenschwere Kursstürze auslösen. Als Finanzminister der größten Volkswirtschaft Europas durfte er sich keine Fehler leisten, keine Nachlässigkeiten, keine Unaufmerksamkeiten – zu viel hing von seinen Einschätzungen ab.
Ganz im Stillen hatte Steinbrück bereits vor dem Wahlsonntag 2009 für sich eine Entscheidung getroffen. Sollte der Urnengang verloren gehen und die SPD in der Opposition landen, würde er sich sofort zurückziehen. Zumindest hatte er das seiner Frau Gertrud versprochen. Minister wäre er dann ohnehin nicht mehr, aber nicht einmal um das Amt des stellvertretenden SPD-Vorsitzenden wollte er nach einer Niederlage der Sozialdemokraten kämpfen. »Dann sind die Jüngeren dran«, lautete damals sein Entschluss.
Wie schnell sich die Zeiten ändern!
Gegen 14 Uhr an diesem Wahlsonntag fuhren Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier fast zeitgleich nach Berlin-Kreuzberg in die SPD-Zentrale. Der SPD-Kanzlerkandidat und Außenminister der Großen Koalition verließ gerade sein Wohnhaus im vornehmen Stadtteil Zehlendorf, da meldete sich Sigmar Gabriel auf dem Mobiltelefon. Der noch amtierende Umweltminister hatte in den letzten Wochen mächtig auf die Tube gedrückt und alles getan, um diesem blutleeren, ja lahmen Wahlkampf etwas mehr Leben einzuhauchen. Dabei stellte Gabriel mehrfach unter Beweis, wie gerissen er ist, wie gut er den politischen Streit inszeniert und die Zuspitzung von Themen beherrscht. Öffentlich stand er stets hinter Steinmeier. Aber in Wahrheit führte Gabriel dem Spitzenkandidaten und der gesamten Partei vor, wie ein richtiger Wahlkampf eigentlich hätte laufen müssen.
Vor allem das für emotional geladene Auseinandersetzungen dankbare Thema Atomkraft nutzte Gabriel ein ums andere Mal. Als Bundesumweltminister war er zwar für die Sicherheit der 17 deutschen Kernkraftwerke zuständig. Dennoch verstand er es geschickt, die Öffentlichkeit mit bedenklichen Nachrichten zum Thema Atomenergie in Erregung zu versetzen – ohne selbst in Verdacht zu geraten, seine Amtspflichten als Minister für Reaktorsicherheit zu vernachlässigen. Gabriel kamen bei diesem Spagat zwei Dinge zugute. Zum einen hatten sich Union und FDP im Wahlkampf ausdrücklich darauf festgelegt, im Falle eines Sieges den rot-grünen Ausstieg aus der Kernenergie wieder rückgängig zu machen und die Laufzeiten der Atommeiler zu verlängern. Dieses fast demonstrative Bekenntnis zur Kernkraft bot reichlich Angriffsfläche und Mobilisierungspotenzial in der überwiegend atomskeptischen deutschen Öffentlichkeit. Zum anderen tauchten ausgerechnet im Wahlkampf detaillierte Berichte über schwere Sanierungsmängel im Atommülllager Asse auf – eine Anlage, die noch von Kohls Umweltministerin Angela Merkel genehmigt worden war. Was für ein Zufall!
Die Presse bezog sich in ihren Artikeln auf vertrauliche Untersuchungen und interne Unterlagen des Bundesamts für Strahlenschutz, das seinerzeit Gabriel als Bundesumweltminister unterstellt war und bis heute von Wolfram König geleitet wird, einem noch in Zeiten der rot-grünen Koalition von Jürgen Trittin eingesetzten bekennenden Grünen und Atomkraftgegner. Vermutungen, dass die für Merkel ungünstigen atomkritischen Berichte unter tätiger Mithilfe von Gabriel und König in die Öffentlichkeit lanciert wurden, ließen sich nie beweisen. Allerdings lobten viele in der SPD Gabriel ausdrücklich dafür, dass er den träge schleichenden Wahlkampfzug von Steinmeier wenigstens etwas unter Dampf gesetzt hatte.
»Ich habe nicht ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert«, sagte Gabriel damals über seine Kampagne. »Da läuft eine ganze Herde über die Wiese.« Im Klartext: Man muss eben nur genau hinsehen und etwas aus den Themen machen!
Vorwürfe, er spiele sich im Wahlkampf zu sehr in den Vordergrund und stehle dem Kanzlerkandidaten Steinmeier dadurch die Schau, konterte der rundliche Niedersachse mit Unschuldsmiene: »Was kann ich dafür, wenn meine Themen als einzige ankommen?« Für Insider war jedoch klar, was »der Siggi« meinte: Steinmeier in seiner trockenen, abwägenden und nüchternen Art hatte sich nicht gerade als Idealbesetzung für einen zugespitzten Wahlkampf erwiesen, mochte er als Spitzenkandidat auf der Bühne noch so sehr brüllen und sich in Rage reden.
Steinmeier wusste das. Einerseits war er dankbar, dass Gabriel durch seine beherzten Angriffe auf Merkel die Sache der SPD beförderte. Anderseits spürte der Kanzlerkandidat schon damals, dass da einer unterwegs war, der sich für mindestens ebenso gut, wenn nicht gar für besser geeignet hielt. An dieser Einstellung hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn keiner der Beteiligten das offen sagen würde.
Dennoch war Steinmeier überrascht, als Gabriel ihn am Wahlsonntag auf dem Weg zur SPD-Zentrale anrief. Offenbar wollte er nicht bis zu seinem Eintreffen im Willy-Brandt-Haus warten. Der Grund für den Anruf wurde schnell deutlich: Noch bevor überhaupt die ersten Zahlen aus den Wahllokalen einliefen, ließ Gabriel am Telefon recht unverfroren durchblicken, dass er bei einer Niederlage der SPD den Fraktionsvorsitz im Bundestag übernehmen möchte. Dafür könne Steinmeier, so die Andeutungen, ja den Parteivorsitz beanspruchen.
Steinmeier musste das zu diesem Zeitpunkt als Kampfansage verstehen. Schließlich hatte er im internen SPD-Zirkel mehrfach deutlich erkennen lassen, dass er sich im Falle einer Niederlage für den Fraktionsvorsitz interessierte. Mit diesem Posten nähme er immerhin den Platz des Oppositionsführers im Deutschen Bundestag ein und bliebe präsenter, als wenn er den Vorsitz einer besiegten Partei schultern müsste.
Im Willy-Brandt-Haus ist die Stimmung an diesem Sonntag gedrückt. Nach und nach treffen die führenden SPD-Politiker ein. Es wird viel geredet, viel telefoniert. Erste Zahlen deuten auf eine eher niedrige Wahlbeteiligung hin. Das ist immer schlecht für die Sozialdemokraten. Deren klassische Klientel – die »kleinen Leute«, wie Johannes Rau gerne sagte – empfindet in der Regel das Wahlrecht nicht ganz so stark als erste demokratische Bürgerpflicht, wie konservative Kreise oder das Bildungsbürgertum das tun.
Um 16 Uhr kommen die ersten »Exit Polls« – Umfragen, die im Laufe des Wahltags an den Ausgängen von repräsentativ ausgesuchten Wahllokalen in ganz Deutschland erhoben werden. Aus diesen Stichproben ergibt sich erfahrungsgemäß schon eine ziemlich gute Einschätzung. Bis zum Ende der Wahl um 18 Uhr werden die Umfrageergebnisse laufend aktualisiert, sodass sich die Stichproben mehr und mehr zu einem klaren Bild der Lage verdichten. Die Prognose, die dann pünktlich um 18.01 Uhr über die Fernsehbildschirme flimmert, beruht ausschließlich auf diesen Umfragen und ist in der Tendenz immer verblüffend genau.
Die »Exit Polls« werden den Spitzenpolitikern vorab vertraulich zur Verfügung gestellt, damit sie ihre Reaktion und Strategie am Wahlabend besser vorbereiten können. Eine Veröffentlichung vor Schließung der Wahllokale ist hingegen verboten, weil darin eine Manipulation der noch laufenden Wahl gesehen werden könnte. Als Steinmeier an diesem 27. September 2009 gegen 16 Uhr das erste Resultat der Wählerbefragung in den Händen hält, erbleicht er. Die Umfrage kündigt eine Katastrophe an.
Auch Peer Steinbrück ist inzwischen in die Parteizentrale gekommen. Wie alle anderen schockiert ihn das Ausmaß der Verheerungen – anders lässt sich das zu erwartende Wahlergebnis kaum beschreiben. Für verzweifelte Hoffnungen bleibt angesichts der laufend eintreffenden Zahlen kein Raum mehr: Von Prognose zu Prognose wird offensichtlicher, wie tief die SPD nach vier Jahren in der Großen Koalition gefallen ist.
Um 18.01 Uhr steht der rote Balken auf den Fernsehschirmen bei unfassbaren 23 Prozent, dem schlechtesten Ergebnis der SPD in der Geschichte der Bundesrepublik. Eine Rekordpleite, eine historische Niederlage. Nie hat eine Partei nach einer Legislaturperiode Regierungstätigkeit 11 Prozent verloren.
Durch die Bundestagsfraktion, das politische Kraftfeld der SPD, ist der Wähler gleichsam mit der Sense geschritten. Von 222 Mandaten gehen 74 verloren. Ein Drittel der Fraktion wird damit einfach abgewählt, unter ihnen gestandene Größen der Partei. Ottmar Schreiner, der profilierteste Linke, zählt ebenso dazu wie Andrea Nahles, die stellvertretende Parteivorsitzende und Nachwuchshoffnung des linken Flügels. Trotz bundesweiter Prominenz bleiben sie in ihren Wahlkreisen chancenlos. Auch Peer Steinbrück kann sich bei den Wählern in Mettmann nicht durchsetzen. Der Einzug in den Bundestag gelingt ihm nur, weil er wie andere Parteigrößen mit einem vorderen Platz auf der Landesliste abgesichert wurde.
Eine Niederlage im alten Kernland der SPD empfindet jeder Genosse von Rhein und Ruhr als Schmach. Für Steinbrück kommt erschwerend hinzu, dass er schon einmal als Ministerpräsident des Landes abgewählt wurde und jetzt ein zweites Debakel verkraften muss. Der Verlust im eigenen Wahlkreis ist auch deshalb schmerzlich, weil er sich Land und Leuten als früherer Regierungschef und langjähriger Minister in Nordrhein-Westfalen besonders verbunden fühlt. Doch es hilft nichts. Die bittere Erkenntnis lautet, dass der Wähler ihm ein zweites Mal den Stuhl vor die Tür gesetzt hat.
Neben den 74 Mandatsträgern im Bundestag müssen sieben SPD-Minister das Feld räumen, dazu Dutzende Staatssekretäre und ein Vielfaches an Mitarbeitern, Hilfskräften und Referenten im Parlament und in den Ministerien. Die gesamte Machtbasis im Bund erodiert, und das Fehlen dieses Netzwerks wird sich in den folgenden Jahren auf den harten Bänken der Opposition immer wieder schmerzlich bemerkbar machen.
»Das war bitter.« Mit diesem kurzen Satz fasst Steinbrück heute den Augenblick der Niederlage von 2009 zusammen. Im Gegensatz zu anderen fühlt er sich damals nicht mehr berufen, noch um die geschrumpfte Restmacht in einer 23-Prozent-SPD zu kämpfen. Vielmehr lässt er sich direkt nach der Wahl in den Medien mit der Bemerkung zitieren: »Ich stehe einer Neuordnung der Parteispitze nicht im Wege.«
Aber auch eine Niederlage musste gemanagt werden. Am Wahlabend saß Steinbrück im Zimmer des Parteivorsitzenden Franz Müntefering zusammen mit Steinmeier, Nahles und dem scheidenden Fraktionschef Peter Struck. »Münte« ergriff als Erster das Wort. »Das Wichtigste, was jetzt geklärt werden muss, ist die Fraktionsführung«, mahnte er. Sonst laufe der ganze Prozess ohne Steuerung ab. Die Frage des Parteivorsitzes hingegen habe noch Zeit, das könne Wochen später auf dem Parteitag geklärt werden.
Zu diesem Zeitpunkt hoffte Müntefering noch, an der Spitze der SPD ausharren zu können, zumindest für eine Übergangsperiode. Ihm galt der Parteivorsitz erklärtermaßen als das »schönste Amt neben dem Papst«. In Wahrheit jedoch war die Zeit für Müntefering an jenem 27. September endgültig abgelaufen. Bereits vorher hatte Andrea Nahles mit finsterem Gesicht vor den Kameras erklärt, dass es ein »Weiter so« nicht geben könne. Und Generalsekretär Hubertus Heil pflichtete ihr kreidebleich und sichtlich erschöpft bei. »Es wird eine Erneuerung geben«, presste der Parteimanager hervor.
Derweil zermarterte sich Steinmeier den Kopf. Was sollte er tun? Wie mit dieser historischen Niederlage umgehen? Einfach alles hinwerfen, von allen Ämtern zurücktreten und sich aus der Politik verabschieden, das kam für ihn nicht infrage. Steinmeier wollte gerne weitermachen, spürte aber den Gegenwind aus den eigenen Reihen. Er war unsicher. Schon der Anruf von Gabriel am Nachmittag hatte ihn alarmiert. Eigentlich wollte er als Spitzenkandidat nach einer Niederlage den Fraktions- und Parteivorsitz übernehmen. Doch war dieser Anspruch angesichts des desaströsen Ergebnisses noch legitim, geschweige denn durchsetzbar?
Steinmeier wägte die Chancen ab. Wenn er den Chefsessel der SPD anstrebte, musste er bis zum Parteitag im November auf seine Wahl warten. Angesichts der Enttäuschung über die Rekordniederlage erschien das unrealistisch. Die Wahl des Fraktionsvorsitzenden hingegen fand schon am kommenden Dienstag statt. Nur 48 Stunden lang müsste er seine Kritiker im Zaum halten und verhindern, dass die Partei ihr Scherbengericht gleich am Montag nach der Wahl abhielt. Allerdings nutzte ihm das nur, wenn sich nicht vorher unvermutet ein Gegenkandidat aus der Deckung traute – etwa in Gestalt von Sigmar Gabriel.
Steinmeier gab sich einen Ruck, schaute die Anwesenden an und fragte, ob jemand etwas dagegen habe, wenn er gleich vor der Presse ankündigen würde, für den Fraktionsvorsitz zu kandidieren. Müntefering, Struck und Steinbrück verneinten, Andrea Nahles schwieg. Sigmar Gabriel befand sich nicht im Raum.
Der Coup gelang. Als der geschlagene Kanzlerkandidat vor laufenden Kameras seine Kandidatur für den Chefsessel der Fraktion ankündigte, jubelten ihm die Anhänger im Willy-Brandt-Haus zu, als hätte er soeben die Bundestagswahl gewonnen.
Franz Müntefering stand reglos daneben. Vor seinem inneren Auge lief ein Film ab. Was hatte nicht funktioniert in den letzten Monaten? Steinmeier war eindeutig der falsche Kandidat gewesen, das musste Müntefering sich schmerzlich eingestehen. Aber das alleine begründete nicht das Ausmaß der Niederlage. Am Ende war auch die von Müntefering ganz wesentlich mitgeprägte Wahlkampfstrategie nicht aufgegangen. Er und Steinmeier hatten vergeblich gekämpft, »Seit´an Seit´«, wie es in einem alten Lied der Arbeiterbewegung heißt. Die Sozialdemokraten singen dieses Lied bis heute am Ende eines jeden Parteitags. Gerhard Schröder, der Modernisierer, wollte diese schöne Tradition einmal abschaffen, weil ohnehin kaum noch einer der Jungen den Text kennt. Das gebrummte Gemurmel würde peinlich klingen, meinte er, doch der daraufhin einsetzende Proteststurm belehrte ihn eines Besseren. Die Arbeiterlieder werden weiterhin gesungen – oder eben textlos gebrummt.
Die Episode sagt einiges über die Launenhaftigkeit der Partei aus, denn die inzwischen 147 Jahre alte »Tante SPD« ist empfindlich und unberechenbar geworden. Kaum einer weiß das so gut wie Müntefering. Jetzt, an diesem schicksalhaften Abend im Willy-Brandt-Haus, spürte er, dass mit dieser historischen Niederlage auch seine aktive Zeit in der von ihm so geliebten SPD zu Ende ging. Kerzengerade stand er auf dem Podium neben Steinmeier, schräg rechts hinter ihnen die überlebensgroße Bronzestatue von Willy Brandt. Die Lippen zu einem schmalen Strich verzogen wanderte sein Blick über die Köpfe der Anwesenden hinweg, seine Augen suchten Halt irgendwo in dem überfüllten Atrium der Parteizentrale. Den unwirklichen Applaus wusste er einzuordnen – es war eine Mischung aus Ratlosigkeit, Trauer, Wut und Trotz. Die SPD-Mitarbeiter klatschten mit zusammengebissenen Zähnen, in vielen Augen schimmerten Tränen.
Steinbrück beobachtet die Szene aus der Distanz. Auch ihn trifft die furchtbare Niederlage tief, wie er später zugeben wird. Dennoch will er in diesem Augenblick nicht weiterkämpfen wie Frank-Walter Steinmeier, Sigmar Gabriel und all die anderen. Die Neuordnung der verbliebenen Macht ist ein riskantes Spiel, aber nicht mehr seines. Er hat alles gegeben in seinem Amt, als Manager der Krise ebenso wie als Stütze der Kanzlerin und der gesamten Regierung. Und dabei allen gezeigt, dass entgegen landläufiger Vorurteile auch ein Sozialdemokrat mit Geld umgehen kann. Zu einer Zeit, als um ihn herum die Finanzmärkte kollabierten und die Banken beim Staat um Geld bettelten.
Um die SPD hat er sich in dieser Situation kaum noch kümmern können, das stimmt. Er hatte wahrlich genug zu tun in seiner Eigenschaft als Finanzminister der Krise.
Steinbrück hält sich zurück, doch am Wahlabend kommt er nicht umhin, vor den aufgebauten Kameras in der Parteizentrale sein Statement zum Ergebnis abzugeben. Mit versteinerter Miene spricht er in die Mikrofone, versucht gar nicht erst, irgendetwas schönzufärben. Schnörkellos räumt er die katastrophale Niederlage ein. »Da gibt es nun wirklich nichts drum herumzureden«, meint er fast unterkühlt.
Das ist so seine Art, mit Erschütterungen und Misserfolgen umzugehen. »Always keep a stiff lip« nennen die Engländer das. Immer eine steife Oberlippe behalten, sich nichts anmerken lassen, einfach Haltung bewahren. In Hamburg, der wohl britischsten Stadt Deutschlands, gilt diese Art demonstrativer Gelassenheit ebenfalls als Tugend. Zumindest nach außen muss man sich als Hanseat emotional wetterfest zeigen, das bekommt man im hohen Norden in die Wiege gelegt.
Irgendwann an diesem Abend ruft das Kanzleramt auf Steinbrücks Handy an. Am anderen Ende der Leitung meldet sich Thomas de Maizière, damals noch Chef der Regierungszentrale und Merkels zuverlässigster Vertrauter. Auch der Kanzleramtsminister bedankt sich bei Steinbrück für die gute Zusammenarbeit in schwieriger Zeit und richtet ausdrücklich noch einmal den Dank und die Grüße der Kanzlerin aus. So etwas ist selten im politischen Geschäft.
Wenig später verließ Steinbrück das Willy-Brandt-Haus und fuhr ins Hotel Intercontinental am Berliner Tiergarten. Im Feinschmeckerlokal in der obersten Etage des Fünf-Sterne-Hauses hatten einige Unternehmen eine Wahlparty organisiert. Die Aussicht auf eine künftige schwarz-gelbe Regierung versetzte die Wirtschaftsvertreter in Hochstimmung. Von einer »bürgerlichen Wunschehe« wurde an diesem Wahlabend im Interconti gesprochen, gar von einer »Traumkonstellation für die Wirtschaft«.
Keiner der Gastgeber konnte da schon ahnen, wie ungeniert sich das frisch gewählte Dreamteam später auf den Vorschusslorbeeren ausruhen würde, keiner in der Wirtschaft mochte sich vorstellen, wie untauglich der Koalitionsvertrag und das Regierungshandeln später ausfallen sollten. Unvorstellbar schien es an diesem Abend, dass ausgerechnet die Wunschregierung der Wirtschaft ihren Kredit bereits zur Halbzeit weitgehend verspielt haben würde. Inzwischen ist die Große Koalition als Bündnis der Stabilität mehreren Umfragen zufolge die erklärte Lieblingsvariante der Wirtschaft für 2013 – auch das hätte am Wahlabend 2009 niemand für möglich gehalten. Doch der Stolperstart der bürgerlich-liberalen Regierung und der Niedergang der FDP lagen damals in weiter Ferne. Guido Westerwelle hatte mit fast 15 Prozent ein Rekordergebnis eingefahren, und so konnten er und seine Partei in der Folge vor Kraft kaum laufen.
Steinbrück war als Finanzminister eingeladen worden, und so ging er hin, obwohl er auf dieser Jubelparty eigentlich nichts mehr zu suchen hatte. Als er im Interconti eintraf, war die Feier schon in vollem Gange. Die Krawatte legte Steinbrück schnell ab, kurz darauf auch das Jackett. Es war heiß und stickig in den überfüllten Räumen. Mit einem Glas Bier in der Hand versuchte er seine Betroffenheit mit Sarkasmus zu überspielen. Er genoss es, dass die Manager alle auf ihn zukamen, ihren Respekt bekundeten und sogar Worte des Bedauerns fanden. Einen wie ihn konnte man überall brauchen, auch und gerade in Unternehmen. An Angeboten mangelte es nicht. Einige hatten bereits vor der Wahl angerufen, und die Headhunter würden ihm in den nächsten Wochen »die Bude einrennen«, wie er später amüsiert erzählte.
Doch er lehnte alle Angebote aus der Wirtschaft ab – bis auf eine Ausnahme. Als Berthold Beitz sich meldete und ihn persönlich bat, eine Berufung in den Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp anzunehmen, da konnte Steinbrück nicht widerstehen. Einem Mann wie dem 98-jährigen Vorsitzenden der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, einem lebenden Denkmal der deutschen Wirtschaftsgeschichte, schlug man keine Bitte ab. Außerdem schmeichelte das Angebot selbst Steinbrück. Beitz, der langjährige Stahlmagnat und Testamentsvollstrecker der Familie Krupp, ragte im schnelllebigen Wirtschaftsleben der Moderne heraus wie ein Felsen am Kieselstrand. Sogar Helmut Schmidt rang sich bewundernde Worte ab. »Was für ein Leben und was für eine Lebensleistung.« Der Aufsichtsratsposten bei Thyssen-Krupp blieb jedoch wirklich die Ausnahme, auch später kamen keine anderen Ämter hinzu, wenn man von Steinbrücks Aufsichtsratssitz beim Bundesligisten Borussia Dortmund einmal absieht. »Ich kann jetzt mal ganz gut ohne Terminkalender leben«, behauptete Steinbrück am Wahlabend, ohne dass jemand ihm glaubte. Was er denn künftig machen wolle? Den einfachen Abgeordneten spielen?
Vor allem die anwesenden Journalisten bedrängen ihn, wittern die nächste Story. Will Steinbrück vielleicht auf der Wahlparty der Wirtschaft die Kontakte für einen beruflichen Neustart knüpfen? Wechselt der Finanzminister jetzt in die Wirtschaft, vielleicht sogar in eine Bank? Schließlich sind die Kreditinstitute seit der Krise stärker denn je auf den Staat angewiesen, und da kann politische Expertise nicht schaden.
Steinbrück lacht nur über die wilden Spekulationen um seine Person. Zum einen zieht das Kreditwesengesetz solchen Wechseln enge Grenzen. Und zum anderen räumt er offen ein, vom operativen Bankgeschäft zu wenig zu verstehen, um als Vorstand in einem Kreditinstitut erfolgreich arbeiten zu können. Und Einsätze unterhalb der Vorstandsebene kommen für einen wie ihn ohnehin nicht infrage. Das klingt zu sehr nach Kreissparkasse Iserlohn oder nach Frühstücksdirektor. Und das ist nichts für ein Kaliber wie Peer Steinbrück. »Meinen Sie, ich ziehe künftig als Lobbyist durch die Gegend?«, fragt er mit spöttischer Miene die Journalisten, schüttelt den Kopf und presst sein meckerndes Jack-Nicholson-Lachen heraus. »Machen Sie sich mal keine Sorgen um mich«, sagt er dann mit wegwerfender Handbewegung. »Oder glauben Sie etwa, dass ich mich künftig langweile?«