Kapitel 12

Zurück im Ring

Es gibt eine lustige Geschichte über einen Bundesminister, der nach dem plötzlichen Verlust seines Postens große Probleme hat, wieder im Alltagsleben eines Normalbürgers anzukommen. Der Mann verlässt also an seinem letzten Amtstag etwas traurig das Ministerium, in dem er jahrelang unumschränkt geherrscht hat. Unten im Hof steht direkt neben dem Eingang wie immer die Dienstlimousine bereit. Der frisch gebackene Exminister geht auf das Auto zu, aber niemand öffnet ihm den Wagenschlag. Also versucht er selbst, die Tür aufzumachen. Doch der Chauffeur hat das Auto von innen verriegelt. Als er seinen ehemaligen Chef sieht, lässt er die Fenster herunter und sagt mit gequälter Miene, dass er ihn jetzt, wo er nicht mehr Minister sei, leider nicht länger fahren dürfe. »Aber ich kann Ihnen gerne ein Taxi rufen«, fügt der Fahrer dienstbeflissen hinzu. Der Exminister schluckt, reißt sich zusammen und stimmt zu. Als er dann im Taxi sitzt, merkt er, dass er weder Bargeld in der Tasche hat, noch aus dem Kopf die Adresse von seinem Bundestagsbüro nennen kann.

Die Geschichte findet sich in einem grandiosen Buch mit dem Titel Höhenrausch. Der langjährige Spiegel-Korrespondent Jürgen Leinemann hat es verfasst. Meisterhaft beschreibt er darin das merkwürdige und entrückte Leben der Spitzenpolitiker, ihre Sucht nach Macht und ihre unentrinnbare Abhängigkeit von Aufmerksamkeit und Einfluss.

Peer Steinbrück kennt das Buch. »Hab ich gelesen«, antwortete er knurrend dem Besucher, der ihn einige Wochen nach der verlorenen Wahl in seinem beengten Bundestagsbüro aufsuchte. Der schlichte Raum mit der Nummer 4028 lag zwar am berühmten Berliner Boulevard »Unter den Linden«, aber was war schon so eine Minibleibe in einem nüchternen Bürogebäude gemessen an den weitläufigen Fluren des Bundesfinanzministeriums? Wer Steinbrück früher dort besuchte, musste durch ein riesiges Foyer gehen, Sicherheitsschleusen und Kontrollen passieren und lange hallende Gänge durchschreiten, bis er schließlich in das Allerheiligste, das Ministerbüro, vorgelassen wurde.

Jetzt trat man einfach von der Straße aus ein, zeigte dem Pförtner seinen Presseausweis und klopfte eine Minute später beim Bundesminister a.D. an die Tür. Mit seiner »MdB-Wabe«, wie die kleinen Büros für die Parlamentarier spöttisch genannt werden, befand sich Steinbrück in bester Gesellschaft. Außer ihm residierten nach der verlorenen Wahl im sogenannten »roten Rentnerflügel« des Gebäudes auch andere sozialdemokratische »Silberrücken«. Ein paar Türen weiter hatte zum Beispiel Exkanzler Gerhard Schröder sein Büro. Auch die Bleibe des früheren Arbeitsministers Franz Müntefering lag nicht weit entfernt. Inzwischen ist Steinbrück in ein anderes Gebäude des Bundestags umgezogen, dichter am Plenum und an der Fraktions- und Parteiführung. Steinbrück im »Rentnerflügel«, das passte nicht mehr.

Es war ziemlich schwierig, ihn nach dem Wahldesaster 2009 zu einem ersten Interview zu überreden. Eigentlich müsste der Mann jetzt Zeit genug haben, hatte man sich gedacht. Zeit zum Lesen, zum Rosenzüchten und auch Zeit für Gespräche mit Journalisten. Doch weit gefehlt. Sonja Stötzel, seit Jahren die rechte Hand von Steinbrück und eine einfallsreiche Managerin seines komplizierten Terminkalenders, vertröstete die Medienvertreter immer wieder mit ihrer unerschütterlichen Freundlichkeit. Als schließlich ein Termin zustande kam, kreiste das Gespräch erst einmal um Befindlichkeiten. »Was wollen Sie denn noch von mir«, murmelte Steinbrück gereizt. Man solle lieber den neuen Amtsinhaber ausfragen und nicht mehr ihn. Außerdem stehe er für »verbale Revanchefouls« oder für »Jetzt-pack-ich-ausInterviews« sowieso nicht zur Verfügung. Auch zu Fragen der aktuellen Finanzpolitik werde er sich nicht äußern, kündigte er gleich zu Beginn an. Das wäre schlechter Stil gegenüber dem Nachfolger. »Das tue ich ihm nicht an und mir auch nicht.«

Das raue Gebrumm am Anfang gehört zu einem Steinbrück-Interview wie das Amen zum Gottesdienst. Natürlich juckt es ihn, den Vollblutpolitiker, grundsätzlich immer in den Fingern, sich öffentlich zu äußern, ob er nun gerade ein Amt bekleidet oder nicht. Natürlich würde es ihn sehr wohl auch reizen, etwas über Wolfgang Schäuble zu sagen. Sein Amtsnachfolger hat als neuer Bundesfinanzminister beispielsweise ebenfalls gestohlene CDs mit Bankdaten deutscher Steuerflüchtlinge aufgekauft und damit die Geldhäuser in Liechtenstein und der Schweiz das Fürchten gelehrt. Diesen Triumph hätte Steinbrück selbstverständlich gerne selbst noch ausgekostet, schließlich ist er als Jäger deutscher Steuerflüchtlinge und Kritiker des Schweizer Bankgeheimnisses mehrfach in den Schlagzeilen aufgetaucht. Steinbrücks berühmt-berüchtigte Drohung, die Kavallerie aus Fort Yuma ausreiten zu lassen, wurde in der eidgenössischen Alpenfestung fast als Kriegserklärung gedeutet. Manche sahen darin sogar einen gezielten teutonischen Angriff auf das Schweizer Finanzwesen und damit auf den Lebensnerv des Landes.

Steinbrück schiebt das Kinn vor und grinst, als das Gespräch auf die neuesten Steuer-CDs und die Schweiz kommt. Die Spottlust steht ihm ins Gesicht geschrieben, daran hat auch die verlorene Wahl nichts zu ändern vermocht. Man erkennt genau, dass ihm die Erinnerung an diesen aufgeheizten Streit mit den Schweizer Bankiers immer noch sichtbares Behagen bereitet. Ist es nicht lustig, wie pikiert die Eidgenossen reagiert haben? In dieser Mischung aus schlechtem Gewissen, ehrlicher Wut und gespielter Entrüstung? Steinbrück zeigt sein Haifischlachen. Und wie er, der Finanzminister, damals plötzlich die ganz große Mehrheit der Deutschen hinter sich scharen konnte, als er der Schweiz Beihilfe zur Steuerhinterziehung vorwarf, ohne das natürlich jemals in dieser Klarheit auszusprechen? Köstlich war das und bereitet ihm noch im Nachhinein eine diebische Freude. Nur seine spöttische Äußerung mit der Kavallerie, die sei ein »Fehler« gewesen, wie er öffentlich eingestehen muss. Aber Spaß gemacht hat ihm diese Rauferei trotzdem – das ist typisch für Steinbrück. Und deshalb ist es auch nicht erstaunlich, dass die SPD das Thema Steuerhinterziehung in der Schweiz auch 2013 im Wahlkampf wieder zur Sprache bringen wird.

Jetzt füllt der Exminister mit seiner unverbrauchten Energie das kleine Abgeordnetenbüro vollständig aus. Wenn er über der Rückenlehne des schmalen Sofas die Arme ausbreitet und seine langen Beine vorschiebt, weicht man im Besuchersessel unwillkürlich zur Seite. Auch die kräftige Stimme schallt von den Wänden zurück. Der Raum ist erkennbar zu eng für ihn. Man spürt es gleich beim Betreten, dass es ihn hier nicht lange halten wird.

Wie es ihm jetzt so ergehe, so ganz ohne Einfluss, ohne Macht und ohne die Heerscharen von Beamten, die auf das kleinste Zeichen von ihm warten? Wie fühlt man sich plötzlich ohne die Anrufe von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann oder ohne die SMS von Kanzlerin Angela Merkel? Wie geht es einem Spitzenpolitiker ohne das Blitzlichtgewitter der Fotografen und ohne die Medien, die begierig jedes Wort von ihm aufnahmen?

Steinbrück zuckt mit den Schultern und sagt dann sehr ernst, dass er nach dem Ausscheiden aus dem Amt genau in sich hineingehorcht habe, ob es irgendwelche Anzeichen von Abhängigkeit gebe. Ob er also auf »Entzug« sei von der Droge Politik oder sich noch in jenem »Höhenrausch« befinde, den Jürgen Leinemann so trefflich beschrieben hat.

Das Ergebnis seiner Selbstprüfung sei eindeutig ausgefallen: »Sie glauben gar nicht, wie herrlich es ist, endlich einmal nicht mehr von morgens bis abends verplant zu sein«, versichert der frisch abgewählte Bundesminister mit Nachdruck. Er genieße »die neuen Freiräume«, denn: »Es ist wirklich ein Geschenk, wenn man nicht auf Monate hinaus festgelegt ist.«

Steinbrück redete nach der verlorenen Bundestagswahl mit solcher Inbrunst über die Vorzüge des neuen, freien Lebens, dass man sich schnell fragte, warum dann sein Terminkalender bereits wieder so randvoll gefüllt war mit Verpflichtungen und Projekten. Eben noch Finanzminister und Weltenretter und jetzt schon entspannter Politikpensionär?

Die meisten, die ihn in dieser Zeit erlebten, konnten das kaum glauben. Was wollte so ein Kraftwerk wie Steinbrück denn machen, wenn plötzlich mal eine Bundestagsdebatte oder eine Ausschusssitzung ausfiel und ab 16 Uhr nichts mehr auf dem Programm stand? Etwa ins Café Einstein hinüberschlendern, sich ein Stück Kuchen bestellen und in Ruhe Romane lesen?

Steinbrücks Frau Gertrud musste eindrücklich erleben, was ihr Mann mit seiner überschüssigen Energie anfing. Kistenweise Bücher bestellte er im heimischen Bonn, räumte sein Zimmer um, sortierte die mit Literatur und Marinegeschichte vollgestopften Bücherwände neu und sorgte im ganzen Haus für große Unruhe. Zum Glück gab es nach dem Ausscheiden aus dem Amt ein Projekt, das Steinbrück bereits früher ins Auge gefasst hatte – eine Idee, die ihn stark beschäftigte, intellektuell reizte und die ihn wieder ins Gespräch bringen würde: ein Buch.

Verschiedene Verlage hatten ihn lange vor der Wahl 2009 bedrängt. Wenn er, der Manager der Krise, eine persönliche Erinnerung über die dramatischsten Stunden in der Geschichte des Weltfinanzsystems verfassen würde – das wäre ein Bestseller, keine Frage. Der Plan faszinierte Steinbrück, und so zog er sich kurz nach der Wahl in sein Haus nach Bad Godesberg zurück, um mit der Niederschrift oder besser gesagt: mit dem Diktat des Buches zu beginnen. Er schreibt oder tippt nämlich nicht selbst, sondern diktiert seine Sätze direkt in einen Computer, der die gesprochenen Worte in Schrift umwandelt. Am Anfang ein nervenaufreibendes Unternehmen. »Der Computer und ich haben etwas gebraucht, um uns aneinander zu gewöhnen«, erinnerte sich Steinbrück später. Die Spracherkennung funktionierte zunächst nicht richtig, aber irgendwann lief es.

Wenn er auf diese Weise sprechend schrieb, durfte er nicht gestört werden. Nur gelegentlich konnte ihn seine Frau zu einer Runde Scrabble oder zu einer Mahlzeit überreden, um ihn etwas abzulenken und aus seinen tiefgründigen Gedanken zu reißen. Ansonsten jedoch war während der neun Monate, die er zum Schreiben des Manuskripts benötigte, kaum eine Unterbrechung gestattet. Das Buch musste gut werden, so Steinbrücks eigener, wie immer hoher Anspruch. Natürlich sollte ihm das Werk gewissermaßen bei der Rückkehr ins Rampenlicht helfen, und so durfte die Wertschätzung für die geleistete Arbeit als Bundesfinanzminister nicht zu kurz kommen. Die Gelegenheit, das eigene Bild in der Geschichte der letzten Weltfinanzkrise selbst kräftig mitzugestalten, ließ er sich nicht entgehen. Und wie man so etwas anstellte, hatte Steinbrück, der Büchernarr, bei keinem Geringeren als Winston Churchill abgeschaut, dessen Erinnerungen er »geradezu verschlungen« habe, wie er einmal mit leuchtenden Augen erzählte.

Das Hauptanliegen aber, das Steinbrück mit dem Buch verfolgte, war ein anderes: Er wollte mit seiner durchaus streitbaren Schrift eine breite Debatte darüber in Gang bringen, wie die SPD politisch wieder auf die Höhe der Zeit gelangen könnte. Schnörkellos beschreibt er in einem eigenen Kapitel das große strategische Problem seiner Partei und kommt zu dem Schluss, der SPD fehle eine reale Machtperspektive. Die Linke als potenziellen Koalitionspartner der Sozialdemokraten im Bund lehnt er ab, die FDP in ihrem aktuellen Zustand ebenfalls, und nur auf die Stärke der Grünen kann und will er nicht vertrauen. Steinbrücks Fazit für die kommende Bundestagswahl lautet deshalb: Die SPD selbst muss wieder stärker werden, sich aus ihren programmatischen Verengungen lösen und breitere Wählerschichten in der Mitte der Gesellschaft erschließen. Er will die Partei öffnen: für jüngere Generationen mit ihren spezifischen Sorgen, für Mittelständler und Existenzgründer, für junge Frauen in Großstädten. Das Buch liest sich deshalb stellenweise wie eine Anleitung für seine Partei, wie eine Denkschrift oder gar ein programmatischer Entwurf. »Vermächtnis« wollte Steinbrück seine Niederschrift jedenfalls nie nennen, das klang ihm zu endgültig und zu sehr nach Abschied. Schließlich hat er noch etwas vor.

Als Abrechnung mit den Banken und der Finanzwelt ist das Buch entgegen gelegentlicher medialer Erwartungen nicht konzipiert, das wäre ihm zu billig. Steinbrück hat ausführlich und gut durchdacht seine persönliche Sicht der Dinge zu Papier gebracht, die Ursachen des Desasters an den Finanzmärkten ergründet und über die handelnden Personen berichtet. Dabei räumt er ein, dass er mitunter schlechte Noten verteilt, jedoch weniger an exponierte Bankmanager wie Josef Ackermann, sondern eher an die ehemaligen Politikerkollegen: »Ich komme zu einem nicht sehr schmeichelhaften Urteil über die Qualität der Politik, sowohl was die Parteien angeht als auch die handelnden Personen«, räumte er später in einem Zeitungsgespräch ein.

Je länger Steinbrück vom Herbst 2009 bis zum Frühsommer 2010 an dem Buch arbeitete, desto mehr geriet das als Bericht begonnene Werk zu einem umfassenden persönlichen Regierungsprogramm. Dem späteren Vorwurf, dass er auf den 480 Seiten ein ziemlich düsteres Bild von der Politik und der Finanzwelt zeichne, hat er vehement widersprochen. Schließlich unterbreite er jede Menge Vorschläge, was man wie ändern könnte, teilweise sehr konkret. Die meisten Kapitel beginnen in der Tat mit einer genauen Beschreibung eines Themas. Dann folgen eine messerscharfe Analyse und in der Regel eine ausführliche Erläuterung, wie man die aufgezeigten Fehlentwicklungen künftig vermeidet. Larmoyanz oder einfache Kritik ohne Gegenvorschlag findet Steinbrück intellektuell simpel. So etwas käme für ihn nicht infrage.

Gegen Ende der Niederschrift war er selbst ziemlich überzeugt von seinem Werk. Während eines fröhlichen und nicht gerade trockenen Abends bei der Alfred Herrhausen Gesellschaft im Berliner Hauptsitz der Deutschen Bank sprach er im März 2010 erstmals offen davon, dass er fest an den Erfolg seines fast fertigen Buches glaube. Er wollte etwas damit bewirken, das wurde deutlich. Unverkennbar setzte er auf große öffentliche Resonanz. Irgendwie stellte sich an jenem Abend auch heraus, dass er als prominenter Autor einen sechsstelligen Betrag als Honorar durchgesetzt hatte. »Der Markt ist heiß«, freute sich Steinbrück nicht ohne Eitelkeit. »Jetzt wird auch einmal Geld verdient.« Zudem genoss er, der »einfache Abgeordnete«, wie er selbst gerne mit koketter Bescheidenheit sagt, es nach dem monatelangen Rückzug sichtlich, wieder im öffentlichen Interesse zu stehen und sich den neugierigen Fragen der Umstehenden zu stellen. Was er denn mit dem Buch bezwecken möchte, wollen die Gäste wissen. Wen er damit zu treffen beabsichtige? Und vor allem: Was würde drinstehen?

Über einen Titel hatte er im Frühjahr 2010 ebenfalls schon nachgedacht. »Risse im Fundament« fand er nicht schlecht, besser noch »Achtung: Steinschlag«. Als er das sagte, musste er schon wieder über sich selbst lachen. Der endgültige Titel wurde damals nicht verraten.

Die Hinweise auf seine Buchpläne, die Steinbrück scheinbar zufällig in seine ersten Reden und Auftritte nach der Wahlniederlage einstreute, zeigten prompt Wirkung. Das Manuskript war noch nicht einmal fertig, da berichteten die Zeitungen bereits davon. Als Unterm Strich im Oktober 2010 schließlich erschien, kam kaum ein Kritiker in den zahlreichen Rezensionen auf die Idee, Steinbrück habe hier seine Memoiren vorgelegt. Die meisten begriffen sofort, dass es sich um eine umfassende politische Analyse und eine persönliche Standortbestimmung handelte, aber keinesfalls um einen Schlussstrich. Es gab sogar erste Pressestimmen, die das Buch als Bewerbung für die Kanzlerkandidatur der SPD interpretierten.

Wenn man ihm heute die Frage stellt, ob er mit dem Buch sein Comeback vorbereiten wollte, weist er dieses Ansinnen weit von sich. So etwas könne man nicht vorausplanen, und das habe er auch nicht getan, versichert er. Weder sei der Erfolg seines Buches vorhersehbar gewesen, noch lasse sich die Entwicklung der politischen Debatte vorauskalkulieren.

Natürlich hatte er auf viele Leser gehofft, ja auch auf Aufmerksamkeit – es sei unsinnig, das zu bestreiten, gibt er zu. Schließlich schreibe niemand ein Buch mit dem Ziel, möglichst unbemerkt zu bleiben. Aber sein Anliegen bestand, wie er betont, vor allen Dingen darin, die Ursachen der Weltfinanzkrise für ein breites Publikum auszuleuchten. Dass er in der schwierigen Rolle des Krisenmanagers zudem eine gute Figur gemacht hat, sagt er nicht. Aber klar ist, dass er sich gerne daran erinnert und dieses Kapitel ebenso gerne aufschreibt. Und da er in den Jahren als Bundesfinanzminister nie dazu gekommen sei, sich auch um andere Politikfelder zu kümmern, habe er endlich einmal die Gelegenheit ergriffen, seine Gedanken zum Sozialstaat, zur Europapolitik, zur SPD oder zu der delikaten Beziehung zwischen Politik und Medien aufzuschreiben.

Eines jedoch habe er nie im Sinn gehabt, beteuert Steinbrück, nämlich den Neustart seiner politischen Karriere. Er weiß natürlich, dass sich die Dinge aus heutiger Sicht etwas anders darstellen und dass es deshalb vielen schwerfällt, seine Version vom fest geplanten Ausstieg aus der Politik zu glauben. Dennoch hat er in den letzten Jahren mehrfach versichert, dass er nach der Niederlage von 2009, und damit zum Zeitpunkt der Niederschrift, wirklich ernsthaft seinen Rückzug plante. »Für mich war nach der Bundestagswahl klar: Gut, das war´s«, bekräftigt Steinbrück heute. Er habe damals sein Amt als stellvertretender SPD-Vorsitzender zur Verfügung gestellt und sich als normaler Bundestagsabgeordneter mit einem Sitz im Europaausschuss brav in der Fraktion eingereiht. Natürlich sei er nicht stumm geblieben, wenn die SPD ihn einmal um Rat fragte. Aber klar war für ihn nach dem Ende der Großen Koalition auch: »Ich habe keinerlei Ehrgeiz, in eine Führungsposition zurückzukehren.«

Doch was passierte dann? Wie kam sein Sinneswandel zustande? Warum verzichtet jemand im Alter von 62 Jahren auf einen beschlossenen Rückzug, um sich noch einmal in die Schlacht zu werfen? In eine Schlacht zumal, bei der es um alles oder nichts geht? Deren Ziel ja letzten Endes in nichts Geringerem besteht als in der Eroberung des Kanzleramts? Welche Kräfte haben da in Steinbrück gewirkt? Regierungschef statt Rentner – wie kam es zu dieser beachtlichen Änderung seines Lebensplans?

Die Antwort ist vielschichtig, und es wäre zu einfach, sie nur in Eitelkeit und brennendem Ehrgeiz zu suchen. Beides findet sich zweifellos bei Peer Steinbrück, aber diese Charaktereigenschaften prägen alle Spitzenpolitiker. Sie sind sogar notwendige Voraussetzungen für eine politische Karriere, und das ist keineswegs so negativ gemeint, wie es vielleicht klingt. Denn ohne den unbedingten Willen und den Ehrgeiz, ganz nach oben an die Spitze zu wollen, würde keiner die Kraft und die Motivation aufbringen, um den mörderischen Dauerstress durchzustehen, dem man in einem politischen Spitzenamt ausgesetzt ist. Zudem muss ein Politiker in hohen Ämtern bereit sein, als öffentliche Figur zu leben, das heißt weitgehend ohne Privatleben, ohne nennenswerte Freizeit und fast gänzlich ohne Souveränität über die eigene Zeit.

Der Entschluss von Peer Steinbrück, ein Comeback zu wagen, lässt sich nicht an einem bestimmten Ereignis oder einem einzelnen Datum festmachen. Wahrscheinlich hat sein Sinneswandel bereits früh eingesetzt, ohne dass er es anfangs bemerkte. Man muss sich das ganz bildlich vorstellen und sich dabei in ihn und seine damalige Lage hineinversetzen: Da waren zunächst einmal Hunderte Briefe und Anrufe, die er nach der verlorenen Wahl erhielt. Viele wollten nur Trost spenden, Aufmunterung geben oder einfach mitteilen, wie sehr sie mit Steinbrück und der vernichtend geschlagenen SPD mitfühlten.

Dann gab es die vielen Gespräche, in denen offenes Bedauern darüber ausgedrückt wurde, dass die neue Bundesregierung ohne einen so fähigen Mann wie ihn auskommen müsse. Diese Zeichen der Wertschätzung haben im Laufe der Zeit sicher ihre Wirkung auf Steinbrück entfaltet, unmerklich am Anfang zwar, aber durch sie wird er ins Grübeln gekommen sein, seinen Entschluss zum Rückzug noch einmal zu überdenken. Nicht nur Parteifreunde bestürmten ihn regelrecht, an Bord zu bleiben. Nein, auch Hunderte Bürger und nicht wenige Manager und Wirtschaftskapitäne. Offen erklärten sie ihm, dass so einer wie er fehlen würde und er sich deshalb nicht einfach in den Ruhestand verabschieden dürfe.

Am Anfang mag Steinbrück das nicht ernst genommen haben. Schmeicheleien und Lob hören viele Chefs bei ihrem Abschied – die Frage ist nur, wie viel Ehrlichkeit darin steckt. Als aber dann in den Wochen und Monaten nach der Wahl das Bedauern über sein Ausscheiden aus dem Finanzministerium nicht enden wollte und er immer öfter eingeladen wurde, öffentlich über die Krise und ihre Folgen zu sprechen, da begann das süße Gift des öffentlichen Zuspruchs ganz allmählich zu wirken. So schlecht konnte er seine Sache ja nicht gemacht haben, wird er sich angesichts des anhaltenden Interesses an seiner Person gedacht haben. Und wenn ihn die Leute trotz Wahlniederlage und Amtsverlust immer wieder hören und sehen wollten, ihn immer wieder zu Reden und Vorträgen in ganz Deutschland einluden, dann bitte schön!

Die nächste und entscheidende Stufe der Verführung stellten dann vermutlich seine erfolgreichen öffentlichen Auftritten dar, die er ab 2010 in zunehmender Zahl absolvierte. Am Anfang begab er sich vorzugsweise nur in die nähere Umgebung von Bonn, schließlich wollte er die Arbeit am Buch nicht durch weite Reisen vernachlässigen. Doch dem Drängen der SPD im benachbarten Rhein-Sieg-Kreis beispielsweise konnte er im Frühjahr 2010 nicht länger widerstehen. Also fuhr er an einem Sonntag im April die paar Kilometer von seinem Haus in Bad Godesberg nach Meckenheim zu einem seiner ersten öffentlichen Auftritte seit der Bundestagswahl.

Draußen herrscht strahlender Sonnenschein, die Rheinauen sind voll mit Spaziergängern, eigentlich kein gutes Wetter für politische Versammlungen in geschlossenen Räumen. Als Steinbrück im Rathaus Meckenheim eintrifft, findet er den großen Saal bis auf den letzten Platz gefüllt vor. Die Leute sind scharenweise gekommen und drängen sich sogar noch auf den Stehplätzen entlang der Wände. Steinbrück hat sich verfahren und dabei ziemlich verspätet, weshalb die örtliche SPD-Prominenz mehr schlecht als recht versuchen muss, die halbe Stunde Wartezeit zu überbrücken. Die Leute murren, doch sie bleiben im Saal. Sie wollen ihn unbedingt sehen, nur für ihn sind sie gekommen und harren aus. Steinbrück murmelt eine Entschuldigung, als er endlich das Rathaus betritt und legt gleich los, ohne Mikrofonprobe und natürlich ohne Redemanuskript. Alan Greenspan, 9/11, Subprimekrise, Dominoeffekt, Bankenrettung, Weltrezession, Griechenland – Steinbrück ist in seinem Element. Die Zuhörer hängen an seinen Lippen.

Es gibt keine Vereinbarung über die Redezeit, also spricht Steinbrück einfach immer weiter, kommt auf die Währungspolitik der neuen Regierung und ihren »fabelhaften Außenminister« zu sprechen. Gelächter im Saal, Steinbrück freut sich, setzt noch einen drauf, geißelt die Neoliberalen, den Stolperstart der schwarz-gelben Bundesregierung und die Großspurigkeit der Banker, die ihn während der Krise ratlos um Geld anbetteln mussten. Nach einer halben Stunde herrscht im Meckenheimer Rathaussaal eine Stimmung wie beim politischen Aschermittwoch in Bayern. Steinbrück ist in Fahrt, lobt die SPD für ihre Reformpolitik und dafür, dass die Genossen durch die Konjunkturprogramme während der Krise einen noch tieferen Einbruch der deutschen Wirtschaft verhindert hätten. Im anschließenden Applaus und der allgemeinen Begeisterung geht völlig unter, dass der Finanzminister Steinbrück zu Beginn der Krise Konjunkturprogramme als Geldverschwendung bezeichnet hat.

Am Ende seines Auftritts sind nicht nur die Zuhörer euphorisch. Auch bei Steinbrück hat es wieder »Klick« gemacht. Der überfüllte Saal, der Applaus, die Fotografen – die Droge Politik beginnt ihn erneut in ihren Bann zu schlagen. Alle Spitzenpolitiker kennen solche Momente – und vermissen sie bei ihrem Ausscheiden schmerzlich, wenngleich das kaum jemand zugibt. Allerdings hat Helmut Kohl diese Mechanismen der Politiksucht einmal ungewöhnlich offen und mit rustikaler Selbstironie beschrieben: »Wissen Sie, das ist wie bei einem alten Schlachtross. Wenn es die vertraute Marschmusik hört, hebt es den Kopf und trabt wieder los.«

Dem Auftritt Steinbrücks in Meckenheim sollten Dutzende, schließlich sogar Hunderte folgen. Egal wo er sprach, überall muss er in den folgenden Monaten gespürt haben, wie sehr die Menschen nach Orientierung lechzten, nach jemandem suchten, der ihnen flüssig, klar und nachvollziehbar erklärte, warum die Welt aus den Fugen geraten war und wie man sie möglicherweise wieder in Ordnung bringen konnte.

Zum Triumphzug geriet schließlich die Präsentation seines Buches im September 2010. Genau ein Jahr nach der Wahlniederlage stürmte der Titel die Bestsellerlisten, Steinbrück war in allen Talkshows präsent und stieg als Weltökonom mit Durchblick und kantigem Charakter auf wie Phönix aus der Asche. Auf einer Lesereise durch ganz Deutschland füllte Steinbrück große Säle, sprach vor laufenden Kameras und war täglich auf den vorderen Zeitungsseiten zu finden. Niemand betrieb ein so cleveres Ich-Marketing wie er. Er stieß auf mehr Resonanz als jeder Wahlkämpfer und das ohne Parteizentrale, ohne Wahlkampforganisation und ohne PR-Maschinerie, wie sie etwa dem SPD-Vorsitzenden Gabriel oder Fraktionschef Steinmeier zur Verfügung standen. Allerdings brauchte er sich bei seinen Lesereisen auch nicht politischen Gegnern, Zwischenrufern oder den sonst üblichen Störern zu stellen. Er trat ja als Privatmann auf, als freier Autor, redete aus eigener Anschauung und Deutungshoheit ohne die Fesseln eines Wahl- oder Parteiprogramms.

Wahrscheinlich ist es gerade das, was die Zuhörer so in den Bann zieht, diese demonstrative Unabhängigkeit, die Steinbrück ähnlich seinem Vorbild Helmut Schmidt mit souveräner Elder-Statesman-Attitüde zelebriert. Die Deutschen verehren ihren gefühlten Dauerkanzler mehr als jeden anderen Politiker. Auch wenn der Platz als Gewissen der Nation mit Schmidt eindrucksvoll besetzt ist, eifert Steinbrück seinem Mentor gerne nach. Die in Deutschland hochgeschätzte Rolle als Klartextredner, Durchblicker und Weltenerklärer – gepaart mit einer gewissen Bärbeißigkeit und Abgeklärtheit – entwickelt sich zum Publikumsmagneten. Die FAZ stellte bei Steinbrück-Auftritten fast ratlos ein »Massenphänomen« fest. Da erzählt eben keiner sein übliches Parteichinesisch, da nimmt keiner Rücksicht auf Regierungsbeschlüsse, sondern da redet ein anerkannter und prominenter Politiker offen über Missstände, über Probleme und bittere Wahrheiten. Dass er, innerlich aufgeräumt und angriffslustig, die eigenen Leute nicht schont, macht ihn nur noch glaubwürdiger.

Sein Publikum ist bunt und vielschichtig. Es besteht keineswegs aus SPD-Mitgliedern, sondern aus normalen Bürgern, aus Bankern und Hausfrauen, Studenten und Alleinerziehenden. Steinbrück schafft es, bei den politikverdrossenen Deutschen wieder spürbares Interesse für die großen Fragen der Zeit zu wecken. Egal wo er hinkommt, spricht er vor vollem Haus, erntet Applaus und Anerkennung.

Dass ihm angesichts des gewaltigen Medienechos sofort Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur unterstellt wurden, gehört inzwischen zum willkommenen Spiel. Steinbrück hat sich zu diesem Zeitpunkt in der Tat bereits dazu durchgerungen, seinen Hut wieder in den Ring zu werfen. Entsprechenden Mutmaßungen widersprach er zunächst allerdings noch mit der sarkastischen Bemerkung, er wolle gerne mal die SPD sehen, die einen wie ihn zum Spitzenkandidaten küre.

Es war schließlich Sigmar Gabriel, der Steinbrück auf einer Veranstaltung im Willy-Brandt-Haus erstmals als denkbaren Kanzlerkandidaten bezeichnete. Wenige Tage darauf, im September 2010 bei der Buchvorstellung in seiner Geburtsstadt Hamburg, räumte Steinbrück offen seine Ambitionen ein: »Wenn es Spitz auf Knopf käme und man mich bitten würde, in einer schwierigen Lage Verantwortung zu übernehmen, würde ich mich nicht verweigern.«

Solche Sätze formulieren weder Sigmar Gabriel noch Peer Steinbrück aus einer Augenblickslaune heraus. Sie folgen einem großen Plan, an dessen Ende »die Heimholung des Genossen Peer in die Gefühlswelt der SPD« steht, wie der Stern einmal treffend feststellte. Gabriel hat früh erkannt, dass er auf das Potenzial des Krisenmanagers außer Diensten kaum verzichten kann. Instinktiv spürt der SPD-Vorsitzende, dass er jemanden wie Steinbrück braucht, um die SPD wieder aufzurichten. Gabriel hat es in seinem schweren Amt als Parteichef zwar vermocht, den Sozialdemokraten nach der katastrophalen Niederlage wieder etwas Vertrauen einzuflößen, aber die SPD war kaum in der Lage, vom Fehlstart der schwarz-gelben Regierung zu profitieren.

Die Umfragewerte von CDU, CSU und FDP rauschten schon ein halbes Jahr nach der Bundestagswahl in den Keller. Dennoch landeten die von Merkel enttäuschten Wechselwähler nicht wieder bei den Genossen, sondern eher bei den Grünen oder im kräftig wachsenden Lager der Nichtwähler. Selbst der Verlust der CDU-Regierungsmacht in Nordrhein-Westfalen 2010 gab der SPD im Bund keinen zusätzlichen Schub. Nach wie vor beherrschen die Folgen der Finanzkrise die politische Debatte; hinzu kommen die immer klarer zutage tretenden Verwerfungen in Griechenland und innerhalb der gesamten Eurozone.

Gabriel weiß, dass weder er noch SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier das Topthema Eurokrise richtig bedienen können. Ausufernde Staatsschulden in fast allen Euroländern, mangelnde Wettbewerbsfähigkeit in Südeuropa, das schwindende Vertrauen der Investoren in Staatsanleihen – mit diesen Fragen verbinden die Deutschen bei den Sozialdemokraten eben nicht Namen wie Gabriel oder Steinmeier, sondern einen Finanzexperten wie Steinbrück. Gabriel hat schon Anfang 2010 gespürt, dass sich der schwankende Euro infolge der Weltfinanzkrise auf lange Sicht zum dominierenden Thema entwickeln würde. Kaum noch jemand redet seitdem über Klimaschutz oder die Bundeswehrmission in Afghanistan. Selbst klassische sozialpolitische Fragen wie Pflegeversicherung, Krankenkassenreform oder Alterssicherung sind in den Hintergrund getreten. Fast ausschließlich die Eurokrise beherrscht die Nachrichten.

Auch alte Ängste und Vorurteile der Deutschen sind im Zuge der europäischen Währungskrise wieder zum Vorschein gekommen. Da ist beispielsweise der bei Rentnern immer noch spürbare Groll, die starke D-Mark einst gegen den kriselnden Euro eingetauscht zu haben. Da ist der unvermeidliche deutsche Verdacht, in Europa von den anderen Staaten nur ausgenutzt zu werden. Und da ist schließlich die über allem schwebende deutsche Urangst, nach Weimarer Republik und Zweitem Weltkrieg ein drittes Mal das persönliche Vermögen in einer galoppierenden Inflation zu verlieren.

Jedenfalls stand für Gabriel schon 2010 außer Frage, dass Steinbrück das beste Pferd im SPD-Stall sei, wenn Währungskrise, volatile Finanzmärkte und Eurorettung weiterhin die dominierenden Themen der politischen Agenda bleiben sollten. Und so begann er, den selbst ernannten Politikpensionär im Unruhestand wieder aktiv in seine Planungen einzubeziehen, ihn heimzuholen. Die Welt befindet sich in einem kaum kalkulierbaren Wandel, und da darf einer wie Steinbrück nicht fehlen. Zumal die schwarz-gelbe Koalition in schweres Fahrwasser geraten ist und Kanzlerin Angela Merkel wegen ihrer Unentschlossenheit bei der Eurokrise zunächst als Zauderin verspottet wurde. Zudem traten immer wieder Unstimmigkeiten mit ihrem Finanzminister Wolfgang Schäuble zutage, während die liberalen Ressortchefs für Wirtschaft und Äußeres bei der alles beherrschenden Eurokrise überhaupt keine Rolle mehr spielten. Gabriel hoffte also, die SPD in dieser Schwächephase der Merkel-Regierung 2010 als erkennbare Alternative positionieren zu können – und das ging nicht ohne Steinbrück.

Um die Jahresmitte 2010 begannen die beiden mit regelmäßigen Treffen, an denen auch Frank-Walter Steinmeier teilnahm. Diese Dreierrunden hatten aus Gabriels Sicht den nicht zu unterschätzenden Vorteil, dass man den frei schwebenden Genossen Peer zumindest etwas stärker einbinden konnte. In der Tat brachte sich Steinbrück seitdem auch bei größeren Strategietreffen oder Klausurtagungen immer wieder ein, auf denen die SPD an ihren Positionen zur Eurokrise feilte. Mitunter eine ziemliche Gratwanderung, denn einerseits gibt es in der SPD einen solidarischen Ansatz, der vor allem von den Gewerkschaften vertreten wird und für Hilfe zugunsten bedrängter Länder wie Griechenland plädiert. Andererseits ist es gerade bei den deutschen Arbeitnehmern nicht sehr populär, für den finanziellen Schlendrian der Griechen und anderer Mittelmeerländer zur Kasse gebeten zu werden. Dennoch spricht sich die SPD unter Mitwirkung von Steinbrück dafür aus, die steigenden Kosten der Staatsfinanzierung im Euroraum mit Eurobonds, also der Vergemeinschaftung der Schuldenrisiken, zu bekämpfen.

Damit verfolgt die SPD einen deutlich anderen Kurs als Merkel, die mit allen Mitteln gegen die Einführung von Eurobonds kämpft. Wie populär allerdings diese recht generöse deutsche Position bei den Bundesbürgern wirklich ist, mag dahingestellt bleiben. Umfragen ergeben jedenfalls bislang, dass die Mehrheit gemeinsame Staatsanleihen für den europäischen Währungsraum ablehnt. Es dürfte also recht schwierig für die SPD werden, wenn sie sich im kommenden Bundestagswahlkampf vor allem dadurch von der Bundesregierung abhebt, dass sie aktiv für Eurobonds oder für unbegrenzte Garantien wirbt.

Den wichtigsten Schritt bei der Inszenierung des Comebacks von Peer Steinbrück aber macht SPD-Chef Gabriel auf dem großen Parteikonvent, der Ende September 2010 in Berlin stattfindet. Auf den Tag genau ein Jahr nach dem Wahldesaster der SPD soll Steinbrück dort die zentrale Rede zur Wirtschafts- und Finanzpolitik halten. Damit fällt ihm nicht nur eine wichtige Aufgabe zu; aus Sicht der Partei und der politischen Beobachter lässt Gabriel gegenüber Steinbrück damit eine geradezu demonstrative Wertschätzung erkennen.

Und der nutzt in der vollbesetzten Halle vor Hunderten Delegierten und Pressevertretern die Gelegenheit, sich nach der Niederlage kraftvoll auf der politischen Bühne zurückzumelden. Eindringlich warnt er die SPD davor, ihr Heil in einer Linksverschiebung zu suchen. Wie schon in seinem Buch beschrieben stellt Steinbrück die Mahnung in den Mittelpunkt, dass jede Wahl in Deutschland nur in der Mitte gewonnen werden könne. Die SPD sei nur mehrheitsfähig, wenn sie sich auch um Mittelständler, Existenzgründer, Facharbeiter und andere Aufstiegswillige kümmere. »Es reicht nicht aus, wenn wir alleine für die Interessen von Rentnern und Hartz-IV-Empfängern kämpfen«, warnt er. Der Beifall ist verhalten, denn solche Sätze sind vor allem bei den Parteilinken wenig beliebt. Auch nicht Zitate von Karl Schiller, dem einstigen Superminister für Wirtschaft und Finanzen unter Willy Brandt. Steinbrück mag Schiller, der ebenso wie er Volkswirtschaft in Kiel studiert hat und dort als Wissenschaftler und später in Bonn als Minister die Grundlagen für eine moderne Wirtschaftspolitik legte. Er zitiert Schiller mit seinem populären, inzwischen in Vergessenheit geratenen Postulat »So viel Markt wie möglich, so viel Staat wie nötig«. Die wichtigsten, weil für die Zukunft Deutschlands entscheidenden Stichworte listet Steinbrück den aufmerksam, teils allerdings auch gequält zuhörenden Delegierten auf: »ökonomische Wettbewerbsfähigkeit«, »Spitzenförderung« und »eine technologisch orientierte Industriepolitik«. Die SPD, so mahnt er, müsse auch für die da sein, die Leistung bringen.

Das ist nicht gerade der Stoff, mit dem auf Parteitagen sozialdemokratische Begeisterungsstürme entfacht werden. Steinbrück weiß das, formuliert trotzdem seine Rede mit Bedacht. In seinem Bundestagsbüro steht eine rote (!) Luther-Figur aus Plastik. Sie ist weniger ein religiöses Bekenntnis des leidenschaftslosen Protestanten, sondern eher ein Statement: »Hier stehe ich und kann nicht anders.« Mit dieser Haltung präsentiert er sich auch seiner Partei, ganz nach dem Motto: »Ich bin so und nicht anders, und ich denke so und nicht anders – nehmt mich also so, wie ich bin, oder lasst es!«

Aber Steinbrück ist auch klar, dass er nicht übertreiben darf. »Keine Angst, das ist keine Bewerbungsrede«, sagt er ganz zu Beginn seines Auftritts, um dann doch im Stil eines Spitzenkandidaten fortzufahren. Dazu gehört natürlich ebenfalls das Einräumen von Fehlern. So sei es etwa falsch gewesen, die Abgeltungsteuer auf 25 Prozent zu senken – sie hätte höher ausfallen müssen. Auch dem Mindestlohn, einer sozialdemokratischen Kernforderung, kann er jetzt etwas abgewinnen, ebenso einem höheren Spitzensteuersatz – der gehöre zur dringend notwendigen »Rekonstruktion der sozialen Marktwirtschaft«. Zwar fügt er einschränkend hinzu, dass dann die Bemessungsgrenze ebenfalls erhöht werden müsse, denn die SPD dürfe die »Leistungserbringer« nicht aus dem Blick verlieren. Seine Worte gehen allerdings in einem Applaus unter, der fast so etwas wie Erleichterung bei den Genossen ausdrückt. Seht her, der Peer klingt doch an manchen Stellen wie ein Sozialdemokrat.

Desgleichen kommen die Passagen gut an, in denen Steinbrück mit den Banken und Finanzmärkten abrechnet und diese als Verursacher der Krise geißelt. Man müsse sie künftig zur Kasse bitten, fordert er. »Wer soll denn den Scheck bezahlen«, ruft er mit rhetorischer Empörung in die Parteitagshalle, »diejenigen, die das alles zu verantworten haben oder am Ende gar die Geschädigten selbst?« So etwas gefällt in der Nachkrisenzeit – nicht nur bei der SPD, aber dort besonders.

Als Schlusssatz hatte sich Steinbrück eine Formulierung zurechtgelegt, die vom früheren SPD-Vordenker Peter Glotz stammte und jetzt wie ein Fanal wirkte: »Die SPD kann nur dann Schutzmacht der Schwachen sein, wenn sie den produktivistischen Kern der Gesellschaft nicht vergisst und nicht missachtet.« Heißt: Neben der sozialen Balance müsse die Sozialdemokratie Wert darauf legen, »wirtschaftspolitische Kompetenz inhaltlich und auch personell darzustellen«.

Das war deutlich – und wurde auch so verstanden. In den Berichten über seinen Auftritt lautete der Tenor, Peer Steinbrück habe sich aus dem Ruhestand zurückgemeldet. Das Handelsblatt titelte sogar: »Der Herausforderer«.

Klaas Hübner, Sprecher des Managerkreises der Friedrich-Ebert-Stiftung, eine Art sozialdemokratischer Wirtschaftsrat, brachte die Botschaft auf den Punkt: Steinbrück sei die »personifizierte wirtschaftspolitische Kompetenz der SPD«. Und genau darauf komme es in Zeiten der Krise an.

Zu dieser Beurteilung passte dann auch eine Blitzumfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des Handelsblatts nach Steinbrücks Rückmeldung auf der politischen Bühne in Auftrag gegeben hatte: 63 Prozent der Bundesbürger und 75 Prozent der SPD-Anhänger hielten Steinbrück für kompetent in allen Wirtschafts- und Finanzfragen. In dieser Disziplin schlug er sämtliche Parteifreunde um Längen. Die Mehrheit sprach ihm ferner Führungsstärke und Glaubwürdigkeit zu. Auf die Frage: »Wer wäre der beste Kanzlerkandidat der SPD«, nannten die meisten Befragten im September 2010 zwar noch Frank-Walter Steinmeier. Auf Platz zwei folgte allerdings schon der aus dem Ruhestand plötzlich wiederaufgetauchte Abgeordnete Steinbrück – ein erstaunlicher Wert, der seine Zugkraft über die Anhängerschaft der SPD hinaus unterstreicht. Weit abgeschlagen auf Platz drei landete übrigens Sigmar Gabriel. Zwar ist das nur als Momentaufnahme zu betrachten, doch sie spricht für sich. Zumindest konnte die SPD ein Jahr nach ihrer verheerenden Niederlage eines bieten: personelle Auswahl. Aus dem Duo Gabriel und Steinmeier war im Herbst 2010 ein Trio geworden. Peer Steinbrück hatte sich zurückgemeldet und würde seinen Platz an der Spitze auch ohne Parteiamt nicht mehr aufgeben, sondern ihn mit Geschick und einer gehörigen Portion Chuzpe und Selbstbewusstsein zu verteidigen wissen.