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Das Greifswalder Institut meldete sich gegen Mittag, wenige Minuten nachdem die Genehmigung für die Einsicht in die Verbindungsnachweise von Richardts Festnetzanschluss durch war. Dem gewünschten Einblick in Vera Richardts Handy-Aktivitäten war jedoch nicht zugestimmt worden. Romy hatte damit gerechnet, dass die Argumente nicht gänzlich überzeugen würden, war aber trotzdem sauer – im Gegensatz zu Kasper, der den Bescheid denkbar gelassen aufnahm. »Dann eben nicht.«

Als Dr. Möller auf ihrem Büroapparat anrief, hatte sie sich gerade wieder so weit abgeregt, dass sie vernünftig telefonieren konnte.

»Wir haben mehrere Ergebnisse für Sie«, sagte er in seiner gewohnt herzlichen Art. »Marko Buhl ist schon wieder unterwegs, eine Mail mit vielen fachspezifischen Erläuterungen habe ich gerade an Ihre Dienststelle geschickt. Aber ich bin durchaus für den direkten Weg, wie Sie vielleicht schon gemerkt haben.«

»Ja, das ist hier schon aufgefallen und freut mich sehr.«

»Dachte ich mir. Womit fangen wir an? Die Gummihandschuhe?«

»Nur zu.«

»Wir haben Spuren eines handelsüblichen Reinigers nachweisen können, was nicht so spannend anmutet«, erläuterte Möller. »Aber ein anderer Aspekt dürfte Sie freuen: Wir haben menschliche DNA in Form eines abgebrochenen Fingernagels gefunden! Sie stimmt nach einer ersten Analyse mit dem genetischen Profil von Kai Richardt überein.«

Romy ballte eine Hand zur Faust. »Na bitte! Jetzt nimmt das Ganze endlich Form an! Der Typ hat da unten bestimmt nicht mit Gummihandschuhen geputzt, um seine empfindlichen Händchen zu schützen!«

»Das sehe ich auch so«, erwiderte Möller. »Darüber hinaus ließen sich Rückstände einer Hautcreme gewinnen. Die Analysen sind noch nicht abgeschlossen, aber wir können jetzt schon sagen, dass die Creme nicht von Kai Richardt stammte – oder um es ganz korrekt zu formulieren: Zumindest benutzte er sie nicht an dem Tag. Außerdem stimmen sie mit Spuren überein, die wir am Knebel gefunden haben.«

»Ich verstehe«, sagte Romy langsam. »Wer den Knebel angefasst hat, benutzte auch die Handschuhe …«

»Das kann man schlussfolgern, wobei ich hinzufügen möchte, dass der Knebel eine Fundgrube für Spurenfreaks darstellt: Blut, Speichel, Schweiß, Dreck, Schmieröl, sogar Tierhaare.«

»Mäuse?«

»Kann ich noch nicht sagen. Das kriegen Sie die Tage aber noch genauer.«

»Das hatte ich gehofft. Was ist mit der blutigen Socke?«

Dr. Möller seufzte. »Diese Spuren sind leider völlig verunreinigt, was Sie ziemlich enttäuschen dürfte, aber ich kann es nicht ändern. Mit dem Spurenmaterial könnten nur noch Spezialisten in amerikanischen Krimiserien etwas anfangen. Im schnöden Polizeialltag sind die schlicht unbrauchbar.«

»Scheiße!«

»Sie bringen es herzhaft auf den Punkt. Bei den Fesseln sieht es leider ganz ähnlich aus – nichts mehr zu machen.«

»Ich wiederhole mich ungern, aber …«

»Ja, ich weiß, was Sie sagen wollen«, unterbrach Möller sie mit einem Schmunzeln in der Stimme. »Immerhin hat die Stimmenanalyse ergeben, dass Steffen Brandt mit neunundneunzigprozentiger Sicherheit der anonyme Anrufer war.«

Romy nickte. »Wusste ich es doch. Tun Sie mir einen Gefallen, Doktor? Ich brauche die Socke zurück – möglichst gewaschen. Ich lasse sie auch abholen.«

»Kein Problem. Ich behalte eine Faserprobe davon hier. Den Rest kriegen Sie zurück. Was haben Sie damit vor?«

»Ich möchte sie der Besitzerin zeigen.«

Möller schwieg beeindruckt und verabschiedete sich kurz darauf.

Romy ging nach vorne zu ihren Kollegen. Max beschäftigte sich bereits mit der avisierten Mail aus dem Institut und übertrug die Daten, während sie Kasper und Fine auf den neuesten Stand brachte.

»Was hast du jetzt vor?«, fragte Schneider anschließend. »Gleich noch mal den Steffen Brandt in die Mangel nehmen? Untersuchungshaft kriegen wir für den jetzt sofort durch.«

»Ich weiß. Aber ich möchte sowohl ihn als auch den Beier noch etwas schmoren lassen. Bitte kümmere dich darum, dass ich die Socke aus Greifswald bekomme und Mirjam Lupak hierhergebracht wird. Am liebsten wäre mir, wenn du sie abholen würdest – in einem Zivilfahrzeug.«

Romy schloss kurz die Augen und blickte zum Fenster hinaus. »Wenn Sie es wünscht, kümmern wir uns auch um einen Psychologen, aber wir müssen Sie erneut befragen …«

Kasper wandte sich um. »Bin schon unterwegs.«

»Danke.«

Romy fing einen Blick von Max auf. »Na, was sagt deine Datenbank?«, fragte sie freundlich.

Max lächelte. »Das ist nicht in einem Satz zu beantworten. Fest steht, dass die beiden, die im Moment höchst verdächtig scheinen, gute bis sehr gute Alibis haben.«

»Moment – Brandt hat auch ein Alibi?«

»Fine hat vorhin herumtelefoniert: Der Kneipenwirt schwört, dass Steffen Brandt sowohl am Samstag, und zwar ab nachmittags, wie auch am Sonntagmorgen im Lokal ausgeholfen hat, und könnte dafür auch noch weitere Zeugen benennen.«

»Na ja … Das überzeugt mich nicht wirklich.«

»Nun, meine Datenbank erst mal schon. Die bewertet ja nicht den einzelnen Aspekt.«

»Na schön, und welche Schlussfolgerung kann man daraus ziehen?«, fragte Romy seufzend.

»Ganz einfach: Weder Brandt noch Beier haben Richardt ermordet, weil sie am Sonntagmorgen nicht in Sassnitz gewesen sein können – laut Datenbank.«

»Grandios!«, sagte Romy. »Das passt doch aber vorne und hinten nicht zusammen. Brandt beschattet Richardt, weil Tim Beier ihn darum gebeten hat. Das können wir im Moment zwar noch nicht beweisen, aber das ist die einzige schlüssige Erklärung, die von Brandt zu Richardt führt. Brandt ruft die Polizei an, damit der Typ gefunden wird, was zunächst schlicht und ergreifend bedeutet, dass er sehr genau weiß, was mit ihm passiert ist – weil er selbst dahintersteckt beziehungsweise jemand, den er kennt? Oder weil er erneut im Auftrag gehandelt hat und abgesehen von der Beschattung tatsächlich mit all dem nichts zu tun hatte?« Romy raufte sich die Haare.

»Tim Beier weiß, was Richardt auf dem Kerbholz hatte, woher auch immer – davon bin ich überzeugt«, fuhr sie kurz darauf fort. »Er ahnte etwas und beauftragte Brandt, ein Auge auf Richardt zu werfen. Dabei muss ihm etwas klargeworden sein. Wenn wir diesen Zusammenhang aufdecken, können wir ihm ein starkes Motiv, aber nicht den Mord nachweisen – ergo: Er hat jemanden beauftragt. Und an der Stelle drehen wir uns gerade im Kreis. Unter anderem.«

»Vielleicht gibt es den berühmten dritten Unbekannten, den wir jetzt einfach noch nicht sehen«, überlegte Max und blickte wieder auf den Bildschirm.

Romy hob kurz den Blick zur Decke. »Ich hoffe, dass wir nach den nächsten Vernehmungen schlauer sind. Bitte kümmere dich so schnell wie möglich um die Festnetztelefonate von Vera Richardt. Ich bin gespannt, was deine unbestechliche Datenbank daraus ableiten wird.«

Sie eilte zur Tür, verlangsamte dann ihre Schritte und blieb plötzlich noch einmal stehen. Ein Gedanke begann sich zu formen – eher die flüchtige Ahnung eines Gedankens. Sie drehte sich erneut zu Max um.

»Was ist eigentlich nur mit dem Samstagmorgen?«, fragte sie halblaut und sah ihn grübelnd an.

»Bezogen auf die Alibis von Brandt und Beier?«

»Genau.«

Max überprüfte seine Einträge. »Nichts wirklich Handfestes. Brandt gibt an, er habe ausgeschlafen und war einkaufen, Beier hat ausgeschlafen und gepackt.«

Sie nickte.

 

Mirjams erster Gedanke war: Flucht. Der große grauhaarige Typ sprach sie an und stellte sich als Kommissar aus Bergen vor, als sie gerade die Praxis verließ, um in der Mittagspause einkaufen zu gehen. Ben hatte am Morgen gesagt, dass er gerne mal wieder eine selbstgemachte Pizza essen würde, und sie hatte die Zutaten besorgen wollen.

»Ich muss Sie bitten, mich zu begleiten«, sagte er leise. »Es ist sehr wichtig.«

»Das ist mir egal«, gab sie ebenso leise zurück. »Sie können mich nicht zwingen.«

»Niemand will Sie zwingen. Aber wir brauchen Ihre Aussage zur Klärung mehrerer Verbrechen.«

»Auch das ist mir egal«, erwiderte Mirjam und trat zwei Schritte zurück. »Ich habe mich bereits mit der Kommissarin unterhalten, obwohl mir das sehr schwerfiel, und ich bin zu weiteren Gesprächen nicht bereit … Besser gesagt: nicht in der Lage. Das wird Ihnen mein Therapeut gern bestätigen.«

Kommissar Schneider runzelte die Stirn. »Frau Lupak, im Moment geht es zunächst einmal darum, dass Sie geleugnet haben, in letzter Zeit Kontakt zu Herrn Beier gehabt zu haben. Wir wissen aber inzwischen, dass Sie am Montag miteinander telefoniert haben. Herr Beier steht uns seit heute früh Rede und Antwort, sein Freund Steffen Brandt ebenfalls.«

Mein Gott, dachte Mirjam, sie haben ihn erwischt! Sie spürte förmlich, wie ihre Knie sich in Gelee verwandelten. Wie absurd – wenn die Polizei sich damals bei der Aufklärung des Verbrechens an ihr so viel Mühe gegeben und die gleiche Sorgfalt an den Tag gelegt hätte wie bei den Nachforschungen zu dem Mord an Kai Richardt, wäre vieles gar nicht erst geschehen …

Sie wusste, dass der Vorwurf nicht ganz fair war. Sie war so traumatisiert gewesen, dass sie kaum vernünftige Hinweise hatte geben können, und ohne die war die beste Polizeiarbeit für die Katz.

Der Kommissar trat an ein Auto, das am Straßenrand in der zweiten Reihe parkte, und öffnete die hintere Tür.

»Ich muss meinem Chef Bescheid sagen«, sagte Mirjam.

»Das habe ich bereits getan. Und ich fahre Sie nachher auch zurück.«

Als sie im Kommissariat eintrafen, kam ihr die kleine dunkelhaarige Polizistin entgegen. Sie lächelte freundlich und begrüßte sie mit wachem Blick.

»Kommen Sie, wir suchen uns ein ruhiges Zimmer zum Reden«, sagte sie, als wären sie wie gute Bekannte zu einem netten Plausch verabredet.

Sie gingen einen kahlen Flur entlang, in dem es nach Putzmitteln und Kaffee roch. Durch die Glaswand konnte Mirjam in einem der Nebenzimmer Tim erkennen. Er saß auf einem Stuhl und starrte auf den Boden.

Mirjam spürte plötzlich, dass ihr Herz bis zum Hals schlug. Ich bin schuld, dachte sie. Ich habe ihn in diese Situation gebracht – nach all den Jahren und dem ganzen Kummer, für den Tim nicht das Geringste kann, soll ausgerechnet der Mann ins Gefängnis, der sie von ihrer größten Furcht befreit hatte. Das war nichts als eine schreiende Ungerechtigkeit!

Ihr Gaumen war trocken, als die Kommissarin eine Tür öffnete und sie bat, an einem Tisch in der Mitte des Raumes Platz zu nehmen. Kommissar Schneider kam kurz darauf nach und stellte ein Glas Wasser für sie bereit.

»Oder möchten Sie lieber einen Kaffee?«, fragte er.

Mirjam schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Ich habe nicht vor, so lange zu bleiben.« Und nach Kaffeekränzchen steht mir ganz und gar nicht der Sinn.

Dazu sagte Kommissarin Beccare nichts. Sie setzte ein Tonband in Gang und streckte ihren Rücken, als hätte sie zu lange am Schreibtisch gesessen. Die Frau trug Jeans und ein buntes Baumwollhemd und wirkte wie jemand, die nicht allzu lange still sitzen konnte. Eigentlich war sie ihr sympathisch …

Mirjam spürte, dass sie sich beruhigte, indem sie sich auf Nebensächlichkeiten konzentrierte. Sie könnte auch zählen wie bei der Atemtechnik. Entscheidend war, den Fokus nicht auf den Stressfaktor zu richten, aber dem Gehirn etwas zu tun zu geben.

»Frau Lupak, ich hätte Sie nicht ins Kommissariat gebeten, wenn es nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Ich kenne Ihre Situation …«

Mirjam schüttelte den Kopf. »Wohl kaum.«

»Gut, ich formuliere es anders: Ich bin der Meinung, mir ein Bild über Ihre Situation machen zu können«, korrigierte sie ihre Einschätzung sofort. »Sie haben Scheußliches erleben müssen. Daran zu rühren, fällt mir alles andere als leicht. Ist es Ihnen lieber, wenn wir eine Polizeipsychologin dazu bitten?«

Mirjam schüttelte sofort den Kopf. »Nein. Stellen Sie Ihre Fragen, und ich werde darauf antworten, soweit mir das möglich ist. Und ich tue das nur für Tim.«

»Warum?«

»Warum was?«

Die Kommissarin lächelte. »Sind Sie hier und bereit, Fragen zu beantworten, weil Tim ihr Expartner ist?«

»Ja, natürlich. Was denn sonst?«

»Okay. Tim Beier hat sie am Montagmorgen in der Praxis angerufen. Was wollte er?«

»Er hat mir erzählt, dass … der Richardt tot ist.«

»Warum?«

»Er dachte wohl, dass ich ihn kannte, von damals, und mich diese Information interessieren könnte«, erwiderte Mirjam. Die Antwort gefiel ihr. Sie klang harmlos und überzeugend, und sie konnte sich vorstellen, dass Tim ähnlich argumentiert hatte.

Die Kommissarin sah sie einen Moment forschend an. »Warum haben Sie den Kontakt abgestritten?«

»Ich habe nichts abgestritten, sondern den Anruf einfach vergessen.«

»Genau das glaube ich nicht.«

Mirjam zuckte mit den Achseln.

»Frau Lupak, es ist mir klar, dass Sie Ihren Exfreund schützen möchten …«

»Schutz hat er wohl kaum nötig.«

»O doch. Woher wusste Tim eigentlich, was für ein Schwein Kai Richardt ist?« Beccare fiel plötzlich in einen scharfen Tonfall.

»Das weiß ich doch nicht! Wahrscheinlich von Ihnen – so wie ich auch.« Mirjam trank einen Schluck Wasser. Ihre Hände zitterten nur leicht, aber sie befürchtete, dass die Kommissarin ihre Erregung sehr genau registrierte.

»Wir wissen inzwischen, dass der beste Freund von Tim der anonyme Anrufer war, der die Polizei über den toten Richardt informierte. Was sagen Sie dazu?«

»Nichts. Ich kenne den Mann nicht.«

Die Kommissarin lehnte sich zurück. »Sind Sie sehr erleichtert, dass Kai Richardt tot ist?«

»Ja.« Die Antwort kam schnell. Zu schnell. Sie hörte es selbst. Es klang, als ob sie sich schon viel zu lange mit diesem Mann beschäftigte. Mit Kai Richardt.

»Aber Sie können doch gar nicht hundertprozentig wissen, ob er wirklich derjenige war, der Ihnen das angetan hat«, gab Beccare zu bedenken. Der Blick ihrer dunklen Augen hielt sie fest. »Das hatten Sie selbst bei unserem ersten Gespräch kritisch und zu Recht zu bedenken gegeben.«

»Ja, ich erinnere mich. Aber Sie sind mit dieser These zu mir gekommen und haben mich überzeugt«, erwiderte Mirjam. »Und Sie betonten ausdrücklich, dass sich die Hinweise zusehends verdichteten.«

»Das stimmt. Wenn er noch leben würde, säße er jetzt in Untersuchungshaft, und wir hätten längst ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet. Wir würden ihn vernehmen, vernehmen und nochmals vernehmen. Aber er lebt nicht mehr und kann zu unseren Erkenntnissen, Mutmaßungen, Verdachtsmomenten und Beweisen nichts sagen.« Die Kommissarin machte eine Pause und lauschte ihren Worten hinterher.

»Ich bin sicher, dass er es war, weil zu vieles zusammenpasst, aber wie das manchmal so ist …«, fuhr sie grübelnd fort. »Vielleicht übersehen wir etwas. Oder bewerten Details über, während wir andere Hinweise vernachlässigen oder noch nicht mal sehen. So was kommt vor, im alltäglichen Leben genauso wie bei der Polizeiarbeit.«

»Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?«

»Stellen Sie sich vor, er sei unschuldig.«

Mirjam lachte laut auf und presste die Hände auf ihre Oberschenkel. Im Zusammenhang mit diesem Schwein von Unschuld zu sprechen, schien ihr unfassbar.

»Das glaube ich nicht«, wehrte sie vehement ab. »Sie würden einen solchen Verdacht doch gar nicht in dieser Form …«

»Sie sollen es nicht glauben oder über meine Haltung beziehungsweise die der Polizei nachdenken, sondern sich vorstellen, dass es so sein könnte«, fiel Beccare ihr ins Wort. »Stellen Sie sich einfach vor, wir unterlägen einem Justizirrtum, der sich nun nicht mehr klären lässt, weil der Mann tot ist und zu den entscheidenden Fragen keinerlei Stellung beziehen kann. Und stellen Sie sich weiter vor, dass er an den Geschehnissen so nah dran war und unseren Verdacht erregte, weil er den Frauenschänder kannte und ihm selbst auf den Pelz gerückt ist!«

»Was soll das eigentlich?« Das Zittern war stärker geworden. Mirjam hatte Mühe, es zu kontrollieren. Sie atmete mit halb geöffnetem Mund und starrte die Kommissarin an.

Die beugte sich über den Tisch zu ihr vor. »Ich möchte, dass Sie ernsthaft über die Möglichkeit nachdenken, dass Kai Richardt unschuldig sein könnte.«

Mirjam hatte das Gefühl, dass ihr der Boden unter den Füßen weggerissen wurde. »Dieser Scheißkerl war es, verdammt noch mal!«, schrie sie und sprang auf. »Und ich bin ihn endlich los!«

Ramona Beccare nickte ruhig und stand ebenfalls auf.

»Danke für Ihre klare Aussage, Frau Lupak. Wir unterbrechen an dieser Stelle und reden später noch einmal. Mein Kollege spendiert Ihnen einen Kaffee und etwas zu essen, wenn Sie mögen.«

Mirjam ließ die Arme hängen. Ihr Atem ging stoßweise. Sie spürte den Blick der Kommissarin, der plötzlich ruhig und mitfühlend war. Ich will nicht heulen, dachte Mirjam. Alles, nur das nicht. Dann höre ich nie wieder auf. In diesem Leben nicht mehr.

 

Romy ließ sich einen Kaffee bringen. Sie war verschwitzt, und ihr Kopf dröhnte. Die Bedrängnis der Frau hatte längst auf sie übergegriffen. Schneider warf ihr einen besorgten Blick zu, als er zurückkehrte.

»Die Frau kippt uns aus den Latschen, wenn wir ihr die Kelleraufnahmen zeigen«, stellte er fest. »Und du siehst auch nicht gerade frisch aus.«

Romy machte eine unwillige Handbewegung. »Mach dir keine Sorgen um mich! Hol lieber Tim Beier.« Sie atmete tief durch. »Entschuldige bitte meinen Ton, ich …«

»Schon gut, beruhige dich«, winkte er ab. »Das ist ein beschissener Fall. Da entgleitet einem schon mal die Stimme.«

Er macht es mir so leicht wie möglich, dachte Romy. Sie lächelte ihn an. »Danke dir.«

Kurz darauf nahm Beier auf Mirjams Stuhl Platz. Tims Bartschatten war dunkel und verstärkte seine bleiche Gesichtsfarbe. Er setzte sich und lehnte das angebotene Glas Wasser ab.

»Erzählen Sie uns, was passiert ist, Herr Beier«, sagte Romy. »Wie haben Sie erfahren, welcher Verbrechen Kai Richardt fähig war?«

»Das müssten Sie eigentlich am besten wissen. Schließlich haben Sie von dem Verdacht der Polizei berichtet und …«

»Ach, hören Sie schon auf!«

»Den gleichen Rat kann ich Ihnen geben!«, entgegnete Beier aufgebracht. »Sie vergessen schon wieder, dass ich am Wochenende in Berlin war.«

»Ich vergesse gar nichts, aber Sie wollen mich schon wieder verarschen! Langsam reicht’s! Sie haben den Auftrag erteilt, dass Richardt zusammengeschlagen und ermordet wurde, weil Sie wussten, was er getan hatte. Und Steffen Brandt ist Ihnen einiges schuldig. Der Verdacht, dass er …«

»Nein!« Tim Beier schlug mit den flachen Händen auf den Tisch. »Sie liegen falsch! Mein Freund ist genauso wenig ein Mörder wie ich!«

Romy zuckte mit keiner Wimper. »Nun erzählen Sie endlich, was passiert ist.«

»Hören Sie auf, die immer gleichen Fragen zu stellen.«

»Das war keine Frage, sondern eine Aufforderung. Fangen wir mit dem Samstagmorgen an.«

Beier warf ihr einen kurzen verblüfften Blick zu und sah dann rasch zur Seite. »Ich habe alles gesagt.«

Romy wandte Kasper den Kopf zu und nickte. Schneider griff hinter sich, stellte einen Laptop auf den Tisch und klappte den Bildschirm auf.

»Herr Beier, in Zusammenarbeit mit der Kriminaltechnik ist es uns gelungen, den Kellerraum zu rekonstruieren, in dem Richardt seine Opfer gefangen hielt und malträtierte«, erläuterte die Kommissarin leise, während Kasper die Datei öffnete. »Ich möchte, dass Sie sich das Video ansehen, das mein Kollege aufgenommen hat.«

Beier starrte sie ungläubig und entsetzt zugleich an. »Warum? Wieso soll ich …?«

»Vielleicht erkennen Sie den Raum wieder.«

»Warum sollte ich …?«

»Ich glaube, dass Sie dort waren. Ich habe dieses Video Mirjam noch nicht gezeigt, und ich wünsche mir sehr, dass wir darauf verzichten können, aber ich befürchte … Immerhin ermöglicht uns die Technik, auf eine echte Tatortbesichtigung zu verzichten, vorerst zumindest.«

Beier verschränkte die Hände ineinander. Er gab einen seltsamen Laut von sich, den Romy nicht einordnen konnte. Plötzlich hatte er Tränen in den Augen. »Das dürfen Sie nicht machen«, flüsterte er. »Sie würde zusammenbrechen – da unten.«

»Ich weiß.« Romy nickte. Ihr Hals war auf einmal eng. »Bitte schauen Sie sich das Video an.«

Kasper startete die Aufnahme. Die Kamera erfasste die Werkstatt und den schmalen Flur zum Treppenabgang, während Schneiders sachliche Stimme im Hintergrund die Örtlichkeiten beschrieb. Romy beobachtete, wie Tim Beier den Bildern folgte. Als der Fokus der Kamera sich auf den vorderen Keller neben der Treppe richtete, atmete er tief ein.

»Die Räume sind teils leer oder voller Müll«, kommentierte Schneiders Stimme in monotonem Tonfall weiter. »Im vorderen Keller rechts von der Treppe lag die Leiche von Kai Richardt, im hintersten Raum haben die Kollegen das Skelett in der Truhe gefunden.«

Beier schluckte. Er war noch bleicher geworden. Die Kamera schwenkte herum.

»Links von der Treppe befinden sich mehrere ineinander übergehende Kellerräume«, erklärte Kasper. »Die Tür zum hintersten Raum befindet sich hinter einem Stahlregal.« Die Tür schwenkte auf.

Beier hob eine Hand. »Den Keller kenne ich nicht«, sagte er leise.

Im Halbdunkel wurde ein Bett sichtbar, daneben standen eine Waschschüssel, ein Beistelltisch und ein Stuhl. An einer Wand lehnte ein schmales Regal aus Metall. Die Kamera erfasste in einem Rundumschwenk einen großen, geräumigen, fensterlosen Raum. Wenn man nicht wusste, was hier geschehen war, wirkte er, abgesehen von einer gewissen Düsternis, völlig unspektakulär, dachte Romy.

»Diesen Raum kennen Sie also nicht?«, fragte sie Beier, als sich der Bildschirm abdunkelte.

»Nein, auf der Seite waren wir nicht.« Er atmete tief durch. Erleichtert. Zittrig.

»Sie sind vorne im rechten Keller geblieben«, stellte Romy fest.

»Ja. Er sagte, dass er Mirjam dort unten gefangen gehalten hatte, in einem der Keller. Mehr wollte ich gar nicht wissen. Mehr hätte ich wahrscheinlich nicht ertragen.«

Romy lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. »Und nun der Reihe nach, Herr Beier. Was ist passiert?«

»Kann ich jetzt doch ein Wasser haben?«

 

Die Farbe war in Beiers Gesicht zurückgekehrt. Er hatte ein halbes Glas in einem Zug geleert und sah Romy einen Moment schweigend an. Verwunderung lag in seinem Blick.

»Na schön«, sagte er dann. »Aber Sie müssen Mirjam so weit es geht da heraushalten.«

»Ja – so weit es irgendwie möglich ist.«

Er wischte sich über die Nase. »Mirjam ist Richardt vor einigen Wochen begegnet, ohne dass sie zunächst ahnte, wen sie vor sich hatte …«

Romy hielt den Atem an. »Wo hat sie ihn getroffen?«

»Er war mit seiner Frau bei einer Aufführung in der Kunstscheune in Vaschwitz, die auch Mirjam mit ihrem Mann besuchte. Kai saß hinter ihr, und …« Er hob das Kinn. »Ich weiß, dass sich das jetzt ein bisschen merkwürdig anhört, aber … Sie reagierte auf ihn, als er etwas zu seiner Frau sagte. Seine Stimme löste Angst in Mirjam aus, sogar Panik, und sie war plötzlich sicher, dass dieser Mann ihr Entführer gewesen war. Klingt verrückt, und niemand, mit dem sie darüber sprach, ging ernsthaft auf ihren Verdacht ein, doch der Gedanke ließ sie nicht mehr los.« Er trank einen weiteren Schluck und starrte einen Moment ins Leere.

»Sie kam mit ihren Ängsten und ihrem Verdacht zu Ihnen?«, vermutete Romy.

»Ja.« Er nickte. »Sie stand plötzlich vor meinem Laden. Wir hatten uns seit damals nicht mehr gesehen, aber mir war sofort klar, dass sie etwas auf dem Herzen hatte. Als sie den Mann beschrieb, kamen mir einige Details ziemlich bekannt vor – erschreckend bekannt –, und ich habe Mirjam daraufhin Bilder von Kai gezeigt, die ich noch vom letzten Laufevent herumliegen hatte. Sie können mir glauben, dass mich fast der Schlag traf, als Mirjam, ohne zu zögern, bestätigte, dass es sich um Kai handelte.«

»Sie waren von ihrem Verdacht überzeugt?«

»Ja.«

Romy beugte sich nach vorn. »Um es unmissverständlich auf den Punkt zu bringen: Sie haben aufgrund von Mirjams Schilderung tatsächlich angenommen, dass Ihr Laufkumpan der Verbrecher war, der sie entführt und gequält hatte?«

»Ja. Mirjam war es in letzter Zeit recht gut gegangen, versicherte sie mir. Ihre Panikattacken nach der Begegnung mit Kai mussten eine tiefere Ursache haben als Nervosität oder Überreiztheit oder eine besondere Sensibilität«, erwiderte Beier. »Es klang zugegebenermaßen erst einmal unwahrscheinlich, dass Kai der Täter sein könnte, aber das allein war doch kein Argument. Es gibt genügend miese Typen, die ein Doppelleben führen, was dann hinterher immer alle aus den Socken haut – warum nicht auch Kai Richardt?« Er wartete auf eine Zwischenfrage, aber Romy schwieg. »Ich habe ihre Schilderungen jedenfalls ernst genommen. Und die Tatsache, dass die beiden sich im Zusammenhang mit unseren Läufen nie begegnet sind, hat mich noch bestärkt«, erzählte er weiter. »Mirjam ist ihm aufgefallen, als Kai einen Auftrag von ihrem Chef bekam. Das erfuhr ich aber erst später.« Er biss die Zähne aufeinander.

»Und weiter?«, fragte Romy.

»Der handfeste Verdacht reichte uns natürlich nicht. Mirjam brauchte Gewissheit und ich auch«, fuhr Beier fort. »Und ich entschloss mich, aktiv zu werden – das war ich ihr schuldig, verstehen Sie?«

Romy erwiderte seinen Blick schweigend.

»Ich war damals rund um die Uhr mit meinem Laden und der Lauferei beschäftigt«, sagte er in bitterem Ton. »Als das alles passierte, war ich bei einem Laufseminar in Spanien.« Er hob die Hand. »Ich weiß, was Sie sagen wollen – sparen Sie sich den Kommentar.«

»Tu ich. Fahren Sie fort.«

»Als Kai das nächste Mal zu einer Besprechung in meinem Laden auftauchte, sind wir anschließend noch was trinken gegangen«, nahm Beier den Faden wieder auf. »Ich bin zwischendurch aufs Klo und hab vorher ›ganz zufällig‹ ein Foto von Mirjam fallen gelassen. Ich blieb hinter der Garderobe stehen und konnte heimlich beobachten, wie er das Foto anstarrte. Glauben Sie mir – Kai erkannte sein Opfer wieder!«

Romy wechselte einen langen Blick mit Kasper.

»Dem sind fast die Augen aus dem Kopf gefallen! Aber er sagte kein Wort zu dem Foto, als ich zurückkam – merkwürdig, oder?«

Das fand Romy auch.

»Daraufhin habe ich Steffen gebeten – ohne ihm viel zu erklären übrigens –, Kai zu beschatten. Ihm immer mal wieder unauffällig auf den Fersen zu bleiben ...«

»Warum?«

»Ich wollte genauer über seine Aktivitäten und seinen Tagesablauf Bescheid wissen, um ihn mir zu einem günstigen Zeitpunkt zu schnappen.«

»Verstehe.«

»Und wissen Sie, was sich dabei herausstellte?«, schob Beier in scharfem Ton nach.

Romy fröstelte es plötzlich.

»Kai hat Mirjam verfolgt.«

»Wie bitte?«

»Meist wartete er vor der Tierarztpraxis, hin und wieder auch bei ihr vor der Haustür. Er hat sie beobachtet – wie schon einmal. Was meinen Sie wohl, warum er das tat?«

Alle fünf bis fünfeinhalb Jahre, schoss es Romy durch den Kopf. Max hat richtig gelegen. Mirjam war nicht nur sein letztes Opfer gewesen, sie sollte auch das nächste werden. Was für ein perverser Widerling! Vielleicht war die Begegnung in Vaschwitz kein Zufall gewesen, vielleicht hatte das Foto ihn auf den Gedanken gebracht, wieder Mirjam zu entführen … Oder es war eine Kombination aus beidem gewesen, die ihn angestachelt hatte. Das würden sie nie erfahren.

Beier nickte langsam, während er Romy eindringlich musterte. »Ganz genau. Er wollte sie wieder entführen.«

»Das mussten Sie verhindern.«

»Natürlich. Und fragen Sie mich jetzt bitte nicht, warum ich nicht die Polizei eingeschaltet habe! Niemand hätte mir oder Mirjam geglaubt und Kai wäre perfekt aus der Sache raus gewesen – und zwar für immer.«

Das ließ sich nicht so ohne weiteres von der Hand weisen, musste Romy zugeben. Ein erfolgreicher, selbstbewusster und aalglatter Geschäftsmann, der mit einem solchen Vorwurf konfrontiert wurde, hatte viele Möglichkeiten, um sich herauszuwinden und, derart gewarnt, die letzten möglichen Spuren zu beseitigen. Andererseits konnte man dieses Argument natürlich nicht gelten lassen. Man hätte ihm einfach auf den Fersen bleiben müssen, dachte sie, aber sie behielt den Gedanken für sich.

»Am Freitag habe ich mit ihm telefoniert«, fuhr Beier fort. »Er hat erzählt, dass er für den Samstagmorgen eine Radtour nach Sassnitz plante.«

»Kannten Sie seine Werkstatt hinter der Fischfabrik?«

»Nein. Er hat mal was erwähnt von einem Geräteschuppen hinter Bittners Fabrik, aber ich war nie da. Als Steffen mir in der Frühe berichtete, dass Kai in einem der abgelegenen Gebäude hinter der Fabrik verschwunden war, dachte ich mir meinen Teil und bin rausgefahren.«

Beier atmete tief durch und bat um ein weiteres Glas Wasser. Er trank hastig, kaum dass Schneider es ihm gebracht hatte.

»Wir haben ihn fertiggemacht«, nahm er den Faden wieder auf. »Bis er alles zugegeben hatte: Mirjams Entführung, die Vergewaltigungen, die neuerliche Planung ihrer Entführung und so weiter.«

»Und so weiter?«

»Ja, auch Details. Ich habe in meinem ganzen Leben noch niemals so zugeschlagen«, gab Beier zu. »Kai war echt fertig. Viel hat nicht gefehlt ...« Beier hob das Kinn. »Aber wir haben ihn nicht getötet – das war nie meine Absicht –, sondern schließlich gefesselt und geknebelt im Keller zurückgelassen. Ich bin nach Berlin gefahren, Steffen hatte in Stralsund zu tun. Der Plan war, die Polizei zwei Tage später einzuschalten. In der Zwischenzeit sollte Kai sich so fühlen wie seinerzeit Mirjam und über alles nachdenken, was er verbrochen hatte … Zu dem Zeitpunkt war mir nicht klar, dass er noch mehrere andere Frauen auf dem Gewissen hatte – das war vielleicht auch besser so ...«

»Die Polizei hat Mirjams Fall damals mit einem anderen, lange zurückliegenden Entführungsfall verglichen.«

Tim verschränkte die Hände im Nacken. »Ja, ich erinnere mich. Aber mir ging es um Mirjam. Alles andere hätte sich gefunden. Ich habe zunächst mal verhindert, dass sie ein weiteres Mal in seine Hände fällt. Und ich hatte sein Geständnis – ein zugegebenermaßen erzwungenes Geständnis, aber meine Hinweise hätten genügt, um ihren Fall und in dem Zusammenhang auch die anderen Geschichten aufzurollen und Kai für den Rest seines Lebens hinter Gitter zu bringen.«

Folter, dachte Romy. Er hat sich das Recht herausgenommen, einen Verdächtigen unter Folter zu einem Geständnis zu zwingen. Seine Gefühle und seine Motivation waren verständlich und nachvollziehbar, sein Handeln blieb eine kriminelle Tat.

»Und wie hatten Sie sich den weiteren Ablauf im Einzelnen vorgestellt?«, fragte Romy.

»Wie gesagt: Ich wollte, dass man ihn findet – verprügelt, aber lebend –, und hatte vor, mich später bei der Polizei zu melden. Als Zeuge, der wahrscheinlich wegen gefährlicher Körperverletzung Ärger bekommen würde, aber einige interessante Details zu berichten wüsste. Ich habe aber Steffen schon am Sonntagabend aufgefordert, bei der Kripo in Bergen anzurufen …«

»Warum haben Sie eigentlich nicht selbst angerufen?«, wandte Romy rasch ein. »Wenn Sie sich, wie gerade erläutert, als Zeuge zur Verfügung gestellt hätten, wäre Ihre Rolle ohnehin zur Sprache gekommen. Und so wie ich Kai Richardt bislang in Schilderungen kennengelernt habe, hätte er Sie sicherlich angezeigt, kaum dass er wieder auf den Beinen gewesen wäre. Zumindest mussten Sie damit rechnen. Es war also, Ihrer eigenen Argumentation und Planung folgend, gar nicht nötig, sich hinter einem anderen Anrufer zu verstecken und auf heimlich zu machen.«

Beier nickte nachdenklich. »Ich gebe zu, dass sich das plausibel anhört. Vielleicht befürchtete ich, dass Kai mehr Schaden genommen haben könnte, als geplant, und wollte zunächst so unauffällig wie möglich bleiben«, meinte er zögernd.

Hübsche Umschreibung für die schlichte Tatsache, dass Totschlag beziehungsweise Mord einkalkuliert wurde, dachte Romy.

»Sie haben von vorneherein Vorsicht walten lassen und sogar Handschuhe getragen, nicht wahr?«, setzte sie nach.

»Das gebe ich zu, ja.«

»Klingt ziemlich gut durchdacht, wenn Sie mich fragen, und zwar von Anfang an.«

Er sah sie mit gerunzelter Stirn an. »Wie meinen Sie das?«

»Das wissen Sie sehr gut. Sie konnten und wollten auch gar nicht ausschließen, dass Richardt Ihre Prügelaktion nicht überleben würde und Sie im Laufe der weiteren Ermittlungen ins Visier der Ermittler geraten könnten«, brachte Romy ihren Gedanken auf den Punkt. »Für den Fall mussten Sie sich wappnen – unauffällig bleiben, wie Sie es selbst ausgedrückt haben. So wenig wie möglich in Erscheinung treten. Weder als Zeuge noch sonst wie. Keine Spuren hinterlassen.«

»Nun …«

»An Ihrer Stelle hätte ich nach den ersten Verlautbarungen zunächst sogar angenommen, seinen Tod verursacht zu haben. Er war übel zugerichtet. Viel hat nicht gefehlt – waren das nicht Ihre Worte? –, und er wäre schon am Samstag gestorben. Ihr Bedauern hätte sich in Grenzen gehalten – aus sattsam bekannten Gründen.«

Dazu sagte Beier nichts.

»Richardts Verbrechen hat die Polizei inzwischen zu einem wesentlichen Teil selbst rekonstruiert – ohne Ihre sogenannte Mithilfe als Zeuge«, stellte Romy klar. »Der anonyme Anruf war nur insofern hilfreich, als dass der Mann zeitnah gefunden wurde, aber Richardts Geständnis ist unter Folter zustande gekommen und darum völlig wertlos, und Sie haben sich sehr viel Zeit gelassen, um endlich mit der Sprache herauszurücken – von Wahrheit möchte ich in dem Zusammenhang lieber nicht sprechen.«

»Aber …«

»Aus Angst vor dem Mordverdacht haben Sie gelogen und sich herausgewunden, bis der Beweis für Ihre Beteiligung so offenkundig war, dass Ihnen gar nichts anderes mehr übrig blieb, als die Hintergründe Ihres Kontaktes mit Mirjam und Ihr Vorgehen gegen Richardt zu erläutern«, fuhr Romy fort. »Der Halbmarathon in Berlin verschafft Ihnen persönlich ein ziemlich gutes Alibi für den Sonntagmorgen. Das ist aber auch schon alles.«

Beier sah sie einen Moment starr an. »Glauben Sie immer noch, dass ich …? Ich bin unschuldig.«

»Unschuld ist etwas anderes, Herr Beier. Und was immer da noch passiert ist – raus sind Sie aus der Geschichte noch lange nicht.«

Er schluckte. »Sie wissen nicht, wie es ist, wenn ein geliebter Mensch etwas Derartiges durchleiden muss. Und plötzlich …«

»Selbstjustiz steht keinem von uns zu«, wischte Romy seine Erklärung heftig beiseite.

»Wenn wir nicht aktiv geworden wären, hätten Sie gar nichts herausgefunden, und Mirjam wäre jetzt in seinen Händen!«, begehrte Beier auf.

»Sie haben den Rächer gespielt und den Mann zumindest halbtot geprügelt! Warum sind Sie ihm nicht einfach auf den Fersen geblieben? Um ihn auf frischer Tat zu ertappen, wenn er sich an Mirjam herangemacht hätte.«

Er schüttelte entgeistert den Kopf. »Ist das Ihr Ernst?«

»Denken Sie einfach mal darüber nach«, erwiderte Romy. »Und nun lassen Sie uns fortfahren. Sie haben also entschieden, dass die Polizei bereits am Sonntagabend informiert werden sollte, und Steffen Brandt den Auftrag dazu erteilt?«

Beier atmete tief durch. »Genau.«

»Was hat Sie bewogen, den Zeitpunkt zu ändern?«

»Kai war, wie gesagt, ziemlich am Ende … Ich hielt es für besser, ihn keine weitere Nacht da unten herumliegen zu lassen«, antwortete Beier. »Ich bin ja kein Unmensch.« Er warf ihr einen kurzen Blick zu. »Als ich erfuhr, dass er tot geborgen wurde, nahm ich, wie Sie schon vermuteten, sofort an, er sei an den Verletzungen gestorben, die wir ihm beigebracht hatten. Und ich hatte natürlich Angst, dass man auf uns kommen würde ...« Seine Gesichtsfarbe hatte inzwischen einen gräulichen Unterton. »Was passiert jetzt?«

»Sie müssen erst mal hierbleiben.«

»Glauben Sie mir eigentlich?«

»Darum geht es nicht.«

Er nickte langsam. Eine Minute später führte ein Polizist Tim Beier ab. Romy sah ihm lange hinterher.

»Ich wiederhole seine Frage«, sagte Kasper.

»Die Darstellung des zeitlichen Ablaufs passt«, sagte sie. »Aber …«

»Ja?«

»Ich kann mir gut vorstellen, dass Brandts Alibi ein Fake ist und er dem Typen, vielleicht sogar ohne Beiers Wissen oder Aufforderung, den Rest gegeben hat. Und vielleicht befürchtet Tim genau das. Würde manches erklären.«

»Durchaus. Wie geht’s weiter?«

»Zweite Vernehmung Brandt. Aber vorher brauche ich eine Pause und etwas zu essen.«

»Ganz deiner Meinung.«

 

Vera Richardts Festnetzverbindungen waren auf den ersten Blick unauffällig, stellte Max fest. Sie telefonierte häufig mit ihren Eltern, die in Bergen lebten – der Vater war Inhaber eines Sanitätshauses, in dem auch die Mutter beschäftigt war –, sowie zwei Freundinnen, die eine wohnte in Putbus, die andere in Gristow, nördlich von Greifswald. Dass es sich um ihre Freundinnen handelte, hatte Vera Richardt bereits erläutert, als die Verbindungen des Festnetzanschlusses zum ersten Mal überprüft worden waren.

Mindestens einmal täglich telefonierte sie mit dem Geschäft ihres Mannes, manchmal auch zweimal. Das war insofern interessant, als die Witwe bislang keine Rolle in dem Unternehmen gespielt hatte und die Gespräche grundsätzlich von einem Nebenanschluss geführt wurden, der dem bislang zweiten Geschäftsführer Christoph Albrecht vorbehalten war.

Andererseits gab es natürlich nach einem solch dramatischen Einschnitt viel zu besprechen, hielt Breder sich vor Augen. Dennoch war er sicher, dass Romy die häufigen Kontakte interessieren würden.