Der Fünf-Uhr-Glockenschlag der nahen St. Marienkirche war gerade verklungen, als er sich entschied aufzustehen. Es hatte keinen Sinn, sich hin und her zu wälzen, wenn ihn ein Fall bis in den Schlaf verfolgte. Er warf einen Blick auf die leere Bettseite neben sich und warf die Decke zurück.
Früher hatte Anna seine Unruhe meistens mitbekommen und war wortlos aufgestanden, um ihm einen Tee zu kochen. Diese stille Übereinstimmung zwischen ihnen vermisste er am meisten. Er ging in die Küche und setzte den Wasserkessel auf.
Anna hatte ihn vor fast elf Jahren verlassen. Von einem Tag auf den anderen. Nach fünfundzwanzig Jahren Ehe. Er verstand das bis heute nicht. Es gab keinen anderen. Und keine andere. Sie hatten zwei Kinder großgezogen, die ihren Weg gegangen waren, und die DDR vergleichsweise unbeschadet überstanden. Keine dubiosen IM-Akten und bösen Überraschungen, keine heftigen Erschütterungen und starken Ausschläge. Keine großen Krisen und schlimmen Krankheiten. Keine Hochs und Tiefs. Vielleicht war es gerade das gewesen.
»Ich will noch was haben vom Leben«, hatte sie gesagt, aus dem Nichts heraus, wie es ihm vorgekommen war, aber sicherlich hatte er die Anzeichen schlicht übersehen, verdrängt, für unwichtig erachtet. »Was anderes als diese Insel, so schön sie auch sein mag, die Gleichförmigkeit unseres Alltags und all die Selbstverständlichkeiten zwischen uns. Zufriedenheit und Behaglichkeit allein reichen mir nicht. Nicht bis ans Lebensende. Wer weiß, wie schnell das kommt. Verzeih mir.«
Kasper goss den Tee auf und rieb sich die Stirn.
Nein, er verzieh ihr nicht. Nicht tief drinnen im Herzen – dort, wo er sich so schmerzhaft genau an alles erinnerte. An ihr Lächeln und ihre Worte, an ihre zärtlichen Berührungen und den lasziven Klang ihrer Stimme, wenn sie sich geliebt hatten und sie seinen Namen flüsterte, dass es ihm einen Schauer über den Rücken jagte – auch noch nach Jahren.
Er wusste immer noch, wie ihr Haar roch, wenn sie halbe Tage im Garten verbracht hatte oder mit den Kindern in Zittvitz am Bodden gewesen war, und sah immer noch vor sich, wie sie die Stirn runzelte, wenn sie die Aufsätze ihrer Schülerinnen und Schüler korrigierte. Anna war Deutschlehrerin am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium gewesen und hatte ihren Beruf geliebt. Wahrscheinlich mehr als mich, dachte Kasper, denn Lehrerin war sie immer noch, soweit er informiert war.
Manchmal verfluchte er sein gutes Gedächtnis. Es ließ ihn auch jetzt nicht schlafen.
Ein alter Vermisstenfall. Vielleicht erinnerte er sich so besonders gut daran, weil er in den gleichen Zeitraum fiel wie Annas Entscheidung, ihn zu verlassen. Seine plötzliche Einsamkeit und der unerträgliche Schmerz, der nicht abebben wollte, hatten seine Sinne zusätzlich geschärft.
Kasper rührte braunen Zucker in den Tee und trank zwei kleine Schlucke. Er war sicher, dass das Skelett im Sassnitzer Hafen einer jungen Frau gehörte, nach der in jenem Spätsommer gefahndet worden war, auch auf Rügen. Deren Großvater auf der Insel lebte und seinerzeit fassungslos und feindselig zugleich auf die Polizisten reagiert hatte. Und der allen Grund dazu gehabt hatte, ihnen nicht über den Weg zu trauen.
Kasper trank seinen Tee aus. Dann ging er unter die Dusche. Eine Viertelstunde später machte er sich auf den Weg ins Kommissariat.
Boxen macht den Kopf frei. Völlige Konzentration auf den Augenblick. Kein Abschweifen und Hadern mit dem Gestern, kein Abdriften ins Morgen. Der Ring und die Begegnung mit dem Gegner im Hier und Jetzt. Nur das zählte.
»Sonst ist die Nase schneller krumm, als ihr gucken könnt!«, erklärte Romy den vier fünfzehn- und sechzehnjährigen Jugendlichen, die an diesem frühen Morgen den Weg in die kleine Sporthalle gefunden und sich gemeinsam mit ihr aufgewärmt hatten.
»Okay, es geht weiter mit Schattenboxen. Achtet auf die technisch saubere Ausführung der Schlagkombinationen. Lieber langsamer, aber dafür korrekt.«
Sie boxte seit ihrer Polizeiausbildung. Ihr Vater war fast in Ohnmacht gefallen, als er davon erfuhr, und ihre Mutter hatte auch nicht gerade begeistert gewirkt, eher brüskiert und genervt, dass die Tochter mal wieder derart aus der Reihe tanzte und für familiären Unfrieden sorgte. Abgesehen davon, dass das Boxen ihre Reaktionsschnelligkeit sowie ein gutes Auge schulte und körperliche Fitness und Kampferfahrung wichtige Aspekte ihres Berufes waren, hatte die Abwehr ihrer Eltern den Sport für Romy umso interessanter gemacht.
Die Idee, mit Jugendlichen zu trainieren, vornehmlich jugendlichen Straftätern und sogenannten Problemkids, hatte sie schon in Köln in die Tat umgesetzt. Seit einigen Monaten engagierte sie sich im alten E-Werk in Sassnitz, in dem seit der umfangreichen Sanierung die unterschiedlichsten Jugendprojekte realisiert wurden, und bot Boxtraining an.
Anfangs war sie bestaunt, ausgelacht und angegafft worden. Das kannte sie schon: Sie war nicht nur eine Frau, noch dazu mit südländischem Aussehen, sondern gerade mal eins fünfundsechzig groß und höchstens achtundfünfzig Kilo schwer. Allein damit entsprach sie nicht unbedingt den Vorstellungen der Jugendlichen.
»Klitschko kann ich euch nicht bieten«, hatte sie gesagt. »Ich bin Romy, und meine Rechte ist ganz ordentlich. Davon abgesehen: Ihr lernt bei mir garantiert nicht, wie ihr wild zuschlagt und euren Gegner fertigmacht. Ihr lernt bei mir, Regeln einzuhalten und Respekt vor dem anderen zu zeigen – hier im Ring und vielleicht auch außerhalb.«
Das Motto hatte auch nicht gerade für Begeisterungsstürme gesorgt, doch mittlerweile nahmen regelmäßig zwischen zwei und acht jungen Leuten am Training teil. Zu einem Probekampf forderte sie niemand mehr heraus, seitdem sie Daniel – zwanzig Jahre alt, hundert Kilo schwer, große Klappe und tendenziell aggressiv – in der zweiten Runde auf die Bretter geschickt hatte. Nicht um ihn zu blamieren und vor den anderen kleinzumachen, sondern weil ihr nichts anderes übrig geblieben war. Der Junge hatte es darauf angelegt, sie aus dem Ring zu prügeln.
Daniel hatte sich wochenlang nicht sehen lassen, tauchte aber neuerdings hin und wieder auf, um aus sicherer Entfernung zuzusehen. Romy schätzte, dass er irgendwann wieder am Training teilnehmen würde.
Eine Stunde später verließ sie hellwach und frisch geduscht den Umkleideraum. Ihr Handy klingelte, als sie die Treppen des alten Fachwerkhauses hinuntereilte und gerade ihren Schlüssel aus der Tasche fischte.
»Bist du auf dem Weg?«, fragte Kasper.
»Ja, ich komme gerade aus dem E-Werk. Was Besonderes?«
»Gut möglich. Kannst du direkt hoch nach Glowe fahren?«
»Was wollen wir da?«, fragte Romy.
»Wart’s ab – wir treffen uns an der Hauptstraße, in circa zwanzig Minuten.«
Glowe war ein ehemaliges Fischerdorf im Nordosten der Insel zwischen Ostsee und Bodden. Romy, die kurz nach ihrem Umzug Rügen durchstreift und sich stückchenweise der so schmerzvoll nachklingenden Erinnerung an die wunderbaren Tage mit Moritz gestellt hatte, sah vor ihrem inneren Auge die Schaabe aufsteigen, den kilometerlangen malerischen Strand mit langgestrecktem Waldgebiet hinter den Dünen, die Fischerhäuser, den Seglerhafen, wo Moritz ein Boot gemietet hatte, mit dem sie zum Königsstuhl gefahren waren, wie Tausende andere Touristen auch. Ihr Herz klopfte plötzlich ungestüm.
Er hatte sein lachendes Gesicht mit geschlossenen Augen und weiß blitzenden Zähnen in die Sonne gehalten, das Haar zerzaust, auf der Nase tummelten sich die Sommersprossen, und er roch nach Sonnenmilch und Salz, nach der betörenden Süße eines perfekten Sommers. Romy hatte sich gar nicht sattsehen können an ihm. Ihre Sehnsucht war groß und intensiv gewesen. Kaum zum Aushalten, hatte sie damals gedacht und den Gedanken im Nachhinein mehr als einmal verflucht.
Bei ihrem zweiten einsamen Besuch in Glowe war sie mit zittrigen Beinen zum Strand hinuntergegangen. Auf den Buhnen hatten Möwen gesessen und sich das Gefieder vom Wind glätten lassen. Es war ein klarer Tag gewesen, und sie konnte bis hoch zum Kap Arkona sehen. Eine halbe Stunde hatte sie es dort ausgehalten, dann war sie zurückgegangen. An einem Imbissstand hatte sie einen Döner gekauft, der erstaunlich gut geschmeckt hatte.
Kasper parkte bereits vor dem »Schaabe«-Restaurant und öffnete die Wagentür, als Romy auf der L 30 in den Ort fuhr und neben ihm hielt.
»Willst du mich zum Essen einladen?«, fragte sie, als sie den Helm abgesetzt und sich zu ihm heruntergebeugt hatte.
»Ein anderes Mal, aber dann koche ich selbst.« Er strich sich nachdenklich durch den Bart und stieg aus.
»Ich habe die halbe Nacht nicht geschlafen«, meinte er unvermittelt. »Um sechs bin ich in die Dienststelle gefahren, weil ich keine Ruhe mehr hatte.«
Romy betrachtete ihn aufmerksam und schwieg. Zwischenfragen würden jetzt nur hinderlich sein.
»Ich hatte da was im Hinterkopf – einen Vermisstenfall, der bis heute unaufgeklärt ist – und habe mir vorhin die Akte rausgesucht.«
Auf Kaspers Gedächtnis war Verlass. Er erinnerte sich, wie Fine gern bestätigte, auch noch nach Jahren an scheinbar nebensächliche Einzelheiten, zumindest in besonderen Fällen.
»Die Frau wohnte in Rostock«, fuhr er fort. »Die Kollegen fragten auch bei uns nach, weil die Vermisste einige Wochen vor ihrem plötzlichen Verschwinden aus dem Rügen-Urlaub zurückgekehrt war. Das war im Spätsommer 2000.«
Kasper wandte sich um und bückte sich nach einem Ordner, der auf dem Beifahrersitz lag. »Beate Lauber, achtundzwanzig, Anwaltsgehilfin. Sie hat damals hier nicht nur Ferien gemacht, sondern auch ihren Großvater besucht, Heinrich Lauber, einen alteingesessenen Rüganer. Der Mann verlor völlig die Nerven, als wir bei ihm auftauchten, und hat uns quasi rausgeschmissen.«
»Verständlich.«
»Ja, schon. Aber dabei ging es nicht allein um das Verschwinden der Enkelin. Ein damaliger älterer Kollege erzählte mir mehr zu der Familiengeschichte.«
Romy wartete ab.
»Sagt dir die Bezeichnung ›Aktion Rose‹ etwas?«
Romy runzelte die Stirn. »Hilf mir auf die Sprünge.«
»Rügen zur DDR-Zeit. Walter Ulbricht hat bei einem Besuch festgestellt, dass sich viele Hotels und Pensionen in Privatbesitz befanden – zu seinem großen Ärger«, erzählte Kasper und machte eine wegwerfende Handbewegung. »Wurde jedenfalls so berichtet. Passte nicht in die SED-Planwirtschaft, falls dir das überhaupt noch was sagt.«
»So jung bin ich nun auch wieder nicht, und zur Schule bin ich auch gegangen …«
»Umso besser. Jedenfalls war der große Genosse der Meinung, dass hier dringender Handlungsbedarf bestand, was im Übrigen recht gut zu dem Vorhaben passte, im Nordosten der Insel einen Kriegshafen auszubauen und darüber hinaus eine sogenannte Schutzzone Ostsee einzurichten. Kurzum, die Immobilien wurden also gebraucht: für die Armee, Arbeiter, Polizei. So hat man die Geschäftsinhaber in einer Nacht- und Nebelaktion kurzerhand wegen angeblicher Wirtschaftsvergehen eingesperrt, verurteilt und enteignet. Das war Anfang 1953 und nannte sich, wie gesagt, ›Aktion Rose‹. Immerhin: Die Verbrecher haben sich wenigstens eine hübsche Bezeichnung ausgedacht, findest du nicht?«
Romy schluckte. »Sag es durch die Blume, oder was? Und wie ging es weiter?«
»Nach dem Volksaufstand am 17. Juni wurde eine ganze Reihe der Verurteilten wieder freigelassen, ohne dass man sie jedoch rehabilitierte«, setzte Kasper seinen Bericht fort. »Viele haben die DDR damals verlassen. Von denjenigen, die geblieben sind, bekamen einige wenige die Möglichkeit, ihre Häuser teilweise wieder als Hotels zu nutzen. Sie waren jedoch gezwungen, sie zu den staatlich verordneten Niedrigpreisen zu vermieten, womit der Verfall vorprogrammiert war. Nach der Wiedervereinigung wurden die Geschädigten dann zwar rehabilitiert, aber den materiellen Schaden hat man ihnen nicht ersetzt.« Kasper schwieg einen Moment.
»Und Lauber war ein Geschädigter?«, riet Romy.
»Kann man so sagen. Heinrich Lauber war 1953 dreißig Jahre alt. Ihm gehörte ein hübsches kleines Strandhotel hier in Glowe, das er gemeinsam mit seiner Frau betrieben hat«, fuhr Kasper fort. »Die beiden hatten einen Sohn. Man hat Lauber eingesperrt und sein Hotel kassiert. Als er aus dem Gefängnis zurückkam, hatte man es zweckentfremdet. Er stand vor dem Nichts, bestand aber darauf, in Glowe zu bleiben. Seine Frau hat die Situation nicht ertragen und ist mit dem Sohn zu Verwandten nach Rostock gezogen. Nach der Wende hat Heinrich eine Rückübertragung beantragt, worauf man ihm nach langem Hin und Her mit der Treuhand das Haus zum Verkehrswert angeboten hat. Das konnte er sich aber trotzdem nicht leisten. Einen Kredit bekam er nicht – immerhin war er schon Ende sechzig. Ein Wessi hat schließlich den Zuschlag bekommen. Das Hotel dürfte längst eine Goldgrube sein.«
»Ach du Scheiße.« Romy fiel kein anderer Kommentar ein.
»Du sagst es. Es ist also ziemlich gut nachvollziehbar, dass Heinrich Lauber abweisend auf Polizisten reagiert. So war es damals auch, als wir Amtshilfe für die Rostocker Kollegen leisteten und ihn nach seiner Enkelin befragten.«
Kasper atmete tief durch. Romy konnte sich nicht erinnern, ihn je länger an einem Stück reden gehört zu haben. Er wirkte regelrecht erschöpft.
»Eine miese Geschichte«, bestätigte sie. »Zeitlich und vom Alter her könnte Beate Lauber durchaus zu dem Skelett passen, aber wäre es nicht besser, die ersten fundierten rechtsmedizinischen Ergebnisse abzuwarten und mit anderen Vermisstenfällen abzugleichen? Ich finde, wir haben ein bisschen wenig, um den alten Herrn damit aufzuschrecken …«
Kasper rieb sich das Kinn. »Der war schon damals davon überzeugt, dass ihr was passiert ist.«
»Wie meinst du das?«
»So drückte er sich aus – ich erinnere mich noch ziemlich genau daran: Die lebt nicht mehr, hat er gesagt. Die haben sie erledigt. Dann warf er uns die Tür vor der Nase zu und …«
»Wer ist die?«, fiel Romy ihm ins Wort.
»Das ist die Frage. Seinerzeit habe ich diese Bemerkungen Heinrichs Aufregung und seiner tiefsitzenden Verbitterung zugeschrieben, ohne mir andere Gedanken dazu zu machen. Doch jetzt finde ich es wichtig, dass wir ihn noch einmal befragen, wann Beate bei ihm war, was sie unternommen hat und so weiter. Vielleicht entdecken wir einen Hinweis.«
»Der Mann ist heute achtundachtzig, wenn ich richtig gerechnet habe«, wandte Romy vorsichtig ein.
»Hast du. Manche sind mit sechzig schon vergreist oder sogar mit vierzig oder kommen so zur Welt, andere laufen erst mit achtzig zur Hochform auf«, gab Kollege Schneider zu bedenken.
Romy musterte den Kollegen. Die Angelegenheit war ihm auffallend wichtig.
»Na gut, reden wir mit ihm«, stimmte sie zu. »Wir halten uns aber bedeckt, was das Skelett angeht.«
Kasper nickte.
»Wo wohnt der Mann jetzt?«
»Gleich um die Ecke in einem Altenheim vom Roten Kreuz. Ich habe mit der Chefin schon mal kurz telefoniert«, erläuterte Schneider. »Sie ist einverstanden, dass wir den alten Herrn besuchen und ein Gespräch in Gang zu setzen versuchen. Aber sie wirft uns achtkantig wieder raus, wenn wir den Heinrich verärgern. Hat sie gesagt. Und wir können davon ausgehen, dass sie meint, was sie sagt, und tut, was sie ankündigt.«
Jedes Jahr verschwanden in Deutschland Tausende von Menschen jeder Altersgruppe. Die meisten tauchten innerhalb kurzer Zeit wieder auf, einige fielen einem Verbrechen zum Opfer oder verunglückten, andere waren auch nach Jahren wie vom Erdboden verschluckt, und manch einer wurde nie als vermisst gemeldet.
Um dem Skelett im Sassnitzer Hafen möglichst schnell auf die Spur zu kommen, hatte Maximilian Breder eine IN-POL-Datenbank-Abfrage erstellt, mit der er auf bundesweite wie auch länderspezifische Falldaten zurückgreifen konnte. Dabei ordnete er den Basisinformationen – weiblich, zum Zeitpunkt ihres Verschwindens zwischen Anfang zwanzig und Ende dreißig Jahre alt – ein regionales Raster zu, das sich zunächst auf Mecklenburg-Vorpommern beschränkte, aber jederzeit erweitert werden konnte. Den Zeitraum des Verschwindens hatte er mit acht bis achtzehn Jahren bewusst großzügig gewählt.
Maximilian Breder liebte die Arbeit mit Datenbanken. Die Entwicklung von ausgeklügelten und präzise formulierten Filterfunktionen, die auf direktem Weg zu Antworten führten, zu denen die Fragen noch gar nicht gestellt waren, faszinierte ihn zutiefst. Er hätte eine weitschweifige Abhandlung über die Wichtigkeit von Bedingungssätzen und Überschneidungs-Abfragen schreiben können, wobei er in einem gesonderten Kapitel nahezu leidenschaftlich auf die seiner Ansicht nach oft vernachlässigten Feinabstimmungs- und Aktualisierungsprozesse eingegangen wäre; und einmal mit einer Aufgabe betraut, ließ er nicht wieder locker, bis der Fall abgeschlossen war.
Der junge Kommissar arbeitete sich beeindruckend schnell durch riesige Aktenberge beziehungsweise Datenmengen, um die für den jeweiligen Fall relevanten Informationen herauszufiltern und in komplexe Zusammenhänge einfließen zu lassen oder diese überhaupt erst zu ermöglichen. Er war gescheit und hochmotiviert, seine schnelle Auffassungs- und Kombinationsgabe wurde gerühmt und geschätzt, und er hatte diesbezüglich, und zwar nur diesbezüglich, viele Neider. Doch im Außendienst galt er als Null und Witzfigur, und während der Ausbildung hatte er es nicht gerade leicht gehabt.
Breder grauste es vor der direkten Auseinandersetzung mit Kriminellen oder auch nur Verdächtigen, am Tatort und in der Pathologie wechselte seine Gesichtsfarbe grundsätzlich ins Buttermilch-Grünliche, und er gehörte stets zu den Ersten, die würgend aus dem Raum stolperten. Am Schießstand erreichte Maximilian zwar passable Ergebnisse, und seine Fitnesswerte waren ganz okay, aber damit hatte es sich dann auch schon.
Wenn ihn jemand fragte, warum er zur Kripo gegangen war, antwortete er in der Regel im Brustton der Überzeugung, dass Verbrechen für ihn nichts anderes als eine Wissenschaft war, der er sich mit den Mitteln der hochkomplexen Datenerfassung zu nähern versuchte.
Toughe Kommissare gab es genug. Raffinierte Psychologen und Profiler mittlerweile auch. Verhörprofis, die meinten, bereits den Ansatz einer Lüge am verräterischen Zucken einer Augenbraue erkennen zu können, waren längst ein alter Hut. Aber Spezialisten, die alle im Laufe eines Falls zusammengetragenen Informationen in einer stetig wachsenden Datentabelle sammelten und daraus wichtige Hinweise für eine schlüssige Ereigniskette ableiten konnten, waren selten.
Seine letzte Freundin war begeistert gewesen, als Max ihr von seinem Berufsverständnis und den Anforderungen seines Aufgabenbereichs vorgeschwärmt hatte. Natürlich hatte er nicht erwähnt, dass ihn die meisten seiner Kommilitonen während der Ausbildung in Schwerin kaum ernst genommen hatten, sobald es um Ermittlungen und Einsatzfragen abseits des Schreibtisches ging, und auf seine beliebtesten Spitznamen – Listen-Max oder Raster-Breder – hatte er auch nicht hingewiesen.
Seine Lehrer hatten sich mehr als einmal gefragt, ob es eine vernünftige Idee war, Breder zum Kriminalbeamten auszubilden, und Max hatte ihre Bedenken durchaus nachvollziehen können. Glücklicherweise waren seine Vorgesetzten bislang weder in Schwerin noch in Stralsund auf die Idee gekommen, den zarten Max in den Einsatz zu schicken. Er klebte an seinem Schreibtisch, und da die überwiegende Mehrzahl seiner Kollegen genau das nicht anstrebte, waren alle glücklich mit dieser Arbeitseinteilung.
Max hoffte, dass es in Bergen genauso sein würde, und tat alles dafür, seinen Einstiegsjob zur vollen Zufriedenheit zu erledigen, mehr noch: so bravourös, dass niemand sich vorstellen konnte, ihn je abseits seines Computers einzusetzen.
Beate Lauber stand ganz weit oben auf der Liste, nachdem Max die Ergebnisse der ersten Abfrage sortiert hatte – gefolgt von etlichen anderen Namen. Einige davon erwiesen sich bei der Recherche als aufgeklärte Fälle, entweder weil die Frauen Opfer eines Verbrechens oder eines tragischen Unglücks geworden oder nach einer Entführung zurückgekehrt waren.
Zwei Fälle erregten Maximilians Aufmerksamkeit, weil die Frauen nach der Rückkehr in ihre Familien ähnlich klingende Aussagen gemacht hatten: Maria Bernburg aus Greifswald war im Frühjahr 1995 für knapp zwei Wochen verschwunden, und Mirjam Lupak, die aus Stralsund stammte, hatte sich im Herbst 2005 zehn Tage in den Händen eines Entführers befunden.
Die Ereignisse lagen zeitlich weit auseinander, dennoch hatte die Polizei bei ihren damaligen Nachforschungen einen Zusammenhang zwischen dem Lupak- und dem Bernburg-Fall vermutet – ohne jedoch zu einem Ergebnis zu kommen, geschweige denn einen Verdächtigen ins Auge zu fassen. Die Ermittlungen verliefen seinerzeit im Sande.
Max speicherte die Fälle in seiner Datenbanktabelle ab. Man konnte nie wissen.
Heinrich Lauber saß am Fenster im Gemeinschaftsraum und las Zeitung. Ein kleiner knorriger Mann mit schlohweißem raspelkurzem Haar und Schnauzbart. Seine Gesichtsfarbe zeugte von frischer Luft und Sonne. Er sah hoch, und Romy traf ein forschender Blick aus schmalen stahlblauen Augen, in denen Intelligenz und Wachheit um die Wette funkelten.
»Morgen, Herr Lauber«, sagte sie lächelnd. »Dürfen wir uns einen Augenblick zu Ihnen setzen?«
Laubers Blick wanderte hinüber zu Kasper. Der grüßte ebenfalls.
»Kommt drauf an«, erwiderte Lauber und fixierte wieder Romy. »Wollen Sie schon wieder eine Befragung durchführen?«
»Was für eine Befragung?«
»Zufriedenheit hier im Heim und so weiter. Statistischer Kram für den MDK.« Er betonte die einzelnen Buchstaben mit unüberhörbarer Verächtlichkeit. »Da hab ich keinen Bock drauf. Wenn mir was nicht passt, sag ich das den Leuten selbst – das können Sie wohl annehmen.«
»Tue ich gerne. Nee, deswegen sind wir nicht hier.«
»Sondern?«
»Wir kommen aus Bergen«, sagte Romy und stellte Kasper und sich kurz vor. »Kriminalpolizei. Unter Umständen können Sie uns weiterhelfen.«
Lauber straffte die Schultern und schüttelte entrüstet den Kopf. »Ich rede nicht mit der Polizei – unter gar keinen Umständen. Sie können sich gleich wieder vom Acker machen.«
Er wies in Richtung Tür, für den Fall, dass die Kommissare vergessen haben sollten, wo sich der Ausgang befand.
»Wir bearbeiten einen schwierigen Fall, bei dem das Verschwinden Ihrer Enkelin eine Rolle spielen könnte, und wir brauchen Ihre Unterstützung«, ergänzte Romy unbeirrt.
Lauber verschränkte die Arme vor der schmalen Brust. »Ihr Problem. Sie können mich ja mal versuchen vorzuladen.« Er schlug mit dem Handrücken auf die erste Seite seiner Zeitung und schüttelte erneut den Kopf. »Gehen Sie!« Sein Ton war unmissverständlich.
»Herr Lauber …«
Sein Kopf schnellte vor. »Ich habe im Zuchthaus Bützow-Dreibergen gesessen, nachdem mich zwei Polizeischüler verhaftet, ein ausgesuchter Staatsanwalt angeklagt und ein für die ›Aktion Rose‹ eingesetzter Richter verurteilt hatte. Und später hat sich niemand verantwortlich gefühlt für den ganzen Scheiß, den man mir angetan hat! Mit euch habe ich nichts mehr zu schaffen«, fuhr er sie scharf an und zeigte mit einem knochigen Zeigefinger auf sie. Seine Hand zitterte.
»Das verstehe ich, aber es geht auch um Ihre Enkelin. Sind Sie nicht daran interessiert …?«
»Nein. Sie ist längst tot. Das weiß ich. Und nun gehen Sie endlich!«
Damit wandte er den Blick ab und blätterte laut raschelnd um. Zwei Tische weiter warf eine weißhaarige Frau Lauber einen missbilligenden Blick zu, bevor sie aufstand und kopfschüttelnd das Weite suchte.
Romy musterte Heinrich Lauber einen Moment, dann griff sie kurzerhand einen Stuhl vom Nebentisch, schob ihn an Laubers Tisch und setzte sich ihm gegenüber. Kasper holte tief Luft.
Lauber hob ruckartig den Kopf. »Sie können mich nicht zwingen, aber ich kann Sie …«
»Ich weiß – völlig klar. Sie können uns rausschmeißen lassen, und zwar jederzeit. Aber bevor Sie das tun, gewähren Sie mir einen letzten Versuch!«, unterbrach Romy ihn eilig und beugte sich vor. »Wenn ich Sie dann nicht überzeugt habe, gehen wir sofort und kommentarlos!«
Er starrte sie aus schmalen Augenschlitzen stumm an. Ihre Hartnäckigkeit schien ihm zu imponieren, aber er traute ihr nicht zu, ihn zum Einlenken zu bewegen.
»Ich war 1953 noch nicht mal geboren«, begann Romy nach kurzem Schweigen leise zu erzählen. »Mein Vater stammt aus Neapel und lebt in München. Als die Mauer fiel, war ich dreizehn Jahre alt und habe keine Ahnung gehabt – weder von der DDR noch von der ›Aktion Rose‹. Was man Ihnen angetan hat, ist eine riesengroße Schweinerei. Nur ich kann nichts dafür, gar nichts! Ich mache meinen Job, und ich will ihn gut machen. Und wenn es dabei nicht auch um Ihre Enkelin Beate ginge, wären wir gar nicht hier.«
Lauber blickte kurz hoch zu Schneider und fixierte dann erneut Romy. Sekundenlang. Mit unerbittlich scharfem Blick. Schließlich lehnte er sich zurück.
»Was wollen Sie wissen?«, stieß er hervor.
Romy atmete tief durch. »Danke«, sagte sie leise und nickte dem alten Herrn zu, während Kasper sich ebenfalls setzte.
Lauber machte eine wegwerfende Handbewegung und gab sich Mühe, keinerlei Regung zu zeigen.
»Beate hat in jenem Sommer Urlaub auf Rügen gemacht«, sagte Romy. »War sie häufiger bei Ihnen zu Besuch?«
»Alle Jubeljahre mal. Ist ja auch nicht so einfach mit einem griesgrämigen, alten Großvater …« Er räusperte sich.
»Können Sie sich an Einzelheiten erinnern? Hat sie sich mit Leuten getroffen? Von besonderen Ereignissen oder Begegnungen berichtet?«
»Sie wollte ausspannen, hat sie gesagt«, antwortete er zögernd. »Aber ich habe gleich gemerkt, dass es nicht nur darum ging.«
»Wie meinen Sie das?«
»Sie war viel unterwegs. Auch im Hotel … in meinem Hotel.«
»Was wollte sie da?«
»Mit den Besitzern reden. Sie auf die Geschichte des Hotels aufmerksam machen«, antwortete Beates Großvater leise. »Auf das, was man damals mit mir gemacht hat. Mit mir und anderen. So was in der Art.«
»Und? Wie reagierten die?«
Lauber schüttelte den Kopf. »Beate erzählte keine Einzelheiten, aber sie wirkte ziemlich frustriert. Ich habe ihr gesagt, sie soll die Finger davon lassen. Nach all den Jahren … warum sollte sich jemand dafür interessieren …?« Er winkte ab. »Aber sie hatte schon immer einen ziemlichen Dickschädel.«
Von wem sie den wohl hatte.
Lauber kniff die Augen zusammen und sah sie forschend an. »Ich weiß genau, was Sie denken!«
Er runzelte die Stirn, aber besonders verärgert wirkte das in diesem Augenblick nicht. »Sie wollte jedenfalls nicht einfach aufgeben. Sie hatte herausgefunden, dass es wohl mehrere Besitzer gab, Geldgeber, Investoren, wie es immer so schön heißt. Und die wollte sie abklappern.«
»Aber mit wem sie gesprochen hat, wissen Sie nicht?«
Lauber schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe keine Ahnung. Sie ist dann zurück nach Rostock und sagte, sie meldet sich. Sie konnte gut mit ihrem Chef – dem Anwalt. Vielleicht wollte der ihr weiterhelfen. Ist aber nur eine Vermutung von mir.«
»Wissen Sie, wie ihr Chef hieß?«
»Ja – das war ein Dr. Kranold.«
»Herr Lauber, damals sagten Sie den Polizeibeamten, dass Beate erledigt worden wäre – von denen.«
Er kniff die Augen zusammen. »Das stimmt. Sie haben ja mitgekriegt, dass ich nicht gerade begeistert reagiere, wenn welche von Ihrer Sorte vor der Tür stehen – das ist das eine. Das andere, nun … Das Hotel hat uns kein Glück gebracht, und ich hatte sofort den Gedanken, dass Beate vielleicht den falschen Leuten auf die Füße getreten ist. Würde zum Schicksal unserer Familie passen.« Er zuckte mit den Achseln. »Wie gesagt – nur ein Gedanke, den ich nicht ausgeführt habe. Man hätte ihm sowieso keine Beachtung geschenkt.«
Wahrscheinlich nicht. Der Hinweis ist nicht ernst genommen worden, dachte Romy. Ein niedergeschlagener und verdrossener alter Mann gibt ein paar heftige Kommentare von sich – verständlich nach allem, was er durchlebt hat. Da muss man nicht ernsthaft bei jeder Bemerkung nachhaken. Vielleicht doch.
»Erlauben Sie noch eine persönliche Frage?«, fügte Romy abschließend hinzu.
»Ich habe das dumme Gefühl, dass Sie sich kaum davon abhalten lassen.«
Sie lächelte. »Was ist aus Ihrer Familie geworden?«
Lauber wandte den Blick kurz ab. »Meine Frau, meine Exfrau, ist vor zwei Jahren gestorben. Sie hatte wieder geheiratet und wohl noch ein ganz passables Leben geführt. Gut so. Mein Sohn ist 1995 ausgewandert: nach Neuseeland. Manchmal schreibt er Postkarten. Ist wohl schön da.«
»Haben Sie ihn seinerzeit wiedergesehen, als Ihre Enkelin verschwand?«
»Er kam für ein paar Tage.« Lauber schluckte. »Er konnte nicht länger bleiben. Ich habe das verstanden. Die Insel hat es nicht gut mit unserer Familie gemeint. Nur ich bin noch hier. So schnell gebe ich nicht auf.«
Er hat es verstehen wollen, dachte Romy. Sie streckte die Hand aus, um sich zu verabschieden. »Herr Lauber …«
Er schüttelte den Kopf und ignorierte ihre Hand. »Warten Sie! Warum jetzt all diese Fragen?«
»Wie schon gesagt, wir arbeiten an einem Fall …«
»Was für ein Fall?«
»Ein Mann ist erschlagen worden.«
»Und was hat das mit Beate zu tun?«
»Genau das wissen wir eben nicht.«
Der alte Mann schüttelte energisch den Kopf. »Sie reden Stuss! Wie kommen Sie auf Beate?«, fuhr er sie an.
Kasper beugte sich vor und meldete sich erstmals bei der Befragung zu Wort. »Es gibt eindeutige Hinweise, dass an dem Ort, an dem wir den Mann gefunden haben, vor langer Zeit ein weiteres Verbrechen geschehen ist. Und wir prüfen nun die Umstände.«
»Aha. Und wo habt ihr den Mann gefunden?«
»In Sassnitz – am Hafen.«
Lauber runzelte die Stirn. »Beate war auch in Sassnitz unterwegs, aber ich weiß nicht, wo.«
Als Romy ihm nach langem Schweigen erneut die Hand entgegenstreckte, griff Heinrich Lauber zu und drückte sie erstaunlich kraftvoll. »Wenn ihr was findet, sagt mir Bescheid.«
»Das tun wir.«
»Versprochen?«
»Ehrenwort.«
Lauber nickte nach kurzem Zögern, und Romy sah ihm einen Moment in die Augen, bevor sie aufstand und sich verabschiedete.
Zwei Minuten später standen sie vor der Tür des Seniorenheims. Die Kommissarin lehnte sich gegen ihren Roller, während Kasper mit verschränkten Armen sinnierend in die Ferne blickte. Ein Bus mit Münchner Kennzeichen fuhr an ihnen vorbei.
»Wem gehört das Hotel jetzt?«, fragte Romy.
»Keine Ahnung.«
»Hast du ein Foto von Beate dabei?«
Romy sah auf ihre Uhr. Noch früh am Tag. Sie wählte Fines Nummer im Kommissariat.
»Ist unser Neuer schon da?«, fragte sie, kaum dass Fine sich mit dröhnender Stimme gemeldet hatte.
»Schon längst. Scheint ein fleißiger Junge zu sein. Sitzt wie angewachsen vor dem Computer und recherchiert wie ein Weltmeister. Er sucht alles zu alten Vermisstenfällen zusammen, was er nur finden kann, und ordnet sie nach festgelegten Aspekten in einer eigens angelegten Datenbank«, erläuterte Fine begeistert und vergleichsweise ausführlich. »Klingt total spannend, was der Junge da macht. Und ziemlich schlau.«
»Wie schön«, kommentierte Romy zurückhaltend. Computer- und Statistikfreaks würden ihr immer fremd bleiben – wahrscheinlich weil sie selbst auf dem Gebiet nicht gerade glänzte.
»Ich brauche mal ganz schnell eine Info, Fine. Heinrich Lauber, Jahrgang 1923, hatte in Glowe ein Hotel am Strand, jedenfalls bis Herr Ulbricht 1953 meinte, dass er es für DDR-Zwecke bräuchte. Ich muss wissen, wer im Jahr 2000 Besitzer war.«
Fine machte eine längere Pause. »Hab ich was verpasst? Ein weiterer Fall? Noch dazu in Glowe?«
»Nein, ich hoffe nicht. Kasper hat sich im Zusammenhang mit dem Skelettfund an einen alten, unaufgeklärten Vermisstenfall erinnert: Beate Lauber aus Rostock verschwand im Spätsommer 2000, kurz nach einem Urlaubsaufenthalt auf Rügen. Sie war damals achtundzwanzig Jahre alt«, erläuterte Romy. »Heinrich Lauber ist ihr Großvater. Vielleicht taucht ja der Name sogar schon in Max’ Datenbank auf …«
»Kann ich mir gut vorstellen!«
»Später dann mehr zu den Einzelheiten. Kriegt ihr das in Kürze hin? Wir sind nämlich gerade vor Ort und würden dem Hotel gerne sofort einen Besuch abstatten. Ein paar Vorabinformationen wären dabei hilfreich. Wir setzen uns solange in die ›Schaabe‹ und trinken einen Kaffee oder auch zwei.«
»Einer reicht – ich spute mich.«
Fine meldete sich eine gute halbe Stunde später.
»Ich habe einiges für euch«, kündigte sie an. »Also: Es geht um das kleine Strandhotel am Königshörn. Ab 1953 war nach der ›Aktion Rose‹ die Volkspolizei und später dann die Kreisverwaltung drin. Nach der Wende hat es schließlich ein Typ aus Bad Segeberg gekauft, Hinz Posall, der hatte wohl gute oder sogar allerbeste Kontakte zur Treuhand. Da war es allerdings ziemlich marode und musste …«
»Wie kommst du darauf, dass er gute Treuhand-Kontakte hatte?«, fiel Romy ihr ins Wort.
»Da gehe ich mal ganz stark von aus, denn es lag ein Rückübertragungsanspruch des Altbesitzers vor, der aber nicht realisiert werden konnte«, erwiderte Fine. »Posall hat dann ziemlich schnell den Zuschlag bekommen. Das spricht nach meinen Erfahrungen für allerbeste Kontakte.«
Romy nickte. Fine war Ende fünfzig und auf Rügen geboren und aufgewachsen. Sie wusste, wovon sie sprach.
»Verstehe. Lauber fehlte das Geld, und er galt als nicht kreditwürdig«, resümierte Romy.
»Kann man annehmen. Ende 1999 wurde es dann von einer GmbH übernommen und komplett saniert. Geschäftsführer blieb allerdings der Posall, und er ist es auch heute noch«, fuhr Fine fort.
»Wer sind die Gesellschafter?«
»Mehrere Geschäftsleute … warte mal, das steht auf einem gesonderten Blatt. Ich hab’s gleich … Ach, nee, ne?«
»Mach’s nicht so spannend!«
»Einer der Gesellschafter ist Thomas Bittner, ein anderer heißt Klaus Posall, vielleicht ein Bruder von Hinz«, mutmaßte Fine. »Und … der dritte Gesellschafter, das glaubst du jetzt nicht, ist die Firma von Kai Richardt.«
Romy schwieg beeindruckt.
»Bist du noch dran?«
»Ja.«
»Interessant, oder?«
»Das kannst du laut sagen.«
»Wann kommt ihr eigentlich zurück?«, schob Fine hinterher. »Ach, noch was – unser Max hat Beate Lauber tatsächlich bereits in seiner Datenbank erfasst«, erörterte sie in eindeutig stolzem Unterton, bevor Romy auf ihre Nachfrage eingehen konnte. »Außerdem ist er auf zwei weitere Vermisstenfälle gestoßen, die wir uns mal genauer ansehen sollten …«
»Warum?«
»Weil die wohl in das regionale Raster fallen, wie er bemerkt hat«, entgegnete Fine.
Regionales Raster? Romy schwirrte der Kopf. Als hätten sie nicht mehr als genug zu tun. Sie atmete tief durch.
»Gut, sehe ich mir später an. Wir fahren jetzt zunächst in das Hotel und kommen danach zurück«, erwiderte sie. »Vielleicht treffen wir ja diesen Posall an. Könntest du noch einen kleinen, aber sehr wichtigen Job übernehmen?«
Fine schnaubte. »Nett, dass du wenigstens fragst. Wir haben ja hier sonst kaum was zu tun.«
Romy lächelte. »Mach doch mal den Zahnarzt von Beate Lauber in Rostock ausfindig. Die Frau hat als Anwaltsgehilfin in der Kanzlei von Doktor Kranold gearbeitet. Ein Abgleich mit dem Zahnstatus des Skeletts ist, glaube ich, eine ganz brauchbare Idee und bringt, wenn wir Glück haben, zügig ein Ergebnis. Aber nicht vergessen: Bislang geht es nur um eine allererste Vermutung, der wir behutsam nachgehen!«
»Verstehe. Keine Einzelheiten.«
»So ist es.«
»Sonst noch was?«
»Wenn die Kollegen am Hafen etwas finden …«
»Melde ich mich sofort, na klar. Und ich melde mich natürlich auch, falls der Möller anruft.«
»Danke. Ach, noch was: Falls der fleißige Max noch Nachschub an Arbeit braucht, drücke ihm einfach die Mails, Kundenlisten und sonstigen Kontaktdaten von Richardt in die Hände. Vielleicht kann er die auch in irgendein hübsches Raster packen und findet auf dem Weg heraus, wer dem tollen Kai vielleicht doch nicht ganz so wohlgesinnt war …«
»Du machst dich jetzt aber nicht lustig über ihn?«
»Gott bewahre – nein!« Romy verdrehte die Augen.
»Dann ist ja gut.«
»Bis später.«
Romy steckte ihr Handy ein und blickte Kasper an. »Fine ist dabei, unsere Stralsunder Unterstützung zu adoptieren. Das aber nur am Rande. Lass uns fahren.«
»Wohin?«
»Königshörn. Du glaubst es nicht – Thomas Bittner und unser Kai Richardt beziehungsweise sein Geschäft sind seit Ende 1999 Mitgesellschafter des Hotels. Vielleicht sind sich Beate Lauber und Richardt sowie Bittner sogar mal über den Weg gelaufen. Was gar nichts heißen muss …«
»Aber kann.«
»Genau.«