Romy war mit einem der Zivilfahrzeuge nach Buschvitz gefahren. Sie hoffte, in der Dunkelheit nicht aufzufallen, als sie gegenüber des Hauses der Richardts parkte und den Motor ausstellte.
Das Wohnzimmer war hell erleuchtet. Vor der Tür stand kein zweites Auto, aber das musste nichts heißen. Romy goss sich aus einer Thermoskanne heißen Tee ein und kuschelte sich tief in ihren Rollkragenpullover. Ein kräftiger Windstoß ließ den Wagen erzittern. Sie warf einen Blick zum nächtlichen Himmel, der von dichten Wolken bedrängt wurde, und hoffte, dass der angesagte Regen zumindest so lange auf sich warten ließ, bis sie im Bett lag.
Was eine nächtliche Observierung bringen sollte, war ihr höchstens verschwommen klar. Wahrscheinlich wollte sie einfach nur das Gefühl haben, ganz dicht am Geschehen dran zu sein und die unmittelbar bevorstehende Auflösung des Falls wie Wehen spüren zu können.
Beier und Brandt waren nicht aus dem Schneider – noch nicht. Romy hielt es nach wie vor für möglich, dass Brandt trotz seines überzeugenden Auftritts seinem Freund einen Gefallen hatte tun wollen, aber im Brennpunkt standen die beiden nach Mirjams zugleich grausigen und erschütternden Erläuterungen nicht mehr.
Dort befand sich Vera Richardt. Sie war keineswegs die ahnungslose und harmlose Witwe, wie sie sich offensichtlich Kasper gegenüber verkauft hatte.
Romy schlürfte von ihrem heißen Tee. Sie hatte immer noch die Stimme von Kommissar Hannes Beerwald im Ohr, der die Telefonate mit dem Kinderarzt und dem pensionierten Kollegen wiedergegeben hatte. War Lilly Arnold das erste Opfer gewesen?
Plötzlich öffnete sich die Haustür. Ein Lichtstreifen durchschnitt die Dunkelheit, und die schmale Silhouette von Vera Richardt war neben der eines großgewachsenen Mannes zu erkennen. Romy rutschte tiefer in ihren Sitz und zückte die bereitliegende Kamera. Viel würde auf den Bildern nicht zu erkennen sein, aber vielleicht würden die Aufnahmen ausreichen, um den Mann zu identifizieren und Vera ein wenig zu brüskieren.
Einen Kuss gaben die beiden sich nicht, soweit Romy das erkennen konnte, aber sie standen sehr dicht beieinander, bevor der Mann sich aus dem Schatten löste, ums Haus herumging und kurz darauf zurückkehrte – ein Motorrad neben sich herschiebend. Romy fotografierte das Nummernschild, als der Mann seine Maschine startete, und gab das Kennzeichen an Max durch, bevor sie dem Motorrad in großem Abstand folgte.
Der Mann fuhr Richtung Süden aus Buschvitz heraus, folgte anschließend der B 196 nach Bergen, um dann die L 301 nach Putbus zu nehmen, der weißen Stadt.
Max meldete sich, als Romy ungefähr zehn Minuten unterwegs war. »Christoph Albrecht, wohnhaft in Putbus«, sagte er mit gewichtiger Stimme. »Der Mann, der jetzt Kai Richardts Geschäfte führt.«
»Jag ihn mal durch den Computer«, sagte Romy, die ziemlich verblüfft war und irgendwie nicht an das klassische Motiv glauben wollte. Aber das war natürlich kein Argument. »Und vervollständige die Angaben für den Durchsuchungsbeschluss. Seine Wohnung muss auch unter die Lupe genommen werden.«
»Mach ich.«
»Und dann gehst du schlafen.«
»Na ja …«
»Das ist eine dienstliche Anordnung«, sagte Romy energisch. »Ich fahre jetzt auch nach Hause.«
»Ich will nur noch ein paar Daten ergänzen.«
»Max …«
»Noch eine Stunde, dann haue ich mich aufs Ohr.«
»Na schön. Wir sehen uns morgen.«
Sie unterbrach die Verbindung und machte sich auf den Heimweg. Als sie in Binz eintraf, war es nach dreiundzwanzig Uhr, und ihr Kopf summte.
Der Anrufbeantworter blinkte, aber sie hatte keine Lust, ihn abzuhören. Falsch – sie hatte keine Kraft mehr, etwas aufzunehmen. Sie nahm eine heiße Dusche und stellte den Wecker auf halb sechs. Um sieben Uhr begann die Einsatzbesprechung, und sie hoffte, dass sie müde genug war, um gar nicht mehr mitzubekommen, was ihr unruhiger Geist noch alles anzumerken hatte. Als sie die Bettdecke über ihre Schulter zog, begann der Regen gegen die Scheiben zu prasseln. Was für ein tröstliches Geräusch! Manche Wünsche erfüllte der liebe Gott sofort.
Christoph Albrecht war auf den ersten Blick völlig sauber – und auch auf den zweiten. Max übernahm die Grunddaten in seine Tabelle und widmete sich dann wieder den Recherchen zum Lebenslauf der Witwe.
Vera Richardt, geborene Sanddorn, vierzig Jahre alt, stammte aus Grimmen in Vorpommern. Die Stadt lag dreißig Kilometer südlich von Stralsund und gut fünfundzwanzig westlich von Greifswald, wo sie Anfang der neunziger Jahre eine kaufmännische Ausbildung absolviert hatte. Als ihre Eltern vor fünfzehn Jahren ein Sanitätshaus in Bergen übernahmen, war die Tochter ihnen kurz darauf nach Rügen gefolgt, wo sie zunächst in einer Baufirma in Sassnitz und später in einem Touristikunternehmen arbeitete. 2003 heiratete sie Kai Richardt – seitdem widmete sie sich Haus und Kindern.
Nicht gerade eine aufregende Biographie, stellte Max fest. Er loggte sich bei Stayfriends ein, um zu überprüfen, ob Vera in dem Schulfreunde-Portal Spuren hinterlassen hatte, und wurde in ihrer Berufsschulklasse fündig. Mehrere Porträts und Klassenaufnahmen, die bei Zeugnis- und Abschlussfeiern, aber auch bei privaten Anlässen entstanden waren, umrahmten die Aktivitäten.
Max notierte sich die akkurat aufgelisteten Namen ihrer Mitstreiter und stellte fest, dass Vera ihre Ausbildung mit Auszeichnung beendet hatte. In ihrem Profil war darüber hinaus festgehalten, dass sie zusätzlich einen Computerkurs besucht und dort mit hervorragenden Leistungen auf sich aufmerksam gemacht hatte.
Max pfiff durch die Zähne. Das war ja mal eine Nachricht.
Nach den müden und blassen Gesichtern zu urteilen, hatte niemand besonders gut oder ausreichend geschlafen. Max war noch unterwegs, er hatte Romy jedoch einige Notizen auf den Schreibtisch gelegt, die sie eilig überflog und dann mit leisem Lächeln zu ihren Unterlagen packte.
Während Fine Kaffee verteilte und mit der Staatsanwaltschaft in Stralsund telefonierte, sprach Buhl sich mit seinen Leuten ab, und Romy informierte Kasper in Stichpunkten über ihre Gespräche mit der Lübecker Polizei und Breders erste Recherche-Ergebnisse zu Vera Richardt. Dann schlug sie vor, gleichzeitig in Putbus und bei der Witwe vor der Tür zu stehen.
»Wir haben zu wenig Leute und zu wenig Zeit, um zwei Einsätze sinnvoll und präzise zu koordinieren«, gab Kasper zu bedenken. »Außerdem kannst du wegen einiger Telefonate und einem abendlichen Treffen nicht von einer festen Beziehung ausgehen, die zudem noch mit dem Mord an Kai …«
»Doch, das kann ich, und das tue ich auch«, entgegnete Romy und hob das Kinn. Rote Rosen, dachte sie plötzlich. Garantiert sind die von dem Motorradfahrer gewesen. »Aber hast du einen Gegenvorschlag?«
»Habe ich. Wir konzentrieren uns zunächst auf die Witwe und postieren zwei Kollegen aus Putbus sicherheitshalber vor Albrechts Tür. Falls sich eine Situation ergibt, die dort schnelles Handeln erfordert, können wir sofort reagieren.«
Romy nickte zögernd. »Na gut. Fangen wir in Buschvitz an.«
»Außerdem sollten wir noch zwei unserer Kollegen mitnehmen«, meinte Kasper. »Die können wir unter Umständen auch zügig in Richardts Geschäft schicken. Und falls es personell ganz eng werden sollte, helfen uns die Sassnitzer – ist mit denen schon besprochen.«
Das klang durchdacht. Romy trank ihren Kaffee aus. »Alles klar.«
Fine sah zur Tür herein. »In zwanzig Minuten kriegen wir den Beschluss. Max bringt ihn gleich mit.«
Romy biss herzhaft in ein Brötchen. Sie sah Kasper von der Seite an. »Was ist? Tut es dir leid um die Witwe?«
Er zuckte die Achseln. »Wir werden sehen.«
Romy hob den Blick zur Decke, verkniff sich aber einen Kommentar.
Vera Richardt war völlig perplex, als sie die Tür öffnete und einer Schar von Polizeibeamten gegenüberstand. Sekundenlang bekam sie kein einziges Wort heraus.
»Frau Richardt, wir haben einen Durchsuchungsbeschluss«, sagte Romy leise und hielt ihr das richterliche Schreiben unaufgefordert unter die Nase.
»Wie bitte?« Die Witwe hielt sich an der Tür fest. »Warum …? Und was suchen Sie?«
»Die Aufnahmen, die Ihr Mann von seinen Opfern gemacht hat.«
Vera Richardt zuckte zusammen, fing sich aber schnell wieder. »Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.«
»Lassen Sie uns bitte herein? Ich bin sicher, dass die Kollegen etwas finden werden …«
Die Witwe schoss einen wütenden Blick auf Romy ab, die sich Mühe gab, gelassen darüber hinwegzusehen. »Wo sind Ihre Kinder?«
»In der Schule und im Kindergarten – wo sonst?«, giftete Vera Richardt zurück.
»Gut.«
Die Hausherrin zögerte noch kurz, gab dann jedoch die Tür frei, und die Beamten strömten ins Haus.
»Das Arbeitszimmer befindet sich im Dachgeschoss. Nehmt euch das als Erstes vor«, rief Romy hinterher. »Ihr wisst, wonach wir suchen.«
Marko Buhl ging mit langen Schritten kommentarlos voran und verteilte oben seine Leute.
Romy wandte sich um. »Wo können wir reden, Frau Richardt?«
»Was gibt es noch zu reden, Frau Kommissarin?«
Romy spürte, dass es in ihren Fingern kribbelte. Du hast eine verdammt große Klappe, dachte sie. »Möchten Sie das Gespräch lieber auf dem Kommissariat fortsetzen?«
Vera Richardt machte eine wegwerfende Handbewegung, wandte sich plötzlich ab und ging ohne ein weiteres Wort ins Wohnzimmer. Romy und Kasper folgten ihr. Auf dem Esstisch stand noch das Frühstücksgeschirr. Sie stellte es auf ein Tablett, schob es achtlos beiseite und ließ sich schließlich auf einen Stuhl fallen.
Die Kommissarin setzte sich ihr gegenüber, Kasper bedeutete zwei Kollegen, im Augenblick nicht im Wohnzimmer zu suchen, und nahm neben Romy Platz, nachdem er ein Aufnahmegerät angeschlossen und eingeschaltet hatte. Vera Richardt verzog keine Miene, aber ihre Augen verfolgten Kaspers Vorbereitungen.
»Wir können das ganze Prozedere beträchtlich abkürzen, wenn Sie uns sagen, wo die Videodateien sind«, sagte Romy schließlich und legte ihren Hefter bereit.
»Und ich kann mich nur wiederholen. Falls es irgendwelche Videos geben sollte, habe ich keine Ahnung, wo sie sich befinden.«
»Vielleicht stimmt das sogar – zumindest teilweise«, überlegte Romy mit nachdenklicher Miene. »Weil Sie die Dateien gelöscht haben.«
»Aha. Das wird ja immer mysteriöser. Sie tauchen hier am frühen Morgen mit einem ganzen Bus voller Polizisten auf, weil ich Videos gelöscht haben soll?« Die Witwe verzog das Gesicht. »Das ist nicht Ihr Ernst, oder?«
Sie fühlt sich ziemlich sicher, überlegte Romy. »Doch, das ist mein voller Ernst. Sie haben die Videos auf dem Laptop Ihres Mannes gelöscht und die Festplatte komplett neu formatiert, um keinerlei Spuren zu hinterlassen.«
»Tatsächlich? Sie trauen mir ja eine Menge zu.«
»Damit liegen Sie völlig richtig.«
»Mein Mann hat sich einen neuen …«
»Ich weiß, er hat sich einen neuen Laptop gekauft, mit dem er sich am Wochenende beschäftigen wollte«, fiel Romy ihr ins Wort. »Das haben Sie nun häufig genug betont – das erste Mal bereits am Sonntagabend, kurz nachdem wir Ihnen die schreckliche Nachricht von seinem gewaltsamen Tod überbracht hatten. Es war Ihnen auffallend wichtig, uns diese Information zügig unterzujubeln. Wo befindet sich eigentlich der alte PC?«
Vera Richardt zuckte betont lässig die Achseln. »Keine Ahnung – vielleicht im Geschäft …«
Romy lächelte. »Na dann. Das werden wir auch gleich durchsuchen. Vielleicht kann uns Christoph Albrecht weiterhelfen. Sie kennen ihn ziemlich gut, auch privat, nicht wahr?«
Sie verbarg ihre Überraschung bemerkenswert gut. Ein winziges Hochschnellen der Brauen, und schon hatte sie sich wieder in der Gewalt. »Und? Das ist nicht verboten.«
»Keineswegs, aber im Zusammenhang mit Mord hat die Polizei häufig die eine oder andere Frage, wenn ein Liebhaber mit im Spiel ist.« Interessant, dass sie an dem Punkt gar nicht zu leugnen versucht, fügte Romy in Gedanken hinzu.
»Sie haben nicht nach einem Liebhaber gefragt«, gab Vera zurück.
Romy nickte. »Das stimmt. Vielleicht hätte ich das tun sollen, vielleicht ahnte ich aber, dass ich ohnehin keine ehrliche Antwort erhalten würde … Aber noch mal zurück zu Ihren Fähigkeiten. Sie sind computertechnisch ziemlich gut drauf, wie wir inzwischen erfahren haben, und zwar seit Ihrer Zeit in der Berufsschule.«
Diesmal funktionierte ihre Selbstbeherrschung nicht. Die Witwe riss die Augen auf. Dann blickte sie schnell zur Seite. »Das ist sehr lange her … seitdem hat sich viel verändert.«
»So viel nun auch wieder nicht, Frau Richardt«, entgegnete Romy. »Es sind immer noch Bites und Bytes, um die es geht. Ihr Abschlusszeugnis ist ganz hervorragend. Sie sind keine Durchschnittsschülerin gewesen. Ich gehe davon aus, dass Sie sehr genau wissen, wie man eine Festplatte endgültig zerschrottet – oder sich zumindest die nötigen Informationen besorgt, um das professionell zu erledigen.«
»Danke für das Kompliment, aber ich weiß wirklich nicht …«
Romy beugte sich rasch vor. »Hören Sie endlich mit dem Theater auf, Frau Richardt! Ich bin garantiert nicht hier, um Ihnen Komplimente zu machen! Sie waren im Arbeitszimmer Ihres Mannes und haben dabei entdeckt, dass er Bilder von einer Überwachungskamera empfing. Der Gute plante und bereitete nämlich seine nächste Entführung vor, und der Einfachheit halber sollte die Frau, die er bereits vor fünf Jahren entführt hatte, noch einmal dran glauben … Ach, übrigens, wo wir gerade dabei sind: Haben Sie letztens mit Ihrem Mann eine Veranstaltung in Vaschvitz besucht?«
»Ja …« Sie schüttelte verwirrt den Kopf. »Was hat das …?«
»Ist Ihnen die junge Frau in der Reihe vor Ihnen aufgefallen? Sie verließ gemeinsam mit ihrem Mann vorzeitig die Kunstscheune.«
»Ja, in der Tat …«
Romy nickte. »Das nur so nebenbei – ein Foto von der Frau hatte ich Ihnen bei unserem letzten Gespräch gezeigt. Wollen Sie immer noch nicht auspacken?«
Vera Richardt verschränkte die Arme. »Ich weiß nicht, was Sie meinen. Es gibt nichts auszupacken.«
Romy musterte sie lange und eindringlich. »Worum genau geht es Ihnen eigentlich? Warum blocken Sie derart ab und behindern unsere Arbeit – nämlich die Aufklärung scheußlichster Verbrechen? Welche Gründe könnte es dafür geben?« Sie beugte sich über den Tisch vor. »Ich sag’s Ihnen: Sie wollen Ihren Ruf wahren und schaffen darum lieber alles beiseite, was die Polizei interessieren sowie ein schlechtes Licht auf Kai und damit auch auf Sie und Ihre Familie werfen könnte. Aber gehen Sie tatsächlich ernsthaft davon aus, hier in aller Ruhe und Beschaulichkeit auf der schönen Insel weiterleben zu können, wenn sich der ganz große Wirbel erst einmal gelegt hat? Womöglich in absehbarer Zeit mit Christoph an Ihrer Seite, der praktischerweise gleich auch Kais Geschäfte weiterführt?« Romy schüttelte langsam den Kopf.
Vera wandte den Blick ab.
»Sie machen sich Illusionen. Sie werden nicht einfach wieder zur Tagesordnung übergehen können, und das ist auch gut so«, fuhr Romy fort. »Diese Geschichten werden nachwirken, lange nachwirken. Es wird geredet, und man wird sich auch fragen, warum die Ehefrau nichts bemerkt hat oder bemerkt haben will. Ihre Kinder werden eines Tages Fragen stellen …«
»Hören Sie schon auf damit!«
»Genau das werde ich nicht tun!«, brauste Romy so lautstark auf, dass sogar Kasper zusammenzuckte. »Das letzte Opfer hat Ihren Mann identifiziert und sogar den Keller wiedererkannt, in dem sie gefangen gehalten und tagelang missbraucht wurde! Inzwischen wird sogar in Lübeck ein alter Fall noch einmal unter die Lupe genommen. Dass Kai Richardt ein Serientäter gewesen ist, der alle fünf bis fünfeinhalb Jahre zugeschlagen hat, daran besteht kein Zweifel mehr!« Die Kommissarin atmete tief durch. »Sie sollten endlich aktiv mit uns zusammenarbeiten, statt Spuren zu verwischen und sich dumm zu stellen. Dass Sie genau das tun, erhärtet zudem den Verdacht gegen Sie – mit einem Liebhaber an Ihrer Seite erst recht.«
Vera drehte den Kopf und sah Romy wieder an.
»Frau Richardt, Sie haben längst entdeckt, was Kai verbrochen hat, und Sie dürften sich darüber im Klaren sein, dass wir daraus ein starkes Motiv ableiten. Welche Frau und Mutter will mit einem solchen Mann zusammenleben?«
»Wie sollte ich gewusst haben …?«
»Sie waren in seinem Arbeitszimmer.«
»Ja, und? Das ist nicht neu, und da war nichts Besonderes. Das sagte ich Ihnen schon.«
»Doch«, schaltete Kasper sich plötzlich ein. »Sie haben dort etwas Besonderes entdeckt, weil Ihr Mann davon ausging, dass sich niemand Zutritt zu seinem Zimmer verschaffen konnte. Er hatte seinen Schlüssel wie immer dabei …«
»Sie vergessen die Sache mit dem Zweitschlüssel. Darüber sprachen wir schon.«
»Ganz und gar nicht«, erwiderte der Kommissar. »Aber der befand sich nicht im Keller, wo Sie jederzeit Zugriff gehabt hätten, sondern in seinem Schreibtisch.«
Vera starrte Schneider perplex an, während Romy dem Kollegen einen irritierten Blick zuwarf. Ich muss etwas Entscheidendes verpasst haben, dachte sie.
»Ihr Mann hat seinen neuen Laptop am Freitagabend eingerichtet«, fuhr Kasper ruhig fort. »Er hat ihn mit einer Webcam beziehungsweise IT-Überwachungskamera sowie einem Videoaufzeichnungs-Programm ausgestattet und wollte überprüfen, ob alles gut läuft.«
»Wie bitte? Was sollen diese Spekulationen?«
»Das sind keine Spekulationen, Frau Richardt. Sie sind am Samstag übers Dach auf den Balkon geklettert.«
Romy hatte Mühe, ihre Kinnlade festzuhalten. Da Vera Richardt ähnlich perplex war, achtete sie nicht auf die Kommissarin.
Schneider, du verblüffst mich immer wieder, dachte Romy und ließ die Frau nicht aus den Augen.
»Als Kai nicht nach Hause kam und Sie ihn auch nicht erreichen konnten, wollten Sie unbedingt die Gelegenheit nutzen und sich in seinem Zimmer umsehen«, fuhr Kasper in ruhigem Ton fort, als Vera Richardt nichts mehr erwiderte, sondern blicklos vor sich hin starrte. »Und Sie sind übers Dach geklettert, weil die Balkontür einen Spalt offen stand.«
Schneider sah sie abwartend an. »Was haben Sie vorgefunden?«
Sie schüttelte den Kopf, als wollte sie die Erstarrung abwerfen. »Ich habe …« Sie brach ab. »Woher …?«
Romy hörte im Hintergrund Schritte und ein leises Räuspern. Sie drehte sich um. Marko Buhl stand in der Tür. Der Zeitpunkt war denkbar ungünstig, aber das konnte der Mann nicht wissen. Romy erhob sich und trat zu ihm.
»Nichts«, sagte er leise. »In dem Arbeitszimmer gibt es keinerlei Datenträger. Und die Jungs sind gründlich.«
»Ich weiß. Nehmt euch die anderen Zimmer vor. Auch Keller und Bad: Ich möchte, dass eine Probe von Veras Hautcreme untersucht wird, ein paar Haare zur Sicherheit auch. Vielleicht könnt ihr die Analysen sogar vorziehen.«
Buhl nickte, ohne eine Miene zu verziehen. »Denkbar. Ich gucke mir auch mal an, womit die hier so putzen …«
»Gute Idee, Kollege.«
Buhl zeigte seine Zähne, was wohl ein Lächeln darstellen sollte.
Romy ging an den Tisch zurück. Vera Richardt sah sie an. »Christoph hat nichts damit zu tun«, meinte sie plötzlich. Die Hilflosigkeit in ihrer Stimme war neu. »Gar nichts. Er weiß nur, dass meine Ehe … schwierig war.«
»Wie lange sind Sie schon ein Paar?«, fuhr Romy wieder mit der Befragung fort.
»Ein gutes halbes Jahr.«
»Wusste Kai davon?«
»Natürlich nicht!«
»Wie können Sie so sicher sein?«
»Er hätte mir eine andere Beziehung niemals zugetraut, und er war immer viel zu beschäftigt, um mitzukriegen, was mit mir los war.«
Durchaus denkbar, dachte Romy. Andererseits waren die beiden ein hohes Risiko eingegangen. Ein Mann wie Kai Richardt hätte sich niemals Hörner aufsetzen lassen, schon gar nicht von einem seiner Angestellten …
Plötzlich war Romy sicher, dass die beiden eine gute Gelegenheit ergriffen hatten, einen despotischen Gewalttäter zu beseitigen. Es hätte sogar klappen können.
Eine Weile blieb es still. Dann sah Romy Schneider an. »Wir sollten die Vernehmung in Bergen fortsetzen und auch Christoph Albrecht dazuholen.«
»Aber warum?«, wandte Vera erschrocken ein. »Ich …«
»Wir brauchen Ihre Fingerabdrücke«, erklärte Schneider, und er sparte sich seinen üblichen Routine-Hinweis.
Kasper hatte den Wagen noch nicht gewendet, als Romy ihn scharf von der Seite ansah. »Heraus mit der Sprache! Woher wusstest du, dass die Witwe übers Dach geklettert ist?«
Kasper schmunzelte, wurde aber schnell wieder ernst. »Die Nachbarin hat so etwas erzählt, als ich nach dem Fiat fragte. Ich habe es zunächst nicht glauben wollen, weil es sich etwas, hm, verwirrt anhörte, aber … na ja: Auf einmal passte es wie …«
»Arsch auf Eimer?«
»Treffende Beschreibung.«
Romy grinste. Ihr Handy klingelte, als Schneider aus Buschvitz rausfuhr. Sie sah aufs Display.
»Die Lübecker Kollegen sind bemerkenswert eifrig und ziemlich fix«, erklärte sie, bevor sie das Gespräch annahm. »Guten Morgen.«
»Moin. Hannes Beerwald. Rufe ich ungünstig an?«, fragte der Lübecker Kommissar.
»Keineswegs. Sind Sie schon wieder im Dienst?«
»Na ja … eigentlich noch nicht, aber die Sache hat mir keine Ruhe gelassen.«
»Kann ich verstehen.« Romy warf Kasper einen Blick zu und stellte ihr Handy auf Lautsprecher, worüber sie Beerwald informierte.
»Ich habe gestern Abend noch mit einem Kollegen gesprochen, der seinerzeit bei der Durchsuchung des Hotels dabei war«, berichtete Beerwald anschließend. »Zweihundertprozentig gründlich sind die damals nicht vorgegangen.«
»Das heißt, dass man alle Räume inspiziert und nach augenscheinlichen Hinweisen Ausschau gehalten hat, aber damit hatte es sich dann auch schon. Man vermutete, dass die Frau aus dem Hotel geschafft worden war. Niemand glaubte, dass sie noch dort sein könnte.«
»Verstehe. Man sieht nur, was man zu sehen glaubt.«
»Ja, so ähnlich«, stimmte Beerwald zu. »Ich habe mich da aber trotzdem noch mal hintergeklemmt und festgestellt, dass die Richardts das Hotel 1996 verkauft und die neuen Besitzer es komplett saniert haben.«
»Einschließlich Keller?«
»So ist es. Dort befinden sich seitdem Schwimmbad und Fitnessräume.«
Romy nickte. An der Stelle endete die Spur. »Okay, dann ist das so. Müssen wir akzeptieren. Vielen Dank für Ihre Mühe. Mein Kollege wertet Ihre Angaben für unseren Fall aus.«
»Nichts zu danken. Falls ich noch was tun kann …«
Romy zögerte nur kurz. »Wenn Sie schon so nett fragen ... Wir sind hier im Moment mehr als gut ausgelastet ...«
»Kann ich mir denken.«
»Hätten Sie Zeit, Kontakt zu den alten Richardts aufzunehmen? Die sind gerade von einer Reise zurückgekehrt. Die Senioreneinrichtung weiß bereits über den Tod von Kai Richardt Bescheid, aber ich fände es angemessener, noch ein paar Fragen zu stellen, allerdings nicht per Telefon …«
»Kann ich nachvollziehen.«
»Noch etwas, Kollege Beerwald. Kai Richardt hat seine Mutter bis vor kurzem jedes Jahr daran erinnert, dass sie für den Tod des Bruders verantwortlich ist.«
Romy hörte, dass Beerwald schluckte. »Ich werde das im Hinterkopf behalten und melde mich wieder. Viel Erfolg.«
»Danke. Ihnen auch.«
Kasper fuhr auf den Parkplatz vor dem Kommissariat. »Ich werde zwei Tage Urlaub machen, wenn das alles vorbei ist.«
»Ich auch. Kümmerst du dich gleich um Veras Lover? Ich will mir gleich mal die Lübecker Unterlagen angucken.«
»Hast du den Kopf nicht schon voll genug?«
»Schon, aber ich muss sichergehen, dass keine Fragen offen bleiben. Die lassen mich dann nämlich nicht schlafen.«
Christoph Albrecht war Anfang dreißig und damit um einige Jahre jünger als Vera Richardt. Ein attraktiver Mann, dazu klug, umsichtig und rhetorisch begabt. So hatte Kasper ihn jedenfalls erlebt, als er Anfang der Woche im Geschäft gewesen war und mit den Angestellten gesprochen hatte. Nun zitterte Albrecht und wechselte im Sekundentakt die Gesichtsfarbe. Von Umsicht keine Spur mehr, und die Rhetorik war ihm auch abhandengekommen.
Kasper spendierte ihm ein Glas Wasser und lächelte aufmunternd.
»Möchten Sie ein Geständnis ablegen?«, fragte er freundlich.
»Wie bitte?« Das klang fast hysterisch. »Wie kommen Sie denn darauf? Ich habe nichts getan.«
»Na schön«, seufzte Schneider. »Fangen wir ganz von vorne an. Seit wann sind Sie und Vera Richardt ein Paar?«
Albrecht schüttelte den Kopf. »Deswegen sitze ich hier? Das kann doch wohl nicht sein. Ich …«
»Frau Richardt ist seit kurzem Witwe, und zwar weil Ihr Mann eines gewaltsamen Todes gestorben ist«, erläuterte Kasper geduldig. »Eine außereheliche Beziehung regt in diesem Zusammenhang zu unterschiedlichen Nachfragen an, wie Sie sich vielleicht vorstellen können.«
Albrecht bemühte sich, ruhiger zu atmen. »Ja, aber … Na schön. Wir sind uns vor gut einem halben Jahr nähergekommen.«
Kasper nickte. »Es war klar, dass Ihr Chef niemals dahinterkommen durfte, oder?«
Christoph nickte sofort eifrig. »Niemals! Der hätte mich … Na ja, das wäre gar nicht gegangen.«
»Verstehe. Und wie haben Sie sich Ihre Zukunft vorgestellt?«
»Zukunft?«
»Ja – wie sollte es mit Ihnen als Paar weitergehen?«, präzisierte Schneider seine Frage. »Wollten Sie irgendwann doch mit Kai sprechen? Oder hofften Sie, dass er sich trennt? Oder sie ihn verlässt? Oder hatten Sie vor, die Affäre ausklingen zu lassen? Immerhin sind Sie ja einige Jahre jünger.«
»Das spielt überhaupt keine Rolle!«, empörte sich Albrecht. »Wir haben uns von Anfang an gut verstanden – in allen Bereichen. Aber wie es weitergehen sollte, war tatsächlich ein wunder Punkt, zumal Vera … Sie war nicht glücklich mit Kai, das war mir klar.«
»Was genau wussten Sie über die Ehe der beiden?«
Er zuckte die Achseln. »Kai hat immer sein Ding durchgezogen – ohne Rücksicht auf Vera.«
»Hat er sie geschlagen?«
Albrecht bekam Stielaugen. »Was? Aber nein … das hätte sie mir bestimmt gesagt.«
Da war Kasper sich nicht so sicher. »Was hätten Sie denn unternommen, wenn Vera sich Ihnen anvertraut hätte?«
Er schluckte und sah zur Seite, inzwischen gerade mal wieder blass statt hektisch rot im Gesicht.
»Ihm anständig die Meinung gesagt?«, blieb Schneider am Ball. »Vera aufgefordert, zu gehen und sich zu Ihnen zu bekennen?«
Christoph schüttelte den Kopf. »Sie hat von Anfang an betont, dass ihre Ehe nicht meine Sache sei. Ich sollte mich da nicht einmischen. Alles zu seiner Zeit.«
Wie bequem. »Letztes Wochenende, Herr Albrecht – erzählen Sie mal, was Sie wann gemacht haben.«
Veras Liebhaber atmete tief durch. »Samstagmorgen war ich im Geschäft. Vera rief irgendwann an und fragte, ob Kai sich gemeldet hätte oder vorbeigekommen wäre. War er nicht«, gab Albrecht an. »Nachmittags hab ich mich mit einigen Freunden zum Motorradfahren getroffen.«
»Hat Frau Richardt sich noch mal mit Ihnen in Verbindung gesetzt?«
»Ja, sie meldete sich zwischendurch und berichtete mir, dass Kai immer noch nicht zurück sei und sie nun zur Polizei gehe.«
»Wie klang sie?«
»Irritiert, nervös. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen und war auch ein bisschen genervt«, erklärte Albrecht prompt. »Kai hat es selten für nötig gehalten, ihr zu sagen, wann er zurückkommt oder wo genau er hinfährt. Und manchmal hat er auch ein Spiel daraus gemacht.«
»Ein Spiel?«
»Ja, so eine Art Machtspiel. Sie sollte zum Beispiel das Essen um vierzehn Uhr auf dem Tisch haben. Er kam erst um sechzehn Uhr und regte sich dann auf, dass es kalt geworden war.«
»Und wie war Kai, wenn er sich aufregte?«
»Wütend natürlich. Irgendwie gemein.«
»Er beschimpfte seine Frau?«, mutmaßte Schneider.
»Kann schon sein.« Er rieb sich die Hände.
Kasper sah Albrecht nachdenklich an. »Noch einmal: Hat er seine Frau geschlagen und wussten Sie davon?«
»Ich befürchtete, dass ihm mal … die Hand ausrutschte«, gab Christoph zögernd zu.
Die Beschreibung klang wie die Rechtfertigung von gewalttätigen Eltern, die behaupteten, der berühmte Klaps auf den Allerwertesten hätte noch niemandem geschadet. Dass die Kinder häufig grün und blau geprügelt waren, schienen sie überhaupt nicht wahrzunehmen. Oder sie nahmen es wahr, und es ging nur ums Abwiegeln.
»Wie ging Ihre Wochenendplanung weiter?«, setzte Kasper das Verhör fort.
»Ich hätte Vera natürlich gern gesehen, aber sie befürchtete, dass Kai einfach vor der Tür stehen könnte. Sie hat sich dann verabredet, ich war mit meinen Kumpels einen trinken …«
»Das werden wir alles nachprüfen.«
»Können Sie.« Christoph nickte. Inzwischen wirkte er gefasster. »Sehr spät in der Nacht meldete sie sich dann doch noch mal und wollte mich sehen.«
Kasper runzelte die Stirn. »Mitten in der Nacht?«
»Sie konnte nicht schlafen und war davon überzeugt, dass etwas passiert sein könnte. Sie brauchte meine Unterstützung, meine Nähe – so sagte sie.«
»Sie sind zu ihr gefahren?«
»Ja – da war es schon vier Uhr früh.«
»Kai hätte immer noch überraschend auftauchen können«, gab Kasper zu bedenken.
»Stimmt. Besonders wohl war mir, ehrlich gesagt, auch nicht in meiner Haut, aber Vera war so fertig, dass ich schließlich nachgab. Am Sonntagvormittag, als sie die Kinder von ihren Eltern abgeholt hat, bin ich nach Hause gefahren.«
Schneider starrte ihn eine Weile schweigend an. »Ich hoffe, man hat Sie in Buschvitz gesehen.«
»Ich hab mich darum bemüht, nicht aufzufallen.«
Kasper schüttelte den Kopf.
»Was ist denn dagegen einzuwenden?«
»Herr Albrecht, Kai Richardt war ein ziemlich mieser Typ«, hob Schneider an. »Wie mies genau, wird bald in der Zeitung nachzulesen sein. Der Bursche hat Frauen entführt, gequält und sogar getötet, und Ihre Freundin Vera, seine Frau, wusste davon. Seit wann genau, werden wir bald erfahren.«
Christoph starrte ihn mit offenem Mund an und begann nun wieder, seine Gesichtsfarbe zu wechseln.
»An jenem Samstag befand sich Kai Richardt in einer ziemlich hilflosen Situation«, setzte Schneider seinen Bericht fort. »Zur Abwechslung hatte man mal ihn entführt und sehr übel zugerichtet. Davon wusste Vera, oder besser ausgedrückt: Sie hat es zufällig erfahren.«
»Das ist alles nicht wahr, oder?«
»Ich bin nicht zu Scherzen aufgelegt – wir ermitteln seit Tagen rund um die Uhr und haben eine Menge unerfreulicher Dinge zutage gefördert«, erwiderte Kasper barsch. »Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass es im Moment ganz danach aussieht, als hätten Sie beide sich Kai Richardts endgültig entledigt?«
»Ich bringe doch keinen um!«
»Bei einem Typen wie Kai Richardt kann man schon mal die Nerven verlieren«, hielt Schneider dagegen. »Und wenn Sie was zu sagen haben, dann sagen Sie es bitte jetzt. Falls Sie Sonntag früh in dem Schuppen waren und Richardt eins über den Schädel gezogen haben, gibt es Spuren, und die sind gesichert und werden mit Ihrer DNA verglichen.«
»Ich war in keinem Schuppen!«
»Na bestens. Wir nehmen jetzt Ihre Fingerabdrücke und überprüfen Ihre Angaben. Währenddessen können Sie in aller Ruhe über Ihre Aussage nachdenken.«
Schneider fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare, als Albrecht abgeführt worden war. Der Kerl hat nicht so viel Mumm, dass er mir hier die Hucke voll lügt, dachte er. Dann stand er auf und ging nach nebenan zu Romy und Max.
»Ich muss noch mal nach Buschvitz«, erklärte er. »Christoph behauptet, bei Vera gewesen zu sein – am frühen Sonntagmorgen. Um sie zu trösten, zu beruhigen …«
Romy verdrehte die Augen. »Mir kommen die Tränen. Die beiden geben sich also gegenseitig ein Alibi. Das ist ja mal was ganz Neues. Wahrscheinlich sind sie gemeinsam losgezogen, um Kai zu erledigen.«
»Wir können nicht ausschließen, dass er die Wahrheit sagt … Außerdem wäre es nicht besonders schlau gewesen, mit dem Motorrad durch die Gegend zu fahren und mitten in der Nacht in Buschvitz aufzukreuzen, wenn die beiden einen dementsprechenden Plan gehabt hätten. Das macht man doch anders. Ich frage lieber noch mal in der Nachbarschaft nach.«
»Ja, tu das. Ach, übrigens«, Romy wies auf einen Stapel ausgedruckter Seiten, »Kai Richardt wurde im Zusammenhang mit dem Verschwinden von Lilly Arnold in Lübeck auch befragt. Weißt du, wer ihm Alibis verschafft hat?«
»Nein.«
»Jürgen Dreyer und Hinz Posall.«
Kasper atmete laut aus. »So schließt sich also der Kreis. Ich will eine ganze Woche frei, wenn wir hiermit durch sind.«
Erna Thile konnte ihm diesmal nicht weiterhelfen. Sie hätte einen gesunden Schlaf, versicherte sie ihm strahlend – Kasper spürte, dass sie sich freute, ihn wiederzusehen.
»Aber fragen Sie mal weiter vorne an der Straße den alten Gustav«, riet sie ihm eifrig. »Der hat häufig Schlafstörungen und kriegt mit, wenn hier nachts viel Unruhe ist. Sagen Sie, dass der Tipp von mir kommt. Dann kriegen Sie eine vernünftige Antwort.«
Gustav Munk hatte tatsächlich in der Nacht unruhig geschlafen und schließlich den Fernseher eingeschaltet. Das Nachtprogramm sei noch öder als das Tagesprogramm gewesen, beschwerte er sich mit grimmiger Miene. Darum sei er auf den Balkon gegangen und habe eine geraucht oder auch zwei, fuhr Munk fort. Ja, ein Motorrad sei irgendwann durchgefahren – sehr frühmorgens. Weitere Fahrzeuge habe er nicht gesehen oder gehört.
Das konnte – wie so oft – alles Mögliche bedeuten, dachte Kasper, bedankte sich aber artig für die freundliche Auskunft.