Kapitel 9

Schach dem Sponsor

Am 10. April 2006 erhielten Kai Uwe Ricke und Klaus Zumwinkel einen gleichlautenden Brief aus Berlin. Absender war der Bundesminister der Finanzen, Peer Steinbrück. Wie immer, wenn es Post von der Bundesregierung gab, klingelten in den Bonner Chefetagen bei der Deutschen Telekom AG und der Deutschen Post AG sofort alle Alarmglocken.

Der Grund für die hohe Aufmerksamkeit ist einleuchtend: Auch viele Jahre nach der Aufspaltung der staatlichen Bundespost in Telekom, Post und Postbank spielt die Bundesrepublik als Hauptanteilseigner nach wie vor die entscheidende Rolle. Oder um es genauer zu sagen: Der Bund ist der größte Eigentümer und damit der Boss. Und der Boss bestimmt nun einmal in jeder Firma, wo es langgeht. Zwar sind die drei Rechtsnachfolgeunternehmen der Post heute als private Aktiengesellschaften organisiert und werden von einem Vorstand mit Managern aus der privaten Wirtschaft geführt. Doch der Arm des Staates reicht weit, und der Einfluss der Politik bei Telekom und Post ist nach wie vor sehr hoch.

Kai Uwe Ricke, der damalige Telekom-Chef, und Klaus Zumwinkel, zu dieser Zeit Vorstandsvorsitzender der Post, waren also gewarnt. Zumal Peer Steinbrück als Bundesfinanzminister derjenige war, der für die Regierung von Amts wegen alle Unternehmensbeteiligungen des Bundes verwaltete. Stets ist auch einer der Staatssekretäre im Bundesfinanzministerium Mitglied des Aufsichtsrats bei Post und Telekom – schaut also den Vorständen dort direkt auf die Finger.

Was mochte Steinbrück in dem persönlichen Brief an die Chefs seiner beiden größten und wichtigsten Unternehmen wohl ansprechen? War ihm angesichts der Löcher im Bundeshaushalt die Rendite von Post und Telekom wieder zu gering? War er erneut frustriert über den schwachen Aktienkurs der Telekom? Oder handelte es sich um eine dieser zahlreichen Beschwerden über Versorgungslücken beim Internet oder neuen Unmut über die geplante Schließung von Callcentern und Postdienststellen im ländlichen Bereich?

Solche Schreiben von Amtsträgern sind nicht ungewöhnlich, sondern die Regel. Ganze Abteilungen bei Post und Telekom beschäftigen sich mit Wünschen und »Anregungen« aus der Politik. Schließlich greifen längst nicht nur der Bundesfinanzminister und sein für Bundesbeteiligungen zuständiger Staatssekretär zur Feder. Auch andere Minister und nahezu alle Abgeordneten aus Bund und Ländern sind der Meinung, sie könnten als gefühlte »Miteigentümer« von Post und Telekom jederzeit Kritik äußern und Sonderwünsche direkt bei den Unternehmenschefs einfordern.

Doch Peer Steinbrück geht es in dem Schreiben an Ricke und Zumwinkel nicht um unternehmenspolitische Fragen. Vielmehr trägt er auf dem offiziellen Briefpapier des Bundesfinanzministeriums ein rein persönliches Anliegen vor, das eng mit seiner großen Leidenschaft zusammenhängt: »Als begeisterter Schachspieler hatte ich vor einiger Zeit das Vergnügen, gegen den amtierenden Schachweltmeister Wladimir Kramnik in Dortmund eine Partie spielen zu dürfen«, eröffnet Steinbrück sein Schreiben an die beiden Topmanager. Gleich im nächsten Satz stellt er klar, dass er nicht irgendein Hobbyspieler ist: »Wider Erwarten der Fachwelt« habe er die Partie gegen den Weltmeister nämlich nur »knapp verloren«. Jedenfalls steht er seit jenem denkwürdigen Spiel mit Wladimir Kramnik in persönlichem Kontakt. Jetzt ist der Champion mit einem Anliegen an ihn herangetreten, »das ich gerne unterstütze«, betont Steinbrück. Allerdings könne er das »nicht ohne Hilfe tun. Deshalb wende ich mich heute an Sie.«

Kurz gesagt: Der passionierte Schachspieler und Wahl-Bonner Steinbrück braucht dringend Geld, um ein großes Schachevent mit Weltmeister Kramnik und anderen Größen des Brettspiels an den Rhein zu holen. Wie sehr er sein Herz an das Projekt hängt, zeigt allein schon das ungewöhnliche Engagement des viel beschäftigten Ministers: Steinbrück hat sich bereit erklärt, die Schirmherrschaft des Bonner Schachwettkampfs zu übernehmen. Alles was noch fehlt, ist ein ordentliches Sponsoring, und da kommen die beiden Vorstandschefs der größten Bonner Unternehmen ins Spiel: Steinbrück will von Ricke und Zumwinkel eine Million Euro für sein Schachevent.

Zur Begründung seines Anliegens geht der Finanzminister in dem zweiseitigen Schreiben ungewöhnlich ins Detail: Kramnik werde Ende des Jahres 2006 in der Bundeskunsthalle Bonn sechs Partien gegen »Deep Fritz« spielen, den »mit Abstand leistungsstärksten Schachcomputer der Welt«, schwärmt Steinbrück. Die Veranstaltung sei »bereits komplett organisiert und wird von einer eigens gegründeten Agentur, der Universal Event Promotion Event GmbH (UPE) mit Sitz in Dortmund, durchgeführt«. Man habe mit »Herrn Josef Resch frühzeitig einen Investor gefunden, der diesen international beachteten und schon heute von großem Medieninteresse begleiteten Wettkampf vorfinanziert«.

Josef Resch ist in den Geschäftskreisen des Ruhrgebiets kein Unbekannter. Sein beachtliches Vermögen machte der 55-jährige Händler mit dem eisgrauen Bart und den eng stehenden blauen Augen in der Metallbranche als Vermittler zwischen deutschen und russischen Firmen. Der mit einer Russin verheiratete Geschäftsmann und Agent ist nach eigenen Worten »seit 20 Jahren in der Metallwelt zu Hause«. Inzwischen habe sich sein »Geschäft so stabilisiert«, dass er darangehen konnte, »etwas für das Schach zu tun«, sagte er damals in einem Interview. Viele Leute hätten auf ihn eingeredet, »dass es in der Schachwelt eigentlich wenige seriöse Macher gibt, die etwas bewegen und auch realisieren können«. Und da er »ein unternehmerischer Mensch« sei, habe er sich eben »überlegt, ob ich nicht im Schach etwas machen will«. Also gründete er eine Firma, die sich auf die Organisation von Schachturnieren verlegte.

Doch so ganz selbstlos, wie er klang, war der Geschäftsmann nicht. Resch benötigte zusätzliches Geld, um ein solches Großereignis auf die Beine zu stellen. Zumal er selbst natürlich dabei kein Geld verlieren wollte. Deshalb war es auch nicht das Ziel des ehrgeizigen Metallhändlers, lediglich lokale Veranstaltungen zu organisieren. Ihm schwebten möglichst große und hochrangig besetzte Ereignisse vor. Resch betrachtete das für Ende 2006 geplante Duell seines Freundes Kramnik gegen den Schachcomputer »Deep Fritz« bloß als Vorspiel und Aufwärmübung für ein Topevent: 2007 wollte er die »World Chess Challenge« nach Bonn holen, also die offizielle Schachweltmeisterschaft.

Diese Aussicht, die weltbesten Schachspieler in seine Wahlheimat locken zu können, scheint Steinbrück geradezu elektrisiert zu haben. Mit warmen Worten wirbt er bei Telekom-Chef Ricke darum, im Spiel der Könige die beiden Titanen unter den Augen der Weltöffentlichkeit am Rhein gegeneinander antreten zu lassen. Ziel sei ein Duell zwischen Wladimir Kramnik und dem Inder Viswanathan Anand als Herausforderer.

Allerdings hat die Sache einen Haken. Organisator Resch macht die Finanzierung der Weltmeisterschaft in Bonn »davon abhängig, dass sein Investment für den Kampf Deep Fritz‹ gegen Kramnik hereingespielt wird«, schreibt Steinbrück an Ricke. »Die Frage und herzliche Bitte, die ich heute an Sie richte, lautet ganz konkret: Halten Sie es für möglich, dass die Deutsche Telekom als Hauptsponsor einer ›Telekom World Chess Challenge‹ aktiv wird?« Kostenpunkt für das Sponsoring wie gesagt: rund eine Million Euro.

Als habe Steinbrück die Bauchschmerzen von Ricke und Zumwinkel bezüglich der erbetenen Millionenspende vorausgeahnt, fügt er am Schluss seines Briefes ein paar beschwichtigende Worte hinzu: »Mir ist bewusst, dass ein Konzern wie der Ihre an ein solches Engagement andere Maßstäbe anlegt als jene 300 Millionen weltweit aktiven Schachspieler, die diesen Wettkampf vor allem unter sportlichen Gesichtspunkten betrachten«, räumt der Bundesfinanzminister ein. Allerdings versichert der Finanzminister den beiden Managern, dass der Millionenbetrag als Sponsorengeld gut angelegt sei. »Ich bin sicher, dass sich Ihre Unterstützung im wahrsten Sinne des Wortes auszahlen wird.«

Zumwinkel war sich der Brisanz dieser Anfrage voll bewusst. Ausführlich besprach er die Angelegenheit mit Monika Wulf-Mathies. Die frühere EU-Kommissarin und Vorsitzende der Gewerkschaft ÖTV diente der Post als oberste Beraterin in politischen Fragen. Auch Ricke lag die persönliche Bitte des Bundesfinanzministers im Magen. Unter normalen Umständen wäre diese Sponsoranfrage wohl nie beim Vorstandsvorsitzenden gelandet. Hätte Schachorganisator Resch nicht den Bundesfinanzminister vorgeschickt, wäre die Sache bestenfalls von einem Abteilungsleiter bearbeitet und mit wenigen freundlichen Worten abgelehnt worden. Bei Steinbrück sah das natürlich ganz anders aus. Schließlich war er der oberste Vertreter des Hauptanteilseigners. Und der Minister hatte keinerlei Zweifel daran gelassen, wie wichtig es ihm war, die beiden Schachereignisse in Bonn realisieren zu können.

Wie eine heiße Kartoffel wurde der Brief von Steinbrück mit der Bitte um die Millionenspende durch mehrere Abteilungen gereicht, bis sich Ricke nach einem Monat Bedenkzeit am 9. Mai 2006 zu einer Antwort durchrang. Wortreich verwies er auf die vielfältigen Aktivitäten der Telekom im Bereich des Sportsponsorings, angefangen mit dem T-Mobile-Radteam, den Telekom Baskets und der Partnerschaft mit dem Deutschen Fußball-Bund anlässlich der 2006 ausgetragenen Weltmeisterschaft in Deutschland. Sodann führte Ricke die zahllosen Projekte des Konzerns bei Kultur, Bildung sowie Forschung und Innovation auf, um dann seine Ablehnung zu formulieren. »Vor diesem Hintergrund bitte ich Sie herzlich um Verständnis dafür, dass wir von einer Beteiligung als Hauptsponsor an der ›World Chess Challenge 2006‹ leider absehen müssen.«

Auch Zumwinkel zeigte Steinbrück die kalte Schulter. »Der Minister war damals schon ziemlich sauer«, erinnert sich heute jemand, der die Absagen nach Berlin kommunizieren musste. Nicht nur Steinbrück war aufgefallen, dass Post und Telekom zweistellige Millionenbeträge für alle möglichen gesellschaftlichen Projekte aufwendeten. »Da wäre es doch mit ein bisschen gutem Willen auf eine Million mehr oder weniger nicht angekommen«, urteilte später ein Bonner Insider über die heikle Angelegenheit.

Am Ende fanden sich nach mühsamer Suche andere Sponsoren für die Schachweltmeisterschaft in Bonn. Das erforderliche Geld konnte die Firma UEP des deutsch-russischen Metallhändlers Josef Resch schließlich bei Evonik Industries sowie bei Gazprom einsammeln. Erneut hatte Schachfreund Steinbrück seine Beziehungen spielen lassen. Chef des Mischkonzerns Evonik war zu jener Zeit der frühere Bundeswirtschaftsminister Werner Müller. Und wenn es um Gazprom ging, stand mit Gerhard Schröder immerhin ein früherer Bundeskanzler bereit, der für die Gazprom-Tochter Nordstream arbeitete und alten Freunden gerne weiterhalf.

So weit, so gut. Doch ein knappes halbes Jahr später, am Abend des 11. November 2006, klingelte das Handy von Kai Uwe Ricke. Am anderen Ende war sein Pressechef Ulrich Lissek. Die Nachrichtenagenturen verbreiteten gerade eine Vorabmeldung der Bild-Zeitung: »Telekom-Chef steht vor dem Aus«, lautete die Schlagzeile. In Bonn schlug die Meldung ein wie eine Bombe. Konnte das stimmen? Schließlich galt die Bild-Zeitung nicht gerade als erste Quelle für zuverlässige und topexklusive Wirtschaftsnachrichten. Noch dazu kam die Meldung aus Berlin und nicht vom Unternehmenssitz in Bonn. Andererseits recherchierten die Bild-Journalisten gerade bei aufsehenerregenden Geschichten immer ausgesprochen professionell, damit sie sich später nicht mit einem Dementi blamieren mussten.

Die erste Reaktion in Rickes Stab war ungläubiges Staunen. Zwar gab es immer wieder Kritik daran, dass der junge Telekom-Chef mit dem Konzernumbau nicht in der gewünschten Geschwindigkeit vorankam. Und auch der geplante Abbau von über 30 000 Arbeitsplätzen in dem schwerfälligen ehemaligen Staatsunternehmen hatte für Ärger gesorgt. Aber ein Sturz des Vorstandschefs aus heiterem Himmel? Ohne warnende Vorankündigung? Ohne eine Sitzung des Aufsichtsrats, in der man ihm zumindest einmal eine Änderung der Unternehmensstrategie nahegelegt hätte?

Während im rheinischen Bonn die ersten Karnevalsfeiern stiegen, setzten am Telekom-Hauptquartier hektische Recherchen ein. Schnell war klar, dass es sich beim Autor der Meldung nicht um einen Wirtschaftsjournalisten handelte, sondern um einen politischen Korrespondenten mit besten Beziehungen zur SPD. Die Information musste also von dort kommen. Nach weiteren Anrufen beim Bundesfinanzministerium und bei Mitgliedern des Aufsichtsrats stand fest, dass irgendetwas nicht stimmte und Ricke tatsächlich gekippt werden sollte.

Nur einen Tag später ging der überrumpelte Manager mit Klaus Zumwinkel am Rhein spazieren. Der Vorstandsvorsitzende der Post fungierte zugleich als Vorsitzender des Telekom-Aufsichtsrats, eine ungute Zusammenballung von Macht, wie sich später auch bei der sogenannten Spitzelaffäre der Telekom herausstellen sollte.

Wenngleich beide bis heute Stillschweigen über die Einzelheiten von Rickes Ablösung bewahren, ist verbürgt, dass Ricke erst bei diesem Spaziergang erstmals von Zumwinkel persönlich erfuhr, dass die Anteilseigner nicht zufrieden mit ihm seien und er deshalb gehen müsse. Da der amerikanische Finanzinvestor Blackstone aber nur über einen Minderheitsanteil an der Telekom verfügte und die Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat überhaupt nicht gefragt worden war und zunächst Vorbehalte formulierte, musste die treibende Kraft für den Sturz des Telekom-Chefs bei der Bundesregierung zu suchen sein. Spiegel-Korrespondent Frank Dohmen, der seit Jahren über die Telekom schreibt, war denn auch erstaunt, dass »Zumwinkels hektischer Vorstoß nicht sonderlich gut vorbereitet« war und »die Personalie Ricke nun im Hauruckverfahren gelöst werden« sollte. Zumwinkel stand offenbar unter so großem Druck seitens des Bundes als Hauptanteilseigner, dass er noch nicht einmal die Gewerkschaftsvertreter im Aufsichtsrat in den Putsch einbezogen hatte – ungewöhnlich leichtsinnig für einen kühlen Strategen wie Zumwinkel.

»Ricke hat nichts falsch gemacht«, analysierte die Süddeutsche Zeitung, die sich ebenso wie das Handelsblatt äußerst verwundert über die Ablösung von Telekom-Chef Ricke zeigte. Zumal einen Tag später mit René Obermann ein Nachfolger präsentiert wurde, der nach dem Urteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als Chef der Telekom-Mobilfunksparte und als Konzernvorstand an allen wesentlichen Entscheidungen seines Freundes Kai Uwe Ricke beteiligt war. Obermann hatte die meisten Neuorganisationen sogar wesentlich mit vorbereitet. Was er anders und vor allem besser machen sollte als Ricke, war nicht zu erkennen.

»Ich war enttäuscht vom Verhalten Einzelner«, gestand Ricke Jahre später gegenüber dem Wirtschaftsmagazin Capital. Er fühlte sich zu Unrecht abgesetzt, »zum Rücktritt gezwungen, wie man so schön sagt«. Dass er es sich mit seinem Hauptanteilseigner Steinbrück verscherzt haben könnte, sagte Ricke nie.

Die Weigerung des Managers, dem Minister einen dringenden Wunsch bei dessen Leib-Magen-Projekt abzuschlagen, hat das ohnehin schwierige Verhältnis sicher auch nicht verbessert. Steinbrück war mit der Telekom schon aneinandergeraten, als er noch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war. Der damalige Telekom-Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick hatte ein kompliziertes Steuerkonzept entworfen, durch das dem Land Einnahmen in Millionenhöhe entgangen wären. Steinbrück war erbost und ließ Ricke seinen geharnischten Protest übermitteln. Außerdem sorgte der Plan, 32 000 Beschäftigte in dem Magenta-Konzern abzubauen, bei der SPD für erhebliche Proteste. Als Steinbrück Bundesfinanzminister wurde, kritisierte er deshalb Telekom-Chef Ricke ungewöhnlich offen. Die Unternehmenschefs müssten mehr »Verantwortung für den Standort« übernehmen, mahnte Steinbrück im Manager Magazin (Nr.12/2005). »Ein Topmanager muss beachten, wo eine Gesellschaft hindriftet. Welche Erschütterungsdynamik, welcher Vertrauensverlust auch durch die öffentliche Rede ausgelöst werden kann«, so Steinbrück. Er kenne zwar die Zwänge der Firmenlenker. »Wer aber gleichzeitig Rekordgewinne verkündet und den Abbau Tausender Arbeitsplätze ankündigt, kann nicht mit meinem Verständnis rechnen.« Das saß. Das Manager Magazin bezog diese Kritik direkt auf Ricke. Der Telekom-Chef hatte zuvor nämlich in der Tat eine ordentliche Bilanz mit guten Gewinnen ausgewiesen, gleichzeitig aber am Programm zum Personalabbau festgehalten. Nur wenige Monate nach Rickes Entlassung wurde das Abbauprogramm unter dem neuen Telekom-Chef René Obermann übrigens umgesetzt – mit dem Segen des Aufsichtsrates, in dem auch ein sozialdemokratischer Staatssekretär aus Steinbrücks Bundesfinanzministerium saß.

Dem Topmanager der Post ging es nicht besser. Im Gegenteil. Klaus Zumwinkel erhielt am 14. Februar 2008 in seinem Kölner Privathaus Besuch von den Ermittlern der Bochumer Staatsanwaltschaft. Ein gezielt informiertes Kamerateam des ZDF wartete bereits vor der Tür und hielt für ein Millionenpublikum fest, wie einer der einflussreichsten deutschen Manager in einem Auto der Strafermittler zur Vernehmung gebracht wurde. Zumwinkel wurde später wegen Steuerhinterziehung zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Diese war mit der Auflage versehen, eine Million Euro an die Staatskasse und an gemeinnützige Organisationen zu zahlen. Zumwinkel gab schon lange vor dem Gerichtsverfahren auf Druck der Bundesregierung alle Ämter auf und zog sich später ganz aus der Öffentlichkeit zurück.

Die Ermittlungen gegen ihn waren in Gang gekommen, weil ein ehemaliger Mitarbeiter der Liechtensteiner Bank LTG illegal Unterlagen über deutsche Kunden entwendet und diese dem Bundesnachrichtendienst zum Kauf angeboten hatte. Der BND wandte sich daraufhin an die Bundesregierung und dort vor allem an das Bundesfinanzministerium, da es in erster Linie um Steuerfragen ging. Steinbrück gab grünes Licht, gegen Zumwinkel vorzugehen, obwohl die Beschaffung der Unterlagen mit den Namen der deutschen Steuerhinterzieher das Ergebnis einer Straftat war. Die Verwertung dieser in Liechtenstein gestohlenen Daten durch deutsche Steuerbehörden belastete die diplomatischen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und dem Fürstentum schwer. Obwohl die Datei Hunderte Namen deutscher Steuerflüchtlinge enthielt, war Zumwinkel der erste und bislang einzige Prominente, bei dem die Finanzverwaltung vor laufenden Kameras zuschlug.

Über viele Zusammenhänge kann heute nur spekuliert werden. Aber wenn schon damals herausgekommen wäre, dass der Bundesfinanzminister auf einem offiziellen Briefkopf von seinen beiden wichtigsten Bundesunternehmen eine Millionenspende für seinen liebsten Hobbysport verlangt hatte, wäre die Aufregung sicherlich groß gewesen.