Kapitel 16

Das heimliche Netzwerk

Anfang Juli 2011, ein sommerlicher Tag. Der Bund der Deutschen Industrie hat zu einem »Investitionskongress« geladen, doch der große Saal im Haus der Deutschen Wirtschaft in Berlin ist nur zur Hälfte gefüllt. Wie so oft bei solchen Veranstaltungen in der Hauptstadt sind weniger Leute erschienen als erwartet. Als Höhepunkt des Vormittags beim BDI steht eigentlich eine Rede von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler auf dem Programm, doch der junge Liberale musste zur Enttäuschung des Publikums kurzfristig absagen. Die Kanzlerin hatte den Wirtschaftsminister gebeten, an einem Gespräch mit dem britischen Premierminister David Cameron teilzunehmen, der sich zur gleichen Zeit in Berlin aufhält.

Die Herren vom BDI sind verschnupft über die Absage des Ministers, zumal als Ersatz Staatssekretär Bernhard Heitzer einspringen soll, der als nicht gerade begnadeter Redner gilt. Der frühere Kartellamtspräsident, der im Auto gerade noch einen kurzen Blick auf das Redemanuskript hatte werfen können, stolpert dann auch entsprechend mühsam durch seinen Vortrag. Je länger der Auftritt dauert, desto mehr gerät er zur Qual, ebenso die anschließende Fragerunde. Nur die Etikette und das nahe Mittagessen halten die Zuhörer davon ab, den Saal in Scharen zu verlassen. Manche gähnen, andere schütteln den Kopf oder spielen mit ihren Smartphones.

Ganz vorne in der ersten Reihe sitzt Hans-Peter Keitel, der mächtige Chef des einflussreichen Industrieverbands. Der hochgewachsene Mann mit den markanten Gesichtszügen verzieht keine Miene. Sein Blick gleitet ausdruckslos über den improvisierenden Staatssekretär hinweg und verliert sich irgendwo in der Bühnendekoration hinter dem Rednerpult. Lediglich das leichte Wippen mit den Füßen verrät die wachsende Ungeduld des BDI-Bosses. Für Keitel, der zuvor jahrelang Hochtief, den größten deutschen Baukonzern, geführt hat, ist das ermüdende Schauspiel, das er gerade erlebt, wieder einmal eine deutliche Bestätigung für seine These, dass diese schwarz-gelbe Bundesregierung eine einzige Enttäuschung ist.

Dabei hatte sich doch gerade die Wirtschaft so viel von der angeblichen »Traumkonstellation« aus CDU, CSU und FDP versprochen. Was war ganz zu Beginn nicht alles angekündigt worden! Eine durchgreifende Steuerreform, der entschlossene Abbau der Bürokratie, mehr Investitionsanreize und mit der Verlängerung der Atomlaufzeiten auch eine Garantie für sauberen und vor allem bezahlbaren Strom. Doch schon zur Mitte der Legislaturperiode machte sich beim BDI und bei den anderen führenden Wirtschaftsverbänden Ernüchterung breit. Die große Steuerreform blieb ebenso aus wie die versprochene Entlastung der Bürger und der Unternehmen. Nicht zuletzt führte die hektische deutsche Atomwende nach dem GAU im japanischen Fukushima bei den Firmen zu Unsicherheit und steigenden Energiepreisen. Der unvermittelte Rauswurf von Bundesumweltminister Norbert Röttgen durch die Bundeskanzlerin im Frühsommer 2012 offenbarte zudem, dass der dringend erforderliche Umbau der Energieversorgung nur schleppend vorankam und weit hinter dem ohnehin schon engen Zeitplan zurücklag. Hinzu kam, dass die Eurokrise die Aufmerksamkeit Merkels und ihres Finanzministers Wolfgang Schäuble fast vollständig absorbierte. Dadurch gerieten andere wichtige Anliegen der Wirtschaft in den Hintergrund.

Aber es waren nicht nur die ausbleibenden oder zweifelhaften Entscheidungen in Sachfragen, die Keitel und andere Wirtschaftsführer von der schwarz-gelben Bundesregierung abrücken ließen. Als Enttäuschung hatte sich recht bald auch das politische Spitzenpersonal selbst erwiesen. Der vormalige Liebling der Manager, Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, war als akademischer Hochstapler enttarnt worden. Mit dem innerparteilich umstrittenen und unpopulären Außenminister Guido Westerwelle konnte die Exportnation Deutschland im Ausland immer weniger renommieren. Der erste liberale Wirtschaftsminister, Rainer Brüderle, agierte ausdrücklich als Anwalt des Mittelstands und gefiel sich darin, der Großindustrie die kalte Schulter zu zeigen. Noch deutlicher hingegen fiel die Enttäuschung der Manager über Brüderles Nachfolger aus. Philipp Rösler kämpfte als FDP-Chef vor allem um das Überleben seiner Partei und war daneben kaum in der Lage, in seinem Ressort politische Akzente im Sinne der Wirtschaft zu setzen.

Kein Wunder, dass schon zwei Jahre nach dem Start der bürgerlich-liberalen Regierung in den Umfragen zwei Drittel der deutschen Führungskräfte Schwarz-Gelb ablehnten und sich stattdessen eine Rückkehr der Großen Koalition wünschten. Auch BDI-Präsident Keitel sah die Anliegen der deutschen Wirtschaft zwischen 2005 und 2009 besser vertreten als in der schwarz-gelben Ära. Aus der Ministerriege von Schwarz-Rot schätzt er bis heute vor allem Peer Steinbrück und steht mit ihm in ständigem Kontakt. Ein Grund mehr, den populären Sozialdemokraten für diesen Kongress des BDI ebenfalls als Redner zu gewinnen.

Als Steinbrück nach der Mittagspause ans Mikrofon tritt, ist der Saal deutlich besser gefüllt als am Vormittag und von Langeweile keine Spur mehr. Die Wirtschaftsvertreter und die anderen Gäste scheinen neugierig auf ihn, und der »einfache Abgeordnete« ohne Amt wird wie ein Politstar behandelt. Der Moderator stellt ihn als »einen der beliebtesten Politiker in Deutschland« vor, was sogar stimmt, denn in jener Woche rangiert er auf der Liste der beliebtesten Politiker auf Platz zwei, gleich hinter dem Bundespräsidenten. »Wir glauben alle: Er wird noch eine Rolle spielen«, fügt der Moderator hinzu. Steinbrück nimmt es mit Ironie. »Sie machen mich so verlegen, dass ich fast sprachlos bin.« Allerdings nur fast. Denn Steinbrück hält eine geschliffene Rede, ohne Manuskript oder auch nur einen Zettel mit Stichworten. Fast eine Stunde lang spricht er zu den anwesenden Wirtschaftsvertretern. Er formuliert frei, pointiert und faktenreich. Was für ein Gegensatz zu den vorangegangenen Auftritten – jeder im Saal spürt das.

Keitel, der wieder in der ersten Reihe sitzt, schaut Steinbrück wohlwollend zu, nickt immer wieder und klatscht demonstrativ mit, wenn ein ums andere Mal Zwischenapplaus aufbrandet. Steinbrück redet den Wirtschaftsleuten im Saal nicht nach dem Mund, im Gegenteil. Aber jeder merkt, dass da einer mit großer Souveränität und Sachkenntnis vor ihnen steht.

Am Ende ruft er die Zuhörer leidenschaftlich dazu auf, keine Luftschlösser zu bauen und stattdessen die nüchterne Wirklichkeit zu erkennen: »Schminken Sie sich große Steuersenkungen von der Backe! Glauben Sie denen nicht, die das versprechen, sondern glauben Sie mir, denn ich verspreche Ihnen nichts.« Dass die SPD die Steuern für die oberen Einkommen nach 2013 sogar erhöhen will, gerät bei diesem leidenschaftlichen Schlussappell fast in Vergessenheit. Steinbrück erntet den größten Beifall des Tages, und BDI-Präsident Keitel eilt auf die Bühne, um ihm mit herzlichen Worten zu danken.

Was kaum einer weiß: Die beiden kennen sich schon viele Jahre. Als Steinbrück Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war und Keitel Chef von Hochtief in Essen, haben sie einige Projekte gemeinsam durchgefochten. Manches wäre wohl am Widerstand der Grünen gescheitert, wenn Steinbrück nicht so entschieden für den Ausbau der Infrastruktur in NRW gekämpft hätte. Er hat seine Zusagen immer eingehalten, lobt Keitel im Rückblick. Schon damals habe er sich stets auf das Wort von Steinbrück verlassen können. Dass so etwas in der Politik eher die Ausnahme als die Regel darstellt, hat der damalige Baumanager in seinem Berufsleben mehr als einmal erfahren.

Keitel hält also viel von Steinbrück, wenngleich er das mit Rücksicht auf seine überparteiliche Position beim BDI nicht so offen zu Markte trägt. Steinbrücks große politische Erfahrung in vielen Ämtern, seine extrem schnelle Auffassungsgabe und seine pragmatische, zielorientierte Art, Politik zu gestalten, gefallen dem Industrieboss. Das gilt ebenso für die Souveränität, mit der Steinbrück auftritt. Keitel persönlich hätte kein Problem mit einem Kanzlerkandidaten Steinbrück, aber auch das sagt er nicht offen. Zwar hat er einiges an den Vorstellungen der SPD auszusetzen – natürlich die beabsichtigte »Reichensteuer« –, aber andere Positionen wie zum Beispiel das industriepolitische Papier der SPD stoßen beim BDI durchaus auf Wohlwollen.

Trotzdem würden weder Keitel noch sein Verband im Wahlkampf jemals Empfehlungen für eine einzelne Partei oder für einen bestimmten Spitzenkandidaten aussprechen. Solche einseitigen Parteinahmen sind dem BDI in der Vergangenheit nämlich nicht sonderlich gut bekommen. Als etwa der frühere BDI-Chef Michael Rogowski gegen Gerhard Schröder und die rot-grüne Bundesregierung zu Felde zog, ließ der Kanzler ihn einfach links liegen. Schließlich riss der Kontakt zwischen der Regierungsspitze und dem größten Industrieverband Deutschlands gänzlich ab. Im Ergebnis hatte Rogowski sich und den gesamten Verband in eine Sackgasse manövriert. Diesen Fehler würden Keitel oder sein Nachfolger Ulrich Grillo sicher nicht wiederholen und deshalb trotz einer Sympathie für Steinbrück strikte Neutralität wahren.

Dennoch wäre der SPD und ihrem Spitzenkandidaten im nächsten Wahlkampf sehr geholfen, wenn sie im Gegensatz zu früheren Zeiten von der Wirtschaft keinen Gegenwind mehr bekäme. Die Turbulenzen an den Finanzmärkten und die Eurokrise haben dazu geführt, dass die wirtschaftspolitische Kompetenz einer Partei und eines Kandidaten zur entscheidenden Frage im Wahlkampf werden kann. Nur wer glaubhaft vermittelt, er könne Deutschland sicher durch diese Krisenzeiten führen, hat im Wettbewerb um das wichtigste Regierungsamt eine Chance.

Nicht zuletzt aus diesem Grund ist Peer Steinbrück die Kontaktpflege zu Keitel und den anderen Präsidenten der großen Verbände so wichtig. Sie sind in der Wirtschaftspolitik entscheidende Multiplikatoren und beeinflussen mit ihren Urteilen und Ansichten Millionen ihrer Mitglieder in den deutschen Unternehmen, vom Handwerksbetrieb bis zum Großkonzern.

Einen guten Draht hat Steinbrück auch zu Hans Heinrich Driftmann, dem Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages DIHK. Der weißhaarige Unternehmer, persönlich haftender Gesellschafter des Lebensmittelherstellers Köllnflockenwerke in Elmshorn, kennt Steinbrück noch aus seiner Ministerzeit in Schleswig-Holstein. Driftmann stand damals an der Spitze der IHK Kiel und saß der Vereinigung der Unternehmerverbände Hamburg und Schleswig-Holstein vor. In diesen Funktionen arbeitete er oft mit Steinbrück zusammen, als dieser erst das Verkehrs- und dann das Wirtschaftsressort der Landesregierung in Kiel führte.

Ähnlich wie Keitel schätzt Driftmann seit vielen Jahren die pragmatische und wirtschaftsfreundliche Haltung Steinbrücks. Wenn es Fragezeichen gibt, dann gelten diese nicht der Person oder der Kompetenz des möglichen Kanzlerkandidaten der SPD, sondern eher dem wirtschafts- und sozialpolitischen Kurs seiner Partei. Allerdings räumt er ein, dass Steinbrück sich dennoch für die Belange der deutschen Wirtschaft starkmachen würde.

Zum diskreten Netzwerk von Peer Steinbrück gehört ferner ein früherer politischer Weggefährte aus Nordrhein-Westfalen: Harald Schartau. Bis zum Verlust der Regierungsmehrheit 2005 Wirtschafts- und Arbeitsminister in Düsseldorf, sitzt der Sozialdemokrat heute in der Geschäftsführung der Georgmarienhütte und gilt als ein in Wirtschaft und Politik exzellent verdrahteter Manager. Als früherer Gewerkschaftsvorsitzender in NRW reichen seine Kontakte bis tief hinein in die Arbeitnehmervertretungen; ein unschätzbares Kapital für einen Wirtschaftsmann.

Quasi im Nebenberuf arbeitet Schartau noch als Sprecher der Arbeitsdirektoren der deutschen Eisen- und Stahlindustrie. In dieser weitgehend unbekannten, wiewohl einflussreichen Vereinigung sind alle Vorstände und Geschäftsführer versammelt, die in ihren Unternehmen die oberste Instanz in Personalfragen bilden. Hier wird nicht selten über Karrieren und Lebenswege entschieden. Die meisten der Personalvorstände verfügen über einen sozialdemokratischen oder gewerkschaftlichen Hintergrund und gelten als nicht ideologisch und zudem wirtschaftsfreundlich, genau wie Steinbrück. In dieser weitverzweigten und einflussreichen Wirtschaftsvereinigung kann Steinbrück auf eine Reihe Gleichgesinnter zählen.

Wohlwollen und stille Unterstützung erhält Steinbrück des Weiteren von Berthold Beitz, dem mächtigen Vorsitzenden der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Der inzwischen 99-jährige Ruhrgebietspatriarch hatte Steinbrück unmittelbar nach dessen Ausscheiden als Bundesfinanzminister 2009 in den Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp berufen. Beitz, der als Manager der Montanindustrie immer für die Mitbestimmung und die sozialen Belange der Arbeitnehmer gekämpft hat, kennt und schätzt Steinbrück seit dessen Regierungszeit in Nordrhein-Westfalen. Als Ministerpräsident war der Sozialdemokrat oft in der Villa Hügel zu Gast, dem alten Familiensitz der Essener Stahldynastie.

Jetzt bildet der Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp die Keimzelle des komplexen Beziehungsgeflechts, das Steinbrück zur Wirtschaft pflegt. In dem Kontrollgremium des Traditionskonzerns trifft er in der Villa Hügel regelmäßig einflussreiche Männer wie Gerhard Cromme, den langjährigen Chef von Thyssen-Krupp, der sich als einer der wenigen Topmanager in Deutschland stets auch politisch und gesellschaftlich engagiert hat. Cromme saß lange der Corporate-Governance-Kommission für gute Unternehmensführung vor und ging bei den Kanzlern und Ministern der verschiedenen Bundesregierungen ein und aus.

Auch Ulrich Lehner zählt zu Steinbrücks Netzwerk. Der Manager stand viele Jahre an der Spitze von Henkel, war Präsident des Verbands der Chemischen Industrie und führt heute den Aufsichtsrat der Deutschen Telekom AG. Zudem gibt es eine Frau, die zu seinen Unterstützern zählt und die er ebenfalls in der Villa Hügel trifft: Carola Gräfin von Schmettow. Die 47-jährige Düsseldorferin mit den wachen Augen sitzt im Vorstand der Privatbank HSBC Trinkaus & Burkhardt und zählt zur jüngeren Garde der Topmanager in Deutschland.

Die Bankerin mit einer Vorliebe für Abenteuerreisen repräsentiert aber nicht als Einzige das Kreditgewerbe in Steinbrücks Netzwerk. Die beiden wichtigsten und zugleich belastbarsten Kontakte dort sind älteren Datums, stammen bereits aus der Zeit vor der Krise: Jens Weidmann und Jörg Asmussen bekleideten wichtige Positionen in der Bundesregierung, bevor sie in die Finanzbranche wechselten. Weidmann, der heutige Bundesbankpräsident, war Leiter der Wirtschaftsabteilung im Kanzleramt und während der Weltfinanzkrise einer der wichtigsten Berater von Angela Merkel. Auch Peer Steinbrück hat auf seinen Rat gehört. Letzteres gilt ebenfalls für Jörg Asmussen, heute Mitglied des Direktoriums der Europäischen Zentralbank und davor Staatssekretär im Bundesfinanzministerium. Er war auf deutscher Seite der entscheidende Kopf bei den G-20-Verhandlungen über die Reform der Finanzmärkte.

Die beiden ehemaligen Regierungsberater Weidmann und Asmussen zählen heute seitens der Banken zu den einflussreichsten und am besten informierten Entscheidungsträgern. Da die Eurokrise bis in das Wahljahr 2013 von Bedeutung sein wird und möglicherweise bei einer neuerlichen Zuspitzung den Ausgang der Bundestagswahl mitentscheiden kann, ist der direkte Draht zum Bundesbankpräsidenten und zum Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank für jeden potenziellen Kanzlerkandidaten von unschätzbarem Wert. Vor allem zu Asmussen, den Steinbrück in seiner Zeit als Finanzminister zum Staatssekretär befördert hat, pflegt er bis heute ein enges Vertrauensverhältnis. Wenn Asmussen in Berlin ist, schaut er regelmäßig bei Steinbrück vorbei. Ob es darum geht, fundierte Einschätzungen zu aktuellen Entwicklungen zu erhalten oder die erforderlichen Strategien der Zukunft zu planen – Asmussen, selbst Mitglied der SPD, ist für Steinbrück ein verlässliches Pfund, mit dem er im Stillen wuchern kann.

Das geheime Netzwerk wird abgerundet durch vier namhafte Sozialdemokraten, die tatkräftig seine Kanzlerkandidatur unterstützen. Allen voran Gerhard Schröder: Der Exkanzler hat Steinbrück bis heute nicht vergessen, wie unerschütterlich dieser die Agenda 2010 gegen ihre zahlreichen innerparteilichen Kritiker verteidigt hat, obwohl er damals, 2005, in einem extrem schwierigen Landtagswahlkampf stand. Allerdings geht es Schröder bei seinem Einsatz vor und hinter den Kulissen zugunsten von Steinbrück nicht um die Belohnung einer politischen Nibelungentreue, sondern um die Erfolgschancen der SPD. Und von allen drei Bewerbern traut er eben am ehesten Steinbrück ein gutes Ergebnis gegen Merkel zu. Schröder glaubt, dass mit ihm die Chance besteht, die SPD wieder für eine wachsende Zahl von Menschen attraktiv zu machen. Zudem sei Steinbrück als Minister der Großen Koalition »die eigentlich führende Figur in der Finanzkrise« gewesen. Zu guter Letzt betrachtet Schröder den Parteifreund als »einen eigenen Kopf und einen unabhängigen Geist«, weshalb er »hohen Respekt für ihn« habe.

Nachdem Schröder sich lange zurückgehalten hatte, sprach er in einem Interview mit der Welt am Sonntag vom 13. Mai 2012 öffentlich eine Empfehlung für seinen Favoriten aus: »Mich würde es freuen, wenn Peer Steinbrück Kanzlerkandidat der SPD würde. Er hat alle Aussicht auf Erfolg.« Allerdings fügte er einschränkend hinzu: »Peer Steinbrücks Schwäche liegt in seiner häufig missverstandenen Ironie, die manchmal als Arroganz daherkommt. Mit Blick auf die Massenwirkung müsste er das korrigieren.« Der Exkanzler hat das gut beobachtet. Intellektuelle Brillanz und reiches Faktenwissen kann schnell an Oberlehrerallüren erinnern, vor allem vor großem Publikum. Auch Ironie, Steinbrücks bevorzugtes rhetorisches Stilmittel, »ist in großen Sälen nicht vermittelbar«, warnt Schröder.

Natürlich schätzt der frühere SPD-Regierungschef seinen ehemaligen Kanzleramtsminister Frank-Walter Steinmeier nicht weniger. Nur traut er ihm nach dem 23-Prozent-Desaster von 2009 keinen wirklich erfolgreichen Wahlkampf zu. Und Schröder als begnadeter Wahlkämpfer weiß, wovon er spricht. Damals hatte er mit stummer Fassungslosigkeit zugesehen, wie Steinmeier sich auf den Bühnen und vor den Fernsehkameras abmühte und es nicht vermochte, die Kanzlerin als politischen Gegner zu stellen und in die Enge zu treiben. Dennoch spricht Schröder seinem früheren Weggefährten nicht die Fähigkeit ab, Deutschland verantwortungsvoll zu regieren. »Frank-Walter könnte das«, erkannte er schon während der eigenen Regierungszeit. Nur muss er erst mal ins Kanzleramt reinkommen. Und genau das sieht Schröder nicht.

Sigmar Gabriel hingegen ist in seinen Augen ein versierter Wahlkampfmatador und ein äußerst talentierter politischer Kämpfer. Allerdings weiß er, dass die Mehrzahl der Deutschen ihm die Kanzlerschaft einfach nicht zutraut. Und ohne eine solche mehrheitliche Kompetenzzuschreibung braucht man für das Spitzenamt des Regierungschefs gar nicht erst anzutreten. Schröder schweigt zwar nach außen zu seinen Bedenken hinsichtlich Gabriel und Steinmeier, aber seine empfehlenden Worte für Steinbrück sprechen für sich.

Ähnlich verhält es sich mit Olaf Scholz, dem früheren SPD-Generalsekretär und Bundesarbeitsminister. Der heutige Erste Bürgermeister der Hansestadt Hamburg steht nicht nur aus landsmannschaftlicher Verbundenheit zu Peer Steinbrück. Auch er glaubt, dass der Wirtschaftsexperte im Kampf um die wahlentscheidende Mitte der Gesellschaft über das größte Potenzial verfügt.

Dann ist da noch Garrelt Duin, der frühere wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion und heutige Wirtschaftsminister von Nordrhein-Westfalen. Er tritt ebenfalls mehr oder weniger offen für Steinbrück ein. Duin, ein sehr besonnener und abwägender Politiker, setzt ebenso wie Steinbrück auf rationale und nicht auf ideologische Argumente und schätzt die Rolle, die der ehemalige Finanzminister als Krisenmanager gespielt hat, sehr hoch ein. Noch wichtiger ist in seinen Augen jedoch, dass der Hamburger einem breiten Publikum die komplexen wirtschaftlichen und ökonomischen Zusammenhänge so vermitteln kann, dass die Leute sich nicht agitiert, sondern informiert fühlen.

Nicht zuletzt kann Steinbrück im Zweifel auf die Unterstützung einer Frau zählen. Es ist Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, der es 2010 gelang, das bevölkerungsreichste Bundesland für die SPD zurückzuerobern, nachdem Steinbrück die rote Bastion an Rhein und Ruhr 2005 verloren hatte. Auch sie kennt ihn seit vielen Jahren, war in seinem Kabinett zwischen 2002 und 2005 Ministerin für Wissenschaft und Forschung. Nach der verlorenen Landtagswahl übernahm die studierte Ökonomin den Vorsitz der Landtagsfraktion und 2007 das Amt der SPD-Chefin in NRW.

Dabei ist Hannelore Kraft alles andere als eine glühende Verehrerin von Steinbrück. Sie hat im Gegenteil immer mit einem gewissen Missmut beobachtet, wie gleichgültig der Hanseat auf viele Anliegen aus den Reihen der SPD reagierte. In Parteifragen hält sie Steinbrück bis heute nicht für sonderlich geschickt. Aber sie weiß um sein Durchsetzungsvermögen und schätzt die große politische Erfahrung, die er in vielen schwierigen Ämtern gesammelt hat. Und dass Steinbrück als womöglich nächster Kanzler ein besonders großes Herz für seine private wie politische Wahlheimat Nordrhein-Westfalen hat, kann ihr als Ministerpräsidentin ebenfalls nicht egal sein. In erster Linie traut sie ihm jedoch zu, von den drei Kandidaten das beste Ergebnis für die SPD einzufahren, also das maximal Mögliche herauszuholen.

Nicht auszuschließen ist allerdings, dass Hannelore Kraft zugleich strategisch denkt: Es gibt nämlich nicht wenige innerhalb der SPD, die in der Düsseldorfer Regierungschefin die künftige und wohl auch aussichtsreichste Herausforderin von Angela Merkel sehen. Im Gegensatz zu den drei Herren der Troika hat die gebürtige Mülheimerin immerhin schon zwei sehr wichtige Wahlen gewonnen. Wer das bevölkerungsreichste Bundesland regiert, dem könne man getrost ganz Deutschland anvertrauen, meinen ihre Anhänger. Innerparteilich verfügt sie als Vorsitzende des mit Abstand größten SPD-Landesverbands ebenfalls über erheblichen Einfluss – bei den Bundesparteitagen der SPD stammt nahezu die Hälfte der Delegierten aus Nordrhein-Westfalen.

Bislang hat Kraft die zahlreichen Avancen ihrer Partei in Richtung Berlin immer standhaft zurückgewiesen. Zumindest für dieses Mal will sie gerne den drei Herren den Vortritt lassen und sich erst einmal in Ruhe um ihr Bundesland kümmern. Sie hat mit ihren gerade einmal 51 Jahren keinen Grund zur Eile und muss nicht bereits 2013 den Spitzenplatz bei einer Wahl beanspruchen, von der die meisten ohnehin glauben, dass sie mit einer Großen Koalition unter Führung der CDU und der bisherigen Kanzlerin Angela Merkel enden wird. Die Genossin Hannelore kann bis 2017 warten. Dann haben die beiden »Stones« ihr Gewicht und Angela Merkel womöglich ihre Strahlkraft verloren. Und sie, die erfolgreiche Landesmutter, wäre mit 55 Jahren immer noch im besten Kanzlerinnenalter.